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Kurznachrichten   [ Allg. Nachrichten ] [Nachrichtendienste ] [ Ticker ] +++ Do.24.04.03, 12:45 Sechsunddreißigster Kriegstag in Irak
Vier weitere Gefolgsleute Saddams in US-Gewahrsam +++
Proteste gegen Amerikaner in Kerbela +++
Schiitische Spezialkräfte aus Iran dringen angeblich in Südirak ein +++
USA warnen Iran vor Einmischung in Irak +++
Irakische Widerstandsgruppe droht Alliierten mit bewaffnetem Kampf +++
Tony Blair: Situation im Irak beginnt sich zu stabilisieren.
Do.24.04.03 - Zwei Wochen nach dem Fall von Bagdad sind den USA am Mittwoch vier weitere
Führungsmitlieder des gestürzten Regimes von Saddam Hussein ins Netz gegangen. Drei von ihnen
stehen auf der Liste der 55 meist Gesuchten, teilte das US- Zentralkommando in Doha (Katar) mit. Damit
befinden sich insgesamt elf der Gesuchten in der Gewalt der Kriegs-Koalition.
Bei den drei Spitzenleuten handelt es sich um den Kommandeur der Luftverteidigung, Musahim Sab
Hassan el Tikriti, die Nummer zehn auf der Liste ("Karo-Dame"), der Direktor des militärischen
Geheimdienstes, Suhair Talib Abd el Sattar el Nakib (Nummer 21/ "Herz-Sieben")
und Handelsminister Mohammed Mahdi el Salih (Nummer 48/"Herz-Sechs").
Außerdem fassten die Truppen den Amerika-Experten des irakischen
Geheimdienstes, Salim Said Chalaf el Dschumaili. Bei seiner Festnahme am
Mittwoch in Bagdad habe es einen "feindlichen Toten" gegeben. El Dschumaili
könne wahrscheinlich dazu beitragen, irakische Spione in den USA zu entlarven,
betonte das Zentralkommando.
In Kerbela gab es wieder anti-amerikanische Proteste: Demonstranten
forderten am Rande des größten Festes schiitischer Pilger seit 25 Jahren den
Abzug der alliierten Truppen. "Tod Amerika" und "Tod Israel" skandierten sie.
Auch gegen den von Washington favorisierten Oppositionsführer Ahmed
Tschalabi richteten sich die Proteste. Der US-Zivilverwalter
für Irak, Jay Garner, sagte hingegen, die meisten Iraker würden die Präsenz der
Amerikaner schätzen. Einem US-Zeitungsbericht zufolge sind schiitische
Spezialkräfte aus Iran zur Unterstützung ihrer Glaubensgemeinschaft in Südirak
eingedrungen.
Es handele sich nur um einige "inszenierte Demonstrationen", die Mehrheit der
Iraker sei "froh, dass wir hier sind", sagte Garner bei einem Besuch in Nordirak.
Zudem seien Demonstrationen ein Zeichen der Freiheit.
Die einflussreichste schiitische Oppositionsgruppe im Irak rief zur Mäßigung auf. "Wir sind gegen die Besatzung,
aber wir möchten keine Kämpfe", sagte Abdelasis el Hakim, Sprecher des Hohen Rates für die Islamische Revolution
im Irak (SCIRI), dem arabischen Fernsehsender El Dschasira. Der bewaffnete Kampf liege nicht im Interesse der
Iraker.
Im Schutz der schiitischen Pilgerfahrt nach Kerbela seien Mitglieder der bewaffneten
El-Badr-Brigaden sowie der iranischen Revolutionsgarden nach Irak gekommen,
berichtete die "New York Times" unter Berufung auf US-Geheimdienstberichte.
Nach dem Sturz von Saddam Hussein wollten die Schiiten verbündete Geistliche in
Südirak unterstützen und möglicherweise das iranische Modell einer islamischen
Regierung verbreiten, wurde ein US-Regierungsbeamter zitiert: "Es geht ihnen nicht
darum, Demokratie zu verbreiten." Washington habe den Einfluss der Schiiten in
Irak unterschätzt. Rund 60 Prozent der Iraker sind Schiiten.
Unterdessen warnten die USA die iranische Regierung vor einer Einmischung in die Angelegenheiten des Iraks. Als
Beispiel für Teherans Verhalten nannte der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer, Berichte, wonach iranische
Agenten im Irak versuchten, die Schiiten im Süden des Landes zu beeinflussen. Das US-Zentralkommando gab
bekannt, dass Marineinfanteristen bereits am Montag mit der Überwachung der Grenze zu Iran im Nordosten des
Iraks begannen.
Ein Sprecher des in Iran ansässigen Obersten Rats für die Islamische Revolution in Irak (SCIRI) sagte, seine Gruppe
werde keinen Vertreter zu dem für Samstag geplanten Treffen von Oppositionsgruppen unter US-Aufsicht in Bagdad
schicken. Irak müsse selbst über seine Regierung entscheiden. Die größte schiitisch-irakische Oppositionsgruppe
hatte bereits ihre Teilnahme an dem ersten von den USA geleiteten Irak-Treffen vergangene Woche abgesagt.
Eine neu gegründete Widerstandsgruppe hat in Bagdad den
bewaffneten Kampf gegen die Alliierten angekündigt. Zugleich drohte die "Irakische
Nationale Befreiungsorganisation" damit, den von der US-Regierung eingesetzten
Irak-Verwalter Jay Garner zu töten. Das geht aus einer an den arabischen
Fernsehsender El Dschasira geschickten Erklärung hervor.
Saddam Hussein hält sich nach Einschätzung des britischen Verteidigungsministers Geoff Hoon noch immer in Irak
versteckt. Letztlich wüssten die Alliierten nicht, wo er sich befinde, sagte Hoon im südirakischen Umm Kasr laut
einem Bericht der britischen Nachrichtenagentur PA. Aber sie gingen davon aus, dass er sich in Irak aufhalte.
Nach Ansicht des britischen Premierministers Tony Blair beginnt sich die Situation im Irak zu stabilisieren. Die
Menschen dort würden jetzt die Freiheiten genießen, die sie in den vielen Jahren unter der brutalen Herrschaft
Saddam Husseins nicht gehabt hätten. "Das irakische Volk hat eine Zukunft in Wohlstand, Gerechtigkeit und Freiheit
vor sich", sagte Blair in London.
Die Zahl der britischen Bodentruppen im Irak soll deutlich reduziert werden. Nach Angaben einer ranghohen
Militärquelle am Oberkommando der Alliierten in Katar vom Mittwoch wird in den kommenden Monaten nur noch eine
von bislang drei Brigaden übrig bleiben. Insgesamt waren etwa 45 000 britische Soldaten in der Region stationiert.
(Quellen: ap, dpa, afp)
Erste Anzeichen der Normalisierung in Bagdad
Doch weiterhin gibt es kein sauberes Wasser. Ärzte
befürchten die Ausbreitung von Cholera und Typhus.
Do.24.04.03 - Bagdad feiert in diesen Tagen zwar das langsame Ende des seit mehr als drei
Wochen andauernden Stromausfalls. Doch noch liegen in der Nacht weite Teile der
Stadt in Dunkelheit. Erst allmählich können Bäckereien wieder Brot backen, und die
Kläranlagen laufen nur langsam an.
Trotz den Schwierigkeiten zeigt das Leben in der Stadt nach dem Chaos und der
Anarchie der vergangenen Wochen aber wieder erste Anzeichen von
Normalisierung. Die Straßen sind gefüllt mit zurückströmenden Familien, die vor
den Bomben aufs Land geflüchtet waren. Auch Lastwagen, die Obst für die
Märkte liefern, sind wieder zu sehen.
Doch weiterhin fließt kein sauberes Wasser aus den Wasserhähnen. Ärzte
befürchten die Ausbreitung von Cholera und Typhus. Schon gibt es erste
Verdachtsfälle in den Krankenhäusern. 50 bis 60 Prozent der kleinen Patienten im
El-Iskan-Kinderkrankenhaus leiden unter Austrocknung und Durchfall, wie Doktor
Ahmed Abdul Fattah berichtet. Er vermutet, dass es sich dabei um Cholera und Typhus handelt.
Sicherheit hat er aber nicht: Die Labors sind für Test nicht gerüstet, und die Mitarbeiter der
UN-Gesundheitsorganisation sind noch nicht wieder da.
In modernen Krankenhäusern sind Seuchen wie Cholera und Typhus relativ gut zu behandeln.
Aber Arzneimittel sind derzeit in Bagdad einfach nicht ausreichend vorhanden. In ihrer Not
halbieren manche Ärzte die Antibiotika-Dosierungen. Das kann vielleicht einigen Patienten
kurzfristig das Leben retten, aber die langfristigen Folgen sind verheerend. Denn damit erhöht
sich die Resistenz der Erreger gegen die Medikamente.
Ohne richtige Behandlung sterben an Cholera 50 bis 80 Prozent der Erkrankten. Besonders für Kinder und alte
Menschen bedeutet die Seuche oft den Tod. (Quelle: ap)
«Die Invasion der Täufer»
Nach den Bomben kommen US-Prediger in den Irak.
Wie Geier kreisen radikale christliche Heilsbringer über dem zerstörten Land.
Mehr unter:
OPEC-Sondertreffen: Furcht vor Zerschlagung des Öl-Kartells durch die USA
Do.24.04.03 - Die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) will an diesem
Donnerstag auf einem Sondertreffen Maßnahmen gegen den befürchteten Verfall
der Ölpreise beraten. Im Zentrum der Beratungen dürfte die Lage beim
OPEC-Gründungsmitglied Irak stehen. Einige Kartellmitglieder wie Iran befürchten,
die USA strebten nach dem Sturz des irakischen Präsidenten Saddam Hussein die
Zerschlagung der OPEC an.
Nach diesem Szenario könnte die irakische Ölindustrie unter starker Beteiligung von
US-Firmen privatisiert werden. Dann könnte Bagdad das Kartell verlassen und durch
eine erhöhte Ölförderung zu einem weltweiten Preisverfall beitragen.
Die Erdölminister von zehn der elf OPEC-Mitgliedsländer werden sich in Wien nach
inoffiziellen Berichten auf die Wiedereinführung der Fördergrenze von 24,5 Millionen
Barrel (159 Liter) am Tag verständigen, die nach dem Ausbruch des Irak-Krieges
aufgehoben worden war. Der Irak wird als elftes OPEC-Mitglied nicht am
Verhandlungstisch vertreten sein.
Der Barrelpreis für OPEC-Öl war von über 33 Dollar Mitte März auf 26,24 Dollar am
vergangenen Dienstag gefallen und hatte vorübergehend sogar bei 24,91 Dollar
gelegen. Das Kartell strebt einen Richtpreis zwischen 22 und 28 Dollar an. Die
Organisation fürchtet, dass der Preis wieder deutlich unter die 20 Dollar-Marke
rutschen könnte. (Quelle: dpa)
Trotz UN-Sanktionen und veralterter Technik spielt der Irak nach wie vor eine
Hauptrolle in der Welt des Öls.
Mehr unter:
Irak hat die zweitgrößten Erdölvorkommen der Welt
Der Irak verfügt mit schätzungsweise mehr
als 15 Milliarden Tonnen über die zweitgrößten
Erdölvorkommen der Welt. Er wird nur von Saudi-Arabien
mit 35 bis 36 Milliarden Tonnen übertroffen.
Die wichtigsten Ölfelder liegen im Norden bei Mosul und
Kirkuk, östlich von Bagdad entlang der Grenze zu Iran
sowie in der Region um die Hafenstadt Basra im Süden
des Landes.
Raffinerien und Transportanlagen sind nach westlichen Kenntnissen in schlechtem
Zustand. Bis zu ihrer Verstaatlichung 1972 war die irakische Ölförderung in den
Händen der von westlichen Konzernen beherrschten Iraq Petroleum Company (IPC).
(Quelle: dpa)
USA bestehen auf völliger Aufhebung der Irak-Sanktionen
Do.24.04.03 - Nach dem Vorschlag Frankreichs, die Irak-Sanktionen
auszusetzen, haben die USA ihre Forderung nach einer völligen Aufhebung
bekräftigt. "Sanktionen sind nicht mehr nötig. Alles hat sich geändert", sagte
US-Außenamtssprecher Richard Boucher am Dienstag in Washington. Eine
Suspendierung werde der Situation nicht gerecht.
Der französische UN-Botschafter Jean-Marc de la Sabliere hatte dem
Weltsicherheitsrat in New York offiziell vorgeschlagen, die 1990 verhängten
Sanktionen "mit sofortiger Wirkung auszusetzen" und das an die Sanktionen
geknüpfte Hilfsprogramm "Öl für Lebensmittel" langsam auslaufen zu lassen. Paris
bestehe allerdings darauf, dass die Abrüstung des Iraks von der Kriegskoalition und
der für Bio- und chemische Kampfstoffe zuständigen UN-Kommission UNMOVIC
sowie der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO gemeinsam durchgeführt wird.
(Quelle: dpa)
Russland lehnt sofortige Aufhebung der Irak-Sanktionen weiter ab
Do.24.04.03 - Russland macht eine Aufhebung der Sanktionen gegen
den Irak weiterhin von einem Einsatz der UN- Waffeninspekteure im Land abhängig.
"Wir alle wollen erst sichergehen, dass es im Irak keine Massenvernichtungswaffen
gibt", sagte der russische UN-Botschafter Sergej Lawrow am Dienstagabend
(Ortszeit) in New York.
Sein Land widersetzte sich keineswegs grundsätzlich einer Aufhebung der
Sanktionen. "Sobald sie (die UN-Waffeninspekteure) ihren Bericht abgegeben
haben, sollten die Sanktionen aufgehoben werden", sagte Lawrow nach Angaben
der Agentur Itar-Tass. Frankreich hatte am Dienstag im UN-Sicherheitsrat dafür
plädiert, die 1990 verhängten Sanktionen «mit sofortiger Wirkung auszusetzen».
(Quelle: dpa)
Berlin legt sich zu Aufhebung der Sanktionen gegen Irak nicht fest
Do.24.04.03 - In der Debatte des UN-Sicherheitsrats über die Aufhebung der
Sanktionen gegen den Irak will Deutschland eine neue Konfrontation vermeiden. Im
Gegensatz zu den Veto-Mächten Frankreich, Russland und den USA bezog die
Bundesregierung als zeitweiliges Ratsmitglied am Mittwoch keine klare Position.
"Wir sind für alles offen, was den Wiederaufbau voranbringt", sagte die
stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amts, Antje Leendertse, in Berlin. Man
stehe erst am Anfang einer intensiven Diskussion im Sicherheitsrat.
Vize-Regierungssprecher Thomas Steg erinnerte an die internationale Rechtslage.
Demnach könne der Sicherheitsrat über die Aufhebung der Sanktionen entscheiden,
wenn UN-Chefwaffeninspekteur Hans Blix in einem Abschlussbericht mitgeteilt
habe, dass der Irak keine Massenvernichtungswaffen mehr besitzt. Diese Haltung
vertritt auch Russland, während Frankreich dafür plädiert, die Sanktionen mit
sofortiger Wirkung auszusetzen und sich damit der Position der USA angenähert
hat. Deutschland hat den Vorsitz im Irak- Sanktionsausschuss des Sicherheitsrats.
Die deutsche Haltung entspreche der internationalen Rechtslage, sagte Steg, und
"das erfordert den entsprechenden Bericht".
Der Vorschlag Frankreichs zur sofortigen Aufhebung der Sanktionen sei für Berlin
nicht überraschend gekommen, sagte Steg. Über das Sanktionsregime sei
"natürlich" auch vergangene Woche beim EU-Gipfel in Athen sowie zuvor beim
Dreiertreffen Deutschland, Frankreich und Russlands in St. Petersburg gesprochen
worden. Die Gespräche seien im Detail aber nicht darauf ausgerichtet gewesen,
eine gemeinsame Position zu entwickeln.
AA-Sprecherin Leendertse bekräftigte, es gebe "nichts Trennendes" in den Positionen Deutschlands und
Frankreichs. Es gebe lediglich verschiedene "Diskussionsbeiträge". Alle Lösungsansätze und «konstruktiven»
Vorschläge sollten «pragmatisch» geprüft werden. Deutschland habe "Sympathie"» für alle entsprechenden Beiträge.
Entscheidungen müssten unter dem Dach der Vereinten Nationen getroffen werden. Es gebe "ein ganzes Geflecht"
von UN-Resolutionen zum Irak, die jetzt geprüft werden müssten, sagte sie. Dazu gehörten die Waffeninspektionen,
die Sanktionen und das "Öl-für- Nahrungsmittel"-Programm. Das letztere laufe turnusgemäß am 3. Juni aus.
FDP-Chef Guido Westerwelle bezeichnete die Forderung der USA nach der sofortigen und vollständigen Aufhebung
der UN-Sanktionen gegen den Irak als gerechtfertigt. Er forderte die Bundesregierung auf, im Interesse des
schnellstmöglichen Wiederaufbaus zumindest den französischen Vorschlag der Aussetzung der Sanktionen zu
unterstützen. "Je schneller der Wiederaufbau gelingt, umso überzeugender ist das Signal für Demokratie und
Marktwirtschaft in die arabische Welt", erklärte Westerwelle. (Quelle: dpa)
UN ringen um ihre Rolle im Nachkriegs-Irak
Ohne dass bisher die in etliche UN-Resolutionen festgeschriebenen
völkerrechtlichen Voraussetzungen geschaffen wurden, haben die USA damit
begonnen, erste Verträge für den Wiederaufbau des Iraks zu vergeben.
Do.24.04.03 - Der Vorstoß aus Paris kam unerwartet. Zwar hatte
Frankreichs Präsident Jacques Chirac schon beim EU-Gipfel in Athen anklingen
lassen, dass er sich ein Ende der Irak-Sanktionen vorstellen könne. Doch als
Chiracs Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York, Jean-Marc de la
Sablière, das Aussetzen der noch vor dem Golfkrieg 1991 verhängten Sanktionen im
Sicherheitsrat beantragte, herrschte große Betroffenheit bei der Weltorganisation.
Frankreich hatte sich in den Monaten vor dem Irak-Krieg und seither am
entschiedensten für eine friedliche Lösung eingesetzt und damit die Position der UN
vertreten. Entsprechend zählten die Vereinten Nationen auch beim Ringen um ihre
Rolle im Nachkriegs-Irak auf die Unterstützung der Franzosen sowie der Deutschen
und Russen.
Denn Washington will dem ungeliebten Völkerbund zwar «wichtige Aufgaben» im
Irak überlassen. Die US-Regierung macht aber kein Hehl daraus, dass es wenig
geneigt ist, sich New Yorker Weisungen zu unterwerfen und den UN-Einsatz vor
allem auf den humanitären Sektor beschränken möchte, um freie Hand bei der
politischen und wirtschaftlichen Neuordnung des ölreichen Landes zu behalten.
Ohne dass bisher die in etliche UN-Resolutionen festgeschriebenen
völkerrechtlichen Voraussetzungen geschaffen wurden, haben die USA damit
begonnen, erste Verträge für den Wiederaufbau des Iraks zu vergeben. Den größten
Zuschlag bekam die der jetzigen US-Regierung nahe stehende Bechtel Group in
San Francisco. Mit dem Start der Auftragsvergabe müssen Paris und Moskau
befürchten, ihre führende wirtschaftliche Rolle im Irak zu verlieren und keine oder nur
sehr dünne Scheiben am «Kuchen», dem Wiederaufbau des zerstörten
Nahostlandes, überlassen zu bekommen.
Paris versucht verstärkt, nach den Auseinandersetzungen mit den USA über den
Irak-Krieg das Eis in den Beziehungen mit Washington zu brechen. Die
Reparaturbemühungen werden von politischen Beobachtern in Paris nicht als
vollständiges Einknicken der Veto-Macht gesehen. Denn trotz aller
Versöhnungssignale verteidigt Jacques Chirac im Sicherheitsrat unverändert die
Position, dass die UN im Irak die Oberhand erhalten sollten. Beim Treffen mit dem
russischen Präsidenten Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder am
11. und 12. April in Sankt Petersburg hatte er betont, eine Aufhebung der
Irak-Sanktionen könne nur nach den «UN-Modalitäten» geregelt werden.
Vor einer Woche hat Chirac die Initiative ergriffen und erstmals seit dem 7. Februar
persönlich mit US-Präsident George W. Bush telefoniert. Der 70-jährige Doyen unter
den westlichen Staatschefs hatte sich als einer der entschiedensten Gegner des
Irak-Kriegs zum Sprecher der weltweiten Friedensbefürworter aufgeschwungen.
Frankreich wolle «eine pragmatische Rolle beim Wiederaufbau des Irak» spielen,
versicherte Chirac seinem US-Amtskollegen nach dem raschen Sieg der Koalition.
Mit dem überraschenden Vorschlag des französischen UN- Botschafters, die UN-Sanktionen gegen den Irak mit
sofortiger Wirkung zu «suspendieren», bemüht sich Frankreich um Kooperation und einen Kompromiss. Paris geht
davon aus, dass die Sanktionen unter Einhaltung von den UN-Resolutionen erst nach einem Schlussbericht der
UN-Waffenkontrolleure definitiv aufgehoben werden sollten. Außerdem hat Außenminister Dominique de Villepin sofort
bekräftigt, die Vereinten Nationen sollten beim gesamten Wiederaufbau des Irak, was die Entwaffnung, Fragen der
Übergangsregierung, der Erdölreserven und der Verwaltung anbelangt, die Führung übernehmen. (Quelle: dpa)
Die UN-Sanktionen und das Programm «Öl für Nahrung»
Nach der irakischen Invasion Kuwaits beschlossen die Vereinten Nationen am 6. August 1990 mit der
Resolution 661 Wirtschaftssanktionen gegen Bagdad. Sie blieben auch nach dem Golfkrieg zur Befreiung
Kuwaits 1991 mit einigen Modifizierungen in Kraft und gelten auch nach dem jüngsten Irak-Krieg.
Das Ende der Sanktionen ist von der vollständigen Abrüstung
des Irak im Bereich der Massenvernichtungswaffen abhängig.
Wenn der UN- Sicherheitsrat formell festgestellt hat, dass das
Land nicht (mehr) über chemische und biologische Waffen
verfügt, haben die Sanktionen «keine weitere Kraft oder Wirkung» mehr. Die
Bedingung wurde in der Resolution 687 vom 3. April 1991 festgeschrieben.
Die Resolution 661 untersagt dem Irak Exporte fast aller Güter. Auch finanzielle
Hilfen und der Flugverkehr wurden unterbunden. Zu den wenigen Ausnahmen vom
generellen Einfuhrverbot gehört medizinisches Material.
Die Sanktionen sehen im Einzelnen unter anderem vor:
- Ein für alle Staaten, Unternehmen und Einzelpersonen weltweit geltendes Verbot
jeder Art von Im- und Exporthandel mit dem Irak. Davon ausgenommen sind nur
Nahrungsmittel, Medikamente und andere humanitäre Hilfsgüter.
Ausnahmegenehmigungen kann in Einzelfällen ein Sanktionsausschuss der UN
erteilen.
- Eine Seeblockade zur Absicherung des Embargos und ein Verkaufsverbot für
irakisches Erdöl.
- Das Einfrieren sämtlicher Auslandsguthaben des irakischen Staates.
Mit der UN-Resolution 986 von 1995 wird dem Irak im so genannten Programm Öl
für Nahrung erlaubt, in begrenztem Umfang Öl zu exportieren, um mit dem Erlös
Versorgungslücken zu schließen. Das Programm wurde mehrfach verlängert.
(Quelle: dpa)
Spanien plant neue Militärgesetze für Anti-Kriegs-Proteste
Do.24.04.03 - Spanien plant ein neues militärisches Strafrecht, das etwa
die Beteiligung an Anti-Kriegs-Protesten unter Umständen unter Strafe
stellen soll. Das Madrider Verteidigungsministerium bestätigte einen
entsprechenden Bericht der Zeitung "El Pais". Das Vorhaben richte
sich jedoch nicht gegen Massenkundgebungen wie jene im Vorfeld
des Irak-Krieges, betonte das Ministerium.
Die Zeitung hatte berichtet,
dasVerteidigungsministerium wolle Proteste gegen die spanische
Beteiligung an einem Krieg als "Defätismus" und "Wehrkraftzersetzung"
werten und bis zu sechs Jahren Haft bestrafen. "Wenn dieser Text in Kraft
wäre, könnte ein Militärrichter Millionen von Demonstranten, die gegen
den Irak-Krieg protestiert haben, wegen Defätismus zur Rechenschaft
ziehen", schrieb das Blatt - in Spanien solle ertsmals seit dem Ende der
Franco-Diktatur die Rechtsprechung von Militärgerichten wieder
ausgeweitet werden.
Nach den jetzigen Gesetzen kann von
Wehrkraftzersetzung nur die Rede sein, wenn Spanien sich mit einem
anderen Land offiziell im Krieg befindet. Im Entwurf des Ministeriums
heißt es angeblich, dass dieser Straftatbestand künftig schon in
einem "bewaffneten Konflikt" möglich ist. (Quelle: dpa)
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Abbas und Arafat einigen sich auf neue Regierung
Do.24.04.03 - Nach erbittertem Tauziehen haben sich Palästinenserpräsident Jassir Arafat
und der designierte Ministerpräsident Mahmud Abbas am Mittwoch auf eine neue palästinensische
Führungsriege verständigt. Nur wenige Stunden vor Ablauf der Frist zur Regierungsbildung
einigten sich beide Kontrahenten auf einen Kompromissvorschlag. Abbas' Wunschkandidat,
Mohammed Dahlan, soll demnach Beauftragter für Innere Sicherheit werden; das
Innenministerium soll dagegen dem künftigen Regierungschef unterstehen.
Washington, EU und Berlin begrüßten die Einigung als Fortschritt für den
Nahost-Friedensprozess.
Das Palästinenserparlament solle der neuen Regierungsmannschaft bereits in den
kommenden Tagen sein Vertrauen aussprechen, teilte Arafats Sprecher, Tajeb
Abdelrahim mit. Arafat habe Parlamentspräsident Ahmed Korei mit der Einberufung
der Versammlung beauftragt. Für die Regierungsbildung hatte eine letzte Frist bis
Mitternacht (Ortszeit, 23.00 Uhr MESZ) gegolten.
Streitpunkt zwischen Arafat und Abbas war die Besetzung des Innenressorts. Arafat
hatte eigentlich den jetzigen Innenminister Hani el Hassan, einen langjährigen
Vertrauten, im Amt halten wollen. Die Berufung des Ex-Geheimdienstchefs Dahlan
hatte er vehement abgelehnt. Der frühere Sicherheitsberater Arafats galt als einer
der wenigen Kandidaten mit Durchsetzungskraft gegenüber den bewaffneten
palästinensischen Gruppen und war auch Favorit der USA für den Posten.
Ein Misserfolg Abbas' hätte den Bemühungen um eine Lösung des
Nahost-Konfliktes einen herben Rückschlag versetzt. US-Präsident George W.
Bush hatte die Vorlage eines von den USA, Russland, der EU und der UNO
erarbeiteten Fahrplans zur Bildung eines Palästinenserstaats an die Einsetzung einer palästinensischen
Reformregierung geknüpft. Vor allem Washington und London übten vor Ablauf der Frist starken Druck auf Arafat aus.
Washington werde mit Abbas und Israel an einer Fortsetzung des Friedensprozesses arbeiten, sagte
US-Außenamtssprecher Richard Boucher nach Bekanntwerden der Kompromisslösung. Bundesaußenminister
Joschka Fischer erklärte in Berlin, der palästinensische Legislativrat habe nun die Verantwortung, der neuen
Regierung das Vertrauen auszusprechen.
Warnende Signale kamen hingegen von radikalen Palästinensern, die ihren Kampf gegen Israel gefährdet sehen.
Sollte sich die neue Regierung gegen palästinensische Kämpfer richten, werde "das Volk" ihr einen "unfreundlichen
Empfang" bereiten. (Quelle: afp)
Israel reagiert vorsichtig auf Einigung über Palästinenserregierung
Do.24.04.03 - Israel hat vorsichtig optimistisch auf die Beilegung des Streits um die neue
palästinensische Regierung reagiert. Die Einigung zwischen Palästinenserpräsident
Jassir Arafat und dem designierten Ministerpräsidenten Mahmud Abbas sei
"positiv", sagte Handelsminister Ehud Olmert dem Fernsehsender CNN am
Mittwoch. Es bleibe jedoch abzuwarten, welche politische Rolle Arafat künftig
spielen werde. Das Tauziehen zwischen Arafat und Abbas in den vergangenen
Tagen zeige, "dass der Kampf um die Macht bei den Palästinensern vielleicht noch
nicht beendet ist", warnte Olmert. Die künftige Palästinenserregierung müsse erst
noch beweisen, dass sie wirklich zum Kampf gegen den Terrorismus bereit sei.
Dies sei für Israel die Voraussetzung für jeglichen Fortschritt im Nahost-Prozess.
(Quelle: afp)
Tote und Verletzte bei Selbstmordanschlag in Israel
Do.24.04.03 - Ein mutmaßlicher palästinensischer Selbstmordattentäter hat
am Donnerstag in der zentralisraelischen Stadt Kfar Saba einen Menschen mit in
den Tod gerissen und mindestens 13 verletzt.
Der Attentäter habe sich am Eingang eines Bahnhofs in die Luft gesprengt, teilte die
Polizei mit. Israelische Medien berichteten, der Täter habe den Sprengsatz offenbar
gezündet, als ihn ein Wachmann am Betreten des Bahnhofs hindern wollte. Der
Anschlag ereignete sich einen Tag, nachdem sich die palästinensische Führung auf
die Bildung eines neuen Kabinetts geeinigt hatte. Dies gilt als wichtige
Voraussetzung für die Umsetzung eines internationalen Friedensplans
im Nahen Osten.
Rund die Hälfte der Opfer befinde sich in einem kritischen Zustand, sagten Sanitäter.
Die Explosion ereignete sich am Morgen zur Hauptverkehrszeit. Viele Pendler nutzen
den Bahnhof, um von dort aus zur Arbeit in Tel Aviv zu fahren. Die Eingangstüren
des neu gebauten Bahnhofs wurden durch die Explosion auseinander gerissen.
Israel verurteilte umgehend den Anschlag. "Der Anschlag in Kfar Saba ist ein
weiterer Angriff auf unschuldige israelische Zivilisten im Herzen unserer Städte",
sagte ein Mitarbeiter im Büro des Ministerpräsidenten Ariel Scharon. "Es ist ein
weiteres Beispiel für die schiere Brutalität des palästinensischen Terrorismus", fügte er hinzu.
Radikale Palästinensergruppen lehnen den von den USA, der Europäischen Union, den Vereinten Nationen und
Russland ausgearbeiteten Friedensplan ab. Dieser sieht unter anderem ein Ende der Gewalt auf beiden Seiten und die
Bildung eines Palästinenserstaates bis 2005 vor. Auf internationalen Druck hatte Palästinenser-Präsident Jassir Arafat
am Mittwoch der Kabinettsliste des als moderat geltenden designierten Ministerpräsidenten Mahmud Abbas
zugestimmt.
Radikale Palästinensergruppen hatten die Regierungsbildung kritisiert und weitere Anschläge in Israel angekündigt.
Zuletzt hatte sich am 30. März in der Küstenstadt Netanja ein palästinensischer Selbstmordattentäter in die Luft
gesprengt und 30 Menschen verletzt. Seit Beginn des Palästinenseraufstands im September 2000 sind mindestens
2005 Palästinenser und 733 Israelis getötet worden. (Quelle: rtr)
Muslimische Rebellen nehmen Geiseln in Südphilippinen
Do.24.04.03 - Rund 500 muslimische Rebellen haben am Donnerstag eine
Polizeiabteilung im Süden der Philippinen angegriffen, vier Beamte als Geiseln
genommen und zwei Zivilisten getötet. Das teilte ein Militärsprecher in Iligan mit.
Die Guerillas der Islamischen Befreiungsfront Moro (MILF) hätten außerdem eine
Brücke bombardiert. Die beiden Zivilisten seien bei der Kaperung eines Busses
erschossen worden, der zusammen mit einem Lkw zur Blockade einer Fernstraße
in der Provinz Lanao del Norte benutzt worden sei. Ein Sprecher der Rebellen
bestätigte den Angriff, dementierte aber die Geiselnahmen. Die MILF kämpft seit
fast drei Jahrzehnten für einen islamischen Staat im Süden der Philippinen.
(Quelle: ap)
«Auf den Süd-Philippinen kämpfen Moslems gegen Christen»
Im Süden der Philippinen sind Bombenanschläge und andere
Gewalttaten nicht ungewöhnlich. Seit Jahrhunderten herrscht ein
Krieg, der mal mehr, mal weniger intensiv ausgetragen wird. Allein in
den vergangenen 30 Jahren sollen dabei rund 100 000 Menschen
umgekommen sein.
In der Regel kämpfen Moslems gegen Christen. Aber es geht nur teilweise um
Religion. Es geht darum, welche Gruppe das Gebiet regiert, es geht um
Landbesitz und soziale Gerechtigkeit.
Die Gewalt von heute hat tiefe Wurzeln. Die Moslems kamen Ende des 13.
Jahrhunderts, 200 Jahre vor den Christen, auf die Süd-Philippinen. Dort waren
Moslems bis vor rund 50 Jahren in der Mehrheit. Aber die Christen, zuerst
Spanier, erkämpften sich nach ihrer Ankunft schnell die Macht und nahmen
sich das Land, vor allem auf der größten Insel, auf Mindanao. Dort liegt die
Hafenstadt Zamboanga, in der die beiden Bomben explodierten. Wie in vielen
Teilen Mindanaos sind Christen hier mittlerweile in der Mehrheit. Wenig wird
über die Ureinwohner, die "Lumad" gesprochen, die kaum eine Stimme
haben.
Nicht weit von Zamboanga, auf der kleinen Insel Tawi-Tawi, stand im 14.
Jahrhundert die erste Moschee, unabhängige Sultanate entstanden. 1521
erreichten Spanier den Norden der Philippinen, wo keine Moslems lebten. Sie
kontrollierten das Gebiet schnell und "bekehrten" die Menschen zum
Katholizismus. Danach gingen sie in den Süden, der Krieg begann. Seitdem
kämpfen die Moslems: gegen spanische und später gegen US-amerikanische
Kolonialherren, im Zweiten Weltkrieg gegen Besatzer aus Japan und seit der
Unabhängigkeit der Philippinen gegen katholische Soldaten aus dem Norden.
Die "Moros", die Moslems der Süd-Philippinen, waren nicht gefragt worden,
ob sie dabei sein wollen, als die Philippinen unabhängig wurden. Die Grenzen
aus der Kolonialzeit wurden übernommen, der Norden könnte ohne die
"Kornkammer Mindanao" nicht überleben. Bis heute fordern die "Moros" das
Recht auf Selbstbestimmung. Seit 1972 ist der Konflikt besonders blutig. Die
größte Rebellentruppe, die "Moro National Liberation Front" (MNLF), hat
mittlerweile gegen begrenzte Autonomie Frieden geschlossen. Mit der
anderen großen Gruppe, der "Moro Islamic Liberation Front" (MILF),
vereinbarte die Regierung einen Waffenstillstand, Friedensverhandlungen
scheiterten aber.
Gegen eine dritte bewaffnete Moslemgruppe, die Abu Sayyaf, fährt
Präsidentin Gloria Arroyo einen harten Kurs. Die USA stufen die Gruppe (...)
als Terrorgruppe ein. Sie soll Beziehungen zum Terrornetzwerk Al Qaeda
unterhalten. Allerdings gibt es über die Kontakte der Abu Sayyaf seit Jahren
keine offiziellen Informationen mehr. In den 90er Jahren hielt sich ein
Schwager Osama bin Ladens in den Süd-Philippinen auf, er soll die Abu
Sayyaf unterstützt haben, die später mit brutalen Entführungen bekannt
wurde. 1995 plante eine Terrorzelle in Manila offenbar Anschläge auf
US-Flugzeuge. Die Behörden verhafteten die Terroristen aber noch rechtzeitig.
Die Abu Sayyaf war von einem respektierten islamischen Gelehrten gegründet
worden, der einen unabhängigen islamischen Staat wollte. Nach seinem Tod
verkam ein Großteil seiner Gruppe zu einem Haufen geldgieriger Krimineller,
die Geiseln nehmen um Lösegeld zu erpressen. Washington schickte nach
dem 11. September 1200 Soldaten auf die Philippinen. Spezialeinheiten
agierten auf der Insel Basilan, dort ist die Abu Sayyaf jetzt fast ausgeschaltet.
Auf Jolo, wohin vor zwei Jahren auch eine Familie aus Göttingen verschleppt
wurde, gab es keine US-Hilfe. Dort ist die Abu Sayyaf stark. (Quelle: Frankfurter Rundschau vom 18.10.02)
Mehr als zwanzig Tote bei neuer Gewalt in Kaschmir
Do.24.04.03 - Eine neue Welle der Gewalt hat am Dienstag den Besuch eines
indischen Sondergesandten in Kaschmir überschattet. Mehr als zwanzig Menschen
wurden getötet. Im indisch kontrollierten Teil der umkämpften Himalaya-Region riss
eine Bombenexplosion fünf Menschen in den Tod. In der Stadt Jammu erschossen
Polizisten 16 mutmassliche Rebellen. Bei der Explosion einer Mine wurden neun
Soldaten verletzt.
Der frühere indische Innenminister N.N. Vohra war am Montag in den Unionsstaat
Jammu-Kaschmir gereist, um mit pro-indischen Gruppen und nach Autonomie
strebenden Rebellen zu verhandeln. Die Rebellen, die in dem Gebiet kämpfen, in
dem die Bombe am Dienstag explodierte, hatten das Gesprächsangebot Vohras
jedoch zurückgewiesen.
Nach Berichten von Augenzeugen und Sicherheitskräften verkauften Bewohner des
Dorfes Khulgulshanpora am frühen Morgen auf der Strasse Milch und liessen ihre
Kühe weiden, als die in einer Mauer versteckte Bombe explodierte. Nach
Polizeiangaben wurden fünf Personen getötet und zwölf verletzt. Der Anschlag habe
offenbar Sicherheitskräften gegolten, die die Strasse nutzen. Niemand bekannte
sich zu dem Anschlag. Die Polizei machte aber muslimische Separatisten
verantwortlich.
In Jammu, der Winterhauptstadt von Jammu-Kaschmir, umstellten Soldaten und
Polizisten nach einem Hinweis über den Aufenthaltsort von Guerilla-Kämpfern zwei
Waldstücke. Sie rückten vor und erschossen nach eigenen Angaben 16 Personen.
Kaschmir ist zwischen Pakistan und Indien geteilt. Die beiden Staaten haben zwei
ihrer drei Kriege um die Region geführt. Indien wirft Pakistan vor, die Rebellen zu
unterstützen, die auf indischem Territorium für den Anschluss an Pakistan kämpfen.
Erst am Wochenende hat der indische Ministerpräsident Atal Bihari Vajpayee Pakistan ein neues Angebot zur
friedlichen Beilegung des Kaschmir-Konflikts gemacht. Pakistan erklärte sich daraufhin «jederzeit und an jedem Ort»
zu Friedensverhandlungen bereit. Einzelheiten könnten in den kommenden Tagen geklärt werden, hiess es aus
Islamabad. (Quelle: ap)
In Kaschmir führen zwei Konfliktherde
Seit Teilung von Britisch-Indien 1947 haben Indien
Die Atommächte Indien und Pakistan sind hoch gerüstet.
Verschärfte Repression in Argentinien
Do.24.04.03 - Der staatliche Repressionsapparat ist in Argentien überall und
ständig präsent. So stehen an nahezu jeder Ecke Polizeitruppen mit ihren
schusssicheren Westen, auch vor jedem Supermarkt und jeder Bank.
Strassensperren gehören genauso zum Alltagsbild, wie mit Gewehren und
oftmals Maschinenpistolen ausgerüstete "Robocops" bei politischen Protestkundgebungen.
In letzter Zeit wurden vor allem die sozialen Bewegungen Argentiniens mit
ansteigender Repression konfrontiert. Die Situation ist angespannt und
wird sich nach allen Einschaetzungen mit den Präsidentschaftswahlen Ende
April noch verschlimmern. (Quelle: indymedia) Mehr unter:
EU-Konventspräsidium unterstützt Plan für Präsidenten
Do.24.04.03 - Trotz heftiger Kritik hat das Präsidium des EU-Reformkonvents
den Vorschlag für einen hauptamtlichen EU-Ratspräsidenten unterstützt, andere
Pläne seines Vorsitzenden Valery Giscard d'Estaing aber aufgeweicht.
EU-Kommission und Parlamentarier hatten Giscards Vorschläge am Mittwoch zuvor
in Brüssel scharf kritisiert und ihm eine einseitige Stärkung der nationalen
Regierungen vorgeworfen. Das einflussreiche Konvents-Präsidium einigte sich am
Abend nach mehr als zehnstündigen Beratungen auf einen Kompromissvorschlag
für den sensibelsten Teil der geplanten EU-Verfassung, der am Donnerstag von den
105 Konventsmitgliedern diskutiert werden soll.
Mit dem Vorschlag für einen hauptamtlichen Vorsitzenden des Europäischen Rates
der Regierungschefs unterstützte das Präsidium einen der umstrittensten Punkte
aus Giscards Vorstellungen über die künftige Machtverteilung. Ein fester Präsident,
der keine eigenen Befugnisse haben soll, wird von kleinen EU-Staaten abgelehnt,
die dadurch einen Verlust an Einfluss fürchten. Ein Konventssprecher sagte, das
Präsidium sei sich zwar nicht einig, alle Kompromissteile würden aber von einer
Mehrheit unterstützt.
Bislang rotiert die Ratspräsidentschaft im Halbjahresturnus zwischen allen
EU-Staaten. Die großen Länder Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien
und Italien machen sich aber für einen festen Präsidenten stark. Giscard hatte
ursprünglich auch einen Vize-Präsidenten vorgeschlagen, um kleine Länder zu
bedienen. Er fand dafür nach Angaben des Sprechers im Präsidium aber keine
Unterstützung.
Besonders heftige Kritik hatte sich an Giscards Vorschlag entzündet, im Rat der
Regierungen eine Art Koordinationsbüro einzurichten. "Dies würde das bestehende
Kräftegleichgewicht zwischen den EU-Institutionen unterlaufen", hatte die
Kommission erklärt. "Die Union braucht keine Macht, die in den Händen eines
intergouvernementalen Büros konzentriert ist." Das Präsidium schlug nun vor, die Einrichtung des Büros nicht in der
Verfassung vorzuschreiben, aber dem Rat die Einrichtung eines solchen zu ermöglichen.
Den Interessen der kleinen Länder kommt der Präsidiumsvorschlag entgegen, den Vorsitz im koordinierenden Rat der
Allgemeinen Angelegenheiten und in einem neuen Legislativrat rotieren zu lassen. Dem Außenrat soll ein neuer
EU-Außenminister vorsitzen, der auch Vize-Präsident der Kommission sein soll.
Die Rolle des Parlaments sollte nach den Vorstellungen des Präsidiums durch die Wahl des
Kommissionspräsidenten gestärkt werden. Zwar wird er durch die Regierungen mehrheitlich vorgeschlagen. Weil sie
für ihren Vorschlag jedoch eine Mehrheit im Parlament brauchen und die Wahl kurz nach der Parlamentswahl erfolgen
soll, sehen Präsidiumskreise darin eine Stärkung der Parlamentarier.
Aufgeweicht hat das Präsidium Giscards Vorschlag für eine deutliche Verkleinerung der Kommission, die die
Entscheidungen der Union vorbereitet und eine zentrale Rolle spielt. Insgesamt solle das Kollegium 15 Mitglieder
umfassen und durch 15 weitere Unter-Kommissare ergänzt werden. Diese Unter-Kommissare sollen aber kein
Stimmrecht haben.
Damit stünden insgesamt 30 statt der von Giscard vorgeschlagenen 25 Posten zur Verfügung. Im kommenden Jahr
wächst die EU auf 25 Mitglieder und könnte 2007 bereits 27 Staaten umfassen. Die neuen Regeln würden erst auf die
2009 neu zu bildende Kommission angewendet, so dass dann immer noch alle Länder vertreten sein könnten.
Das Präsidium bestätigte auch Giscards Plan eines neuen EU-Kongresses aus nationalen und Europa-Abgeordneten,
ließ aber offen, ob dieser auch den Ratspräsidenten wählen darf. Der Zweck dieses Kongresses wird weithin
angezweifelt. (Quelle: rtr)
«Neues Europa kauft jetzt in den USA ein»
Gigantisches Rüstungsgeschäft: Polen erhält für dreieinhalb
Milliarden US-Dollar 48 amerikanische Kampfflugzeuge. Mehr unter:
Experten rechnen mit zunehmender Verbreitung von SARS
Do.24.04.03 - Die Lungenkrankheit SARS wird von den Experten immer
ernster genommen. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) erklärte
am Mittwoch in Wiesbaden, bei der neuartigen Lungenentzündung sei der
Höhepunkt längst nicht erreicht. Die Mediziner sprachen erstmals von einer Seuche,
was bislang vermieden worden war, um keine Ängste zu schüren.
Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Auswärtiges Amt rieten von Reisen nach
Hongkong, Peking und Toronto ab, die Lufthansa strich Flüge nach China.
DGIM-Experte Professor Jürgen Meyer sagte in Wiesbaden, es sei leider damit zu
rechnen, "dass wir mit der Epidemie noch nicht durch sind, sondern dass sie sich
weiter verbreitet". Bis zum Mittwoch starben weltweit 252 Menschen an SARS,
davon 105 allein in Hongkong, 106 im chinesischen Kernland, 17 in Singapur, 15 in
Kanada, fünf in Vietnam, sowie je zwei in Thailand und Malaysia. Insgesamt gibt es
mehr als 4.000 Infizierte, die Zahl der in Deutschland Erkrankten gab die DGIM mit
"unter zehn" an.
Ein Schnelltest zur Erkennung der Krankheit ist laut DGIM beim Tropeninstitut in
Hamburg und beim Robert-Koch-Institut in Berlin in Vorbereitung. Wann er
eingesetzt werden kann, ist noch ungewiss. SARS ist aktuelles Thema des
jährlichen DGIM-Kongresses vom 26. bis 30. April in Wiesbaden.
Die WHO warnte mit Hinweis auf SARS vor Reisen nach Toronto, Peking und in die
chinesische Provinz Shanxi. In diesen drei Gebieten bestehe ein hohes
Ansteckungsrisiko, hieß es. Schon zuvor hatte die WHO von Reisen nach
Hongkong und in die chinesische Provinz Guangdong (Kanton) abgeraten. Das
Auswärtige Amt in Berlin empfahl ebenfalls die Verschiebung von Reisen nach
Hongkong, Peking, Shanxi, Guangdong und Toronto.
Das ohnehin abgeschottete Nordkorea hat seine Einreisebestimmungen
aus Furcht vor der Einschleppung der Lungenkrankheit SARS weiter verschärft. Das
Auswärtige Amt teilte am Mittwoch in Berlin mit, dass alle einreisenden Personen,
auch wenn sie keine Symptome der Krankheit aufwiesen, zwangsweise für zehn
Tage unter Quarantäne gestellt würden. Der NDR berichtete, dies gelte auch für
Mitarbeiter der deutschen Botschaft.
Einreisende Ausländer ohne SARS-Symptome werden den Angaben zufolge in ein
Quarantänezentrum außerhalb von Pjöngjang gebracht. Die Isolierung soll auch für
Nordkoreaner gelten, die von einer Auslandsreise zurückkehren.
Darüber hinaus gilt laut Mitteilung für den Grenzverkehr, dass alle per Schiff, mit
dem Flugzeug oder über Land Einreisenden an den Übergängen auf
SARS-Symptome untersucht würden. Ausländern mit SARS-Symptomen, die auf
dem Landweg Nordkorea erreichen wollten, werde die Einreise verweigert. Reisende
mit SARS-Symptomen, die über andere Grenzstationen ankämen, würden "in die
dafür vorgesehenen Krankenhäuser eingewiesen, Ausländer in ein Krankenhaus in
Pjöngjang".
Die Verfügung wurde den Angaben zufolge am Dienstag mit sofortiger Wirkung
erlassen. Nach Erkenntnissen des Auswärtigen Amtes traten bisher in Nordkorea
keine SARS-Fälle auf.
Der NDR meldete, alle ausländischen Vertretungen seinen per Verbalnote über die
Verfügung unterrichtet worden. Von der Zwangsquarantäne seien eine Mitarbeiterin
der deutschen Botschaft und zwei Touristen betroffen. Einer der festgehaltenen
Deutschen sei "unter einer Art Hausarrest in die Botschaft entlassen" worden. Dort
stehe er allerdings unter der Kontrolle eines nordkoreanischen Arztes. Weiter hieß
es, auch die Reise eines ARD-Fernsehteams aus Tokio sei abgesagt worden, das
aus Nordkorea über die Hintergründe des Atomstreits mit den USA berichten wollte.
Die Lufthansa gab unterdessen die Streichung von sechs wöchentlichen Flügen von
München nach Hongkong sowie sieben weiteren von München nach Schanghai
bekannt. Als einen der Hauptgründe nannte sie zurückgehende Buchungen aus
Angst vor SARS. Die Verbindungen von Frankfurt am Main nach Schanghai und
Hongkong bedient die Lufthansa weiter.
In Peking sollten wegen der Lungenkrankheit vom Donnerstag an alle
Schulen für zwei Wochen geschlossen bleiben. Tausende Chinesen versuchten, die
Stadt zu verlassen. Auf den Flughäfen von Peking und Tokio sollten ab sofort
Sensoren die Temperatur der eintreffenden Passagiere messen. Fluggäste mit einer
Körpertemperatur von mehr als 37,5 Grad Celsius sollen genauer untersucht
werden. Die WHO warnte, SARS könne möglicherweise langfristige Folgen auf die
wirtschaftliche Entwicklung in China und dem Rest der Welt haben.
(Quelle: ap, )
Deutschland: Regierungsinterner Streit um Gesundheitsreform
Do.24.04.03 - Der Streit zwischen Bundesfinanzminister Hans Eichel und
Sozialministerin Ulla Schmidt (beide SPD) über die Entlastung der gesetzlichen
Krankenversicherung durch Steuergelder spitzt sich zu. "Ohne die Umfinanzierung
von versicherungsfremden Leistungen im Umfang von rund vier Milliarden Euro
können die Beiträge nicht wie geplant unter 13 Prozent gesenkt werden", sagte
Schmidt der "Berliner Zeitung" (Donnerstagausgabe).
Eichel hatte nach Angaben des Blattes dagegen mehrfach betont, er sei nur bereit,
das Mutterschaftsgeld in Höhe von rund 600 Millionen Euro aus dem
Bundeshaushalt zu finanzieren. Der Finanzminister argumentiere unter anderem,
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) habe in seiner Reformrede Mitte März nur
diese Leistung erwähnt. Ulla Schmidt widersprach dem allerdings: Der Kanzler habe
das Mutterschaftsgeld lediglich als Beispiel für eine versicherungsfremde Leistung
genannt. Schmidt deutete allerdings eine Kompromisslinie an. "Wir müssen prüfen,
ob wirklich alle versicherungsfremden Leistungen notwendig sind", zitierte die
"Berliner Zeitung" die Ministerin. (Quelle: ap)
Schröder lädt laut «Bild» zu Krisengipfel nach Hannover ein
Do.24.04.03 - Bundeskanzler Gerhard Schröder hat nach Informationen der
"Bild"-Zeitung (Donnerstagausgabe) SPD-Generalsekretär Olaf Scholz für
Donnerstagabend zu einem Krisengipfel nach Hannover eingeladen. An dem Treffen
nehme auch SPD-Fraktionschef Franz Müntefering teil, berichtete die Zeitung.
Thema sei der Leitantrag, mit dem Schröder auf dem SPD-Sonderparteitag am 1.
Juni seine Reformen durchsetzen wolle.
Müntefering sagte im ARD-Morgenmagazin, die SPD-Spitze sehe kaum
Möglichkeiten, Schröders Reformpapier Agenda 2010 grundlegend zu verändern.
"Die Leitlinien stehen. Es geht nur noch um Formulierungen", sagte er. Dem
Kompromisspapier der Parlamentarischen Linken der SPD erteilte er indirekt eine
Absage. "Wir müssen den Mut haben, die notwendigen Dinge auch umzusetzen."
(Quelle: ap)
SPD-Linke will Reiche belasten
Do.24.04.03 - Im SPD-Reformstreit hat die Parlamentarische Linke Kanzler Gerhard
Schröder zu einer stärkeren Belastung reicher Bürger und mehr Hilfe für Arme und
Arbeitslose aufgefordert. Die rund 120 der 251 SPD-Abgeordneten schlugen am
Mittwoch vor, auf die geplante Zinsabschlagsteuer zu verzichten und so wohlhabenden
Steuersündern keine Rabatte zu gewähren. Ferner sind sie für die Wiedereinführung der
Vermögensteuer und Härtefallregeln für ältere Arbeitslose
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) will den parteiinternen
Streit über die Reformpolitik nach einem Zeitungsbericht mit einer Ausweitung der
geplanten Zinsabgeltungssteuer auf Aktienverkäufe entschärfen.
Schröder wolle die geplante Abgeltungssteuer in Höhe von 25 Prozent auch auf
Gewinne aus Aktienverkäufen ausdehnen und damit die Kritiker seiner
Reformvorhaben in der Parlamentarischen Linken besänftigen, berichtete das
"Handelsblatt" unter Berufung auf Regierungskreise vorab aus der
Donnerstagausgabe. Bislang sollte die Abgeltungssteuer nur für Zinserträge gelten.
Dem Bericht zufolge ist zudem geplant, die Spekulationsfrist von einem Jahr für den
steuerfreien Aktienverkauf abzuschaffen. Auch die bereits früher erwogene
Beschränkung der Eigenheimzulage auf Paare mit Kindern sei wieder in der
Planung. Ein Sprecher der Regierung wollte den Bericht zunächst nicht
kommentieren.
Die Parlamentarische Linke hatte eine Abgeltungssteuer auf Zinserträge in einem
Positionspapier klar abgelehnt. Das in der "Frankfurter Rundschau" veröffentlichte PL-Papier
gilt als mögliche Kompromisslinie zwischen Schröders Reformpaket "Agenda 2010" und
seinen Kritikern, die ein Mitgliederbegehren gegen seine Pläne initiiert haben.
"Die angedachte Zinsabgeltungssteuer ist unter den heute gegebenen Bedingungen nicht zielführend", hieß es in dem
Papier der Linken. Sie würde zu dauerhaften Einnahmeausfällen bei Bund, Ländern und Gemeinden führen. Dadurch
würden die Konsolidierung und die Einhaltung der Maastricht-Kriterien gefährdet. Zudem werde durch die Steuer das
Steuersystem komplizierter. Das Vorhaben müsse aufgegeben werden. Stattdessen müssten die Vermögen- und
Erbschaftsteuer weiterentwickelt und große Vermögen angemessen belastet werden. Beim Kündigungsschutz fordern
die Linken eine Befristung der geplanten Neuregelung. Die neue Arbeitslosenhilfe müsse über dem Sozialhilfeniveau
liegen.
Die Parlamentarische Linke unterstützte in ihrem Schreiben die Forderung der kommunalen Spitzenverbände, die
Gewerbesteuer zu erhalten und verstärkt ertragsunabhängige Elemente - wie etwa Zins- oder Pachtzahlungen - in ihre
Bemessungsgrundlage einzubeziehen. Da sich in der von Bundesfinanzminister Eichel eingesetzten Kommission zur
Reform der Gemeindefinanzen kein Kompromiss abzeichnet, wird sein Ministerium voraussichtlich einen eigenen
Vorschlag vorlegen. Nach den bislang bekannt gewordenen Plänen will man dabei auf die Einbeziehung von
ertragsunabhängigen Elementen verzichten.
Zur Stabilisierung der Finanzen der Krankenversicherung wollen die Linken prüfen lassen, ob die private
Krankenversicherung in den Finanzausgleich der gesetzlichen Krankenkassen einbezogen werden kann. Die Linken
lehnen das Vorhaben der Regierung ab, das Krankengeld künftig nur noch über den Arbeitnehmerbeitrag zur
gesetzlichen Krankenversicherung zu finanzieren.
Die Linken fordern zudem, die Finanzierungsgrundlage für die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zu erweitern.
Dazu sollten neben dem Arbeitseinkommen auch zusätzliche Einkommensarten zur Berechnung der Beitragssätze
herangezogen werden. Zudem solle der Personenkreis erweitert werden, der von der GKV erfasst wird. Im Gespräch
sind hier in der Regel Beamte und Selbstständige.
SPD-Fraktionsvize Michael Müller warnte Partei und Gesellschaft vor einer
nationalistischen Entwicklung in Deutschland. "Wenn wir jetzt die dauerhafte
Erneuerung der Sozialsysteme nicht schaffen, die die soziale Sicherheit bewahrt
und die Bevölkerung überzeugt, wird es ganz gefährlich." Dann bestehe die Gefahr,
"dass der soziale Frieden beschädigt wird und es wie in anderen europäischen
Ländern zu nationalistischen Entwicklungen oder populistisch-autoritären
Bewegungen kommt", sagte Müller in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.
Das in Aussicht gestellte Gespräch zwischen Schröder und den Parlamentslinken
soll es dem Vernehmen nach nicht mehr vor der Parteivorstandssitzung am 28. April
geben. Dort wird über die verschiedenen Positionen und die Krise in der Partei
beraten. Die Union hält Schröders Reformpläne für unzureichend, will sie aber
mittragen.
Fraktionsvize Gernot Erler, wie Müller Sprecher der Parlamentarischen Linken (PL),
sagte, man werde nicht "apodiktisch" an dem Papier festhalten. "Das ist ein
Diskussions- und auch ein Gesprächsangebot", sagte er im
ARD-"Morgenmagazin". Kompromisse hält er beim Kündigungsschutz und der
Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe für möglich. Am schwierigsten werde es beim Krankengeld, das
der Kanzler als versicherungsfremde Leistung empfinde. Die PL habe grundsätzliche Bedenken, dass es zu einem
weiteren Ausstieg aus der paritätischen Verantwortung komme.
Müller sagte: "Ich glaube, dass wir die Initiatoren (des Mitgliederbegehrens) , die überwiegend auch bei uns
mitgearbeitet haben, überzeugen können", sagte Müller. Entscheidend sei aber, wie sich die SPD-Fraktion verhalte.
"Denn am Ende muss dort die Hand gehoben werden." Er kenne aber niemanden, der in die Opposition wolle.
Schröder liege mit seiner Analyse richtig, dass es zum Umbau kommen müsse. "Es geht nicht um das Ob, sondern
um das Wie. Ich sehe da viel Spielraum." Es gebe drei Grundlinien. Die "Agenda 2010" müsse deutlich über die
bisherigen sozialen Themen hinaus erweitert werden. Zweitens müsse den Menschen die Angst vor Reformen
genommen werden. Drittens komme es auf Innovation an. "Künftig sollen nicht Menschen durch Technik, sondern
durch Technik Material eingespart werden, damit neue Märkte und Arbeitsplätze entstehen."
Die Initiatoren des Mitgliederbegehrens wollen nur bei substanziellen Änderungen auf eine Befragung der Parteibasis
zu den Reformen verzichten. "Wenn Parteivorstand und Parteitag nur marginale Änderungen beabsichtigen, wird sich
das Mitgliederbegehren sicher nicht erledigen", sagte der Bundestagsabgeordnete Rüdiger Veit dem "Tagesspiegel".
Das Begehren ist nach den Worten des Abgeordneten Klaus Barthel ein "reiner Akt der Notwehr". Nach jeder
Diskussion in der Fraktion, in der sich auch die Kritiker zu Wort meldeten, habe Fraktionschef Franz Müntefering
erklärt, die Abgeordneten stünden geschlossen hinter der Agenda, sagte er der "Sächsischen Zeitung".
(Quellen: dpa, rtr)
Gewerkschaften wollen nicht für SPD-Mitgliederbegehren werben
Do.24.04.03 - Die SPD-Reformkritiker können bei ihrem Mitgliederbegehren
nun offenbar doch nicht auf die Unterstützung der Gewerkschaften zählen. Nach
dem DGB und der IG-BCE signalisierten am Mittwoch auch IG Metall und ver.di,
dass sie ihre Mitglieder nicht zur Beteiligung an der Befragung aufrufen werden. An
den Protesten gegen die Einschnitte im Sozialbereich wollen die Gewerkschaften
jedoch festhalten.
Es werde keinen Aufruf zum Mitmachen geben, sagte IG-Metall-Sprecher Claus
Eilrich der "Financial Times Deutschland". Seine Gewerkschaft befürworte zwar
das Begehren, da es den Ideen der Organisation entspreche. Darüber hinaus werde
es aber keine Hilfe geben. "Wir werben mit eigenen Unterschriftenlisten und
Aktionen gegen den Reformkurs", wird Eilrich zitiert.
IG-BAU-Chef Klaus Wiesehügel, der zu den Initiatoren der Befragung zählt, sagte
dem Blatt, er wolle nur als SPD-Mitglied für das Begehren werben und nicht in
seiner Funktion als Gewerkschaftschef. Dem Bericht zufolge zogen die IG Metall
und die IG Bauen-Agrar-Umwelt ihre zunächst angekündigte Unterstützung auf
Druck anderer Gewerkschaften zurück.
Auch bei ver.di ist nach den Worten von Gewerkschafts-Sprecherin Cornelia Haß
von Seiten des Bundesvorstandes derzeit kein Aufruf zur Unterschrift geplant.
Allerdings unterstützten einzelne Landesbezirke, darunter Berlin und
Nordrhein-Westfalen, die Befragung im Streit um die von Bundeskanzler Gerhard
Schröder geplanten Sozialreformen.
Die IG Metall rief ihre Mitglieder in einem am Mittwoch veröffentlichten Flugblatt zu
weiteren Protestaktionen und zur Beteiligung an einer seit März laufenden
Unterschriftensammlung auf. Auch die Kundgebungen am 1. Mai sollen dem Thema
gewidmet sein.
In dem Flugblatt fordert der IG-Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel, die SPD müsse
die Weichen auf mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Wachstum und mehr Beschäftigung stellen. Die Streichung des
Krankengeldes, Kürzungen beim Arbeitslosengeld und der Arbeitslosenhilfe sowie die Lockerung des
Kündigungsschutzes seien diesen Zielen nicht förderlich. Der Gewerkschaft gehe es dabei jedoch nicht um eine
andere Regierung, sondern «um Reformen, die sozial und gerecht sind».
Unterdessen betonte der ver.di-Vorsitzende in Nordrhein-Westfalen, Hartmut Limbeck, wer Sozialabbau als Reform
verkaufe, dürfe sich nicht wundern, wenn er innerhalb und außerhalb der Partei auf Kritik stoße. Als Gewerkschafter
und SPD-Mitglieder unterstütze er daher "die Forderungen des Mitgliederbegehrens nach einer verantwortlichen
Politik, die auf einer nachvollziehbaren, gerechten Verteilung von Lasten beruht".
Erfreulich nannte es Limbeck, dass mittlerweile auch bei den Grünen der Widerstand gegen die Kanzlerpläne wachse.
Dies bestärke ihn, gemeinsam mit weiteren Bündnispartnern aus Gewerkschaften, Parteien, Sozialverbänden und
Kirchen für einen Kurswechsel in der Regierungspolitik zu kämpfen. "Wenn es einer solchen sozialen Bewegung
gelingt, die Menschen mit schlüssigen Konzepten zu überzeugen, sehe ich gute Chancen für eine wirkliche Reform,
die tatsächlich Arbeitsplätze schafft, dem Solidarprinzip Rechnung trägt und die Lasten gerecht verteilt", erklärte
Limbeck. (Quelle: ap)
Koch fordert mehr Arbeit für gleichen Lohn.
Do.24.04.03 - Angesichts der Wirtschaftskrise hat der hessische
Ministerpräsident Roland Koch die Deutschen dazu aufgerufen, für den gleichen
Lohn wieder länger zu arbeiten. Die Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich
in den 80er Jahren sei falsch gewesen, sagte der CDU-Politiker am Mittwoch in
seiner ersten Regierungserklärung nach der Landtagswahl in Wiesbaden. Diese
Politik habe zu einem Rückgang der geleisteten Arbeitsstunden, zu größerer
Arbeitslosigkeit und geringerer Wettbewerbsfähigkeit geführt.
Die Bürger hätten längst erkannt, dass die Krise ohne besondere Anstrengungen
nicht bewältigt werden könne, sagte Koch: "Ich bin aus unzähligen Gesprächen
heraus überzeugt, dass die Bürger die Reduzierung ihres Einkommens zwar strikt
ablehnen, aber über die Frage der Arbeitszeit jederzeit gesprächsbereit sind."
Hessen müsse dafür sorgen, dass wieder mehr Arbeit nachgefragt werde "und wir
bereit sind, jeder für sich, mehr zum gleichen Preis zu arbeiten."
Der hessische Regierungschef forderte die Bundesregierung auf, Hessen freie Hand
für ein Modellprojekt zur Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit zu geben: "Es
muss der Grundsatz gelten, dass jeder, der es kann, auf jeden Fall zu arbeiten hat,
gegebenenfalls zu einem Lohn, der seine Lebenshaltungskosten nicht deckt." In
einem solchen Fall sei der Staat in der Pflicht, die Differenz zwischen Lohn und
Lebenshaltungskosten zu übernehmen.
Koch kündigte in einem vorab veröffentlichten Interview des "Stern" an, er wolle mit dem nordrhein-westfälischen
Ministerpräsidenten Peer Steinbrück ein Programm für einen zehnprozentigen Abbau staatlicher Subventionen
erarbeiten: "Diese Vorschläge werden wir im Sommer präsentieren." Nicht angetastet werde dabei allerdings die
Eigenheimzulage.
Der hessische Ministerpräsident sprach sich in der Gesundheitspolitik dafür aus, die Patienten ihre Arztrechnungen
bis zu einem Betrag von 120 Euro pro Jahr selbst bezahlen zu lassen. Auch halte er es für sinnvoll, die
Versicherungspflicht auf Beamte und Selbstständige zu erweitern und alle Einkünfte einschließlich Zinsen und Mieten
der Beitragspflicht zu unterwerfen: "Die Krankenversicherung kann alleine mit Beiträgen aus Erwerbseinkommen nicht
bestehen."
Während die FDP in der Landtagsdebatte Unterstützung für die arbeitsmarktpolitischen Pläne Kochs signalisierte,
reagierten SPD und Grüne skeptisch. Eine intensive Vermittlung von Sozialhilfeempfängern in Arbeit erfordere
zunächst einmal viel Geld, erklärte SPD-Fraktionschef Jürgen Walter. Angesichts der dramatischen Kürzungen im
hessischen Sozialetat sei daher zu befürchten, dass der Regierungschef nur eine populistische Kampagne gegen die
Schwächsten der Gesellschaft plane. Grünen-Fraktionschef Tarek Al-Wazir warnte, wenn der Lohn die
Lebenshaltungskosten nicht mehr decke, führe dies zur Bildung einer neuen Schicht von arbeitenden Armen in
Deutschland. (Quelle: ap)
Umfrage: Vertrauen in Politik und Sozialsysteme liegt am Boden
Do.24.04.03 - Das Vertrauen der Bürger in die Politik und die
Sozialsysteme Deutschlands hat einen neuen Tiefpunkt erreicht:
Nur drei Prozent der Deutschen vertrauen den politischen Parteien.
Das ergibt sich aus einer Internet-Umfrage der "Perspektive
Deutschland" unter Federführung der Unternehmensberatung
McKinsey, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.
Mit den Arbeitsämtern sind nur sieben Prozent der fast 356.000
Befragten zufrieden, der Rentenversicherung schenken nur elf
Prozent ihr Vertrauen. Etwa 80 Prozent der Deutschen sehen
"dringenden Verbesserungsbedarf" bei diesen Institutionen. Mit
ihrem Leben in Deutschland waren 61 Prozent der Befragten zufrieden, vier Prozent
weniger als im Vorjahr.
Richard von Weizsäcker, Altbundespräsident und Schirmherr der weltweit größten
gesellschaftspolitischen Online-Befragung, nannte die Ergebnisse "alarmierend und
erschreckend". Die politischen Kräfte Deutschlands seien immer noch "Bremser"
eines durchgreifenden Wandels. Bei der Befragung schnitten auch der Bundestag,
die Gewerkschaften und die Kirchen bei der Vertrauensfrage schlecht ab.
Die Online-Umfrage wurde Ende 2002 zum zweiten Mal von der
Unternehmensberatung McKinsey, dem Magazin "Stern", T-Online und erstmals
auch dem ZDF unter Bürgern zwischen 16 und 69 Jahren erhoben. Die Zahl der
Teilnehmer stieg dabei um mehr das Doppelte auf 356.000, fast ein halbes Prozent
der Bevölkerung Deutschlands. Die höchsten Vertrauenswerte von insgesamt 22
Institutionen erreichte der ADAC. 64 Prozent der Befragten setzten "hohes
Vertrauen" in den Automobilclub.
Im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit befürworten 58 Prozent der Befragten
"erhöhten Druck" auf Arbeitsunwillige. Sogar 38 Prozent der Empfänger von Arbeitslosenunterstützung waren dieser
Meinung. 61 Prozent der Teilnehmer verlangten eine engere Zusammenarbeit der Arbeitsämter mit den Arbeitgeber.
Fast die Hälfte plädierte für eine leistungsabhängige Bezahlung der Arbeitsamt-Mitarbeiter, 41 Prozent für eine
Verkürzung der Bearbeitungszeiten.
Bei der Krankenversicherung unterstützten 52 Prozent der Befragten niedrigere Beiträge und eine Reduzierung der
Leistungen auf eine medizinische Grundversorgung, während nur jeder Dritte an der bisherigen Vollversorgung
festhalten wollte.
"Die Menschen in unserem Land sind weiter, als die Politik erlaubt. Sie sind reform- und opferbereit", sagte Heino
Faßbender von der Unternehmensberatung McKinsey. Einzig die Gewerkschaftsmitglieder in der SPD widersetzten
sich einem allgemein gewünschten Systemwechsel. 60 Prozent der SPD-Gewerkschafter wollten das bestehende
Gesundheitssystem erhalten. Um den Kollaps des Rentensystems zu vermeiden, entschieden sich 45 Prozent der
Befragten für eine Verringerung der Rente in Kombination mit einer Verpflichtung zur privaten Rentenvorsorge.
Internet-Umfragen werfen statistische Probleme auf, weil nicht die gesamte Bevölkerung das Medium nutzt. Für die
Bereinigung der Ergebnisse wandte die "Perspektive Deutschland" in diesem Jahr eine verfeinerte Methode an.
Parallel wurden mehr als 2.400 repräsentativ ausgewählte Teilnehmer mündlich zu den gleichen Themen befragt. Die
Ergebnisse wurden mit der Online-Befragung abgeglichen. (Quelle: ap)
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