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Kurznachrichten | Nachrichtendienste | Allg. Nachrichten Donnerstag, 05.September 2002 Gravierende Auswirkungen UN-Sanktionen gegen Irak haben verheerende Folgen für die Bevölkerung Dank des UN-Programms „Öl für Nahrungsmittel" haben die
Menschen zwar inzwischen genügend zu essen, die Sanktionen
verhindern aber jegliche Erholung der Wirtschaft. Das generelle
Verbot ausländischer Investitionen und die Bestimmung, dass im
Rahmen des UN-Programms verteilte Hilfsgüter nur aus Drittländern
stammen dürfen, ist wesentlich für die hohe Arbeitslosigkeit im Land
verantwortlich. Erschwert wird eine Erholung aber auch durch das
UN- Sanktionskomitee, das alle Importe nach Irak absegnen muss.
Das Komitee hat 661 Waren blockiert, deren Wert sich auf 5,3
Milliarden Dollar beläuft. Blockiert sind vor allem Waren, die für die
Instandsetzung der Infrastruktur benötigt werden, also der Wasser-
und Stromversorgung, des Telefonnetzes und der Erdölförderung.
Zurückgehalten werden alle Güter, die auch für militärische Zwecke
benützt werden könnten.
Das schwerfällige Bewilligungsverfahren der UN hemmt nicht nur die
Wirtschaftsentwicklung, sondern beeinträchtigt auch die
Bevölkerung. Gravierende Auswirkungen hat vor allem der
anhaltende Mangel an sauberem Trinkwasser, der auf fehlende
Ersatzteile für Kläranlagen und Wasserpumpen zurückzuführen ist.
Nach Angaben des Unicef-Büros in Bagdad sterben in Irak 131 von
1000 Kindern vor ihrem fünften Geburtstag und dies vor allem
wegen der Verunreinigung des Trinkwassers. Inzwischen erkranke
jedes Kind unter fünf Jahren binnen zwölf Monaten durchschnittlich
14-mal an Durchfall, teilte das Kinderhilfswerk der Vereinten
Nationen mit.
Der Leiter der Delegation des Internationalen Komitees vom Roten
Kreuz (IKRK), Markus Dolder, sagte in Bagdad, die Sanktionen
hätten zum weit gehenden Zerfall der Infrastruktur und der
Verarmung breiter Bevölkerungskreise geführt. Eine Mittelschicht
existiere in Irak nicht mehr.
Auch mit der vor wenigen Monaten verabschiedeten neuen
UN-Resolution 1409 ist keine Verbesserung zu erwarten. Zwar
sollen vor allem Lebensmittel künftig praktisch ohne Bewilligung
eingeführt werden können, doch alle Güter mit Bestandteilen, die
auch militärisch genützt werden können – auch wenn es sich einfach
um Metallteile handelt – können weiterhin wochen- oder monatelang
blockiert werden. Die neue UN-Liste für bewilligungspflichtige
„Dual-use- Güter" ist immer noch etwa 600 Seiten lang. Irak geht
zudem das Geld für die Beschaffung lebenswichtiger Güter über das
UN-Programm aus. Ein monatelanger Streit um die Festlegung des
Ölpreises hat die Erdölausfuhren des Landes binnen zwei Jahren um
50 Prozent einbrechen lassen. Der Preis für irakisches Erdöl wird
von den Vereinten Nationen nun rückwirkend zum Ende des
Monates festgelegt. Dieses Vorgehen schreckt nach Angaben aus
Wirtschaftskreisen zahlreiche potenzielle Käufer ab. Die meisten
Erdölhändler sind trotz der guten Qualität des irakischen Erdöls nicht
bereit, den Rohstoff ohne feste Preisvereinbarung zu übernehmen.
Eingeführt hatten die Vereinten Nationen die nachträgliche
Preisfestlegung für das Erdöl auf Druck der Vereinigten Staaten und
Großbritanniens, die verhindern wollten, dass die irakischen
Behörden mit den Käufern wie in den Jahren zuvor offiziell einen
relativ tiefen Preis vereinbaren, inoffiziell aber ein Aufgeld in bar von
etwa zehn Prozent einstreichen. Damit konnten die Iraker einen Teil
ihrer Einnahmen der Kontrolle der Vereinten Nationen entziehen.
Ähnlich wie beim Erdöl kassierten die Iraker in Bagdad nach
Angaben von Diplomaten auch bei den im Rahmen des UN-
Programms getätigten Einkäufen von Lebensmitteln einen Aufpreis
von zehn Prozent in bar. Mittels dieser illegalen Transaktionen und
illegaler Öl- Ausfuhren von etwa 300000 Fass am Tag
erwirtschaftete Irak bis zu drei Milliarden Dollar pro Jahr unter
Umgehung der Kontrollen. Diese Mittel helfen der Wirtschaft aber
kaum.
In welch jämmerlichem Zustand die Infrastruktur des Landes ist,
belegt die Erdöl-Raffinerie von Daura bei Bagdad. Kessel und
Rohre scheinen jeden Moment auseinander brechen zu können, das
Isoliermaterial der Kessel fällt an vielen Stellen ab, die Dichtstellen
sind leck. Der Chefchemiker der Raffinerie, Hassan Hatti, erklärt,
der Betrieb der Anlage könne zurzeit vor allem dank der
Beschaffung von Ersatzteilen aus anderen stillgelegten Raffinerien
aufrecht erhalten werden. Die Lieferung von Ersatzteilen dauere
wegen der UN- Sanktionen außerordentlich lange, oft träfen die
benötigten Teile nie ein. So könne ein neuer Kompressor kaum
genützt werden, weil die Teile der Computersteuerung nicht
ausgeliefert werden. Bei den älteren Anlagenteilen stamme die
technische Einrichtung aus den USA und Großbritannien, die die
Auslieferung des benötigten Materials verhindern.
Wie die Raffinerien befinden sich nach Angaben ausländischer
Experten auch die Erdölförderanlagen nach zwei Jahrzehnten Krieg
und Handelsembargo in einem äußerst schlechten Zustand. Um die
vor dem Golfkrieg vorhandenen Förderkapazität von über drei
Millionen Fass pro Tag wieder zu erreichen und neue Ölquellen zu
erschließen sind Investitionen von mehreren Milliarden Dollar
notwendig. Falls die Sanktionen aufgehoben werden sollten, könnte
das Geld allerdings innerhalb kürzester Zeit ins Land fließen. Wegen
der guten Qualität des irakischen Erdöls und der immensen noch
unerschlossenen Quellen sind die ausländischen Interessen sehr groß.
Groß bleibt das ausländische Interesse an Irak auch darüber hinaus.
Wegen des immensen potenziellen Reichtums des Landes bemühen
sich viele westliche Unternehmer weiterhin um den Wiederaufbau
von Geschäftsbeziehungen zu Bagdad. Zurzeit bauen die
Machthaber in Bagdad allerdings vor allem die Beziehungen mit
Russland und China aus, weil sie sich durch diese beiden Länder im
UN-Sicherheitsrat besser vertreten fühlen. Und wegen der
öffentlichen Kritik an der Politik des amerikanischen Präsidenten
George Bush zählt auch Deutschland aus Sicht von Präsident
Saddam Hussein plötzlich wieder zu den Freunden des Irak.
Süddeutsche Zeitung vom 05.09.02
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