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k0304130
Kurznachrichten   [ Allg. Nachrichten ] [Nachrichtendienste ] [ Ticker ] +++ So.13.04.03, 12:45 Fünfundzwanzigster Kriegstag in Irak
Weiter Chaos und Plünderungen im Irak +++
Kaum noch medizinische Versorgung in Bagdad +++
UNESCO fordert Schutz der irakischen Kulturstätten +++
Alliierte bringen weitere Gebiete unter Kontrolle +++
Bis zu 20 Tote bei Kämpfen zwischen Kurden und Arabern in Mossul +++
Irakischer Präsidentenberater stellt sich Amerikanern +++
US-Armee vermutet irakische Regimevertreter schon außer Landes +++
Syrien weist US-Vorwürfe wegen Massenvernichtungswaffen zurück +++
Türkei schließt Einmarsch in Nordirak weiterhin nicht aus +++
So.13.04.03 - In großen Teilen des Irak sind Plünderungen weiter an der
Tagesordnung. Mehrere Regierungsgebäude wurden leer geräumt.
Einige Bewohner bewaffnen sich mit Gewehren, um sich gegen Plünderer zur
Wehr zu setzen. CNN zeigte einen Krankenhausarzt mit einem Gewehr im Anschlag.
Die Lage in den Krankenhäusern ist nach Angaben des Roten
Kreuzes weiterhin katastrophal. Nur drei von 32 Kliniken in Bagdad seien noch in
Betrieb. Vor einem Krankenhaus wurde in der Nacht ein US-Soldat bei einem
Überfall erschossen. Zwei als Gärtner verkleidete Männer hätten sich dem Kontrollpunkt
vor der Klinik genähert, hieß es. Plötzlich habe einer der Männer das Feuer
eröffnet und den Soldaten getötet. Andere Soldaten hätten das Feuer erwidert und den Angreifer
erschossen. Der zweite Mann habe fliehen können. Bei dem getöteten Angreifer
seien syrische Ausweispapiere gefunden worden.
Nun wollen die USA 1200 Justizbeamte und Polizisten zur
Hilfe bei der Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung entsenden.
Am Samstag öffneten die US-Truppen zwei Brücken im Zentrum von
Bagdad. Damit konnten Plünderer in Stadtteile gelegen, die von den
Raubzügen bisher noch verschont worden waren. Inzwischen verhängten US-Truppen in
Bagdad und Mossul ein nächtliches Ausgehverbot, um weitere Plünderungen zu verhindern.
Die UN-Kulturorganisation hat die USA und Großbritannien am Samstag
aufgefordert, die archäologischen Stätten und Museen in Irak vor Plünderungen und
Zerstörungen zu schützen. Die Sammlungen und Kulturstätten gehörten zu den
bedeutendsten der Welt, erklärte der Generaldirektor der UN-Organisation für
Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), Koichiro Matsuura, in einem Brief
an die US-Behörden. Er forderte die USA auf, sofort Soldaten zum Schutz des
irakischen Nationalmuseums in Bagdad und des Museums in Mossul abzustellen.
Das Museum in Bagdad war aber offenbar schon von Plünderern heimgesucht
worden, wie Journalisten am Samstag an den vielen zerbrochenen Vitrinen sehen
konnten.
Vereinzelt kam es in Bagdad weiter zu Schießereien mit irakischen Kämpfern, so
auch am Ostufer des Tigris in der Umgebung des Hotels Palestine.
Eine größere Einheit von US-Marine-Infanteristen hat am
Sonntagmorgen Bagdad verlassen, um nach Norden vorzurücken. Es wird erwartet,
dass die Truppen in Richtung Tikrit vorstoßen, um dieses letzte noch vom alten
Regime gehaltene Gebiet anzugreifen. Das 145 Kilometer nördlich von Bagdad
gelegene Tikrit ist die Geburtsstadt des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein.
Am Samstag haben US-Marineinfanteristen die strategisch wichtige Stadt Kut
südöstlich von Bagdad eingenommen. Damit stehe den Alliierten ein neuer
Versorgungsweg vom Süden zur irakischen Hauptstadt offen, berichtet die britische
BBC aus der Stadt. Bei ihrem Vormarsch seien die Amerikaner auf keinen
Widerstand gestoßen. US-Einheiten könnten sich nun auf allen Straßen zwischen
Euphrat und Tigris im Zentralirak frei bewegen.
Bei Kämpfen zwischen Kurden und Arabern in der nordirakischen Stadt
Mossul sind nach Krankenhausangaben bis zu 20 Menschen getötet worden. Bei
Schießereien zwischen Angehörigen der beiden Volksgruppen seien seit Freitag
zudem mehr als 200 Menschen verletzt worden, sagte der Chefchirurg der
Unfallklinik von Mossul, Musahim Kawat, am Samstag der Nachrichtenagentur
AFP. Auch am Samstag waren in der Erdölstadt noch vereinzelt Schüsse zu hören,
wie eine AFP-Reporterin berichtete.
Die Türkei schließt nach Angaben von Außenminister Abdullah Gül
einen Einmarsch in Nordirak weiterhin nicht aus. Gül sagte der Zeitung "Turkish
Daily News" vom Samstag, falls die kurdischen Kämpfer sich nicht aus den
nordirakischen Städten Kirkuk und Mossul zurückziehen sollten, werde die Türkei
nicht zögern, "die angemessenen Entscheidungen zu treffen". Gül erklärte jedoch
am Samstag vor Journalisten, der Rückzug der so genannten Peschmerga aus
Kirkuk habe am Vortag begonnen.
Als erster Spitzenvertreter des entmachteten irakischen Regimes
hat sich der frühere Präsidentenberater Amir el Saadi den Amerikanern in Bagdad
gestellt. El Saadi gilt als einer der wichtigsten irakischen Rüstungsexperten und stand
auf der US-Liste der meistgesuchten Iraker. Ein Team des Zweiten Deutschen Fernsehens habe el Sadi
auf dessen Wunsch begleitet, weil er um seine Sicherheit gefürchtet habe.
Die große Mehrheit der führenden Gefolgsleute Saddam Husseins
ist nach Einschätzung des US-Militärs aus dem Irak geflüchtet. Die Regimevertreter,
die es nicht außer Landes schafften, haben sich nach Tikrit abgesetzt, sagte der amerikanische
Brigadegeneral John Kelly in einem Militärlager am Rande von Bagdad.
Syrien hat US-Vorwürfe zurückgewiesen, wonach Massenvernichtungswaffen
aus Irak im Land gelagert werden, die vor den Alliierten versteckt werden sollten. Die
USA wüssten genau, dass diese Anschuldigungen "haltlos" seien, sagte der
syrische Außenminister Faruk el Schara am Samstag in Damaskus. Dies gelte
auch für den Vorwurf, dass Syrien Militärmaterial nach Irak geliefert haben soll.
Washington beschuldigt Damaskus ferner, aus ihrer Heimat geflohene Mitglieder der
irakischen Führungsspitze zu beherbergen.
Einem Zeitungsbericht zufolge solle sich auch
mehrere irakische Spezialisten für Massenvernichtungswaffen nach Syrien abgesetzt haben.
Unter den geflüchteten Wissenschaftlern seien auch die Milzbrand-Expertin Huda Saleh Mehdi Ammasch und der
Biowaffenfachmann Rihab Taha, berichtete die "Washington Times" unter Berufung auf US-Regierungsvertreter.
Mindestens einer der beiden Wissenschaftler befinde sich in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Geheimdienste
vermuteten zudem, dass sie möglicherweise nach Frankreich weiterreisen wollten, meldete die Zeitung weiter.
(Quellen: ap, dpa, afp, rtr)
Noch immer spricht das Weiße Haus unbeirrt davon, dass im Irak hochgefährliche
Massenvernichtungswaffen existieren. Kein Wunder, schließlich geht es um Beweise für die Berechtigung
des Kriegs gegen Irak. Allzu oft hat Präsident Bush persönlich betont, dass bereits die Gefährdung Amerikas
durch diese Waffen einen Krieg aus Notwehr gegen Saddam Husseins Regime rechtfertigen soll. Es scheint nicht
unwahrscheinlich, dass die USA mit gleicher Strategie ihr nächstes Ziel ins Visier nehmen: Syrien
(...) Immer der gleiche Vorwand, stöhnt der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer über
die Argumentation der US-Regierung. Das sei eine "Beleidigung des politischen Verstands".
Bislang habe der Kriegsverlauf eher bewiesen, dass die irakische Seite mit ihren
Beteuerungen Recht gehabt habe, dass irakische Massenvernichtungswaffen nach dem
letzten Golfkrieg vernichtet worden sind.
Selbst alte Restbestände könnten kaum mehr waffenfähig sein, schließlich hätten solche
Gifte eine Verfallszeit von fünf Jahren. "Das ist virtuelles Spiel der Amerikaner mit der Angst
und eine völlig verlogene Argumentation" schimpft Scheer. Nun gehe es der US-Regierung
offensichtlich weiterhin darum, mit solchen Bedrohungslügen "ihren doppelten
Völkerrechtsbruch zu kaschieren".
Weder die Uno-Resolution 1441 habe legitimiert, dass gegen nur angeblich vorhandene
Vernichtungswaffen zu Felde gezogen werden darf, noch sei es völkerrechtlich abgedeckt,
zivile Ziele gezielt zu bombardieren, wie es offenkundig mehrfach geschehen sei. "In
Wahrheit ging es nur um Okkupation des Irak", sagt Scheer. Und im Hintergrund stehe nach
wie vor der Zugriff auf die irakischen Ölvorräte, glaubt der Bundestagsabgeordnete. Schließlich habe
US-Vizepräsident Cheney bereits im nationalen Energiereport der USA von 2001 als neue Militärdoktrin
vorformuliert, Ressourcensicherung ins Zentrum amerikanischer Sicherheitspolitik zu stellen. Dies werde jetzt "in
aus amerikanischer Sicht logischen Schritten" umgesetzt.
Was Amerika betreibe, so der SPD-Linksaußen und Energieexperte seiner Partei, sei also schlicht eine "konsequente
Ressourcenstrategie", über die die Öffentlichkeit getäuscht werde. Doch nunmehr habe sich George W. Bushs
Schutzbehauptung, dass das Saddam-Regime - so verabscheuenswürdig es auch sei - durch
Massenvernichtungswaffen eine akute Bedrohung des Weltfriedens darstelle, als "Hauptkriegslüge" herausgestellt.
Eine Rüge der USA ist aber weder in der Uno, noch durch eine Stellungnahme einzelner
europäischer Regierungen vorstellbar, auch nicht seitens Bundeskanzler Schröder. "Es
wird nicht alles verbalisiert, was gedacht wird", sagt Scheer. Dies sei derzeit die
Devise, "um wieder zu einem relativ geordneten politischen Umgang mit den USA zu
kommen". Kurzum: die Schadensbegrenzung auf dem diplomatischen Parkett ist
wichtiger als Kriegskritik.
Daher werde die Bewertung, dass es sich bei diesem Krieg um einen Völkerrechtsbruch
der USA handelt, "sorgsam umgangen", schildert Scheer. Aber es wäre falsch, wenn
sich die gesamte politische Öffentlichkeit nun verhalten müsse wie ein Diplomat.
Denn es scheint nicht unwahrscheinlich, dass die USA mit gleicher Strategie ihr
nächstes Ziel ins Visier nehmen: Syrien. Dort sei nach US-Vorstellungen eine Pipeline
durch Land geplant, um andere Öllieferstränge "um bis zu drei Viertel abzukürzen", will
Scheer erfahren haben. Sollte dies auf dem Verhandlungsweg nicht möglich werden,
sei die erneute Vorwandsuche für eine Okkupation wahrscheinlich.
Mit seinem Verdacht steht der SPD-Politiker nicht allein. "Ich würde derzeit kein Geld in Damaskus anlegen",
verkündete am Freitag freimütig der frühere NATO-Oberbefehlshaber Wesley Clark in der "Berliner Zeitung". Syrien
müsse mit einem Angriff rechnen, wenn es seiner Regierung nicht gelinge, "die amerikanischen Bedenken
auszuräumen". Dabei gehe es um die angebliche Unterstützung regimetreuer Iraker, Kontakten zu Terrorgruppen
sowie den Besitz von Massenvernichtungswaffen. (...)
Quelle: "Spiegel" vom 11.04.03
Doch ein bisschen Öl für Blut?
Mehr unter:
Belohnung für Ergreifung von Saddam Hussein
So.13.04.03 - Die USA haben Belohnungen auf Hinweise ausgesetzt, die zur
Gefangennahme von Saddam Hussein, Mitgliedern seiner Regierung oder zum
Fund von Massenvernichtungswaffen führen. Es handele sich um "angemessene"
Geldsummen, erklärte das US-Zentralkommando in Katar, ohne die Höhe der Belohnungen
zu beziffern. Der entmachtete irakische Präsident ist seit Tagen verschwunden. Die USA
verteilten ein Kartenspiel mit den Porträts von Saddam Hussein und Mitgliedern seines
Führungszirkels.
Die 52 meistgesuchten Iraker sind nun als Kartenspiel auf der Internet-Seite des
Pentagon zu sehen. Pik-As ist dabei der irakische Staatschef Saddam Hussein,
seine Söhne Kussai und Udai sind als Kreuz-As beziehungsweise Herz-As zu
finden. Der irakische Vizepräsident Taha Jassin Ramadan war den Spieleplanern
lediglich Karo-Zehn wert.
Auf den Karten sind auch hochrangige Iraker abgebildet, die möglicherweise schon tot
oder gefangen seien, sagte US-General Vincent Brooks im Zentralkommando in
Katar. Derzeit würden die Kartenspiele zum Verteilen an die US-Soldaten gedruckt,
sagte ein Pentagon-Sprecher. Die Idee dazu hatte ein US-Reservist.
Die Karten seien nicht nur praktisch zum Mitnehmen, sondern hätten auch eine spielerische Seite, sagte ein
US-Marineinfanterist. Während seiner Ausbildung habe sich die Truppe mit Spielkarten zum Beispiel Giftschlangen
und ungenießbare Pflanzen eingeprägt. Zu den neuen Pentagon-Spielkarten gehören auch zwei Joker.
(Quelle: afp)
USA wollen irakisches Bildungssystem verändern
So.13.04.03 - Schon seit Monaten plant die US-Regierung konkrete Schritte, um die
Zukunft Iraks entscheidend mitgestalten zu können. 65 Millionen US-Dollar (60 Millionen Euro)
liegen bereit zur umfassenden Umgestaltung des irakischen Bildungssystems.
Bereits im Februar schrieb die US-Behörde für Entwicklungshilfe (USAID) den
Millionenauftrag aus. Wer auch immer sich den Kontrakt sichern kann, soll bis zum
Ende des kommenden Schuljahres die schätzungsweise 4,2 Millionen irakischer
Schüler in etwa 25.000 Schulen mit neuen Materialien ausstatten. Zu dem Paket
sollen neue Schulbücher, Tafeln, Stifte und Schulranzen gehören, aber auch
Lehrerfortbildungen.
Zwar gilt das irakische Bildungssystem in der arabischen Welt als relativ fortschrittlich, nicht
zuletzt wegen der hohen Alphabetisierungsrate bei Frauen. Doch neben
Rechtschreibung und Algebra wurde den Kindern bislang auch der Griff zur Waffe
eingebläut, um das irakische Volk gegen seine Feinde zu verteidigen. Zudem wurde
Saddam Hussein in teilweise karikaturartigem Stil als der "gute Übervater" der Nation dargestellt, für dessen
Verteidigung es sich zu sterben lohne.
Dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) sicherte die US-Hilfsbehörde inzwischen Fördergelder in Höhe
von einer Million Dollar zu, die für irakische Grundschüler eingesetzt werden sollen. Nach Ansicht der UNO hat der
Unterricht in den Grundschulen oberste Priorität. (Quelle: afp)
UNO will sich in Irak nicht den USA unterordnen
So.13.04.03 - Die Vereinten Nationen werden sich nach den Worten von
Entwicklungsprogramm-Direktor Mark Malloch Brown beim
Wiederaufbau Iraks einer US-geführten Verwaltung nicht
unterordnen. Die Verantwortung vor Ort liege zwar bei den
USA, Großbritannien und ihren Alliierten, sagte der
UNDP-Chef der Zeitung "Welt am Sonntag". "Aber das
bedeutet nicht, dass die UNO Befehle von Amerikanern
entgegen nehmen oder von ihnen koordiniert wird, sondern
dass wir zusammen mit den Alliierten koordinieren", sagte Malloch
Brown. Das Völkerrecht verbiete es den Vereinten Nationen, einer
Besatzungsmacht unterstellt zu sein.
Die NATO-Mitgliedsstaaten sind sich dem Bericht zufolge offensichtlich noch nicht
einig darüber, welche Rolle die Allianz gemeinsam mit der UNO in Irak spielen
könnte. Das Blatt zitiert einen ranghohen NATO-Beamten mit den Worten: "Eine
Rolle der NATO hängt davon ab, welche Vereinbarung mit der UNO getroffen wird."
Die USA wollten verhindern, dass es zu einer Auseinandersetzung im
UN-Sicherheitsrat zwischen den Alliierten und den Franzosen und Deutschen
komme. "Wir wollen eine vernünftige Rolle der UN erreichen und ein US-Protektorat
vermeiden", sagte der NATO-Beamte. (Quelle: afp)
G-7-Finanzminister für UN-Resolution zum Wiederaufbau Iraks
So.13.04.03 - Die Finanzminister und Notenbankchefs der sieben führenden
Industriestaaten haben sich am Samstag für eine UN-Resolution zum Wiederaufbau
Iraks ausgesprochen. Sie soll Teil eines Wiederaufbauplans sein, in den auch die
Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) eingebunden werden sollen.
Damit wurde ein Streit zwischen den USA und anderen Ländern über die Rolle der
Vereinten Nationen beigelegt.
"Wir anerkennen die Notwendigkeit einer multilateralen Anstrengung bei der Hilfe für
Irak. Wir unterstützen eine weitere Resolution des Sicherheitsrats", hieß es in der
Erklärung der Finanzminister und Notenbankchefs der USA, Japans, Deutschlands,
Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und Kanadas. Die Erklärung war ein
Entgegenkommen der USA, die bislang argumentiert hatten, die Unterstützung von
IWF und Weltbank für den Wiederaufbau könne sofort im Rahmen eines US-Plans
und ohne weitere UN-Resolution erfolgen.
Vor allem Frankreich und Deutschland lehnten dies ab. Sie wollten, dass die
Finanzorganisationen sich erst dann in Irak engagieren, wenn die Rolle der UN beim
Wiederaufbau Iraks geklärt ist.
Die Finanzminister und Notenbankchefs erklärten ferner, dass es letztlich in der
Verantwortung der Iraker liege, die für sie richtige Politik umzusetzen und die eigene
Zukunft aufzubauen.
Der gastgebende US-Finanzminister John Snow sagte, mit den Gesprächen in
Washington sei der Prozess eingeleitet worden, wie der IWF, die Weltbank und
andere Institutionen dem irakischen Volk dabei helfen könnten, nicht nur die Folgen
von 25 Tagen Krieg, sondern von 25 Jahren Misswirtschaft zu überwinden. Nach
Angaben Snows werden der IWF und die Weltbank zunächst technische Hilfe in
Irak leisten und prüfen, was zum Wiederaufbau Iraks getan werden müsse.
Die G-7-Staaten stimmten auch einem Ansinnen der USA zu, Gespräche über den Erlass zumindest eines Teils der
irakischen Schulden aufzunehmen. Die größten Gläubiger Iraks sind Russland, Frankreich und Deutschland.
An den Beratungen der G-7-Vertreter nahm auch der Chef der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg, teil. Er
sagte, der Streit über den Irak-Krieg zwischen den USA einerseits und Frankreich und Deutschland auf der anderen
Seite sei bei den Gesprächen nicht spürbar gewesen. Alle seien sich einig gewesen, dass zum Wiederaufbau Iraks
gemeinsame Anstrengungen nötig seien. Die Teilnehmer der Runde waren sich den Angaben zufolge auch einig über
eine verstärkte Zusammenarbeit bei der Bewältigung der globalen Wirtschaftskrise. (Quelle: ap )
Eichel weist US-Forderung nach Schuldenerlass für Irak zurück
So.13.04.03 - Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) hat die Forderung der USA nach
einem Erlass der irakischen Schulden gegenüber Deutschland zurückgewiesen.
Eichel äußerte am Samstag nach einer Sitzung der Finanzminister und
Notenbankchefs der sieben führenden Industriestaatenin Washington die Erwartung,
dass Irak nach einer längeren Übergangsphase zum Schuldenabbau in der Lage
sein werde. Bis dahin solle es ein Moratorium und Umschuldungen geben. In einer
gemeinsamen Erklärung der G7 hieß es nur, für die Schuldenfrage Iraks müsse eine
Lösung gefunden werden. Ferner plädierte die Gruppe für eine UN-Resolution als
Grundlage für den Wiederaufbau in Irak. (Quelle: afp)
Gedenken in aller Welt an die Opfer des Golfkriegs
So.13.04.03 - Ungeachtet des sich abzeichnenden Endes des Irak-Krieges sind am
Samstag in aller Welt wieder hunderttausende Menschen gegen den Krieg auf die Straße
gegangen. Bei den Kundgebungen wurde auch der Opfer des Golfkrieges gedacht. Demonstrationen
fanden unter anderem in London, Paris, Madrid, Rom, Oslo, Stockholm, Berlin, Bern und Dhaka statt. In der amerikanischen
Hauptstadt Washington demonstrierten jeweils mehrere tausend Gegner und Befürworter des Krieges.
In London zogen zehntausende Kriegsgegner vor den Amtssitz von Premierminister Tony Blair in der
Downing Street. Die Demonstration endete im Hyde Park. Zuvor gedachten die Menschen in einer
Schweigeminute vor dem Parlament der Opfer des Krieges. Sprecher der
Organisatoren erklärten, das Leiden sei noch lange nicht vorüber. "Wenn es kein
friedliches und demokratisches Ende des Konflikts gibt, könnte der Krieg auf andere
Teile des Nahen Ostens übergreifen, und wir könnten in einen endlosen Konflikt
gezogen werden", sagte Andrew Murray, Vorsitzender der Koalition Stop The War.
Die Veranstalter sprachen von über 150.000 Teilnehmern, die Polizei nannte die
Zahl 20.000.
Auf einer separaten Veranstaltung gedachten Exiliraker in London ihrer
Familienmitglieder, die Opfer des Regimes von Saddam Hussein wurden. Das von
kurdischen Gruppen organisierte Treffen findet seit 1986 jährlich statt.
Hunderttausende Menschen haben am Samstag in ganz Spanien
gegen den Golfkrieg und die Unterstützung ihrer Regierung für diesen Krieg
demonstriert. Mit Rufen wie "Mörder, Mörder" und "Solidarität mit den Menschen in
Irak" zogen in Madrid rund 200.000 durch die Straßen, wie die Organisatoren
mitteilten. Die Polizei sprach von 5.000 Teilnehmern. In Barcelona sollen es 300.000
Demonstranten gewesen sein. Medienberichten zufolge protestierten auch in
anderen spanischen Städten Tausende gegen den Golfkrieg.
Zehntausende Menschen versammelten sich in Rom, um gegen den Golfkrieg und
für Frieden in der Welt zu demonstrieren. Die Politik der USA wurde scharf kritisiert.
Am Rande der Demonstration kam es zu vereinzelten Ausschreitungen. Nach
Angaben der Polizei beteiligten sich rund 50.000 Menschen an der Demonstration.
Die Veranstalter sprachen von mehreren hunderttausend.
In Paris forderten rund 11.000 Menschen den Rückzug der von den USA geführten
alliierten Truppen aus Irak. "Wir dürfen nicht vergessen, dass dieser Krieg ohne
Mandat der Vereinten Nationen geführt wird und deshalb unrechtmäßig ist", sagte
Mouloud Aounit, der Leiter der Anti-Rassismusgruppe MRAP, die sich an der
Protestkundgebung beteiligte. Demonstrationen gegen den Krieg gab es in etwa 50
weiteren Städten Frankreichs.
In Bangladesch demonstrierten fast 50.000 Menschen gegen den Krieg in Irak. Die Menschen, unter ihnen viele
Kinder, zogen durch die Hauptstadt Dhaka und forderten einen Rückzug der alliierten Truppen aus Irak. Auf Plakaten
hieß es, mit ihren Angriffen hätten die USA und Großbritannien Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Zu
dem Protestzug aufgerufen hatten islamische und linke Parteien sowie mehrere Antikriegsgruppen. Hunderte
Polizisten sicherten die Innenstadt von Dhaka, zu Zwischenfällen kam es jedoch nicht. Die Regierung von
Bangladesch hat sich gegen den Krieg ausgesprochen.
Zur Abschlusskundgebung der bundesweiten Friedensdemonstration
in Berlin haben sich am Brandenburger Tor nach Polizeiangaben rund 15 000
Menschen versammelt. Zuvor waren etwa 5000 Teilnehmer unter dem Motto "Friede
statt Besatzung" von der CDU- Bundesgeschäftsstelle zum Wahrzeichen der
Hauptstadt gezogen. Auf Transparenten forderten sie "US-Besatzer raus aus dem
Irak". Der Aufzug war Teil eines weltweiten Protesttages gegen den Irak-Krieg.
(Quellen: ap, dpa)
«Verzweifelt ahnen unsere atemlosen
Korrespondenten, dass sie wieder mal in die Falle gegangen sind: Die
Bilder vom Aufmarsch der Vernichtungshandwerker und Schemen von ein
paar Leichen verstecken den Krieg mehr als dass sie ihn zeigen. Die
perfide Illusion, wir seien dabei auf unseren Sofas, ist zur quälenden
Paradoxie für viele Journalisten und Zuschauer geworden. Die rasenden
Reporter hüllen sich in Wolken aus Konjunktiven, und man scheint sich
der journalistischen Primärtugend zu entsinnen, dass Informationen
gefälligst zu überprüfen sind. Im Gefängnis der Echtzeit dämmert die
Sehnsucht nach einem Hauch von Echtheit »
Aus: Walter van Rossum - "Aus nicht bestätigter Quelle", Wochenzeitung "freitag" vom 11.04.03
Embedded - Bilder aus dem Fernsehsessel
Images against war
Poets Against the War:
Streit zwischen Arafat und Abbas verzögert Regierungsbildung
So.13.04.03 - Ein Streit zwischen Präsident Jassir Arafat und dem designierten
Ministerpräsidenten Mahmud Abbas um die Besetzung dreier Kabinettsposten
verzögert die Bildung der neuen palästinensischen Regierung. Das verlautete am
Samstag aus der palästinensischen Führung. Arafat wollte die Kabinettsbildung bis
Samstag zum Abschluss bringen. Die Beratungen dauerten aber an und würden
noch einige Tage in Anspruch nehmen, sagte Arafats Berater Nabil Abu Rdeneh.
Dem Vernehmen nach will sich das Zentralkomitee von Arafats Fatah-Bewegung am
Sonntag bei einem Treffen mit Abbas um eine Beilegung des Streits bemühen. Die
Frist für die Bildung des neuen Kabinetts läuft am 24. April ab.
Strittig zwischen Arafat und Abbas sei die Besetzung des Innen-, des Informations-
und des Wohlfahrtsministeriums, sagten Gewährsleute. Demnach will Arafat als
Innenminister ein Mitglied des Zentralkomitees der Fatah. Abbas favorisiert dagegen
den früheren Sicherheitschef im Gazastreifen, Mohammed
Dahlan, der der Fatah nicht angehört. Außerdem will Abbas Informationsminister
Jassir Abed Rabbo und Wohlfahrtsminister Intisar el Wasir ablösen, die Arafat im Amt behalten möchte.
Von der Bildung der neuen Regierung hängen auch die weiteren Schritte im Nahost-Friedensprozess ab. Das
Nahost-Quartett aus EU, USA, Russland und den Vereinten Nationen will erst nach der Vereidigung der neuen
Regierung den lang erwarteten Fahrplan für die Fortsetzung des Friedensprozesses vorlegen, der als Endstufe die
Schaffung eines endgültigen palästinensischen Staates vorsieht. Das Quartett hat Abbas bereits aufgefordert, die
Regierungsbildung rasch zum Abschluss zu bringen.
Unterdessen erschossen israelische Soldaten in der Ortschaft Daharija im Westjordanland einen Palästinenser, wie
Augenzeugen berichteten. Der Mann habe die Soldaten mit Steinen beworfen, worauf diese geschossen hätten. Die
israelischen Streitkräfte erklärte, die Armee untersuche den Zwischenfall.
<>Ein am Freitag von israelischen Soldaten in Rafah im Gazastreifen niedergeschossener britischer Friedensaktivist liegt
weiter in einem israelischen Krankenhaus. Die Ärzte hatten den 21-jährigen am Freitag für hirntot erklärt. Er ist jedoch
noch weiter an lebenserhaltende Systeme angeschlossen. (Quelle: ap)
Israel will Änderungen im Nahost-Friedensplan
So.13.04.03 - Israel will zahlreiche Änderungen in dem gemeinsamen
Nahost-Friedensplan, den das so genannte Nahost-Quartett aus den USA,
Russland, der Europäischen Union und den Vereinten Nationen demnächst
vorstellen will. Nach Informationen der gewöhnlich gut unterrichteten israelischen
Zeitung "Haaretz" vom Samstag wird eine hochrangige israelische Delegation unter
Leitung des Bürochefs von Ministerpräsident Ariel Scharon in den nächsten Tagen
in Washington über 15 Änderungswünsche verhandeln.
Zu den Änderungswünschen gehört nach Angaben der Zeitung, dass es keinen
festen Zeitplan für die Verwirklichung des Plans geben soll, sondern dass er
Stufe um Stufe nach der Umsetzung konkreter Punkte voranschreiten soll.
Außerdem müsse einem Einfrieren des jüdischen Siedlungsbaus eine lange
Periode ohne bewaffnete Zwischenfälle mit den Palästinensern vorausgehen.
Ferner solle die Verwirklichung des Plans allein von den USA und nicht vom
gesamten Nahost-Quartett überwacht werden.
Der israelische Außenminister Silvan Schalom erörterte den Plan in der Nacht zum
Samstag mit US-Außenminister Colin Powell. Der britische Außenminister Jack
Straw hat seine Veröffentlichung in einem Telefonat mit Palästinenserpräsident
Jassir Arafat für die nächsten Tage angekündigt. Die Palästinenser wollen den Plan
unverändert lassen und beschuldigen Israel, ihn sabotieren zu wollen. Das Ziel des
Planes des Nahost-Quartetts ist die Gründung eines palästinensischen Staates bis
2005 und ein von allen arabischen Staaten in sicheren Grenzen anerkanntes Israel.
Frankreich forderte eine rasche Veröffentlichung des Friedensplanes. Die
Bedingungen seien gegeben, nachdem Israel eine neue Regierung habe und die
Palästinenser einen Ministerpräsidenten gewählt hätten, sagte Außenminister
Dominique de Villepin am Samstag in Kairo. Dieser Friedensplan müsse von allen
Seiten ohne Verzögerung umgesetzt werden. Die Spirale der Gewalt müsse gestoppt werden.
Ziel der Bemühungen bleibt nach den Worten Villepins ein unabhängiger Palästinenser-Staat bis zum Jahr 2005. Der
Außenminister schlug Paris als Tagungsort für eine internationale Nahost-Konferenz vor.
Zugleich verlangte der französische Außenminister, dass Libanon und Syrien in eine umfassende
Nahost-Friedenslösung einbezogen werden. Villepin stellte die Frage, ob wirklich noch Sicherheitsgründe die
israelische Präsenz auf den besetzten Golan- Höhen rechtfertigten. Libanon müsse seine vollständige Unabhängigkeit
und Souveränität im Zuge dieser Friedenslösung erhalten. (Quelle: dpa)
Chaos bei erster Wahl unter Zivilregierung in Nigeria
So.13.04.03 - Mit Verzögerungen und unter teils chaotischen Bedingungen hat
Nigeria am Samstag die ersten Wahlen seit Einführung der Zivilregierung vor vier Jahren abgehalten.
Die Parlamentswahl, zu der rund 60 Millionen Wähler des westafrikanischen
Staates aufgerufen waren, verlief laut ersten Berichten von Beobachtern jedoch friedlich.
Im Vorfeld hatte es zahlreiche Gewaltakte gegeben. Die Abstimmung gilt als Testlauf für die
Präsidentenwahlen am kommenden Samstag.
Der bisherige Staatschef Olusegun Obasanjo, der Nigeria 1999 aus der Militärdiktatur führte,
stellt sich in einer Woche erneut zur Wahl. Er gilt als aussichtsreichster Kandidat.
Obasanjos Demokratische Volkspartei (PDP) wurde von 30 anderen Parteien herausgefordert.
Insgesamt 3000 Kandidaten bewarben sich für die 360 Sitze im Unterhaus sowie 109 im Senat.
Fehlende Wahlunterlagen und -urnen sorgten nach Berichten von Wahlbeobachtern in zahlreichen
der 120'000 Wahllokale für Verzögerungen. Wegen heftigen Regens und Sturms öffneten viele
Lokale in der Hauptstadt Abuja sowie der Wirtschaftsmetropole Lagos erst Stunden nach Beginn der Wahl.
Im Vorfeld der Wahlen in dem bevölkerungsreichsten afrikanischen Staat mit rund 120 Millionen
Menschen waren elf Politiker ermordet worden. Zahlreiche Kundgebungen endeten in Krawallen
mit mehreren Toten. Mit Ergebnissen der Parlamentswahl wird frühestens am Dienstag gerechnet.
(Quelle: nzz [ dpa]
Ungarn mit großer Mehrheit für EU-Beitritt
So.13.04.03 - Die Ungarn haben am Samstag in einer Volksabstimmung mit überwältigender
Mehrheit für den Beitritt ihres Landes zur Europäischen Union gestimmt, wie aus Auszählungsergebnissen
hervorging. Wie die Wahlkommission nach Auszählung von 99 Prozent der Stimmen mitteilte, votierten 84
Prozent für den EU-Beitritt.
Die Beteiligung lag aber nur bei rund 46 Prozent und damit unter den notwendigen
50 Prozent. Eine weitere Bedingung für die Gültigkeit des Referendums, wonach
mindestens zwei Millionen der acht Millionen Stimmberechtigten mit Ja stimmen
müssen, dürfte aber erfüllt worden sein. Das Ergebnis der Abstimmung ist bindend.
Das Referendum war bis zur Schließung der Wahllokale um 21.00 Uhr von einer
niedrigen Beteiligung gekennzeichnet. Eineinhalb Stunden vor Schließung der
Wahllokale lag die Beteiligung bei 42 Prozent, wie die Wahlkommission mitteilte.
Allgemein wurde vor der Abstimmung mit einer Zustimmung der Wähler gerechnet.
Beobachter erklärten, die halbherzige Kampagne für den EU-Beitritt habe mit zur
niedrigen Beteiligung beigetragen. "Es ist ein Schande", erklärte der Soziologe
Antal Bohm zur erstaunlich niedrigen Beteiligung.
"Das ist ein historischer Tag und ich bin optimistisch", sagte Ministerpräsident
Peter Medgyessy bei der Stimmabgabe. "In zehn Jahren wird Ungarn ein sehr
nettes Land sein, viel reicher und viel friedlicher". Die Begeisterung in Ungarn über
den EU-Beitritt ist trotz der allgemeinen Zustimmung nicht allzu groß, viele
Menschen erwarten keine kurzfristigen, sondern langfristige Verbesserungen. In der
jüngsten Umfrage Mitte März sprachen sich 78 Prozent der Befragten für die
EU-Mitgliedschaft aus.
Die Volksabstimmung in Ungarn ist das dritte EU-Referendum in den zehn ost- und südosteuropäischen
Beitrittsländern. Die Bevölkerungen von Malta und Slowenien haben dem Beitritt bereits zugestimmt. Die Aufnahme
der neuen EU-Mitglieder soll am 1. Mai 2004 erfolgen. (Quelle: ap)
Deutschland: SPD-Spitze übt scharfe Kritik an Mitgliederbegehren
So.13.04.03 - Vertreter der SPD-Spitze, darunter auch Partei-Linke, haben das
innerparteiliche Mitgliederbegehren scharf kritisiert, das sich gegen die Reformpläne
von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) richtet.
Der stellvertretende SPD-Fraktionschef und Sprecher der Parlamentarischen Linken,
Michael Müller, warf den Initiatoren in einem Reuters-Interview destruktives
Verhalten und das Betreiben "taktischer Spielchen" vor. SPD-Fraktionschef Franz
Müntefering beschuldigte einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung" zufolge neun Abgeordnete in einem Brief der Unfairness und
bestellte sie für Anfang nächster Woche zu sich. Kritik kam auch vom rechten
Flügel der Partei.
Linke Sozialdemokraten, darunter die Bundestagsabgeordneten Rüdiger Veit und Ottmar
Schreiner sowie der IG-BAU-Chef Klaus Wiesehügel, hatten am Freitag ein
Mitgliederbegehren unter dem Motto "Wir sind die Partei" gegen die Reformpläne Schröders
gestartet und die Parteiführung damit überrascht. Bei der in der SPD-Geschichte
einmaligen Initiative sollen rund zehn Prozent der Unterschriften
der rund 700.000 Parteimitglieder gesammelt werden. Gelingt dies, müsste eine Mitgliederentscheid über die
Reformpläne angesetzt werden. Ein Sonderparteitag könnte jedoch die Umsetzung der Reformpläne des Kanzlers
weiter verzögern. Schröder hatte Mitte März Einschnitte im Sozialsystem, so etwa beim Arbeitslosengeld und im
Gesundheitssystem, angekündigt.
"Was mich an der Geschichte ärgert, ist, dass sie so einen destruktiven Charakter hat", sagte Müller der Nachrichtenagentur
Reuters. Die Initiative sei "an allen vorbei" in der Partei gestartet worden, anstatt sie "mit offenem Visier" zu diskutieren. Über die
Reformstrategie der Parteispitze könne sicher gestritten werden, doch müsse dies an einem Tisch geschehen, fügte
der führende Parteilinke hinzu. Die Methode der Parteikollegen habe ihn überrascht und verärgert. Müller bescheinigte
den Initiatoren "eine Form von Selbstüberschätzung", alleine die wahre Reformstrategie zu beanspruchen.
Schuldzuweisungen brächten hier aber gar nichts. "Die Lage ist viel zu ernst, um taktische Spielchen zu machen." In
vielen Ländern Europas lasse die Reformschwäche von Regierungen nationale Strömungen erstarken. Es sei fatal, in
dieser Lage neue Gräben aufzubauen.
Fraktionschef Müntefering warf den Abweichlern in seinem Brief vor, die Partei hintergangen zu haben. Die Fraktion
habe in den vergangenen Wochen wiederholt und ausführlich Inhalte und Zeitpläne der Reformen beraten. "Niemand
von euch hat Gelegenheit genommen, der Gesamtfraktion oder mir eure Initiative zum Mitgliederentscheid
anzukündigen", zitierte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" aus einem Brief Münteferings an die
Abgeordneten. Dies sei "ungewöhnlich und unfair gegenüber der Gesamtfraktion und auch mir gegenüber." Er erwarte
Anfang nächster Woche ein Gespräch.
SPD-Generalsekretär Olaf Scholz hatte am Freitag in einer knappen Erklärung von einem "legitimen Mittel
innerparteilicher Willensbildung" bei dem Begehren gesprochen.
Der SPD-Abgeordnete Veit begründete seine Unterstützung des Begehrens mit dem wachsenden Widerstand an der
Parteibasis. "Es muss verstanden werden, dass unten an der Basis der Teufel los ist", sagte er dem
Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". In dem Mitgliederbegehren, für das nun Unterschriften gesammelt werden sollen,
werden geplante Sozial-Kürzungen als unsozial und konsumschwächend bezeichnet. (Quelle: rtr)
Müntefering: Deutsche müssen länger arbeiten
So.13.04.03 - Die Deutschen sollen nach dem Willen von SPD- Fraktionschef Franz Müntefering
künftig länger arbeiten und später in Rente gehen. "Die Menschen müssen früher als bisher ins
Arbeitsleben eintreten und später aufhören", sagte er der Zeitung "Märkische
Allgemeine" (Potsdam).
Das faktische Renteneintrittsalter müsse von derzeit 59,5 auf 63,5 Jahre steigen. Die finanzielle Lage der
Rentenversicherung spitzt sich unterdessen dramatisch zu. Die SPD rechnet künftig
mit Abschlägen bei den Rentenerhöhungen zur Stabilisierung der Beiträge.
Müntefering sagte, es sei auf Dauer nicht tragbar, "dass die Lebenserwartung
immer höher wird, die Lebensarbeitszeit aber immer kürzer". SPD-Generalsekretär
Olaf Scholz erwartet, dass die Rürup- Kommission zur Reform der Sozialsysteme
eine veränderte Rentenformel vorschlagen wird. Das führe dazu, "dass die
Rentenerhöhungen weniger stark ausfallen", sagte Scholz der "Sächsischen
Zeitung" (Dresden/Samstag). Bei einer vernünftigen Wirtschaftsentwicklung sei
dann mit stabilen Rentenbeiträgen zu rechnen. Anfang 2003 wurde der
Rentenbeitrag von 19,1 auf 19,5 Prozent erhöht.
Das Bundessozialministerium bestätigte am Samstag einen Zeitungsbericht, nach
dem die Reserven der Rentenkassen im März bis auf die vom Gesetzgeber
geforderte Untergrenze abgeschmolzen sind. Damit gibt es nach Berechnungen der
Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) keinen Spielraum mehr, berichtet
die "Stuttgarter Zeitung" (Samstag). Die Versicherer müssen mindestens eine
halbe Monatsausgabe als Schwankungsreserve vorhalten.
Die Regierung setzt weiter auf höhere Beitragseinnahmen durch eine Konjunkturerholung. "Die Lage ist schwierig,
aber beherrschbar", sagte eine Ministeriumssprecherin. Falls es Schwierigkeiten bei der Liquidität gebe, könne der
Bundeszuschuss für die Rentenversicherer möglicherweise vorgezogen werden.
Laut BfA-Berechnungen ist die Schwankungsreserve im Februar auf 51 Prozent und im März auf 50 Prozent einer
Monatsausgabe gesunken. Noch im Dezember verfügten die Versicherer über rund 9,7 Milliarden Euro oder 63
Prozent einer Monatsausgabe als Reserve. Die Höhe der Schwankungsreserve war Ende 2002 von 80 auf 50 Prozent
abgesenkt worden. (Quelle: dpa)
«Der offene Informationsaustausch und
die schier unüberblickbare Meinungsvielfalt von Web, E-Mail und
Co ist totalitären Regimen naturgemäß ein Dorn im Auge »
Nicht nur Länder wie China und Kuba filtern die Netzwerke und überwachen
den Internnetzugang. Doch Bevölkerung findet immer wieder Schlupflöcher.
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