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+++ Di.22.04.03, 12:45        zum Nachrichten-Archiv Nachrichten-Archiv         aktuelle Nachrichten Aktuelle Nachrichten

Vierunddreißigster Kriegstag in Irak

US-Verwalter Garner tritt Amt an: Wichtigste Aufgabe sei die Wiederherstellung lebenswichtiger Versorgungseinrichtungen in Bagdad +++ Rund rund 5000 Schiiten fordern Freilassung von Geistlichem +++ Bisher acht irakische Regimemitglieder in Haft +++ Saddam Hussein angeblich im Irak +++ Weltsicherheitsrat erörtert Rückkehr der Inspekteure in den Irak +++ USA warnen vor Terroranschlägen als Reaktion auf Lage in Irak.

Di.22.04.03 - Mit der Ankunft des US-Zivilverwalters Jay Garner in Bagdad hat die offizielle Phase des Wiederaufbaus in Irak begonnen. Wichtigste Aufgabe unter seiner Führung sei die Wiederherstellung lebenswichtiger Versorgungseinrichtungen in der Hauptstadt, sagte der pensionierte US-General. Tausende Schiiten protestierten unterdessen in Bagdad gegen die angebliche Verhaftung eines hochrangigen Geistlichen.

Garner versprach auf seiner ersten Tour durch Bagdad, wichtige öffentliche Einrichtungen würden wieder aufgebaut, dies erfordere jedoch viel Zeit. Der Chef des Büros für Wiederaufbau und humanitäre Hilfe (ORHA) wurde von seinem britischen Stellvertreter Tim Cross begleitet. Das Team von bislang 19 Zivilverwaltern soll auf 450 Mitglieder anwachsen.

Nach fast dreiwöchiger Unterbrechung infolge schwerer Luftangriffe lief in der Nacht zum Montag die Stromversorgung in Bagdad wieder an. Der internationale Flughafen der Hauptstadt soll laut US-Armee binnen einer Woche für humanitäre Flüge geöffnet werden. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) warnte vor Gewaltakten gegen die US-Besatzungsmacht, sollte sich die Versorgungslage nicht rasch verbessern.

Nach US-Angaben demonstrierten rund 5000 Schiiten in Bagdad. Sie riefen Slogans zur Unterstützung des Mullahs Scheich Mohammed Fartusi, der auf der Rückkehr von der heiligen Stadt Kerbela nach Bagdad festgenommen worden sein soll. Fartusi hatte in der vergangenen Woche die ersten Freitagsgebete im Bagdader Armenviertel Sadr-City, dem ehemaligen Saddam-City, geleitet. In seinem Gebet hatte er gewarnt, die irakischen Schiiten würden keine Demokratie akzeptieren, in der sie nicht selbst über ihr Schicksal bestimmen könnten.

In Irak ist erneut ein führendes Mitglied des gestürzten Regimes von Saddam Hussein verhaftet worden. Damit sind bisher acht von 54 Regimemitgliedern in Haft. Allerdings befindet sich unter ihnen niemand aus dem engsten Zirkel des früheren Staatschefs.

Nach Angaben der US-Streitkräfte vom Montagabend wurde der ehemalige Ministerpräsident Muhammad Hasmak el Subajdi verhaftet. El Subajdi gehörte dem Revolutionären Kommandorat Iraks an und war Kommandeur der mittleren Euphrat-Region. Auf der von den USA erstellten Liste der 54 Regimemitglieder stand er auf Platz 18. In den vergangenen Jahren diente Subajdi Saddam Hussein als Kommandant der Region Zentral-Euphrat.

Der entmachtete irakische Staatschef Saddam Hussein und seine Söhne sind angeblich auf der Flucht im eigenen Land. Das sagte der irakische Oppositionsführer Ahmed Chalabi der BBC.

Unterdessen hat US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Presseberichte zurückgewiesen, nach denen sie USA eine dauerhafte Militär-Präsenz im Irak planten. Spitzenbeamte in Washington hätten über ein solches Thema "null Gespräche" geführt, sagte er. Die sechs Nachbarstaaten des Iraks riefen die USA und Großbritannien zu einem raschen Rückzug ihrer Truppen auf.

Am heutigen Dienstag wird der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York über eine mögliche Fortsetzung der Waffeninspektionen im Irak beraten.

UN-Chefwaffeninspekteur Hans Blix trifft am heutigen Dienstag erstmals seit Beginn des Irak-Krieges wieder mit dem Weltsicherheitsrat zusammen. Bei den Beratungen hinter verschlossenen Türen geht es um die Rückkehr der Waffenkontrolleure. Sie hatten bei knapp viermonatigen Nachforschungen keine Massenvernichtungswaffen gefunden und aus Sicherheitsgründen unmittelbar vor Kriegsausbruch den Irak verlassen.

Inzwischen haben die USA und ihre Koalitionspartner die Suche nach den vermuteten Bio-, Chemie- und Nuklearwaffen des gestürzten Regimes von Saddam Hussein übernommen. Blix empfiehlt dem Sicherheitsrat, eventuelle Funde der Amerikaner im Irak von den unabhängigen UN- Inspekteuren "verifizieren" zu lassen. Ein Sprecher der amerikanischen UN-Botschaft in New York sagte auf Anfrage, seine Regierung habe sich "noch nicht entschieden", ob sie dieses Angebot annehmen werde.

Die USA haben vor Terroranschlägen als Reaktion auf die militärische Niederlage der irakischen Führung um Saddam Hussein gewarnt. Die aus der Entwicklung in Irak resultierenden "Spannungen" könnten die Bedrohung von US-Bürgern und -Einrichtungen im Ausland durch Terrororganisationen erhöhen, warnte das Außenministerium am Montag in Washington. Die US-Regierung sei weiter sehr besorgt um die Sicherheit ihrer Bürger im Ausland. US-Bürger seien aufgefordert, ein hohes Maß an Wachsamkeit aufrecht zu erhalten, hieß es weiter. (Quellen: afp, dpa, ap)


 

 

«Die Söldner des Pentagon - Der US-Sieg im Irak ist der Sieg einer Armee, die zentrale Aufgaben an private Militärfirmen delegiert hat und diesen auch eine wichtige Rolle in der Nachkriegszeit bieten will. Eine Schlüsselfigur dabei ist Jay Garner (64), General a. D. der US-Army. Garner leitet seit Oster-Montag den Wiederaufbau des Post-Hussein-Irak»

Mehr unter:
http://www.taz.de/pt/2003/04/22/a0148.nf/text
http://www.heise.de/tp/deutsch/special/irak/14499/1.html


 

«Scharfe Kritik von Nichtregierungsorganisationen an US-Besatzung»

Die amerikanischer Organisation "Voices in the Wilderness" hat nach einem Treffen mit Offizieren des Zivilmilitärischen Operationszentrums (CMOC) kritisiert, die Amerikaner würden durch Unfähigkeit und Desinteresse zur humanitären Krise beitragen. "Voices", ist seit Jahren im Irak aktiv ist und war während des Krieges mit einem "Irakischen Friedensteam" (IPT) präsent.

"Das US-Militär weiß nicht, was es tut", hatte die "Voices"-Delegation nach dem Treffen mit den US-Offizieren erklärt. Bei dem Gespräch war es um die humanitäre Notlage der irakischen Bevölkerung gegangen. Seit einem Monat sei der Abfall nicht weggeräumt, Strom- und Wasserversorgung seien während des Krieges schwer beschädigt worden und es gäbe keine Möglichkeit für die Menschen miteinander zu kommunizieren, da zentrale Telekommunikationsanlagen zerbombt worden seien. Aus Basra und dem kleinen Ort Hilla, etwa 80 Kilometer südöstlich von Bagdad, seien bereits erste Fälle von Cholera bekannt geworden. Den Krankenhäusern mangele es an allem, von Medikamenten über Wasser bis hin zu Spezialgeräten. Nicht nur die Verletzten der Bombardierungen seien betroffen, sondern auch Menschen, die an Austrocknung litten, an Diabetes, Krebs und anderen Langzeitkrankheiten. Im übrigen bestehe Seuchengefahr durch unsaubere Bluttransfusionen.

Auch Vertreter der belgischen Organisation "Ärzte für die Dritte Welt" übten scharfe Kritik an den US-Besatzungstruppen. "Wir haben Hunderte Zivilisten, viele Kinder gesehen, die von verbotenen Waffen wie Cluster-Bomben verletzt und getötet wurden," so die Ärzte Van Moorter, Moulaert, Dewitte und Geraets. Für die humanitäre Katastrophe im Irak seien "ausschließlich und allein die US- und die britische Regierung verantwortlich." USA und Großbritannien müßten finanziell für alle Schäden aufkommen. Die belgische Ärzteorganisation hat den Rechtsanwalt Jan Fermon beauftragt zu prüfen, ob US-General Tommy Franks für die Verletzung des Völkerrechts vor einem belgischen Gericht angeklagt werden könne. (Quelle: jw)
http://www.jungewelt.de/2003/04-22/006.php


 

«Die USA werden mit ihrer hegemonialen Politik im Irak scheitern, weil ihr Zivilisationsmodell dort als Bedrohung der kulturellen Identität wahrgenommen wird»

Mehr unter:
http://www.taz.de/pt/2003/04/22/a0170.nf/text


 

«Es wird eine blutige Schlacht, diese Schlacht für die Errichtung und Aufrechterhaltung der Hegemonie. Die Welt ist kein statischer Ort. Sie ist wild und unberechenbar. Das amerikanische Imperium wird es nicht so leicht haben. Die Menschen dieser Welt werden nicht in den Straßen Spalier stehen und dem Herrscher Rosen zuwerfen»

Arundhati Roy in einem Interview mit dem "Socialist Worker":
http://www.zmag.de/article/article.php?id=587


 

Kriegsängste in Iran

Der Krieg im Irak hat noch nicht sein wirkliches Ende gefunden. Einen neuen Krieg gegen den Iran oder Syrien werde es aber nicht geben. Jedenfalls gebe es keine amerikanischen Pläne dafür, hat der amerikanische Außenminister Powell erklärt. In Teheran, so scheint es, traut man diesem Frieden wohl nicht ganz. Mehr in einem Interview des Deutschlandfunks (vom 17.04.03) mit der iranischen Journalistin Ferdos Forudastan:
http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-interview/3232.html

 


 


 

Ostermarschierer beenden Friedensaktionen
Tausende bei Abschlusskundgebungen

Di.22.04.03 - Eine "außerordentlich positive" Bilanz der diesjährigen Ostermärsche haben die Veranstalter gezogen. Wie die zentrale Informationsstelle am Montag in Frankfurt am Main mitteilte, nahmen an den Demonstrationen und anderen Anti-Kriegs-Aktionen in 105 Städten mehrere zehntausend Menschen teil. Am Montag fanden die traditionellen großen Abschlusskundgebungen unter anderem in Berlin, Frankfurt, Dortmund und Hamburg statt.

Der Zulauf an den Vortagen war allerdings insgesamt deutlich geringer als nach den jüngsten Großdemonstrationen gegen den Irak-Krieg erwartet. Zentrales Anliegen der Ostermarschierer war ebenfalls die Ächtung des Golfkriegs. Die Friedensdemonstranten erklärten, das völkerrechtswidrige Vorgehen der USA dürfe nicht zum Präzedenzfall für weitere Kriege der Amerikaner oder anderer Staaten werden. Abgelehnt werde auch eine von den Siegern dominierte Nachkriegsordnung in Irak.

Die Ostermarschierer verlangten ferner eine politische Stärkung der Vereinten Nationen. Das angeschlagene Völkerrecht sowie die Menschenrechte müssten wieder hergestellt und Massenvernichtungswaffen weltweit beseitigt werden. Mit Blick auf den Nahost-Konflikt sprachen sich die Friedensbewegten für eine gerechte Lösung aus, die von Israeli und Palästinensern akzeptiert werden könne.

Innenpolitisch fordert die Bewegung, Aufrüstung und Umbau der Bundeswehr zu einer Interventionsarmee zu beenden. Das dafür vorgesehene Geld müsse für zivile Projekte verwendet werden. Der Irak-Krieg dürfe nicht zu einer weiteren Militarisierung und einem damit einhergehenden Sozialabbau führen. «Wir brauchen keine Milliarden für den Krieg, sondern Millionen für den Frieden», erklärte das Ostermarschbüro.

"Die Friedensbewegung zeigte sich als internationale kampagnefähige Bewegung, die zunehmend die öffentliche Debatte beeinflusst", hieß es in einer vorläufigen Bilanz. Menschen aus der traditionellen Friedensbewegung, Gewerkschafter, Studenten, Schüler und Globalisierungskritiker hätten sich in vielfältigen, auch neuen Aktionsformen engagiert und angesichts anhaltender internationaler Spannungen die Friedenstaube wieder zum Fliegen gebracht.

Nach Angaben der Veranstalter beteiligten sich in Hamburg rund 8000 und in Frankfurt am Main rund 9000 Menschen an Abschlusskundgebungen. In Berlin berichteten die Organisatoren von rund 5000 Teilnehmern, die Polizei sprach von 1800 Teilnehmern. Auch in anderen Städten beteiligten sich tausende Menschen an den Abschlusskundgebungen. (Quellen: ap, dpa)

Mehr unter:
http://www.ostermarsch.info/
http://www.friedenskooperative.de/


 

 

«Wenn die Menschen diesmal in nie dagewesenem Umfang protestieren, wenn Bevölkerungsmehrheiten in den meisten Ländern bei Umfragen ihre Kriegsablehnung bekundet haben, nicht selten sogar gegen die eigene Regierung, dann gewiß deshalb, weil sie ein elementares Prinzip der Weltordnung gefährdet sehen, auf das sich die Charta der Vereinten Nationen gründet. Das ist die gleichberechtigte Einordnung aller in eine Weltorganisation, die den Frieden gegen Machtmißbrauch Stärkerer gegen Schwächere schützen soll. Das war die Lehre, die man aus der Vergewaltigung vieler Länder durch Hitlers Allmachts- und Größenwahn gezogen hat»

Horst-Eberhard Richter, IPPNW-Ehrenpräsident, Gießen, bei einer Ostermarsch-Kundgebung, 2003.

Ostermarsch 2003: Redebeiträge
Dokumentiert in Auszügen von "junge Welt":
http://www.jungewelt.de/2003/04-22/012.php


 

Stichwort: Ostermarsch
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv/k0304200.htm#030420_c


 

Stichwort: Peace-Zeichen

Mit den Demonstrationen gegen den Irak-Krieg ist das Peace-Zeichen der Friedensbewegung wieder überall zu sehen. Das Symbol gleicht einem umgekehrten Ypsilon mit einer verlängerten Mittellinie, umschlossen von einem Kreis. Die drei Gabelungen stehen im 45-Grad-Winkel zueinander.

Das Logo geht auf den britischen Designer Gerald Holtom zurück, der es für eine Demonstration von Atomkriegsgegnern an Ostern 1958 schuf: Der dreitägige Marsch von London zur Atomwaffenfabrik von Aldermaston sollte der Auftakt zu den bis heute aktuellen Ostermärschen sein.

Holtom kombinierte für das Peace-Symbol zwei Zeichen aus dem Winkeralphabet der Seeschifffahrt miteinander, N und D für Nuclear Disarmament (englisch: nukleare Abrüstung). Inspiriert hatte ihn das Gemälde «Die Erschießung der Aufständischen» des spanischen Künstlers Francisco de Goya, in dessen Mittelpunkt ein Rebell mit verzweifelt ausgebreiteten Armen steht. Diese Herkunft ist belegt. Falsche Ableitungen sehen im Peace-Zeichen eine altgermanische Rune, einen dreiblättrigen Ölzweig oder das umgekehrte Kreuz des Antichristen.

Das Winkeralphabet wird mit Hilfe von zwei Flaggen buchstabiert, die ein Mensch in bestimmte Richtungen hält. Zwei schräg nach unten ausgestreckte Flaggen stehen für das N. Beim D streckt man je eine Flagge nach oben und nach unten, so dass sie mit dem Körper eine Linie bilden. Beide Zeichen übereinander gelegt, ergeben das Peace- Zeichen. In den 60er Jahren wurde das Peace-Zeichen von der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg übernommen.

Als zweites Friedenssymbol ist das britische Victory-Zeichen bekannt. Dabei werden Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand zum V gespreizt. Es entstand als Symbol des Durchhaltewillens gegen Hitler- Deutschland im Zweiten Weltkrieg und wurde von Premierminister Winston Churchill populär gemacht. In den 60er und 70er Jahren machte das V ebenso wie das Kopf stehende Ypsilon in der Hippie-Szene Karriere. (Quelle: dpa)
 


 


 

Attac kritisiert Koordinierungsmangel bei Friedensbewegung

Di.22.04.03 - Aus der globalisierungskritischen Organisation Attac gibt es heftige Kritik an der Friedensbewegung. Die Bewegung sei zu zersplittert und zu schlecht koordiniert, sagte Sven Giegold von der deutschen Attac-Sektion am Montag der Nachrichtenagentur AP. Ihre Schlagfertigkeit auf Bundesebene leide darunter.

Seine Organisation sei bereit, an einer stärkeren Koordination mitzuarbeiten, doch leider gebe es grundsätzlichen Widerstand gegen mehr Koordinierung, sagte der Attac-Aktivist. Giegold ist Mitglied im Attac-Koordinierungskreis, dem Führungsgremium der Globalisierungskritiker. Er beklagte auch, dass bestimmte Themen, etwa die unter der rot-grünen Bundesregierung gestiegenen deutschen Rüstungsexporte, gar nicht mehr thematisiert würden.

Giegold räumte ein, dass sich viele Menschen in der heutigen Friedensbewegung anders als in den 80er Jahren nur kurzfristig engagieren. Im Gegensatz dazu sei das Engagement der meisten der mittlerweile knapp 12.000 deutschen Attac-Mitglieder langfristig. Erwartungen, dass die Friedensbewegung nach der überraschend schnellen Entscheidung im Irak-Krieg zerfalle, wies er aber zurück.

Attac war einst für die demokratische Kontrolle der internationalen Finanzmärkte angetreten und hat sich in den letzten Jahren zu einer immer größer werdenden Sammlungsbewegung links-alternativer Gruppen entwickelt. In Deutschland hat sich Attac prominent an zahlreichen Protestaktionen der Kriegsgegner beteiligt. Der Mitgliederzuwachs der deutschen Sektion betrage durchschnittlich 100 Personen pro Woche, sagte Pressesprecher Malte Kreutzfeld. Laut Giegold ist das ungebrochen starke Interesse Folge der allgemeinen Parteienverdrossenheit. Die oft zitierte Politikverdrossenheit gibt es dagegen seiner Auffassung nach nicht.

Nach dem Ende des Irak-Krieges hofft Giegold, dass die ökonomischen Themen, für die Attac einst angetreten war, wieder in den Vordergrund rücken. Vor allem die von der Bundesregierung geplanten Sozialreformen stehen im Fokus geplanter Attac-Aktivitäten. Die Sonderparteitage von SPD und Grünen zur "Agenda 2010" von Bundeskanzler Gerhard Schröder will Giegold zur "massiven Mobilisierung" nutzen. "Dann ist die Chance für alle, Einfluss zu nehmen", sagte er. Er deutete an, dass sich Attac mehr Mobilisierungschancen bei den Grünen ausrechnet. Bei der SPD hätten die Gewerkschaften den größeren Einfluss, sagte er.

Giegold betonte aber, dass man sich in den wirtschaftspolitischen Zielen mit den Gewerkschaften einig sei. Die derzeitige Form der Globalisierung begünstige eine weltweite Tendenz zu Sozialabbau. Die deutschen Arbeitgeber hätten sich offenbar entschlossen, dabei das "angelsächsische Modell" zu wählen und die Rolle des Staates und der Gewerkschaften zurückzustutzen. Ihm wäre aber das "skandinavische Modell" lieber, wo, finanziert durch höhere Steuern, "viel mehr soziale Dienstleistungen erhalten" würden.

Als Beispiel hierfür nannte Giegold die aktuelle Debatte um die Gesundheitsreform, in der das Gesundheitssystem nurmehr als Kostenfaktor wahrgenommen werde. Es sei zwar richtig, die Lohnnebenkosten zu senken. Attac setze sich aber dafür ein, dabei sämtliche Einkommen als Berechnungsbasis zu nehmen. (Quelle: ap)

Mehr unter:
http://www.attac.de/


 

 

«Die vielfältigen Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua rückten auch hierzulande eine Bewegung ins Interesse der medialen Öffenlichkeit, die schon länger kritisch Position bezieht gegen eine ungehemmte ökonomische Globalisierung: Attac.»

Bereits im Juni 1998 war diese ungewöhnliche Bürgervereinigung in Frankreich ins Leben gerufen worden - als Reaktion auf die vielen tausend Leserbriefe, die die Monatszeitung Le Monde diplomatique erhalten hatte. Herausgeber Ignacio Ramonet hatte im Dezember 1997 einen flammenden Artikel gegen die "Diktatur des Marktes" veröffentlicht.

Finanzmärkte und Riesenkonzerne hätten sich einen Weltstaat ohne jegliche demokratische Kontrolle geschaffen, schimpfte er, und postulierte: "Will man verhindern, dass die Welt sich im 21.Jahrhundert endgültig in einen Dschungel verwandelt, in welchem die Räuber den Ton angeben, wird die Entwaffnung der Finanzmächte zur ersten Bürgerpflicht." Dazu, so sein Schluss, müsse eine weltweite regierungsunabhängige Organisation namens Attac geschaffen werden, die, im Verein mit gleich gesinnten Gruppen, zur "gigantischen Pressure-group der Zivilgesellschaft" anschwellen könnte.

Ausgehend von Frankreich haben sich inzwischen in mehr als 30 Ländern viele Menschen und Organisationen aus der Umwelt- und Eine-Welt-Bewegung, kirchliche Kräfte und Gewerkschaften zu Attac zusammengeschlossen.

Mehr zur Geschichte von ATTAC* unter:
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/pol-feature/pf-020108.rtf
http://www.jungewelt.de/2001/07-11/007.shtml

* ATTAC = Association pour la taxation des transactions financières pour l'aide au citoyen, deutsch: Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der BürgerInnen
 


 


 

Im SPD-Reformstreit setzt Parlamentarische Linke auf Kompromiss

Di.22.04.03 - Im SPD-internen Streit um die Arbeitsmarkt- und Sozialreformen setzen führende Vertreter des linken Flügels weiter auf einen Kompromiss zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und den Reformgegnern. "Alle wissen, dass der Erfolg der Reformen im Gesetzgebungsverfahren davon abhängt, ob sie beim Parteitag eine zähneknirschende oder überzeugte Mehrheit hinter sich haben", sagte der Sprecher der einflussreichen Abgeordnetengruppe Parlamentarische Linke, Gernot Erler, der "Financial Times Deutschland".

Die Gruppe will Mitte der Woche ein eigenes Papier mit moderaten Änderungsvorschlägen zu Schröders Reformplänen vorlegen und hat einen Entwurf Schröder bereits zum Lesen in seinen Osterurlaub mitgegeben. Der Kanzler wird sich danach voraussichtlich mit der Spitze der Parlamentarischen Linken treffen.

Am kommenden Montag will dann der Parteivorstand die Reform- "Agenda 2010" inhaltlich "so weit wie möglich konkretisieren", wie Generalsekretär Olaf Scholz der "Berliner Zeitung" sagte. Offen sei, ob die vom Vorstand zu beschließenden Eckpunkte dann auch zur konkreten Grundlage des SPD-Sonderparteitags am 1. Juni gemacht werden. Nach den bisherigen Plänen der SPD-Spitze solle der Parteitag "mehr die grundsätzlichen Beweggründe und Ziele erläutern, die mit der Agenda verbunden sind".

Strittig ist besonders Schröders Ziel, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes von 32 auf maximal 18 Monate zu reduzieren und die Arbeitslosenhilfe auf Sozialhilfeniveau zu senken. "Signale, dass wir diese Umstellung flexibler handhaben, oder durch Einzelfallregelungen soziale Härte verhindern könnten, würde vielen Kritikern die Bauchschmerzen nehmen", sagte Erler.

Am Wochenende hatten die Reformgegner ein Einlenken angedeutet, wenn ihnen eine "Brücke" gebaut wird. Das eingeleitete SPD- Mitgliederbegehren über die Reformen würde dann überflüssig, sagte einer der Initiatoren, der Abgeordnete Ottmar Schreiner.

Generalsekretär Scholz forderte die Abtrünnigen in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa aber auf, die Mehrheit der Partei im Bundestag nicht zu gefährden. Zugleich gab er sich überzeugt, dass das Mitgliederbegehren scheitern wird. Ankündigungen von Union und FDP, Schröder in seinem Kurs zu unterstützen, wertete Scholz als "nicht ganz uneigennützig". Beide Parteien würden an ihren Worten gemessen werden, wenn die Reformgesetze zur Abstimmung in den Bundesrat gingen. Im Seeheimer Kreis der eher konservativen SPD-Abgeordneten wurde vereinzelt dafür plädiert, dass sich der Kanzler im Bundestag notfalls eine Mehrheit bei der Opposition suchen soll, falls die Reformgegner in den eigenen Reihen seine Pläne blockieren. (Quelle: dpa)


 

 

Das SPD-Mitgliederbegehren «Wir sind die Partei»

Dokumentiert von "junge Welt" unter:
http://www.jungewelt.de/2003/04-22/013.php


 

Der Fahrplan des SPD-Mitgliederbegehrens
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv/k0304210.htm#030421_k


 

Parlamentarische SPD-Linke und Forum dl21
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv/k0304210.htm#030421_m


 

«Man kommt nicht an der Erkenntnis vorbei, dass mit der Globalisierung die soziale Frage zurückkehrt»

«(...)Ich glaube, es geht darum, dass in einer der schwierigsten Situationen, die wir als Land hatten, weil das bisherige Modell, das vor Jahrzehnten Wohlstand, Beschäftigung, soziale Sicherheit ermöglicht hat, aufgrund der Rahmenbedingungen wegbricht, ein Prozess der Erneuerung gemacht werden muss. Und in diesem Prozess müssen aus meiner Sicht drei Eckpunkte gewahrt bleiben. Der erste Punkt: Das Gesamtsystem in Richtung fördern und fordern ist richtig und muss eher darin diskutiert werden, wie die Übergänge gemacht werden. Im Grundsatz wird es deshalb auch nicht in Frage gestellt. Das zweite ist, ob das System insgesamt ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit bietet. Und das dritte ist, ob wir damit auch wirklich so etwas wie eine Perspektive entwickeln, weil man schwierige Situationen nur durchhalten kann, wenn man weiß, wo es hingeht und dass man dadurch sozusagen neue Kraft entwickelt, weil man weiß, morgen geht es wieder besser. Und genau dies versuchen wir mit unserem Papier hinzukriegen und insofern muss man bei diesen drei Einzelpunkten reden, deshalb kann es kein entweder oder geben, sondern eine sozusagen vernünftige, verträgliche Umsetzung des Konzeptes insgesamt.»

Michael Müller, stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender, im Deutschlandfunk-Interview vom 22.04.03 zum Streit um das Reformkonzept Agenda 2010 und das von der Parlamentarischen Linken (PL) vorgelegte Kompromisspapier. Müller ist Mitglied der PL und Mitautor des Papiers.

Das ganze Interview unter:
http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-interview/3236.html


 

Agenda 2010

Mit der "Agenda 2010" sollen die Bereiche Konjunktur und Haushalt, Arbeit und Wirtschaft sowie Soziale Sicherung weitreichend umstrukturiert werden und damit Anreize für Arbeit, Konsum und Investitionen geboten werden..

Insgesamt umfasst die Agenda 30 Reformvorhaben. 24 Vorhaben wird die Bundesregierung bis zur Sommerpause vorlegen. Bei sechs Vorhaben sind zunächst die Ergebnisse der eingesetzten Experten-Kommissionen abzuwarten und in den Zeitplan einzuarbeiten. Ziel ist es, den überwiegenden Teil bis zum 1. Januar 2004 Wirklichkeit werden zu lassen.

Bundeskanzler Schröder hatte die "Agenda 2010" am 14. März in einer Regierungserklärung ("Reformrede des Kanzlers") vor dem Deutschen Bundestag unter der Überschrift "Mut zum Frieden und Mut zur Veränderung" vorgestellt.

Quelle: Bundesregierung-Online
http://www.bundesregierung.de/index-,413.479711/Agenda-2010.htm

 


 


 

Lafontaine wirft Schröder Wählerbetrug vor

Di.22.04.03 - Der frühere SPD-Chef Oskar Lafontaine hat Bundeskanzler Gerhard Schröder vorgeworfen, die Wähler "für dumm" zu verkaufen. Lafontaine schrieb in der "Bild"-Zeitung (Dienstagausgabe), Schröder verlange von seiner Partei und der Bundestagsfraktion, bei Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Kündigungsschutz und Krankengeld "Wortbruch" zu begehen. Schröders Agenda 2010 bestehe aus "uralten Ladenhütern der Unternehmerverbände". Dagegen erklärte der SPD-Abgeordnete Rainer Wend laut "Bild": "Wenn wir den Linken in der SPD folgen, verabschieden wir uns freiwillig von der Macht."

Lafontaine äußerte Unterstützung für die SPD-Abgeordneten, die über Schröders Reformpläne ein Mitgliederbegehren herbeiführen wollten. "Wer darauf besteht, Wahlversprechen einzuhalten, ist kein Verräter", erklärte er. Demgegenüber sprach Wend, der Mitglied im Fraktionsvorstand der SPD ist, von "Selbstverliebtheit" der SPD-Abweichler: Sie setzten damit die Regierung aufs Spiel, wird er in der "Bild"-Zeitung zitiert. (Quelle: ap)
 


 

DGB gegen neues Rentenmodell

Di.22.04.03 - Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat Überlegungen zu einer neuen Rentenberechnungsformel kritisiert. Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer, die ihre Organisation in der Rürup-Kommission zur Reform der Sozialsysteme vertritt, bestätigte in der "Berliner Zeitung" Berichte vom Wochenende, dass in der Kommission ein Rentenmodell mit einem demographischen Faktor erarbeitet wird.

Dieser Faktor berücksichtigt die zunehmende Alterung der Gesellschaft und führt damit zu geringeren jährlichen Rentenerhöhungen. Nach Darstellung der "Berliner Zeitung" wird dieses Modell vom Kanzleramt befürwortet.

"Wir können diese Entwicklung nicht akzeptieren", sagte Engelen- Kefer der Zeitung. Rentnerinnen und Rentner hätten bereits im Zuge der letzten Reform ihren Sparbeitrag geleistet. Die Gewerkschaften könnten auch nicht akzeptieren, dass das gesetzliche Renteneintrittsalter wie von Rürup gewollt ab 2010 generell von 65 auf 67 Jahre erhöht wird. "Die Mehrheit in der Kommission läuft jedoch gegen uns", räumte Engelen-Kefer ein. Ein Minderheitenvotum der Gewerkschaftsseite sei deshalb bereits in Vorbereitung.

SPD-Generalsekretär Olaf Scholz bekräftigte, dass das Rentensystem reformiert werden soll. "Es ist sicher, dass etwas geschehen wird", sagte er der Zeitung. Auf konkrete Inhalte wollte er allerdings nicht eingehen. Die entsprechende Vorlage der Rürup-Kommission zur Reform der Sozialsysteme solle abgewartet werden. Diese wird allerdings erst im Spätsommer erwartet.

Die zuständige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte am Wochenende bestritten, dass die Regierung bereits Pläne zur Änderung der Rentenformel hegt. Sie verwies ebenfalls darauf, dass darüber erst nach Vorlage der Rürup-Ergebnisse entschieden werden solle.

Der stellvertretende CDU-Vorsitzende, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, sagte der "Rheinischen Post" (Dienstag): "Es ist klar, dass eine Rentenformel ohne demographischen Faktor nicht funktionieren kann." Die Folgen längeren Rentenbezuges durch die Verlängerung des Lebensalters müssten zwischen den Generationen ausgeglichen werden, der Faktor Arbeit dürfe aber nicht unbegrenzt belastet werden.

Einen solchen demographischen Faktor hatte die Regierung Kohl bereits eingeführt, das entsprechende Gesetz war nach dem Machtantritt von SPD und grünen aber ausgesetzt worden. (Quelle: dpa)
 


 

Gericht verbietet Streik der Lokführergewerkschaft

Di.22.04.03 - Der Tarifkonflikt zwischen der Bahn und den Lokführern beschäftigt nun die Justiz: Das Arbeitsgericht in Frankfurt am Main verbot der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) den geplanten Streik. Wie die Deutsche Bahn AG am Montag mitteilte, erließ das Gericht auf Antrag des Unternehmens eine entsprechende Einstweilige Verfügung. Die Richter begründeten ihre Entscheidung damit, dass unverhältnismäßiger Schäden von der Bahn und ihren Kunden abgewendet werden müsse. Die GDL kündigte Beschwerde vor dem Landesarbeitsgericht an.

Der GDL-Vorsitzende Manfred Schell sagte in der ARD, der Gerichtsbeschluss werde "unsere Pläne überhaupt nicht tangieren". GDL-Sprecher Maik Brandenburger erklärte, am Dienstag werde nicht gestreikt. Allerdings seien weiterhin Arbeitskampfmaßnahmen geplant, um die Forderung der Lokführer nach einem eigenen Spartentarifvertrag durchzusetzen.

Laut Deutscher Bahn folgte das Gericht in der am Ostermontag zugestellten Einstweiligen Verfügung der rechtlichen Argumentation des Unternehmens. Die Bahn lehnt den Abschluss eines Spartentarifvertrages für die Lokführer mit dem Verweis auf den Grundsatz der Tarifeinheit ab. Danach können in einem Unternehmen nicht mehrere Tarifverträge nebeneinander gelten. Wann das Gericht in der Hauptsache entscheiden wird, ob nämlich der von der GDL angestrebte Spartentarifvertrag überhaupt wirksam sein würde, steht laut Bahn noch nicht fest.

In diesem Zusammenhang warf das Unternehmen der GDL vor, ihre organisationspolitische Stellung als kleinere Gewerkschaft gegenüber den Gewerkschaften Transnet und GDBA mit Hilfe des Spartentarifvertrages stärken zu wollen. Die Deutsche Bahn AG könne nicht hinnehmen, dass dieser Konflikt auf ihrem Rücken und dem ihrer Kunden ausgetragen werde. Für den Fall, dass es entgegen der Einstweiligen Verfügung zu einem Streik kommt, kündigte die Bahn "massive Schadenersatzforderungen" gegen die Lokführergewerkschaft an.

Neue Verhandlungen sind angesichts der festgefahrenen Fronten offenbar in weite Ferne gerückt. Brandenburger sagte, nach fünf ergebnislosen Verhandlungs- und ebenso vielen gescheiterten Schlichtungsrunden sehe die GDL keine andere Möglichkeit als den Arbeitskampf. "Aus unserer Sicht machen Gespräche zur Zeit keinen Sinn", erklärte der GDL-Sprecher.

http://www.gdl.de
http://www.bahn.de
 


 

Grünen-Urabstimmung über Trennung von Amt und Mandat

Di.22.04.03 - Die Grünen bitten ab heute ihre Mitglieder an die Urnen. Es beginnt die Urabstimmung über die Trennung von Amt und Mandat. Innerhalb der Partei wird über dieses Thema seit Jahren gestritten. In den kommenden Wochen sollen die Grünen entscheiden, ob zwei Mitglieder des Bundesvorstandes künftig gleichzeitig auch Abgeordnete des Bundestages oder eines Landtages sein dürfen. Wegen der geltenden Regelung waren die Parteichefs Claudia Roth und Fritz Kuhn zurückgetreten. (Quelle: dpa)


 

 

Die Basis hat das letzte Wort

Di.22.04.03 - Die Amtsübergabe vollzog sich reibungslos. Nachdem Reinhard Bütikofer und Angelika Beer im Dezember routiniert ihre Posten als Grünen-Parteichefs übernommen hatten, geriet schnell in Vergessenheit, welches Personaldrama sie an die Parteispitze gespült hatte. Der Parteitag in Hannover hatte dem Erfolgsduo Fritz Kuhn und Claudia Roth die Wiederwahl verweigert, weil zuvor die Änderung des Satzungsgebots einer Trennung von Amt und Mandat gescheitert war. Mit einer Urabstimmung über Amt und Mandat wollen die Grünen ein ähnliches Fiasko künftig verhindern.

Bis zum 13. Mai müssen die Grünen-Mitglieder ihre Stimme abgegeben haben. Am 23. Mai soll das Ergebnis der Urabstimmung verkündet werden. Entscheiden muss die Basis darüber, ob künftig im Bundesvorstand ein Drittel der Mitglieder - also zwei von sechs - gleichzeitig Abgeordnete sein dürfen. Sollte die Mehrheit der Mitglieder mit «Ja» stimmen, wäre der alte Zopf der Unvereinbarkeit von Parteiamt und Parlamentsmandat zumindest gekürzt. Ausgeschlossen wäre immer noch, dass die Parteivorsitzenden gleichzeitig Fraktionsvorsitzende werden können - das wäre der Ämterhäufung und Machtkonzentration dann doch zu viel.

Mit der Urabstimmung soll auch ein Schlussstrich unter eine unendliche Geschichte gezogen werden. Denn alle paar Jahre wieder beschäftigte das Thema Amt und Mandat die Parteitage der Grünen. In Karlsruhe im Jahre 2000 und im vergangenen Oktober in Bremen scheiterten Anträge zur Abschaffung der ungeliebten Satzungsklausel aus der Gründerzeit jeweils an einer Hand voll Stimmen. Etwas weniger als die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit der Delegierten hätte hingegen den Befreiungsschlag gern gesehen.

Nach dem Scheitern in Bremen wurde die Idee der Urabstimmung geboren, um der Sperrminorität ein für alle Mal das Handwerk zu legen. Gleichzeitig sollte damit gewährleistet werden, dass Kuhn und Roth - beide seit der Wahl 2002 Abgeordnete des Bundestags - als Parteichefs wiedergewählt werden können. Bis zur Urabstimmung, mit deren positiven Ausgang die Parteispitze fest rechnete, sollte die Satzungsklausel zu Gunsten von Roth und Kuhn ausgesetzt werden. Doch nicht einmal das gelang.

Gegner einer Aufhebung wie der Parteilinke Hans-Christian Ströbele und die niedersächsische Landesvorsitzende Heidi Tischmann erinnern daran, dass mit der Trennung von Amt und Mandat einer Abhängigkeits- und Filzstruktur vorgebeugt werden sollte. Verantwortung und Einfluss hätten auf möglichst viele Schultern verteilt werden sollen. Gleichzeitig habe man neuen Leuten Aufstiegschancen eröffnen und das Angebot profilierter Personen erweitern wollen. Beide machen darauf aufmerksam, dass schon jetzt der Parteivorstand an allen Fraktionssitzungen teilnehme und eine Vernetzung dadurch gewährleistet sei.

Fraktionschefin Krista Sager macht dagegen geltend: «Wer nicht Parlamentsmitglied ist, bleibt nur Gast bei den Fraktionssitzungen.» Der Parteivorstand bleibe automatisch immer etwas außen stehend und spiele die Rolle der armen Verwandtschaft. Auch die Verschlechterung des Lebensstandards für einen Parteivorsitzenden, der sein Mandat aufgebe, müsse bedacht werden. «Dazu sind offenkundig immer weniger Menschen in unserer Partei bereit», gab Sager zu bedenken

Der Landesvorstand Nordrhein-Westfalen, der die Urabstimmung initiiert hat, hält die Aufhebung der Trennung für ein Drittel der Vorstandsmitglieder für einen guten Kompromiss. Die Urabstimmungsfrage sei «eine Brücke, auf der sich sowohl jene treffen können, die grundsätzlich alle satzungsmäßigen Beschränkungen aufheben wollen, wie jene, die auf einer strikten Trennung von Amt und Mandat beharren». Auch die Leidtragende Roth plädiert für eine maßvolle Öffnung statt einer kompletten Aufhebung, weil sie das Argument der Machtkonzentration für gewichtig hält.

Sollte sich die Parteibasis für die Öffnungsklausel aussprechen, hat Roth allerdings nichts mehr davon. Roth, die 2001 schon einmal ihr Bundestagsmandat zu Gunsten des Parteivorsitzes aufgegeben hatte, ist inzwischen wieder fest in die Fraktion integriert. Die ehemalige Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Bundestages fungiert seit kurzem als Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung. Kuhn übernahm den Vorsitz einer neu gegründeten Arbeitsgruppe für Wirtschaft und Arbeit. (Quelle: ap)

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Jusizministerium will DNA-Analyse ausweiten

Di.22.04.03 - Im Bundesjustizministerium gibt es Überlegungen, die DNA-Analyse bei der Aufklärung von Straftaten auszuweiten. Wie der "Kölner Stadt-Anzeiger" unter Berufung auf Koalitionskreise berichtet, wächst der Druck aus dem Bundesinnenministerium und der SPD-Fraktion, "beim genetischen Fingerabdruck einen großen Schritt nach vorn zu machen". Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, plädierte dafür, die DNA-Analyse künftig auch ohne vorherige richterliche Genehmigung anzuwenden.

Derzeit muss ein Richter zustimmen; zudem muss der Verdacht auf eine erhebliche Straftat vorliegen. Nach Auffassung von Wiefelspütz sollte die DNA-Analyse auch nicht auf Straftaten mit sexuellem Hintergrund beschränkt bleiben. Die Methode sei auch etwa für die Aufklärung von Diebstählen geeignet. Die DNA-Analyse sei eine "geniale Methode, bei der es praktisch keine Missbrauchsmöglichkeiten gibt". Er selbst sei sich mit den Unionsvertretern bei dem Thema weitgehend einig. "Wir sollten das Instrument der DNA-Analyse sehr viel intensiver nutzen als bisher und uns darüber ohne Scheuklappen auseinander setzen", sagte der SPD-Innenexperte. (Quelle: afp)
 


 

Araber beraten über Wiederbelebung des Boykotts gegen Israel

Di.22.04.03 - Vertreter 15 arabischer Staaten haben am Montag in Syrien viertägige Beratungen über eine Wiederbelebung des Boykotts von Unternehmen aufgenommen, die mit Israel Handel treiben. Der Generalkommissar des 1951 gegründeten Zentralen Boykottbüros sagte mit Blick auf den Irak-Krieg und die Eskalation im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in seiner Eröffnungsrede in Damaskus, das Treffen finde in einer sehr komplizierten und heiklen Lage statt.

Israel verweigere den Palästinensern nach wie vor ihre Rechte und verletze internationale Resolutionen, erklärte Ahmed Chasaa. Er rief die arabischen Staaten dazu auf, den Kampf der Palästinenser mit dem Boykott internationaler Unternehmen zu unterstützen. Bei den Beratungen geht es unter anderem um finanzielle Unterstützung der Palästinenser und die Erweiterung der Boykottliste von Unternehmen, die mit Israel in Geschäftsbeziehung stehen.

Der Leiter des syrischen Regionalbüros, Mohammed el Adschami, sagte, der Boykott sei das einzige legitime Mittel, um der Aggression Israels gegen die Palästinenser zu begegnen. Er erklärte, dass die wirtschaftlichen Boykottmaßnahmen gegen Israel solange in Kraft bleiben müssten, bis Israel alle besetzten arabischen Gebiete geräumt habe und ein unabhängiger palästinensischer Staat mit der Hauptstadt Jerusalem geschaffen sei.

Das einst mächtige Zentrale Boykottbüro, das von der Arabischen Liga finanziert wird, hat seit dem Friedensschluss Ägyptens und Jordaniens mit Israel an Bedeutung verloren. Diese beiden Staaten sowie Mauretanien, das ebenfalls mit Israel Frieden geschlossen hat, nehmen an der Tagung nicht teil. Die Boykottliste der Organisation umfasste einst mehr als 8.500 Namen von Firmen und Privatpersonen, darunter Coca-Cola und Filme der zum jüdischen Glauben konvertieren Schauspielerin Elizabeth Taylor. (Quelle: ap)
 


 

Nordkorea bereitet Gespräche mit USA in Peking vor

Di.22.04.03 - Nordkoreas Militärführung hat mit der chinesischen Regierung die am Mittwoch in Peking geplanten Dreier-Gespräche mit den USA über das umstrittene Atomprogramm Pjöngjangs vorbereitet. Der erste Vizevorsitzende der nordkoreanischen Militärkommission, Vizemarschall Jo Myongrok, traf in Peking Verteidigungsminister Cao Gangchuan sowie den Vizechef der Militärkommission, Guo Boxiong, wie die amtlichen chinesischen Medien am Dienstag berichteten.

Die dreitägigen Gespräche auf Einladung Chinas sind für die USA ein erster Schritt in Richtung auf eine überprüfbare und endgültige Beendigung des nordkoreanischen Atomprogramms. Auch China setzt sich für eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel ein, wie der Vizevorsitzende der chinesischen Militärkommission, Guo Boxiong, bei dem Treffen mit dem Vizemarschall sagte. China bemühe sich um Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel.

Auch wünsche Peking eine Verbesserung der Beziehungen zwischen dem Norden und Süden Koreas. Die Koreafrage solle durch Dialog und friedliche Mittel gelöst werden, sagte General Guo Boxiong. Der nordkoreanische Vizemarschall betonte, sein Land wolle die freundschaftlichen Beziehungen zu China vorantreiben. Jo Myongrok gilt als Amerika-Kenner und ist in Nordkoreas Verteidigungskommission die Nummer Zwei hinter Machthaber Kim Jong Il.

Als bislang ranghöchster Militärführer Nordkoreas hatte der Vizemarschall im Jahr 2000 die USA besucht. Ob er direkt an den Verhandlungen teilnehmen wird, konnten US-Diplomaten nicht sagen. Die nordkoreanische Delegation wird vom Abteilungsleiter für Nordamerika im Außenministerium in Pjöngjang, Li Gun, geführt. Für die USA führt der Abteilungsleiter für Ostasien, James Kelly, die Gespräche. Auf chinesischer Seite nimmt der Leiter der Asienabteilung, Fu Ying, teil. Die chinesische Seite hat die USA um weitgehendes Stillschweigen während der Gespräche gebeten, berichteten Diplomaten. (Quelle: dpa)
 


 

Seoul: Nordkorea hat nicht mit Aufbereitung von Brennstäben begonnen

Di.22.04.03 - Nordkorea hat nach Angaben aus Seoul noch nicht mit der Wiederaufbereitung von Atombrennstäben begonnen. Die Vorbereitungen dazu könnten aber bereits abgeschlossen sein, sagte der südkoreanische Verteidigungsminister Cho Young Il laut der Nachrichtenagentur Yonhap am Dienstag vor dem Parlament. Offensichtlich habe Pjöngjang durch scharfe Töne die Oberhand bei den Verhandlungen mit Washington gewinnen wollen. Dies berge jedoch auch die Gefahr einer Eskalation, warnte Cho. (Quelle: afp)
 


 

US-General sieht in Nordkorea globale Gefahr

Di.22.04.03 - Nordkorea ist nach den Worten des Kommandeurs der US-Truppen in Südkorea eine Bedrohung für die globale Stabilität und "ein Dorn" in den Friedensbemühungen für die Region. General Leon LaPortes Äußerungen kamen einen Tag vor den für Mittwoch in Peking geplanten Gesprächen zwischen den USA, Nordkorea und China über das nordkoreanische Atomprogramm.

Mit seiner Entwicklung von Atomwaffen, der Weiterverbreitung seiner Raketentechnik und dem Aufbau einer riesigen Armee an der Grenze zu Südkorea sei Nordkorea eine Gefahr für die Welt, sagte LaPorte am Dienstag. "Nordkorea hat eine Wirtschaft, die am Abgrund steht, und ein Atomwaffenprogramm." Dass Nordkorea eine Gefahr für den Frieden in der Region sei, sei "keine Vermutung, sondern eine Tatsache", sagte LaPorte, der 37.000 Soldaten in Südkorea befehligt.

Der australische Außenminister Alexander Downer erklärte am Dienstag zu einem Zeitungsbeitrag, wonach in Washington auch Pläne für die Bombardierung der nordkoreanischen Atomanlage bereit lägen, dass dies vermutlich richtig sei. Die USA hätten für alle möglichen Entwicklungen Pläne. Sie würden aber alles tun, um eine diplomatische Lösung der Krise zu erreichen, sagte Downer. (Quelle: ap)
 


 

Indiens Regierung bemüht sich um Frieden in Kaschmir

Di.22.04.03 - Die indische Regierung hat ihre Bemühungen um eine friedliche Beilegung des Kaschmir-Konflikts verstärkt. Ein Gesandter von Ministerpräsident Vajpayee traf am Montag in der umkämpften Himalaja-Region ein, um Möglichkeiten für Gespräche mit den Rebellen auszuloten. Vajpayee hatte am Samstag sein Verhandlungsangebot an Pakistan bekräftigt. Separatistengruppen wiesen dies jedoch als Täuschungsversuch zurück. Pakistan begrüsste Vajpayees Vorschlag, wies dabei aber erneut den Vorwurf zurück, es ermögliche Extremisten den Grenzübertritt nach Indien.

Indische Soldaten töteten am Sonntag sieben mutmassliche islamische Extremisten, die offenbar von Pakistan aus in den indischen Teil Kaschmirs eingedrungen waren. Der Zwischenfall trug sich nach Angaben eines Polizeisprechers etwa 240 Kilometer nördlich von Jammu zu, der Winterhauptstadt des Gliedstaates Jammu und Kaschmir. Bei den Getöteten handelt es sich laut dem Sprecher um Pakistaner. (Quelle: nzz [ap])

 


 

Massive Betrugsvorwürfe nach Wahl in Nigeria

Di.22.04.03 - Nach der Präsidentschaftswahl in Nigeria und dem sich abzeichnenden klaren Sieg für Amtsinhaber Olusegun Obasanjo haben Opposition und Wahlbeobachter der Regierung massiven Wahlbetrug vorgeworfen. Das Wahlergebnis sei "ein riesengroßer Witz", ließ sein Herausforderer Muhammadu Buhari über einen Sprecher mitteilen: "So einen Betrug hat es in der Geschichte des Landes noch nie gegeben." Unabhängige US-Beobachter berichteten von "beträchtlichen" Unregelmäßigkeiten sowie von "offensichtlichem und vorsätzlichem Wahlbetrug" bei der Stimmabgabe. Die Wahl galt als Bewährungsprobe für die junge Demokratie in Nigeria.

Die schlimmsten "Formfehler" habe es in den drei südöstlichen Bundesstaaten Cross River, Imo und Rivers gegeben, erklärte das US-Institut IRI. Die Beobachter hätten "unwiderlegbare Beweise" dafür, dass dort Stimmzettel bewusst vernichtet, Wahlurnen manipuliert und gestohlen sowie Ergebnisse "im großen Stil" gefälscht worden seien. In zwei weiteren Bundesstaaten sei es ebenfalls zu zahlreichen Unregelmäßigkeiten gekommen. So hätten im nördlichen Staat Katsina "systematisch" auch Minderjährige gewählt; im Staat Nassarawa im Landesinneren habe mindestens ein Wahlbüro zu spät geöffnet und bereits nach zwei Stunden wieder geschlossen.

Wie die größte nigerianische Beobachtergruppe TMG mitteilte, wurde besonders im Anschluss an die Wahl "in hohem Maße" betrogen. Dies sei insbesondere im Südosten des Landes und im Niger-Delta beim Zusammentragen und Auszählen der Stimmzettel zu beobachten gewesen. "Wir gehen nicht davon aus, dass das Ergebnis in irgendeiner Form legitim ist", sagte TMG-Chef Festus Okoye.

Nach Auszählung von mehr als 70 Prozent der Wahlbezirke war Obasanjo der Sieg praktisch sicher. Obasanjo erzielte nach offiziellen Angaben mehr als 62 Prozent der abgegebenen Stimmen. Buhari lag mit 31 Prozent weit zurück.

Staatschef Obasanjo war als Favorit ins Rennen gegangen; der 66-Jährige war vor vier Jahren an die Macht gekommen. Er hatte den westafrikanischen Staat aber schon einmal als Militärherrscher in den 70er Jahren gelenkt. (Quelle: afp)
 


 

In Ontario jetzt 7000 Menschen wegen SARS unter Quarantäne

Di.22.04.03 - In der kanadischen Provinz Ontario befinden sich wegen der gefährlichen Lungenkrankheit SARS inzwischen rund 7000 Menschen unter Quarantäne.

Die Provinz Ontario ist am schwersten von der Ausweitung des Schweren Akuten Atemwegssyndroms (SARS) in Kanada betroffen. Von den 300 landesweit gemeldeten Infektionsfällen entfallen bisher 259 allein auf die bevölkerungsreichste Provinz des Landes. Auch die 14 Todesfälle haben sich alle in Ontario ereignet.

Besonders von den Folgen von SARS betroffen ist die Tourismus-Branche. Hotelbedienstete in der Metropole Toronto sagten, die Auswirkung auf die Besucherzahlen sei schlimmer als nach den Terror-Anschlägen vom 11. September in den USA.

Nach WHO-Zahlen hat sich SARS ausgehend von China auf inzwischen 25 Länder ausgeweitet. Mindestens 209 Personen sind danach an den Folgen von SARS gestorben. Kanada ist bisher das einzige Land außerhalb Asiens mit Todesfällen durch SARS. (Quelle: rtr)
 
 
 
 

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