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Dienstag 22.Oktober 2002

Vor 40 Jahren: Die Spiegelaffäre

Presseartikel zum Thema

"Aufschrei der Empörung"

Hamburg (AP) Der Auslöser der «Spiegel»-Affäre, des größten Medienskandals in der Geschichte der Bundesrepublik, war 17 Seiten lang und reichlich kompliziert. «Das wird ja wohl niemand gelesen haben», soll Herausgeber Rudolf Augstein vor 40 Jahren die Titelgeschichte «Bedingt abwehrbereit» kurz nach deren Erscheinen kommentiert haben. Mehr als zwei Wochen später, am 26. Oktober 1962, zeigte sich, dass der «Spiegel»-Artikel über ein Nato-Manöver durchaus auf Interesse gestoßen war.

Es war ein Freitagabend gegen 21 Uhr, als die Polizei auf Befehl der Bundesanwaltschaft die Redaktionsräume des Hamburger Nachrichtenmagazins stürmte und mehrere leitende Redakteure festnahm. Der Vorwurf: Landesverrat und Beamtenbestechung. Autor Conrad Ahlers sollte in seinem Artikel über atomare Planungen der Bundeswehr über 40 Staatsgeheimnisse verraten haben. Dafür wurde Ahlers auf Betreiben des damaligen Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß rechtswidrig an seinem Urlaubsort in Spanien verhaftet. Augstein selbst «stellte» sich und blieb 103 Tage in Untersuchungshaft.

«Das ganze Gebäude war von der Polizei umstellt», erinnert sich Dieter Wild, damals 31 Jahre alt und Redakteur im Deutschland-Ressort, noch heute an den Abend des 26. Oktober. «Wir reagierten alle ungläubig auf das Ausmaß dieser Aktion.» Die Polizisten machten bei ihrer Durchsuchungsaktion nicht einmal vor der Besenkammer und den Toilletten halt. Beschlagnahmt wurde unter anderem eine zentrale Dienstanleitung der Bundeswehr, «die damals für 28 Pfennig zu kaufen war», weiß Wild zu berichten.

3.000 Quadratmeter Bürofläche, 17.000 Leitz-Ordner und rund sechs Millionen Blatt Papier wurden in den folgenden Wochen genauestens unter die Lupe genommen. Die Ermittler kassierten selbst die Schreibmaschinen ein. «Wir waren natürlich schockiert und eingeschüchtert», gesteht Wild, der bis 1998 einige Jahre stellvertretender Chefredakteur des «Spiegel» war. Angst habe sich vor allem breit gemacht, als Beschwerden bei den Gerichten keinerlei Erfolge zeigten. Die Redaktion wurde ausgesperrt, konnte nur dank der Hilfe der Konkurrenzblätter «Stern» und «Zeit», die den Kollegen Asyl anboten, weiter produzieren.

«Es ging damals ein Aufschrei der Empörung durch die ganze deutsche Öffentlichkeit», erinnert sich Wild. Auch konservative Medien wie die Springer-Blätter oder die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» stellten sich hinter den «Spiegel». Die anfängliche Angst unter den Mitarbeitern des Magazins verwandelte sich angesichts der überwältigenden Unterstützung bald in Stolz. Zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in Deutschland zu Massendemonstrationen, bei denen der Angriff auf die Pressefreiheit angeprangert wurde. «Die 'Spiegel'-Affäre bedeutete einen Einschnitt in die relativ starke Autoritätsgläubigkeit der Deutschen», urteilt Dieter Wild heute.

Strauß, gegen den sich bald die Empörung richtete, beteuerte vor dem Bundestag zunächst, er habe mit der Sache nichts zu tun. Schließlich musste er aber einräumen, die Aktion eingefädelt zu haben. Am Ende nutzte es ihm wenig, dass auch Bundeskanzler Konrad Adenauer sich vor ihn stellte und wetterte: «Wir haben einen Abgrund von Landesverrat in unserem Land!» Die fünf FDP-Minister traten aus Protest zurück. Es kam zwar zu einer Neuauflage der Koalition, allerdings ohne den Minister Strauß.

«Die Atmosphäre zwischem dem 'Spiegel' und Strauß war schon in den Monaten zuvor total vergiftet», sagt Wild. Zu sehr hatte das aufmüpfige Magazin dem affärenträchtigen Politiker zugesetzt. Augstein habe Strauß damals für einen «üblen autoritätsbesessenen Kerl» gehalten und alles daran gesetzt, um ihn zu stoppen, erinnert sich der Journalist. Der Artikel «Bedingt abwehrbereit» bot für Strauss die Gelegenheit zu kontern. Die Chancen für seinen Feldzug standen anfangs nicht einmal schlecht, denn mit so viel Gegenwehr der Öffentlichkeit konnte niemand rechnen.

«Wenn diese Unterstützung nicht gewesen wäre, und wenn der 'Spiegel' nicht damals schon über gute finanzielle Mittel verfügt hätte, dann wäre die Sache wahrscheinlich nicht so glimpflich ausgegangen», ist Wild überzeugt. Die Ermittlungen gegen den «Spiegel» schleppten sich immerhin noch zwei Jahre hin, bis sich schließlich herausstellte, dass von den Vorwürfen nicht viel übrig blieb. Die allermeisten der angeblichen «Staatsgeheimnisse» waren längst bekannt - Ahlers hatte sie lediglich für seinen Artikel zusammengetragen.
 
 

Vom Kleingedruckten zur Großschrift

40 Jahre nach der „Spiegel"-Affäre: Der Politikwissenschaftler Alfred Grosser über deren Folgen für Recht und Freiheit

Von der Titelseite des Spiegel lächelte am 10. Oktober 1962 ein exakt gescheitelter, freundlicher Herr mit einem eisernen Kreuz am Kragen, Friedrich Foertsch, Generalinspekteur der Bundeswehr. In dem zugehörigen Artikel („Bedingt abwehrbereit") ging es nicht ganz so freundlich zu, dort beschrieb der stellvertretende Chefredakteur und Militärexperte des Nachrichtenmagazins, Conrad Ahlers, das Nato-Manöver „Fallex 62" und angebliche atomare Pläne der Bundeswehr. Dieser Bericht war der Auslöser der so genannten Spiegel-Affäre: Gut zwei Wochen später, am 26. Oktober 1962, durchsuchte die Polizei auf Anordnung der Bundesanwaltschaft die Redaktionsräume des Spiegel in Hamburg sowie in Bonn und beschlagnahmte Unterlagen. Conrad Ahlers wurde während eines Spanien-Urlaubs in Madrid verhaftet. Der Vorwurf: Geheimnisverrat. Zwei Tage später stellte sich Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein selbst der Polizei; Ahlers blieb bis Dezember in Haft, Augstein bis Februar 1963. Das Vorgehen gegen den Spiegel stieß in der Öffentlichkeit auf Protest – in vielen Städten wurde für die Pressefreiheit demonstriert und der Rücktritt des damaligen Verteidigungsministers Franz Josef Strauß, der an der Aktion beteiligt gewesen sein soll, gefordert. Strauß musste schließlich zugeben, die Festnahme Ahlers' betrieben zu haben. Bundeskanzler Konrad Adenauer stelltesich vor seinen Verteidigungsminister, weshalb am 19. November 1962 die fünf FDP-Minister seines Kabinetts zurücktraten. Strauß verzichtete daraufhin auf sein Amt. Die Spiegel-Affäre gilt als ein großer Sieg der Pressefreiheit – und als Wendepunkt der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Ich hatte mehrere Gründe, mich 1962 brennend für die Spiegel-Affäre zu interessieren. Der erste war meine alte Bekanntschaft mit Conrad Ahlers. Im Oktober 1947 war er einer der Redakteure der Hamburger Jugendzeitung Benjamin, die einen Aufruf zum Wiederaufbau des durch die Waffen-SS ausgerotteten und zerstörten französischen Dorfs Oradour sur Glane veröffentlicht hatte – gerichtet an deutsche Jugendliche. Ahlers' Aufruf begann mit einem Zitat meiner in Combat, der Zeitung von Albert Camus, erschienenen Artikel-Reihe über die deutsche Jugend. Ich appellierte darin an meine französischen Landsleute, durch die Öffnung der Grenze und die Zusammenarbeit den jungen Deutschen zu helfen, eine demokratische Zukunft mitzubestimmen. So war bereits damals, 1947, ein guter menschlicher Kontakt zum zukünftigen Verhafteten von Madrid entstanden.

Der zweite Grund für mein Interesse war meine Empörung über Franz Josef Strauß – anschließend mit der Genugtuung verbunden, dass er seinen Ministerposten verlor. Sehr viel später, 1988, kam die Überraschung, dass sein Tod eine Welle von Huldigungen zeitigte, die auch die Süddeutsche Zeitung einschloss, obwohl sie ihn doch so oft und zu Recht gebrandmarkt hatte. Die Frankfurter Rundschau erwähnte in ihren Schlagzeilen, dass ich in einem Nachruf im Rundfunk viel Kritik geäußert hätte. Darf ich gestehen, dass ich noch heute ein ungutes Gefühl habe, wenn ich den Münchner Franz-Josef-Strauß-Flughafen benutze? Und dass ich jedesmal, wenn man mir sagt, die bayerischen Wähler hätten ihm damals so viele Stimmen gegeben, antworte, dass er in Wirklichkeit nie den Stimmenanteil des gütigen, aufgeschlossenen Landesvaters Alfons Goppel erreichte?

Von draußen gesehen

Der dritte Grund war mein Interesse für den Spiegel und für Rudolf Augstein, seinen Herausgeber, den ich kannte, seitdem er auf meine Einladung an der Pariser Sorbonne Gastredner gewesen war. 1960 war im Düsseldorfer Karl Rauch Verlag die erweiterte Übersetzung meines Buches von 1958, La démocratie de Bonn, erschienen (Die Bonner Demokratie. Deutschland von draußen gesehen ). Ich schrieb darin:

... Der Spiegel berichtet – oft boshaft, aber fast immer ausgezeichnet informiert – über all das, was andere Zeitungen nicht wissen oder verschweigen. Er verschont niemanden und vermittelt vielen seiner Leser so den Eindruck intellektueller Redlichkeit. Sein Einfluss ist in gleicher Weise wohltuend und schädlich. Der Spiegel hat mehr als einmal Skandale aufgedeckt und Widersprüche angeprangert, die ohne sein Zutun unbemerkt geblieben wären. In gewisser Weise scheint er die Verkörperung der Pressefreiheit selbst; doch fördert er mit dem fast vollständigen Mangel an konstruktiven Beiträgen und mit der Atmosphäre der Denunziation beim Publikum die Abneigung gegen jede Art der Politik beträchtlich.

Später musste ich feststellen, dass Rudolf Augstein Feindbilder brauchte (Frankreich, Papst Johannes Paul II, auch Polen) – wir polemisierten 1981, zur Zeit Jaruzelskis, wegen seines furchtbaren Satzes: „Abgesehen davon, dass wir die Polen, die uns ein Fünftel unseres Landes abgenommen haben, mögen und fast lieben: Ihr irgendwo doch unverdientes (sic !) Schicksal, an dem Hitler-Deutschland erstrangig beteiligt war, kann uns auch aus Eigennutz nicht gleichgültig lassen." Aber gerade damals war Strauß kein wirklicher Feind mehr, sondern ein Mitstreiter gegen Helmut Kohl, den man gemeinsam verachtete und erniedrigen wollte.

Eine der Auswirkungen der Spiegel-Affäre war eine heute noch anhaltende Vogelfreiheit dieser Zeitschrift, auch zur Zeit der Verarmung ihres Inhalts, bevor dann der – ziemlich inhaltlose – Konkurrent Focus sie zur neuen Qualität zwang. So konnte ich in meinem jüngsten Buch Sind die Deutschen anders? wieder über den Spiegel schreiben:

... Seit fünfzig Jahren ist seine Bedeutung im öffentlichen Leben unverändert groß geblieben. Der Grundton ist weniger hämisch als zuvor, aber seine Art, nur über negative Aspekte des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens zu berichten, hat wahrscheinlich nicht gerade viel positives Engagement auslösen können.

Aber damals, wie im Rückblick heute, ging und geht es um das im Vergleich mit Frankreich hervorragende Funktionieren der nach Berlin verlegten Bonner Demokratie. (Man spricht ständig von der Weimarer Republik, der Weimarer Demokratie, der Weimarer Kultur, obwohl die Hauptstadt immer Berlin gewesen ist. Also warum nicht Bonn beibehalten?) Gewiss hat es deren schwarze Seiten in der Zeit der Spiegel-Affäre gegeben. Das ständige Zum- Staatsanwalt-Gehen meines im Umgang freundlichen Kollegen General a.D. Professor Friedrich August Freiherr von Heydte; das Bemühen so vieler Behörden und Gerichte (das Bundesverfassungsgericht inbegriffen) für eine doch an sich nicht sehr bedeutende Angelegenheit; die lange Inhaftierung von Conrad Ahlers (55 Tage) und anderer; die Missachtung, die Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß für die Wahrheit und die Rechtsstaatlichkeit kundtaten – all dies scheint meine positive Einschätzung der Bundesrepublik zu widerlegen.

Was geheim bleiben muss

Und doch: Wieso konnte der Verteidigungsminister der Lüge überführt werden? Weil er in einer Fragestunde Rede und Antwort stehen musste. In Frankreich hätte er die Antwort schlicht verweigert, unter anderem durch Berufung auf das Verteidigungsgeheimnis. Die deutschen Gerichte haben klargestellt, dass ein Minister nicht frei befinden darf, was geheim bleiben muss.

In Frankreich darf er dies leider noch heute, auch wenn es um Vorfälle geht, die Jahrzehnte zurückliegen. Politisch ist in Deutschland viel geschehen zur Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit, bis hin zur Regierungskrise und zum Sturz des Verteidigungsministers als auch des Justizministers, der sich der Sache nicht angenommen hatte. Die damalige FDP hatte noch den geistigen Inhalt, den später Hildegard Hamm-Brücher ziemlich allein verkörpert hat. Die SPD (allerdings damals in der Opposition, und später nicht mehr so zimperlich, als es zum Beispiel galt, durch Stimmenkauf Willy Brandt im Kanzleramt zu belassen) war der Rede treu, die Otto Wels am 23. März 1933 im Reichstag gehalten hatte, um die Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes zu rechtfertigen: „Wir sehen die machtpolitischen Tatsachen ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewusstsein des Volkes ist eine politische Macht und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewusstsein zu appellieren." 1933 war dies natürlich eine tragische Illusion. 1962 nicht, weil eine wirklich freie Presse mitwirkte. Nicht alle Zeitungen natürlich, nicht alle Hörfunk- und Fernsehanstalten. Aber global gesehen hat die Presse ihre Rolle als Wächter der Demokratie und des Rechtsstaats standhaft gespielt.

Der Schlusssatz von Sind die Deutschen anders? lautet, in Bezug auf „Einigkeit und Recht und Freiheit": „Der Begriff der Einigkeit verweist eben darauf, dass über die beiden anderen Begriffe Einvernehmen besteht, ein Einvernehmen, das selbst bei den heftigsten Wahlkampf- Auseinandersetzungen nicht in Frage gestellt wird." Die Spiegel- Affäre ist in diesem Sinn eine Art Wende gewesen – sie hat das vorher nur Kleingedruckte zur Großschrift gemacht. Süddeutsche Zeitung vom 19.10.2002
 
 

Adieu Pressefreiheit, Adieu Rechtsstaat, Adieu Demokratie!

Die Spiegel-Affäre von 1962 und ihre Folgen für die Demokratie
Von Roderich Reifenrath

Eine größere innenpolitische Krise hatte es bis dahin in der noch jungen und ungefestigten Republik nicht gegeben. Oktober 1962: Unter Federführung von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß holte der Staat zu einem massiven Schlag gegen das Nachrichtenmagazin Der Spiegel aus und stellte die Demokratie auf eine harte Bewährungsprobe. Der Anschlag auf die Pressefreiheit vor 40 Jahren misslang und prägt das Land bis heute. Der Text von Roderich Reifenrath, früherer Chefredakteur der FR, der jene aufregenden Tage nac zeichnet, entstammt - gekürzt - einem Lehr- und Lesebuch für vorwiegend junge Journalistinnen und Journalisten, das der Nest-Verlag unter dem Titel "Die Blattmacher" Anfang 2003 auf den Markt bringen wird.

Das war kein Tag wie jeder andere, als am 23. Oktober 1962 der Ministerialdirigent Dr. Toyka vom Bundesinnenministerium mit Beamten der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes und mit dem Ersten Staatsanwalt Siegfried Buback (er wurde 1977 als Generalbundesanwalt auf offener Straße von der RAF ermordet) in Hamburg zusammenkam, um "taktische Maßnahmen nach eigenem Ermessen durchzuführen". An diesem Tag nämlich hatte der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof, Oberlandesgerichtsrat Wolfgang Buddenberg, auf Antrag der Bundesanwaltschaft Haftbefehl gegen den "Verlagsleiter" des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, Rudolf Augstein, und den stellvertretenden Chefredakteur Conrad Ahlers erlassen. Sie standen im Verdacht, durch die Veröffentlichung eines Artikels am 8. Oktober über die militärischen und strategischen Qualitäten der Bundeswehr und der Nato unter dem Titel "Bedingt abwehrbereit" Staatsgeheimnisse verraten zu haben. Und als sich dann am 26. Oktober kurz nach 21 Uhr im Norden der Republik, aber auch im Regierungszentrum am Rhein Beamte auf den Weg machten, um einen Verlag auf den Kopf zu stellen, Journalisten zu verhaften und ihre Privatwohnungen zu durchsuchen, war der Startschuss für eine Ermittlungsaktion gefallen, die sich zu einer Affäre hochschraubte, wie sie die junge Republik bis dahin nicht erlebt hatte.

"Wilhelm Mügge, Pförtner im Hamburger Pressehaus, wollte wissen, ob die Herren vielleicht von St. Pauli kämen. Sie marschierten nämlich einfach an ihm vorbei, als sei das gar nichts. Das ist doch meine Aufgabe, versuchte Mügge es nun andersherum, hier das Haus zu bewachen. Die Herren wollten wohl nicht verstehen, sie bestiegen schweigend den Fahrstuhl. Bevor sich die Tür schloss, drehte sich einer noch einmal um: Das geht Sie gar nichts an." So beschrieb Spiegel-Buch-Autor Joachim Schöps 1983 eine Szene des Skandals. Er erreichte seinen politischen Höhepunkt, als jener Mann sich aus dem schlingernden Kabinett Adenauer verabschieden musste, der diesen Anschlag auf die Pressefreiheit in erster Linie zu verantworten hatte: Verteidigungsminister Franz Josef Strauß.

Fallex

Anlass der Turbulenzen war ein ausladend-kritischer, zum Teil vernichtender Artikel unter Federführung des Militärexperten Ahlers in der Ausgabe vom 8. Oktober 1962 über den Zustand eines Wehrbündnisses, das als Bollwerk gegen den latent als bedrohlich empfundenen europäischen Osten angelegt war. Der machtbewusste Minister sowie einige seiner Generale vertraten im Zusammenhang mit der Nato-Strategie für Mitteleuropa die Doktrin, im Ernstfall sofort und massiv atomare Waffen einzusetzen. Die USA unter der Präsidentschaft John F. Kennedys favorisierten dagegen die Stärkung konventioneller Streitkräfte. Differenzen zwischen Washington und Bonn also, Differenzen, die den Pressereferenten von Strauß, Oberst Schmückle, anregten, der Öffentlichkeit kundzutun, die Idee von einem konventionellen Krieg in Europa sei "militärische Alchimie". Andere Offiziere wie Oberst Alfred Martin aus dem Verteidigungsministerium hätten gern die als gefährlich empfundenen Gelüste ihres Chefs gestoppt und machten aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Martin redete mit Ahlers, rund ein Dutzend mal. Vermittelt hatten den Kontakt der FDP-nahe Generalkonsul Paul Conrad und Rechtsanwalt Josef Augstein, ein Bruder des Spiegel-Herausgebers.

Der Text, aus vielen Quellen gespeist und mit vielen erhellenden Einzelheiten über Truppenstärken, Feuerkraft und Befehlsschemata zu einem voluminösen Mosaik zusammengebaut, enthielt auch Informationen über das Nato-Stabsrahmenmanöver "Fallex 62" - das erste Manöver des Bündnisses, dem die Annahme zu Grunde lag, der Dritte Weltkrieg werde mit einem Großangriff auf Europa beginnen, mit sowjetischen Atomsalven. Im Planspiel wurden wesentliche Teile Englands und der Bundesrepublik zerstört. Die Bilanz: Zehn bis 15 Millionen Tote. Neutrale Beobachter des Manövers sollen erschüttert gewesen sein.

Die Autoren zogen folgendes Fazit: "Mit Raketen an Stelle von Brigaden und mit Atomgranatwerfern an Stelle von Soldaten ist eine Vorwärtsverteidigung der Bundeswehr nicht möglich, eine wirksame Abschreckung bleibt fraglich." Und: "Es zeigt sich, dass die Vorbereitungen der Bundesregierung für den Verteidigungsfall völlig ungenügend sind, wobei das Fehlen eines Notstandsgesetzes nur eines von vielen Übeln ist."

Manches von dem, was vom Spiegel zu Papier gebracht worden war, hatte vor dem Andruck sicherheitshalber dem Bundesnachrichtendienst (BND), dem Major Jürgen Brandt von der Führungsakademie und Hamburgs SPD-Innensenator Helmut Schmidt (Bundeskanzler von 1974 bis1982) zur Überprüfung vorgelegen und war für unbedenklich erklärt worden. Und vieles von dem, was dann vom Spiegel publiziert wurde, hatte bereits unbeanstandet in anderen, der Öffentlichkeit zugänglichen Publikationen gestanden.

Zuerst geschah auch rein gar nichts. Niemand regte sich auf - bis auf den Oberst der Reserve, Friedrich August von der Heydte, Professor in Würzburg, Verteidiger des katholischen Ritterordens vom Heiligen Grab, der schon länger "gesinnungslose Publizisten" im Pressehaus am Speersort in Hamburg werkeln gesehen und den Spiegel gezwungen hatte, gerichtlich gegen solche Abwertungen vorzugehen.

Der Reservist schlug zurück und zeigte das Blatt bei der Bundesanwaltschaft wegen Landesverrats und landesverräterischer Fälschung an, "Fallex" eingeschlossen. Erst dann kam die Lawine ans Rollen. Oberregierungsrat Heinrich Wunder vom Bundesverteidigungsministerium erstellte auf Wunsch der Karlsruher Fahnder ein Gutachten, Staatssekretär Volkmar Hopf trat auf den Plan, der Minister bat zur Lagebesprechung, Adenauer wurde informiert. Dann ging die Post ab.

Düpierte Liberale

Die Eingriffs-Strategie der Sicherungsgruppe und der Bundesanwaltschaft gestaltete sich höchst geheim. Weder Bundesnachrichtendienst noch Bundesverfassungsschutz oder Bundespresseamt waren informiert worden. Helmut Schmidt hatte man erst eine halbe Stunde vor Beginn der Aktion unterrichtet. Der oberste Dienstherr der Bundesanwaltschaft, Bundesjustizminister Wolfgang Stammberger (FDP), musste aus der Zeitung erfahren, was hinter seinem Rücken geschehen war. Später, bei der Neubildung des Kabinetts nach dem Abgang von Strauß, verlor er sein Amt, verließ die Freien Demokraten und trat der SPD bei. Und sein liberaler Parteifreund Willi Weyer, Innenminister von Nordrhein-Westfalen, wusste ebenfalls nicht, was in seinem Zuständigkeitsbereich ablief: in Bonn, im dortigen Spiegel-Büro.

Anfangs wollten die Abgesandten der Staatsmacht nicht sofort mit der Durchsu- chung beginnen, sondern erst einmal räumen und die Räume anschließend versiegeln. Denkbar ist, dass sie glaubten, um diese Zeit würde sich kaum noch ein Mensch im Verlag befinden. Doch sie stießen auf Hindernisse - auf etwa 60 Männer und Frauen, die an den letzten Seiten der Spiegel-Nummer 44/1962 arbeiteten und trotz mancher Drohung erst einmal keine Bereitschaft zeigten, die Arbeitsplätze zu verlassen. Ihnen wurde verboten, Telefone, Fernschreiber und - zeitweise - auch den Fahrstuhl zu benutzen. Bei ankommenden Gesprächen nahmen die Beam- ten den Hörer kurz ab und legten ihn wieder auf. Es gab zwar einen Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschluss, jedoch keinen Räumungsbefehl. Der Chef vom Dienst, Johannes Matthiesen, machte darauf aufmerksam und wies zugleich auf die ökonomischen Folgen hin, würde die Produktion abgewürgt. Mit zehn Mitarbeitern durfte er das Blatt dann fertig stellen. Aufnahmen, die der Fotograf Frank Müller- May während der Aktion gemacht hatte, konnten am anderen Tag als Röllchen im Büstenhalter einer Laborhelferin aus dem Haus gebracht werden.

Die Fahnder suchten nicht nur Beweismaterial für die behaupteten Verstöße gegen das Strafrecht (Landesverrat, Bestechung). Und sie stöberten nicht nur nach Belegen, welche "Beamte oder Mitglieder der bewaffneten Macht" dem Hamburger Magazin das Material über den Generalinspekteur der Bundeswehr Friedrich Foertsch und über "Fallex" zugespielt hatten, sondern sie sollten auch die auf Antrag der Bundesanwaltschaft vom Ermittlungsrichter erlassenen Haftbefehle vollziehen.

Ganz oben auf der Liste rangierten Rudolf Augstein und Conrad Ahlers. Weitere, zum Teil erst später ausgestellte Haftbefehle betrafen Chefredakteur Claus Jacobi, Verlagsdirektor Hans Detlev Becker, den Oberst i. G. Alfred Martin, Rechtsanwalt Josef Augstein, Generalkonsul Conrad und den Bonner Korrespondenten des Blattes Hans Schmelz.

Der 2. Chefredakteur Johannes K wurde "nur" vorläufig festgenommen, und der Leiter des Bonner Büros, Hans Dieter Jaene, musste eine Nacht hinter Gittern im Gebäude der Sicherungsgruppe verbringen. Verhaftet wurde auch der BND-Oberst Adolf Wicht. Da auf allen Seiten große Verschwörungstheorien umhergeisterten, wurde ihm unterstellt, den Spiegel vor dem bevorstehenden Einsatz gewarnt zu haben.

Berichte über Details der Aktion lassen den Schluss zu, dass der Zugriff hektisch und unbeholfen zugleich über die Bühne ging. Wo sich Rudolf Augstein an diesem Abend aufhielt, erfuhren die Fahnder nicht. In Düsseldorf wurde der körperlich kräftige Spiegel-Anzeigenvertreter Erich Fischer festgenommen, weil man ihn mit dem schmächtigen Herausgeber verwechselte.

Das wiederum entlockte einem Kommentator der ARD-Sendung Panorama die sarkastische Bemerkung, es sei neuer- dings bedenklich, anderen Leuten nicht ähnlich zu sehen. Der Spiegel-Chef saß derweil irgendwo mit seinem Verlagsdirektor Becker bei einem Glas Mosel und begab sich erst einen Tag später zum Polizeipräsidium. Aber seine Wohnung war zweieinhalb Stunden lang von Männern der Sicherungsgruppe durchsucht worden. Sie stellten viel Privates sicher, darunter Briefe aus der Kriegszeit und ein Heft mit Schulaufsätzen.

Außerhalb der Legalität

Conrad Ahlers hielt sich nicht in Hamburg auf, sondern befand sich auf Urlaub im spanischen Torremolinos. "Etwas außerhalb der Legalität", wie Bundesinnenminister Hermann Höcherl (CSU) später einräumte, holten auf Betreiben von Strauß zwei schwarz-uniformierte spanische Polizisten den Journalisten und seine Frau Heilwig in der Nacht vom 26. zum 27. Oktober um drei Uhr aus einem Apartment des Hotels Los Nidos und steckten sie in Malaga in eine Zelle.

Ahlers wurde nach Deutschland weitergereicht, in Frankfurt verhaftet, zur Sicherungsgruppe nach Bad Godesberg und von dort ins Untersuchungsgefängnis Ahrensburg bei Hamburg gebracht. Der ehemalige Major der Reichswehr und Mitautor des Fallex-Artikels, Hans Schmelz, war auch nicht zu Hause, sondern zu Beginn der Ermittlungsaktion in Ungarn.

Ende Oktober meldete Schmelz sich freiwillig bei der Sicherungsgruppe in Bad Godesberg. Bei ihm waren vertrauliche Protokolle aus dem Bonner Verteidigungsausschuss beschlagnahmt worden - Unterlagen, die er von dem SPD-Bundestagsabgeordneten Gerhard Jahn erhalten hatte, dem späteren Bundesjustizminister.

In der Verfassungsbeschwerde des Nachrichtenmagazins ist nachzulesen, wie wahllos Unterlagen eingesammelt wurden: Material über die Weimarer Reichswehr oder den Röhm-Putsch ebenso wie Papiere über BGH-Urteile, ein handgeschriebenes Telefonverzeichnis von Frau Schmelz, ein Persil-Karton voller Privatbriefe des Chefredakteurs Jacobi, sein Notizbuch mit Malereien.

In der Wohnung von Engel interessierten sich die Fahnder unter anderem für die Visitenkarte eines Hamburger Baby-Hotels. Akten, hinter denen sich mehr oder weniger Erhellendes über Strauß und dessen Schwiegervater Zwicknagel verbarg, weckten das gleiche Interesse wie eine Landkarte mit der markierten Wahlkampfroute Willy Brandts von 1961. Rund 30 000 Schriftstücke wurden zumindest vorübergehend kassiert, das allermeiste davon hatte nichts mit dem Artikel über die Bundeswehr zu tun.

Zur Dramaturgie der Attacke auf die Pressefreiheit gehörte es, erst einmal jene hinter Schloss und Riegel zu bringen, die des Landesverrats beschuldigt wurden. Josef Augstein wanderte für sechs Tage in Untersuchungshaft, Jakobi für 18, Becker für 34 Tage, Oberst Martin für 30 Tage, BND-Oberst Wicht für 49, Ahlers für 56 und Schmelz für 81 Tage. Am härtesten traf es den Herausgeber Rudolf Augstein, der insgesamt 103 Tage hinter Gittern verbrachte - 32 Tage in Hamburg, den Rest in Koblenz.

Atompläne

Um zu verstehen, was da eigentlich inszeniert worden war, muss man das Verhältnis zwischen dem Spiegel und Franz Josef Strauß beleuchten. In einem Artikel für Christ und Welt hatte am 26. Januar 1962 Oberst Schmückle unter der Schlagzeile "Die Wandlung der Apokalypse" selbst erklärt, atomare Abschreckung sei die einzig wirksame. Alle anderen Debatten über Atomschwelle oder Atompause seien dummes Gerede.

Den Anhängern einer konventionellen Aufrüstung hielt er entgegen: "Sie verharmlosen das neue Kriegsbild in Europa und legen ihm die gefälschte Patina vom konventionellen Waffengang auf." Und der Verteidigungsminister, so hieß es in der damaligen Verfassungsbeschwerde des Spiegel-Verlags, habe im Bundestag diese Aussagen gedeckt.

An anderer Stelle hatte der CSU-Politiker verkündet, man könnte heute den Krieg mit konventionellen Mitteln nicht als das geringere Übel in Kauf nehmen, "weil man glaubt, dadurch das Opfer eines atomaren Krieges zu verhindern". Die Nato, so Strauß, verlöre an Glaubwürdigkeit, falls sie sich auf einen konventionellen Krieg vorbereite.

Die Journalisten des Nachrichten-Magazins fühlten sich herausgefordert von dem bayerischen Kraftpaket, dessen Verstrickungen auch in KorruptionsAffären immer wieder für Aufregung sorgten. Seit langem schon verführte Strauß die Kanoniere am "Sturmgeschütz der Demokratie" (so Augstein später über sein Blatt) zu Recherche-Höchstleistungen. Beim fundamentalen Kapitel Atombewaffnung erschien ihnen die Information der deutschen Presse viel zu einseitig.

In einem eigenen fundierten Beitrag sollte das Aufregerthema in die richtigen Zusammenhänge gestellt werden, zumal die atomaren Vorstellungen des machthungrigen CSU-Politikers nicht nur von Washington, sondern auch von einem großen Teil der bundesdeutschen Generalität und des Offizierskorps abgelehnt wurden.

Der Spiegel hatte das Know-how, um eine differenzierte Auseinandersetzung mit den wachsenden Sehnsüchten eines Mannes nach Nuklearwaffen bestreiten zu können - Conrad Ahlers vor allem, ein Journalist mit guten Kontakten zu Offizieren und Militärtheoretikern.

Da der Spiegel Zugang zum Bundesnachrichtendienst hatte, wucherten - angeheizt durch Kubakrise und Kalten Krieg - die aus Verleumdung und Angst vor publizistischem Einfluss geschürten Unterstellungen. Bundeskanzler Konrad Adenauer, dessen wirkliche Rolle im Skandal undeutlich geblieben ist, dramatisierte in einer Fragestunde des Bundestags aus seiner Sicht die Vorgänge laut Bundestagsprotokoll vom 7. November mit folgendem Satz: "Nun, meine Damen und Herren . . . (anhaltende Zurufe von der SPD) wir haben . . . (fortgesetzte Zurufe von der SPD) einen Abgrund von Landesverrat im Lande . . ."

Der Protest

Der massive Schlag gegen die Pressefreiheit hatte Protest mobilisiert. Studenten gingen auf die Straße, erschienen vor dem Verlagshaus, forderten lautstark die Beachtung des Grundgesetzes. Joachim Schöps hat notiert, wie in der Bundesrepublik die journalistische Konkurrenz des Spiegel auf die Kriminalisierung ihrer Kollegen reagierte. Bei der Frankfurter Rundschau belegte der Skandal zeitweise 65 Prozent des politischen Teils, bei der FAZ ein Drittel. Von 115 Zeitungen, die ein Soziologe zwischen dem 28. und 30. Oktober prüfte, kritisierten 48 die Staatsaktion, 16 schlugen sich auf die andere Seite, und 36 meinten zu diesem frühen Zeitpunkt vorsichtshalber noch gar nichts.

Die massiver werdenden Einsprüche beschränkten sich anfangs auf die äußeren Umstände des Zugriffs, weil die mit Lügen und objektiv falschen Darstellungen gespickten Erklärungen der Verantwortlichen ein klares Meinungsbild über die strafrechtliche Relevanz der Vorwürfe nicht zuließen. So erging es auch 144 deutschen Professoren der politischen Wissenschaft und des Staatsrechts, die sich in der Spiegel-Ausgabe vom 28. November zu Wort meldeten. Hochmögende Persönlichkeiten, von denen zahlreiche im weiteren Verlauf der bundesrepublikanischen Geschichte eine herausragende Rolle gespielt haben, trugen in drei unterschiedlichen Schreiben an Regierung und Parlament unabhängig vom juristischen Ausgang des Falls ihre "tiefe Sorge um die Glaubwürdigkeit und damit um die Zukunft unserer freiheitlich-rechtsstaatlichen Verfassung" vor. Selbst Leute, die vom Spiegel nicht gerade freundlich bedient worden waren, warfen sich in die Bresche wie der rechte Schriftsteller Hans Habe ("der größte Skandal seit der Verhaftung von Carl von Ossietzky") oder der Fernsehstar Werner Höfer. Und Sebastian Haffner, auch nicht gerade ein Freund des Nachrichtenmagazins, bilanzierte: "Adieu Pressefreiheit, Adieu Rechtsstaat, Adieu Demokratie!"

Die Rolle von Strauß

Zur Verteidigungsstrategie von Strauß gehörte es, jegliche Verantwortung für Einzelheiten der Fahndung mit Hinweisen auf die formalen Abläufe den Ermittlungs-behörden zuzuschieben. Von Fragestellern der Opposition im Bundestag wurde er am 7., 8. und 9. November jedoch derart in die Ecke gedrängt, dass er - wenn auch verklausuliert - eingestand, in der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober den deutschen Militärattaché Oberst Achim Oster persönlich in Madrid angerufen und ihm den Befehl gegeben zu haben, Conrad Ahlers auch im Namen des Bundeskanzlers dingfest zu machen. Oster, Sohn eines Widerstandskämpfers gegen die Nazis, der sowohl Strauß als auch Ahlers persönlich gut kannte, musste sich vom Verteidigungsminister Schauergeschichten über das Ausmaß der Affäre anhören.

Angeblich sei Augstein bereits auf der Flucht nach Kuba - ausgerechnet auf die von sozialistischen Revolutionären regierte Insel, die 1962 im Mittelpunkt der Politik stand, da Moskau Raketen im "Hinterhof" der Amerikaner zu stationieren begann und die USA mit Ultimaten drohten. Die Kuba-Krise: Das war die Sorge der Menschheit vor einem Dritten Weltkrieg und nebenbei ein blendendes Klima für Landesverrats-Szenarien.

Nur wenige Tage nach Beginn des spektakulären Zugriffs auf das Hamburger Magazin befanden sich die Staatsorgane bereits in der Defensive. Deutsche und ausländische Zeitungen schlugen zum Teil scharfe Töne an, die Koalition aus CDU/CSU und FDP verlor zusehends an Glaubwürdigkeit, und die Liberalen fingen an, die Risiken des Ausstiegs aus dem Bündnis abzuwägen. Im Bundestag hatte der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Döring bereits zu einem Zeitpunkt kein Blatt mehr vor den Mund genommen, als die Mehrheit der freidemokratischen Spitze noch vorsichtig agierte. Gegen die Landesverratsvorwürfe Adenauers setzte er Rechtsstaatsprinzipien: "Aber Herr Bundeskanzler, ich bin es nicht nur meinem Freunde, sondern auch dem Staatsbürger Augstein und allen anderen schuldig, dagegen zu protestieren, dass Sie hier sagen, Herr Augstein verdient am Landesverrat. Dann haben Sie als Erster hier ein Urteil gefällt, das zu fällen nur dem Gericht zusteht."

Am 16. November erklärte FDP-Chef Erich Mende, die Liberalen könnten mit Strauß nicht mehr länger zusammenarbeiten. Die Spiegel-Affäre mutierte zur Regierungskrise und nahm Fahrt auf, als die Freien Demokraten am 19. November ihre fünf Minister aus dem Kabinett abzogen. Weil der Verteidigungsminister an seinem Sessel kleben blieb, traten die Minister von CDU/CSU ebenfalls zurück, um dem Bayern den Abgang zu erleichtern. Als der CSU-Chef fünf Tage später bei den baye- rischen Landtagswahlen zum ersten Mal für seine Partei die absolute Mehrheit ge- holt hatte, glaubte er wieder Oberwasser zu haben. Vor der Bonner Unions-Fraktion wollte er die politische Verantwortung für das Desaster Konrad Adenauer aufbürden. Doch die Abgeordneten ließen ihn hängen und bescheinigten dem Kanzler, dass er im Einzelfall keine Weisungen erteilt habe, gegen den Spiegel vorzugehen. Und für die Bloßstellung des Bundesjustizministers sei er ebenfalls nicht verantwortlich gewesen.

Fazit

Welches Fazit lässt die Spiegel-Affäre zu? Der Vordergrund ist schnell beleuchtet. Die Karriere von Strauß erhielt einen scharfen Knick. Justizminister Stammberger war nicht mehr dabei, als Adenauer die FDP wieder zum Koalitions-Tanz bat und zusagte, im Herbst 1963 abzudanken. Keiner der Verhafteten musste sich vor Gericht verantworten, aber auch keiner von denen, die das Spektakel inszeniert hatten.

Die ersten Anläufe der Magazin-Juristen, mit Hilfe der Justiz die Maßnahmen gegen das Blatt auszuhebeln, schlugen fehl. Die Verfassungsbeschwerde gegen die Schließung der Geschäftsräume und das Verlangen, alle Schriftstücke an die Redaktion zurückzugeben, die für die Ermittlungen nicht benötigt würden, wies der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts ab. In einem summarischen Verfahren der Einstweiligen Verfügung, so die Begründung, sei nicht zu klären, ob die Strafprozessordnung gegenüber dem Grundrecht der Pressefreiheit zurückzutreten hätte. Das Kapitel Vorzensur erledigte Karlsruhe mit dem Bemerken, eine Wiederholung sei nicht zu befürchten. Aber Fragen nach "Zensur", die das Grundgesetz verbietet, nach "Verhältnismäßigkeit der Mittel" (ebenfalls ein Verfassungsgrundsatz) oder nach Verletzung des Redaktionsgeheimnisses bewegten seitdem Politiker, Medien und Rechtsexperten.

Der Presserechtler Martin Löffler schrieb bereits 1963 Gedanken wie diesen: "Verfehlt ist die Auffassung, es habe im Widerstreit von Staatsschutz und Pressefreiheit stets die Staatssicherheit den Vorrang. Nur durch die Sicherung der vollen Freiheitsrechte erhält das Staatsschutzrecht seine sittliche Legitimation."

Über die tiefer reichenden psychologischen Wirkungen der Affäre auf die politische Kultur lässt sich nur spekulieren. Wichtig war es für die junge und noch heftig mit den Nachbeben der Nazidiktatur beschäftigte Republik, dass dieser Angriff auf die Pressefreiheit von vielen Bürgern als das empfunden wurde, was er war: ein Anschlag auf die liberale Substanz einer Demokratie unter Missachtung der Regeln des Rechtsstaats. Dagegen wehrten sich Menschen aus den unterschiedlichsten politischen Lagern und sozialen Milieus sowohl demonstrativ auf der Straße als auch publizistisch.

Immer gab es zugleich Stimmen, die sich an dem Protest störten. Sie erregten sich über "lümmelhafte Halbstarke" unter den Studenten (der Historiker Gerhard Ritter) oder über Einsätze für "den totalen Nihilismus" (Giselher Wirsing in Christ und Welt). Selbst Conrad Ahlers, es klingt fast absurd, registrierte einem Bericht der Zeit zufolge neben allem Guten auch verborgene anarchistische, zumindest jedoch staatsfeindliche Tendenzen.

In Wahrheit führte der Widerstand zu einem Reifeprozess. Das wurde im Ausland früher erkannt als bei uns. So schrieb die eher unbedeutende Zeitung Est-Républicain aus Nancy: "Das deutsche Volk hat die Demokratie endgültig angenommen. Auf jeden Fall begreift es sie besser als einige seiner politischen Führer." So gesehen müsste man Franz Josef Strauß für die von ihm ausgelöste Affäre immer noch dankbar sein. Frankfurter Rundschau vom 19.10.2002
 
 

Nacht-und-Nebel-Aktion wegen »Landesverrats«

Strauß, die Spiegel-Affäre und ein versuchter Putsch der Rumpf-Redaktion

* Die angebliche Ursache der Spiegel-Affäre, die Titelstory »Bedingt abwehrbereit« vom 10. Oktober 1962, gab – wie sich schließlich zeigte – für den Vorwurf des militärischen Landesverrats nichts her. Den eigentlichen Hintergrund des Skandals, in deren Verlauf die Regierungskoalition in Bonn platzte, hatte Rudolf Augstein 1961 in seinem dritten Strauß-Titel so beschrieben: »Ob die CDU oder die SPD künftig Wahlen gewinnen wird, ist nicht mehr so sehr von Belang. Wichtig erscheint allein, ob Franz Josef Strauß ein Stück weiter auf jenes Amt zumarschieren kann, das er ohne Krieg und Umsturz schwerlich wieder verlassen müßte.« Am 30. November 1962 trat Strauß als Verteidigungsminister zurück. Otto Köhler hat seine Sicht auf die Affäre in seinem Buch »Rudolf Augstein. Ein Leben für Deutschland« ausgebreitet (Droemer, München 2002). Wir veröffentlichen einen Auszug.

Am Freitag, 26. Oktober 1962, gegen 22 Uhr 30, war es ein Glück, daß der Spiegel-Herausgeber sich von der ersten Frau getrennt und die Frau seines Lebens geheiratet hatte, die es aber inzwischen auch nicht mehr war, so daß er nunmehr getrennt von ihr wohnte. Die Sicherungsgruppe Bonn, die um 22 Uhr 30 zwecks Festnahme und Haussuchung am Maienweg 2 eintraf, fand nur Ehefrau Katharina Augstein vor und den alsbald hinzukommenden Nachbarn John Jahr, die beide nicht verrieten, daß Rudolf Augstein hier nicht mehr lebte.

Der hatte sich in seiner neuen Wohnung am Leinpfad nach der Woche Mühen mit Verlagsdirektor Hans Detlev Becker zu einem Glas Wein zusammengesetzt, als die Nachricht eintraf. Er ließ seinen Häschern durch Bruder Josef, den Rechtsanwalt, mitteilen, daß er sich am nächsten Mittag zur Vernehmung stellen werde, und konnte so in Ruhe seine Vorbereitungen treffen.

In der Redaktion am Speersort ging es seit 21 Uhr wild zu. Die Einsatzgruppe der Sicherungsgruppe Bonn war am Pressehauspförtner vorbeigestürmt und verlangte oben am Eingang Rudolf Augstein. Der hatte das Haus um 20 Uhr verlassen, die Herren mußten sich mit Chefredakteur Claus Jacobi begnügen. Die Sicherungsgruppe verlangte die sofortige Räumung der Redaktion. Jacobi erklärte sich für unzuständig, das sei Sache des abwesenden Verlagsdirektors, die Redakteure blieben sitzen, denn wenn sie gingen, das wußten sie, könnte der Spiegel am Montag nicht erscheinen. Der Leiter der Sicherungsgruppe holte ein Überfallkommando der Hamburger Polizei zu Hilfe, das aber Probleme machte, den Anordnungen der Bonner Herren Folge zu leisten. Man einigte sich. Zehn Redakteure durften die letzten Arbeiten für den Spiegel vom Montag erledigen.

Inzwischen, um 0 Uhr 45, tat Franz Josef Strauß das, womit er schon bald im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu tun gehabt haben wollte. Er hängte sich ans Telefon und sprach mit dem Kanzler der deutschen Botschaft in Madrid Reif ziemlich dienstlich: »Ich verpflichte Sie, über dieses Telefongespräch mit niemandem zu sprechen als mit dem Obersten Oster. Dies ist ein dienstlicher Befehl; ich handle in diesem Augenblick auch im Namen des Herrn Bundeskanzlers und des Herrn Außenministers. Haben Sie alles klar verstanden?«

Das einzige, was Kanzler Reif klar verstehen konnte, war nur, daß der Militärattaché Oberst Achim Oster zurückrufen und er den Mund halten sollte. Um 1 Uhr 25 rief Oster Strauß an und bekam von ihm im Namen des Bundeskanzlers den »dienstlichen Befehl«, er solle dafür sorgen, daß der stellvertretende Spiegel-Chefredakteur Conrad Ahlers in Torremolinos, wo er Urlaub machte, von den spanischen Behörden festgenommen werde. Das Ansinnen war abenteuerlich, Landesverrat ist kein Fall für die Interpol, die allein so etwas veranlassen könnte. Und so nahm »etwas außerhalb der Legalität«, wie später Innenminister Hermann Höcherl fröhlich sagen wird, der größte Skandal innerhalb des Skandals der Spiegel-Affäre seinen Lauf: Franz Josef Strauß ließ per heimlichem Anruf einen deutschen Journalisten von franco-faschistischen Behörden verhaften.

Über diesem Skandal übersah man, welcher Art die deutsche Sicherungsgruppe war, die in Hamburg und in der Bonner Redaktion den Spiegel überfiel und Augstein sowie die Spiegel-Redakteure Engel, Jacobi, Jaene, Schmelz (der kam freiwillig, ohne Strauß-Theater, von einer Dienstreise nach Budapest zu seiner Verhaftung zurück) und schließlich auch den Verlagsdirektor Becker festnahm; wir werden das nicht vergessen.

Rechte Redaktionskamarilla Augstein, der sich am Samstag um zwölf im Polizeipräsidium gestellt hatte, saß am längsten. Aber er hatte schon sehr früh einen Gefängniskoller. Im Weihnachtsheft schrieb er aus seinem Knast in Koblenz herzlichst dem »lieben Spiegel-Leser«: »Ich erlebe meine gegenwärtige Lage als Christ, ich empfinde mein In-Haft-Sein als stellvertretend und als Rückwurf eines, der vom Glück immer zu sehr begünstigt war.« In seinem »Kämmerlein«, wie er die Gefängniszelle nannte, türmten sich theologische Werke, die ihm die Bibel erklären sollten (...)

Die geschäftsführende Redaktionsleitung hatte Augstein einfach beiseite geschoben, sein Griff zur Bibel war ein versteckter Hilferuf.

Sein Freund Claus Jacobi, der Chefredakteur, der tief verschreckt war, weil die Sicherungsgruppe Bonn bei ihm zu Hause sogar die Kinderbetten durchwühlt hatte, war schon dabei, sich zu Axel Springer abzuseilen. Augstein hat es ihm nie vergessen.

Die Geschäftsführung hatte Augstein für die Zeit seiner Haft seinem scheinbar getreuen Eckart, dem ultrakonservativen Wirtschaftsredakteur Leo Brawand übergeben. Der hatte sein Büro in einem Stockwerk, von dem die Sicherungsgruppe zunächst nichts wußte. Als er merkte, was da unter ihm geschah, alarmierte er auf einer nicht überwachten Sonderleitung seine Frau, die wiederum aus Hannover den Bruder und Rechtsanwalt Josef Augstein alarmierte, der sofort mit dem Wagen nach Hamburg raste. Inzwischen war die Polizei in Brawands Stockwerk vorgedrungen. Er stieg schnell in einen Schrank und ward darum nicht bemerkt. Später darauf angesprochen, verkündete er: »Ich gehe immer in den Schrank, wenn ich nachdenken will.«

Der von Augstein für die Dauer der Haftzeit zum geschäftsführenden Redakteur ernannte Schrankmann machte nun gemeinsame Sache mit »Georg dem Deutschen«, mit Georg Wolff, wie er selbst stellvertretender Chefredakteur des Spiegel.

Anfangs hatte es nur einen politischen Kommentator des Spiegel mit eigenem Namen gegeben: Jens Daniel, und das war Augstein. Unter seinem eigenen Namen (»herzlichst Ihr Rudolf Augstein«) schrieb er in den ersten Jahren all das, was man als »Hausmitteilung« des Spiegel ansehen konnte. Seit 1957 gab es noch »Moritz Pfeil«, manchmal konnte sich hinter diesem Pseudonym auch ein anderes Redaktionsmitglied verstecken. Seit der Spiegel-Affäre siechten Jens Daniel und Moritz Pfeil dahin und verschwanden 1967 ganz. Rudolf Augstein schrieb fast nur noch unter eigenem Namen. Nur als Adenauer starb, wurde Jens Daniel für den Nachruf aus der Grube geholt. Lediglich Günter Gaus durfte, seit er 1969 Chefredakteur wurde, neben Rudolf Augstein politische Leitkommentare schreiben und später auch Nachfolger Erich Böhme, aber nur sehr gelegentlich. Von Stefan Aust, dem Chefredakteur seit 1995, gibt es bis 2002 keine einzige Kolumne. (...)

Jetzt aber, um die Jahreswende 1962/63, da Augstein wer weiß wie lange im Gefängnis sitzen würde, witterte Wolff unter dem geschäftsführenden Redakteur Leo Brawand, der gern seinen Papen spielte, die Chance zur Machtergreifung. Mancher, der es miterleben mußte, ist heute noch verwundert, welche Fragen da plötzlich im Raum standen: Kann der Spiegel so weitermachen wie bisher? Ist nicht die Zeit zu einem Richtungswechsel gekommen? Darf das deutsche Nachrichtenmagazin immer nur in Opposition machen? Fragen, die von der rechten Kamarilla geschickt in die zum Teil verängstigte Redaktion gestreut wurden.

Georg Wolff schrieb auf Seite 10 in derselben Aufmachung wie Rudolf Augstein erst auf Seite 13. Wolff wurde groß im Inhaltsverzeichnis angekündigt, Augstein überhaupt nicht, er wurde nicht einmal im Verantwortlichkeitsimpressum erwähnt. Während die ganze Republik hinter Augstein stand, versteckte ihn die Redaktion wie eine Peinlichkeit, nachdem sie in der ersten Nummer danach sein Verhaftungsfoto noch auf den Titel genommen hatte.

Doch schon seine erste Kolumne aus der Haft (»Soll der Staat zugrunde gehen, damit einem Mann Genüge geschieht?«) wurde irgendwo unter Anzeigen auf Seite 38 vergraben, ohne irgendeinen Hinweis im Inhaltsverzeichnis, jede andere Redaktion hätte zumindest in einem gelben Streifen auf der Titelseite den Beitrag ihres im Gefängnis sitzenden Herausgebers angekündigt.

Nicht weniger schäbig verfuhr der geschäftsführende Redakteur Brawand vier Wochen nach der Festnahme, als Augstein aus dem Gefängnis endlich verkünden konnte: »Der Sturz des Ministers Strauß hat die Bundesrepublik von einer Gefahr befreit« – und sich dann Adenauer, die FDP und die SPD vornahm und dem Volk, das für ihn auf die Straße gegangen war, sagte: »Ihr seid immer so regiert worden wie in den letzten vier Wochen. Ihr wolltet's nur nicht wahrhaben.« Das wurde wieder hinter eine fette Anzeigenseite weggetan, ohne jede Ankündigung vorn.

Wolff dagegen, der in seiner Kolumne über »Lebensfragen der Nation und jedes einzelnen Staatsbürgers« schwadronierte, betonte die Unschuld der »Beamten des Bonner Sicherungsdienstes«. Sie seien »verpflichtet – und Honi soit qui mal y pense –, Landesverrat zu verfolgen«. Das war eine Unverschämtheit gegenüber Augstein, der da seit acht Wochen im Gefängnis saß.

Weiter vor wagten sich die Spiegel-Putschisten dann doch nicht, das halbe Land, das Ausland ohnedies, stand hinter Augstein, mehr denn je, als Adenauer im Bundestag von einem »Abgrund von Landesverrat« sprach.

Sicherungsgruppe Bonn

Was war die Sicherungsgruppe Bonn (ob es sich bei der Wolff- Bezeichnung »Sicherungsdienst« um einen interessanten Zungenschlag handelt, werden wir noch sehen)?

Eigentlich wäre für die Leitung der Aktion gegen den Spiegel der Chef dieser Sicherungsgruppe Bonn Dr. Ernst Brückner zuständig gewesen. Er hatte ganz anständige Qualifikationen. Während seines Studiums gehörte er einer jener Marburger Burschenschaften (V. C. Turnerschaft Thiskonia Marburg) an, die sich im Studentenkorps Marburg beim Kapp-Putsch und bei der Ermordung von fünfzehn gefangengenommenen Arbeitern bleibende Verdienste um die Ordnung im Staat erworben hatten. Brückner war allerdings damals aus Altersgründen noch nicht beteiligt. Er bewährte sich vielmehr seit 1933 als Sturmmann im SA-Nachrichtensturm 212 in Itzehoe, seit 1937 in der NSDAP und bot seit 1939 als Staatsanwalt laut einer Beurteilung seiner Vorgesetzten unbedingt die Gewähr, daß er sich »stets für den nationalsozialistischen Staat einsetzen wird«.

Das waren an sich keine schlechten Voraussetzungen für die Leitung des Überfalls auf den Spiegel. Doch es traf sich, daß Brückner den Bundespräsidenten Heinrich Lübke, dessen Gäste übrigens schon acht Tage vorher von der bevorstehenden Aktion gegen den Spiegel plauschten, bei einem Staatsbesuch im Ausland begleiten mußte. So kam sein Stellvertreter Theo Saevecke zum Einsatz. der noch weit bessere Qualifikationen bot. Er gehörte schon mit sechzehn Jahren der Schilljugend jenes Freikorps Rossbach an, das sich, neben vielen anderen beachtenswerten Tätigkeiten, bei der Liquidierung streikender Landarbeiter in Ostpreußen verdient gemacht hatte. Da allerdings ging es Saevecke nicht anders als Brückner, als er 1927 zur Schilljugend stieß, war das alles schon vorbei. Kein Problem. Er fiel mit der Einsatzgruppe VI des Reichssicherheitshauptamts 1939 in Polen ein und wurde dann Leiter des – das schien nahegelegen zu haben – Mordkommissariats in Poznan, damals Posen genannt. Im März 1941 wurde er in das Reichssicherheitshauptamt Amt V A2 versetzt, das sich »Vorbeugende Verbrechensbekämpfung« nannte.

Von November 1942 bis März 1943 ging es nach Tunis. Saevecke, nunmehr SS-Hauptsturmführer, wurde dort dem SS-Obersturmbannführer Walter Rauff – ebenfalls Reichssicherheitshauptamt – unterstellt, der kurz zuvor in Polen die Gaswagen zur unkomplizierten Menschenvernichtung erfunden hatte. Rauff, der 1945 mit Vatikanhilfe nach Südamerika floh – warum eigentlich? –, war dort für den Bundesnachrichtendienst tätig, wurde aber – wieso eigentlich? – jetzt, 1962, im Jahr der Spiegel-Affäre, abgeschaltet.

Saevecke wiederum war im Juli 1943 Befehlshaber der Sicherheitspolizei geworden, zunächst in Verona und dann in Mailand, und bekam – zu Recht – das Eiserne Kreuz Erster Klasse und das Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern. Ebenfalls Erster Klasse. Denn Saevecke hatte sich, »abgesehen von der Lösung der ihm gestellten sicherheitspolizeilichen und SD-mäßigen Aufgaben«, »besonders in der Bandenbekämpfung« in der Lombardei hervorgetan. Beide Orden waren auch Lohn dafür, daß Saevecke zuvor als Mitglied eines Einsatzkommandos »mit großem Erfolg die Judenfrage im tunesischen Raum bearbeitet« hatte.

Konnte es 1962 einen qualifizierteren Mann geben für den Einsatz gegen Augstein und den Spiegel? Er war nicht ohne Bedacht ausgewählt, denn die meisten führenden Leute des Bundeskriminalamts, zu dem Saeveckes Sicherungsgruppe Bonn gehörte, kannten einander gut aus ihrer Zeit im Reichssicherheitshauptamt, wie die Studie »Auf dem rechten Auge blind« von Dieter Schenk beweist, der von 1980 an selbst Kriminaldirektor im BKA war, dann aber lieber wieder ging. Das BKA war personell die Fortsetzung der Terrorzentrale des »Dritten Reichs«, des Reichssicherheitshauptamts, und insofern erscheint es doch erstaunlich, wie unblutig und kontraproduktiv für die Veranlasser der Sturm auf den Spiegel schließlich verlaufen ist.

Auch war es nicht korrekt, wenn eine schlecht informierte Auslandspresse von Gestapomethoden sprach, mit denen die Regierung den Spiegel heimgesucht habe. Das war insofern schlicht falsch, weil man da zwei Einrichtungen von Reinhard Heydrichs Reichssicherheitshauptamt schlicht durcheinander brachte. Denn Saevecke gehörte dem Amt V des Reichssicherheitshauptamts an, dem Reichskriminalamt unter Arthur Nebe (...). Für die Geheime Staatspolizei, die Gestapo, war das Amt IV zuständig, die hatte Heinrich Müller von ihrem Gründer Rudolf Diels übernommen (...)

Der Spiegel enthüllte schon ein Vierteljahr nach seiner Besetzung Saeveckes Vergangenheit in der SD-Einsatzgruppe Tunesien, meinte aber nicht ohne Milde: »Den politischen Hintergründen und Komplikationen der Spiegel-Affäre stand der Kriminalfachmann Saevecke von Anfang an hilflos und verständnislos gegenüber. Er klagte, daß sich niemand schützend vor die Sicherungsgruppe stellen wollte, die schließlich die ganze Nacht-und-Nebel-Aktion nur auf Weisung der Bundesanwaltschaft veranstaltet habe ...«

Außerdem habe er sich doch bemüht, »den inhaftierten Spiegel-Journalisten das ungewohnte Gefängnisleben zu erleichtern«. Das war Ende Februar 1963 – schon im Januar war der Spiegel-Stürmer aus dem Reichssicherheitshauptamt von der Sicherungsgruppe Bonn zurück zum Bundeskriminalamt nach Wiesbaden versetzt worden. Daß Saevecke auch irgendetwas mit Erschießungen in Italien zu tun gehabt haben könnte, wurde zwar bald bekannt, aber ob man ihm deshalb Vorwürfe machen könne, blieb doch sehr fraglich.

Später beging die Sicherungsgruppe (SG) Bonn ihr zwanzigjähriges Bestehen unter anderem mit einem vergnügten Presserückblick auf die eigene Bedeutsamkeit: »28.10.62, Schlagzeilen in der deutschen Presse: Spiegel-Redaktion überfallen – Nacht-und-Nebel-Aktion der SG – Ahlers aus Spanien entführt – Gestapo-Methoden in Hamburg – Sie hausen in Spiegel-Räumen wie die Vandalen – Tumult im Bundestag über Spiegel-Affäre.«

1971, da hatte Saevecke im Amt den Reichskanzler Hitler, die Bundeskanzler Adenauer, Erhard, Kiesinger und den Regierungsantritt von Brandt überlebt, ging der SS-Hauptsturmführer von der Sicherungsgruppe regulär in Pension – mit guter Altersversorgung.

Unter Helmut Schmidt lebte er in Frieden. Im sechsten Jahr von Helmut Kohl gab es von der Staatsanwaltschaft Dortmund 1988 ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes. Es wurde 1989 eingestellt.

Im Juni 1998, da war Kohl immer noch Bundeskanzler, verurteilte das Militärgericht Turin den nunmehr achtundachtzigjährigen Saevecke schließlich wegen Mord zu lebenslanger Haft. Das war nicht weiter schlimm, denn das Urteil erfolgte in Abwesenheit. Einen Saevecke holen die Italiener nicht so leicht aus Deutschland heraus wie die Deutschen einen Ahlers aus Spanien: Schließlich gibt es ein Grundgesetz, das die Auslieferung deutscher Staatsbürger an fremde Länder verbietet. Im Jahr 2000 verstarb Theodor Saevecke in Frieden, da hatte er dann von Adolf Hitler bis Gerhard Schröder alle Kanzler über- beziehungsweise erlebt.

Happy End für die Republik Aber auch für Saeveckes bekanntestes Opfer, für Rudolf Augstein, nahm die Spiegel-Affäre ein gutes Ende: Die Auflage war kräftig gestiegen. Statt 395000 Spiegel-Hefte zu Beginn des Jahres mußten jetzt 485000 gedruckt werden. Augstein war der unumstrittene Held aller Demokraten in Deutschland. Und Franz Josef Strauß, das war ein Happy End für die Republik, blieb die schon sicher scheinende Kanzlerschaft versagt. Junge Welt, 26.10.2002
 
 

Staatsstreich im Regen

Mit der Besetzung der Redaktion durch die Polizei begann heute vor 40 Jahren die "Spiegel"-Affäre. Sie beschleunigte den Untergang der Adenauerära und bescherte dem Magazin eine Neugeburt - und den Ruf als "Sturmgeschütz der Demokratie"

von STEFFEN GRIMBERG

"Kriminaloberkommissar Karl Schütz trug gedecktes Zivil und festes Schuhwerk. Hinter ihm marschierten, in der Formation des ,offenen Eberkeils', sieben Männer, die ihre Pistolen unsichtbar im Schulterhalfter tragen durften. […] Die Herren waren, am 26. Oktober 1962, im Dienst. Sie gingen ihrem Gewerbe nach - dem Schutz des deutschen Staates."

Auch 40 Jahre danach ist die Spiegel-Affäre eben eine höchst lebendige Legende, vor allem im eigenen Blatt. Weil die Ausgabe 41/1962 gut zwei Wochen zuvor in einer Titelgeschichte über das Nato-Manöver "Fallex 62" Einzelheiten über die mangelhafte Ausrüstung und Stärke der Bundeswehr sowie des "desaströsen Manöververlaufs" veröffentlichte, witterten die Adenauer-Administration und vor allem der damalige Verteidiungsminister Franz Josef Strauß ihre Chance: "Es sollte der finale Schlag gegen ein kritisches und freches Blatt sein - und der war aus Sicht von Strauß und Adenauer hoch verdient", schrieb der Spiegel diese Woche rückblickend. Der angebliche Verrat von Staatsgeheimnissen im "Fallex"-Artikel diente als Vorwand, um die Bundesanwaltschaft gegen das Magazin in Marsch zu setzen. Leiter der Aktion "in dieser regnerischen Freitagnacht": Der spätere Generalbundesanwalt Siegfried Buback, damals bereits Erster Staatsanwalt der Karlsruher Bundesanwaltschaft. Der mit einfallende siebenköpfige "offene Eberkeil" bestand aus Beamten der Einsatzgruppe Bonn, die zur Verstärkung später noch Hamburger Polizei anforderten.

Sie besetzen die Redaktion, gleichzeitig werden die Wohnungen von Spiegel-Redakteuren in Hamburg und Bonn durchsucht. Unter den Festgenommenen sind die Chefredakteure Johannes K. Engel und Claus Jacobi, auch Rudolf Augstein soll in Düsseldorf verhaftet worden sein - ein peinlicher Irrtum: Wer da den Beamten in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt aus einem Kaufhaus entgegenkommt, ist der Verlagsmanager des Düsseldorfer Spiegel-Büros, Erich Fischer. Wie der Medienforscher Lutz Hachmeister schreibt, hatte man den ehemaligen hohen Beamten des NS-Propagandaministeriums - Fischer war seit 1942 Chef der Abteilung "Deutsche Presse" - mit dem Spiegel-Herausgeber verwechselt. Augstein stellt sich am Montag darauf den Behörden, er wird bis zum 7. Februar 1963 in Gefängnis sitzen.

Was die an jenem Herbsttag Nachtdienst schiebenden Staatshüter nicht ahnen können: Sie sorgen nicht nur für die bislang heftigste Erschütterung der langsam zu Ende gehenden ersten Bonner Republik. Sie liefern auch die Grundlage für den künftigen Erfolg des Spiegel - und das bis heute unangefochtene Image als "Sturmgeschütz der Demokratie".

Die öffentliche Reaktion nach der Besetzungs- und Verhaftungsaktion war eindeutig und zeigte, wie sehr sich das "Raumschiff Bonn" mit dem greisen Kanzler an der Spitze von der Stimmung im Land entfernt hatte. Noch herrschten zwar Hochkonjunktur und Vollbeschäftigung, doch man hatte Adenauer allgemein satt. Die Kluft zwischen Alt und Neu manifestierte sich in der Gegenüberstellung des 86-Jährigen mit dem jungen Hoffnungsträger im US-Präsidentenamt, John F. Kennedy. In München haben kurz zuvor die Schwabinger Krawalle die "Keine Experimente!"-Fraktion der Adenauer-Anhänger verschreckt, an der Ludwig-Maximilians-Uni verhindern protestierende StudentInnen die Wiederanbringung des Horazspruches "Dulce et decorum est pro patria mori" ("Süß ists und ehrenvoll, fürs Vaterland zu sterben").

Auf diese Stimmung trifft die Spiegel-Affäre, das staatsstreichmäßige Vorgehen von Strauß schürt Ängste: "Es ging um die Verteidigung der Grundrechte, nicht um den Spiegel", erinnert sich taz-Redakteur Christian Semler, damals Referendar in der bayerischen Haupstadt. "Wenn wir uns jetzt nicht wehren, braut sich etwas zusammen" - diese Stimmung setzte sich fort und verstärkte sich: Als bekannt wurde, dass Strauß persönlich die Verhaftung des im spanischen Torremolinos urlaubenden Autors des ,Falex'-Beitrags, Conrad Ahlers, mit Hilfe der francofaschistischen Guardia Civil angeordnet hatte. Als durchsickerte, dass der Verteidigungs- den von der FDP gestellten Justizminster Wolfgang Stammberger umgangen und damit de facto das Bundeskabinett ausgeschaltet hatte. - "Es war brandgefährlich", so Semler, man befürchtete die "Beseitigung der demokratischen Grundrechte".

Aus heutiger Sicht hatten die Protest eine Art "Vorläufercharakter" für die Studentenbewegung. Und für den Spiegel einen unschätzbaren Wert: Wer sich in den kommenden Jahrzehnten mit der Geschichte des Magazins beschäftigte, landete stets im Jahr 1962. Die 16 davor liegenden Jahre seit der Gründung, die Frage nach dem "frühen Spiegel und seinem NS-Personal" (Hachmeister-Aufsatz) wurden bis weit in die Neunzigerjahre hinein nicht gestellt. Und bis heute vom Magazin selbst - im Vergleich zur aktuellen, wie die "Forex"-Titelstrory über 17 Seiten laufende Geschichte zum 40. Jahrestag der Spiegel-Affäre - eher randständig behandelt.

Seinen Humor hatte der Spiegel dagegen schnell wieder gefunden: Augstein, Ahlers und weitere Redakteure sind noch in Haft, als das Blatt am 21. November 1962 folgenden Leserbrief aus Torremolinos druckt: "Trost für Herrn Ahlers. Hier nichts verpasst, regnet seit Tagen."

taz Nr. 6888 vom 26.10.2002, Seite 21, 182 Zeilen (TAZ-Bericht),
 
 

Tiefster Einschnitt"

"Spiegel"-Redakteur Dieter Wild über die Bedeutung des 26. Oktober 1962 und das Verhältnis Augstein - Strauß

Dieter Wild (71) hat vierzig Jahre lang für den Spiegel gearbeitet. Er begann 1960 im Deutschland-Ressort, war Korrespondent in Paris, leitete das Auslandsressort und wurde 1994 stellvertretender Chefredakteur. Er schreibt heute noch Essays für das Magazin.

Wie haben Sie die Nacht des 26. Oktober 1962 erlebt?

Als die Polizeiaktion begann, war ich nicht mehr in der Redaktion. Ich bekam einen Anruf und fuhr schnell zurück. Die Stimmung unter den Mitarbeitern dort war bedrückt, aber unsere Existenz fühlten wir in diesem Moment nicht bedroht.

Wie ist die Polizei vorgeganen?

Sie haben unsere Unterlagen, insgesamt 17 000 Leitz-Ordner, und sogar unsere Schreibmaschinen beschlagnahmt. Die Aktion der Polizei wirkte auf mich brutal und unprofessionell zugleich.

Dem Spiegel wurde die Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen vorgeworfen. Waren es denn geheime Unterlagen?

Die angeblich Deutschland gefährdenden Informationen waren alle schon veröffentlicht. Der Spiegel hat sie zu einem Gedankengebäude zusammengefügt.

Beginnt die Geschichte des Spiegel - wie wir ihn heute kennen - erst mit der Affäre?

In gewisser Weise, ja. Durch die Affäre wurde der Spiegel international bekannt und erlangte Ansehen. Daraufhin begann man auch das Netz der Auslandskorrespondeten weiterzuspannen. Aber auch schon davor war der Spiegel mit einer Auflage von fast 500.000 ein erfolgreiches kritisches Blatt.

Was bedeutet die Affäre für die Geschichte der BRD?

Sie war das Ende der Ära Adenauer und der tiefste Einschnitt in Nachkriegsdeutschland vor der 68er-Bewegung.

Es heißt, Augstein und Strauß hätten sich gehasst. Wie würden Sie das Verhältnis beschreiben?

Augstein fand, dass Strauß mit seinem Verständnis von Demokratie nicht für einen Ministerposten geeignet sei. Von Hass kann man aber nicht sprechen, später gab es sogar wieder Spiegel-Gespräche mit Strauß. Bei dem damaligen Chefredakteur Erich Böhme habe ich ihn auch mal zu Hause getroffen.

taz Nr. 6888 vom 26.10.2002, Seite 21, 73 Zeilen (Interview), SAT
 
 

Schlamm aufwirbeln

Vor 40 Jahren schrieb die Spiegel-Affäre Mediengeschichte - heute ist investigativer Journalismus in der deutschen Presse ein teures Gut

Von Roderich Reifenrath

Tage der Erinnerung. Und man muss es ihm lassen: Der Spiegel ist Vorläufer und Vorreiter eines knapp dosierten Journalismus' in Deutschland, dessen Vorbilder nicht unbedingt in den eigenen nationalen Grenzen gewachsen sind, sondern eher schon die Straßenschluchten New Yorks bevölkerten. "Investigativ" heißt das Stichwort, wenn eine Medienwirklichkeit beschrieben sein will, in der meist Skandal auslösende und fast immer exklusive Stories auf dem Markt erscheinen, an die Reporter oder Korrespondenten ohne weiteres nicht herankommen. Und welches Blatt in der Republik hätte mehr solch hochexplosiver Beiträge unter die Leute gebracht als das Hamburger Nachrichtenmagazin, das am 26. Oktober vor vierzig Jahren selbst im Zentrum einer Affäre stand, die eine schwere Krise des Kabinetts Adenauer auslöste und mit einem nachhaltigen Erfolg für die Pressefreiheit endete?

Die Überbringer der heiklen Botschaft im Würgegriff der Polizei: Das machte damals weltweit Schlagzeilen. Und beruhigend bis heute ist, dass der Staat in jenen aufregenden Tagen durch kollektiven Widerstand in seine Schranken verwiesen wurde - die wohl nachhaltigste "Strafe" für den misslungenen Versuch, die Eckpfeiler der Informationsfreiheit vollends am selektiven Mitteilungsbedürfnis der Politik auszurichten. Parlamentarische Opposition, Künstler, Professoren, Studenten und Medien stellten sich erfolgreich dem massiven Bemühen vor allem des Verteidigungsministers Franz Josef Strauß in den Weg, am Spiegel ein Exempel zu statuieren und Journalisten für alle Zeiten den Schneid abzukaufen. Ungewollt wurde dieses Aufbäumen sogar zum Test auf den Gehalt des bis heute wirkenden und umstrittenen Karlsruher Lüth-Urteils von 1958. Da hatte das Bundesverfassungsgericht Meinungs- und Pressefreiheit in Artikel 5 des Grundgesetzes mit den höchsten Weihen versehen: "schlechthin konstituierend" für die Demokratie.

Schwer zu sagen, ob der Ausgang der Spiegel-Affäre aufmunternde Wirkung hatte, um der in vielen Journalisten schlummernden Bereitschaft auf die Beine zu helfen, investigativ zu arbeiten. Das Magazin selbst hat sicher davon profitiert, dass danach niemand mehr den Verlagen mit der Keule auf den Leib zu rücken wagte. In schöner Unregelmäßigkeit schwappten und schwappen bis heute von der Küste im Norden die Notifikationen von Skandalen übers Land. Dabei scheint ein Unterschied zwischen der Jetzt- und der Vorzeit darin zu bestehen, dass Leserinnen und Leser früher dem Montag heftig entgegenfieberten, wohingegen die Abstumpfung gegenüber dem "skandalon" mit den Jahren wohl zugenommen hat. Wer in einem Klima der Beliebigkeit und Gewöhnung an alles, was die Menschheit so treibt, noch "Headlines" präsentieren will, die aufreizen und aufrütteln, der muss schon Gewaltiges auftischen. Dennoch: Nur der Spiegel, mehr als üblich risikobereit im Umgang mit Geld und Justiz, hat für dieses Genre wirklich Mediengeschichte geschrieben. Als Belege mögen Begriffe und Namen wie Fibag, Neue Heimat, Barschel, Flick, Kohl und (aber sicher doch) Strauß genügen - Synonyme für die überhaupt nicht hanseatisch anmutende Art, entlarvende Fakten als "muckraking", Schlamm aufwirbeln, zu präsentieren.

"Trompete des Nihilismus", "Schmutzblatt" oder "Aasgeier" haben Kritiker und Gegner des Nachrichtenmagazins gerufen und nie verstanden, dass zu einer abgerundeten Demokratie zugleich eine Presse gehört, die nicht nur referierend den Vordergrund in Staat und Gesellschaft ablichtet, sondern auch die dunklen Ecken ausleuchtet. Das umreißt ein Berufsverständnis, dem das Wächteramt innewohnt, plakativ dokumentiert durch den "Wächterpreis" der Tagespresse.

Dennoch geben diesem Auftrag in der Spiegel-Version die allermeisten Verlage in der Praxis nicht genügend Raum. Versteht man unter investigativem Journalismus korrekterweise etwas anderes als recherchierendes Normalverhalten im Medienalltag, dann fehlt es den bundesdeutschen Tageszeitungs-Redaktionen nämlich durchgehend an Geld, Personal und Auflage, um wochenlang und oft mit detektivischem Feingespür große Korruptions- oder Bestechungsaffären aufdecken, aufbereiten und publizieren zu können.

Nur selten stoßen Reporter ohne tätige Hilfe von außen auf skandalgetränkte Vorgänge, die ein ganzes Land in Wallung bringen. So etwas geschieht also in der Regel mit Zuträgern, Zubringern, Gewährsleuten, Informanten, manchmal gar Intriganten. Sie geben dem Journalisten Einblick in Akten und Dokumente, um - aus welchen Gründen auch immer - einen verborgenen Sachverhalt nach oben zu spülen. Ihre Dienste lassen sie sich häufig fürstlich bezahlen. Und weil sie größtmögliche Wirkung erzielen wollen, klopfen sie bevorzugt bei auflagenstarken Medien an. Im Printbereich sind Spiegel, Stern oder Focus die ersten Adressen. Unter diesen Konditionen haben Tageszeitungen deshalb kaum eine Chance, mit beweissicherem Material versorgt zu werden, um das Mosaik der großen Enthüllungs-Geschichte aufzulegen.

In manchen Verlagshäusern ist schon viel Geld über den Tisch gegangen, um die Exklusivität brisanter Unterlagen zu sichern. In manchen Häusern werden gelegentlich auch die Scheckbücher gezückt, ohne dass man sagen könnte, dieses Geld sei im Dienste der Demokratie gut angelegt. Und in manchen Häusern bedienen sich Kolleginnen oder Kollegen spezieller Methoden, die als Einschleichjournalismus, Tarnkappenjournalismus oder inquisitorischer Journalismus mehr Fragen aufwerfen als es der Profession gut tut.

Daher wird auch vierzig Jahre nach der Spiegel-Affäre, bei der ein Verteidigungsminister das "Sturmgeschütz der Demokratie" ausschalten wollte, weiter darüber gestritten, wann das Enthüllen seine Legitimation verliert. Die Antworten hängen überwiegend davon ab, auf welcher Seite der "Barrikade" jemand steht.

Wie aber, so muss Kritikern hartnäckig suchender und bohrender Reporter immer wieder entgegenhalten werden, sähe die Republik aus, hinge über ihnen ständig das Damoklesschwert eines missvergnügten und sanktionswilligen Staates, wenn es um die peinlichen oder um die leicht mit dem Stempel "geheim" oder "streng geheim" aus dem Verkehr zu ziehenden Wahrheiten geht - jenseits der wirklichen Staatsgeheimnisse?

Eine Ewigkeit ist es her, da ging die Demokratie als Sieger aus der Nacht-und-Nebel-Aktion gegen den Spiegel hervor. Und das ausgerechnet wegen eines erhellenden Artikels über den Zustand der Streitmacht. Ohne beste persönliche Kontakte damaliger Magazin-Akteure zum Bundesnachrichtendienst (BND) wäre der Aufregertext mit dem Titel "Bedingt abwehrbereit" kaum zu Papier gebracht worden. Wohl kaum zugleich ohne die internen Machtkämpfe und Eifersüchteleien zwischen diesem BND und dem Militärischen Abschirmdienst. In den beiden letzten Sätzen steckt nebenbei auch Geschichte, aber ganz andere, etwa eine über die Generation der "Leutnante", wie und wo sie nach dem Zweiten Weltkrieg in Staat und Gesellschaft die Schaltstellen besetzte. Heute wäre das jedoch der Stoff für einen "unvestigativen" Historiker.

Frankfurter Rundschau 2002, 24.10.2002
 
 


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