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Kurznachrichten   [ Allg. Nachrichten ] [Nachrichtendienste ] [ Ticker ] +++ So.27.04.03, 12:45 Neununddreißigster Kriegstag in Irak
Rumsfeld: US-Präsenz in Irak bis stabile Verhältnisse herrschen +++
Irakische Oppositionsgruppe gegen Regierung nach iranischem Vorbild +++
Tote nach Explosionen in Bagdad +++
So.27.04.03 - Die US-Truppen werden nach den Worten von Verteidigungsminister
Donald Rumsfeld solange in Irak und Afghanistan bleiben, bis dort stabile und
demokratische Regierungen die Lage unter Kontrolle haben. Rumsfeld äußerte sich
am Samstag auf dem Flug in die Golfregion. Das Flugzeug des Ministers machte in
Shannon in Irland Zwischenstation, wo es aufgetankt wurde. Die genauen
Besuchsorte und die Dauer des Aufenthalts von Rumsfeld in den einzelnen Ländern
sind aus Sicherheitsgründen geheim. Eine der Besuchsstationen ist auf jeden Fall
Afghanistan. Sowohl in Irak als auch in Afghanistan stehe den USA noch eine
lange, gefährliche und schwierige Arbeit bevor, sagte der Minister. Er wies erneut
Berichte zurück, die USA wollten sich in Irak dauerhaft Militärstützpunkte sichern.
Bei einem Treffen irakischer Oppositionsgruppen in Madrid hat sich ein
Vertreter des schiitischen Obersten Rats der Islamischen Revolution (SCIRI) gegen
eine Regierung nach iranischem Vorbild ausgesprochen. Islamische Gruppen aus
Irak betrachteten eine theokratische Regierung, also eine allein religiös legitimierte
Staatsgewalt, als "nicht angemessen für Irak", sagte Akram el Hakim am Samstag
der Nachrichtenagentur AFP. Auf US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld
angesprochen, der erklärt hatte, die USA würden die Einsetzung einer
pro-iranischen Regierung in Bagdad nicht zulassen, sagte Hakim, der
Pentagon-Chef vermische einige Fragen.
Bei einer Serie von Explosionen in einem Munitionsdepot nahe der irakischen Hauptstadt
Bagdad sind am Samstag zahlreiche Menschen getötet und verletzt worden. Allein
im Haus einer Familie in dem Vorort Safaranije starben nach Angaben von Augenzeugen
acht Menschen, darunter mehrere Kinder. Das US-Zentralkommando in Doha (Katar) sprach von
mindestens sechs toten und vier verletzten Zivilisten. Es werde aber damit gerechnet, dass die
Zahl der Opfer steige, hieß es. Über die Ursache gab es widersprüchliche Angaben.
US-Major Frank McLeary, dessen Einheit sich an den
Bergungsarbeiten beteiligte, sagte der Nachrichtenagentur dpa, Unbekannte hätten von außen auf das
Militärgelände gefeuert und so eine Kettenreaktion ausgelöst. Dagegen meinten
Anwohner, das US-Militär habe bei der Zerstörung der irakischen Armeebestände
nicht genügend aufgepasst.
Die Explosionen waren bis ins rund 15 Kilometer weit entfernte
Stadtzentrum von Bagdad zu hören. Eine Korrespondentin des
britischen Senders BBC berichtete am späten Nachmittag von
weiteren Explosionen.
US-Major McLeary sagte, Unbekannte hätten am Morgen auf das Militärgelände gefeuert, auf dem unter anderem
Raketen der irakischen Armee gelagert wurden. "Es war der vierte Vorfall dieser Art im Raum Bagdad innerhalb von
48 Stunden." Bei den Explosionen sei auch ein amerikanischer Soldat verletzt worden. Weitere US-Soldaten hätten
sich in Sicherheit bringen können, als die Munition auf dem Gelände Feuer fing.
Anwohner in Safranije widersprachen den Angaben des US-Militärs. Das Depot sei so gut bewacht, dass niemand von
außen auf die Munitionslager habe schießen können. "Die Amerikaner wollten offenbar Munition und Bomben der
irakischen Armee zerstören, als das Feuer plötzlich auf weitere Geschütze und Raketen übergriff", sagte ein
Klinikarzt in Safranije. Die Nachbarn zeigten sich fassungslos. "Wie können die Amerikaner direkt neben einem
Wohnviertel Munition sprengen, das ist doch verantwortungslos", sagte ein Nachbar.
Major McLeary bestätigte, dass mehrere Bewohner des Viertels kurz vor der Explosion zu dem Munitionsdepot
gekommen waren und die US- Soldaten aufgefordert hätten, die am Vorabend dorthin gebrachten Raketen aus
Sicherheitsgründen an einen anderen Ort zu verlegen. "Wir haben hier in den vergangenen Tagen mehrere kontrollierte
Explosionen durchgeführt, aber die Raketen wollten wir an einen Ort bringen, wo es keine Häuser gibt", erklärte er.
"Wir haben nicht genug Kapazität, um die ganze in Bagdad herumliegende Munition einzusammeln", fügte er hinzu.
Während des Krieges war Safranije von Luftangriffen weitgehend verschont geblieben.
Bei ihrem Einsatz gegen irakische Plünderer haben US-Soldaten ausländischen
Augenzeugen zufolge Verdächtige nackt ausgezogen und so auf die Straße
getrieben. Die Soldaten hätten den Männern auf die Brust "Ali Baba - Sündhafte Diebe"
geschrieben, sagte die norwegische Journalistin Line Fransson, die die Szene in
Bagdad beobachtete, der Nachrichtenagentur AFP. Ein US-Offizier bestätigte, seine
Einheit habe die Iraker ausgezogen und ihre Kleidung verbrannt, weil die US-Armee
Probleme mit Waffendieben gehabt habe. Er werde diese Methode auch weiterhin
anwenden, sagte Oberleutnant Eric Canaday.
Fransson sagte, sie sei gemeinsam mit dem Fotografen ihrer Zeitung auf dem Weg
zu einer Geschichte über den Bagdader Zoo gewesen, als sie vier US-Soldaten und
vier nackte Iraker gesehen habe. "Wir dachten, sie seien auf dem Weg ins Bad. Sie
gingen in ein Gebäude, und eine Minute später schubsten die Soldaten sie die
Hauptstraße entlang", sagte die Reporterin, die für die norwegische Tageszeitung
"Dagbladet" arbeitet. Der Fotograf machte Aufnahmen, die den Vorfall belegen.
"Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht", beteuerte Canaday. So werde nur mit
Menschen verfahren, die Waffen stehlen. "Ein bisschen öffentliche Beschämung,
keine körperlichen Verletzungen, und morgen ist alles wieder in Ordnung." Die
US-Armee wollte den Vorfall offiziell nicht bestätigen.
Unterdessen gab das Weiße Haus bekannt, dass US-Präsident George W. Bush in den nächsten Tagen das Ende
des Krieges verkünden will. Bush wolle während eines Besuchs auf dem Flugzeugträger "USS Abraham Lincoln" am
1. Mai erklären, dass die Kampfhandlungen gegen eine organisierte irakische Armee beendet seien. Den
US-Streitkräften drohten jedoch weiterhin Angriffe durch Heckenschützen und irreguläre Kämpfer.
US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld reiste am Samstag an den Persischen Golf. Aus Sicherheitsgründen
wurden die einzelnen Stationen nicht bekannt gegeben. Der Minister will nach eigenen Worten mit Regierungen
befreundeter Staaten über eine mögliche Verringerung der amerikanischen Militärpräsenz beraten, nachdem das
irakische Regime gestürzt ist und keine Bedrohung mehr darstellt. (Quellen: ap, afp, dpa)
Krebstest für Irak-Soldaten - Das britische Verteidigungsministerium will wegen des abgereicherten
Urans in der im Irak verschossenen Munition auf Nummer Sicher gehen, die
UNEP fordert eine Risikoerhebung und die Säuberung der kontaminierten
Orte
Seit die Royal Society, immerhin die führende Forschungsinstitution des Königreiches,
die alliierten Streitkräfte aufgefordert hat, keine Waffen mit abgereichertem Uran zu
verwenden, weil unter anderem auch die eigenen Soldaten einem massiven
Gesundheitsrisiko ausgesetzt sind, ist man beim britischen Verteidigungsministerium
offenbar ins Grübeln gekommen. Die heimkehrenden Truppen sollen einem Bericht des
Independent zufolge deshalb jetzt einer Art Nachsorge unterzogen werden.
Nach vorsichtigen Schätzungen haben die Engländer und
Amerikaner während der letzten Wochen rund 2.000 Tonnen Uranmunition eingesetzt, um
vor allem Panzer und Bunker zu zerstören. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen
( UNEP) dringt in seinem neuesten, knapp einhundertseitigen Bericht über die
kriegsbedingten Umweltschäden im Irak auf eine schnelle Risikoerhebung und Sanierung,
aber auch auf die umfassende Information der betroffenen Menschen. Im Umkreis von
150 Metern um die bombardierten Gebäude sei das Risiko, eine möglicherweise
lebensgefährliche, in jedem Fall aber hochtoxische Luft einzuatmen, besonders groß.
Bryan Spratt, der eine Arbeitsgruppe der Royal Society zum Thema abgereichertes Uran
leitet, verlangt ebenfalls eine genaue Überprüfung der kontaminierten Gebiete und sogar
Langzeitstudien über die mögliche Verseuchung von Wasser und Milch. (Quelle: telepolis)
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USA wollen offenbar UN-Sanktionen gegen Nordkorea
So.27.04.03 - Nach dem von den USA gemeldeten Eingeständnis Nordkoreas,
Atomwaffen zu besitzen, will Washington offenbar UN-Sanktionen gegen
das kommunistische Land durchsetzen. Die Regierung habe zwar noch keine
endgültige Position eingenommen, sagte US-Präsidentensprecher Ari Fleischer am
Freitagabend. Aber man werde nun die Meinungen anderer beteiligter Länder zum
Thema Sanktionen einholen.
Bei den ersten Gesprächen, die zwischen Delegationen aus Nordkorea und den
USA unter Beteiligung Chinas von Mittwoch bis Freitag in Peking stattfanden, hatte
Pjöngjang indes ein neues Angebot zur Beilegung des Atomstreits unterbreitet.
Nach japanischen Regierungsangaben sagte US-Delegationsleiter James Kelly am
Samstag in Tokio, der Vorschlag Nordkoreas werde derzeit in Washington
geprüft. Nordkorea wertete seinen Vorschlag in einer Erklärung als "neues und
mutiges Angebot, um bilaterale Probleme auszuräumen". Washington
gab zunächst keine Stellungnahme ab.
Am Freitag war aus amerikanischen Regierungskreisen verlautet, Pjöngjang habe
gegenüber Kelly nicht nur den Besitz von Atomwaffen eingeräumt, sonder ferner das
Recht beansprucht, diese zu testen, zu exportieren und einzusetzen.
Südkoreanische Experten sprachen von einem möglichen Bluff Pjöngjangs, um
Zugeständnisse der USA zu erhalten.
Eine Delegation aus Südkorea will am Sonntag nach Pjöngjang reisen, um die kommunistische Regierung mit den
US-Angaben zu konfrontieren. Der Nationale Sicherheitsrat tagte am Samstag in Seoul. In einer Erklärung hieß es,
die Delegation mit Kabinettsrang werde Nordkorea "vehement zur Aufgabe seines Atomprogramms und zum Wandel
seiner Haltung" drängen.
Derweil meldete die amtliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA, eine Delegation aus Pjöngjang unter
Leitung des stellvertretenden Außenministers Choe Su Hon habe sich am Samstag auf den Weg nach Großbritannien
gemacht. Nähere Details wurden nicht bekannt gegeben.
Bislang verhinderten China und Russland, dass sich der Weltsicherheitsrat mit Sanktionen gegen Nordkorea befasst.
Pjöngjang verkündete mehrfach, es werde internationale Sanktionen als "Kriegserklärung" betrachten. Nach dem
Dreiertreffen in Peking wächst nun offenbar die Ungeduld in Washington. "Nordkorea hat mit seinem Verhalten nicht
nur der Region eine lange Nase gemacht", sagte Fleischer, "sondern einem Großteil der Welt. Dafür wurde das Land
von einem Großteil der Welt verurteilt."
Die USA fordern von Pjöngjang die "überprüfbare und unwiederbringliche" Auflösung des Atomwaffenprogramms.
Nordkorea will von Washington seinerseits einen Nichtangriffspakt erzwingen. (Quelle: ap)
UN-Vertreter kritisiert US-Pläne für neue Generation von Atomwaffen
So.27.04.03 - Zwei Tage vor Beginn einer UN-Konferenz zur Nicht-Weiterverbreitung von
Atomwaffen hat der Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen für Abrüstung,
Jayantha Dhanapala, scharfe Kritik an der Entwicklung einer neuen Generation
taktischer Atomwaffen in den USA geübt. Die USA wollten kleine bunkerbrechende
Atombomben entwickeln, so genannte Mini-Nukes, sagte Dhanapala in einem am
Samstag auf der Website "tagesschau.de" veröffentlichten Interview. Diese
Forschung sei "ein Schritt zurück, weil wir eigentlich Atomwaffen abbauen wollen".
Wenn jemand das Tabu eines Atomwaffeneinsatzes bräche, "dann wird die Hölle
ausbrechen". "Auch andere Länder werden dann ihre Atomwaffen einsetzen, so wie
Terroristengruppen, und wir werden dann im Armageddon versinken." (Quelle: afp)
USA wollen sogenannte Mini-Nukes zur Zerstörung
von unterirdischen Zielen entwickeln
Die Atomwaffen aus der Zeit des Kalten Krieges hätten ausgedient, weil sie nicht mehr zeitgemäß
seien, und es sei notwendig, existierende Nuklearwaffen zu modifizieren oder zu erneuern,
stellte ein Pentagon-Bericht bereits im März 2002 fest. Umgehend solle mit der Entwicklung eines
"robusten nuklearen Erdpenetrators" (Robust Nuclear Earth Penetrator - RNEP) begonnen werden ...
Mehr unter:
Verdacht auf Atomschmuggel gegen deutsche Firma
So.27.04.03 - Die Bundesregierung hat möglicherweise im letzten Moment verhindert, dass
Anlagenteile für den Atombombenbau illegal von Deutschland nach Nordkorea
geliefert wurden. Wie der "Spiegel" berichtet, ließ die Bundesregierung ein
Frachtschiff stoppen, mit dem die Firma Optronic im baden-württembergischen
Königsbronn trotz eines ausdrücklichen Verbots rund 22 Tonnen Aluminiumrohre für
Zentrifugen zur Uran-Anreicherung verschifft hatte. Der Geschäftsführer der Firma
Optronic, der die Vorwürfe bestreitet, wurde dem Bericht zufolge verhaftet.
Als offizieller Empfänger sei eine chinesische Flugzeugbau-Firma angegeben worden. Die
Bundesregierung habe jedoch den Verdacht, dass Nordkorea der wahre Adressat der brisanten
Fracht gewesen sei. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittele gegen den verhafteten
Geschäftsführer wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz.
Obwohl das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle der Optronic das
Geschäft ausdrücklich untersagt hatte, waren die Bauteile laut "Spiegel" am 3. April
im Hamburger Hafen auf den französischen Frachter "Ville de Virgo" verladen
worden. Als die Bundesregierung nach dem Auslaufen des Schiffes davon erfuhr, habe sie in Paris interveniert.
Daraufhin sei der Kapitän informiert und der entsprechende Container in Ägypten von Bord genommen worden.
(Quelle: afp)
Rumsfeld will Afghanistan-Feldzug für beendet erklären
So.27.04.03 - Rund anderthalb Jahre nach Beginn des Afghanistan-Feldzuges
wollen die USA die Kampfhandlungen formell für weitgehend beendet erklären.
Dies teilte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld mit. Er werde am Sonntag mit
dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai über dieses Vorhaben sprechen, sagte
Rumsfeld am Samstag vor einer Asienreise während eines Zwischenstopps auf dem
irischen Flughafen Shannon.
Rumsfeld räumte ein, dass sich amerikanische und internationale Truppen noch
Scharmützel mit versprengten Gruppen der Taliban lieferten. Die Taliban waren
Ende 2001 von der Macht vertrieben worden. Die Kämpfe konzentrierten sich auf
den Süden und die östliche Grenzregion zu Pakistan. Der Rest des Landes, in dem
die neue demokratische Regierung Fuss fasse, sei jedoch weitgehend stabil.
Der Schwerpunkt in Afghanistan verlagere sich nun von einer Kampf- zu einer
Stabilisierungsphase. Die geplante Erklärung werde dem Land helfen, dass sich
Hilfsorganisationen verstärkt beim Wiederaufbau engagierten. Rund 8000
amerikanische Soldaten sind noch in Afghanistan stationiert.
Rumsfeld kündigte zudem an, während seiner Asienreise mehrere Golfstaaten zu
besuchen, um den dortigen Regierungen für ihre Unterstützung im Irak-Krieg zu
danken. Zudem wolle er mit ihnen über die künftige Militärpräsenz der USA in
der Region sprechen. (Quelle: nzz [rtr]
Deutschland: Bundesregierung verzichtet auf Aktiensteuer
So.27.04.03 - Die Bundesregierung will Gewinne aus Aktienverkäufen nun doch nicht
pauschal besteuern. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Finanzminister Hans
Eichel (beide SPD) haben Pläne für die Einführung einer solchen Steuer auf Eis gelegt.
Eichels Ministerium bestätigte am Samstag einen entsprechenden Bericht des Hamburger
Nachrichtenmagazins "Spiegel".
Noch am Donnerstag hatte die Regierung überraschend einen
zweiten Anlauf zur Besteuerung von Veräußerungsgewinnen bei
Aktien und Fonds angekündigt, die an den Ländern gerade erst
gescheitert war. Die Ankündigung hatte einen Proteststurm bei anderen Parteien
und Finanzexperten ausgelöst.
"Wir planen keine generelle Steuer auf Aktiengewinne", sagte eine
Ministeriumssprecherin am Samstag der Nachrichtenagentur dpa. Nachdem der Steuervorschlag auf
Arbeitsebene diskutiert und geprüft worden sei, hätten Schröder und Eichel ihn
verworfen. An der Zinsabgeltungsteuer halte die Regierung jedoch fest. Hier sieht ein
Ministeriumsentwurf die Umstellung vom 30-prozentigen Zinsabschlag auf eine
Abgeltungsteuer von 25 Prozent nebst Amnestieregelung für reumütige Steuersünder vor.
Dadurch soll der Anreiz vermindert werden, Geld im Ausland anzulegen.
Die SPD-Linke lehnt die Zinsabgeltungsteuer insgesamt ab. Sie befürchtet
daraus Einnahmeverluste von drei Milliarden Euro und eine Bevorzugung reicher Bürger.
Stattdessen wollen sie Besitzer großer Vermögen stärker belasten. Schröders Vorschlag einer
pauschalen Aktiensteuer, die vor allem Vermögende treffen würde, galt für viele als
Kompromissangebot an die Parteilinke. Die Regierung hatte dies stets bestritten.
Mit ähnlichen Plänen der Aktien- und Immobilienbesteuerung war Rot-Grün bereits
Anfang April am Veto der Unionsländer im Vermittlungsausschuss von Bundestag
und Bundesrat gescheitert. Im Gesetz zum Abbau von Steuervergünstigungen war ursprünglich ein
Pauschalsteuersatz von 15 Prozent unabhängig von jetzigen Spekulationsfristen auf Veräußerungserlöse bei
Wertpapieren und vermieteten Immobilien geplant. Fachleute wie auch die Steuerberater kritisieren die Besteuerung
der Wertzuwächse, besonders wegen der auch über Aktien betriebenen Altersvorsorge. Politiker von Union, FDP und
Grünen hatten den erneuten Vorstoß abgelehnt. (Quelle: dpa)
Grünen-Spitze steht hinter Schröders Reformplänen
So.27.04.03 - Die Grünen stehen nach den Worten ihres Vorsitzenden Reinhard
Bütikofer grundsätzlich hinter den Reformplänen von Bundeskanzler Gerhard
Schröder. Schröders Agenda 2010 sei "aus der Not geboren", die Grünen müssten
daraus jedoch eine Chance machen, sagte Bütikofer nach einer Sitzung der
Parteispitze am Samstagabend in Berlin. Vor allem müsse die Regierung jetzt
Wege finden, auch die wirtschaftlich Stärkeren in die nötigen Sozialreformen
einzubinden.
Bei der gemeinsamen Diskussion von Bundesvorstand und Grünen-Spitzenpolitikern
der Länder hätten die Teilnehmer über die geplante Zusammenlegung von Arbeitslosen-
und Sozialhilfe gesprochen, berichtete Bütikofer. Den Grünen sei wichtig, dass Empfänger des
zukünftigen Arbeitslosengeldes II höher als bisher dazuverdienen könnten, "ohne dass es
weggesteuert wird". Zudem dürften Weiterbildungsträger für Langzeitarbeitslose nicht
"wegbrechen".
Die sozialpolitische Kommission der Grünen habe in ihrem diese Woche vorgelegten
Reformbericht auch die schrittweise Erhöhung der Lebensaltersgrenze empfohlen, sagte
Bütikofer. Außerdem sollten die sozialen Sicherungssysteme zu einer Bürgerversicherung
umgestaltet werden, die nicht nur Arbeitnehmer und Arbeitgeber finanziell heranziehe.
Auch bei den Grünen regt sich Widerstand gegen die Reformpläne des
Kanzlers. Grünen-Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele sagte der "Bild am Sonntag",
Teile der Basis und die Fraktionslinke hätten große Probleme mit der Reform-Agenda 2010. Gemeinsam
mit der SPD-Linken wolle man erhebliche Änderungen durchsetzen.
Auch der Grünen-Abgeordnete Winfried Hermann erklärte, die Linken in beiden Parteien seien sich in ihrer Kritik an
Schröders Konzept weitgehend einig. "Wer Arbeitslosen etwas zumutet, muss auch Besserverdienenden etwas
zumuten. Hier müssen wir nachbessern." Die Grünen-Parlamentarierin Franziska Eichstädt-Bohlig verlangte
Ausnahmen für Ostdeutschland.
Auf Nachfrage erklärte der Grünen-Chef, die Kritik des Grünen-Bundestagsabgeordneten Christian Ströbele an
Schröders Agenda solle nicht überinterpretiert werden. Ströbele habe verlangt, hart über Einzelheiten der Reformpläne
zu verhandeln. "Er hat etwas gefordert, das wir bereits tun." Derzeit werde "zu sehr mit Hektik auf einzelne
Zeitungsinterviews reagiert". (Quelle: ap)
DGB-Chef Sommer kündigt Widerstand gegen Schröders Reformpaket an
So.27.04.03 - Vor den SPD-internen Beratungen über das Reformpaket von Bundeskanzler
Gerhard Schröder hat DGB-Chef Michael Sommer seine Ablehnung bekräftigt. Vieles
in der so genannten Agenda 2010 erinnere "erschreckend an das Wahlprogramm der CDU
und kommt einem halben Kniefall vor der Arbeitgeberseite gleich", sagte der Vorsitzende des
Deutschen Gewerkschaftsbundes der "Welt am Sonntag". Schröder plane ein Programm für
Sozialabbau und zur Senkung der Nettolöhne. "Diese Art von Reformpolitik ist für
uns nicht akzeptabel", sagte Sommer.
Sollte Schröder die Reformen wie angekündigt "eins zu eins" umsetzen, müsse er
mit dem Widerstand der Gewerkschaften rechnen. "Wir haben schon mobilisiert für
die nächsten Monate", drohte Sommer, signalisierte aber auch Gesprächsbereitschaft.
Der DGB-Vorsitzende machte zugleich deutlich, dass er sich ein grundsätzlich anderes
Reformpaket wünscht. "Wir werden uns nicht damit zufrieden geben, dass an der einen
oder anderen Stelle nur ein Detail verändert wird. Die Grundrichtung stimmt einfach nicht",
wird Sommer zitiert.
Der DGB-Chef zeigte sich enttäuscht von der SPD und ihrem Vorsitzenden Schröder. Die
Gewerkschaften hätten für einen Politikwechsel gekämpft. Doch in den nun geplanten Reformen
sei eher eine liberal-konservative als eine sozialdemokratische Handschrift zu erkennen.
"Wenn weite Teile der SPD in vorauseilendem Gehorsam vor der Bundesratsmehrheit der CDU Arbeitgeberpolitik
machen, dann hat das mit Politikwechsel nichts zu tun. Das ist dann eine Enttäuschung", wird Sommer zitiert.
Im einzelnen forderte Sommer mehr Wettbewerb im Gesundheitssystem, allerdings unter Beibehaltung der
paritätischen Finanzierung. Unter dieser Bedingung könnten einzelne Leistungen durchaus aus dem Staatshaushalt
finanziert werden. Das Krankengeld dürfe aber nicht privatisiert werden. "Eine echte Reform wäre es, die Finanzierung
der Sozialsysteme zu verbreitern - zum Beispiel via Steuerfinanzierung oder eine allgemeine Solidarversicherung",
schlug der DGB-Vorsitzende vor.
Sommer forderte die Bundesregierung zudem auf, die Wirtschaft anzukurbeln, beispielsweise über eine Förderung von
Investitionen oder ein Vorziehen der für 2004 geplanten Streuersenkungen auf dieses Jahr. "Die Regierung sollte die
Energie, die sie auf die Demontage der Sozialsysteme verwendet, besser darauf konzentrieren, die Wirtschaft
voranzubringen", sagte der DGB-Chef der "Berliner Zeitung" (Samstagausgabe). Wenn "wirtschafts- und
finanzpolitisch nichts passiert", könne die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland im Winter die Fünf-Millionen-Marke
übersteigen. (Quelle: ap)
Sommer rechnet mit fünf Millionen Arbeitslosen
So.27.04.03 - Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer hält einen Anstieg der
Arbeitslosenzahl auf über fünf Millionen für möglich. "Wir haben Anzeichen dafür,
dass die offizielle Arbeitslosenzahl im Winter diese Marke erreichen wird, wenn
wirtschafts- und finanzpolitisch nichts passiert", sagte er der "Welt am Sonntag".
Hinzu gerechnet werden müssten eine Million arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger.
Auch der Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster, rechnet nicht mit einer
raschen Trendwende. "Saisonbereinigt werden wir wohl frühestens im kommenden
Jahr einen Rückgang haben." (Quelle: ap)
Künftig Online-Anmeldung beim Arbeitsamt
So.27.04.03 - Eine Entlastung des Arbeitsamts-Personals von Routinearbeiten erhofft sich die
künftige "Bundesagentur für Arbeit" nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa
von einer Arbeitslosenmeldung im Online-Verfahren. Wer über einen PC verfüge, könne den
Jobverlust seinem Arbeitsamt künftig per Internet und E-Mail anzeigen, verlautete aus der
Bundesanstalt für Arbeit. Damit sollen volle Gänge zum Monatsanfang in den Arbeitsämtern
der Vergangenheit angehören.
Arbeitslose sollen nach einem Bericht des
Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" künftig in drei Kategorien eingestuft und
entsprechend unterstützt werden. Maßstab dafür seien die
"Integrationshemmnisse" der Betroffen, schreibt das Blatt in seiner neuesten
Ausgabe. Entsprechende Konzepte sind nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit
vom Samstag Teil der zur Zeit erarbeiteten Bundesanstalts-Reform. Sie sollen bis
zum Sommer vorliegen.
Nach dem neuen Konzept sollen so genannte Marktkunden mit guten Jobchancen
künftig nur noch Hilfe zur Selbsthilfe erhalten. Als "Beratungskunde" gelte
hingegen, wer länger als drei Monate Arbeitslosengeld bezieht, nicht ausreichend
qualifiziert sei und nicht intensiv genug nach einem Job suche. Ihre Chancen auf
dem Arbeitsmarkt sollen - ähnlich wie schon jetzt - mit Weiterbildung und
Lohnsubventionen verbessert werden.
Bewerber mit "vielfachen Hemmnissen" würden künftig als "Integrationskunden" gezielt bei der Vermittlung begleitet.
Fänden sie keinen Job, sollen sie in Qualifizierungsmaßnahmen vermittelt werden oder "soziale Dienste" leisten,
schreibt das Magazin. (Quelle: dpa)
Clement hält Vollbeschäftigung binnen zehn Jahren für möglich
So.27.04.03 - In Deutschland kann nach Ansicht von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement
trotz der gegenwärtig hohen Arbeitslosigkeit binnen zehn Jahren wieder die Vollbeschäftigung
erreicht werden. Dies sei "keineswegs" eine Illusion, wird Clement in der "Bild am Sonntag" zitiert.
Bei den geplanten Änderungen beim Arbeitslosengeld gehe es "nicht um eine Verkürzung des
Arbeitlosengeldes", "sondern um eine Verkürzung der Dauer von Arbeitslosigkeit", sagte
Clement.
"Vollbeschäftigung bei einer Sockelarbeitslosigkeit von drei bis vier Prozent ist meines
Erachtens in einem Jahrzehnt zu erreichen", sagte Clement den Angaben zufolge.
Die Reform beim Arbeitslosengelöd beginne erst ab 2006/7 zu wirken. "Bis dahin
müssen wir es schaffen, dass in der Regel niemand, der erwerbsfähig ist, länger als ein Jahr
arbeitslos bleibt", erklärte der SPD-Politiker. da das neue Arbeitslosengeld stufenweise eingeführt
werde, werde es "also für niemanden zu einem sozialen Absturz kommen".
An den Reformen, die Bundeskanzler Gerhard Schröder am 14. März angekündigt habe, führe kein Weg vorbei, sagte
Clement. "Wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren." (Quelle: ap)
Trauer in Erfurt am Jahrestag des Amoklaufs
So.27.04.03 - Ein Jahr nach dem Erfurter Schulmassaker haben rund 10 000 Menschen in
einer bewegenden Feier auf dem Domplatz am Samstag der 16 Opfer gedacht. Schüler,
Lehrer und Angehörige erinnerten sich in Trauer an die schreckliche Bluttat, mahnten aber
zugleich mehr Miteinander in der Gesellschaft an.
Die Gedenkfeier begann mit Glockenläuten und einer
Schweigeminute. Die Erinnerung an das Massaker wurde vor der Kulisse des Domes für viele wieder
lebendig. Schüler umarmten sich, und Trauer spiegelte sich in Gesichtern wider.
"Wir können nicht vergessen, wir wollen nicht vergessen", sagte Oberbürgermeister
Manfred Ruge (CDU). Der 19- jährige Robert Steinhäuser hatte vor einem Jahr zwölf
Lehrer, zwei Schüler, eine Sekretärin und einen Polizisten umgebracht und sich
dann selbst erschossen. Die Tat löste weltweit Entsetzen aus. Auf den Domstufen
waren ein Kreuz und ein "G" aus Sonnenblumen als Schulsymbol zu sehen.
Schüler legten 16 Blumengebinde nieder.
Die Gedenkfeier unter dem Motto "Erinnern - Leben" sollte auch Zeichen des
Neubeginns sein: Schüler, Hinterbliebene, Schulleiterin Christiane Alt und
Polizeidirektor Rainer Grube lasen Lebenswünsche vor. "Ihr seid die Mahnung, dass
wir lernen müssen, besser miteinander umzugehen", sagte Opfervertreter Eric
Langer, der die Namen der 16 Opfer verlass. Vogel bezeichnete Schüler und Lehrer
des Gymnasiums als Vorbild, weil sie der Mut nicht verlassen habe. Sie hätten ein
Klima des Miteinanders geschaffen. Pfarrerin Ruth- Elisabeth Schlemmer fragte mit
Blick auf gesellschaftliche Folgen: "Wo ist der Wille zur Veränderung geblieben?"
Um 10.53 Uhr läuteten in Erfurt die Glocken fast aller Kirchen. Um diese Zeit
begann der ehemalige Gutenberg-Schüler Steinhäuser vor einem Jahr das Morden. Um 11.00 Uhr verharrte die Stadt
in einer Schweigeminute. Rund 1000 Menschen erwiesen den Opfern bei der Kranzniederlegung am
Gutenberg-Gymnasium die Ehre. Schuldirektorin Alt bekannte: "Hier verbrachten wir die schwersten Stunden unseres
Lebens." Hunderte besuchten die Ausstellung mit Zeugnissen weltweiter Anteilnahme. In mehreren Thüringer
Zeitungen erinnerten Traueranzeigen an die Toten.
Die Eltern des Gutenberg-Attentäters Robert Steinhäuser zeigten sich ratlos über die Bluttat ihres Sohnes und gaben
sich teilweise eine Mitschuld. "Ich denke immer, dass ich gerade in den letzten Monaten nicht wirklich für Robert da
war", sagte seine Mutter dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Der Vater sagte der "Thüringer Allgemeinen"
(Samstagsausgabe), es sei ihm bis heute nicht gelungen, die Frage nach dem Warum der Bluttat seines Sohnes zu
beantworten.
Vogel hält weitere Verschärfungen im Waffenrecht und Jugendschutz für nötig. «Thüringen wird zu gegebener Zeit
entsprechende Schritte einleiten», sagte er der dpa. Die Altersgrenze für Waffenbesitz solle von 21 auf 25 Jahre
steigen. Außerdem müsse der Vertrieb und Verleih menschenverachtender Videos weiter eingeschränkt werden. Die
Gewerkschaft der Polizei beklagte zunehmende Jugendgewalt. (Quelle: dpa)
Die «Lebenswünsche»
Auf der bewegenden Gedenkfeier an das Massaker im Gutenberg-Gymnasium
vor einem Jahr haben am Samstag Betroffene ihre «Lebenswünsche» für die
Zukunft verlesen. Sie sollen zum Ende der Sanierung des Gymnasiums für die
nachkommenden Generationen in dem Schulgebäude deponiert werden.
Die Nachrichtenagentur dpa listet einige Wünsche auf:
«Trost, Zuspruch, ehrliches, tiefes Mitgefühl und uneigennützliche Hilfeleistung
haben uns geholfen, den schweren Weg bis hierhin zu gehen.» (Schuldirektorin
Christiane Alt)
«Ihr seid die Mahnung, dass wir lernen müssen, besser miteinander umzugehen. Ihr
seid die Chance auf mehr Toleranz.» (Opfervertreter Eric Langer, der die Namen der
16 Opfer verlas)
«Ich wünsche mir, dass wir mehr als bisher aufeinander zugehen, miteinander
reden, aufeinander eingehen, damit sich solch schreckliche Ereignisse nicht
wiederholen.» (Erfurts Polizeidirektor Rainer Grube, der damals den Polizeieinsatz
leitete)
«Ich träumte von Veränderung, von mehr Beachtung für den Menschen selbst und von Gerechtigkeit.»
(Gutenberg-Schüler Hannes Niemann)
«Ich wünsche mir, dass Erziehungs- und Bildungsarbeit in unserer Gesellschaft mehr Wertschätzung und
Unterstützung entgegengebracht wird.» (Gutenberg-Lehrer Torsten Herold)
«Ich blicke in die Zukunft und sehne mich nach Träumen, Träume der Hoffnung für ein uferloses, menschliches
Miteinander.» (Johanna von Brunn, Schülerin des Königin-Luise-Gymnasiums Erfurt)
Der Mörder war «auffällig unauffällig»
«Auffällig unauffällig» nannte Thüringens Ministerpräsident Bernhard
Vogel (CDU) den Täter Robert Steinhäuser. Der 19-Jährige, der im
Gutenberg-Gymnasium vor einem Jahr 16 Menschen erschoss und sich selbst
tötete, passt in kein Klischee. Er war nicht perspektivlos, sozial benachteiligt oder
drogenabhängig. Alle Beschreibungen des Todesschützen bleiben widersprüchlich.
Ehemalige Mitschüler oder Handball-Kameraden charakterisierten ihn als ruhig, aber
schnell «auf der Palme» und dann auch aggressiv. Bei flüchtigen Kontakten wirkte
er intelligent und redegewandt. Steinhäuser war kein guter Schüler, aber er wollte
nach Angaben seiner Mutter unbedingt wie sein sechs Jahre älterer Bruder das
Abitur bestehen. In seinem Zimmer im gutbürgerlichen Elternhaus fand die Polizei
Gewaltvideos, aber auch Kassetten mit der «Lindenstraße».
Profiler der Polizei nannten ihn «äußerlich angepasst und antriebsarm, eher
introvertiert». Er sei manchmal ohne Realitätsbezug gewesen. Einmal soll er gesagt
haben: «Ich werde es schaffen, bekannt zu werden.» Steinhäuser galt als
Einzelgänger.
Nach dem Verweis vom Gutenberg-Gymnasium im Oktober 2001 wegen gefälschter
Krankschreibungen führte er ein Doppelleben. Das Angebot, an ein anderes
Gymnasium zu wechseln, nutzte er nicht. Den Rauswurf verschwieg er seiner
Familie. Seit seinem 17. Lebensjahr gehörte er dem Schützenverein «Domblick» an.
Am 18. und 30. Oktober 2001 kaufte er eine Pistole und eine Pumpgun.
Widersprüchlich war auch die Beziehung zu den Eltern. Nach der Tat fragten sie in
einem offenen Brief, «woher der Hass?». Später offenbarten sie, dass es
Auseinandersetzungen gab. «Es ging immer ums Schießen, es ging immer um
Gewalt», sagte der Vater.
Die Eltern wiesen allerdings auch darauf hin, dass ein «Quäntchen
Menschlichkeit», etwas mehr Fürsorge und zum Beispiel der Anruf eines Lehrers die Bluttat möglicherweise verhindert
hätten. «Dann wäre Robert nicht in diese Gedankenwelt abgeglitten, die aberwitzige Idee von Rache», sagte Günter
Steinhäuser.
Nach Ansicht von Psychologen deuten die Umstände der lange geplanten Tat auf eine schwere Selbstwertkrise. Der
Zugang zu Waffen und Steinhäusers Aggressionen wegen Versagens und Kränkungen seien eine «hochexplosive
Verbindung von Risikofaktoren» gewesen.
Blick ins Archiv:
29.04.02
03.05.02
08.05.02
10.05.02
Die Politischen Konsequenzen
Nach dem Schock über das Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium wurde in
Deutschland der Ruf nach Reformen in Bildung, Jugendschutz und Waffenrecht laut.
Die Nachrichtenagentur dpa stellt einige seitdem angestoßene und umgesetzte
Vorhaben zusammen:
WAFFENRECHT: Das Waffengesetz, das der Bundestag am Tag der Tat gerade
novellierte hatte, wurde weiter verschärft. Seit Mitte Oktober 2002 sind Pumpguns
mit Pistolengriff verboten. Weitere Änderungen wie die Heraufsetzung des Mindestalters
für den Waffenerwerb bei Sportschützen von 18 auf 21 Jahre sind seit April dieses Jahres in Kraft. Das
Anerkennungsverfahren für Sportverbände oder ein psychologisches Pflichtgutachten
für angehende Schützen unter 25 Jahren sind allerdings noch nicht geregelt. Es fehlt
eine Verordnung des Bundesinnenministeriums, der auch der Bundesrat zustimmen
muss.
JUGENDSCHUTZ: Seit 1. April ist ein neues Jugendschutzgesetz in Kraft. Danach
müssen Computerspiele wie schon Kino- und Videofilme mit einer Altersfreigabe
gekennzeichnet werden. Die Verbote für schwer jugendgefährdende Medien
insbesondere mit Gewaltdarstellungen wurden verschärft. So sind Bücher,
Videos, CDs, CD-ROMs und DVDs, die den Krieg verherrlichen,
auch ohne Indizierung durch die Bundesprüfstelle verboten.
Seit dem 1. April gilt auch der neue Jugendmedienschutz- Staatsvertrag der Länder.
Damit sind Angebote im Rundfunk und im Internet für Jugendliche nicht zulässig, wenn sie den
Krieg verherrlichen, grausame Gewalt verherrlichend schildern oder pornografisch sind. Wenn
Anbieter die Bestimmungen nicht einhalten, können die Verstöße mit Freiheitsstrafe oder
mit Bußgeldern geahndet werden.
SCHULE: Thüringen hat sein Schulgesetz nach der Bluttat
geändert. Künftig können Gymnasiasten nach der 10. Klasse einen Realschulabschluss erwerben. Nur in Thüringen
hatten Abiturienten zuvor keinen automatischen Realschulabschluss. Eltern von volljährigen Schülern sollen in Zukunft
über Verstöße informiert werden. Dies setzt aber die Zustimmung des Schülers voraus.
Gewalt ist ein Teil des Medienalltags
Pistolenschüsse hallen, das Blut fließt in Strömen, ballernde Jugendliche bestimmen
die Szenerie. Ob auf der Leinwand, dem Fernsehbildschirm oder in Computerspielen -
Gewaltdarstellungen gehören zum Medienalltag. Auch ein Jahr nach dem Erfurter
Schulmassaker versuchen Kommissionen, Gesetze und der von Bundeskanzler Gerhard
Schröder (SPD) initiierte Runde Tisch weiter, virtuelle Gewalt aus deutschen
Kinderzimmern zu verbannen.
«Es ist ein langsamer Prozess. Spektakuläre Lösungen gibt es nicht», bilanziert
jedoch der Direktor des Europäischen Medieninstitutes, Jo Groebel. Vier Mal haben
sich Ministerpräsidenten, Internetprovider, Video- und PC-Spielehersteller und
TV-Chefs in den zurückliegenden elf Monaten mit dem Kanzler getroffen. «15 bis 20
Prozent der Jugendlichen finden brutale Kampfdarstellungen faszinierend und sind
für in den Medien gezeigte Gewalt sehr empfänglich», sagt Groebel. Dazu habe
vermutlich auch der Amokläufer Robert Steinhäuser gezählt.
Der ehemalige Schüler des Gutenberg-Gymnasiums hatte am 26. April 2002
insgesamt 16 Menschen ermordet und anschließend sich selbst das Leben genommen.
Hunderte von Reportern und Dutzende Kamerateams belagerten wenig später die thüringische
Landeshauptstadt, zeigten schluchzende Hinterbliebene und ließen für manchen
Erfurter den Alltag zum Spießrutenlauf werden. Wer am meisten heult, kriegt den besten Sendeplatz»,
hatte Student Stefan Walluhn damals bemängelt.
«Wir haben an einigen Stellen Fehler gemacht», sagt ZDF- Programmdirektor Thomas Bellut. Noch am
Abend des Anschlags gingen die Mainzer mit der Talkshow «Johannes B. Kerner» direkt vor Ort. «Über
diese Entscheidung haben wir im ZDF intensiv diskutiert und sind der Meinung, dass sie im
Prinzip richtig war», sagt Bellut. Falsch sei die Form der Show gewesen - Fehler, aus denen man gelernt habe. Auch
ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann beteuert: «Schon allein unserer Chronistenpflicht ist es geschuldet, wenn
entsprechende Bilder im Fernsehen gezeigt werden.» Überhaupt lasse sich Gewalt in den Massenmedien nicht
generell ausblenden.
Häufig unterschätzt wird dabei nach Ansicht des Leipziger Journalistik-Professors Michael Haller die Wirkung der
Bilder: «Die Irak-Berichterstattung zeigt das Dilemma sehr gut. Man sollte die mit Krieg verbundenen Gräuel und
Zerstörungen nicht unter den Teppich kehren. Bilder von zerschossenen und zerfetzten Menschen müssen auch
gezeigt werden.» Entscheidend sei, wie nah die Kamera dran sei oder wie viele Details gezeigt würden. Anders im
fiktionalen Bereich. «Es wird geheuchelt und getrickst. Hier könnten die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft
und die Landesmedienanstalten deutlich strenger sein», meint Haller.
Dessen sind sich auch die Verantwortlichen bewusst. Die Landesmedienanstalten installierten eine Kommission für
Jugendmedienschutz, der neue Jugendmedienschutzvertrag wurde verschärft und eine neue Selbstkontrolle
entscheidet seit 1. April verbindlich über Altersgrenzen. Eine Lösung des Gewaltdilemmas ist dies dennoch nicht -
eher eine Absolution, urteilt der Geschäftsführer des Verbands der Unterhaltungssoftware (VUD), Hermann Achilles.
«Wenn Freaks harte Spiele hierzulande nicht bekommen, kaufen sie sie über amerikanische Internethändler ein.
Außerdem boomt der Schwarzmarkt. Verbote sind ganz sicher der falsche Weg.» (Quelle: dpa)
Polizeigewerkschaft beklagt steigende Jugendkriminalität
So.27.04.03 - Die Kriminalität bei Jugendlichen steigt nach Ansicht der
Gewerkschaft der Polizei (GdP) in beunruhigendem Máß an. Laut «Neuer
Osnabrücker Zeitung» (Samstagausgabe) erklärte der GdP-Vorsitzende Konrad
Freiberg, die Zahl der registrierten Fälle von Gewaltkriminalität unter Kindern und
Jugendlichen sei 2002 im Vergleich zum Vorjahr um vier Prozent auf fast 200.000
gestiegen. In den letzten zehn Jahren habe die Kinder- und Jugendkriminalität um
50 Prozent zugenommen.
Freiberg schloss sich einer Einschätzung des Deutschen Lehrerverbandes an, dass
immer mehr Lehrer verängstigt seien, weil die Gewaltbereitschaft bei den Schülern steige. Dies decke
sich eindeutig mit den Erkenntnissen der Polizei. Als Grund nannte er zunehmende Orientierungs-
und Perspektivlosigkeit bei den Jugendlichen, aber auch Gewaltverherrlichung in den Medien.
Es handle sich um ein Problem der gesamten Gesellschaft, sagte Freiberg. «Mit Polizei allein lässt sich die zunehmende
Jugendgewalt nicht stoppen.» Es bestehe Anlass zu der Befürchtung, dass der Amoklauf an dem
Gutenberg-Gymnasium in Erfurt vor einem Jahr kein Einzelfall bleibe. (Quelle: ap)
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