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Kurznachrichten   [ Allg. Nachrichten ] [Nachrichtendienste ] [ Ticker ] +++ So.11.05.03, 12:45 Irak am dreiundfünfzigsten Tag nach Kriegsbeginn:
Einflussreicher Ajatollah Hakim nach 23 Jahren Exil zurück im Irak. Zehntausende Iraker bejubeln den schiitischen Partei- und Religionsführer +++
Russland besteht auf zentraler Rolle für die Vereinten Nationen im Irak+++
Schröder für Aufhebung der UN-Sanktionen gegen den Irak +++
Deutscher Botschafter offenbar in den Irak zurückgekehrt +++
Deutsches Hilfeprojekt für kriegsverletzte Kinder aus Irak angeblich gescheitert +++
USA rufen Iraker per Radio zur Mithilfe bei Waffensuche auf +++
So.11.05.03 - Der einflussreiche irakische Partei- und Religionsführer Ajatollah Mohammed Bakr el Hakim ist am
Samstag nach 23 Jahren im iranischen Exil in den Irak zurückgekehrt. Zehntausende von Anhängern, darunter
zahlreiche Religionsgelehrte, bereiteten dem Chef des schiitischen Hohen Rates für die islamische Revolution im
Irak (SCIRI) an der Grenze im Süd-Irak einen begeisterten Empfang.
Wie der arabische TV-Sender El Dschasira berichtete, trugen sie Bilder El Hakims
und riefen Slogans, in denen sie ihm ihre Unterstützung zusicherten. Der Ajatollah
reiste zunächst nach Basra. In den kommenden Tagen wird er in der den Schiiten
heiligen Stadt Nadschaf erwartet, wo sich auch die wichtigste Religionsschule des
Iraks befindet.
Bis zur Ankunft des Ajatollah hatte sein Bruder Abdelasis el Hakim die Interessen
der Partei im Nachkriegs-Irak vertreten. Abdelasis, von dem die Amerikaner zu
glauben scheinen, dass er weniger stark von den iranischen Mullahs beeinflusst ist,
könnte El Hakim demnächst möglicherweise an der Spitze der Organisation ablösen.
El Hakim war ein entschiedener Gegner des Saddam-Hussein-Regimes, vor dem er 1980 nach Iran
geflohen ist. Er wird unter Schiiten häufig mit Ajatollah Khomeini verglichen, als einer, der im Irak in der
Nach-Saddam-Ära ebenfalls ein religiös orientiertes politisches System verwirklichen möchte. Allerdings
gelten Hakim und sein SCIRI als pragmatisch genug, um zu wissen, dass sie bei einer US-dominierten
Nachkriegsordnung kaum Aussichten auf eine maßgebliche Rolle und ein theologisches System nach
Iran-Modell haben.
Daher möchten seine Anhänger ihn aber zumindest als religiösen Führer der irakischen Schiiten sehen. Sie bauen
darauf, dass die USA, die gegen jeglichen Einfluss nach iranischem Muster sind, zumindest seine Präsenz im
Südirak aus politisch-islamischen Überlegungen tolerieren könnten. In der Liste des amerikanischen Irak-Verwalters
Jay Garner ist SCIRI zwar berücksichtigt, aber unklar ist, ob die Organisation auch bei den versprochenen Wahlen
antreten darf.
Bei den Beratungen im Weltsicherheitsrat über eine
Nachkriegsordnung für Irak will Russland im Unterschied zu den USA auf einer
zentralen Rolle für die Vereinten Nationen bestehen. Der am Freitag vorgelegte
Entwurf der USA für eine Irak-Resolution biete keine klare Perspektive, kritisierte am
Samstagabend der stellvertretende russische Außenminister Juri Fedotow nach
einer Meldung der Moskauer Nachrichtenagentur Interfax.
Fedotow beriet am Samstag mit den Moskauer Botschaftern von Frankreich und
China, Claude Blanchemaison und Zhang Deguang, über ihre Haltung zu der
amerikanischen Initiative und das weitere Vorgehen im Sicherheitsrat. Am Dienstag
wird der stellvertretende chinesische Außenminister Yang Wenchang zu Gesprächen
über die Irak-Politik in Moskau erwartet. Russland, China und Frankreich haben
ein Vetorecht im Sicherheitsrat und gehörten ebenso wie Deutschland zu
den Gegnern des Irak-Krieges der USA und Großbritanniens.
Fachleute der 15 Staaten im Sicherheitsrat wollen am Montag hinter
verschlossenen Türen über den US-Entwurf beraten, ehe die UN-Botschafter am
Mittwoch ihre Debatte darüber aufnehmen. Der US-Entwurf steckt den Rahmen für
eine mindestens einjährige Besatzungszeit ab. Die Einschränkungen für die
irakische Ölindustrie sollen ebenso wie andere Wirtschaftssanktionen sofort
aufgehoben werden. Die Vereinten Nationen sollen humanitäre Aufgaben übernehmen,
ansonsten aber nur ein begrenztes Mitspracherecht erhalten und einen Sonderkoordinator
für Irak berufen.
Bundeskanzler Gerhard Schröder will sich dem Wunsch der USA
nach einer Aufhebung der UN-Sanktionen gegen den Irak nicht widersetzen. Er sehe
"keinen Grund", die Sanktionen beizubehalten, sagte Schröder dem "Tagesspiegel
am Sonntag". Es gehe nur um die Bedingungen und das Verfahren. Der Kanzler
bekräftigte seinen Wunsch nach einem Wiederaufbau des Iraks "unter dem Dach
der Vereinten Nationen".
Das Projekt von Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), im
Krieg verletzte irakische Kinder zur Behandlung nach Deutschland zu holen, ist angeblich
gescheitert. Erst habe keine Hilfsorganisation das Angebot aufgreifen wollen, dann
habe Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) die Bereitstellung von Flugzeugen verweigert,
berichtete der"Spiegel". Das Bundesentwicklungsministerium wies den Bericht zurück.
Eine der beiden Lazarettmaschinen ist laut "Spiegel" für die in Algerien
verschollenen Sahara-Touristen reserviert, die andere stehe für die Bundeswehr und
US-Streitkräfte in Bereitschaft. Ohnehin sei die Finanzierung des Projekts innerhalb
der Regierung nie geregelt worden. Der Chef von Caritas International, Martin Salm,
nannte das Projekt im "Spiegel" eine "PR-Aktion". "Statt einzelne Kinder
auszufliegen hilft man mehr, wenn man die Strukturen vor Ort verbessert", sagte
Salm.
Eine Sprecherin des Bundesentwicklungsministeriums wies die Darstellung zurück,
das Projekt sei gescheitert. Vielmehr bestehe das Angebot der Bundesregierung
fort. Hilfsorganisationen vor Ort prüften noch, welche Kinder für eine Behandlung in
Deutschland infrage kommen, sagte die Sprecherin. Das Projekt werde weder an
fehlenden Finanzmitteln noch an fehlenden Bundeswehrmaschinen scheitern. Schließlich
könnten auch Maschinen gechartert werden, wie das im Falle Afghanistans geschehen sei.
Im Übrigen gehe es nicht um die Alternative, Kinder auszufliegen oder vor Ort zu behandeln.
Vielmehr sollten diejenigen Kinder ausgeflogen werden, die vor Ort nicht angemessen behandelt
werden könnten.
Die US-Verwaltung hat die irakische Bevölkerung über Radio
aufgerufen, Informationen über Massenvernichtungswaffen im Land zu liefern. In dem
Aufruf, der am Samstag über das von den USA betriebene Informationsradio
verbreitet wurde, wird in allgemeiner Form eine Belohnung für Hinweise versprochen,
die zum Auffinden atomarer, chemischer oder biologischer Waffenprogramme in Irak
führen.
"Die mögliche Belohnung kann dazu beitragen, Ihren Lebensstandard zu
verbessern", heißt es in dem Aufruf. Potenziellen Informanten werden außerdem als
Gegenleistung für brauchbare Informationen hinsichtlich der Produktion und Lagerung von
Massenvernichtungswaffen Anonymität und Sicherheitsgarantien zugesichert.
In amerikanischen Armeekreisen sind derweil Zweifel laut geworden, dass in Irak noch
Massenvernichtungswaffen gefunden werden könnten. Die angebliche Lagerung derartiger
Waffen in Irak war seinerzeit als eigentlicher Kriegsgrund genannt worden.
(Quellen: dpa, afp, ap)
Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) schlägt Schröder und Fischer für
den "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels" vor
«... Darüber muss man sich nicht echauffieren, sondern kann es kalt genießen: In einer Reihe mit
Martin Walser, dem Bauchredner des gesunden Volksempfindens,
machen sich die rot-grünen Matadore wirklich hübsch. Und bei allem, was
man über den Ganghofer vom Bodensee sagen muss, sei doch konzediert,
dass er zur Literatur beigetragen hat, vor allem in seinen frühen wilden
Jahren. Die Schröder-Bücher aber werden von Bela Anda und Fischers
Gedanken von Jürgen Habermas aufgeschrieben. Was soll also der Preis
für die zwei Politiker?
Offenbar halten Fred Breinersdorfer und seine VS-Kollegen die Position der
beiden zum Irak-Krieg für preiswürdig. Ginge es nur um die Rhetorik, hätte
man drüber reden können. Wie Fischer mit gebrochener Stimme bei der
NATO-Sicherheitskonferenz in München der US-Delegation sein "I´m not
convinced" entgegenschleuderte, das macht ihm so schnell keiner nach,
der nicht jahrelang in den Diskussions- und Betroffenheitsritualen der
Frankfurter Sponti-Szene geschult ist. Und dann Schröder, am Tag des
Kriegsbeginns, mit sorgenumflortem Blick und dunklem Timbre alle
Apokalypsen dieser Welt beschwörend - Mario Adorf hätte es nicht besser
gekonnt. Aber bei Politikern sollte es, anders als bei Schriftstellern und
Schauspielern, nicht um Worte und Performance gehen. Wie meist in
dieser Zunft kündeten die Taten vom Gegenteil: Bundeswehrsoldaten
waren in Fuchs-Panzern, in AWACS-Flugzeugen und als Wachschutz vor
US-Kasernen am Krieg beteiligt. Die Rolle Deutschlands als
Zwischenstation beim Truppenaufbau und als Nachschubbasis war
unersetzlich, ohne Ramstein und die Startbahn West hätte sich der
Wüstensturm um Wochen verzögert. Letztlich hat die deutsche Regierung
mehr zur US-Aggression beigetragen als die türkische, die - trotz
finanzieller Misere und Pressionen aus Washington - den Aufbau der
Nordfront verweigerte.
Obszön ist der Vorschlag des Schriftstellerverbandes aber vor allem
deswegen, weil zwei Politiker geehrt werden sollen, die das Land in seinen
ersten Krieg nach 1945 geführt haben. Der Angriff auf Jugoslawien 1999
war keinen Deut weniger verbrecherisch als der auf den Irak 2003 - in
beiden Fällen wurde unprovoziert und ohne Mandat des
UN-Sicherheitsrates losgeschlagen und so das Völkerrecht gebrochen.
Etwa 3.000 Jugoslawen wurden Opfer der NATO-Bomber, darunter viele
Frauen und Kinder...»
Jürgen Elsässer in der Wochenzeitung "freitag" vom 09.05.03:
Powell trifft Scharon und Abbas zu Gesprächen über Friedensplan
So.11.05.03 - US-Außenminister Colin Powell will heute (Sonntag) mit dem
israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon und dem palästinensischen
Ministerpräsidenten Mahmud Abbas über den internationalen Nahost-Friedensplan
beraten.
Zu Beginn seiner ersten Nahost-Reise seit 13 Monaten rief Powell am Samstag
dazu auf, die Umsetzung des "road map" genannten Plans voranzutreiben. "Es gibt
genügend Übereinstimmung bei der road map, so dass wir beginnen können", sagte
Powell in Jerusalem auf einer Pressekonferenz mit seinem israelischen Kollegen
Silwan Schalom. Es gab aber keine Anzeichen dafür, dass Powell in seinem Gespräch
mit Schalom Zustimmung für die Umsetzung vertrauensbildender Maßnahmen gewonnen hätte,
wie diese der Friedensplan vorsieht.
Powell wird Scharon voraussichtlich in Jerusalem treffen und dann zu seinem
Gespräch mit Abbas nach Jericho reisen. "Es ist nötig, die Gewalt jetzt zu beenden", sagte
Powell. "Es ist nötig, den Terror jetzt zu beenden. Es ist nötig, jetzt einige Schritte zu
unternehmen, um das Leben für das palästinensische Volk etwas leichter zu machen." Die Verbesserung der
Lebensbedingungen der Palästinenser durch Israel ist eine der vertrauensbildenden Maßnahmen.
Israel teilte mit, der vorübergehende Einreisestopp für palästinensische Arbeiter nach Israel während einer inzwischen
beendeten Ferienzeit werde aufgehoben. Palästinensische Städte sind nach wie vor von israelischen Straßensperren
und Kontrollposten umgeben.
Schalom sagte jedoch, Israel könne mehr Gesten an die Palästinenser nur dann machen, wenn diese gegen radikale
Gruppen vorgingen, die planten, "Terror anzuwenden".
Der Nahost-Friedensplan, den das so genannte Nahost-Quartett aus USA, Vereinten Nationen (UNO), Europäischer
Union (EU) und Russland vorgelegt hat, sieht die Schaffung eines palästinensischen Staates bis 2005 vor. Ziel des
Plan ist zudem die Beendigung der Gewalt in dem seit 31 Monaten dauernden Palästinenser-Aufstand. Von Israel wird
ein Abzug seiner Truppen aus den Palästinenser-Gebieten und der Stopp des Baus jüdischer Siedlungen im
Westjordanland und im Gaza-Streifen verlangt.
Israel hatte argumentiert, ein Abrücken vom Kurs des harten Durchgreifens gegen die Palästinenser werde nur zu
weiteren Anschlägen auf Israelis führen. Die Palästinenser hatten hingegen angeführt, nur ein Abzug des Militärs aus
den Palästinenser-Gebieten werde Abbas die Chance geben, die Gewalt einzudämmen.
Die USA streben
zudem innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Freihandelszone mit dem Nahen Osten an. Damit solle die Armut in
der Region bekämpft werden, sagte Bush in einer Rede an der Universität des US-Bundesstaates South Carolina in
Columbia. Bush lud Scharon für den 20. Mai nach Washington zu Gesprächen über eine Friedenslösung ein.
Scharon wird am 20. Mai zu Gesprächen mit US-Präsident George W. Bush in Washington erwartet.
(Quellen: rtr, afp)
Israel schließt Abzug aus Westjordanland aus
So.11.05.03 - Israel hat einen raschen Abzug seiner Truppen aus dem Westjordanland ausgeschlossen.
Israel werde keine Schritte ergreifen, die die Sicherheit der Israelis gefährden könnten, sagte Außenminister
Silvan Schalom. Gleichzeitig stellte er "humanitäre Maßnahmen" für die Palästinenser in Aussicht. Am Vorabend
hatte US-Präsident George W. Bush eine Freihandelszone zwischen USA und dem Nahen Osten angeregt. Die
Palästinenser drängten Bush daraufhin, den Nahost-Friedensfahrplan mit einem israelischen Rückzug aus den
Autonomiegebieten durchzusetzen.
Schalom schloss jede Lockerung von Sicherheitsmaßnahmen aus, die Israelis
gefährdeten. Einem Rückzug der Armee, vor allem aus der unmittelbaren Umgebung
palästinensischer Städte im Westjordanland, erteilte er eine Absage. Israel sei aber
bereit, "das Leben der palästinensischen Bevölkerung zu erleichtern". Über die Art
der humanitären Maßnahmen machte er keine Angaben. Washington erwartet von
Israel die Lockerung der Sanktionen gegen die palästinensische Bevölkerung, um
dem neuen Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas mehr Spielraum für eine moderate
Politik zu ermöglichen.
Über 6.000 Menschen fliehen vor Kämpfen in Burundi
So.11.05.03 - In Burundi haben erneute Kämpfe zwischen Hutu-Rebellen und der
von Tutsi dominierten Armee seit Donnerstag mehr als 6.000 Menschen in die
Flucht getrieben. Sie hätten ihre Dörfer nördlich der Hauptstadt Bujumbura
verlassen, als die Armee ihre Angriffe auf einen nahe gelegenen Rebellenstützpunkt
verstärkt habe, sagte ein Beamter der Regionalverwaltung am Samstag. Begonnen
hatte der Angriff schon am Montag. Nach Angaben der Armee wurden dabei 23
Rebellen und zwei Soldaten getötet.
Der Sprecher der Rebellengruppe Kämpfer für die Verteidigung der Demokratie
(FDD) wies diese Darstellung zurück, wollte selbst aber keine Angaben über die Opfer der
beiden Konfliktparteien machen. Er betonte jedoch, die Armee habe 30 Zivilisten getötet.
Die FDD hatte im Dezember ein Waffenstillstandsabkommen mit
der Regierung unterzeichnet, das den neunjährigen Bürgerkrieg
zwischen Hutu und Tutsi beenden sollte. Der Konflikt hat sich
seither jedoch eher verstärkt, wofür Armee und FDD sich
gegenseitig verantwortlich machen. Zwei kleinere
Rebellengruppen haben die Kämpfe eingestellt, eine vierte hatte
sich dem Waffenstillstandsabkommen von vornherein verweigert.
Auch die Einsetzung des Hutu-Präsidenten Domitien Ndayizeye
am 30. April hat die Kampfhandlungen nicht beendet. Mehr politischer
Einfluss für die Volksgruppe der Hutu war eine zentrale Forderung der
Rebellen, nachdem die Tutsi-Minderheit Burundi jahrzehntelang beherrscht hatte.
Seit 1993 kamen in dem Konflikt mehr als 200.000 Menschen ums Leben.
(Quelle: ap)
100 Frauen bei Demonstration in Simbabwe festgenommen
So.11.05.03 - Bei einer Demonstration gegen politische Gewalt sind am Samstag
in Simbabwe rund 100 Frauen festgenommen worden, wie die Organisation "Frauen für
Simbabwe" mitteilte. Die Demonstrantinnen seien in der Stadt Bulawayo mit Besen auf die
Straße gegangen, um zum Muttertag symbolisch die Gewalt wegzufegen, sagte
Sprecherin Jenni Williams. Sie hätten sich damit über eine Warnung der Behörden hinweggesetzt,
die von einer illegalen Veranstaltung und einem Verstoß gegen die Sicherheitsgesetze des
südafrikanischen Landes gesprochen hätten. Mit einer Freilassung der
Festgenommenen sei vermutlich erst am Montag zu rechnen. Die Behörden
nahmen keine Stellung
(Quelle: ap)
Basken demonstrieren gegen Wahlausschluss
So.11.05.03 - Mehrere tausend Basken haben am Samstag in der spanischen
Hafenstadt Bilbao gegen den Ausschluss von Kandidaten der baskischen
Nationalisten bei der bevorstehenden Kommunalwahl demonstriert. Die
Demonstranten widersetzten sich damit einem Verbot der Kundgebung seitens der
Behörden. Zu der Demonstration hatte die Organisation Udalbitza aufgerufen, die für
die Unabhängigkeit des Baskenlandes eintritt und als eine der Nachfolgerinnen der
verbotenen Partei Batasuna gilt.
Das spanische Verfassungsgericht hat am Freitag mehreren hundert baskischen
Nationalisten verboten, bei der Kommunalwahl am 25. Mai zu kandidieren. Es
stützte damit ein entsprechendes Verbot des Obersten Gerichts aus der
vergangenen Woche. Demnach sind von der Wahl in drei baskischen Provinzen
und dem benachbarten Navarra fast 1.500 Politiker ausgeschlossen, die verdächtigt
werden, der Batasuna nahe zu stehen.
Nach Ansicht der Obersten Richter haben die betroffenen
Politiker nach dem Verbot der Batasuna, des politischen Arms
der Untergrundorganisation ETA, im März neue Parteien
gegründet. Im Kampf der ETA für einen eigenen Staat sind seit Ende der
60er Jahre mehr als 800 Menschen getötet
worden. (Quelle: ap)
«Baskische Linke darf nicht zu den Kommunalwahlen kandidieren»
Mehr unter:
«Testgelände Baskenland - Aznar setzt auf die abschreckende Wirkung staatlicher Gewalt und verbreitet Angst»
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Berlusconi nennt italienische Richter «Krebsgeschwür»
So.11.05.03 - Der wegen Korruption angeklagte italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi
will wieder die Immunität für Parlamentarier einführen. Er selbst wolle in einer großen Debatte den
Gesetzentwurf möglichst bald im Parlament einbringen, kündigte er in einem Fernsehinterview an.
Zugleich richtete er scharfe Vorwürfe an Staatsanwälte und Richter und sprach von "politisierten
und kämpfenden Richtern". Diese seien "ein Krebsgeschwür, das ausgemerzt werden muss".
Er kündigte außerdem eine umfassende Verfassungsreform an: Dabei sollten der
Staatspräsident und der Regierungschef in direkten Wahlen bestimmt werden.
Berlusconi (66) steht in Mailand wegen Bestechung von Richtern im Zuge einer
Übernahmeschlacht in den 80er Jahren vor Gericht. Der Prozess läuft seit drei
Jahren und dürfte im Sommer oder Herbst zu Ende gehen. Eine Wiedereinführung
der 1993 abgeschafften Immunität dürfte den Prozess durchkreuzen. Erst kürzlich
wurde ein Berlusconi-Vertrauter in einem ähnlichen Verfahren ebenfalls wegen
Richterbestechung zu elf Jahren Haft verurteilt.
"Beim Thema Immunität machen wir eine Debatte mit offenen Karten", sagte
Berlusconi am Freitagabend im Fernsehen. "Eine solche Maßnahme ist unvermeidlich.
Es muss garantiert werden, dass diejenigen Regierungen regieren, die vom
Bürger gewählt sind und nicht von kämpfenden Richtern bestimmt werden." Das
Immunitätsgesetz wurde seinerzeit im Zuge von Korruptionsskandalen von Politikern
aufgehoben, die zum Sturz der italienischen "Schmiergeld-Republi"» führten.
In Rom heißt es, Berlusconi fürchte, dass eine drohende Verurteilung in Mailand sein
internationales Ansehen beschädigen könne, wenn Italien im Juli die EU-Präsidentschaft
übernimmt. Die linke Opposition macht bisher deutlich, dass sie die Wiedereinführung der
Immunität unterstützen könnte, allerdings nicht für bereits laufende Verfahren. Gegen Berlusconi,
Herr über die drei größten italienischen TV-Privatsender, liefen zeitweise ein halbes Dutzend
Strafverfahren, etwa wegen Bestechung und illegaler Parteienfinanzierung. In zwei Prozessen
gab es in erster Instanz Gefängnisstrafen. Später verjährten die Verfahren oder wurden eingestellt.
In einigen Fällen gab es Freisprüche.
(Quelle: dpa)
«Seit Mai 2001 wird Italien von Silvio Berlusconi regiert»
Er ist der Ministerpräsident einer Koalition aus der gewendeten
post-faschistischen Partei MSI, norditalienischen
Separatisten, wenigen Überlebenden der untergegangenen
Sozialistischen und der Christdemokratischen Partei und
seiner "Bewegung" Forza Italia. Gleichzeitig ist er der Besitzer
von vier privaten Fernsehkanälen, großen Zeitungen und
Verlagen.
Wer ist Silvio Berlusconi? Wie hat es der Sohn eines kleinen
Mailänder Bankangestellten geschafft, zum mächtigsten
Mann Italiens aufzusteigen?
Bernhard Pfletschinger versuchte in seinem politischen Feature "Vorwärts Italien! Aber wohin? "
(Sendung des Deutschlandfunks vom 14.5.2002 - 19:15) eine Antwort. Das Sendemanuskript ist im Internet abrufbar unter:
Prodi «entsetzt» über Berlusconis Kritik an Richtern
So.11.05.03 - EU-Kommissionspräsident Romano Prodi hat sich
"entsetzt" über den Fernsehauftritt des italienischen
Regierungschefs Silvio Bersluconi gezeigt, in dem dieser die
Justiz scharf angegriffen hatte. Berlusconi habe das Fernsehen für
persönliche Ziele instrumentalisiert, sagte Prodi im toskanischen Siena.
So etwas habe es in der Geschichte Italiens noch nicht gegeben.
(Quelle: afp)
WHO sieht noch keinen Rückgang von SARS in Peking
So.11.05.03 - Die Weltgesundheitsorganisation sieht noch keinen Rückgang der
lebensgefährlichen Lungenentzündung SARS in Peking. Der WHO-Repräsentant in
der schwer betroffenen Hauptstadt, Henk Bekedam, sagte, die Ansteckungsmuster
würden wegen einer Reihe unbekannter Faktoren nicht ausreichend verstanden. Er
forderte erneut mehr Daten und Analysen seitens der chinesischen Behörden. Mit
seiner Warnung reagierte Bekedam auf Äußerungen chinesischer
Gesundheitsfunktionäre, die den Höhepunkt der Ansteckungswelle erreicht sehen.
(Quelle: dpa)
Deutschland: Schmidt will Kassen zur Beitragssenkung zwingen
So.11.05.03 - Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) will die Krankenkassen zur
Weitergabe ihrer Einsparungen an die Versicherten verpflichten. Die Kassen müssten die
erwarteten zehn Milliarden Euro Einsparungen durch die Strukturreform "Stück für Stück"
im nächsten Jahr an die Versicherten weitergeben, sagte Schmidt der "Passauer Neuen Presse".
Das Ziel der Regierung sei ein Beitragssatz von 13 Prozent. SPD-Vizefraktionschefin Gudrun
Schaich-Walch hält dieses Ziel allerdings frühestens Ende 2005 für erreichbar.
Schmidt verteidigte die geplante höhere Tabaksteuer zur Finanzierung der
versicherungsfremden Leistungen. So ließen sich 20 bis 30 Prozent der
Jugendlichen durch Verteuerung vom Rauchen abschrecken. Die Regierung plane
aber keine Abgabe auf andere gesundheitsschädliche Dinge wie Alkohol, fettiges
Essen oder Schokolade. "Wer raucht, schädigt andere. Das ist ein gravierender
Unterschied zu anderen Dingen, deren übermäßiger Genuss zunächst nur die
eigene Gesundheit betrifft", sagte Schmidt.
Schmidt zufolge werden durch die Verlagerung der Kosten für das Krankengeld
auf die Arbeitnehmer die Betriebe um 0,4 Prozent ihrer Beiträge entlastet. Für die
Beschäftigten würden sie dagegen um 0,4 Prozent steigen. Gleichzeitig würden
Arbeitgeber und Arbeitnehmer um 0,2 Prozent entlastet, weil die versicherungsfremden
Leistungen durch die höhere Tabaksteuer bezahlt werden.
Schaich-Walch sagte dem "Focus", dass trotz des milliardenschweren Sparpakets die Beitragssätze in der
Gesetzlichen Krankenversicherung im nächsten Jahr nicht unter 14 Prozent sinken. Frühestens im Jahr 2005 werde
die Koalition ihr Ziel erreichen können, den Durchschnittssatz auf unter dreizehn Prozent zu drücken. Der Vorsitzende
des AOK-Bundesverbandes, Hans Jürgen Ahrens, sagte dem "Focus" dagegen, dass die angekündigte
Gesundheitsreform nicht ausreichen werde, die Sätze unter dreizehn Prozent zu drücken.
Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, sprach sich im DeutschlandRadio unterdessen gegen
Einzelverträge zwischen Krankenkassen und Ärzten aus. Es sei ein Denkfehler zu glauben, dass daraus eine
Entmachtung der Kassen folgen würde. Vielmehr hätten die Patienten das Nachsehen, da sie die Krankenkasse
wechseln müssten, falls ihr Arzt keinen Vertrag mit dieser habe. (Quelle: afp)
Blick ins Archiv:
Drastische Tabaksteuer-Erhöhung für Gesundheitsreform
Die Kernpunkte der Gesundheitsreform
Eichel: EU-Defizit auch dieses Jahr überschritten
So.11.05.03 - Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) muss auch in diesem Jahr
deutlich mehr Kredite als geplant aufnehmen. "Klar ist, dass wir mit den 18,9 Milliarden Euro
Neuverschuldung, die im Bundeshaushalt bisher vorgesehen sind, auch nicht annähernd auskommen
werden", sagte Eichel dem "Spiegel". Damit wird Deutschland erneut das EU-Defizit-Kriterium nicht einhalten
können. Einen Bericht des "Focus", wonach der Minister intern mit seinem Rücktritt
gedroht haben soll, dementierte ein Sprecher Eichels in Berlin.
Allein zehn Milliarden Euro müsse der Bund in diesem Jahr für die höheren Kosten
der Arbeitslosigkeit aufwenden, davon sieben Milliarden Euro als Zuschuss an die
Bundesanstalt für Arbeit, sagte Eichel. "Wir müssen also, wie im vergangenen Jahr
schon, die Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts feststellen und einen
Nachtragshaushalt einbringen." Auf eine Summe für die Neuverschuldung wollte sich
der Minister nicht festlegen. Klar sei aber, dass das Maastricht-Kriterium verletzt
werde. "Auch in diesem Jahr wird das Defizit über drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen."
Eichel erklärte zudem, dass es unmöglich sei, im Jahr 2006 einen Bundeshaushalt ohne
neue Schulden aufzustellen. "2006 ist nicht mehr zu schaffen", sagte er dem "Spiegel". Ein neues Datum für
den Haushaltsausgleich mochte Eichel nicht nennen. Für den Etat 2004, der in den nächsten Wochen aufgestellt wird, kündigte
Eichel weitere Sparmaßnahmen an. "Wir müssen, das steht fest, mit weniger Geld auskommen." Ursprünglich habe
er geplant, bei den Personalausgaben eine halbe Milliarde Euro zu sparen. "Das werde ich nun deutlich heraufsetzen
müssen." Weitere Steuererleichterungen schloss der Minister für die Zukunft aus.
Berichte, wonach der Eichel für den Fall der Überschreitung des Defizitkriteriums mit seinem Rücktritt gedroht habe,
seien falsch, sagte der Sprecher. "Der Minister denkt nicht in solchen Kategorien." Er stelle sich "im Gegenteil der
schwierigen Situation". "Focus" berichtete, Eichel habe vor Kabinettskollegen gedroht, wenn Deutschland im
kommenden Jahr die EU-Defizitgrenze überschreite oder die Bundesregierung keinen verfassungsgemäßen Haushalt
vorlegen könne, "muss sich der Bundeskanzler einen anderen Finanzminister suchen".
(Quelle: afp)
Stichwort: Die Maastricht-Kriterien
Die Teilnahme an der Europäischen Währungsunion ist nach dem
Vertrag von Maastricht an fünf Kriterien geknüpft. Sie sollen sicherstellen, daß die
Euro-Länder sich wirtschaftlich so angenähert haben, daß sie reif für eine
gemeinsam Währung sind:
1. Das Haushaltsdefizit soll nicht mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts
(BIP) betragen.
2. Für die Staatsverschuldung gilt ein Richtwert von 60 Prozent des BIP, den die
Länder einhalten oder sich ihm annähern sollen.
3. Die Inflationsrate darf nicht mehr als 1,5 Prozentpunkte über dem Durchschnitt
der drei preisstabilsten Länder liegen.
4. Die langfristigen Zinssätze dürfen nicht mehr als zwei Prozentpunkte über dem
Durchschnitt der drei EU-Länder mit den niedrigsten Zinsen liegen.
5. Die Währung muß sich mindestens zwei Jahre spannungsfrei und ohne
Abwertung im Europäischen Währungssystem bewegt haben.
(Quelle: dpa)
Die Bestimmungen des Stabilitätspaktes
Die Defizit-Grenze von drei Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) beruht auf Bestimmungen des
Stabilitäts- und Wachstumspaktes. In der Verordnung 1466 des EU-Ministerrats aus dem Jahr 1997
heißt es unter anderem:
Artikel 6
1. «Auf der Grundlage von Angaben der teilnehmenden
Mitgliedstaaten sowie Bewertungen der Kommission... verfolgt
der (Finanzminister-) Rat... die Umsetzung der
Stabilitätsprogramme, insbesondere um zu ermitteln, ob die Haushaltslage von dem
im Stabilitätsprogramm vorgegebenen mittelfristigen Haushaltsziel oder von dem
entsprechenden Anpassungspfad erheblich abweicht oder abzuweichen droht.
2. Stellt der Rat ein erhebliches Abweichen der Haushaltslage von dem
mittelfristigen Haushaltsziel oder vom entsprechenden Anpassungspfad fest, so
richtet er als frühzeitige Warnung vor dem Entstehen eines übermäßigen Defizits...
eine Empfehlung an den betreffenden Mitgliedstaat, die notwendigen
Anpassungsmaßnahmen zu ergreifen.»
3. Gelangt der Rat auf Grund der Beobachtung der weiteren Entwicklung der
Haushaltslage zur der Auffassung, dass deren Abweichen von dem mittelfristigen
Haushaltsziel oder vom entsprechenden Anpassungspfad anhält oder sich verstärkt,
so richtet er... eine Empfehlung an den betreffenden Mitgliedstaat, umgehend Korrekturmaßnahmen zu ergreifen...»
(Quelle: dpa)
Streit um Sozialreformen zieht sich durch alle Parteien
So.11.05.03 - Der Streit um die anstehenden Sozialreformen zieht sich weiter
durch alle Parteien. Während sich innerhalb der SPD neuer Widerstand gegen die
Agenda 2010 formiert, plant die SPD-Fraktion eine Job-Offensive für ältere
Arbeitnehmer, um die Reformen abzufedern. Derweil ist die Opposition uneins, ob
und wie sie das Reformkonzept der Regierung unterstützen soll.
Der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, Erwin Huber, kündigte im «Focus» an,
die Union werde ihr eigenes Konzept durchsetzen und notfalls die Agenda
blockieren. Dagegen warnte der CSU-Landesgruppenvorsitzende
im Bundestag, Michael Glos, vor einer Blockade: Die Wähler wollten keine Machtspiele,
sondern dass ihre Arbeitsplätze und Unternehmen überlebten.
Während der stellvertretende CDU-Vorsitzende Christoph Böhr dem "Focus" sagte, die
Union werde auch einzelnen Teilen des SPD-Konzepts zustimmen, forderte der
hessische Ministerpräsident Roland Koch im "Spiegel", dass im Bundesrat über ein
Gesamtpaket gesprochen werde und es keine Aufspaltung in zustimmungspflichtige und nicht
zustimmungspflichtige Teile gebe.
Der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer attestierte der Agenda 2010 einen Mangel an Gerechtigkeit. Sie enthalte
Zumutungen für Arbeitslose und im Vergleich dazu kämen Reiche und große Firmen günstig weg, sagte Bütikofer auf
einem Landesparteitag der niedersächsischen Grünen in Hameln. Nach Ansicht seines Parteikollege Matthias
Berninger reicht die Agenda zwar nicht aus, um die Probleme der Republik zu lösen, verschafft aber die nötige Luft für
weitere Reformen. Zum Abbau des Überstundenberges forderte der Staatssekretär im Bundesverbraucherministerium
auf dem Parteitag der hessischen Grünen in Gießen, dass die Arbeitgeber ab der 42. Wochenstunde fünf Euro
zusätzlich in die Arbeitslosenversicherung einzahlen sollen.
Die geplante Beschäftigungsoffensive der SPD soll "deutlich machen, dass es bei den Reformen nicht um soziale
Einschnitte, sondern um mehr Beschäftigung für Ältere geht", sagte der SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner
dem "Spiegel". Ältere Arbeitnehmer sollten etwa besser betrieblich qualifiziert werden. Dazu sollen Unternehmen,
Gewerkschaften und Politiker regionale Weiterbildungsbündnisse schließen, die von den Arbeitsämtern bezuschusst
werden könnten. Aus Protest gegen die Reformpläne will sich am 25. Mai in Düsseldorf im stärksten
SPD-Landesverband die "SPD-Linke in NRW" gründen, wie der "Focus" berichtet.
Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller mahnte eine wachstums- und beschäftigungsorientierte Politik in
Deutschland an. Auf dem CDU-Landesparteitag im saarländischen Dillingen forderte er zu einer "großen Koalition der
Veränderungsbereitschaft" auf. Sowohl Gewerkschaften als auch Arbeitgeber müssten raus aus ihren
Schützengräben. Die Diskussion um die Agenda 2010 greife zu kurz.
Die Zahl der Armen in Deutschland könnte in Folge der rot-grünen Sozialreformen nach Ansicht von Experten
drastisch steigen. Sollte die Agenda 2010 "mit ihrer sozialen Schieflage" Wirklichkeit werden, gebe es statt bisher
acht künftig 15 Millionen Menschen, die als arm angesehen werden müssten, sagte der Sprecher der Nationalen
Armutskonferenz, Paul Saatkamp der Chemitzer "Freien Presse" (Samstagausgabe). Es gehöre zum Prinzip der
Reformpläne, "die sozial Schwachen zu belasten, um die Reichen zu entlasten".
(Quelle: ap)
Blick ins Archiv:
Die Sozialreform-Konzepte von Union und SPD (Agenda 2010)
Gegenvorschläge des DGB zur Agenda 2010
Jusos kritisieren Agenda 2010 als sozial ungerecht
So.11.05.03 - Der Juso-Vorsitzende Niels Annen hat das Reformprogramm der Bundesregierung
scharf kritisiert. "Die Agenda hat keine Gerechtigkeitslücke, sie ist eine einzige Gerechtigkeitslücke",
sagte Annen unter großem Beifall beim Bundeskongress der Jungsozialisten am Samstag in Bremen.
SPD-Generalsekretär Olaf Scholz verteidigte das Programm und kündigte konkrete Vorschläge für eine
Ausbildungsplatzabgabe zum Sonderparteitag am 1. Juni an.
Annen kritisierte, die geplante Finanzierung des Krankengeldes ausschließlich
durch die Arbeitnehmer sei weder solidarisch noch gerecht. Die Jusos verlangten
die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung des Krankengeldes. Zudem müsse
das Arbeitslosengeld nach der Zusammenlegung mit der Sozialhilfe "deutlich über dem
Sozialhilfeniveau liegen". Noch in diesem Sommer müsse eine Ausbildungsplatzabgabe
gesetzlich verankert werden. Annen kritisierte zugleich die Rücktrittsdrohung von
Bundeskanzler Gerhard Schröder für den Fall, dass auf dem Parteitag am 1. Juni keine Mehrheit für die
Agenda 2010 zu Stande komme.
Auf dem Sonderparteitag will die SPD-Jugendorganisation mit einem Initiativantrag die Auflösung der
SPD-Programmkommission durchsetzen, wie sie in Bremen mit großer Mehrheit beschloss. An Stelle der
Kommission soll nach dem Willen der Jusos eine Arbeitsgruppe aus Partei, Fraktion und Regierung bis Ende 2003
einen "Orientierungsrahmen" entwerfen, der langfristige Perspektiven vermittele.
SPD-Generalsekretär Scholz bezeichnete in seiner von Buhrufen begleiteten Rede die Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit als drängendstes Problem der Politik. Bis zum Jahr 2010 solle die Vollbeschäftigung erreicht werden.
Neben Steuerreform und Umbau der Arbeitsverwaltung beinhalte die Agenda 2010 die dafür notwendigen Reformen,
sagte Scholz unter dem Beifall einer Juso-Minderheit. Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe
verteidigte Scholz als eine Regelung, "die jeder gerecht fände, wenn sie immer schon so gewesen wäre". Es werde
"Arbeitslosenhilfeempfänger geben, die ein höheres Arbeitslosengeld II bekommen als Arbeitslosenhilfe", sagte
Scholz.
Die Herausnahme des Krankengeldes aus der gemeinsamen Finanzierung durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber
"beklatschen wir nicht begeistert", räumte Scholz ein. "Wir tun das aus Sorge um die Zukunft des Sozialstaats",
sagte er. Zur Frage der fehlenden Ausbildungsplätze sagte der SPD-Generalsekretär, das Wort von Bundeskanzler
Gerhard Schröder gelte, dass die Regierung handeln werde, wenn die Unternehmen nicht von sich aus reagierten. Auf
dem Sonderparteitag würden dazu sehr konkrete Aussagen gemacht, kündigte Scholz an.
Der Juso-Bundeskongress wird heute (Sonntag) fortgesetzt. Als Redner werden Entwicklungshilfeministerin Heidemarie
Wieczorek-Zeul und der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Bundestag, Franz Müntefering, erwartet. Am Freitagabend
war Niels Annen mit dem besten Ergebnis in der Juso-Geschichte der vergangenen 30 Jahre für weitere zwei Jahre
zum Vorsitzenden gewählt worden. Er erhielt 209 Ja-Stimmen bei 45 Gegenstimmen und 30 Enthaltungen.
(Quelle: ap)
Gewerkschaften laufen weiter Sturm gegen Agenda 2010 - IG Metall droht mit verschärften Tarifrunden
So.11.05.03 - Die Gewerkschaften setzen ihren Konfrontationskurs gegen die
geplanten Sozialreformen ungebremst fort. IG-Metall-Chef Klaus Zwickel warf
Bundeskanzler Gerhard Schröder mangelnden Dialogwillen und "vordemokratische
Züge" vor. Zwickels Stellvertreter Jürgen Peters drohte gar mit höheren
Lohnforderungen. Führende SPD-Politiker warnten vor einem Bruch mit der
Bundesregierung. Auch der Streit unter den Gewerkschaften über die Strategie im
Kampf gegen die Agenda 2010 setzte sich unvermindert fort.
Zwickel sagte, eine Politik nach dem Motto "basta, so ist es" könne nicht zum
politischen Stil werden. Mit der Agenda 2010 entscheide sich, ob die SPD eine soziale
Reformpartei bleibe "oder eine neoliberal angepasste Partei wird". Auch Bsirske kritisierte,
die Agenda unterscheide sich deutlich von den rot-grünen Vorgaben im Wahlkampf. Es
gebe nicht nur bei der SPD, sondern auch bei den Grünen "Kräfte, die sich gar nicht
genug beeilen können, bei den wirtschaftspolitischen Positionen der FDP anzukommen",
sagte Bsirske, der selbst Grünen-Mitglied ist, der "Berliner Zeitung".
IG-Metall-Chef Zwickel kritisierte zugleich IG-BAU-Chef Klaus Wiesehügel scharf. Er halte es für falsch und gefährlich,
wenn Gewerkschaftschefs spekulierten, ob der Kanzler über den Widerstand in den Koalitionsfraktionen oder über die
Proteste der Gewerkschaften stürzen könnte. "Das ist politisch dumm", sagte Zwickel der "Neuen Osnabrücker
Zeitung". Der IG Metall gehe es nicht um den Kopf des Kanzlers, sondern darum, dass er die Politik einhalte, die er
versprochen habe und für die er gewählt worden sei.
Ver.di-Sprecher Harald Reutter sagte der Nachrichtenagentur AP, er glaube nicht, dass auf Gewerkschaftsseite
jemanden daran gelegen sei, den Sturz des Kanzlers zu betreiben. "Wir werden uns darauf konzentrieren, was jetzt
passiert und den Unmut unserer Mitglieder auf die Straße tragen", sagte Reutter.
Dagegen bezeichnete es IG-BAU-Sprecher Michael Knoche als "verwunderlich", dass mehrere Gewerkschaftschefs
zwar die von Schröder geplanten Reformen herb kritisierten, ihn als Person aber von der Kritik ausnähmen. "Natürlich
geht es um die Politik, und nicht um den Kopf, aber es ist doch verwunderlich, wenn mehrere
Gewerkschaftsvorsitzende eine Unbedenklichkeitserklärung hinsichtlich der Person ausstellen", sagte der
Gewerkschaftssprecher der AP.
Führende SPD-Politiker warnten die Gewerkschaften vor einem Bruch mit der SPD. Der rheinland-pfälzische
Ministerpräsident Kurt Beck sagte der "Bild am Sonntag", es sei nicht klug, wenn einzelnen Gewerkschafter mit dem
Sturz des Kanzlers kokettierten. Notfalls werde die Reformpolitik ohne die Gewerkschaften durchgesetzt. Der
nordrhein-westfälische Ministerpräsident Peer Steinbrück bezeichnete das Vorgehen der Gewerkschaften als
"maßlos".
Unterdessen drohte der designierte Nachfolger Zwickels an der IG-Metall-Spitze, Peters, in der "Leipziger
Volkszeitung", als Ausgleich für einseitige Belastungen würden die Gewerkschaften in den kommenden
Tarifverhandlungen als "tarifliche Wiedergutmachung" höhere Forderungen stellen. Der Vorschlag wurde von der IG
BAU abgelehnt. "Eine schlechte Sozialpolitik und Sozialabbau kann man nur schwer bis gar nicht durch
Lohnerhöhungen ausgleichen", sagte Sprecher Knoche der AP.
(Quelle: ap)
Schröder: «Agenda 2010» reicht nicht. dpa
So.11.05.03 - Die bisher geplanten Sozialreformen der "Agenda 2010" reichen nach den
Worten von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) noch nicht aus. "Bei einer so schnellen
Veränderung der ökonomischen Basis unserer Gesellschaften in Europa ist die Notwendigkeit
zu reformieren ein permanenter Prozess", sagte Schröder dem "Tagesspiegel am Sonntag". Die
Agenda sei zwar bereits "ein gewaltiger Kraftakt". "Aber mit der Agenda ist Politik für diese
Legislaturperiode ja nicht an ihr Ende gekommen."
Der SPD-interne Streit über seine Reformpläne ist nach Auffassung Schröders trotz
wachsender Zustimmung in den eigenen Reihen noch nicht beendet: "Ausgestanden ist nichts."
Allerdings könne man davon ausgehen, dass es auf dem SPD-Sonderparteitag am 1.Juni eine Mehrheit
für die Agenda geben werde.
Der Kanzler deutete Kompromissbereitschaft in der Frage der Arbeitslosen über 55 Jahre an. Mit Blick
auf die heftigen Bedenken aus der Partei sagte er: "Das muss heißen, das man sich um diese Menschen
kümmert, wenn sich nachgewiesener Weise keine Chance für sie eröffnet hat."
Unterdessen schwor SPD-Fraktionschef Franz Müntefering die SPD-Abgeordneten auf volle Unterstützung für die
Reform-Agenda ein. "Der Kanzler und ich auch, wir haben allen 251 SPD-Abgeordneten gesagt, wir brauchen jede
Stimme. Anders geht das nicht", sagte Müntefering der "Welt am Sonntag". Er fügte hinzu, er rechne nach dem
SPD-Sonderparteitag nicht mit Abweichlern in der Fraktion: "Es gibt bisher keine einzige Ankündigung von
irgendjemandem, dass er definitiv nicht zustimmt." (Quellen: dpa, ap)
«32 Grünen-Politiker kritisieren die Kanzlerpläne. Sie wollen
die Sanierung der Sozialsysteme mit einer ökologischen
Wirtschaftspolitik kombinieren»
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Gedenken und Lesungen am 70. Jahrestag der Bücherverbrennung
So.11.05.03 - 70 Jahre nach der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten haben Schriftsteller,
Künstler und Politiker in Berlin mit Lesungen und Diskussionen an das Geschehen erinnert.
Unter dem Motto "Literatur und mehr ... rund um die Linden" entstand bis zum Abend eine Gedenk-Meile mit 50
Veranstaltungen zwischen Bebelplatz und Brandenburger Tor, die nach Angaben der Veranstalter auf rege
Resonanz stießen.
Bis zum Abend lasen zahlreiche Prominente auf dem Bebelplatz vor. Die Aktion "Lesen für die Kinder der Welt -
Prominente unterstützen UNICEF" wurde vom Verband deutscher Schriftsteller
(VS) mitveranstaltet. Es beteiligten sich unter anderem Berlins
Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS), die Journalistin Maybrit Illner und der
Schriftsteller Rafael Seligmann.
Auf dem Platz gegenüber der Humboldt-Universität hatten nationalsozialistische
Professoren und Studenten vor 70 Jahren Bücher ins Feuer geworfen. Heute erinnert
eine unterirdische Installation mit leeren Regalen an die Bücherverbrennung vom 10.
Mai 1933, bei der allein in Berlin Zehntausende Bücher von den Nazis zerstört
wurden.
Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bezeichnete in seinem
Grußwort die Bücherverbrennung auf dem damaligen Berliner Opernplatz als das
erste sichtbare Zeichen der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Neben
Berlin wurden in fast allen deutschen Universitätsstädten unter Rufen wie "Wider
den undeutschen Geist!" Bücher ins Feuer geworfen. Die Bücher stammten von
Autoren wie Heinrich Mann, Alfred Döblin, Karl Marx, Arthur Schnitzler, Bert Brecht,
Franz Kafka, Heinrich Heine und Kurt Tucholsky. (Quelle: dpa)
«Ich übergebe der Flamme...»
Die Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten - Zahlreiche der «verbrannten Dichter» gerieten völlig in Vergessenheit
Der 10. Mai 1933 war ein schwarzer Tag für die deutsche Literatur: Auf Initiative
nationalsozialistischer Studenten wurden die Bücher von mehr als 200 Schriftstellern
und Intellektuellen verbrannt. Werke von Sigmund Freud, Kurt Tucholsky, Thomas
und Heinrich Mann, Franz Kafka, Bertolt Brecht oder Erich Kästner fielen dem Feuer
zum Opfer. Mit der Bücherverbrennung, die sich in diesem Jahr zum 70. Mal jährt,
begann die Verfolgung und Vertreibung vieler Schriftsteller aus Deutschland. Viele
gerieten in Vergessenheit; ihre Werke wurden auch nach dem Krieg nicht mehr
aufgelegt.
«Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende gar auch Menschen», hatte
Heinrich Heine bereits 1820 geradezu prophetisch geschrieben: Die Nationalsozialisten setzten
auch seine Werke auf den Index. Initiiert wurde die Bücherverbrennung von der Studentenorganisation
der NSDAP: Bereits wenige Wochen nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 begannen Vertreter des
Studentenbundes mit der Planung und Organisation einer Aktion unter dem Motto «Wider
den undeutschen Geist». Eine «Schwarze Liste» wurde erstellt mit den Namen dutzender Autoren, die nach Ansicht
der Nationalsozialisten «entartete Kunst» produziert hatten.
Vor allem Studenten wurden aufgerufen, ihre eigene und öffentliche Bibliotheken zu «säubern». Der Aufruf war
erfolgreich. Allein bei der Verbrennung auf dem Berliner Bebelplatz am 10. Mai 1933 wurden schätzungsweise 20.000
Bücher vernichtet. Ähnliche Aktionen fanden am gleichen Tag beziehungsweise in den folgenden Wochen in fast allen
deutschen Universitätsstädten statt - meist nach einem bestimmten Ritual, zu dem Marschmusik, Fackelzüge und so
genannte «Feuersprüche» gehörten: Einzelne Autorennamen wurden aufgerufen, während deren Werke in das Feuer
geworfen wurden. Zum Beispiel: «Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaesner und Erich Kästner.»
Kästner war einer der wenigen Schriftsteller, der - versteckt in der Menge - die Verbrennung seiner eigenen Bücher
miterlebte. Später schrieb er: «Und im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin...von einem gewissen Herrn
Goebbels mit düster feierlichem Pomp verbrannt...Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in
SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen
Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. Plötzlich rief eine schrille
Frauenstimme: 'Dort steht ja Kästner!'»
Kästner überlebte den Nationalsozialismus. Als einer der wenigen «verbrannten Dichter» konnte er nach dem Krieg
auch an seine früheren Erfolge anknüpfen. Viele andere wurden von Hitlers Schergen ermordet, wurden in
Konzentrationslager verschleppt oder in die Emigration getrieben, wo einige von ihnen - abgeschnitten von ihrem
«Werkzeug», der Sprache - psychisch zerbrachen. Ernst Toller beging 1939 in New York Selbstmord, Walter
Benjamin 1940 in Südfrankreich. Erich Mühsam wurde 1934 von SS-Männern ermordet, Else Lasker-Schüler starb
1945 vereinsamt in Jerusalem. Armin T. Wegner blieb zunächst in Berlin und später in Italien. Nach dem Krieg konnte
er nicht mehr schreiben - das Erlebte hatte ihm die Sprache verschlagen.
Zahlreiche der «verbrannten Dichter» gerieten völlig in Vergessenheit. Wer erinnert sich heute schon an Namen wie
Franz Hessel, Max Herrmann-Neisse oder Jakob van Hoddis, dessen Gedicht «Weltende» als richtungweisend für den
deutschen Expressionismus gilt? Laut einem neu erstellten Verzeichnis sind die Werke von 79 der «verbrannten
Dichter» nicht mehr im Buchhandel erhältlich.
Dass manche Autoren eine Art Renaissance erlebten, ist auch Jürgen Serke zu verdanken: Der Publizist und Autor
veröffentlichte 1977 - auf der Grundlage einer Serie im Magazin «Stern» - ein Buch über «Die verbrannten Dichter»
(Beltz & Gelberg), das bis heute zu den Standardwerken zählt. «Die Bücherverbrennung wirkte über den
Zusammenbruch des 'Dritten Reiches' hinaus», schreibt Serke. «Was in den 20er Jahren gedichtet wurde, blieb
weitgehend vergessen bis zum heutigen Tag...So rigoros hat sich kein Volk von einer ganzen Literatur-Epoche trennen
lassen...»
Rau besorgt über zunehmende Verfolgung von Schriftstellern
So.11.05.03 - Bundespräsident Johannes Rau hat sich besorgt über eine weltweite
Zunahme der Verfolgung von Schriftstellern nach den Terroranschlägen des 11.
September 2001 geäußert. Bei einer Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der
Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten sagte Rau am Freitag in Berlin,
man müsse immer wieder darauf hinweisen, "dass auch im Kampf gegen
Terrorismus nicht alle Mittel erlaubt sind".
Auch heute noch würden Bücher als gefährlich gelten, und vereinzelt gebe es immer
noch Fälle von Bücherverbrennungen, sagte der Bundespräsident. Es gebe
Publikationsverbote für Schriftsteller und Todesdrohungen. Das P.E.N.-Zentrum habe zwei
Hilfsprogramme ins Leben gerufen, weil weltweit immer noch viele Schriftsteller und
Journalisten aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt, ins Gefängnis geworfen,
hingerichtet oder ins Exil getrieben werden.
Natürlich könne man die Staaten und Gesellschaften, in denen dies geschehe, mit dem nationalsozialistischen
Deutschland nicht vergleichen, betonte Rau. Eines gelte aber für alle Staaten in Vergangenheit und Gegenwart,
in denen Bücher verbrannt und Schriftsteller verfolgt worden seien oder noch würden: "Es geht um mehr als
um das Verbot der freien Meinungsäußerung. Es geht um den Versuch, das freie Denken selber zu verbieten."
Laut Rau sind dem P.E.N.-Zentrum im vergangenen Jahr weltweit 1.153 Fälle bekannt geworden, in denen
Schriftsteller verschwunden oder erwiesenermaßen getötet, verhaftet, unter Hausarrest gestellt, ins Exil gezwungen
oder auf andere Weise bedroht worden sind. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Das geschehe nicht nur weit weg,
außerhalb von Europa, außerhalb der Europäischen Union oder außerhalb der NATO. Das geschehe auch nicht nur
unter fundamentalistischen Regimes. Das finde er erschreckend. "Wir müssen alles in unseren Kräften Stehende tun,
um dafür zu sorgen, dass das Recht auf Meinungsfreiheit ... überall in Europa und überall in der Welt Geltung
bekommt." (Quelle: ap)
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