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k0305040
Kurznachrichten   [ Allg. Nachrichten ] [Nachrichtendienste ] [ Ticker ] +++ So.04.05.03, 11:00 Irak am sechsundvierzigsten Tag nach Kriegsbeginn
Noch knapp 3600 Iraker in US-Kriegsgefangenschaft +++
US-Soldaten zerstören Waffen irakischer Widerstandsgruppe +++
Amnesty bittet USA um Hilfe bei Suche nach verschwundenen Irakern +++
UN in Basra mit Büro für humanitäre Hilfe präsent +++
Iraker stürmen «Palestine»-Hotel +++
EU an Plänen zu Irak-Stabilisierungstruppe unbeteiligt +++
US-Präsident überzeugt von Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen +++
Bush bekräftigt Doktrin von Präventivschlägen
So.04.05.03 - Knapp 3600 Iraker befinden sich derzeit noch in US-Kriegsgefangenschaft.
Wie das US-Zentralkommando am Samstag in Katar mitteilte, wurden in den
vergangenen 24 Stunden 342 weitere irakische Kriegsgefangene freigelassen. Damit
seien nunmehr 5745 Iraker freigelassen worden, gut die Hälfte von ihnen gehörte
nicht der irakischen Armee an. Fast 3600 Iraker seien noch in
Kriegsgefangenschaft.
Die US-Armee hat in der irakischen Stadt Tikrit mehrere
Waffentransporte einer paramilitärischen Widerstandsgruppe entdeckt und zerstört.
Der von Washington in Bagdad eingerichtete arabische Rundfunksender berichtete
am Samstag, die US-Soldaten hätten die mit Granatwerfern beladenen Transporter
aus der Luft mit "Apache"-Kampfhubschraubern angegriffen.
Nach Angaben des Senders waren US-Soldaten in Tikrit in den vergangenen Tagen
zwei Mal mit Granatwerfern angegriffen worden, ohne dass jemand verletzt wurde.
Das nördlich von Bagdad gelegene Tikrit ist die Heimatstadt des irakischen
Ex-Machthabers Saddam Hussein. Zahlreiche Einwohner der Stadt hatten unter
Saddam wichtige Positionen in Staat und Militär bekleidet.
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat die von
den USA geführten Truppen in Irak zur Hilfe bei der Suche nach verschwundenen
Regimekritikern aufgerufen. Die amerikanischen und britischen Soldaten müssten
alles in ihrer Macht Stehende tun, Berichten über Verschwundene nachzugehen,
hieß es in einer Stellungnahme der Organisation vom Samstag.
In einem Brief an US-Präsident George W. Bush und den britischen Premierminister
Tony Blair forderte Amnesty-Generalsekretärin Irene Khan die beiden Regierungen
auf, alle Hinweise auf das Schicksal der unter Saddam Hussein verschwundenen
Iraker zu sichern. Sie äußerte sich besorgt, dass Beweismaterial verloren gehen könnte.
Damit stiege die Wahrscheinlichkeit, dass die Täter der Justiz entkämen, erklärte Amnesty.
Die Familien der Opfer blieben weiter im Ungewissen. Die Koalitionstruppen sollten
nach Ansicht von Amnesty auch Orte sichern, an denen Massengräber vermutet
würden, und alle Informationen über vermisste Iraker an das Internationale Komitee vom
Roten Kreuz (IKRK) weiterleiten.
Die Vereinten Nationen haben einen Stützpunkt im Süd-Irak
eingerichtet. Das Büro mit 25 Mitarbeitern werde die humanitäre Hilfe in der
Millionenstadt Basra steuern, teilten die UN in New York mit. Es soll die
Hilfslieferungen koordinieren und dabei mit lokalen Behörden und
Nicht-Regierungsorganisationen zusammenarbeiten. Zuvor hatten die UN bereits
Büros in der Hauptstadt Bagdad und im nordirakischen Erbil wiedereröffnet.
Mehrere hundert Iraker haben am Samstag das von ausländischen Journalisten
bewohnte Hotel "Palestine" in Bagdad gestürmt. Die US-Armee hatte
wenige Stunden zuvor ihre Wachsoldaten rund um das
bisher mit Stacheldraht und Panzersperren abgeriegelte
Haus abgezogen und lediglich drei Panzer vor dem Hotel
gelassen.
Die Protestierenden drangen am Vormittag in die
Empfangshalle des Hotels ein. Sie forderten Arbeitsplätze und beklagten sich über
die fehlende Strom- und Wasserversorgung in der Stadt. Als eine kleine Gruppe von
US-Soldaten später in das Hotel zurückkehrte, verlagerte sich der Protest auf einen
Platz vor dem Gebäude.
Die Pläne Großbritanniens, Polens und der USA für eine Aufteilung des Irak in drei von einer
internationalen Truppe kontrollierte Sektoren sind an den
Beratungen der Außenminister der 25 EU- und Kandidatenländer
vorbei gelaufen.
Bundesaußenminister Joschka Fischer und sein französischer
Kollege Dominique de Villepin betonten am Rande des
informellen Treffens auf der griechischen Insel Kastellorizo am
Samstag zwar, sie seien bilateral über die Pläne informiert
worden. Bei den Irak-Beratungen der Minister am Freitag in
Rhodos sei das Thema aber nicht im Detail besprochen worden, bestätigte der
griechische Gastgeber George Papandreou. Die Minister hatten dort ihren Willen
bekräftigt, ungeachtet ihres früheren Streits über den Irak-Krieg eine gemeinsame
Position auch zur Rolle der UNO im Irak zu finden. Die UNO ist nach
amerikanischen Angaben aber nicht Teil des US-Stabilisierungsplans für den Irak.
Vor dem Irak-Krieg hatte eine ohne Wissen Frankreichs, Deutschlands und
Griechenlands veröffentlichte Unterstützungserklärung einiger EU-Staaten für die
Irak-Politik der USA zu erheblichem Streit innerhalb der EU gesorgt. Die von
Spanien und Großbritannien initiierte Erklärung war auch von einigen EU-Beitrittsländern
wie Polen unterstützt worden.
Ein US-Regierungsvertreter hatte in der Nacht auf Samstag in Washington mitgeteilt, Irak solle
in drei Sektoren aufgeteilt werden, die von internationalen Truppen unter Führung der
USA, Großbritanniens und Polens kontrolliert werden. Die Vereinten Nationen seien nicht Teil
dieses Konzepts. Bislang hätten zehn Staaten die Entsendung von Soldaten zu dieser
Stabilisierungstruppe zugesagt. Dazu gehörten nicht Frankreich, Deutschland und Russland, die zu einem
Planungstreffen von 16 Staaten am Mittwoch in London nicht eingeladen gewesen seien.
Der Einsatz der Stabilisierungstruppe soll nach Angaben des polnischen Außenministers Wlodzimierz Cimoszewicz
bereits Ende des Monats beginnen. "Es ist unsere Verantwortung, dort zu bleiben", sagte er. Es gehe dabei nicht nur
um die Herstellung von Sicherheit. "Wir glauben zudem, viel darüber zu wissen, wie man ein politisches System
demokratisiert." Sein britischer Kollege Jack Straw sagte jedoch, es gebe noch keine endgültigen Entscheidungen.
"Wir waren nicht überrascht", sagte Fischer. Deutschland sei wie Frankreich informiert worden. Die Bundesregierung
hatte gemeinsam mit Frankreich stets nachdrücklich auf eine starke Rolle der UNO bei der Nachkriegsordnung
gedrängt. Fischer bekräftigte dies. Die Diskussion über ein UNO-Mandat für Irak finde aber auf anderer Ebene statt,
sagte er.
Villepin betonte, es handele sich um eine Entscheidung der Irak-Koalition. Es habe dazu am Rande des
Außenministertreffens ein gesondertes Gespräch zwischen Deutschland, Großbritannien und Frankreich gegeben. Er
bekräftigte die Forderung, dass die UNO die Nachkriegsordnung des Irak legitimieren müsse.
US-Präsident George W. Bush ist nach wie vor überzeugt von
der Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen. Es sei nur eine Frage der Zeit,
bis diese auch gefunden werden, sagte er auf einer gemeinsamen Pressekonferenz
mit dem australischen Regierungschef John Howard in Texas. Saddam Hussein
habe schließlich 14 Jahre Zeit damit verbracht, die Waffen zu verstecken. Der im
Irak gefangen genommene ehemalige Vize-Regierungschef Tarik Asis zeigt sich laut
Bush bei den laufenden Vernehmungen wenig kooperativ.
(Quellen: afp, dpa, rtr, ap)
Syrien will auf Druck der USA Büros islamistischer Gruppen schließen
So.04.05.03 - Syrien hat einer zentralen Forderung der USA nachgegeben und drängt von Washington
des Terrorismus verdächtigte Organisationen zur Schließung ihrer Büros in Damaskus. Das teilte US-Außenminister
Colin Powell nach einem Treffen mit dem syrischen Präsidenten Baschar el Assad in Damaskus mit. Keine Einigung
wurde vorerst über die Frage von Massenvernichtungswaffen, die Auslieferung gesuchter Iraker
an die USA, Syriens Unterstützung für militante Gruppen und die Abriegelung der syrisch-irakischen Grenze erzielt.
Zu jedem dieser Punkte habe der syrische Präsident erklärt, er brauche Bedenkzeit, sei aber zu
weiteren Verhandlungen bereit, sagte Powell in einer Pressekonferenz. Der US-Außenminister hatte zuvor Syriens
Forderung nach einer kompletten Abschaffung von Massenvernichtungswaffen im Nahen Osten zurückgewiesen, die
sich in erster Linie gegen Israel richtete. Syrien hatte am Freitag eine entsprechende Resolution in den
UN-Sicherheitsrat eingebracht. Die USA teilten zwar prinzipiell das Ziel eines Verzichts auf Massenvernichtungswaffen
im gesamten Nahen Osten, es sei jetzt aber nicht die richtige Zeit, um diese Sache anzugehen, sagte Powell.
Nach dem über zweistündigen Treffen mit Assad reiste der US-Außenminister weiter nach Libanon, wo er mit
Präsident Emile Lahud, Ministerpräsident Rafik Hariri und dem Parlamentspräsidenten Nabih Berri zu Gesprächen
über den Nahost-Friedensprozess zusammenkam. Powell versicherte, die USA würden "die israelische Seite
drängen, alles Mögliche zu tun" um der Region Frieden zu bringen. Ob die USA bereits konkrete Pläne für
Friedensverhandlungen zwischen den gegnerischen Seiten haben, wollte er jedoch nicht sagen. "Es wird zu
gegebener Zeit eine Konferenz geben, sobald die Umstände es erlauben", sagte Powell.
In einer Stellungnahme zu der von den USA vorgelegten "Straßenkarte" für den Friedensprozess sagte der libanesische
Außenminister Jean Obeid, Sicherheit für Israel sei nur durch einen umfassendes Friedensabkommen zu erreichen.
Vor dem Treffen mit Assad hatte Powell erklärt, auch wenn es zunächst um einen Frieden zwischen Israelis und
Palästinensern gehe, strebten die USA doch eine Lösung an, die auch Syrien und Libanon umfasse. Syrien fordert
von Israel weiter die Rückgabe der 1967 besetzten Golanhöhen.
Powell wollte am Samstagabend in die USA zurückreisen. Er will in der kommenden Woche wieder in den Nahen
Osten reisen und dann mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon und dessen neuem palästinensischen
Kollegen Mahmud Abbas sprechen.
(Quelle: ap)
Palästinenser werfen Israel «Verhinderung» des Nahost-Plans vor
So.04.05.03 - Die palästinensische Führung hat Israel am Samstag vorgeworfen, durch eine
Eskalation der Gewalt in den Palästinensergebieten die Umsetzung des
neuen Nahost-Friedensplans verhindern zu wollen. Die
israelischen Operationen im Gazastreifen und im
Westjordanland, bei denen in dieser Woche 17
Palästinenser erschossen wurden, zeigten, dass die
israelische Führung den Plan blockieren wolle, sagte Nabil
Abu Rudeineh, ein Berater von Palästinenserpräsident
Jassir Arafat, dem palästinensischen Rundfunk.
Unterdessen bemühen sich israelische und palästinensische Regierungskreise
nach einem Bericht des israelischen Rundfunks um ein Treffen zwischen dem
israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon und dem neuen palästinensischen
Regierungschef Mahmud Abbas. Das Treffen könnte nach Angaben aus israelischen
Regierungskreisen bald stattfinden. Abbas war in dieser Woche vom
palästinensischen Parlament bestätigt worden. Danach wurde der von den USA, der
EU, Russland und den Vereinten Nationen ausgearbeitete Nahost- Friedensplan
vorgestellt. Der Plan ruft beide Seiten auf, eine Reihe von Schritten vorzunehmen,
um die Gewalt zu beenden und Friedensverhandlungen wieder aufzunehmen.
Im Zusammenhang mit dem jüngsten Selbstmordanschlag in Israel hat die britische Polizei sechs Personen
festgenommen. Wie eine Polizeisprecherin am Samstag in London berichtete, wurden zwei Frauen und zwei Männer
in der Grafschaft Derbyshire in Gewahrsam genommen. Außerdem nahm die Polizei eine Frau in Nottinghamshire und
einen Mann in London fest.
Am Mittwoch hatte sich an der Strandpromenade von Tel Aviv ein junger Mann mit britischer Staatsangehörigkeit in
die Luft gesprengt und drei Israelis mit in den Tod gerissen. Fast 50 Menschen, darunter mehrere Ausländer, wurden
zum Teil lebensgefährlich verletzt. Sein 27-jähriger Komplize, dessen Sprengsatz nach Zeitungsberichten nicht
zündete, ist flüchtig.
(Quelle: dpa)
EU sucht neue Sicherheitsstrategie
So.04.05.03 - Als Reaktion auf den Streit über den Irak-Konflikt und neue Bedrohungen wie den
Terrorismus wollen die EU-Staaten eine neue globale Sicherheitsstrategie beschließen. Die
EU-Außenminister beauftragten den außenpolitischen EU-Vertreter Javier Solana am Samstag auf der
griechischen Insel Kastellorizo damit, ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten.
Der deutsche Außenminister Joschka Fischer sagte zur Sicherheitsstrategie, es sei
wichtig, "dass Europa seine Interessen definiert" und auf die neuen Bedrohungen eine
Antwort formuliere. Dabei gehe es um Massenvernichtungswaffen und Terrorismus, aber auch
darum, wie die EU beim Aufbau demokratischer Strukturen helfen könne. Es wäre wichtig gewesen,
dass die EU nach dem 11. September eine solche Strategie gehabt hätte.
Die Initiative dafür war vom amtierenden EU-Ratsvorsitzenden
und griechischen Außenminister Georgios Papandreou
ausgegangen. Papandreou sagte: "Es ist klar, dass wir ein
europäisches strategisches Konzept dringend brauchen." Dazu gebe es bereits viele Ideen, die geprüft werden
müssten. Eine darunter ist die Verteidigungsinitiative Deutschlands, Frankreichs, Belgiens und Luxemburgs.
Die vier Staats- und Regierungschefs hatten vergangenen Dienstag in Brüssel unter anderem beschlossen, bis
Sommer 2004 damit zu beginnen, einen gemeinsamen militärischen Planungs- und Führungsstab aufzubauen.
Ausdrücklich luden die Vier die anderen EU-Staaten zur Teilnahme ein. Griechenland hat seine Unterstützung
signalisiert. Besonders Großbritannien, Spanien und Italien aber haben sich skeptisch geäußert, weil sie eine Abkehr
von der NATO und den USA befürchten.
In Kastelloriza berieten die EU-Außenminister erstmals darüber. Fischer sagte, das Thema sei nicht so kontrovers
diskutiert worden wie in den Medien transportiert. Es habe eine positive und sehr offene Diskussion gegeben.
Im Zusammenhang mit der Sicherheitsstrategie debattierten die Minister auch über das transatlantische Verhältnis.
Papandreou fasste die Diskussion mit den Worten zusammen: "Die EU-US-Beziehungen sind ernsthaft auf die Probe
gestellt worden, aber die Bande, die Europa und die USA zusammenhalten, sind historisch ... Wir müssen jetzt
sicherstellen, dass diese Partnerschaft neu gestaltet und an die jetzigen globalen Realitäten angepasst wird."
(Quelle: ap)
Deutschland: Politiker von FDP und Grünen für Europa-Armee
So.04.05.03 - Politiker von FDP und Grünen haben sich für die Schaffung
einer Europa-Armee ausgesprochen.
"Für die FDP ist es ein längerfristiges Ziel, eine europäische Armee unter
einheitlichem Oberbefehl zu schaffen", sagte FDP-Generalsekretärin Cornelia Piper
der Zeitung "Bild Sonntag". "Eine europäische Kriseneingreiftruppe und schließlich
auch eine Europa-Armee sollten koordiniert in der Nato wirken, aber durchaus
selbstständig handlungsfähig sein - wie die Streitkräfte der USA auch, sagte Piper.
Der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Winfried Nachtwei
sagte dem Blatt: "Die EU wird bald 25 Mitglieder haben. 25 Armeen mit ähnlichen Fähigkeiten zu
unterhalten, wäre viel zu teuer und viel zu wenig effektiv. Wir müssen alles daran setzen, die
nationalen Streitkräfte schrittweise in eine gemeinsame europäische Armee zu überführen."
Auch der Erweiterungskommissar der Europäischen Union (EU), Günter Verheugen sprach
sich für eine Integration der Streitkräfte aus. "Eine europäische Außen- und
Sicherheitspolitik ohne militärische Fähigkeiten bliebe ein zahnloser Tiger. Ohne
schrittweise Integration der Streitkräfte werden wir unserer internationalen
Verantwortung nicht gerecht werden können", fügte er hinzu. (Quelle: rtr)
Forderungen nach mehr Flexibilität der Berufseinsteiger
So.04.05.03 - Führende Wirtschaftsvertreter und Politiker fordern in der "Bild
am Sonntag" von den Jugendlichen mehr Flexibilität bei der Ausbildungssuche.
Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Dieter Philipp
beklagte zudem die mangelhafte Schulbildung der Jugendlichen. Wegen
unzureichender Qualifikation der Bewerber seien allein in Baden-Württemberg in
diesem Lehrjahr rund 13.000 Stellen nicht besetzt worden. Auch in Bayern,
Rheinland-Pfalz und Hessen gebe es offene Lehrstellen.
Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle sagte dem Blatt:
"Man sollte von jungen Menschen bei der Orts- und Berufswahl Beweglichkeit
erwarten können. Lieber eine Metzgerlehre auf der Schwäbischen Alp als
ungelernt und chancenlos in Flensburg."
Die Finanzexpertin der Grünen, Christine Scheel, wird mit den
Worten zitiert: "Wer einen angebotenen Ausbildungsplatz
ablehnt, dem sollte rigoros jede staatliche Unterstützung
gestrichen werden."
Der CDU-Wirtschaftsexperte Matthias Wissmann verlangte,
dass Jugendliche künftig auch im Ausland nach Lehrstellen suchen. Berufliche Flexibilität müsse immer mehr
europäisch gedacht werden, sagte er.
Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn droht unwilligen
Lehrstellenbewerbern mit der Kürzung der Sozialhilfe. Das sagte die SPD-Politikerin
dem "Focus". Einige Jugendliche versteiften sich auf einen Berufswunsch, ohne
eine Alternative in Betracht zu ziehen. Dann griffen viele zur Sozialhilfe. Wer sich
aber nur auf diese Zahlungen verlasse, bekomme Druck. Die Bundesanstalt für
Arbeit will laut "Spiegel" schärfer gegen Scheinarbeitslose vorgehen. Auch ihnen
droht eine Kürzung oder gar Streichung der Sozialleistungen.
(Quellen: rtr, dpa)
Handwerk warnt vor Verlust von 60.000 Lehrstellen durch Reform
So.04.05.03 - Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hat vor
einem Lehrstellen-Abbau als Folge der geplanten Handwerksreform von
Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) gewarnt.
"Mindestens die Hälfte der heutigen 120.000 Lehrstellen in diesen Berufen stünde
zur Disposition", sagte ZDH-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer dem
"Tagesspiegel am Sonntag". Clement will insgesamt rund 60 Meisterberufe
streichen und etwa auch erfahrenen Gesellen die Führung eines Betriebes
ermöglichen. Schleyer sagte, die Handwerker hätten ohne den Meisterbrief keinen
Grund mehr, über den eigenen Bedarf hinaus auszubilden. "Wenn die Regierung
unbedingt bewährte Qualifikationsstrukturen im Handwerk im Hauruck-Verfahren
zerschlagen will, dann muss sie sich über die Folgen im Klaren sein." Clement
täusche sich, wenn er glaube, mit der weitgehenden Abschaffung des
Meisterzwangs neue Arbeitsplätze schaffen zu können. (Quelle: rtr)
Clement erteilt Vermögensteuer klare Absage
So.04.05.03 - Trotz scharfer Angriffe von Gewerkschaftern und
SPD-Linken hat Bundesarbeitsminister Wolfgang Clement (SPD)
einer neuen Vermögensteuer eine klare Absage erteilt. Man sei
"gut beraten", diese Steuer gegenwärtig nicht zu thematisieren,
sagte der Minister am Freitagabend im Fernsehsender "Phoenix".
Er verwies auf die Konkurrenz zu den Nachbarländern, die eine
Besteuerung des Vermögens in Deutschland nicht sinnvoll
erscheinen lasse.
Zur Gewerkschaftsschelte an den Reformplänen der Regierung und
zum Streit der SPD-Spitze mit den Arbeitnehmerorganisationen meinte Clement:
"Das ist eine sehr ernste Auseinandersetzung." Die Gewerkschaften folgten seiner
Ansicht nach in der Arbeitsmarktpolitik einem Bild, "das heute nicht mehr haltbar
ist". Zu geplanten Kürzungen bei den Leistungen für Arbeitslose sagte der Minister,
für ihn sei heute wichtig die "Vermittlung von Menschen in Arbeit, nicht wie lange
jemand ein bestimmtes Geld bekommt". Zu lange sei mit Milliardensummen
Arbeitslosigkeit finanziert worden.
Ungeachtet der Gewerkschaftsattacken bei den Mai-Kundgebungen wollen der DGB und Bundeskanzler Gerhard
Schröder (SPD) über die geplanten Sozialreformen im Gespräch bleiben. Einen Tag nach den Massenprotesten gegen
die "Agenda 2010" mit rund einer Million Teilnehmer waren DGB-Spitze und Kanzleramt am Freitag um sachlichere
Töne bemüht. Der Kanzler kritisierte jedoch die Form der Proteste und warf der IG Metall indirekt vor, die Pfeifkonzerte
bei seiner Ansprache am 1. Mai im hessischen Neu-Anspach geschürt zu haben.
Der Kanzler sagte in der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin": "Was mich gestört hat, das will ich sagen, sind
Trillerpfeifen. Wenn ich höre, dass die IG-Metall-Führung säckeweise diese Dinge verteilt hat, dann sollte man dort in
Frankfurt über diese Art von Streitkulturen - in Anführungsstrichen - vielleicht noch mal nachdenken."
Zugleich versucht die Bundesregierung, mit Milderungen bei den Sozialreform-Plänen den Kritikern die Zustimmung zu
erleichtern. Bundesarbeitsminister Clement will den Übergang vom Arbeitslosengeld in die Sozialhilfe mit Aufschlägen
abfedern. Sein Ministerium bestätigte einen entsprechenden Bericht der "Süddeutschen Zeitung" (Samstag). Zugleich
sollen aber Langzeit-Arbeitslose auch gering bezahlte Minijobs annehmen müssen.
Von den Kritikern der Agenda 2010 in der SPD wurden die Pläne als unzureichend zurückgewiesen. "Das ist zwar ein
Schritt in die richtige Richtung, aber nicht die Lösung des Problems", sagte SPD- Sozialexperte Ottmar Schreiner der
"Bild am Sonntag". Die bayerische SPD-Wirtschaftsexpertin Sigrid Skarpelis-Sperk sagte: "Es ist grundsätzlich
nicht einzusehen, dass jemand, der jahrzehntelang gearbeitet hat, in die Sozialhilfe absinkt."
SPD-Fraktionschef Franz Müntefering betonte, er sehe ohne eigene Bundestagsmehrheit für das Reformpaket das
Ende von Rot-Grün. Er sagte dem Bonner "General-Anzeiger" (Samstag), ohne eigene Mehrheit für die Reformagenda
sei die Koalition "nicht mehr regierungsfähig". Müntefering erwartet, dass der Sonderparteitag zu den Reformplänen
am 1. Juni die Linie der Bundesregierung "klar unterstützt". Die zwölf SPD-Abgeordneten, die als Kritiker der
"Agenda 2010" hervortreten, müssten sich "dieser Mehrheit dann anschließen".
Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Reformkritiker Horst Schmidbauer hat indes eine inhaltliche
Auseinandersetzung mit der "Agenda 2010" gefordert. "Wir müssen einen breiten Informations- und
Diskussionsprozess voranbringen", sagte Schmidbauer der dpa vor der zweiten SPD-Regionalkonferenz mit dem
Kanzler an diesem Montag in Nürnberg. Andernfalls drohe eine Spaltung. "Die SPD-Mitglieder wollen einerseits zum
Kanzler stehen, sagen mir aber im gleichen Atemzug, dass ich mit meiner Kritik in der Sache Recht habe."
(Quelle: dpa)
«Die "Agenda 2010" verfehlt den Einstieg
«Die gegenwärtige Diskussion über die Reform des Sozialstaats in
Deutschland lässt sich schwer in die alten Codes sozialer Gerechtigkeit
und Gleichheit rückübersetzen. Schon der Begriff Reform führt in die Irre.
Noch in den siebziger Jahren war in der Sozialpolitik unter Reform die
Herstellung eines besseren Zustandes oder die Beseitigung eines
Missstandes, wie Armut und Unterersorgung oder die Herstellung von
Chancengleichheit verstanden worden. Heute wird Reformpolitik in eins
gesetzt mit Sparpolitik, die im Kern den Abbau sozialer Leistungen meint.
Denn jeder Bürger weiß, dass mehr Sozialausgaben zu seinen Lasten
gehen. Dieser Verteilungskampf produziert neue Legitimationsformeln und
Ideologismen. So ist es in Deutschland populär den Leistungsabbau für
Arbeitslose damit zu rechtfertigen, dass neue Arbeitsplätze entstünden,
weil die Bereitschaft zu arbeiten gesteigert werde. Hier werden Anleihen
aus der alten deutschen Armutskultur gemacht: "Wer nicht arbeitet soll
auch nicht essen"...»
Barbara Riedmüller in der Wochenzeitung "freitag" vom 02.05.03.
Barbara Riedmüller ist Professorin für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Sozialpolitik an
der Freien Universität Berlin. Sie ist Mitherausgeberin der Zeitschrift Leviathan. Von 1989
bis 1991 war sie Senatorin für Wissenschaft und Forschung des Landes Berlin.
AGENDA 2010:
Immer mehr Stimmen gegen Rente mit 67
So.04.05.03 - In der SPD und den Unionsparteien mehren sich die Stimmen gegen
eine Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre. CDU und CSU wollen nach Aussage
des CSU-Landesgruppenchefs Michael Glos eine Regelung nach Beitragsjahren
statt Lebensalter. Es sei "höchst ungerecht", wenn jemand, der 45 Jahre gearbeitet
habe, Abschläge hinnehmen müsse, so Glos. Der SPD-Rentenexperte Peter
Dreßen hält es "für ausgemachten Quatsch, bei 4,5 Millionen Arbeitslosen das
Renteneintrittsalter hinauszuschieben". (Quelle: dpa)
Kieler Diätenaufschlag sorgt weiter für Wirbel
So.04.05.03 - Die kräftige Diätenerhöhung der schleswig-holsteinischen
Landtagsabgeordneten von 3.927 auf 5.700 Euro monatlich sorgt weiter für Wirbel.
Die Mehrzahl der SPD-Kreisvorsitzenden forderte am Samstag einen Verzicht auf
die umstrittene Anhebung zum 1. Juni. Zugleich drohten die elf Politiker ihren
Parlamentariern mit "ernsten Konsequenzen" bei der Kandidaten-Aufstellung für die
Wahl 2005.
Auch die Sachverständigenkommission, auf deren Vorschläge sich SPD und CDU
bei dem Beschluss beriefen, ging auf Distanz: "Wir haben schon im Dezember 2001
vor genau dieser Rosinenpickerei gewarnt", sagte ihr Vizepräsident Gernot Korthals dem
Nachrichtenmagazin "Focus". Die Anhebung sei damals nur unter der Voraussetzung empfohlen
worden, dass gleichzeitig alle steuerfreien Pauschalen wegfallen und die Vorsorgeaufwendungen
einbezogen werden.
«Keine der beiden Voraussetzungen wurde erfüllt", sagte Korthals. Nach dem aktuellen
Parlamentsbeschluss bleibt eine steuerfreie Aufwandspauschale von 818 Euro
monatlich erhalten. Und für den Aufbau einer eigenen privaten Altersvorsorge
erhalten die 89 Abgeordneten ab 2005 zusätzlich 1.000 Euro im Monat, die versteuert werden müssen.
Nach Ansicht des FDP-Chefs im Kieler Landtag, Wolfgang Kubicki, haben sich die derzeitigen Parlamentarier zudem
ihre eigene Altersversorgung - sie erhalten noch Pensionen - deutlich erhöht, denn die Bemessungsgrundlage wurde
von 3.900 auf 4.900 Euro erhöht.
Angesichts der massiven Empörung wächst bei CDU und SPD auch intern die Kritik. SPD-Landeschef Klaus Möller
sagte der "Welt am Sonntag": "Man kann nicht den Bürgern hohe Belastungen zumuten und gleichzeitig die Bezüge
der Politiker erhöhen. Das trifft die Glaubwürdigkeit ins Mark." Der Kieler CDU-Fraktionschef Martin Kayenburg räumte
"Ungeschicklichkeiten" ein.
Die Erklärung der Kreisvorsitzenden stammt aus der Feder der SPD-Chefs aus Rendsburg-Eckernförde, Plön,
Neumünster, Steinburg, Ostholstein, Pinneberg, Dithmarschen, Schleswig-Flensburg, Kiel, Flensburg und
Nordfriesland. Nach ihrer Ansicht wäre die geplante Erhöhung allenfalls in der Legislaturperiode ab 2005 zu vertreten,
wenn der Landtag ohnehin verkleinert wird und die übrigen Strukturveränderungen in Kraft treten. Wörtlich hieß es:
"Angesichts der Diskussionen um weitere Kürzungen bei Besoldungserhöhungen, bei Zuschüssen an Vereine und
Verbände, die unweigerlich nach der nächsten Steuerschätzung eintreten werden, sowie angesichts der steigenden
Arbeitslosenzahlen und der Diskussion um die Umsteuerung der sozialen Sicherungssysteme durch die Agenda 2010
sind derartige Diätenerhöhungen politisch nicht vermittelbar."
Auch der SPD-Landesparteitag habe die Diätenerhöhung mit überwältigender Mehrheit missbilligt, betonten die
Provinzfürsten. Es wäre für die SPD-Basis kaum erträglich, wenn dies von der Fraktion ignoriert würde.
Auch die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis, die als Abgeordnete ebenfalls der
Diätenerhöhung zugestimmt hatte, war angesichts der Kritik am Freitag auf Distanz gegangen.
Die Fraktionen von SPD und CDU wollen die Diäten zum 1. Juni erhöhen. Gleichzeitig sollen aber viele Sonderzulagen
wegfallen. Von den jetzt 89 Abgeordneten erhielten bisher 52 Volksvertreter so genannte Funktionszulagen. Künftig
würden es nur noch zwölf Mitglieder des Landtages sein, die Zuschläge erhalten. Gewinner der Regelung wären die
Abgeordneten, die bisher keine Zulagen erhalten. Bei ihnen gibt es einen Zuwachs des Bruttoeinkommens von über 40
Prozent. (Quelle: ap)
«Exbundeskanzler Helmut Kohl kassierte nach seiner Amtszeit
von Intimfreund Kirch hunderttausende Mark pro Jahr.
Der KirchMedia-Insolvenzverwalter prüft jetzt, was Kohl
überhaupt geleistet hat - und will vielleicht das Geld zurück»
«...Kohl war - mit 600.000 Mark Jahressalär von 1999 bis 2002 - nur
einer von vielen überwiegend konservativen Politikern auf der
Honorarliste des Unionsfreundes Kirch. Unter anderen müssen
auch mit Post vom Insolvenzverwalter rechnen: Theo Waigel (CSU,
von 1999 bis 2002 600.000 Mark pro Jahr), Jürgen W. Möllemann
(FDP, zwischen 1995 und 2002 bis zu 800.000 Mark jährlich),
Exbundespostminister Wolfgang Bötsch (CSU, von 1999 bis
2002 300.000 Mark im Jahr)...» (Aus der "tageszeitung" vom 03.05.03)
Mehr unter:
Telefonüberwachungen nehmen immer mehr zu
So.04.05.03 - Nach Presseberichten weist die
Statistik der Regulierungsbehörde für Telekommunikation (RegTP) für 2002 mit 21.874 Abhöraktionen
gegenüber dem Vorjahr einen erneuten Anstieg um diesmal zehn Prozent aus. Mit der gleichen Konstanz
kritisierte der Bundesdatenschutzbeauftragte Joachim Jacob erneut diese Tendenz und forderte zum
wiederholten Male schärfere Kontrollen. Er habe den Verdacht, dass Abhöraktionen inzwischen zu
"Standardmaßnahmen" von Sicherheitsbehörden geworden sein könnten, sagte Jacob gegenüber der
Nachrichtenagentur AP. Durch die neuen Zahlen fühle er sich in seiner Forderung nach einer
Erfolgskontrolle bestätigt. "Wir müssen endlich herausfinden, was die wahren Gründe für diesen Anstieg
sind."
Der Anstieg läuft parallel zu den Bemühungen, die rechtlich zulässigen
Überwachungsmöglichkeiten immer mehr auszudehnen, wie es kürzlich auch in einem Arbeitspapier des
Bundeswirtschaftsministeriums vorgeschlagen und im jetzt vorgelegten Entwurf zur Novelle des
Telekommunikationsgesetzes (TKG) und der daran gekoppelten
Telekommunikationsüberwachungsverordnung (TKÜV) umgesetzt worden ist. Während hier vor allem die
ständig verbesserten technischen Möglichkeiten Begehrlichkeiten bei den Ermittlungsbehörden wecken,
fühlen sich von einem höchstrichterlichen Urteil zur Journalistenüberwachung jetzt auch diejenigen
bestätigt, die auch auf die bisher ausgenommenen Telefone der Berufsgeheimnisträger wie Geistliche,
Ärzte, Anwälte und Journalisten zugreifen wollen. So berichtet das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in
seiner kommenden Ausgabe, dass die CSU-Landtagsfraktion einen Entwurf zur Novellierung des
bayrischen Polizeiaufgabengesetzes vorgelegt hat, der erstmals in Deutschland die präventive
Telefonüberwachung vorsieht. Konkret heißt das, dass die CSU-Fraktion dies auch bei Personen
zulassen will, die lediglich von so genannten Störern "bestimmte oder von ihnen herrührende Mitteilungen
entgegennehmen oder weitergeben". Dies schließt auch unverdächtige Personen aus den genannten
Berufsgruppen mit ein. Für das vom bayrischen Innenminister Günther Beckstein hoch gelobte Verfahren
solle bei der Anwendung "das Verhältnismäßigkeitsprinzip" gelten, zitiert der Spiegel beschwichtigende
Worte aus dessen Haus. (Quelle: ap)
«Die Pressefreiheit stand schon einmal höher im Kurs in Deutschland»
«...Im Bundesverfassungsgericht gibt es neuerdings die
Tendenz, die Pressefreiheit nicht besonders ernst zu nehmen. Ein
Exempel war das Urteil vom 12. März 2003, in dem es die
Verfassungsrichter der Polizei und der Staatsanwaltschaft unter
relativ dürftigen Voraussetzungen erlaubten, Telefone und Handys
von Journalisten abzuhören und die Verbindungsdaten der
Telefonkontakte abzufragen. Die Richter attestierten durchaus, dass
es sich dabei um einen Eingriff in die Pressefreiheit handelt, meinten
freilich, dass die Strafverfolgungsarbeit von Polizei und
Staatsanwaltschaft wichtiger sei. Man tat zwar so, als sei das
Abhören nur im "unabweisbaren Fall" gestattet – bei keinem der
Fälle handelte es sich aber um einen solchen. Es ging um den
Milliarden-Pleitier Jürgen Schneider und den wegen Mordes im Jahr
1975 gesuchten mutmaßlichen Terroristen Hans-Joachim Klein.
Schneider wurde 1998 in den USA, Klein 1995 in Frankreich
aufgespürt. Im Fall Klein waren sieben Monate lang zwei
Telefonanschlüsse und das Handy eines Journalisten des Stern
überwacht, im Fall Schneider ein Handy-Anschluss des ZDF
kontrolliert worden. Schneider wurde unabhängig davon
festgenommen, Klein wollte sich den Behörden ohnehin stellen – was
diese wussten.
Die neue Regel lautet: Die Pressefreiheit muss beiseite springen,
wenn die Staatsgewalt mit Blaulicht daherkommt.Wenn aber auf die
Vertraulichkeit der Recherche immer weniger Verlass ist,
Informanten nicht mehr darauf vertrauen können, dass sie geheim
bleiben – dann ist Pressefreiheit in Gefahr.
In Bayern spitzt sich die Sache derzeit besonders zu: In der nächsten
Woche bringt die CSU im Landtag ein Gesetz ein, wonach Telefone
und Handys künftig nicht nur zur Verfolgung von Straftaten
überwacht werden dürfen, sondern auch schon vorbeugend, also zur
Abwehr von Gefahren. Nach dem Gesetzentwurf darf die Polizei die
Kommunikationsverbindungen all der Personen abhören, die nach
der Strafprozessordnung durch ein Zeugnisverweigerungsrecht
geschützt sind: In Bayern sollen also völlig unverdächtige Anwälte,
Ärzte, Pfarrer, Drogenberater und Journalisten künftig vorbeugend
abgehört werden. Sie alle müssen damit rechnen, dass die Polizei
mithört, wenn sie mit ihren Problemfällen Kontakt aufnehmen. Das
Zeugnisverweigerungsrecht wäre damit ausgehebelt. In Hamburg und
im Saarland sind solche Gesetzespläne im Jahr 2003 gescheitert. »
Aus der Süddeutschen Zeitung vom 03.05.03
«Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" registrierte im Jahr 2002 1420
gewalttätige Übergriffe auf Journalisten. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl damit nahezu verdoppelt»
«Auch die Zahl der
Journalistinnen und Journalisten, die vorübergehend festgenommen,
verhört oder entführt wurden, liegt um über 40 Prozent höher als im
Vorjahr. 692 Journalisten saßen zeitweilig hinter Gittern.
25 Journalisten wurden 2002 getötet, 23 starben im eigenen Land. Die
hohe Zahl von Reportern, die im Irak während des Kriegsgeschehen
ums Leben kamen, darf daher nicht darüber hinweg täuschen, dass
einheimische Journalisten ständig bedroht sind. Die russische Provinz
gehörte mit vier getöteten Journalisten zu den gefährlichsten Ländern
für Berichterstatter gefolgt von Kolumbien (3), die Philippinen (3) und
Israel (3).
Die ersten vier Monate des Jahres 2003 lassen wenig Hoffnung auf
bessere Aussichten. 127 Journalisten befinden sich zur Zeit in Haft. 246
Journalisten wurden bedroht oder schikaniert. 120 Medien zensiert oder
eingestellt.»
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