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Kurznachrichten   [ Allg. Nachrichten ] [Nachrichtendienste ] [ Ticker ] +++ Mo.12.05.03, 12:45: Irak am vierundfünfzigsten Tag nach Kriegsbeginn:
USA wechseln Spitze ihrer Zivilverwaltung im Irak aus.
Anlass könnten dringende Warnungen sein, dass die eskalierende Gewalt und der Zusammenbruch der Ordnung
die Anstrengungen für den Wiederaufbau lähmten +++
Schiitischer Partei- und Religionsführer fordert baldigen Abzug der US-Armee und freie Wahlen +++
Franks erklärt Baath-Partei für aufgelöst +++
Welternährungsprogramm lobt Saddam Husseins Programm zur Nahrungsmittelverteilung +++
USA wollen angeblich Waffensuchtrupp aus dem Irak abziehen +++
Mo.12.05.03 - Die USA wechseln Spitzenkräfte ihrer zivilen Verwaltung im Irak aus. Der zivile
Verwaltungschef, Ex-General Jay Garner, werde in Kürze abgelöst werden, bestätigten hohe
US- Regierungsbeamte nach US-Medienberichten am Sonntag. Sein Nachfolger soll der
Terrorismusexperte Paul Bremer werden, den Präsident George W. Bush erst am vergangenen
Dienstag zum neuen Spitzenverwalter für den Irak ernannt hatte.
Zunächst hatte es aber geheißen, Bremer werde an der Seite
Garners arbeiten. Auch die oberste Zivilverwalterin der Region
Bagdad, Barbara Bodine, sei nach weniger als drei Wochen auf
einen neuen Posten in Washington versetzt worden. Auch andere US- Spitzenkräfte
müssten ihre Posten räumen. Bis Ende des Monats werde es eine ganz andere
Führungsstruktur geben, sagte ein hoher Regierungsbeamter laut "Washington
Post".
In der "New York Times" hieß es unter Berufung auf nicht namentlich genannte
US-Regierungsbeamte, Anlass für die personellen Veränderungen seien dringende
Warnungen, dass eskalierende Gewalt und der Zusammenbruch der Ordnung
die Anstrengungen für den Wiederaufbau lähmten. Die "Washington Post" hatte über
weit verbreitete Unzufriedenheit mit den Leistungen Garners und seines Teams berichtet.
Gut einen Monat nach der Eroberung Bagdads hat der Kommandeur
des allierten Irak-Feldzugs, US-General Tommy Franks, die Baath-Partei des
gestürzten Präsidenten Saddam Hussein für aufgelöst erklärt. "Die Baath-Partei ist
aufgelöst", hieß es in einer im US-kontrollierten Rundfunk verlesenen Erklärung.
"Besitztümer der Baath-Partei müssen der derzeitigen Militärbehörde übergeben
werden."
In dem Aufruf wurde jeder, der im Besitz von Dokumenten der Baath-Partei oder der
irakischen Regierung ist aufgefordert, diese zu erhalten - also nicht zu zerstören -
und den Alliierten zu übergeben. Mit Franks Anordnung wurde die Partei
aufgelöst, die Irak 35 Jahre regiert hatte.
Rund 1,5 Millionen der 24 Millionen Iraker waren Mitglied der Baath-Partei. Aber nur
25.000 bis 50.000 gehörten zur Elite. Mitgliedschaft in der Partei war jahrzehntelang
Voraussetzung dafür, einen Verwaltungsjob zu bekommen. Trotz des Bemühens, ranghohe
Baathisten ausfindig zu machen, bezeichnen es US-Militärs als weder möglich noch
wünschenswert, alle Parteimitglieder von öffentlichen Anstellungen im Nachkriegsirak auszuschließen
Ein Programm zur Nahrungsmittelverteilung, mit dem Saddam
Hussein sein Volk in den 90er Jahren äußerst effizient versorgte, wird nun von den
Vereinten Nationen übernommen. Wie der Chef des Welternährungsprogramms
(WFP), James T. Morris, am Sonntag in Bagdad sagte, verfügen die UN über kein
annähernd so funktionsfähiges System wie das gestürzte Regime.
In den kommenden sechs Monaten müssen die UN-Mitarbeiter die Bevölkerung mit
2,5 Millionen Tonnen Nahrung versorgen. Die größte Verteilaktion in der Geschichte
der Organisation werde sich daher des gigantischen und komplett computerisierten
Verteilungsnetzes bedienen, das Saddam Hussein nach Verhängung der
UN-Sanktionen 1990 aufbaute, sagte Morris. Für den Gegenwert von etwa 10
Euro-Cent bekam jeder Iraker eine Monatsration Zucker, Mehl, Reis, Bratfett, Seife,
Waschpulver, Milch, Linsen und Bohnen. Das System verfügte über 45.000
Verteilstellen.
Zu Beginn reichten die Rationen gerade aus, um die Einwohner am Leben zu halten.
Nachdem das Land 1996 Öl für Nahrung und Medikamente exportieren durfte,
stiegen die Zuteilungen stetig. Womöglich festigte das Programm das Ansehen des
Staatschefs ganz erheblich. Gleichwohl findet Morris, ein Amerikaner, nur lobende
Worte: "Das System funktionierte hervorragend. Hätten wir es nicht, wäre die
Verteilung der Nahrung eine kaum zu bewältigende Aufgabe." Er hofft, dass die
meisten Daten des Handelsministeriums über das Netzwerk den Krieg überlebt
haben.
In Basra forderte unterdessen der aus dem iranischen Exil heimgekehrte irakische Partei- und Religionsführer
Ajatollah Mohammed Bakr el Hakim den baldigen Abzug der US-Armee und freie Wahlen. Hakim, Chef des
schiitischen Hohen Rates für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI), machte politische Ansprüche seiner
Organisation geltend. "Wir wollen ein System, das den Willen des Volkes ausdrückt", sagte er am Samstag. Der Irak
brauche keine Übergangsregierung, sondern eine Regierung, die auf demokratischem Wege gewählt sei. Hakim war
ein entschiedener Gegner des Saddam- Hussein-Regimes, vor dem er 1980 nach Iran floh. Er war am Samstag nach
23 Jahren in den Irak zurückgekehrt. Seine Organisation tritt für ein politisches System ohne religiösen oder
ethnischen Proporz ein. Noch ist unklar, ob der Ajatollah dauerhaft in die irakische Stadt Nadschaf zurückkehren will.
Die USA wollen nach wochenlanger erfolgloser Suche nach
Massenvernichtungswaffen im Irak nach amerikanischen
Medienberichten vom Sonntag angeblich einen großen Teil ihrer
Waffensuchtrupps wieder abziehen. Im Juni werde die als 75.
Gruppe bekannte Abteilung abziehen, die bisher die Suche nach
Massenvernichtungswaffen koordiniert hat, berichtete die
"Washington Post".
Offiziere des US-Waffensuchtrupps sagten der "Washington Post", sie glaubten nicht, dass sie noch etwas
Entscheidendes im Irak finden könnten. Eine Stellungnahme der US-Behörden lag bisher nicht vor. Der Bericht stand
im Widerspruch zu Erklärungen des Pentagon. Erst vor wenigen Tagen hatte das Verteidigungsministerium erklärt, die
USA wollten die Zahl der Waffeninspekteure in der 75. Gruppe auf über 2500 verdreifachen. Neben Armeespezialisten
sollten auch Mitarbeiter des Geheimdienstes CIA und des amerikanischen Bundeskriminalamtes FBI hinzugezogen
werden, hieß es.
Mitarbeiter der 75. Gruppe machten nun gegenüber der "Post" ihre Ernüchterung deutlich. Sie seien mit der
Erwartung in den Irak gekommen, binnen kürzester Zeit hunderte Tonnen von Chemie- und Biowaffen sowie Hinweise
auf ein Atomwaffenprogramm zu finden.
Eines der Hauptargumente der US-Regierung für den Krieg war gewesen, dass der Irak über
Massenvernichtungswaffen verfüge und damit eine Gefahr für die Welt darstelle. Noch am 1. Mai hatte Bush an Deck
des Flugzeugträgers "USS Abraham Lincoln" erklärt, die USA hätten die Suche nach Massenvernichtungswaffen
begonnen und wüssten von hunderten Orten, die untersucht würden. (Quellen: dpa, ap)
«Erfolgloser Abgang der Elite-Schnüffler -
Sie waren die Hoffnungsträger Amerikas. Mit modernstem Gerät sollten die Experten der 75th
Exploitation Task Force Massenvernichtungswaffen im Irak aufspüren und der US-Regierung damit
nachträglich den Grund für den Irak-Krieg liefern. Nun haben sie offenbar entnervt aufgegeben»
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«Kaum ist die intensive Berichterstattungsphase anlässlich des Kriegs gegen den Irak vorüber, reden die Verantwortlichen der
großen Fernsehstationen bereits vom nächsten Krieg, von neuen Risiken und Herausforderungen, denen Medien im allgemeinen
und TV-Stationen im speziellen ausgesetzt sein werden. »
«Anlässlich der zweiten Bieler Kommunikationstage haben Nik Gowing, Hauptprogrammgestalter BBC,
Ibrahim Helal, Chefredakteur von Al-Dschasira und Tony Maddox, CNN-Vizepräsident für Europa, Nahost
und Afrika, den Versuch einer ersten Bilanz der TV-Kriegsberichterstattung nach dem Ende der Kampfhandlungen
im Irak unternommen. Die Bilanz ist ernüchternd - die Aussichten ebenso. "A fresh set of risks" würde folgen,
prognostizierte Maddox stellvertretend für sämtliche drei Diskutanten. (...)
Nik Gowing, Hauptprogrammgestalter BBC skizzierte in seinem einleitenden Beitrag anlässlich eines Panels im Rahmen der
zweiten Bieler Kommunikationstage, worauf sich Medienschaffende in Zukunft gefasst machen müssen. Das Ringen um die
Informationshoheit zwischen Medienunternehmen auf der einen und Regierungsstellen auf der anderen Seite habe eine neue
Qualität erreicht. Es sei zwar schwierig zu belegen, aber die Hinweise - nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Erfahrungen -
verdichteten sich: "Wenn es nötig ist, bringen sie uns um", so BBC-Anchorman Nik Gowing....» (telepolis vom 12.05.03)
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Deutschland: In der Chefetage des Auswärtigen Amts scheint es
für den US-Angriff auf den Irak mehr Verständnis zu geben, als es
die offizielle Linie der Bundesregierung vermuten lässt.
Der Mitarbeiter im Planungsstab des Außenministeriums, Hans-Gerhart Schmierer, äußerte auf einer Tagung
der Friedrich-Ebert-Stiftung laut "tageszeitung" Verständnis für den Angriff auf den Irak.
Die Berufung der USA auf ihr Recht zur Selbstverteidigung "sei nicht einfach aus der Luft gegriffen"...
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Powell fordert «praktische Schritte» von Israel und Palästinensern
Mo.12.05.03 - Zur raschen Umsetzung des Nahost-Friedensplans fordert US-Außenminister Colin
Powell von Israel und den Palästinensern "praktische Schritte". "Lassen Sie uns jetzt beginnen und keinen
weiteren Tag vergeuden", sagte Powell nach getrennten Gesprächen mit dem neuen palästinensischen
Ministerpräsidenten Mahmud Abbas und dessen israelischem Kollegen Ariel Scharon am Sonntag. Abbas
und Scharon bekräftigten ihren Willen zu einer Verwirklichung des Friedensplans und raschen
Fortschritten.
Scharon kündigte nach seinem Gespräch mit Powell in Jerusalem ein baldiges
Treffen mit der palästinensischen Führung an. Nach israelischen Medienberichten
könnte eine Begegnung von Abbas und Scharon Ende dieser Woche stattfinden,
bevor der israelische Regierungschef nach Washington fliegt.
Unterdessen nahmen Israel und die Palästinenser nach wochenlanger
Unterbrechung ihre Sicherheitsgespräche auf hoher Ebene wieder auf. Radio Israel
berichtete am Sonntagabend, dass der israelische Koordinator für die besetzten Gebiete, General Amos Gilad, und
der palästinensische Sicherheitschef Mohammed Dachlan am
Samstagabend zu einem Geheimtreffen zusammengekommen
seien. Die Informationen von palästinensischer Seite wurden
auch von Regierungskreisen in Jerusalem bestätigt. Keine
Informationen gab es über den Ort und Inhalt der Gespräche.
Im Zusammenhang mit dem Besuch von US-Außenminister Colin
Powell sagten israelische Regierungsbeamte am späten
Sonntagabend, dass von Montagmorgen an 25 000 Palästinenser
nach längerem Einreiseverbot wieder nach Israel zur Arbeit
kommen dürften. Zudem sollen als eine Geste des guten Willens
etwa 180 Häftlinge frei gelassen werden, berichtete die
israelische Zeitung "Haaretz" in ihrer Internet- Ausgabe vom
Montag.
Powell verlangte von den Palästinensern ein entschlossenes
Vorgehen gegen Extremistengruppen, von Israel konkrete
Schritte zur Verbesserung der Lebensumstände in den Palästinensergebieten. Die Palästinenser brauchten eine
"mutige Führung", sagte der US- Außenminister nach dem Treffen mit Abbas in der Oasenstadt Jericho im
Westjordanland. Powell äußerte sich zuversichtlich, dass beide Seiten für Fortschritte reif seien und bekräftige die
Entschlossenheit der USA, den blutigen Konflikt in der Region zu beenden.
Powells Besuch wurde von neuer Gewalt in den Palästinensergebieten begleitet. Nahe der jüdischen Siedlung Ofra im
nördlichen Westjordanland erschossen Palästinenser einen 53-jährigen Israeli. Zu der Tat bekannte sich die
Fatah-Splittergruppe "Al-Aksa-Brigaden". Israelische Soldaten hatten kurz zuvor im Gazastreifen einen Palästinenser
getötet.
Powell sowie Scharon und Abbas sprachen von einer besonderen Gelegenheit zur Lösung des Nahost-Konflikts zu
diesem Zeitpunkt angesichts der veränderten Realität nach dem Irak-Krieg. "Die Gelegenheit für echte politische
Fortschritte ist da", sagte Abbas. Er betonte allerdings, der Friedensplan der USA, der UN, Russlands und der EU
müsse originalgetreu umgesetzt werden. Der Plan sieht unter anderem die Einrichtung eines lebensfähigen
Palästinenserstaates bis 2005 vor.
Abbas forderte von Israel einen Siedlungsstopp, ein Ende der Besatzung, der Hauszerstörungen und die Freilassung
Tausender Häftlinge. Er verlangte auch ein Ende der israelischen Blockade des Palästinenserpräsidenten Jassir
Arafats. Aus Protest gegen die Weigerung Powells, Arafat zu treffen, hatte dessen Fatah-Bewegung einen
Generalstreik in Ramallah ausgerufen.
Scharon erklärte, Israel sei bereit, "viel zu investieren", um eine friedliche Lösung zu erzielen. Gleichzeitig betonte er,
der Schlüssel dafür sei ein ernsthafter Kampf gegen den Terrorismus auf palästinensischer Seite. "Ruhe und
Sicherheit für die Bürger Israels werden zu israelischen Schritten führen, die eine neue und bessere Realität für die
palästinensische Bevölkerung ermöglichen", sagte Scharon. Zur genauen Art der geplanten Konzessionen machte er
keine Angaben.
(Quelle: dpa)
Hintergrund: Der «Fahrplan» zum Nahost-Frieden
Mo.12.05.03 - Vertreter des so genannten Nahost-Quartetts (USA, EU, UN und
Russland) haben den Konfliktparteien in der vergangenen Woche ihren «Fahrplan»
zu einer Friedenslösung übergeben. Er enthält folgende Kernpunkte:
PHASE I: Die palästinensische Führung bekräftigt in einer öffentlichen Erklärung
Israels Recht auf Existenz in Frieden und Sicherheit und ruft zu einem sofortigen
Ende aller Gewalt gegen Israelis an jedwedem Ort auf. Israel bekräftigt in einer
öffentlichen Erklärung seine Verpflichtung zu einem existenzfähigen souveränen
Palästinenserstaat und ruft zu einem sofortigen Ende derGewalt gegen Palästinenser
auf.
Der Sicherheitsapparat der Autonomiebehörde muss danach «sichtbare Anstrengungen»
unternehmen, um «Kämpfer zu verhaften, zu zerschlagen und zurückzuhalten sowie illegale
Waffen zu beschlagnahmen». Israel darf gleichzeitig keine «Aktionen, die Vertrauen
zerstören» unternehmen, inklusive der Zerstörung palästinensischer Häuser als Strafmaßnahme.
Die palästinensischen Sicherheitskräfte werden in drei Diensten konsolidiert, die
einem bevollmächtigten Ministerpräsidenten verantwortlich sind. Sie werden
schrittweise die Sicherheitskooperation mit den israelischen Streitkräften wieder
aufnehmen.
Im Anschluss an ihre demokratischen Reformen müssen die Palästinenser sobald wie möglich freie, offene und faire
Wahlen abhalten. Israel ergreift seinerseits Maßnahmen zur Verbesserung der humanitären Lage im Westjordanland
und im Gazastreifen. Es hebt Ausgangssperren auf und lockert die Bewegungsbeschränkungen für Personen und
Güter.
Israel muss zudem unverzüglich alle Siedlungsaußenposten abbauen, die seit März 2001 (in den
Palästinensergebieten) errichtet wurden, sowie jeden Siedlungsbau einstellen, einschließlich von solchem der der
Befriedigung des natürlichen Wachstums dient. Die israelischen Truppen ziehen sich aus den Autonomiegebieten
zurück, die seit dem Ausbruch der Intifada (Palästinenseraufstand) am 28. September 2000 wieder besetzt wurden.
PHASE II ab Dezember 2003: Sie wird von einer internationalen Konferenz eröffnet, die vom (Nahost-)Quartett
unmittelbar nach dem erfolgreichen Abschluss der palästinensischen Wahlen einberufen wird. Die Konferenz wird zur
Gründung eines palästinensischen Staates mit provisorischen Grenzen führen. Als Teil dieses Prozesses muss Israel
«weitere Maßnahmen hinsichtlich von Siedlungen» ergreifen.
Der Übergang in PHASE III erfolgt Grundlage einer «Beurteilung des Quartetts im Konsens». Das Ziel ist die
Veranstaltung einer zweiten internationalen Konferenz Anfang 2004, die zu einer endgültigen Beilegung des
israelisch-palästinensischen Konflikts im Jahr 2005 führen sollte.
Die Friedenslösung wird auf den UN-Resolutionen 242, 338 und 1397 beruhen und die 1967 begonnene israelische
Besetzung (der Palästinensergebiete) beenden. Sie wird eine «vereinbarte, gerechte, faire und realistische Lösung der
(palästinensischen) Flüchtlingsfrage» und «eine Verhandlungslösung des Status von Jerusalem, die die politischen
und religiösen Anliegen beider Seiten berücksichtigt» einschließen. (Quelle: dpa)
Israel riegelt Gaza-Streifen erneut vollständig ab
Mo.12.05.03 - Die israelische Armee hat den Gazastreifen nur wenige Stunden
nach seiner Öffnung wieder vollständig abgeriegelt. Aus
"Sicherheitserwägungen" sei der gesamte Gazastreifen bis auf
weiteres abgeriegelt, sagte ein Armeesprecher am Morgen. Mit
Ausnahme von Diplomaten und in Notfällen sei allen Palästinensern
und Ausländern die Ein- und Ausreise in den Gazastreifen
verboten. Etwa 15.000 palästinensische Arbeiter sind von dieser
Maßnahme betroffen. Erst am Sonntag war ihnen wieder erlaubt
worden, ihrer Arbeit in Israel nachzugehen.
Zuvor hatten Soldaten beim Einmarsch in die Stadt Rafah im südlichen Gazastreifen
zwei Mitglieder der Brigaden der El-Aksa-Märtyrer getötet. Die Brigaden der
El-Aksa-Märtyrer sind der bewaffnete Arm der Fatah-Organisation von
Palästinenserpräsident Jassir Arafat. Zwei weitere Palästinenser wurden bei dem
Einmarsch durch israelische Kugeln verletzt, wie palästinensische Sicherheitskräfte
und Ärzte mitteilten. Die Armee riss in Rafah demnach zwei Häuser mit Bulldozern
ab. Die Armee nahm zu dem Vorfall, der die Nahost-Missionen von
US-Außenminister Colin Powell und des EU-Außenbeauftragten Javier Solana
überschattet, nicht Stellung. (Quelle: afp)
Zwölf Tote bei Stammeskämpfen im Nordosten Kongos
Mo.12.05.03 - In der nordostkongolesischen Stadt Bunia sind am Sonntag bei
Kämpfen zwischen verfeindeten Stämmen wieder zwölf Menschen getötet worden.
Die Vereinten Nationen forderten die Kämpfer der Lendu und Hema auf, die Stadt zu
verlassen, damit die UN den Bewohnern helfen und in der Stadt wieder eine zivile
Ordnung herstellen können. Die Verwaltung der Stadt ist nach dem Abzug
ugandischer Truppen praktisch zusammengebrochen.
Die UN-Mission für Kongo (MONUC) hat 625 Soldaten in Bunia, der Hauptstadt der
Krisenprovinz Ituri, stationiert. Ihnen stehen nach UN-Angaben in Ituri zwischen 25.000 und
28.000 Stammeskämpfer gegenüber. Seit Beginn der jüngsten Kämpfe am Mittwoch
wurden in Bunia Dutzende Menschen getötet, nach Angaben einer örtlichen
Menschenrechtsgruppe soll es allein am Samstag mehr als 200 Tote gegeben haben. Die
MONUC konnte diese Zahlen aber zunächst nicht bestätigen. Die Gewalt begann, nachdem
Uganda gemäss dem Friedensabkommen für das Land 6.000 Soldaten aus Ituri
abgezogen hatte. Seitdem kämpfen Lendu und Hema um die Vorherrschaft in Bunia.
UN-Generalsekretär Kofi Annan ersuchte den Weltsicherheitsrat, sich einzuschalten, um den Verlust
weiterer Menschenleben zu verhindern. (Quellen: ap, dpa)
«Kongos Milizen führen die UNO vor -
Die UN-Mission bleibt untätig, während Milizen in der Stadt
Bunia Massaker verüben. Alle Hilfsorganisationen sind
evakuiert. Heute berät der UN-Sicherheitsrat über die Zukunft
der Blauhelme im Kongo. Südafrika droht mit eigenem
Eingreifen»
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In Litauen 90 Prozent der Wähler für EU-Beitritt
Mo.12.05.03 - Litauen hat sich in einem Volksentscheid klar für den EU-Beitritt
entschieden. Rund 90 Prozent der Wähler in dem dem baltischen Staat stimmten
für die ab Mai 2004 geplante Mitgliedschaft in der Europäischen Union, teilte die
staatliche Wahlkommission in Vilnius am Montagmorgen nach Auszählung nahezu
aller abgegebenen Stimmen mit. Mehr als 63 Prozent der knapp 2,7 Millionen
Wahlberechtigten hatten sich am Samstag und Sonntag nach vorläufigen Zahlen an
dem politisch bindenden Referendums beteiligt und damit die Gültigkeit gesichert.
"Hallo, Europa", sagte Staatsoberhaupt Rolandas Paksas unter dem Jubel
Tausender von Bürgern auf dem Vorplatz des Präsidentenpalasts: "Ein neuer
Abschnitt in unserer Geschichte beginnt." Regierungschef Algirdas Brazauskas sprach
von einer Entscheidung für die Zukunft der "jungen Menschen". Beethovens Neunte Symphonie
"Ode an die Freude" untermalte als EU-Hymne ein Feuerwerk. Später spielten bekannte litauische Musikgruppen
und machten die Wahlnacht zu einem Volksfest.
EU-Skeptiker sind in Litauen weder organisiert noch im Parlament vertreten. Die baltische Nachrichtenagentur BNS
meldete aber, dass Einzelpersonen auf Grund von "gesetzeswidriger Werbung" vor dem litauischen
Verfassungsgericht den Volksentscheid anfechten wollen.
Die ehemalige Sowjetrepublik Litauen, die 1991 ihre Unabhängigkeit wiedererlangte, gehört zu den zehn Ländern, um
die die EU 2004 erweitert werden soll. In Volksabstimmungen haben bisher Malta, Slowenien und Ungarn die
Beitrittsverträge gebilligt. (Quelle: dpa)
Frauen weiterhin von Diskriminierung am Arbeitsplatz betroffen
Mo.12.05.03 - Zwar sind Fälle von Diskriminierung am Arbeitsplatz weltweit auf dem
Rückzug, doch müssen Frauen und angehörige ethnischer Minderheiten nach einem
UN-Bericht noch immer mit Vorurteilen kämpfen. Die meisten Regierungen hätten
jedoch erkannt, dass Diskriminierung - insbesondere auf Grund von Rasse und
Geschlecht - ein Hindernis für die Beschäftigung darstelle, heißt es in dem am
Montag in Genf veröffentlichten Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).
Praktisch überall werde diese Diskriminierung verurteilt, sagte ILO-Leiter Juan
Somavia. Auch seien vielerorts schon Schritte eingeleitet worden, um die
Diskriminierung zu beenden. Dennoch sei es bis zur Gleichberechtigung noch ein
weiter Weg.
Die Hauptautorin der 136 Seiten umfassenden Studie mit dem
Titel "Zeit für Gleichberechtigung bei der Arbeit", Manuela
Tomei, erklärte vor Journalisten, Diskriminierung könne nicht
direkt gemessen werden. Die Studie stützt sich daher auf
Hinweise wie unterschiedlichem Verdienst in unterschiedlichen
Bevölkerungsgruppen. Die Autoren zogen zieht ferner Daten von
Regierungen, der Weltbank, Universitäten und
Antidiskriminierungsorganisationen heran.
Frauen, die gegenwärtig weltweit 67 Prozent des
Arbeitskräftepotenzials darstellen, seien die bei weitem größte Gruppe, die benachteiligt werde. "Egal, auf welchem
Gebiet, wie groß die Firma oder in welcher Gegend der Erde, Frauen verdienen weniger als Männer", heißt es in dem
Bericht. Denn sie arbeiteten häufiger in den am schlechtesten bezahlten und unsichersten Jobs. In
Entwicklungsländern würden ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten durch Hindernisse bei der Ausbildung, beim
Landbesitz und bei Krediten blockiert.
Auch ältere Arbeitnehmer würden benachteiligt, etwa durch eine Altersbeschränkung bei Einstellungen oder indem
Druck auf sie ausgeübt werde, Jüngeren Platz zu machen. Die sich verändernde Altersstruktur der Weltbevölkerung
mache es umso wichtiger, gegen diese Art der Diskriminierung vorzugehen, sagte Tomei. Bis 2050 werden 33 Prozent
der Bevölkerung in Industriestaaten und 19 Prozent in Entwicklungsländern 60 Jahre und älter sein, die meisten davon
Frauen.
(Quelle: ap)
«Um das Dienstleistungsabkommen GATS (General Agreement
on Trade in Services) und seine Auswirkungen für Frauen ging
es am Wochenende auf dem ATTAC-Kongreß "Das GATS und
die Frauen" in Köln»
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«Die Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungen trifft Frauen ganz besonders»
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Gats-Kritik im Internet:
Debatte um höhere Mehrwertsteuer
Mo.12.05.03 - Angesichts der desolaten Finanzlage hält der Wirtschaftsforscher Klaus
Zimmermann eine Erhöhung der Mehrwertsteuer für unausweichlich. "Ich kann nicht sehen,
wie der Haushalt auf Dauer sonst saniert werden könnte", sagte der Chef des Deutschen Instituts
für Wirtschaftsforschung (DIW) der "Berliner Zeitung" (Montag). Auch aus der SPD und aus den
Gewerkschaften waren jüngst Forderungen nach einer Anhebung der Mehrwertsteuer gekommen.
Finanzminister Hans Eichel (SPD) hatte am Wochenende
eingeräumt, dass er seine zentralen Haushaltsziele nicht
erreichen kann. So sei der angestrebte ausgeglichene Haushalt bis 2006 nicht mehr
zu schaffen. Eine höhere Mehrwertsteuer lehnte er ab, schloss sie aber auch nicht
aus. "Ich will sie nicht. Aber ich spiele das Spiel nicht alleine", sagte er in der
ARD.
SPD-Fraktionsvize Joachim Poß warnte davor, die Milliardenlöcher im Haushalt mit
einer Erhöhung der Mehrwertsteuer zu schließen. "Sie wäre in der jetzigen
wirtschaftlichen Situation, die von Unsicherheit geprägt ist, grundfalsch", sagte Poß
der "Rheinischen Post" (Montag).
DIW-Chef Zimmermann sagte, eine Anhebung der Mehrwertsteuer um zwei oder drei
Prozentpunkte werde man brauchen. Ein Prozentpunkt bringe Mehreinnahmen von
rund sieben Milliarden Euro. Eine Steuererhöhung dürfe aber nicht dazu führen,
"Druck aus den Reformanstrengungen" zu nehmen. Nötig sei ein Gesamtkonzept,
das die Senkung von Ausgaben, strukturelle Reformen und höhere Einnahmen umfassen müsse. Auf den Prüfstand
gehörten alle Unternehmenssubventionen.
Bei der Union gibt es Streit über den Abbau der Subventionen. CDU- Vize Jürgen Rüttgers will das Programm seines
Parteifreundes Roland Koch zum linearen Abbau von Subventionen im Präsidium der Partei kippen. Rüttgers will die
Subventionen dagegen gezielt abbauen. Nach einem «Focus»-Bericht will er heute (Montag) im Präsidium für sein
Konzept werben. (Quelle: dpa)
Verdi-Chef Bsirske wirft Regierung Arbeitsplatzvernichtung vor
Mo.12.05.03 - Der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Frank
Bsirske, rechnet mit einem Verlust von 100.000 Arbeitsplätzen durch die
Reformpläne von Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Die Bundesregierung müsse auch die großen Vermögen zur Finanzierung des
Sozialstaates heranziehen etwa durch eine Vermögenssteuer, Steuern auf
Aktienkäufe und eine Mindeststeuer auf Unternehmensgewinne, sagte Bsirske der
"Bild"-Zeitung (Montagausgabe) laut Vorabbericht. Stattdessen wolle die Regierung
"die Arbeitslosenhilfe streichen, damit der Steuersatz für Spitzenverdiener sinken kann.
... Mit solchen Einschnitten kostet die Agenda 2010 in den nächsten Monaten weitere
100.000 Arbeitsplätze."
Die geplante Erhöhung der Tabaksteuer sowie die höhere Neuverschuldung reichen
Bsirske zufolge nicht aus. "Die Bundesregierung zahlt jetzt die Zeche dafür, dass sie zwei
Jahre lang in die Wirtschaftskrise hineingespart hat und die Großkonzerne um 30 Milliarden Euro
Körperschaftsteuer entlastet hat." Das Geld fehle bei öffentlichen Investitionen, bei der Rente und den Krankenkassen.
Die Folge seien hohe Arbeitslosigkeit und gigantische Steuerausfälle.
Die steigende Belastung der Beschäftigten durch höhere Steuern, Zuzahlungen und soziale Einschnitte würden sich
auch auf künftige Tarifverhandlungen auswirken, sagte Bsirske. "Wenn die Politik den kleinen Leuten immer tiefer in
die Tasche greift, erhöht das den Druck auf die Gewerkschaften, zum Ausgleich deutliche Lohnerhöhungen
durchzusetzen." (Quelle: rtr)
Blick ins Archiv:
«Oppositionelle ver.di-Aktivisten plädieren für Generalstreik und Abschied von den Sozialdemokraten»
Dem Anpassungskurs der Gewerkschaftsspitze
entgegenwirken« will das "Netzwerk für eine kämpferische
und demokratische ver.di", deren Mitglieder am Samstag zum
14. bundesweiten Treffen in Kassel zusammenkamen.
Mehr unter:
«Absage an Mitte-Links-Bündnisse - Linke Gruppen wollen in Deutschland den Boden für eine "antikapitalistische Alternative" bereiten»
Am Sonnabend trafen sich in Frankfurt am Main zum ersten Mal
die "Freundinnen und Freunde der Europäischen
Antikapitalistischen Linken" (EAL). In Anlehnung an das Anfang
2000 in Lissabon gegründete Netzwerk verschiedener Parteien
und Gruppierungen auf europäischer Ebene wollen sich die
Teilnehmer des Frankfurter Treffens künftig auch in
Deutschland für eine "antikapitalistische Alternative" stark
machen. Das europäische Netzwerk besteht aus
trotzkistischen Organisationen, ehemals maoistischen
Gruppierungen und Parteien, die aus dem traditionell
kommunistischen Spektrum hervorgegangen sind. (Quelle: junge welt)
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Berlins Regierender Bürgermeister für bundesweite Studiengebühren
Mo.12.05.03 - Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat die Einführung
von Studiengebühren an deutschen Hochschulen gefordert. Er sehe keine
Alternative, sagte der SPD-Politiker der "Berliner Zeitung". Die Gebühren sollten für
das Erststudium erhoben werden. Angesichts der angespannten Finanzlage gebe
es für die Universitäten zwei Möglichkeiten: "Entweder wir geben den Unis mehr
Geld, das wir nicht haben, oder wir begreifen, dass wir auch von den Studenten
einen Beitrag erwarten dürfen", so Wowereit. (Quelle: dpa)
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Alexander Kluge - Georg-Büchner-Preisträger 2003
Mo.12.05.03 - Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat mit Alexander Kluge als
Büchnerpreisträger 2003 auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Wahl getroffen. Der
"Autor, Filmemacher und Medienmanager", wie Nachschlagewerke seine Persönlichkeit einzufangen
versuchen, sprengt das Bild des Schriftstellers. Er dürfte der erste Träger des bedeutendsten deutschen
Literaturpreises sein, der auch das Filmband in Gold und weitere cineastische Trophäen besitzt. Und
der intellektuelle Professor entspricht wohl auch nicht dem revolutionären jungen Büchner.
Bei näherem Hinsehen aber stellt man fest, dass die Akademie ihre eigenen
Kriterien beachtet hat: Den Preis sollen nur Schriftsteller und Dichter erhalten, die
"durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und an der
Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben".
Zudem ist das Votum für Kluge eine Rückkehr zur Vergabe-Praxis des seit 1923
zunächst vom "Volksstaat Hessen" vergebenen Büchnerpreises, den damals auch
Maler, Bildhauer und Musiker bekamen.
Kluges Aktivitäten sind so zahlreich, dass es mit einer genauen Berufsbezeichnung
schwierig wird: Er hat wissenschaftliche Werke, Romane ("Schlachtbeschreibung"),
Erzählungen ("Lernprozesse mit tödlichem Ausgang") und Essays geschrieben. Sein
erzählerisches Gesamtwerk erschien im Jahr 2000 als zweibändige, inzwischen preisgekrönte
"Chronik der Gefühle". Kritiker lobten die literarische Qualität und schrieben von einem
"Jahrhundertbuch", von einer "Eröffnungsbilanz des 21. Jahrhunderts", von einem
"Zusammenschnitt von Alltag und Abenteuer, Kolportage, Fiktion und Reflexion".
Als Autor und Produzent war Kluge Mitbegründer des "Neuen Deutschen Films" und gab sein Wissen als
Hochschullehrer weiter. Als Medienmanager sorgte er schließlich dafür, dass im Privatfernsehen eigene Fenster mit
Kultur- und Magazinsendungen wie "Spiegel TV", "10 vor elf" oder "News & Stories" erfolgreich etabliert wurden.
Wie wohl kein anderer deutscher Intellektueller hat sich Kluge gleichzeitig mit Wort und Bild als modernen
Kommunikationsmitteln auseinander gesetzt, dies sowohl in Theorie und Praxis. "Ich bin kein absoluter
Bilderfetischist, aber die Bilder überraschen doch sehr stark", sagte Kluge einmal.
"Öffentlichkeit und Erfahrung" hieß 1972 das mit dem Soziologen Oskar Negt verfasste Werk: Der programmatische
Titel hat Kluges gesamtes Schaffen durchzogen. Der 1932 in Halberstadt gebürtige Arztsohn und promovierte Jurist,
der zusammen mit Jürgen Habermas bei Theodor Adorno in Frankfurt/Main studierte, kam über ein Volontariat beim
berühmten Regisseur Fritz Lang zum Film. Nach ersten Kurz- und Dokumentarfilmen wurde Kluge mit Edgar Reitz
und Peter Schamoni als Initiator des "Oberhausener Manifests" zum Erneuerer des deutschen Films. In Büchern wie
Filmen verknüpft Kluge dokumentarische Ausschnitte mit gedanklichen Zusammenhängen. International erfolgreich
wurden seine beiden Spielfilme "Abschied von gestern" (1966) und "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" (1968).
Schneller als andere erkannte der Autorenfilmer die innovativen Möglichkeiten des Massenmediums Fernsehen, das
von der 68er- Generation eher skeptisch betrachtet wurde. Nach Einführung des Privatfernsehens im Jahr 1984 war es
Kluge, der mit seiner Produktionsfirma DCTP die Idee des "Herausgeber-Fernsehen" proklamierte. Als
Geschäftsführer der DCTP gelang es Kluge, zusammen mit renommierten Verlagen Lizenzen für eigene
Programmfenster bei RTL, SAT.1 und Vox zu bekommen.
Kluge macht seine eigenen TV-Sendungen für Kulturmagazine wie "10 vor 11". Dabei geht er ohne großen
technischen Aufwand vor: in seiner Altbauwohnung in München-Schwabing hat er ein kleines Mini-Studio mit Blue-Box
eingerichtet und ist dabei sein eigener Programmchef, Regisseur und Drehbuchautor. "Der Prozess des Autorenfilms
ist, nicht arbeitsteilig zu arbeiten", erklärte Kluge einmal. Habermas nennt ihn den "einzigen Projektemacher großen
Formats, den wir haben". (Quelle: dpa)
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Alexander Kluge, Biographie
Blick ins Archiv:
«Jeder hat so einen Bauern in sich.
Der Autor Alexander Kluge im Gespräch mit der "tageszeitung" (13.8.2001) über natürliche Zeit und Übereilung, Not und Wendigkeit, Irrtümer und das Böse. Mehr unter:
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