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+++ Mo.07.04.03, 12:45        zum Nachrichten-Archiv Nachrichten-Archiv         aktuelle Nachrichten Aktuelle Nachrichten

Neunzehnter Kriegstag in Irak

Bagdad wird zum Schlachtfeld +++ US-Truppen erreichen offenbar Stadtzentrum der irakischen Hauptstadt +++ Heftige Kämpfe in der Innenstadt +++ Tausende Tote und Verwundete +++ Krankenhäuser in Bagdad zählen die Verletzten nicht mehr +++

Mo.07.04.03 - US-Panzer und gepanzerte Fahrzeuge haben im Morgengrauen die Innenstadt von Bagdad angegriffen. Aus dem Regierungsviertel werden heftige Kämpfe gemeldet. Ein US-Militär erklärte, am Morgen sei der wichtigste Palast Saddam Husseins eingenommen worden.

Der schwere Angriff hatte gegen 6 Uhr MESZ begonnen. "Wir greifen jetzt genau im Zentrum der Stadt an", sagte ein Militärsprecher der 3. US-Infanterie, Michael Birmingham, der Nachrichtenagentur Reuters. Der Angriff wurde von Raketenangriffen, Artilleriebeschuss und schwerem Maschinengewehrfeuer begleitet. Es sei bereits eine größere Zahl irakischer Panzer und Militärfahrzeuge zerstört worden, sagte der stellvertretende Generalstabschef Peter Pace dem US-Sender CNN. Die US-Truppen würden in Teilen der Stadt bewaffnete Razzien durchführen.

"Wir haben den Hauptpalast des Präsidenten in der Innenstadt Bagdads erobert", sagte Oberstleutnant Pete Bayer der Nachrichtenagentur Reuters. "Es gibt dort unten zwei Paläste und wir befinden uns in beiden." An dem Angriff seien 65 Panzer und 40 gepanzerte Fahrzeuge beteiligt gewesen. Über Opfer unter den US-Soldaten sei nichts bekannt. Die US-Streitkräfte würden nun Bezirke im Nordwesten der Stadt sondieren, fügte Bayer hinzu. Aus mehreren Gebäuden im Stadtzentrum schlagen nach Angaben von dpa-Korrespondenten Flammen. Es seien heftige Schusswechsel zu hören. Auf Live-Fernsehbildern waren am Himmel über Bagdad "A 10"-Kampfflugzeuge zu sehen. Die Jets werden gegen Panzer eingesetzt. Die Nachrichtenagentur AP berichtet, an der Aktion seien mehr als 100 Panzer und rund 1000 Soldaten beteiligt.

In der Nacht hatten nach Berichten des britischen Senders BBC schwere Detonationen den Süden Bagdads erschüttert. Kampfjets patrouillierten ununterbrochen über der Stadt. Eine Reuters-Korrespondentin berichtete von neun oder zehn weiteren Einschlägen in den östlichen Vororten, gefolgt von Artilleriefeuer.

Bereits am Sonntagabend hatte der arabische Sender al-Dschasira zwei heftige Explosionen aus dem Stadtzentrum gemeldet. ZDF-Korrespondent Ulrich Tilgner sprach von einem "wahren Gemetzel" bei einem Vorstoß von US-Spezialeinheiten im Südosten der Stadt. Am Samstag haben die US-Truppen nach eigenen Angaben rund 3.000 irakische Soldaten und Kämpfer getötet. Pace bezeichnete diese Aktion als "sehr, sehr erfolgreich".

Die Anzahl der Opfer ist so hoch, dass es die Krankenhäuser in Bagdad mittlerweile aufgegeben haben, die Verletzten zu zählen. Das erklärte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) am Sonntag in Genf. Das medizinische Personal arbeite ununterbrochen unter hohem Druck und habe für Statistiken keine Zeit, hieß es. Da in den Krankenhäusern der irakischen Hauptstadt ein Patient nach dem anderen eingeliefert werde, sei es unmöglich, genaue Listen über die Bombenopfer zu führen.

Krankenwagen sammelten überall in Bagdad Verletzte ein, andere versuchten zu Fuß, das nächstgelegene Krankenhaus zu erreichen, erklärte das IKRK.

Am Samstag seien etwa in das El-Jarmuk-Hospital südlich der Stadt während heftiger Gefechte rund 100 irakische Verletzte pro Stunde gebracht worden, darunter waren Soldaten und Zivilisten. "Niemand kann zurzeit die Zahl der Verletzten und Toten zuverlässig erfassen", sagte er. Nach irakischen Angaben wurden während des nun zwei Wochen dauernden Kriegs 1.252 Zivilisten getötet und 5.103 verletzt. (Quellen: spiegel, rtr, ap, afp)
 


 

UNO-Hilfswerke: Gesundheitssituation in Bagdad kritisch

Mo.07.04.03 - UNO-Hilfswerke befürchten dramatische Folgen des Dauer-Bombardements der USA und Großbritanniens für die Gesundheit und Versorgung der Bewohner der irakischen Hauptstadt Bagdad, insbesondere der Kinder.

"Wir erwarten eine gravierende Verschlechterung der Gesundheitslage in den nächsten Tagen, als Folge der täglichen Bombenangriffe, die zu schweren Schäden in der Infrastruktur und zu einem drastischen Anstieg der zivilen Opfer in Bagdad geführt haben", sagte Fadela Chaib, Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation der UNO, WHO, am Sonntag in der jordanischen Hauptstadt Amman vor Journalisten.

Nach Angaben der WHO fehlen den Krankenhäusern in Bagdad wichtige Medikamente wie Schmerz- und Narkosemittel, aber auch Insulin und medizinisches Gerät für Operationen. Die UNO- Organisation habe in Amman Bestellungen für 54 der am dringendsten benötigten Medikamente aufgegeben. Diese würden so bald als möglich auf den Weg gebracht, sagte die Sprecherin.

Ein Sprecher des UNO-Koordinationsbüros für Humanitäre Hilfe im Irak (UNOHCI) bezeichnete die Bombenschäden an wichtigen Einrichtungen in Bagdad als schwierigste Hürde für die Behandlung von Verwundeten und Versorgung der Hilfsbedürftigen.

Nach Einschätzung des Roten Kreuzes ist die Lage in der Stadt, die vor Kriegsbeginn fünf Millionen Einwohner zählte, inzwischen nahezu "kritisch", wie ein Sprecher sagte. Durch den Ausfall von Pumpen und Strom würden die Wasserversorgungssysteme sehr bald in einen gesundheitsgefährlichen Zustand kommen.

Vertreter des Kinderhilfswerks der UNO, UNICEF, sagten, es müsse jetzt darum gehen, das Bagdad nicht in eine ähnliche Lage gerate, wie die Menschen in der zweitgrößten Stadt Basra. Während der Kämpfe dort war die Wasserversorgung faktisch zusammen gebrochen, so dass Verwundete oft nicht mehr versorgt werden konnten, weil es kein steriles Wasser mehr gab. Die in der Hitze durstenden Menschen waren in Scharen geflohen.

Von Hunger, Durst und Krankheit bedroht sind nach Einschätzung der Hilfswerke vor allem die irakischen Kinder, in Bagdad rund die Hälfte der Gesamtbevölkerung. (Quelle: rtr)


 

 

Der zwölfjährige Ali Ismail Abbas schlief tief, als der Krieg sein Leben zerstörte

Eine Raketeneinschlag machte das Haus seiner Familie dem Erdboden gleich und tötete die meisten seiner Angehörigen. Er selbst blieb als Waise mit schweren Verbrennungen zurück. Seine beiden Arme wurden durch die Wucht der Explosion abgerissen.

"Es war Mitternacht, als die Rakete auf uns fiel", sagte der unter Schock stehende Junge am Sonntag der Reuters- Korrespondentin Samia Nakhoul im Bagdader Kindi-Krankenhaus. "Mein Vater, meine Mutter und mein Bruder starben. Meine Mutter war im fünften Monat schwanger. Unsere Nachbarn haben mich geborgen und hierher gebracht."

Zum Verlust seiner Eltern kommt hinzu, dass Ali sein Leben lang behindert sein wird. Über seine unsichere Zukunft nachdenkend fragte er ängstlich: "Kannst du mir helfen, meine Arme wieder zu bekommen? Meinst du, die Ärzte können mir ein anderes Paar Hände geben?" Während Tränen über seine Wangen liefen, fügte er verzweifelt hinzu: "Wenn ich kein Paar Hände bekomme, bringe ich mich um." Seine Tante, drei Cousins und drei weitere Verwandte wurden ebenfalls bei dem Luftangriff in der Vorwoche in dem Bezirk Diala Bridge östlich von Bagdad getötet.

"Wir wollten keinen Krieg. Ich hatte Angst vor dem Krieg", sagte Ali. "Unser Haus war nur eine kleine Hütte, warum wollten sie uns bombardieren?", fragte er mit Blick auf die seit zweieinhalb Wochen anhaltenden Luftangriffe der US-geführten Streitkräfte. Was er allerdings nicht wusste: Die Gegend, in der er lebte, war umgeben von Einrichtungen des irakischen Militärs.

Um seine verbrannte Haut vor schmerzhaften Berührungen mit der Bettwäsche zu schützen, hat Ali eine Holzprovisorium vor der Brust. "Als ich klein war, wollte ich Armee-Offizier werden, aber nun nicht mehr", sagte der Junge. "Nun will ich Arzt werden, aber wie so ich das schaffen? Ich habe keine Hände."

Alis Tante Dschamila Abbas kümmert sich um den Jungen. Sie füttert und wäscht ihn, betet für ihn und sagt ihm immer wieder, dass seine Eltern nun im Himmel seien.

Alis Verletzungen sind nur ein Beispiel des täglichen Schreckens, dem irakische Zivilisten in dem Krieg ausgesetzt sind, den die USA und ihre Verbündeten führen, um nach eigenen Angaben Iraks Verzicht auf Massenvernichtungswaffen und den Sturz von Präsident Saddam Hussein durchzusetzen. Seit die Invasionstruppen ihre Bodenangriffe auf Bagdad am Donnerstag begonnen haben und dabei ihre Luftangriffe verstärkt haben ist die Zahl der Verletzten erheblich gestiegen. Krankenwagen auf Krankenwagen bringen Opfer aus allen Stadtteilen in die Kindi-Klinik. Viele Verletzte werden auf Bettlaken eingeliefert, weil es keine Tragen mehr gibt. Das Krankenhauspersonal findet keine Zeit, die Transportliegen vom Blut der Verletzten zu säubern. Über die ganze Abteilung verstreut schreien Patienten auf, Angehörige weinen.

Da viele Mitarbeiter während der Bombenangriffe nicht in die Klinik kommen können, arbeiten die Ärzte rund um die Uhr. Doktor Osama Saleh el Duleimi sagte, das Krankenhaus sei überfüllt. Es gebe kaum noch Betäubungs- und Schmerzmittel. Bislang hätten die Krankenhäuser genügend Ausrüstung und Medikamente, doch nun würden sie von der großen Zahl der Verletzten übermannt, sagte ein Sprecher des Internationalen Roten Kreuzes. "Während des heftigen Bombardements kommen stündlich bis zu 100 Opfer je Stunde in die Krankenhäuser." Die USA versuchen nach eigenen Angaben zivile Opfer so gering wie möglich zu halten. Unabhängige Zahlen über zivile Opfer liegen nicht vor, doch sprechen Mediziner von hunderten Toten und tausenden Verletzten.

Ärzte, die in den beiden Golf-Kriegen zuvor bereits Opfer behandelt hätten, sagten, sie seien fassungslos über die Verletzungen, die sie gesehen hätten. Die meisten Opfer seien schwer traumatisiert und hätten erhebliche Verletzungen, oft am Kopf und am Unterleib. "Ich bin seit 25 Jahren Arzt und dies ist das Schlimmste, was ich im Hinblick auf die Zahl der Opfer und die fatalen Wunden gesehen habe", sagte El Duleimi.

(Quelle: Bericht der Reuters-Korrespondentin Samia Nakhoul, So.06.04.03)
 


 


 

Britische Panzer offenbar in der Innenstadt von Basra

Mo.07.04.03 - Aus zwei Richtungen sind britische Panzer am Sonntag nach Angaben des Militärs und nach Berichten von Augenzeugen in die Innenstadt der seit Tagen belagerten Stadt Basra im Südirak vorgerückt. Die Lage dort war am Sonntagabend jedoch weiter unübersichtlich.

Bei den Kämpfen am Sonntag fielen nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums drei britische Soldaten.

Nach dem Vorstoß einer zweiten Panzereinheit stünden die britischen Einheiten jetzt am Rande der Altstadt, hatte ein britischer Hauptmann Journalisten im Hauptquartier der Kriegskoalition in Katar am Nachmitta mitgeteilt. "Wir sind drin (in der Stadt) mit Panzern, wir bleiben da, und wir gehen nicht nur einfach rein und wieder hinaus", erklärte der Militärsprecher.

Eine britische Sprecherin sagte am Abend, zwar sei der Panzervorstoß am Sonntag insgesamt erfolgreich gewesen, aber es gebe an einigen Stellen noch immer Gegenwehr der irakischen Kämpfer, während andere Gebiete unter Kontrolle seien.

Britische Offiziere hatten zuvor die Angaben irakischer Flüchtlinge bestätigt, wonach die Panzer die Bagdad-Straße im Kern der 1,5-Millionen-Stadt erreicht hätten. Unklar war, ob die Truppen sich dort dauerhaft festsetzen sollen.

Der Sprecher in Katar sagte, es sei geplant, innerhalb der Stadtgrenzen Kontrollpunkte zu errichten, um der überwiegend schiitischen Bevölkerung der Stadt zu zeigen, dass die Briten und Amerikaner als ihre Befreier da seien. Einen Sturm auf die Stadt hatten die Belagerer abgelehnt unter Hinweis auf die zu befürchtende hohe Zahl an zivilen Opfern.

Das Verteidigungsministerium in London teilte am späten Abend mit, in Basra seien drei Soldaten gefallen. Damit erhöhte sich die Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten britischen Soldaten auf 30.

Die Hoffnung der Kriegskoalition, die Schiiten im Süden des Irak würden sich zum Kriegsbeginn gegen Präsident Saddam Hussein erheben, hatten sich nicht erfüllt. Offenbar zu tief saß das Misstrauen der Menschen, die bei ihrem Aufstand nach dem Golf-Krieg von 1991 erleben mussten, wie der Widerstand der Schiiten von Saddams Kämpfern gebrochen wurde.

Augenzeugen berichteten am Sonntag, Milizen Saddams hätten auf Zivilisten geschossen, die im Auto aus der zweitgrößten irakischen Stadt flüchten wollten, um sie so zur aktiven Verteidigung ihrer Heimat zu zwingen. (Quelle: rtr)


 

 

Ihre Wunden sind heimtückisch u. tief, u. sie sehen aus wie ein Ausschlag aus roten Malen auf Rücken, Oberschenkeln und Gesicht

Die Schrapnell-Scherben der Clusterbomben gruben sich 2,5 Zentimeter (und tiefer) ins Fleisch ein. Die Krankenzimmer des Lehrkrankenhauses von Hillah geben Zeugnis ab, dass hier etwas Illegales vor sich ging, etwas, das in keinster Weise vereinbar ist mit der Genfer Konvention. Es geschah in den Dörfern rund um jene Stadt (Hillah), die einst Babylon genannt wurde.

Die wimmernden Kinder, die jungen Frauen mit Brust- u. Beinwunden, die 10 Patienten, die am Gehirn operiert werden mussten, um das Metall aus ihrem Kopf zu entfernen, sie alle legen Zeugnis ab von jenen Tagen u. Nächten, als Explosivgeschosse "wie Trauben" vom Himmel fielen. Die Ärzte sagen, es handle sich um Clusterbomben, u. die Überbleibsel der Luftangriffe, die rund um die kleinen Ortschaften - Nadr, Djifil, Akramin, Mahawil, Mohandesin u. Hail Askeri - verstreut liegen, geben ihnen recht.

Waren es amerikanische oder waren es britische Flugzeuge, die diese Dörfer mit einer der tödlichsten Waffen der modernen Kriegsführung überzogen?

Die 61 Toten, die seit Samstagnacht im Krankenhaus von Hillah ankamen, geben darüber keine Auskunft - ebensowenig die Überlebenden. Die meisten hatten sich ja in ihren Häusern aufgehalten, als sich hoch über ihren Dörfern weiße Behälter öffneten u. tausende kleiner Bömbchen freisetzten, die in der Luft explodierten bzw. durch Fenster u. Hauseingänge geschossen kamen, um im Innern der Häuser zu explodieren. Manche prallten auch von den Dächern der Betonhütten ab, um kurz darauf in den Straßen zu detonieren. ...

Aus Robert Fisk - "Wimmernde Kinder, Tote, Verletzte", Znet 02.04.03

Mehr unter:
http://www.zmag.de/article/article.php?id=556

 


 


 

Verletzte bei Beschuss auf Diplomaten-Konvoi im Irak

Mo.07.04.03 - In Bagdad ist am Sonntag ein Konvoi mit russischen Diplomaten und Journalisten bei der Ausreise aus der irakischen Hauptstadt unter Beschuss geraten. Dabei wurden nach Angaben des russischen Außenminsteriums fünf Personen verletzt, darunter auch der aus Bagdad abberufene russische Botschafter Wladimir Titorenko.

Ob der Beschuss von irakischen oder den US-Truppen zu verantworten ist, oder ob der Konvoi ins Kreuzfeuer geriet, wie ein russischer Journalist meldete, war zunächst unklar.

Das US-Militär im Central Command in Katar erklärte, dass sich keine Truppen der Kriegskoalition in der Umgebung des Vorfalls befunden hätten. Das Gebiet werde noch immer von irakischen Truppen kontrolliert.

Der im Konvoi mitgereiste Journalist Alexander Minakow berichtete über Satellitentelefon dem russischen Fernsehsender Rossija, es habe ein Gefecht zwischen irakischen und amerikanischen Einheiten gegeben. Später sei ein US-Panzerverband dicht an dem Konvoi der Russen vorbei gefahren und die US-Soldaten hätten den Ausreisenden die von ihnen dringend erbetene Hilfeleistung verweigert.

Minakow berichtete, es habe auf einmal eine "schreckliche, heftige Schießerei" gegeben. Der Konvoi habe rund eine Stunde lang angehalten, um die Verletzten zu behandeln. Vor ihnen sei dann auf einmal ein starker US-Panzerverband aufgetaucht. Die Reisenden hätten weiße Tücher geschwenkt, um Hilfeersuchen zu signalisieren. "Aber keiner hat angehalten", sagte Minakow.

Laut Meldung von Interfax waren rund 25 Diplomaten und Journalisten in dem Konvoi mit Ziel Syrien unterwegs. Rund acht Kilometer von Bagdad entfernt sei es zu dem Beschuss gekommen.

Das Außenministerium in Moskau teilte am Abend mit, fünf Diplomaten seien verletzt, Botschafter Titorenko habe jedoch nur eine relativ leichte Blessur davon getragen.

Die russische Regierung hatte wegen des Vorfalls die Botschafter der USA und Iraks ins Außenministerium einbestellt. Die USA und der Irak seien aufgefordert worden, alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Sicherheit der russischen Bürger zu gewährleisten, hieß es in Moskau weiter.

Die US-Streitkräfte waren nach eigenen Angaben über den Konvoi und seine Route informiert und hätten auch geplant, ihn zu schützen, teilte das US-Zentralkommando in Katar mit.

Russland, das den Irak-Krieg als schweren Fehler kritisiert hat, hatte erst kürzlich den US-Botschafter einbestellt, um gegen die Bombardierung eines Bagdader Vorortes zu protestieren, in dem sich auch die russische Botschaft befindet.

Das russische Außenministerium teilte am Abend mit, es habe einen Anruf des US-Außenministers Colin Powell gegeben. Der habe Außenminister Igor Iwanow "tiefes Bedauern in Zusammenhang mit dem Vorfall" zum Ausdruck gebracht. Aus der Erklärung ging jedoch nicht hervor, wer dafür verantwortlich war. Der irakische Botschafter in Moskau lehnte nach seinem Rapport im Ministerium eine Stellungnahme ab. Den Kommentar dazu werde es am Montag geben, sagte der irakische Diplomat Abbas Chalaf. (Quelle: rtr)
 


 

US-Militär: Kerbela nach Straßenkämpfen unter Kontrolle

Mo.07.04.03 - Nach heftigen Häuserkämpfen haben die US-Truppen die den Schiiten heilige Stadt Kerbela im Zentralirak nach eigenen Angaben unter ihre Kontrolle gebracht.

Die Fedajin des irakischen Präsidenten Saddam Hussein hätten damit eine Basis verloren, sagte Oberstleutnant Chris Holden am Sonntagabend Journalisten in Kerbela. "Alle Straßen hier führen nach Bagdad, und nun können wir diese Straßen befahren. Sie sind sicher. Die Gefahr von Überfällen ist sehr gering", fügte er zur Erläuterung der strategischen Bedeutung hinzu.

Bei den schweren Gefechten am Samstag und bis Sonntagmorgen waren nach US-Militärangaben Dutzende irakischer Kämpfer sowie ein US-Soldat getötet worden. An zahlreichen Stellen in der Stadt waren Scharfschützen der irakischen Milizen postiert gewesen. Den Tag über sicherten US-Kampfhubschrauber im Niedrigflug die Bodentruppen gegen Überfälle von Heckenschützen, während US-Panzer durch die Straßen der Stadt rumpelten.

In Kerbela hatten die Schiiten, die in Opposition zum sunnitischen Regime Saddams stehen, nach dem Golf-Krieg von 1991 einen Aufstand begonnen. Da sie damals keine Unterstützung der Alliierten des Golfkriegs erhielten, konnte Saddam die Revolte blutig niederschlagen. Nach Angaben des Militärs wurden die US- Soldaten in Kerbela freundlich aufgenommen. Zu Tausenden seien Menschen am Sonntag auf die Straße gelaufen. Einige hätten den Soldaten zugewinkt und "gut, gut, gut" gerufen.

Augenzeugen berichteten, auf den Straßen hätten die von schwerer Artillerie in Stücke geschossenen toten irakischen Kämpfer gelegen, während in der Nähe bereits die Kinder zum Spielen aus den Häusern kamen. (Quelle: rtr)


 

 

USA setzen nicht mehr auf Kapitulation

«Fließendender» Sieg wird angestrebt

Mo.07.04.03 - Die USA haben ihre Strategie für das «End Game», die letzte Phase des Irak-Krieges, festgezurrt. Wie verschiedene Regierungsbeamte andeuten, streben sie einen «fließenden» Sieg an und nicht mehr eine offizielle Kapitulation des Gegners, die das Ende des militärischen Konflikts konkret für alle Welt markieren würde. Dass es jemals zu einer solchen förmlichen Aufgabe kommen könnte, gilt als zunehmend unwahrscheinlich.

Hauptkriterien für die Siegeserklärung, so heißt es, seien die Kontrolle über «wesentliche» Teile des Landes, aber nicht zwangsläufig über ganz Bagdad, und die weitgehende Niederschlagung des Widerstandes gegen die Alliierten im Land. Dabei würden die USA in den nächsten Tagen aber nicht primär auf die «Eroberung und Besetzung» von Territorium abheben, sondern darauf, «die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass ihr Regime nicht mehr am Ruder ist». Das sei der wesentliche Punkt «und nicht die Geographie».

Was Bagdad betreffe, müsse vor einer Siegeserklärung zumindest sicher gestellt sein, «dass noch vorhandene Überbleibsel des Regimes keine Macht mehr ausüben», wie ein Beamter es formulierte. Dazu soll nach Angaben von Pentagon-Kreisen der Ring um die Hauptstadt immer enger gezogen werden. Von diesen äußeren gesicherten Positionen aus würden - wie bereits geschehen - gezielte Vorstöße in einzelne Teile Bagdads unternommen. «Stück für Stück» werde man ausgesuchte Ziele attackieren und so die Kontrolle stufenweise ausbauen oder, wie es der Analytiker Kenneth Pollack ausdrückte: «Dem Regime wird der Saft ausgequetscht.»

In das Szenario eines «fließenden» Sieges ohne einen einzelnen großen Sturmangriff auf Bagdad fügen sich auch Äußerungen von gleich drei Regierungsstellen auf einmal zum Schicksal von Saddam Hussein. Sowohl Außenminister Colin Powell als auch die Sprecher des Weißen Hauses und des Pentagon erklärten am Freitag, dass es im Prinzip wenig wichtig sei, ob der irakische Präsident tot oder am Leben sei. Das Entscheidende werde am Ende sein, dass er und seine Gefolgsleute nicht mehr die Kontrolle über ihr Land ausübten.

Das bedeutet nach der Interpretation von Strategie-Experten: Auch wenn der Verbleib von Saddam ungeklärt bleiben sollte, würde das die USA nicht davon abhalten, zu einem bestimmten Zeitpunkt den Sieg zu erklären. Wann dieser Zeitpunkt gekommen ist, hängt den Regierungsbeamten zufolge wesentlich von der Einschätzung des US- Oberbefehlshabers im Irak-Krieg, Tommy Franks, ab. Die letzte Entscheidung liege aber bei Präsident George W. Bush. Nach Angaben der Beamten haben Planer Monate lang an einer Definition eines Sieges in diesem Kriegsfall gearbeitet - «an der Festlegung, wie die Situation aussehen muss, wenn der Sieg da ist», wie die «Washington Post» einen an den Beratungen Beteiligten zitierte.

Nach Angaben aus verschiedenen Quellen könnte der Zeitpunkt dann erreicht sein, wenn Bagdad durch die US-Streitkräfte sozusagen fest eingeschnürt ist und die Aussichtslosigkeit der Lage in der Hauptstadt deutlich zu werden beginnt. In dieser Phase könnten die USA mit dem Aufbau einer Übergangsregierung beginnen - möglicherweise in einem Ort nahe Bagdad. Die Stadt selbst sei «fast unbedeutend», sobald sie vom Rest des Landes abgeschnitten sei, formulierte es unlängst Generalstabschef Richard Myers.

Aber nicht alle Militärexperten stimmen da zu. Viele meinen, dass ein «wahrer» Sieg die Kontrolle über Bagdad voraussetze. Dazu gehört James Bodner, ein hoher Pentagon-Beamter unter Präsident Bill Clinton: «Solange wir nicht Bagdad eingenommen und die meisten Elemente des Regimes entfernt haben, ist unsere Aufgabe nicht beendet.» (Quelle: dpa)
 


 


 

18 Kurden durch «Friendly Fire» getötet

Mo.07.04.03 - Bei einem irrtümlichen US-Angriff auf einen von US-Einheiten begleiteten kurdischen Fahrzeugkonvoi in Nordirak sind 18 Kurden getötet worden. US-Soldaten seien bei dem "friendly fire"-Zwischenfall entgegen ersten Angaben nicht ums Leben gekommen, sagte ein Sprecher der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK). Etwa drei US-Elitesoldaten und 45 kurdische Kämpfer seien verletzt worden, als US-Kampfflugzeuge den Konvoi beschossen.

Ärzte in Erbil hatten zuvor noch von vier getöteten US-Soldaten gesprochen. Das US-Zentralkommando in Katar räumte einen möglichen Fehlbeschuss im Südosten der Ölstadt Mossul ein. Der Vorfall werde untersucht. Zudem hieß es, bei einem weiteren möglichen Fall von Beschuss aus eigenen Reihen seien drei US-Soldaten getötet und fünf weitere verletzt worden. Angaben zum Ort und Zeitpunkt dieses Zwischenfalls wurden nicht gemacht.

Zwei US-Flugzeuge waren nach Angaben des DPK-Sprechers bei Dibagah, 50 Kilometer nordwestlich von Kirkuk, versehentlich Bomben auf die Kämpfer und mit ihnen verbündete US-Soldaten ab. Zwei oder drei US-Elitesoldaten seien leicht und 45 kurdische Kämpfer zum Teil schwer verletzt worden. Unter den schwer Verletzten war auch Wadschi Barsani, der Bruder von DPK-Chef Massud Barsani, der die DPK-Spezialeinheiten bei ihrer Zusammenarbeit mit den USA führt. Die US-Armee habe ihn zur medizinischen Versorgung nach Deutschland ausgeflogen. Barsanis Sohn Mansur sei leicht verletzt worden.

Ein BBC-Reporter, der die Einheiten am Boden begleitete und selbst leicht verletzt wurde, berichtete, der Konvoi aus acht bis zehn Fahrzeugen sei von zwei Fahrzeugen mit US-Einheiten begleitet worden. "Alle Fahrzeuge brennen, das ist eine Höllenszene", sagte John Simpson. In der Umgebung seien Leichenteile verteilt. (Quelle: afp)


 

 

Kurdische Kämpfer rücken vor. Ethnische Säuberung in Kirkuk befürchtet

Die von den Irakern entlang der kurdischen Nordfront verlassenen Frontabschnitte gleichen einander. So schnell, wie Saddam Husseins Truppen sich zurückziehen, so schnell rücken die von der US-Luftwaffe unterstützten kurdischen Kämpfer nach.

Nicht nur Elitesoldaten, sondern auch reguläre US-Truppen nehmen jetzt an den Kämpfen teil: Seit dem Wochenende rollen Kolonnen von Jeeps an die Front. Mindestens 250 US-Fallschirmjäger der 173. Luftlandedivision, wahrscheinlich aber weit mehr, wurden nach vorne verlegt. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die USA das Marschtempo an der bisher eher schläfrigen Nordfront erhöhen.

Im Südosten, nahe der iranischen Grenze, rücken die Kurden in Richtung der Ölstadt Khanaquin vor. Vor allem aber stehen sie 20 Kilometer vor den strategisch wichtigen Städten Kirkuk und Mossul. Damit scheint der Fall der Großstädte in den nächsten Tagen möglich.

Mit dem Fall von Kirkuk dürften politische Probleme auftauchen: In der autonomen Kurdenregion im Norden warten Hunderttausende kurdische Flüchtlinge aus Kirkuk auf die Flucht der irakischen Armee. Die Kurden wollen lieber heute als morgen zurückkehren - sie wurden von Saddam Hussein vertrieben. Und sie scheinen im Gegenzug bereit zu sein, Hunderttausende von Saddam in Kirkuk angesiedelte Araber zu verjagen.

Zwar sagt Kirkuks Exilgouverneur Nizam Madin Gly, die Kurdenregierung wolle die Rückkehr der Kurden und den Abzug der Araber organisieren, "notfalls mithilfe der Vereinten Nationen". Aber er sagt auch: "Die Araber haben uns Kurden vertrieben. Sie haben uns die Häuser gestohlen. Wer sein Haus auf kurdischem Boden gebaut hat, der wird enteignet." Was droht, ist eine ethnische Säuberung.

Kirkuk ist seit Jahrzehnten Zankapfel zwischen den in der Region lebenden Völkern. Ein Drittel der irakischen Erdöls lagert rund um die Stadt. Die Reserven werden auf mindestens zehn Milliarden Barrel geschätzt.

Es sind nicht nur die Kurden, die Anspruch auf Kirkuk erheben. Seit dem Ende des osmanischen Reichs 1918 streiten sie mit Arabern, Turkmenen und Türken um die Stadt. Die britische Mandatsmacht hatte Kirkuk, entgegen der Versprechungen vom eigenen Kurdenstaat, nach dem Ersten Weltkrieg dem neu geschaffenen Staat Irak zugeschlagen.

Nicht nur Kurden, auch Türken protestierten erfolglos: Sie betrachteten die frühere osmanische Provinz als türkisches Territorium. Ankara stellt trotz einer abschließenden Regelung durch den Völkerbund bis heute Ansprüche. Es ist fraglich, wie diese Ansprüche der alten und der neuen Bewohner von Kirkuk befriedigt werden können. (Quelle: Der Standard, 7.4.03)
http://derstandard.at/?id=1263563


 

Einig sind sich die amerikanisch-britische Allianz und die diversen Oppositionsgruppen nur in ihrer Front gegen den gemeinsamen Feind Saddam Hussein. Jetzt, da der militärische Sieg der alliierten Verbände über das Baath-Regime kaum mehr bezweifelt wird, treten die widersprüchlichen Auffassungen darüber, wie der Irak künftig regiert werden soll, immer schärfer hervor. Nutznießer der Streitigkeiten im Gemenge der konträren Interessen könnten die Kurden sein, selbst wenn ihnen die Realisierung des ganz großen Traumes, dem vom unabhängigen Kurdistan, auch weiterhin verwehrt bleiben wird. (telepolis, 07.04.03) Mehr unter:
http://www.heise.de/tp/deutsch/special/irak/14553/1.html

 


 


 

Türkei und Iran einig in Ablehnung eines Kurdenstaates im Nordirak

Mo.07.04.03 - Die Türkei und Iran lehnen eine Zerschlagung des Iraks und die Bildung eines Kurdenstaates im Nordirak ab. Das machten beide Seiten bei einem Besuch des iranischen Außenministers Kamal Charrasi in Ankara deutlich. Man sei entschieden dagegen, dass der Irak zerstückelt werde, sagte Charrasi nach einem Gespräch mit seinem türkischen Kollegen Abdullah Gül. Dieser bekräftigte, die "Sorgen" beider Länder bezüglich der Entwicklung im Nordirak seien "identisch". (Quelle: dpa) Mehr unter:
http://www.nzz.ch/2003/04/07/al/page-article8S69Q.html


 

 

«Die Mission sei sehr klar, meinte Präsident Bush, es ginge um die Entwaffnung des Irak. Für die einen entwickelte sich Bushs Mission - cum grano salis - zum Manöver mit Gefahrenzulage, für die anderen zum kürzesten Kampf ums Überleben. Für die einen ist es ein Abenteuer im Hightech-Waffenlabor - für die anderen das letale Risiko als Versuchskaninchen. Und deshalb quält die Frage nach der Legitimation dieses Krieges mehr denn je: Wo bleiben die Massenvernichtungswaffen des irakischen Terror-Regimes, das nichts mehr zu verlieren hat und das nach Bush bereit ist, die teuflischen Stoffe rücksichtslos einzusetzen?»

Aus: Goedart Palm - "Auf der Suche nach den Kriegsgründen", telepolis 07.04.03
http://www.heise.de/tp/deutsch/special/irak/14551/1.html

 


 


 

Sondersitzung des Sicherheitsrats zu Irak

Mo.07.04.03 - Zur Erörterung der Lage in Irak hat UN-Generalsekretär Kofi Annan den Weltsicherheitsrat um eine Sondersitzung am (heutigen) Montag gebeten. Das Treffen sollte um 17.00 Uhr MESZ beginnen. Einem UN-Sprecher zufolge wurden dafür eigens die bereits anberaumten Gespräche über die Elfenbeinküste verschoben.

Annan hatte in den letzten Tagen mit Vertretern aller 191 UN-Mitgliedstaaten über die humanitäre Situation im Kriegsgebiet sowie über die Rolle der UN beim Wiederaufbau des Landes beraten. Dabei hätten vor allem die arabischen Länder ihren Unmut über den Irak-Krieg bekundet und stärkere Bemühungen der Vereinten Nationen um einen Waffenstillstand angemahnt, erklärte der UN-Generalsekretär.

Über den Wiederaufbau Iraks zeichnen sich im Weltsicherheitsrat dieselben Differenzen ab wie über die schließlich nicht erfolgte Billigung des Krieges. Die USA vertreten die Ansicht, dass die Alliierten am Golfauch den Aufbau organisieren sollten. Die Kriegsgegner Deutschland, Frankreich und Russland wollen diese Zuständigkeit dagegen ausschließlich den UN übertragen, da nur sie dazu legitimiert seien. (Quelle: ap)
 


 

Washington bekräftigt Führungsrolle bei Wiederaufbau Iraks

Mo.07.04.03 - Vertreter der US-Regierung haben bekräftigt, dass die USA den Wiederaufbau des Irak leiten werden und nicht die UN. Zugleich wiesen sie darauf hin, dass die Führungsrolle sich nur auf die "Anfangsphase" nach dem Fall des Regimes von Saddam Hussein beziehe. Ziel sei es, die Verantwortung möglichst rasch in die Hände des irakischen Volkes zu legen. Die USA könnten bereits in dieser Woche erste Schritte zur Etablierung einer provisorischen Regierung einleiten. Geführt werden soll sie von einem pensionierten US- General. (Quelle: dpa)


 

 

«Verteilung der Beute - US-Übergangsregierung für Irak wartet in Kuwait auf Einsatz. Ölkonzernen Verträge zugesichert»

Bereits in dieser Woche wollen die USA eine neue Administration im Südirak etablieren. Die US-Bürger, die nach dem Willen Washingtons die Übergangsverwaltung leiten sollen, warten bereits im Nobelhotel Hilton Beach in Kuwait auf ihren Einsatz. Künftiger Chef der Besatzungsbehörden soll demnach US-General a. D. Jay Garner werden. Wie im Krieg vertraut Washington nur sich selbst: Die Regierungsmitglieder für einen »demokratischen Irak« haben alle einen US-Paß. »Die Liste der Hotelgäste verzeichnet neben Garners Gruppe auch offenkundig Mitarbeiter von Geheimdiensten sowie Experten von der US-Behörde für Internationale Entwicklung«, berichtete die Nachrichtenagentur AP aus Kuwait. Die Macht solle so zügig wie möglich an das irakische Volk übergeben werden, erklärte indes US-Präsident Bush salbungsvoll. Einen Zeitplan gibt es dafür wohlweislich nicht.

In London wurde derweil über die Bodenschätze des Irak verhandelt. Internationale Ölkonzerne sollen eine führende Rolle beim Wiederaufbau der Industrie in der Zeit nach dem Krieg einnehmen. Darauf verständigten sich irakische Exilpolitiker und führende US-Vertreter am Samstag in der britischen Hauptstadt. Die Gespräche fanden nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters unter der Schirmherrschaft des US-Außenministeriums statt. Verhandlungen mit großen Ölfirmen über langfristige Verträge könnten demnach in Bälde beginnen. (Aus "junge Welt" vom 07.04.03)
http://www.jungewelt.de/2003/04-07/001.php


 

Für die Zeit danach gibt es seit langem Pläne

In ihnen ist eine irakische Übergangsregierung nicht vorgesehen.

Bei der Konferenz mit irakischen Oppositionsgruppen in Salahuddin (Irakisch-Kurdistan) machte der US-Repräsentant Zalmay Khalilzad der dort gebildeten Sechs-Parteien-Führung unmissverständlich klar, dass für sie nicht mehr drin ist als eine beratende Funktion. Es wird einen Militärgouverneur und einen zivilen Verwaltungschef geben, die beide von den Krieg führenden Staaten eingesetzt werden. Militärgouverneur wird sicherlich Tommy Franks, der Oberkommandierende der amerikanisch-britischen Allianz. Fürs Amt des Zivilverwalters ist Jay Garner (siehe Porträt) benannt worden. Zudem ist offensichtlich auch schon der Verwalter der irakischen Erdölindustrie ausgeguckt: Bill Martin, ein früherer Mitarbeiter des US-Energieministeriums.

Der Zivilverwalter soll "die amerikanischen Firmen koordinieren, die beim Wiederaufbau helfen sollen", schrieb die Süddeutsche Zeitung. Dafür sind die ersten Kontrakte offenbar schon vergeben. Einer Tochtergesellschaft des größten Zulieferers für die Erdölindustrie, Halliburton, wurde schon die Feuerbekämpfung in brennenden Erdölanlagen übertragen; Anschlussverträge (Hafenbau in Umm Kasr) sind geschlossen. Zufällig war Richard Cheney Halliburton-Generaldirektor, ehe er George W. Bushs Vizepräsident wurde. Auch andere Firmen, die am Wiederaufbaugeschäft beteiligt werden, haben guten Kontakt zur Bush-Administration.

Die Besatzungs-Pläne sehen eine Dreiteilung Iraks vor, wie zuerst die in London erscheinenden arabischen Zeitungen al- Hayat und asch-Schark al-Awsat berichteten. Der kurdische Norden, die Zentralregion um Bagdad und der schiitische Süden sollen von US-Administratoren geführt werden, die Garner unterstehen. Ihnen sollen politisch minder belastete Fachkräfte aus der Verwaltung des bisherigen Regimes zuarbeiten. Dies ist der Punkt, an dem sich der Zorn der (bisher im Exil lebenden) Oppositionsgruppen besonders heftig entzündet. Der Einwand, dass sich eine Demokratisierung nicht glaubhaft und nachhaltig einleiten lässt, wenn Diener des Baath-Regimes - des von Saddam Hussein seit 1979 gleichgeschalteten administrativen und politischen Apparats - mit der Durchführung im Detail betraut werden, ist schwer zu entkräften.

Für die wirtschaftspolitische Aufgabe, das bürokratische System durch ein kapitalistisches zu ersetzen, dürften diese "unentbehrlichen Fachkräfte" indessen geeignet sein: Widerspruch gegen Beschlüsse der Besatzungsmacht ist von ihnen kaum zu erwarten. Er könnte das sofortige Ende ihrer Karriere bedeuten.

Für die Finanzierung der Militärverwaltung (Besatzungskosten) und die Bezahlung des Neu- und Wiederaufbaus will die Administration auf Erdöleinnahmen zurückgreifen. Bis zur Aufnahme voller Produktion veranschlagen Fachleute eine Rekonstruktionsfrist von wenigstens drei Monaten, unter der Voraussetzung, dass die Förderstätten den Krieg weitgehend unbeschädigt überstehen. Überraschend einig sind sich die Spitzenpolitiker der USA und Russlands in dem Satz, dass die Bodenschätze "dem irakischen Volk gehören", wie Moskaus Außenminister Igor Iwanow vorige Woche formulierte. Iwanow leitete daraus freilich den Anspruch ab, dass vom bisherigen Regime mit russischen Firmen geschlossene Verträge honoriert werden müssen. Die USA hingegen werden ihren Vertrauensmann Bill Martin mit der Petro-Verwaltung betrauen und voraussichtlich alle Verträge neu aushandeln lassen. Daraus ergibt sich folgendes Szenario: Die Ölförderrechte werden hauptsächlich US-Firmen zufallen, eventuell auch britischen. Sie werden die im Welt-Ölhandel zu erreichenden Gewinne einstreichen.

Vom Rest, der bei einer erhofften Tagesförderung von drei Millionen Barrel bei einem Weltmarktpreis von 20 bis 25 Dollar auf Irak entfällt, hätte Iraks neue Verwaltung Besatzungskosten und Wiederaufbau zu bezahlen und einen Staatshaushalt zu bestreiten - und Irak müsste wahrscheinlich auch Reparationen zahlen, obwohl es nicht der Angreifer war. Viel mehr als zwanzig Milliarden Dollar jährlich werden nach Abzug der Vorleistungen kaum dafür verfügbar sein. Da nach völlig unzureichenden Schätzungen allein die Bewältigung der Kriegsschäden weit über 100 Milliarden Dollar kosten wird, stehen Irak also Belastungen über Jahrzehnte bevor.

Die Militärverwaltung soll nicht so lange bestehen bleiben (Plan A); danach hätte eine nationale irakische, womöglich demokratische Regierung Aufgaben und Kosten zu übernehmen (Plan B). Für die Pläne gilt wohl Bert Brechts Satz: "Gehn tun sie beide nicht." Denn mit einem Wirtschaftsregime, das dauerhaften Kapitalabfluss in die Dollarzone bedeutet, dürften sich die Iraker kaum abfinden. Hier liegt der Keim künftigen Widerstands.

Aus: Karl Grobe - "Keim des Widerstands - Wiederaufbaupläne für Irak und ihre absehbaren Folgen", Frankfurter Rundschau vom 31.03.03
 


 


 

Bundesregierung und Union warnen USA vor weiteren Alleingängen

Mo.07.04.03 - Angesichts des Vormarschs amerikanischer Truppen haben Bundesregierung und Union die USA einhellig vor Alleingängen beim Aufbau einer Nachkriegsordnung im Irak gewarnt. Spitzenpolitiker forderten am Wochenende eine - von den USA in Frage gestellte - Führungsrolle der Vereinten Nationen (UN) beim Wiederaufbau des vom Krieg verwüsteten Landes.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bekräftigte in einem am Sonntag im ZDF ausgestrahlten Interview, der Aufbau eines demokratischen Irak müsse "unter dem Dach der Vereinten Nationen" geschehen. Laut Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) hat die Bundesregierung starke Vorbehalte, sich an der Sicherung eines Wiederaufbaus unter Führung der USA zu beteiligen.

Nach Kritik an ihrem pro-amerikanischen Kurs im Irak-Krieg sagte CDU-Chefin Angela Merkel am Samstag in Bochum an die Adresse der USA: "Wenn Ihr glaubt, dass Ihr als einzige Supermacht auf dieser Welt alles alleine regeln könnt, dann werdet Ihr scheitern." Die Partei- und Fraktionschefin warnte am Sonntag im Deutschlandfunk aber davor, den USA in der Debatte über eine Nachkriegsordnung mit Misstrauen zu begegnen. Merkel äußerte Verständnis für innerparteiliche Kritiker ihres pro-amerikanischen Kurses. Wegen ihrer Haltung in der Irak-Frage war sie in der Wählergunst abgestürzt.

Schröder sagte im ZDF: "Es wird politisch schwierig sein, die Nachkriegsordnung aufzubauen, denn natürlich ist neben den direkten Opfern auch viel in Frage gestellt worden." Die UN verfügten über eine "zureichende Legitimation" und genössen das Vertrauen der Menschen vor Ort. Die Sicherheitsberaterin von US-Präsident George W. Bush, Condoleezza Rice, hatte laut US-Medien gesagt: "Es ist nur natürlich zu erwarten, dass die alliierten Kräfte die leitende Rolle haben werden, nachdem sie sich an der Befreiung des Irak beteiligt und dafür Leben und Blut geopfert haben."

Struck sagte der "Frankfurter Rundschau" (Montag) zur Sicherung einer Nachkriegsordnung: "Wenn das Land nicht von den UN wiederaufgebaut wird, sehe ich keine primäre Verantwortung Deutschlands." Die deutschen Vorstellungen seien deckungsgleich mit denen der EU: "Die Vereinten Nationen sollten das machen." Zu Meldungen, die Bundeswehr plane bereits die Entsendung von 1500 Soldaten für eine UN-Blauhelm-Mission nach dem Krieg, sagte Struck: "Solche Planungen gibt es nicht." Schröder schloss im ZDF die Entsendung deutscher Blauhelm-Soldaten zwar nicht aus. Er betonte aber, für eine Entscheidung darüber sei es noch zu früh.

Struck nahm auch zu Meldungen Stellung, dass schon US-Unternehmen für den Aufbau ausgesucht worden seien. Wenn das zuträfe, sei er "erst recht der Auffassung, dass der Aufbau auch von US-Militär abgesichert wird". Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) warnte die USA im Sender NDR-Info davor, Unternehmen aus Deutschland, Frankreich und Russland beim Wiederaufbau auszuschließen. "Wer sich so verhält, der sagt öffentlich, dieser Krieg ist unser Eigentum, und das, was hinterher im Irak entsteht, ist eine Kolonie."

Grünen-Chef Reinhard Bütikofer meinte am Samstag im sächsischen Oschatz, es könne nicht sein, dass die UN und die NATO beim Wiederaufbau in Hilfsrollen für die USA degradiert würden. Seine Co- Vorsitzende Angelika Beer forderte im Bremer "Kurier am Sonntag", die finanzielle Hauptlast beim Wiederaufbau müssten die Kriegsparteien tragen. Die Nachkriegsordnung müsse aber unter UN-Verantwortung entwickelt werden. Beer warnte zugleich: "Wir wissen allerdings nicht, ob Washington den Kampf gegen die 'Achse des Bösen' in der Region fortsetzen will."

Struck sagte, er könne sich "ernsthaft nicht vorstellen", dass sein US-Kollege Donald Rumsfeld "schon Kriegspläne für Syrien, Iran oder ein anderes Land auf der Erde erarbeiten lässt". Die Reaktionen in aller Welt, aber "auch die Reaktionen in den USA selbst sollten die US-Regierung zur Einsicht bringen, dass der Irak eine Ausnahme bleiben muss", sagte Struck. "Alle anderen Krisen müssen politisch und diplomatisch gelöst werden." Grünen-Politiker forderten eine UN- Reform und eine Überprüfung der Veto-Rechte im Sicherheitsrat. (Quelle: dpa)
 


 

Zehntausende protestierten erneut gegen Irak-Krieg

Mo.07.04.03 - Am dritten Wochenende seit Beginn des Irak- Krieges gingen erneut zehntausende Kriegsgegner in mehreren Ländern auf die Straße. Zu den größten Kundgebungen kam es in Spanien und der Türkei.

In Madrid besuchten nach Angaben der Veranstalter mehr als eine halbe Million Menschen ein Anti-Kriegs-Festival. Mit einer Großkundgebung haben in Istanbul zahlreiche Menschen gegen den Irak-Krieg protestiert. De Nachrichtensender CNN-Türk sprach von Zehntausenden von Demonstranten. Zu der Protestveranstaltung unter freiem Himmel hatten zahlreiche Gewerkschaften, linksgerichtete Parteien und gesellschaftliche Gruppen aufgerufen. Am Rande der Kundgebung kam es zu Ausschreitungen, bei denen die Polizei Tränengas gegen Steine werfende Demonstranten einsetzte.

In London zogen Tausende Demonstranten vor die US-Botschaft. Auf Plakaten wurden US-Präsident George W. Bush und der britische Premierminister Tony Blair als "Achse des Bösen" bezeichnet. Die Teilnehmer forderten auch den Rücktritt Blairs. Aus Italien wurde mehrere kleine Proteste gemeldet. In Deutschland gingen am Samstag nur einige tausend Kriegsgegner auf die Straße. Vor dem US-Militärstützpunkt in Heidelberg demonstrierten mehr als 2000 Menschen. Am Hauptquartier der US-Landstreitkräfte in Europa legten die Demonstranten einen Kranz nieder und gedachten mit Blumen der Opfer des Krieges. Proteste wurden auch aus Mannheim, Karlsruhe und Nürnberg gemeldet. Weitere kleinere Kundgebungen gab es auch in München, Braunschweig, Köln, Bielefeld, Bremen und Gütersloh. (Quelle: info.partisan.net)


 

 

Spanischer Untersuchungsrichter Garzon spricht bei Anti-Kriegs-Demonstration in Madrid

Mo.07.04.03 - Der spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzon hat am Sonntag die spanische Regierung und die USA wegen des Golfkriegs scharf kritisiert. Angekündigt als einfacher «Bürger Baltasar Garzon» trat der für seinen Einsatz gegen den chilenischen Exdiktator Augusto Pinochet bekannte Richter bei einer Protestkundgebung in Madrid auf.

Vor Tausenden von Demonstranten beklagte er, die Institution der Vereinten Nationen werde «zerstört durch Tausende von Bomben, die auf Grund einer willkürlichen, unilateralen Entscheidung abgeworfen werden». Garzon kritisierte die spanische Regierung dafür, dass sie den Irak-Krieg gegen den erklärten Willen des Volkes unterstützt - Umfragen zufolge sind bis zu 90 Prozent der Spanier gegen den Krieg. Zudem warf er dem Kabinett von Ministerpräsident José Maria Aznar Gefühllosigkeit gegenüber den zivilen Opfern vor.

Garzon wurde 1999 durch den letztlich gescheiterten Versuch bekannt, den früheren chilenischen Präsidenten Pinochet wegen Völkermords vor ein spanisches Gericht zu bringen. Er geht aber auch gegen baskische Separatisten vor und ließ zahlreiche mutmaßliche Mitglieder des Terrornetzwerks El Kaida verhaften. (Quelle: ap)
 


 

 

«Im Internet findet sich vor allem seit dem letzten Irakkrieg eine ernst zu nehmende Anzahl alternativer Nachrichtenquellen. Seit einiger Zeit haben sich darüber hinaus vor allem halb professionelle, tagebuchähnliche Angebote, so genannte Webblogs, in Kriegszeiten auch Warblogs genannt, etabliert.»

Mehr bei netzkritik.de unter:
http://www.netzkritik.de/art/82.shtml

 


 


 

UNO berichtet von Massaker an Zivilisten in Republik Kongo

Mo.07.04.03 - In der Demokratischen Republik Kongo haben mit Macheten und Schusswaffen bewaffnete Milizen nach UNO-Informationen nahezu 1000 Zivilisten massakriert.

Ein Sprecher der UNO-Mission im Kongo (MONUC) teilte am Sonntag in der kenianischen Hauptstadt mit, einem Ermittler- Team der Vereinten Nationen (UNO) sei vor Ort mitgeteilt worden, das Massaker habe sich am Donnerstag vergangener Woche ereignet.

Die Stammeskrieger hätten 996 Bewohner der Ortschaft Drodro und in 14 benachbarten Dörfern im Bezirk Ituri nieder gemacht. Die Ermittler der UNO hätten dort 20 Massengräber entdeckt. In Krankenhäusern hätten sie 49 zum Teil schwer verletzte Opfer des Überfalls aufgesucht. Der Bezirk Ituri liegt 80 Kilometer entfernt von der Grenze zu Uganda. (Quelle: rtr)
 


 

Zahl der US-Häftlinge erreicht Rekordmarke von über zwei Millionen

Mo.07.04.03 - Die Zahl der Häftlinge in den USA hat im Jahr 2002 eine neue Rekordhöhe erreicht und erstmals die Zwei-Millionen-Marke überschritten. Ende Juni saßen landesweit rund 2,1 Millionen Gefangene ein, das waren 2,8 Prozent mehr als im Vorjahr, wie das US-Justizministerium am Sonntag in Washington mitteilte. Demnach verbüßte statistisch gesehen einer von 142 Einwohnern in den USA eine Haftstrafe. Unter den mehr als zwei Millionen Gefangenen waren nur 96.000 Frauen.

Schwarze Männer im Alter von 20 bis 39 Jahren kamen laut Statistik besonders häufig in Konflikt mit dem Gesetz: Von dieser Bwevölkerungsgruppe waren an dem Stichtag landesweit zwölf Prozent im Gefängnis oder in Untersuchungshaft. Dieser Anteil betrug unter spanischstämmigen Männern nur vier Prozent und unter Weißen 1,6 Prozent. (Quelle: ap)
 


 

Deutschland: Streit über Reformen sprengt Parteigrenzen

Mo.07.04.03 - Die Streit über die Reformen sprengt inzwischen die Parteiengrenzen. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber löste wegen seiner Forderung nach einer Senkung der Sozialhilfe um bis zu 25 Prozent am Wochenende anhaltende Kritik in den eigenen Reihen aus. Der frisch nominierte SPD-Spitzenkandidat für die bayerische Landtagswahl, Franz Maget, ging dagegen auf Distanz zu Bundeskanzler Gerhard Schröder, dessen Reformplänen er wie zuvor Stoiber mangelnde soziale Ausgewogenheit vorhielt.

Wie der CDU/CSU-Fraktionsvize Friedrich Merz lehnte auch der thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel die Kürzung der Sozialhilfe für Arbeitsunwillige ab. Vogel sagte "Bild am Sonntag", was im Westen richtig sein könne, müsse nicht auch für den Osten Deutschlands gut sein. In den neuen Ländern gehe es nicht darum, Unwillige zu vorhandener Arbeit zu bewegen, sondern es gehe um zu wenige Arbeitsplätze.

Keinen Widerspruch aus der Union - dafür aber Zustimmung aus der SPD - gab es an Stoibers Kritik, wonach Schröders Reformpläne sozial unausgewogen seien. Stoiber sagte in der "Welt am Sonntag", er habe kein Verständnis, wenn man Arbeitnehmer belaste, die Spitzen von Wirtschaft und Politik aber nicht behellige. Stoiber verlangte unter anderem eine persönliche Haftung von Managern.

Schröder wies im ZDF den Vorwurf des Sozialabbaus zurück. Es gehe vielmehr um die Erhaltung der Substanz des Sozialstaates unter veränderten Bedingungen. Wer letztere nicht zur Kenntnis nehme, "egal aus welchem Lager, der macht einen Fehler".

Maget sagte in seiner Kandidatenrede unter großem Beifall auf dem Landesparteitag der Bayern-SPD in München: "Ihr dürft euch darauf verlassen, dass ich alles unternehmen werde, um eine bessere soziale Ausgewogenheit der bisher bekannten Vorschläge zu erreichen."

Die hessische SPD-Chefin Andrea Ypsilanti kritisierte in einem "Focus"-Interview, dass eine gesellschaftliche Modernisierung "auf dem Rücken der breiten Bevölkerung und der sozial Schwachen" ausgetragen werden solle. Sie brachte die Wiedereinführung der Vermögensteuer oder eine Erhöhung der Erbschaftsteuer ins Spiel. In der "Welt am Sonntag" machte sie Schröder für über 600 Parteiaustritte in Hessen verantwortlich. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Harald Ringstorff sprach sich dagegen mit Abstrichen für das Reformpaket Schröders aus.

Die Kritik der Gewerkschaften an der Befristung des neuen Arbeitslosengeldes löste ein positives Echo aus der Union aus. Der CDU-Wirtschaftsexperte Karl-Friedrich Laumann sagte den "Lübecker Nachrichten" (Sonntagausgabe), der DGB habe mit seinem Widerstand recht, wenn man Arbeitnehmern über 50 Jahren die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld kürzen wolle, für das sie 30 oder 35 Jahre eingezahlt hätten.

DGB-Vizechefin Ursula Engelen-Kefer warnte unterdessen Schröder erneut davor, den Protest der Gewerkschaften gegen seine Reformpläne zu unterschätzen. Sie sagte der Tageszeitung "Die Welt" (Montagausgabe), hinter einer "einmütigen Verärgerung der Gewerkschaften" stehe die Tatsache, dass der Kanzler trotz DGB-Unterstützung im Wahlkampf nun einen Weg gehe, der für Arbeitnehmer nicht erträglich sei. (Quelle: ap)
 


 

Zweifel am Erfolg der Gesundheitsreform wachsen

Mo.07.04.03 - Ungebremst wachsende Arzneimittelausgaben verstärken die Zweifel am Erfolg der geplanten Gesundheitsreform. In den vergangenen beiden Monaten stiegen die Kosten für Medikamente um über neun Prozent, wie die SPD-Politikerin Gudrun Schaich-Walch am Sonntag mitteilte. Der Schuldenberg der Kassen beläuft sich nach einem "Spiegel"-Bericht bereits auf fünf Milliarden Euro. Auch Spitzenbeamte von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hielten die geplante Senkung der Beitragssätze unter 13 Prozent mittlerweile für unrealistisch.

Doch immerhin scheint sich die Rürup-Kommission inzwischen auf ein gemeinsames Reformmodell verständigt zu haben. Die Experten plädieren nach "Focus"-Informationen dafür, Miet- und Kapitaleinkünfte in die Berechnung der Kassenbeiträge einzubeziehen. Kleinsparer sollten jedoch nicht weiter belastet werden: Für Verheiratete sei ein Freibetrag von 3.100 Euro pro Jahr vorgesehen. Die Beitragsbemessungsgrenze soll von derzeit 3.450 Euro monatlich auf das Niveau der Rentenversicherung (5.100 Euro in Westdeutschland) angehoben werden.

"Das allein könnte die gesetzliche Krankenversicherung um 20 Milliarden Euro entlasten", sagte der Gesundheitsökonom Karl Lauterbach. Aus den Reihen der Kommission waren immer wieder differierende Reformvorschläge laut geworden. Darüber hatte sich Bundeskanzler Gerhard Schröder so verärgert gezeigt, dass er sogar mit der Auflösung des Gremiums gedroht haben soll. Am kommenden Mittwoch trifft sich der Ausschuss in Berlin zu abschließenden Beratungen. Laut "Welt am Sonntag" wird derzeit noch heftig um den Kompromiss gerungen.

Die SPD plant zusätzlich, die Medikamentenkosten für bestimmte Patientengruppen drastisch zu erhöhen. So sollen Patienten, die sich nicht an dem Hausarztmodell oder den Chronikerprogrammen beteiligen, bis zu zwei Prozent des beitragspflichtigen Bruttolohns als Eigenanteil tragen, wie die Vorsitzende der SPD-Arbeitsgruppe Gesundheit, Helga Kühn-Mengel, dem Nachrichtenmagazin "Focus" sagte.

SPD und Union signalisierten unterdessen ihre Bereitschaft zu konstruktiven Verhandlungen. Schaich-Walch sprach im Hessischen Rundfunk von einem "Zwang zur Einigung". Allerdings werde es unglaublich schwer sein, zu einem Ergebnis zu kommen, sagte die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion.

Der CDU-Gesundheitspolitiker Andreas Storm erwartet intensive Gesprächen mit der Regierung in der Sommerpause. Die derzeitigen Vorschläge reichten nicht aus, um die Beiträge unter 13 Prozent zu drücken. Ergebnisoffen sei die Union bei der Erweiterung der Einnahmebasis der Kassen, sagt Storm. CDU/CSU prüften "sehr ernsthaft", ob auch Mieteinnahmen und Kapitalerträge zur Beitragsbemessung herangezogen werden sollten.

Dafür sprach sich auch die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Birgitt Bender, aus. Sie verlangte zugleich, die kostenfreie Mitversicherung von Ehepartnern abzuschaffen, die weder Kinder erziehen noch Angehörige pflegen.

Einen Konsens zwischen Regierung und Opposition bis zur Sommerpause halten Gesundheitsexperten allerdings für kaum noch realistisch. Dann aber könne die Reform wahrscheinlich nicht wie geplant zum 1. Januar 2004 in Kraft treten, berichtete der Berliner "Tagesspiegel".

Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski verlangte in der "Welt am Sonntag", die Beitragssätze sogar auf maximal zehn Prozent des Bruttolohns zu begrenzen. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warf der Bundesregierung mangelnden Reformwillen vor. (Quelle: ap)
 


 

Staatsanwaltschaft kritisiert «Spitzel-SMS» der Polizei

Mo.07.04.03 - Strafverfolger schicken Verdächtigen verstärkt geheime Kurzmitteilungen aufs Handy, um ihren Aufenthaltsort herauszufinden und Bewegungsprofile zu erstellen. Sie umgehen mit der Masche Auflagen der Strafprozessordnung (StPO), die eine Peilung nur zum Aufspüren von Schwerverbrechern vorsieht. (Quelle: heise)
http://www.heise.de/newsticker/data/tol-06.04.03-001/
 
 
 
 

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