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Kurznachrichten   [ Allg. Nachrichten ] [Nachrichtendienste ] [ Ticker ] +++ Di.29.04.03, 12:45 Einundvierzigster Kriegstag in Irak
US-Soldaten feuern auf Menschenmenge - Zehn Tote +++
Amnesty für rasche Wiederherstellung von Recht und Ordnung in Irak +++
IKRK bittet Alliierte um Hilfe bei irakischen Massengräbern +++
CARE-Hilfskonvoi in Bagdad eingetroffen +++
Médecins du Monde-International wieder im Irak tätig +++
US-Soldaten unter heftigem Beschuss in nordirakischer Stadt +++
Ehemaliger irakischer Ölminister in US-Gewahrsam +++
Kein UN-Vertreter bei Konferenz in Bagdad +++
Iraks Opposition will Nationalkongress binnen vier Wochen abhalten +++
Großbritannien für Referendum über irakische Verfassung +++
Bush verspricht Irak beständige Hilfe auf Weg zur Demokratie +++
Weltbank-Präsident: Wiederaufbau Iraks leicht finanzierbar.
Di.29.04.03 - 8:30 - US-Soldaten haben dem arabischen Fernsehsender El Dschasira zufolge in der
Nacht zum Dienstag bei Bagdad in eine Menschenmenge gefeuert und zehn Menschen getötet.
Durch die Schüsse in dem Ort Falludscha 50 Kilometer westlich der irakischen
Hauptstadt seien zudem etwa 70 Menschen verletzt worden, berichtete ein
Korrespondent des Senders telefonisch aus Bagdad ohne Angabe einer Quelle. Aus
der Menge heraus sei zuvor ein Stein auf die Soldaten geworfen worden. Das
US-Central Command in Katar erklärte, ihm lägen keine Informationen über den
Zwischenfall vor. Auch das US-Militär in Bagdad nahm zu dem Bericht nicht
Stellung.
Eine Gruppe von etwa 200 Personen sei nach dem Abendgebet in einer Moschee
dem Aufruf des Predigers gefolgt und habe gegen die Anwesenheit der US-Truppen
in Irak protestiert, sagte der Korrespondent. Aus der Menge sei ein Stein auf die
Soldaten geworfen worden, die darauf hin das Feuer eröffneten. Die Verletzten
würden in fünf verschiedenen Krankenhäusern des Ortes behandelt. Nach dem
Sturz der Regierung von Iraks Präsident Saddam Hussein ist insbesondere von
irakischen Geistlichen wiederholt ein Abzug der alliierten Truppen gefordert worden.
Die Hilfsorganisation CARE hat am vergangenen Wochenende hunderte Tonnen Hilfsgüter in
den Irak transportiert. 13 LKW sind sicher an ihrem Zielort Bagdad
eingetroffen. Rund 60 CARE-Helfer übernehmen in Kooperation mit den
irakischen Behörden und dem Internationalen Roten Kreuz die
Verteilung an Krankenhäuser und Gesundheitsstationen in und um
Bagdad. Unterstützt wurde der Konvoi von der Europäischen Union
(ECHO), dem Zentralkomitee der Mennoniten, dem norwegischen
Außenministerium und der australischen Regierung (AusAID).
"Alle Hilfsgüter, die wir vor dem Krieg im Irak bereit gestellt
hatten, sind nahezu aufgebraucht", berichtet Edith Wallmeier,
Nothilfekoordinatorin von CARE Deutschland. Dringender Bedarf besteht
zurzeit vor allem in den Krankenhäusern. Zahlreiche Hospitäler wurden
durch die Kämpfe und anschließenden Plünderungen stark in
Mitleidenschaft gezogen. In einigen Fällen haben sie ihre gesamte
Einrichtung, alle Geräte, Medikamente und Lebensmittelvorräte
verloren.
Die allgemeine humanitäre Lage im Irak bleibt auch durch
anhaltende Stromausfälle in den Städten Bagdad, Mossul und Kirkuk
angespannt. CARE-Helfer haben in den vergangenen Tagen rund um die
Uhr Notstromgeneratoren in neun Krankenhäusern installiert oder
repariert. Auch im Yarmuk-Hospital, einem der größten allgemeinen
Krankenhäuser in Bagdad, wurde die Energie wieder hergestellt.
Fünf Länderdelegationen des internationalen
medizinisch-humanitären Netzwerks von Médecins du Monde (MDM) haben
im Irak unabhängige Evaluierungen zur Gesundheitssituation
durchgeführt und Hilfsoperationen für die Zivilbevölkerungen in
Basrah, Bagdad, Badrah und Kirkuk eingeleitet.
Médecins du Monde-Frankreich versorgt seit dem 12. April die
Bevölkerung in Basrah mit Medizin und medizinischem Material.
Zusätzliche Untersuchungen zur gesundheitlichen Situation in den
verschiedenen Stadtteilen wurden seitdem durchgeführt sowie weitere
Hilfslieferungen bereitgestellt. In Kirkuk führt ein weiteres Team
Evaluierungen in zwei Krankenhäusern durch, um die steigende Anzahl
verwundeter Patienten ärztlich zu versorgen.
Médecins du Monde-International fordert von den Besatzungsmächten
im Irak die Einhaltung der Verpflichtungen im Internationalen Humanitären Recht;
die Wiederherstellung von Sicherheit und Gesetzgebung, um den Zugang zu humanitärer Hilfe
im Irak zu sichern; die Übergabe der humanitären Hilfe an die Vereinten Nationen sowie
die Anerkennung der unparteilichen Rolle von Nichtregierungsorganisationen bei der humanitären Hilfe für die
Zivilbevölkerung im Irak.
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) hat die
alliierten Streitkräfte aufgerufen, umgehend für Recht und Ordnung in Irak zu sorgen.
Alle Dokumente, die Verletzungen von Menschenrechten unter dem gestürzten
Staatschef Saddam Hussein belegten, müssten sichergestellt werden, forderte
Amnesty am Montag in einer in Katar veröffentlichten Erklärung.
Bei der Plünderung öffentlicher Gebäude in den südirakischen Städten Basra und
Umm Kasr seien vermutlich zahlreiche wichtige Belege vernichtet worden. "Die
Zerstörung von Dokumenten wird unabsehbare Auswirkungen auf die Iraker haben,
auf die Klärung von Besitzansprüchen (...) und die Haftung für frühere
Menschenrechtsverletzungen", sagte Ghanim Alnajjar, ein Mitglieder der
AI-Delegation in Irak.
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz will über mutmaßliche
Massengräber in Irak mithilfe der Koalitionstruppen Aufschluss erhalten. Das
Komitee habe die Streitkräfte darum gebeten, die fraglichen Stellen zu sichern,
sagte ein Sprecher der in Genf ansässigen Organisation am Montag. Es müsse
vermieden werden, dass verschiedene Gegenstände abhanden kämen, an Hand
derer Leichen identifiziert werden könnten. In den vergangenen Wochen hätten auch
die Krankenhäuser in Irak etliche Tote möglichst rasch beerdigt, hieß es weiter.
Hunderte Iraker hatten sich bereits an das Komitee gewandt, um dort etwas über
das Schicksal jüngst vermisster Angehöriger zu erfahren.
In der nordirakischen Stadt Mossul sind am Montag
US-Soldaten unter heftigen Beschuss geraten und haben daraufhin
Kampfhubschrauber angefordert.
Ein Reuters-Reporter berichtete, zwei Posten der US-Armee seien mit
heftigem Maschinengewehrfeuer angegriffen worden. Die US-Soldaten erwiderten
das Feuer und forderten anschließend zur Unterstützung Kampfhubschrauber an.
Es war zunächst nicht klar, wer hinter den Angriffen stand. Bewohner hatten zuvor
Armeeeinheiten gesagt, dass zum gestürzten Präsidenten Saddam Hussein loyale
Paramilitärs Angriffe planten. Murray zufolge schienen die Angriffe die heftigsten zu
sein, seitdem US-Truppen die drittgrößte Stadt des Landes vor über zwei Wochen
unter Kontrolle gebracht hatten.
Mehr als hundert Kunstgegenstände aus geplünderten irakischen Museen
sind nach US-Angaben bislang wieder aufgetaucht. Die irakische Bevölkerung sei
mehreren Aufrufen der US-geführten Streitkräfte gefolgt, die bei Raubzügen im
Nationalmuseum und in der Nationalbibliothek in Bagdad erbeuteten Gegenstände
wieder abzugeben, teilte das US-Zentralkommando (Centcom) am Montag auf dem
Stützpunkt El Sailijah in Katar mit. Den Aufrufen hätten sich auch örtliche
Geistliche angeschlossen.
Der ehemalige irakische Ölminister Amir Mohammed Raschid befindet
sich in US-Gewahrsam. Er habe sich gestellt, teilte das US-Hauptquartier in Katar
mit. Raschid war ein Berater des entmachteten Präsidenten Saddam Hussein. Er
war Pik Sechs in dem Kartenspiel, das das Pentagon mit den Bildern von meist
gesuchten Irakern aufgelegt hat, und Nummer 47 auf der Fahndungsliste.
Wegen der ungeklärten Rolle der Vereinten Nationen beim
Wiederaufbau Iraks haben die UN keinen Vertreter zur Konferenz der irakischen
Opposition am Montag in Bagdad geschickt. UN-Generalsekretär Kofi Annan sei der
Einladung der USA, einen Beobachter zu entsenden, nicht gefolgt, weil die Position
der Vereinten Nationen noch nicht definiert sei, erklärte der mexikanische
UN-Botschafter und derzeitige Weltsicherheitsratspräsident Alfonso Aguilar Zinser.
Aus Diplomatenkreisen verlautete, die Einladung der USA habe sich auf die
Entsendung eines UN-Vertreters in einer reinen Beobachterrolle beschränkt.
Die irakischen Oppositionsgruppen haben sich am Montag darauf geeinigt,
innerhalb der kommenden vier Wochen einen allgemeinen nationalen Kongress
abzuhalten. Bei dem Treffen sollten die Bedingungen für eine künftige
Übergangsregierung in Irak festgelegt werden, hieß es in einer Erklärung, die beim
Treffen der Oppositionsgruppen in Bagdad verabschiedet wurde. In einer anderen
Resolution wurde festgehalten, dass die US-geführten Streitkräfte dafür
verantwortlich seien, die Sicherheit in Irak aufrechtzuerhalten. Irak brauche zunächst
ein repräsentatives Gremium, das über die Zusammensetzung einer
Übergangsregierung entscheide, weil es für Wahlen derzeit noch "zu früh" sei, sagte
der unabhängige Konferenzdelegierte Sadr Schakir.
Großbritannien hat sich für eine Volksabstimmung über eine
irakische Verfassung ausgesprochen, bevor eine direkt gewählte Regierung die
Macht in dem Land übernimmt.
Der Staatsminister im britischen Außenministerium Mike O'Brien sagte am Montag,
die zu bildende Übergangsregierung sollte nur eine begrenzte Zeit im Amt bleiben.
"Ich hoffe, es kommt dann zu einer Verfassung gebenden Versammlung, einer
Volksabstimmung und einer neuen Verfassung und dann zu einer direkt und
ordentlich gewählten demokratischen Regierung des Iraks", sagte O'Brien.
Die USA wollen sich nach Worten von Präsident George W.
Bush als "beständiger Freund" an der Seite des irakischen Volkes für den Aufbau
von Demokratie einsetzen. Washington werde Irak keine Regierung aufzwingen,
sagte Bush am Montag im US-Staat Michigan in einer Rede, die auch in arabische
Länder übertragen wurde.
"Amerika hat versprochen, Irak von einem Unterdrückerregime zu befreien, und wir
haben unser Wort gehalten", sagte Bush. "Amerika verspricht nun, den Irakern
beim Aufbau einer florierenden und friedlichen Nation zu helfen, und wir werden
unser Wort halten." Die Zeit der Unterdrückung sei vorbei, erklärte der Präsident.
"Irak wird demokratisch." Der Weg werde nicht einfach sein, doch Irak werde "das
amerikanische Volk als beständigen Freund" an seiner Seite haben. Bush forderte
erneut die Aufhebung der UN-Sanktionen gegen Irak. Die Strafmaßnahmen seien
nach dem Sturz der Regierung von Saddam Hussein sinnlos, sagte er.
Der Wiederaufbau im Irak wird nach Einschätzung des
Weltbank-Präsidenten James Wolfensohn "leicht" finanzierbar sein. Bedingung: Ein Teil der
irakischen Erdöl-Einkünfte müsse herangezogen werden. Die Finanzierung sei an sich kein größeres
Problem, wenn man von den Schulden des Iraks einmal absieht, so Wolfensohn in der Pariser
Wirtschaftszeitung "La Tribune". Die internationale Gemeinschaft werde zwei bis drei Milliarden Dollar im
Jahr bereitstellen, um das Gesundheits- und Ausbildungswesen aufzubauen.
(Quellen: rtr, afp, dpa, ap, ots)
Iraker wollen US-Militärs verklagen
Di.29.04.03 - Irakische Zivilisten wollen einem
Pressebericht zufolge ranghohe Angehörige der US-Armee,
darunter Oberbefehlshaber General Tommy Franks, wegen
Kriegsverbrechen im Irak verklagen.
In der Anklageschrift würden
"unbekannte US-Soldaten" "direkt" für Kriegsverbrechen
verantwortlich gemacht, zitierte die Washington Times gestern den
Brüsseler Anwalt der zehn Iraker, Jan Fermon. US-Truppen hätten
auf einen Krankenwagen geschossen, einen Autobus mit Zivilisten
angegriffen, zahlreiche Zivilisten beim Bombardement eines
belebten Marktplatzes in Bagdad getötet und Plünderungen in
mehreren Krankenhäusern nicht verhindert.
In einigen dieser
Vorfälle gebe es eine "Kommandeurs-Verantwortung" für "vor Ort
begangene Grausamkeiten", sagte der Anwalt. "Diese
Verantwortung endet bei General Franks und denen, die in den
Befehlslinien unter ihm sind." (Quelle: taz [afp])
Die Fürsten des IV.Weltkriegs - US-Think Tanks und das Netzwerk der Neokonservativen
Mehr unter:
Blair für alleinige Vormachtstellung Amerikas
Di.29.04.03 - Der britische Premierminister Tony Blair hat seine europäischen Kollegen gewarnt, die
Vormachtstellung der USA in Frage zu stellen. Die Vorstellung von einer EU, die mit den USA konkurrieren
könne, gefährde die Stabilität der internationalen Gemeinschaft, sagte er der "Financial Times"
(Montagsausgabe). In London beteuerte Blair am Montag, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen
besessen habe und kündigte Beweise für Verbindungen des irakischen Regimes zu Terrorgruppen an.
Mit seiner Forderung nach einer alleinigen Weltmacht USA reagierte Blair
insbesondere auf den französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac und dessen
Vision einer "multipolaren Welt": "Einige wollen eine so genannte multipolare Welt,
in der es verschiedene Machtzentren gibt und die sich nach meiner Ansicht rasch in
rivalisierende Machtzentren entwickeln wird", zitierte das Blatt Blair. "Andere
glauben, und das ist meine Überzeugung, dass wir eine alleinige Vormacht
brauchen, die eine strategische Partnerschaft zwischen Europa und Amerika
beinhaltet." Chirac hat sich wiederholt für eine starke EU als Gegengewicht zu einer
"unilateralen" US-Außenpolitik ausgesprochen. Laut Blair fordert dies die
Amerikaner jedoch lediglich zu Alleingängen heraus.
Auf seiner monatlichen Pressekonferenz sagte Blair, die Alliierten hätten 1.000
Anlagen in Irak ausgemacht, auf denen nach verbotenen Waffen gesucht werden
müsse. Der Wiederaufbau des Landes sei jedoch zunächst wichtiger als die Suche
nach Massenvernichtungswaffen. "Ich bleibe zuversichtlich, dass sie gefunden werden", sagte der Premier.
Die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen waren der offizielle Kriegsgrund für die USA. Dass Saddam Hussein
sie nicht gegen das Invasionsheer eingesetzt habe, beweise keineswegs ihre Nichtexistenz. Sie seien wahrscheinlich
gut versteckt worden, um womöglich nach dem Abzug der UN-Inspekteure wieder in Betrieb genommen werden zu
können.
Zudem mehren sich laut Blair Hinweise, dass die Waffen in die Hände von Terroristen hätten gelangen können: "Je
mehr Geheimdienstinformationen aus dem Irak auftauchen, umso mehr Hinweise auf Verbindungen zwischen dem
irakischen Regime und terroristischen Organisationen werden sich ergeben", sagte Blair in London. (Quelle: ap)
USA: Iranisches Atomprogramm gefährlicher als Nordkorea
Di.29.04.03 - Die angeblichen Bemühungen Irans um Atomwaffen stellen nach Ansicht der
USA möglicherweise eine größere Gefahr für die internationale Gemeinschaft dar
als das nordkoreanische Nuklearprogramm. Trotz seiner Bekenntnisse zu
Transparenz und friedlicher Nutzung der Atomenergie befinde sich Iran "auf dem
selben Weg der Verweigerung und Täuschung", der schon internationale
Inspektionen in Irak und Nordkorea behindert habe, sagte der stellvertretende
US-Außenminister John Wolf am Montag in Genf bei Verhandlungen über
Abrüstungskontrollen. Iran sei möglicherweise eine der größten Herausforderungen,
denen der Vertrag zur Nicht-Weiterverbreitung von Atomwaffen von 1970 bislang
gegenüber gestanden habe. (Quelle: afp)
Abbas wird palästinensischer Regierungschef
Di.29.04.03 - Der designierte palästinensische Ministerpräsident Mahmud
Abbas soll heute sein Amt antreten. Abbas will in Ramallah im
Westjordanland den Abgeordneten seine Kabinettsliste zur
Abstimmung vorlegen und dann zusammen mit seinen Ministern
den Amtseid ablegen. Mit der Einigung auf eine neue
Reformregierung hatten die Palästinenser in der vergangenen
Woche eine wichtige Forderung Israels und des Nahost-Quartetts
von USA, UNO, EU und Russland erfüllt. Abbas rief Israel auf,
gemeinsam mit den Palästinensern so schnell wie möglich Frieden zu schaffen.
"Unsere Wahl ist Frieden, und das ist auch die Wahl der Israelis", sagte Abbas im
israelischen Fernsehen. Zuvor war er mit dem demokratischen US-Kongressmitglied
Tom Lantos zusammengetroffen.
Das Weiße Haus bekräftigte unterdessen seine Bereitschaft, bald nach der
Vereidigung des palästinensischen Kabinetts den "Fahrplan" des Nahost-Quartetts
für eine dauerhafte Friedensregelung zu veröffentlichen. Es geben dann keinen
Grund mehr zu warten, sagte der Sprecher von US-Präsident George W. Bush, Ari
Fleischer. Washington macht den Amtsantritt von Abbas zur Bedingung für die
Vorlage des Nahost-Friedensplans. Der Plan sieht unter anderem die Errichtung
eines unabhängigen Palästinenserstaats bis zum Jahr 2005 vor.
US-Außenminister Colin Powell will derweil offenbar die Route seiner am
Donnerstag beginnenden Nahost-Reise radikal umändern. Israel und die
Palästinensergebiete würden vermutlich gestrichen, sagte in Washington ein
Vertreter der US-Regierung. Beide Ziele sollten stattdessen bei einer zweiten Reise
Mitte Mai angesteuert werden. Damit wolle Powell dem designierten
palästinensischen Ministerpräsidenten Abbas einige Tage Einarbeitungszeit geben.
Ursprünglich hatte Powell am Donnerstag nach Ägypten aufbrechen und dann nach Jordanien, Saudiarabien und
Syrien sowie nach Israel und in die Palästinensergebiete weiterreisen wollen. Bis auf Syrien seien alle diese Etappen
gestrichen, sagte der US-Regierungsmitarbeiter weiter. Auf dem neuen Programm stünden nun Spanien, Syrien,
Libanon und Albanien. (Quelle: afp)
Mindestens 120 Tote bei ethnischen Unruhen in Kongo
Di.29.04.03 - Bei ethnischen Unruhen im Nordosten Kongos sind unbestätigten
Berichten zufolge mindestens 120 Menschen ums Leben gekommen. Den Kämpfen
in der Provinz Ituri fielen demnach innerhalb von zwei Tagen jeweils rund 60
Angehörige vom Volk der Hema und der Lendu zum Opfer. Das sagte der Führer
einer Hema-Rebellengruppe, der Union Kongolesischer Patrioten, am Montag.
Seinen Angaben zufolge wurden am Freitag mindestens 60 Männer, Frauen und
Kinder getötet, als sie auf der Flucht nach Uganda in einen Hinterhalt der Lendu
gerieten. Die Lendu hätten Vergeltung geübt für die Ermordung von mehr als 60
Angehörigen ihres Volkes, die von einer Hema-Miliz in der Nähe der Ortschaft
Kasenyi getötet worden waren.
Die Hema und Lendu haben sich in der Vergangenheit immer wieder bekriegt, meist
wegen eines Streits um Ländereien. Nach dem Beginn des Bürgerkriegs im August
1998 kamen die Volksgruppen in den Besitz schwerer Waffen, weshalb weit mehr
Menschen als früher den Auseinandersetzungen zum Opfer fallen.
Quelle der Massaker in Kongo ist nach Einschätzung der
Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) der Kampf um die
natürlichen Ressourcen. Die Organisation forderte die internationale Gemeinschaft
am Montag auf, die Gewalttaten unverzüglich zu unterbinden. Laut Amnesty
plündern Ruanda, Uganda und deren Verbündete in Kongo seit viereinhalb Jahren
systematisch die natürlichen Ressourcen im Osten des Landes, wie Gold,
Diamanten und Holz. Direkt oder indirekt habe dies den Tod von Hunderten
Menschen zur Folge gehabt. Um ihre wirtschaftlichen Interessen zu fördern, hätten
die ausländischen Kräfte die ethnischen Konflikte geschürt. (Quelle: ap)
Hilfsorganisation: 640 Kinder in Guatemala ermordet
Di.29.04.03 - In Guatemala sind nach Angaben der Kinderhilfsorganisation Casa Alianza in
den vergangenen 15 Monaten 640 Kinder ermordet worden. Bei den meisten Opfern
handele es sich um Straßenkinder, sagte Héctor Dionisio von Casa Alianza der
Zeitung "Siglo XXI" (Sonntagausgabe). 2002 sei die Zahl der Morde im Vergleich
zum Vorjahr um fast 30 Prozent gestiegen. Die Darstellung der Behörden, es
handele sich um Auseinandersetzungen zwischen Banden, sei falsch, sagte
Dionisio. Vielmehr würden die Verbrechen von offizieller Seite unterstützt. Nach
Angaben von Casa Alianza leben in dem mittelamerikanischen Land etwa 6000
Kinder auf der Straße. (Quelle:afp )
Anschlag auf EU-gefördertes Frauenprojekt in Pakistan
Di.29.04.03 - Ein von der EU finanziertes Projekt zur Frauenförderung im
Nordwesten von Pakistan ist Ziel eines Raketenanschlags geworden. Wie die
Polizei am Dienstag mitteilte, wurde das Gebäude im Bezirk Dir am Montagabend
von zwei Raketen getroffen. Ein Teil des Gebäudes brannte bis auf die Grundmauern
nieder. Verletzt wurde niemand. Das Dir-Kohistan-Entwicklungsprojekt kümmert
sich unter anderem um Ausbildung und Gesundheitsvorsorge für Frauen.
Dir liegt rund 200 Kilometer nordwestlich von Islamabad. Die Gegend gilt als sehr
konservativ. Führende Geistliche hatten die Bevölkerung in der Vergangenheit
wiederholt zu Angriffen auf internationale Projekte ermutigt, insbesondere auf
solche, die sich für die Rechte von Frauen einsetzen oder Frauen beschäftigen. Die
Organisation in Dir war gerade dabei, Mitarbeiterinnen einzustellen, die sich um die
Ausbildung von Mädchen und Frauen kümmern sollten. (Quelle: ap)
Pakistan erwidert indische Versöhnungsgeste
Di.29.04.03 - Der pakistanische Ministerpräsident Zafarullah Khan Jamali hat am
Montag überraschend mit seinem indischen Kollegen Atal Bihari Vajpayee
telefoniert und ihm die Wiederaufnahme der Gespräche zwischen den zwei
verfeindeten Atommächten angeboten. Das meldete das staatliche pakistanische
Fernsehen am Abend.
Jamali reagierte mit dem Telefonat offenbar auf eine Versöhnungsgeste Vajpayees
vom Freitag. Der indische Regierungschef hatte bei einem Besuch im indischen Teil
Kaschmirs erklärt, er reiche Pakistan die Hand zur Freundschaft. Das überwiegend
von Muslimen bewohnte Kaschmir ist zwischen Pakistan und Indien geteilt. Beide
Staaten erheben Anspruch auf die gesamte Region. Indien wirft Pakistan immer
wieder vor, die gegen Indien kämpfenden Rebellen in Kaschmir zu unterstützen.
Jamali bot dem Bericht zufolge an, «um des Friedens Willen» nach Indien zu
reisen. Er bekundete zugleich die Bereitschaft, die zwischen Indien und Pakistan
bestehenden Probleme im Dialog zu lösen. Jamali begrüßte ferner das
Versöhnungsangebot Vajpayees von der vergangenen Woche. Der indische
Ministerpräsident hat sein Angebot jedoch an Bedingungen geknüpft. Er wiederholte
die Forderung nach Schließung von Ausbildungslagern muslimischer Rebellen in
Pakistan und forderte Islamabad auf, ein Eindringen der Rebellen von Pakistan aus
in den indischen Teil Kaschmirs zu unterbinden. (Quelle: ap)
Hilfsorganisationen fordern Regeln für global tätige Unternehmen
Di.29.04.03 - Mehrere Hilfsorganisationen haben am Montag verbindliche Regeln für
multinationale Konzerne gefordert. Verlangt werden die gleichen Umwelt-,
Menschenrechts-, Sicherheits- und Arbeitsstandards sowie Mittel zu deren
Kontrolle und Durchsetzung, wie es in einer Pressekonferenz in Bern hieß. Mit ihrer
Forderung kommen die Hilfsorganisationen auf die Absichtserklärung mehrerer
Staatschefs zurück, die sich auf dem Erdgipfel in Johannesburg über die
Notwendigkeit solcher Regeln geeinigt hatten.
Große Konzerne träten Umwelt, Gesellschaft und Menschenrechte mit Füßen,
wenn es darum gehe, ein paar Dollar, Franken oder Euro mehr zu verdienen.
Deshalb seien weltweit verbindliche Regeln für multinationale Konzerne nötig,
sagten Vertreter von Greenpeace, Amnesty International, pro natura, der Erklärung
von Bern und der AG Hilfswerke. Nationale Standards reichten oft nicht aus, um
Konzerne für Schäden zur Verantwortung zu ziehen.
Zwar hätten mittlerweile 700 Konzerne den Global Compact der UN, eine freiwillige
Initiative, unterzeichnet. Statt den Konzernen die Gelegenheit zu bieten, auf billige
Weise ihr soziales und ökologisches Image aufzupolieren, sei es aber Aufgabe der
UN, eine Konvention mit Biss zu erarbeiten, sagte Michel Egger von der AG
Hilfswerke. Ein Musterbeispiel für die mangelnde Unternehmensverantwortung sei
die Chemiekatastrophe im indischen Bhopal von 1984.
Die Hilfsorganisationen forderten, die Schweiz müsse eine Vorreiterrolle
übernehmen. Sie soll im Rahmen der UN eine Konvention zur Unternehmensverantwortung vorantreiben. Zur weltweit
gerechteren Verteilung von Wohlstand und zur Armutsbekämpfung seien internationale Regeln zur Zusammenarbeit
unumgänglich, sagte der Basler Nationalrat Remo Gysin.
«Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler greift die Beutejäger des globalisierten Kapitals scharf an - und ruft zu einer weltweiten Gegenbewegung von unten auf»
Die Realität der globalisierten Welt besteht aus "einer Kette von
Inseln des Wohlstands und des Reichtums, die aus einem Meer
des Völkerelends herausragen", schreibt der Schweizer Jean
Ziegler in seinem neuen Werk ("Die neuen Herrscher der
Welt und ihre globalen Widersacher". 320 Seiten, C. Bertelsmann, München 2003, 22,90 ).
Der UN-Sonderberichterstatter für
das Recht auf Nahrung plädiert darin engagiert gegen die "neuen
Herrscher der Welt".
Im Lauf der letzten zehn Jahre hat sich der Welthandel
versechsfacht und unermesslichen Reichtum erwirtschaftet. Bill
Gates, der reichste Mann der Erde, besitzt so viel Geld wie die
ärmsten 120 Millionen US-Bürger. Unternehmen erzielen Gewinne,
die dem Haushalt eines Staates wie Dänemark entsprechen,
während gleichzeitig 826 Millionen Menschen permanent schwer
unterernährt sind.
Das Finanzkapital stellt eigene Gesetze auf und errichtet einen
"übernationalen Staat", der über eigene Verwaltung, Einflussgebiete
und Politik verfügt: den Internationalen Währungsfonds IWF, die
Weltbank, die OECD (Organisation für ökonomische
Zusammenarbeit und Entwicklung) und die
Welthandelsorganisation WTO.
Die Folgen zeigen sich verschärft in den Ländern des Südens. Das
Beispiel Brasilien verdeutlicht die extrem ungleiche
Einkommensverteilung: Nach einem Bericht der UNO lebten dort im
Jahr 2000 noch 5 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze;
mittlerweile sind es 9 Prozent, die mit weniger als einem Dollar pro
Tag auskommen müssen. Die reichsten 10 Prozent der Brasilianer
besitzen über 47 Prozent, während die ärmsten 10 Prozent nur
über 1 Prozent des gesamtgesellschaftlichen Einkommens
verfügen.
Auch "die Privatisierung der Welt" schwächt die "normensetzende
Kraft des Staates", betont Ziegler. Die Folgen sind weitgehend und
betreffen auch die Sozialsysteme des reichen Nordens. Durch die
marktförmige Umgestaltung des Gesundheitswesens, eine
Spaltung in Wahl- und Pflichtleistung der Krankenkassen sowie
umfassende Privatisierungen wird Krankheit für immer breitere
Bevölkerungsschichten zum Armutsrisiko. Das neoliberale
Musterland Chile zeigt, wie sich die Privatisierung der
Sozialversicherungen auswirkt - und kann als abschreckendes
Beispiel für Europa dienen. Denn Finanzkonzerne haben nur
Interesse an gesunden Beitragszahlern, soziale Belange spielen in
den Überlegungen des Managements keine Rolle....» (Aus der "tageszeitung" vom 29.04.03)
«Globalisierung - Aufklärung im Schnelldurchgang»
«Schwarzbuch Globalisierung»
(Ausgabe der Büchergilde),
herausgegeben von Jerry Mander und Edward Goldsmith.
«...ein Feuerwerk aufklärender Texte, die geradewegs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit
helfen. Eine zentrale Erkenntnis:
(Quelle: http://krit.de/ralphs/)
Europäische Rüstungskonzerne fordern mehr Geld für Verteidigung
Di.29.04.03 - Führende Rüstungskonzerne haben die europäischen
Regierungen aufgefordert, ihre Verteidigungsausgaben zu erhöhen. Zugleich warnten
EADS, BAE Systems und Thales in einer gemeinsamen Erklärung, Europa könnte als
Partner der USAin militärischen Frage seine Glaubwürdigkeit verlieren.
"Bei einem anhaltend wachsenden Abstand der Forschungsinvestitionen (im
Vergleich zu den USA) stellt sich die Frage nach der Fähigkeit der europäischen
Nationen, auch in Zukunft gemeinsame Operationen mit den USA durchführen zu
können", erklärten die drei Konzerne am Montag. Alleine im Bereich Forschung und
Entwicklung investiere Amerika acht Mal so viel wie Europa. Entscheidend für die
langfristige Perspektive der Verteidigungsindustrie sei deshalb eine Erhöhung der
Forschungsinvestitionen. "Nur so können wir es schaffen, auf der internationalen
Ebene als eine glaubwürdige Kraft und als verlässlicher Partner der USA gesehen
zu werden."
In den USA werden nach Angaben der drei Konzerne jährlich rund 100 Milliarden
Euro in die Verteidigung gesteckt, während es in Europa etwa 40 Milliarden Euro
sind. Indirekt üben die drei Konzerne auch Kritik an der Bundesregierung: Eine
Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf ein "angemessenes Verhältnis zu den
Gesamtausgaben", wie in Frankreich und Großbritannien bereits geschehen, sei
dringend geboten.
Deutschland hatte jüngst wegen eines Streits über die Finanzierung für Verzögerungen beim Start des seit Jahren
geplanten Airbus-Militärtransportflugzeugs A400 M gesorgt. Nach wie vor steht eine endgültige Zustimmung des
Bundestags zu dem Projekt aus, was bei den europäischen Partnern Unmut ausgelöst hat. Hinzu kommt, dass die
rot-grüne Bundesregierung in ihrem Bemühen um geringere Schulden ihren Auftrag auf 60 von 73 Maschinen reduziert
hat. (Quelle: rtr)
Schröder setzt Reformagenda im SPD-Vorstand durch
Di.29.04.03 - Bundeskanzler Gerhard Schröder hat seine Reformagenda
2010 im SPD-Bundesvorstand mit großer Mehrheit
durchgesetzt. Bei der überraschend angesetzten
Abstimmung über einen Leitantrag für den Sonderparteitag
am 1. Juni gab es nach Angaben Schröders 28
Ja-Stimmen, vier Gegenstimmen und vier Enthaltungen.
Der Kanzler zeigte sich erfreut über das Ergebnis und sprach von einer "guten
Basis", um auch auf dem Parteitag eine breite Unterstützung für seinen Kurs zu
erreichen. Am Abend warb Schröder auf der ersten von vier Regionalkonferenzen um
Unterstützung für seine Agenda.
Schröder hatte vor der gemeinsamen Sitzung des SPD-Bundesvorstands und des
geschäftsführenden Vorstands der Bundestagsfraktion indirekt mit seinem Rücktritt
gedroht, sollte die Partei seinen Reformkurs nicht mittragen. "Wer etwas anderes
beschließen möchte, muss wissen, dass er mir die inhaltiche Grundlage meiner
Arbeit entzieht und mich zu Konsequenzen zwingt", hatte Schröder am Morgen
gesagt. Nach der Sitzung stellte der Kanzler noch einmal klar, bei den Reformen sei
es "nicht etwa das Ziel, Sozialstaatlichkeit preiszugeben"; die Systeme sollten nur
neu justiert werden.
Bei der SPD-Regionalkonferenz West in Bonn erhielt Schröder am Abend neben
Kritik auch Zustimmung für seinen Kurs. Bei der Veranstaltung warb Schröder vor
allem um Unterstützung für die Fortsetzung seiner Regierungsarbeit. Während der
Rede Schröders hielten SPD-Vertreter Schilder mit der Aufschrift "Wort halten,
Gerd" hoch. Vor Beginn der Tagung hatten rund 150 IG Metaller gegen die
Reformpläne der Bundesregierung demonstriert.
Auch nach der Bundestagswahl gehe es weiter um die Erneuerung der Gesellschaft, ohne dass soziale Gerechtigkeit
preisgegeben werde, betonte Schröder vor einigen hundert SPD-Vertretern aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz
und dem Saarland. Vor Realitäten dürften sich die Sozialdemokraten aber nicht "wegdrücken", sondern müssten sie
annehmen. Die Belastbarkeit der sozialen Sicherungssysteme sei überschritten.
Auf Seiten der Kritiker äußerte unter anderen der Vertreter des SPD-Arbeitnehmerflügels Ottmar Schreiner seine
Bedenken. Er gehe davon aus, dass die Agenda 2010 vor allem für mehr Arbeitslosigkeit sorgen werde. Unter
anderem werde die Finanzierung des Krankengeldes allein durch die Arbeitnehmer einen Kaufkraftverlust von vier
Milliarden Euro bringen. (Quelle: afp)
Grüne stehen weiter zur Agenda 2010
Di.29.04.03 - Die Grünen-Spitze hat sich erneut hinter die geplanten Reformen der
Agenda 2010 gestellt. Der Parteivorsitzende Reinhard Bütikofer sagte nach einer
Sitzung des Vorstandes am Montag in Berlin: "Das ist nicht der Stein der Weisen,
aber der Stein, den wir den Berg hochrollen müssen." Die Grundrichtung stimme,
an einzelnen Punkten müsse jedoch noch gefeilt werden, sagte Bütikofer. Die
indirekte Drohung des Kanzlers mit Rücktritt sehe er nicht als Zeichen dafür, dass
die Agenda 2010 auf der Kippe stehe.
Langfristig strebten die Grünen anstelle des jetzigen Sozialversicherungssystems
eine Bürgerversicherung an, in die jeder Bürger einzahlenmüsste - nicht nur die
Lohnabhängigen. Die Perspektive sei "der grüne Faden der Reform", sagte
der Parteichef. Nur die Verbreiterung der Bemessungsgrenze sichere auf Dauer die
Senkung der Lohnnebenkosten. Außerdem müssten die Menschen wissen, "wohin die Reise
gehen soll".
Zur geplanten Reform des Gesundheitswesen, des Rentensystems und des Arbeitsmarktes sagte Bütikofer: "Die
Grundlinien stehen aus unserer Sicht." Anpassungsbedarf gebe es unter anderem in der Frage von Übergängen bei
der Neuregelung des Arbeitsmarktes. Funktionierende Strukturen insbesondere des zweiten Arbeitsmarktes dürften
nicht infolge der Hartz-Reformen wegbrechen. Bei der Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe gelte es
sicherzustellen, dass die Möglichkeiten für Empfänger dazuzuverdienen verbessert würden. Außerdem müsse die
private Altersvorsorge geschützt werden.
Was die Kürzung der Zahlungsdauer von Arbeitslosengeld auf zwölf Monate für Betroffene unter 55 Jahren und auf 18
Monate für Ältere angehe, so müsse der Übergang abgefedert werden. Es müsse verhindert werden, dass Ältere, die
schon höhere Ansprüche aufgebaut hätten, stark benachteiligt werden, sagte Bütikofer. (Quelle: ap)
Pro und Kontra von Konjunkturforschern zu «Reformen» Schröders
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«Aktive Wirtschaftspolitik ist bei der Bundesregierung Fehlanzeige, meint die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik»
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«Das Alternativmemorandum 2003 weist keinen Ausweg aus der Krise des kapitalistischen Systems»
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Hintergrund: Der Leitantrag zur Agenda 2010
Im SPD-Streit über die Reformvorhaben von Parteichef und
Bundeskanzler Gerhard Schröder haben sich die Spitzengremien der Partei hinter
die wesentlichen Punkte der Agenda 2010 gestellt. Der entsprechende Leitantrag
sieht unter anderem vor:
- ARBEITSLOSENGELD: Die Bezugsdauer beim Arbeitslosengeld soll generell auf
zwölf Monate verkürzt werden. Nur wer 55 Jahre und älter ist, soll es 18 Monate
lang erhalten. Derzeit wird Arbeitslosengeld für 57-Jährige noch bis zu 32 Monate
lang bezahlt. Vertrauensschutz soll laut Leitantrag durch Übergangsregelungen
gewährleistet werden.
- ARBEITSLOSEN- UND SOZIALHILFE: Arbeitslosen- und Sozialhilfe sollen
zusammengeführt werden. Langzeitarbeitslose sollen angebotene Stellen künftig
annehmen müssen. Die Altersvorsorge des Einzelnen soll nicht auf die neue
Leistung angerechnet werden. Das soll auch für den Besitz von selbst genutztem
Wohnraum gelten.
- KRANKENGELD: Beschäftigte sollen die Kosten für das Krankengeld künftig
alleine übernehmen. Die Arbeitgeber sollen so entlastet werden.
- RENTEN: In dem Leitantrag wird der von der Rürup-Kommission vorgeschlagene
«Nachhaltigkeitsfaktor», um den die Rentenformel ergänzt werden soll, als
möglicher Weg bewertet. Dieser bewirkt, dass die Renten langsamer steigen.
- STEUERN: An dem Plan einer Zins-Abgeltungsteuer wird festgehalten. «Andere europäische Staaten haben mit
einer Abgeltungsteuer gute Erfahrungen gemacht», heißt es im Leitantrag.
- AUSBILDUNG UND BESCHÄFTIGUNG: Mit einem Sonderprogramm des Bundes soll der Einstieg in Beschäftigung
und Ausbildung von 100 000 Sozialhilfeempfängern bis 25 Jahre besonders gefördert werden.
- HANDWERK: Die Handwerksordnung soll geändert und zwei Drittel der der bislang 94 Handwerksberufe vom
Meisterzwang befreit werden. Damit können Handwerksgesellen künftig sofort ein Unternehmen gründen.
- ARBEITSGRUPPEN: Mit parteiinternen Arbeitsgruppen soll Kritikern in den eigenen Reihen und den Gewerkschaften
entgegen gekommen werden. Zu den Themen der Arbeitsgruppen zählen laut Antrag: Der Verbleib und die
Verwendung der Milliarden-Einsparungen durch die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe durch die
Gemeinden; bessere Beschäftigungsperspektiven für über 55-Jährige nach Fortfall des Arbeitslosengeldes; spezielle
Regelungen für den Ost-Arbeitsmarkt; die Frage einer Ausbildungsabgabe, sofern die Wirtschaft nicht genügend
Lehrstellen anbietet.
Auch der Vorschlag der Rürup-Kommission zur Heraufsetzung des Rentenalters auf 67 Jahre soll von einer
Arbeitsgruppe bis zum Sonderparteitag geklärt werden. Die Ergebnisse sollen dann in den Leitantrag eingearbeitet
werden. (Quelle: dpa)
Zeitung: Schmidt erwägt Zugeständnisse an Ärzteverbände
Di.29.04.03 - Bei der geplanten Gesundheitsreform müssen sich die Bürger offenbar
auf weitere Lasten einstellen. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung"
aus Regierungskreisen erwägt Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) erhebliche
Zugeständnisse an Ärtzeverbände und Krankenkassen. So soll der Wettbewerb
unter den Medizinern wesentlich geringer ausfallen als ihn der Kanzler
angekündigt hat. Auch Fusionen von Kassen sollen nicht erleichtert werden,
wodurch viele Funktionäre ihre Ämter verloren hätten.
Wie die "Süddeutsche Zeitung" (Dienstagausgabe) unter Berufung auf
Regierungskreise berichtet, sollen die gesetzlichen Krankenkassen nun doch nicht
die Möglichkeit erhalten, auf breiter Front Einzelverträge mit Fachärzten zu
schließen, um so den Einfluss der Kassenärztlichen Vereinigungen einzudämmen.
Die Kassen sollen nur mit jenen Ärzten Einzelverträge abschließen können, die sich
an speziellen Kooperationsmodellen mit Kliniken beteiligen, der so genannten
"integrierten Versorgung". Ein Rohentwurf des Sozialministeriums hatte ursprünglich
vorgesehen, dass die Kassen in der Regel mit allen Fachärzten Einzelverträge
abschließen können.
Eine Sprecherin Schmidts sagte zu dem Bericht auf Anfrage, es bleibe dabei, dass
das Vertragsmonopol der Kassenärztlichen Vereinigungen gebrochen werden solle.
Die von der Zeitung genannten Einzelheiten wollte sie aber nicht kommentieren.
Bislang schließen die Kassenärztlichen Vereinigungen Verträge mit den
gesetzlichen Kassen und sollen so die Versorgung der Patienten sicher stellen.
Schmidt hatte mehrfach angekündigt, dieses Monopol brechen und Einzelverträge
zwischen Kassen und Ärzten zuzulassen. Das Ministerium erhofft sich davon mehr
Wettbewerb unter den Medizinern. Die Kassen bekommen so die Möglichkeit, Ärzte
mit ungenügenden Leistungen aus dem Vergütungssystem auszuschließen. Die SZ
zitiert den Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Klaus
Kirschner (SPD) mit den Worten, sollten die Pläne Schmidts nur in abgespeckter
Form realisiert werden, würde dies "nichts an den unwirtschaftlichen Strukturen
ändern".
Gekippt werden soll dem Bericht zufolge auch der Plan, dass Kassen über die
Verbandsgrenzen hinweg miteinander fusionieren können. Bislang ist es nicht möglich, dass sich etwa eine
Betriebskrankenkasse mit einer Ortskrankenkasse vereinigt. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte vor einigen
Wochen gefordert, die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen müsse verringert werden, um die Effizienz im
Gesundheitswesen zu stärken.
Der SZ zufolge hat Schmidt ihren Kurs auf Druck des SPD-Fraktionsvorsitzenden Franz Müntefering geändert, der
Bedenken von Ärzteverbänden und einzelner Bundesländer aufgegriffen habe. Die Kassenärztliche Vereinigungen
hatten zuletzt massiv mit Protesten von Medizinern gegen die Pläne Schmidts mobil gemacht. (Quellen: sz, rtr)
Uneinigkeit über Ausbildungsabgabe
Di.29.04.03 - Die Einführung einer Ausbildungsabgabe droht zum Zankapfel des
Lehrstellengipfels der Bundesregierung zu werden. Die "Berliner Zeitung"
(Dienstagausgabe) berichtet, Ministerien, Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften
hätten sich vor dem Gipfel am (heutigen) Dienstag nicht auf einen entsprechenden
Passus in einer gemeinsamen Erklärung einigen können. Uneinigkeit bestehe auch
in Bezug auf eine Aussage zur Tarifpolitik.
Der Zeitung zufolge heißt es im Erklärungsentwurf lediglich, dass die Beteiligten
"alle Anstrengungen unternehmen" werden, um so viele Lehrstellen wie möglich zu
mobilisieren. Insbesondere müsse es darum gehen, Betriebe für die Ausbildung zu
gewinnen, die zurzeit nicht ausbilden. Die Gewerkschaften wollten mit Verweis auf
die Regierungserklärung von Bundeskanzler Gerhard Schröder vom 14. März die
Formulierung einbringen, dass gegebenenfalls eine "zusätzliche Regelung zur
Ausbildungsfinanzierung" notwendig sei. Dies lehne die Wirtschaft ab. "Eine
Strafabgabe für Betriebe, die nicht ausbilden, wird das Problem nicht lösen", sagte
Handwerks-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer.
Daneben sei man sich zwar grundsätzlich einig, dass die Beteiligten an die
Tarifparteien appellieren wollten, "vermehrt ausbildungsfördernde Vereinbarungen" in
den Tarifverträgen zu treffen. Die Arbeitgeber hätten sich aber einen "Prüfvorbehalt"
ausbedungen: Eine Aussage zur Tarifpolitik komme nur in Frage, wenn der Text der
gemeinsamen Erklärung ausdrücklich Öffnungsklauseln, das Einfrieren der
Lehrlingsgehälter sowie den Grundsatz "Ausbildung geht vor Übernahme"
vorschlage.
Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages,
Martin Wandsleben, sagte der "Stuttgarter Zeitung" (Dienstagausgabe), wegen der
schlechten konjunkturellen Lage sei in diesem Jahr mit weniger Lehrstellen zu
rechnen. Er warnte aber davor, die Wirtschaft zum Sündenbock zu machen. Seit Mitte der 90er Jahre sei die Zahl der
Lehrstellen stark gestiegen. Statt einer Ausbildungsplatzabgabe schlug Wandsleben eine Art Ablösesumme vor:
"Man kann sich schon vorstellen, dass die ausbildenden Betriebe einen finanziellen Ausgleich bekommen, wenn die
Auszubildenden unmittelbar nach der Lehre auf eigenen Wunsch das Unternehmen verlassen." Damit erhielten die
Unternehmen einen Teil der Investitionskosten zurück. (Quelle: Quelle: ap)
Metall-Arbeitgeber schlagen Kürzung der Lehrlingsgehälter vor
Di.29.04.03 - Die Metall-Arbeitgeber ihre Bereitschaft zur Schaffung von zusätzlichen
Lehrstellen an eine Verringerung der Ausbildungsvergütung geknüpft.
Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser schlug der IG Metall am Montag in
Berlin vor, drei Jahre lang auf die Erhöhung der Ausbildungsvergütungen zu
verzichten. Gleichzeitig solle das Übernahmegebot im Tarifvertrag zur
Beschäftigungssicherung ausgesetzt werden. Wenn Firmen die Zahl der
Ausbildungsstellen über den Durchschnitt der voran gegangenen drei Jahre
erhöhten, sollten sie die Ausbildungsvergütungen um zehn Prozent senken dürfen,
sagte Kannegiesser. Vertreter der Bundesregierung, der Arbeitgeberverbände und
der Gewerkschaften wollen am Dienstag in Berlin nach Wegen zur Steigerung der
Lehrstellenzahl suchen. Schätzungen zufolge sollen für das im September
beginnende Ausbildungsjahr bis zu 140.000 Ausbildungsplätze fehlen.
Die IG Metall lehnte den von den Arbeitgebern ins Gespräch gebrachten
Einkommensverzicht für zusätzliche Ausbildungsplätze ab. Die Höhe der
Vergütungen sei kein Hindernis für neue Lehrstellen, hieß es. Gleichzeitig erinnerte
IG-Metall-Sprecher Claus Eilrich die Arbeitgeber an die im Bündnis für Arbeit
gemachte Zusage zur Schaffung zusätzlicher Ausbildungsplätze.
IG-Metall-Vorstandsmitglied Erwin Vitt erklärte in Frankfurt, er erwarte von der
Bundesregierung neue und wirksame Instrumente, um Betriebe zu größeren Ausbildungsanstrengungen zu bewegen.
Falls sich die Beteiligten nicht auf Minimalkonzepte wie etwa ein Bonus-Malus-System für die Bereitstellung
betrieblicher Ausbildungsplätze einigten, drohe der geplante Lehrstellengipfel zu scheitern. Die IG Metall erinnerte
zugleich an die von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in seiner Regierungserklärung erwogenen
Ausbildungsabgabe für den Fall, dass 2003 zu wenig Ausbildungsplätze bereit gestellt würden.
Kannegiesser appellierte an die Unternehmen, sich auf sinkende Bewerberzahlen ab dem Jahr 2007 einzustellen und
dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel rechtzeitig durch verstärkte Ausbildungsbemühungen vorzubeugen. Die
Arbeitgeberverbände wären parallel dazu bereit, ihre bestehenden Förderprogramme zu intensivieren, sagte der
Gesamtmetall-Präsident. (Quelle: rtr)
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