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Kurznachrichten   [ Allg. Nachrichten ] [Nachrichtendienste ] [ Ticker ] +++ Sa.17.05.03, 12:45 Irak am neunundfünfzigsten Tag nach Kriegsbeginn
Amnesty wirft Briten und Amerikanern Folter an Kriegsgefangenen vor +++
UNO: 500.000 irakische Flüchtlinge kehren in Heimat zurück +++
USA leiten Überprüfung von Mitgliedern der Partei Saddams ein.
US-Verwalter wollen 30.000 Baathisten von Regierung ausschließen +++
Irakischer Schiitenführer Sadr meldet Alleinvertretungsansspruch an +++
Gläubiger wollen Schulden des Iraks auflisten +++
Russland und China lehnen auch neue Irak-Resolution der USA ab +++
Deutschland kommt den USA in Irak-Frage entgegen.
Bilaterales Gespräch zwischen Schröder und Bush nicht in Sicht +++
Sa.17.05.03 - Britische und amerikanische Truppen sollen irakische
Kriegsgefangene gefoltert haben. Das wirft ihnen die Menschenrechtsorganisation
Amnesty International vor. Auf einer Pressekonferenz in London berichtete ein
AI-Vertreter von mindestens 20 Fällen von Folter an gefangen genommenen
irakischen Soldaten und Zivilisten. Er habe die Betroffenen während eines kürzlichen
Aufenthalts im Irak befragt. Amnesty will die gesammelten Zeugenaussagen den
Regierungen in London und Washington vorlegen.
Die Vereinten Nationen bereiten sich auf die Rückkehr von rund einer halben
Million Flüchtlinge nach Irak vor. Die Rückkehrer würden vor allem aus Iran und
Jordanien erwartet, sagte am Freitag ein Sprecher des
UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) in Genf. Gleichzeitig gebe es Spannungen
zwischen der irakischen Bevölkerung und iranischen und palästinensischen
Flüchtlingen in Irak. Das UNHCR habe Kontakt zu einem hohen Schiiten-Führer
aufgenommen, um die Spannungen zu abzubauen. Hinzu kämen noch die innerhalb
Iraks umgesiedelten rund eine Million Iraker, sagte ein weiterer UN-Vertreter.
Im Irak soll am Samstag die Überprüfung des öffentlichen Dienstes auf ehemals
aktive Mitglieder der Baath-Partei des gestürzten Präsidenten Saddam Husseins
beginnen.
Vertreter des von den USA gebildeten Büros für Wiederaufbau
und humanitären Beistand (ORHA) teilten am Freitag mit, im Ergebnis würden
voraussichtlich zwischen 15.000 und 30.000 Funktionäre des gestürzten irakischen
Regimes ihren Posten verlieren. Von der Überprüfung würden die Vollmitglieder der
inzwischen verbotenen Partei erfasst, wobei die obersten vier Ränge eine Zahl von bis
zu 30.000 Kandidaten ausmachten. Das ORHA lenkt das öffentliche Leben im Nachkriegsirak
bis zur Übernahme einer Übergangsregierung.
Unter Saddam hatte die regierende Baath-Partei rund 700.000 Mitglieder. Daher sei
der nun im Irak anlaufende Prozess des Herausfilterns aktiver Baath-Mitglieder nicht
ohne Risiken, hieß es. Dass es nach dem Ausschluss ehemals führender
Parteianhänger zu Schwierigkeiten und Engpässen in der Verwaltung kommen
könne, sei ebenso wenig auszuschließen, wie dass einige Funktionäre sich
heimlich wieder Zugang ins Amt verschaffen könnten.
ORHA-Chef Paul Bremer hatte kurz nach seiner Ernennung Belohnungen
ausgesetzt für Hinweise, die zur Ergreifung ranghoher Baath-Mitglieder führen.
US-General Tommy Franks, Chef der US-Streitkräfte im Irak, hatte die Baath-Partei
am Sonntag für aufgelöst erklärt. Alle Parteidokumente und sämtlicher Partei-Besitz
seien abzugeben, hatte Franks angeordnet.
Nicht nur ehemalige hohe Ministerialbeamte und Beamte in anderen Behörden
verlieren ihre Ämter. Auch Richter, Universitätsprofessoren und Krankenhauschefs
sollen einer Überprüfung unterzogen werden, um Mitläufer und unfreiwillige
Parteimitglieder vom harten Kern der Saddam-Anhänger auszusondern. Wer sich
als Parteimitglied Verbrechen schuldig gemacht habe, solle vor Gericht kommen,
hieß es.
Der einflussreiche irakische Schiitenführer Muktada el Sadr hat einen
Alleinvertretungsanspruch für die schiitische Bevölkerungsmehrheit des Landes
angemeldet. "Ich bin der einzige rechtmäßige Führer", sagte Sadr bei seiner
Freitagspredigt in der El-Kufa-Moschee in der Schiitenhochburg Nadschaf. Die USA
und Großbritannien hätten "keinerlei rechtmäßige Macht" in Irak, betonte der
30-jährige Sohn des hoch angesehenen Großayatollahs Mohammad Sadek el Sadr,
der 1999 angeblich auf Anordnung der damaligen irakischen Regierung ermordet
worden war.
Amerikanische Atomexperten werden in Kürze die Schäden an der größten irakischen Atomanlage untersuchen, wie
die Streitkräfte am Freitag mitteilten. Die Tuwaitha-Atomanlage war nach dem Zusammenbruch der Ordnung in Irak
wiederholt Ziel von Plünderern. Die Anlage ist seit Jahren außer Betrieb und wurde von den Irakern zuletzt zur
Lagerung von deklariertem Atommaterial genutzt.
Rumänien will sich mit 700 Soldaten an der multinationalen Friedenstruppe für Irak beteiligen. Das erklärte der
italienische Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi nach einer Unterredung mit seinem rumänischen Kollegen Adrian
Nastase in Rom.
Die G-8-Staaten wollen den Internationalen Währungsfonds um
eine Aufstellung der irakischen Schulden bitten. Das teilte das
US-Finanzministerium mit. Die Schulden Bagdads im Ausland werden auf rund 127
Milliarden Dollar geschätzt. Ihr möglicher Erlass ist umstritten. Heute treffen sich
die Minister der acht wichtigsten Industrienationen im nordfranzösischen Deauville.
Neben den irakischen Auslandsschulden steht bei dem Treffen die Sorge um das
weltweite Wirtschaftswachstum im Mittelpunkt.
Auch der überarbeitete Resolutionsentwurf der USA zur Aufhebung der UN-Sanktionen
gegen Irak findet nicht die Zustimmung der mit einem Veto ausgestatteten
Sicherheitsratsmitgieder Russland und China. Beide Staaten verlangten am Freitag größere
Änderungen.
In dem von den USA am Donnerstag eingebrachten neuen
Resolutionsentwurf sind die wesentlichen Streitpunkte weitgehend
unverändert geblieben. Die Vereinten Nationen sollen in Irak weiterhin nur eine
begrenzte Rolle spielen, die Machtfülle der Besatzungsmächte USA und
Großbritannien wurde nicht eingeschränkt. Die einzige Konzession an die
US-kritischen Ratsmitglieder ist die Andeutung, sich anstelle einer Aufhebung der
Sanktionen mit einer Aussetzung zufrieden zu geben.
Der russische Vizeaußenminister Juri Fedotow sagte nach einer Unterredung mit
seinem chinesischen Kollegen Yang Wenchang in Moskau, bevor beide Länder zustimmen
könnten, seien wesentliche Änderungen notwendig. Wie ein Mitarbeiter des amerikanischen
UN-Botschafters John Negroponte sagte, enthält der neue Entwurf bereits mehr als
25 Änderungen gegenüber dem ersten Entschließungsantrag. Die USA wollen über den
Entwurf kommende Woche abstimmen lassen
Nach monatelangem Streit wegen des Irak-Kriegs kommt Deutschland den USA
beim Aufbau einer Friedensordnung entgegen. Bundeskanzler Gerhard
Schröder sicherte US-Außenminister Colin Powell am Freitag Unterstützung bei
den Bemühungen um eine Aufhebung der UN-Sanktionen gegen Irak zu und bot ein
stärkeres Engagement in Afghanistan an. Eine deutsche Beteiligung am Wiederaufbau
Iraks blieb weiter offen. Beide Seiten verwiesen auf die solide Grundlage der
deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Powell kam als erster US-Spitzenpolitiker nach Beginn der Irak-Krise nach Berlin.
Neben Schröder traf er Außenminister Joschka Fischer und CDU-Chefin Angela
Merkel. Der Streit um den Golfkrieg hatte das deutsch-amerikanische Verhältnis
schwer belastet. Nach ihrem 30-minütigen Gespräch im Berliner Kanzleramt
sprachen Powell und Schröder von einer freundschaftlichen Atmosphäre. Der
US-Außenminister verwies darauf, dass es ernsthafte Meinungsverschiedenheiten
zwischen beiden Ländern gegeben habe. Dies ändere aber nichts daran, dass sie
Freunde und Partner seien.
Die Verhandlungen über eine neue Irak-Resolution standen im Mittelpunkt des
Gesprächs. Schröder sagte, die Sanktionen gegen Irak machten angesichts der
jetzigen Lage "keinen Sinn" mehr. Zu Einzelheiten des von den USA am
Donnerstag vorgelegten Resolutionsentwurfs äußerte er sich allerdings nicht.
Fischer schloss eine deutsche Beteiligung am Wiederaufbau Iraks unter UN-Mandat
nicht aus. "Für uns ist ein VN-Dach entscheidend."
Das Angebot Schröders, das deutsche Engagement in Afghanistan zu verstärken,
kam überraschend. Dabei soll es aber nicht um eine Ausweitung des
Bundeswehrmandats gehen, sondern um den Einsatz ziviler Teams zur
Unterstützung des Wiederaufbaus auch außerhalb der bisherigen Schutzzone
Kabul.
Merkel plädierte in ihrem Gespräch mit Powell für eine aktive Rolle der NATO im
Nachkriegs-Irak unabhängig von einem UN-Mandat. Zu einer etwaigen deutschen
Beteiligung äußerte sich die CDU-Chefin nicht.
Während des knapp 24-stündigen Deutschlandbesuchs Powells herrschte in Berlin
die höchste Sicherheitsstufe. Am Freitagnachmittag flog der US-Außenminister in
die USA zurück.
In Washington kam es unterdessen zu einem überraschenden Treffen zwischen
dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch und US-Präsident George W.
Bush. Das Gespräch im Anschluss an ein Treffen mit Vizepräsident Dick Cheney
im Weißen Haus dauerte nach Angaben Kochs 17 Minuten. Bush habe ein
"hervorragendes Interesse" an engen Beziehungen zu Deutschland signalisiert.
Ein bilaterales Gespräch zwischen Schröder und Bush ist dagegen weiter nicht in
Sicht. Die beiden würden sich Anfang Juni beim G-8-Gipfel im französischen Evian
treffen, sagte Powell in einem ZDF-Interview. Er wisse aber nicht, ob es zu einem
ausführlichen Gespräch kommen werde. Der deutsche Regierungssprecher Thomas
Steg sagte, ein bilaterales Gespräch sei "bisher nicht vorgesehen". Bush und
Schröder hatten sich zuletzt im November beim Prager NATO-Gipfel getroffen. Auch
das letzte Telefongespräch liegt Monate zurück.
(Quellen: rtr, afp, ap, dpa)
Dokumentation: US-Vorschläge für die Irak-Resolution
Sa.17.05.03 - Auch der neue amerikanische Entwurf einer UN- Resolution zum
Irak verfolgt das Ziel, die Irak-Sanktionen aufzuheben und den USA freie Hand beim
Wiederaufbau des Landes zu ermöglichen. Neu sind in diesem überarbeiteten
Entwurf unter anderem: die mögliche Einbindung des «Pariser Clubs&rquo; zur Lösung
des irakischen Schuldenproblems; und die jetzt als «bedeutend&rquo; bezeichnete Rolle
(«vital role&rquo;) der UN im Irak.
- Der Sicherheitsrat soll die sofortige Aufhebung aller wirtschaftlichen und
finanziellen Sanktionen beschließen, die 1990 nach dem Überfall auf Kuwait
gegen den Irak verhängt wurden - ausgenommen ist das Waffenembargo.
- Das UN-Programm «Öl für Lebensmittel&rquo; soll zunächst für vier Monate
weitergeführt und dann beendet werden. Mit dessen Hilfe verkaufte der Irak von 1996
bis zum Beginn des Krieges 2003 sein Öl und bezahlte so Importe zur Versorgung
der Bevölkerung. Die rund 13 Milliarden Dollar, die sich noch in dem Programm
befinden, sollen in einen neu zu bildenden Irak-Entwicklungsfonds überwiesen
werden.
- In den Fonds sollen auch alle Erlöse aus dem Export von irakischem Öl und
Erdgas fließen, bis sich eine legitime irakische Regierung konstituiert hat, die
international anerkannt ist. Die Kontrolle über den Fonds sollen die Besatzungsmächte USA und Großbritannien
ausüben, in Konsultation mit einer neu zu schaffenden irakischen Übergangsregierung.
- Aus dem Fonds sollen der Import von Versorgungsgütern für die Bevölkerung, die Reparatur von Ölanlagen sowie der
wirtschaftliche Wiederaufbau bezahlt werden. Außerdem soll daraus Kuwait kompensiert werden, und zwar mit Hilfe
von fünf Prozent der irakischen Öl- und Gaserlöse. Jegliche Art von Schadenersatzklagen gegen den Fonds sollen
verboten werden. Alle UN-Mitglieder, die noch alte irakische Staatsgelder oder andere Wertobjekte haben, sollen
diese unverzüglich für den Fonds zur Verfügung stellen.
- Ein internationaler Beraterstab soll bei der Verwendung der Fondsmittel Hilfe leisten. Dem Stab sollen angehören:
Vertreter der Vereinten Nationen, des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und des Arabischen Fonds für
Sozial- und Wirtschaftsentwicklung. Der Beraterstab soll bei der irakischen Zentralbank eingerichtet werden und einen
unabhängigen öffentlichen Rechnungsführer einsetzen.
- UN-Generalsekretär Kofi Annan soll beauftragt werden, einen Sondergesandten zur Koordinierung humanitärer
Aktivitäten sowie des Wiederaufbaus einzusetzen. Dieser soll mit den Besatzungsmächten USA und Großbritannien
intensiv bei der Bildung von Regierungsinstitutionen zusammenarbeiten. Andere Gebiete der Kooperation sind die
Förderung der Menschenrechte und der Aufbau von Polizei und Justiz.
- Der Sicherheitsrat soll seine Unterstützung für die Schaffung einer irakischen Übergangsregierung mit Hilfe der USA
und Großbritanniens erklären. Die «Ausübung der Verantwortung&rquo; im Irak durch die USA und Großbritannien soll vom
Rat für zunächst zwölf Monate bestätigt werden. Im Gegenzug wollen die USA und Großbritannien in Briefen an den
Rat die Anerkennung ihrer Pflichten als Besatzungsmächte im Irak nach internationalem Recht erklären. Andere
Besatzerstaaten sollen sich anschließen können. (Quelle: dpa)
«Der Irak-Krieg und die Medien&rquo;
Zu diesem Thema bietet die ARD auf ihrer Homepage ein interaktives Video-Dossier:
Zahlreiche Tote und Verletzte bei Anschlagserie in Casablanca
Sa.17.05.03 - Bei einer Serie von Bombenanschlägen in der
marokkanischen Hafenstadt Casablanca sind in der Nacht zum Samstag nach
Angaben der Regierung mindestens 24 Menschen getötet worden.
Innenminister Al Mustapha Sahel sagte marokkanischen Medien, bei den Toten
handele es sich zumeist um Marokkaner. Auch könnten bis zu zehn mutmaßliche
Attentäter umgekommen sein. 60 Menschen seien bei den fünf Explosionen verletzt
worden. "Der internationale Terrorismus hat heute Nacht Casablanca angegriffen",
sagte der Minister im Fernseh-Sender 2M.
Die staatliche Nachrichtenagentur MAJ zitierte den Innenminister mit den Worten, je
eine Autobombe sei vor einem Zentrum der jüdischen Gemeinde, dem belgischen
Konsulat und dem in der Altstadt gelegenen Hotel Safir explodiert. Eine vierte Bombe,
die offenbar nicht in einem Auto versteckt gewesen sei, sei nahe dem spanischen
Kulturzentrum in die Luft gegangen. Die Explosionen ereigneten sich um 22.00 Uhr (24.00 Uhr MESZ).
Die meisten Toten soll es nach Berichten marokkanischer Journalisten beim
spanischen Kulturzentrum gegeben haben. Nach den Selbstmordanschlägen in
Saudi-Arabien am Montag hatten die Behörden weltweit vor einem erhöhten
Anschlagsrisiko durch die El-Kaida-Organisation des Moslem-Extremisten Osama
Bin Laden gewarnt.
Die belgische Botschaft in Rabat teilte mit, zwei Polizisten, die das belgische
Konsulat in Casablanca bewacht hätten, seien getötet worden. Das stark
beschädigte Gebäude liege einem von einem Juden betriebenen italienischen
Restaurant gegenüber. Ein Polizist vor dem jüdischen Gemeindezentrum sagte
Reuters, die Anschläge seien offenbar von Selbstmordattentätern ausgeführt
worden. Über die Zahl der Opfer vor Ort konnte er keine Angaben machen. Das
einstöckige Gebäude wurde durch die Explosion stark beschädigt. An der Fassade
waren Blutflecken selbst noch in fünf Meter Höhe zu erkennen.
Sahel sagte dem Sender 2M, er vermute, Personen mit Verbindungen zu internationalen Terroristengruppen hinter den
Anschlägen in Casablanca. Drei verdächtige Männer seien festgenommen worden. Einer von ihnen habe offenbar
einen Selbstmordanschlag geplant.
"Dort auf dem Platz sind überall Leichenteile", sagte ein marokkanischer Journalist, der dem britischen Sender BBC
die Situation vor dem spanischen Kulturzentrum schilderte.
Im spanischen Rundfunk hieß es, ein Selbstmordattentäter habe am spanischen Kulturzentrum eine Granate
gezündet, die er an seinem Gürtel getragen habe. Spanien war einer der Befürworter des US-geführten Irak-Krieges.
Casablanca ist mit drei Millionen Einwohnern die größte Stadt Marokkos. Sie ist das Wirtschaftszentrum des Landes.
Das US-Außenministerium erklärte, eine US-Einrichtung sei nicht getroffen worden. Aus US-Regierungskreisen
verlautete, die koordinierten Anschläge ließen auf El Kaida als Drahtzieher schließen. Für eine endgültige Beurteilung
sei es aber zu früh.
Marokko ist ein fester Verbündeter der USA. Die Regierung bedauerte jedoch, dass der Irak-Konflikt nicht friedlich
gelöst wurde. In der marokkanischen Bevölkerung gab es heftigen Widerstand gegen den US-geführten Golfkrieg. An
einer Demonstration in Rabat hatten vor Kriegsbeginn 200.000 Menschen teilgenommen. König Mohammed VI. hatte
daher gewarnt, der Krieg könne den islamischen Fundamentalismus im Land schüren. Im April waren wegen der
Sorge vor muslimischen Fundamentalisten Kommunalwahlen verschoben worden.
Im vergangenen Jahr wurden in Casablanca drei saudiarabische Staatsbürger festgenommen, weil sie einen
El-Kaida-Anschlag auf amerikanische und britische Kriegsschiffe in der Straße von Gibralta organisiert hatten. Sie
wurden zu zehnjährigen Haftstrafen verurteilt.
Mit drei aufeinander abgestimmten Anschlägen in der saudiarabischen Hauptstadt Riad hatten am Montag
mutmaßliche Mitglieder der El Kaida mindestens 34 Menschen getötet. Die Attentäter hatten sich den Weg in ein
überwiegen von Ausländern bewohntes Viertel freigeschossen und dann Autobomben gezündet. El Kaida gilt als
Experte für aufeinander abgestimmte Anschläge. Die Gruppe gilt als Drahtzieher der Flugzeug-Anschläge vom 11.
September 2001 in den USA, bei den rund 3000 Menschen getötet wurde. Zudem machen die USA El Kaida für die
fast zeitgleichen Anschläge auf ihre Botschaften in Kenia und Tansania 1998 verantwortlich, bei denen 224 Menschen
getötet wurden.
Viele Regierungen hatten in den vergangenen Tagen vor neuen Anschlägen der El Kaida gewarnt. So empfahl das
Auswärtige Amt in Berlin am Freitag wegen aktueller Hinweise auf Anschläge von Reisen nach Kenia abzusehen. Die
britische Regierung setzte am Donnerstag alle Flüge britischer Fluggesellschaften von und nach Kenia aus und warnte
ihre Bürger am Freitag auch vor Terrorgefahren in sechs weiteren ostafrikanischen Ländern. Die USA hatten ebenfalls
vor Keniareisen gewarnt, wo eine "glaubwürdige Bedrohung durch terroristische Anschläge" bestehe. Australien und
Neuseeland warnten vor Reisen nach Südostasien.
(Quellen: rtr, ap)
Syrien bekräftigt Willen zu Friedensverhandlungen mit Israel
Sa.17.05.03 - Syrien hat seine Bereitschaft zur Aufnahme von Friedensverhandlungen mit
Israel bekräftigt. Grundlage müssten die bestehenden "internationalen Resolutionen"
und die bereits vor drei Jahren erzielten Verhandlungsergebnisse zwischen beiden
Ländern sein, sagte eine hochrangige Mitarbeiterin des Außenministeriums in
Damaskus am Freitag der Nachrichtenagentur AFP. "Wir sind bereit, mit denen
Frieden zu schließen, die dies auf dieser Grundlage wollen." Die Aussichten, dass
Israel in neue Verhandlungen einwillige, seien jedoch gering. Israels Regierungschef
Ariel Scharon sei kein "Mann des Friedens". (Quelle: afp)
Israel will Änderungen am Friedensfahrplan - Palästinensischer Chefunterhändler gibt Amt auf
Sa.17.05.03 - Einen Tag vor dem ersten offiziellen Treffen zwischen Ministerpräsident Ariel
Scharon und dem palästinensischen Regierungschef Mahmud Abbas hat Israel zahlreiche Änderungen am
Friedensfahrplan verlangt.
Israels Außenminister Silwan Schalom erklärte am
Freitag, die Regierung habe insgesamt 14 als "Beiträge"
bezeichnete Änderungsvorschläge an dem als "Road Map" bezeichneten
Friedensfahrplan gemacht, der von den USA, Russland, der Europäischen Union
(EU) und der UNO zur Lösung des Nahost- Konflikts entwickelt wurde. Ohne
Änderungen sei eine Annahme Israels fraglich. In Gaza-Stadt wurde überraschend
der Rücktritt des langjährigen palästinensischen Chefunterhändlers Saeb Erekat von
seinem Kabinettsposten mitgeteilt.
Israel unterbreite seine Änderungsvorschläge nicht, um neue Hindernisse
aufzubauen, versicherte Schalom. Vielmehr gehe es um eine Schließung der
Lücken, um ein Scheitern der Initiative zu verhüten. Das für Samstag anberaumte
Treffen zwischen Scharon und dem als moderat geltenden Abbas bezeichnete
Schalom als Schlüssel zu einem Prozess, der hoffentlich zu Wiederaufnahme von
Verhandlungen führen werde. "Wir sind entschlossen, die neuen Chancen, die sich nach
dem Ende des Irak-Kriegs ergeben, zu ergreifen, und wir hoffen, dass die Palästinenser
dies genauso sehen," sagte er.
Schalom machte deutlich, dass Israel von der neuen Regierung unter Abbas einen
hundertprozentigen Einsatz zur Eindämmung von Terror und Gewalt und der Aufhetzung dazu erwartet. Dann sei auch
Israel zu vertrauensbildenden Gesten gegenüber den Palästinensern bereit, fügte er hinzu. In der strittigen Frage der
israelischen Siedlungen bestand Schalom darauf, für die bestehenden Siedlungen müsse ein "natürliches Wachstum"
erlaubt bleiben. Illegal errichtete Siedlungsansätze würden nach israelischem Recht unterbunden.
Im Friedensfahrplan wird eine Beendigung illegaler israelischer Siedlungstätigkeit verlangt. Im Gegenzug sollen die
Palästinenser den seit 31 Monaten andauernden Aufstand beenden und ihre Sicherheitskräfte sollen neu formiert
werden. Bis 2005 sollen die Palästinenser dann einen eigenen Staat bekommen, der friedlich an der Seite Israels
existiert. Die Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern ist Teil der umfassenden Nahost-Initiative
der USA nach dem Irak-Krieg.
Aus Regierungskreisen in Gaza-Stadt wurde überraschend der Rückzug Erekats, des palästinensischen Ministers für
die Unterhandlungen mit Israel, aus dem Reform-Kabinett Abbas' mitgeteilt. Es hieß dazu lediglich, der 48-jährige
Erekat habe Abbas sein Entlassungsgesuch am Donnerstag überreicht. Erekat war vor seinem Eintritt ins
Reform-Kabinett von Abbas über viele Jahre unter Präsident Jassir Arafat Chefunterhändler in den Gesprächen mit
Israel und den USA. Aus Israel gab es zunächst keine Reaktion auf die Rücktrittsmeldung.
Der «Fahrplan&rquo; zum Nahost-Frieden (Nahost-Friedensplan)
Putin kündigt Aufrüstung der russischen Armee an
Sa.17.05.03 - Der russische Präsident Wladimir Putin hat die Aufrüstung
der Streitkräfte seines Landes mit neuen strategischen
Waffen angekündigt. Putin sagte in seiner Rede zur Lage
der Nation vor dem Parlament in Moskau, diese Waffen
sollten "langfristig" die Sicherheit Russlands gewährleisten.
Der seit drei Jahren amtierende Staatschef, der sich in
zehn Monaten zur Wiederwahl stellen will, nutzte die Rede, Erfolge seiner Amtszeit
herauszustreichen. So sei das Problem Tschetschenien auf dem Weg der Lösung,
die Wirtschaft Russlands sei deutlich gewachsen.
Einen großen Teil seiner jährlichen Bilanz widmete der Präsident der Reform des
russischen Militärs. "Wichtiger Bestandteil" dieser Reform sei die "Verstärkung und
Modernisierung" nuklearer Waffen. Er kündigte zudem an, dass der Wehrdienst ab
2008 von derzeit zwei auf ein Jahr verkürzt werden soll. Einzelheiten zur Art der
geplanten "neuen Generation" strategischer Waffen nannte Putin nicht. Die
russischen Militärbehörden hatten jedoch immer wieder deutlich gemacht, dass sie die
Armee mit modernen Marschflugkörpern ausstatten wollen und längerfristig auch
mit neuen Interkontinental-Raketen.
Russland habe die drängendsten Probleme inzwischen überwunden, sagte
Putin. Es dürfe nun nicht die Gelegenheit verpassen, in eine neue Entwicklungsphase zu
treten, um seinen Platz unter den großen demokratischen Mächten einzunehmen. Russland
solle ein Staat mit einer "entwickelten Zivilgesellschaft und einer stabilen Demokratie" werden
und werde dies auch sein.
Den USA warf Putin indirekt vor, mit dem Irak-Krieg unter dem Deckmantel der
Terrorbekämpfung ihre Einflusszone vergrößern zu wollen. Ohne die USA zu nennen, sprach Putin von "starken
Streitkräften", die diesem Ziel dienten. Dabei rief er zu einer Modernisierung der Entscheidungsgremien der Vereinten
Nationen auf.
Zu Tschetschenien sagte Putin, mit dem Referendum vom 23. März, bei dem sich die Mehrheit der Bevölkerung für
den Verbleib bei Russland aussprach, sei nach Jahren die Zeit beendet worden, in der "Banditen" die Macht in der
Kaukausrepublik gehabt hätten. Zum verbleibende Widerstand von Rebellen sagte Putin: "Wir werden diese Aufgabe
beenden." Am Montag und Mittwoch waren bei Selbstmordanschlägen in Tschetschenien mehr als 70 Menschen
getötet worden. (Quelle: afp)
16 Länder drohen mit Konflikt im EU-Konvent
Sa.17.05.03 - Im Tauziehen um die geplante EU-Verfassung hat eine Gruppe von 16 Ländern
mit einem offenen Konfliktkurs gedroht. Ihre Vertreter sagten am Freitag in Brüssel, ohne die
Berücksichtigung ihrer Forderungen werde der EU-Konvent im Juni kein einheitliches Ergebnis
vorlegen können.
Konventspräsident Valéry Giscard d'Estaing zeigte sich von der Kritik der Gruppe unbeeindruckt.
Er wolle an der umstrittenen Wahl eines EU- Ratspräsidenten festhalten, sagte Giscard. Neuer Streit
entzündete sich unterdessen an Fragen der Verteidigungspolitik.
Die 16 kleinen und mittleren Staaten wollen das Rotationsprinzip an der Spitze der
Europäischen Union auf jeden Fall beibehalten. Nur damit könne die Gleichheit aller
EU-Partner auf Dauer gewährleistet werden, erklärten die Vertreter. In einem Brief
an Konventspräsident Giscard erklärten die heutigen und künftigen Mitgliedstaaten,
den bisherigen Vorschlägen des Präsidiums zum künftigen Aufbau der EU könnten
sie nicht zustimmen. Giscard sagte hingegen vor Journalisten, er sehe eine kleine
Mehrheit im Konvent für die Wahl eines hauptamtlichen Ratspräsidenten.
Die Gruppe der 16 Länder beharrt auch auf ihrer Forderung, dass jedes der künftig
25 EU-Mitglieder einen Kommissar nach Brüssel entsenden soll. Ein Kompromissvorschlag
der Benelux-Länder, einem Kollegium von 15 Kommissaren ebenso viele Juniorkommissare
zur Seite zu stellen, findet unter den anderen mittleren und kleinen Staaten kaum Zustimmung.
"Ich kann nicht die leiseste Chance einer Mehrheit für die Idee der delegierten Kommissare
sehen", sagte Österreichs Vertreter Hannes Farnleitner.
Wenn es in strittigen Fragen keine Einigung gebe, sollte der Konvent den Staats- und Regierungschefs bei ihrem
Gipfeltreffen im Juni verschiedene Optionen im Verfassungsentwurf vorlegen, sagten die Vertreter Portugals und
Estlands im Konvent, Ernani Lopes und Henrik Hololei. Ein Konsens sei möglich und wünschenswert, aber "ein
falscher Konsens macht keinen Sinn", sagte Lopes.
Zu den 16 Ländern gehören alle Beitrittsländer bis auf Polen und Rumänien sowie die EU-Mitglieder Dänemark,
Österreich, Portugal, Schweden, Finnland und Irland. Die drei Benelux-Staaten, die bisher eine führende Rolle unter
den kleineren Ländern im EU-Konvent einnahmen, unterstützten den Brief an Giscard nicht. (Quelle: dpa)
Französische Regierung spaltet Gewerkschaften
Sa.17.05.03 - Im Streit über die Rentenreform in Frankreich hat die französische Regierung
die Gewerkschaftsfront aufgebrochen. Nachdem die gemäßigten Verbände CFDT und CGC den
nachgebesserten Gesetzentwurf gebilligt hatten, erklärte Sozialminister François Fillon die
Verhandlungen am Freitag für beendet. Die kommunistisch orientierte CGT, die FO und die
Lehrergewerkschaft FSU riefen zu weiteren Protesten auf.
Fillon bezeichnete den am Donnerstagabend erzielten Kompromiss als Maximum dessen, was
die Regierung zugestehen könne. Sie war den Gewerkschaften bei den Renten für
Geringverdiener und bei der Berechnungsgrundlage für die Altersbezüge im öffentlichen
Dienst entgegengekommen. Nunmehr gebe es keine Verhandlungen mehr, sondern nur noch
Diskussionen, erklärte der konservative Politiker.
CGT-Chef Bernard Thibault erklärte, er setze nun auf die für den 25. Mai geplante
Großdemonstration in Paris, um Fillon noch zu einer Meinungsänderung zu
zwingen. Drei Tage später soll der Gesetzentwurf im Kabinett verabschiedet werden.
Die Lehrergewerkschaft FSU und der Verband UNSA haben zu einem Streik am
kommenden Montag aufgerufen. Zahlreiche Lehrer in Frankreich sind bereits seit
Tagen im Ausstand. Letzten Dienstag hatten mehr als eine Million Demonstranten
das Land weitgehend lahm gelegt.
Einer CSA-Umfrage für die Zeitung "Humanité" zufolge sind immer weniger
Franzosen bereit, sich für den Erhalt ihres Rentenniveaus zu einzusetzen. Der
Anteil sank von 68 Prozent im September letzten Jahres auf jetzt 42 Prozent.
Dennoch vertrauen bei der Rentenreform mehr Befragte (54 Prozent) den
Gewerkschaften als der Regierung (39 Prozent). (Quelle: ap)
Deutschland: Reform-Agenda entzweit Gewerkschaften
Sa.17.05.03 - Ein handfester Hauskrach über das Reformprogramm "Agenda 2010" von
Kanzler Gerhard Schröder (SPD) hat die Gewerkschaften auseinandergebracht. Drei
der acht DGB-Gewerkschaften starteten am Freitag eine mit den anderen nicht
abgesprochene Initiative zur "konstruktiven Begleitung" der Reformen. DGB und
IG Metall bemühten sich, den Zwist herunterzuspielen. Die Gewerkschaft der Polizei
(GdP) beantragte eine Sondersitzung der DGB-Spitze. Die Gewerkschaftskritik an
den Reformplänen hielt an.
Initiatoren der Aktion sind die Vorsitzenden der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG
BCE), Hubertus Schmoldt, der Bahngewerkschaft Transnet, Norbert Hansen, und
der Gewerkschaft Nahrung-Genuss- Gaststätten (NGG), Franz-Josef-Möllenberg.
Sie wollen - anders als etwa IG Metall und die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di -
auf die Regierung "zugehen". Dem Vernehmen nach wurde auch die GdP auf eine
Teilnahme an der Aktion unter dem Motto "Ja zu Reformen" angesprochen.
Die BCE hat gut 830 000 Mitglieder, die NGG rund 245 000, die Transnet knapp 300.000
und die GdP 185.000 Mitglieder. Die schärfsten Kritiker, IG Metall und ver.di, haben jeweils
mehr als 2,5 Millionen Gefolgsleute. GdP-Chef Konrad Freiberg sagte dem "Hamburger
Abendblatt" (Samstag), die Initiative der drei anderen Gewerkschaften mache deutlich,
"dass die kleinen Gewerkschaften sich nicht mehr von den großen instrumentalisieren lassen.
Ich habe noch nie so einen Krach im DGB erlebt."
DGB-Chef Michael Sommer
rief die Gewerkschaften zu Geschlossenheit auf. "Wir müssen aufpassen, dass wir
die Einigkeit hüten wie einen Augapfel", sagte Sommer in Mannheim. "Wir sind nur
dann stark, wenn wir trotz taktischer Differenzen zusammenstehen und ein
gemeinsames Ziel verfolgen." Der IG BCE-Vorsitzende Hubertus Schmoldt warnte in einem dpa-Gespräch vor einer
Eskalation des Streits und sprach die Hoffnung aus, "die vorhandenen Differenzen hoffentlich möglichst schnell"
beizulegen.
In ihrer gemeinsamen Erklärung wehren sich die drei Organisationen gegen "die pauschalen Angriffe gegen die
Gewerkschaften". "Wir wollen so viel Gespräch wie möglich und so viel Protest wie nötig", sagte Transnet-Sprecher
Michael Klein dazu auf dpa-Anfrage in Berlin. Änderungen forderten die drei Gewerkschaften bei der geplanten
Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, beim Kündigungsschutz, bei der Befristung des
Arbeitslosengeldes auf 18 Monate und beim Krankengeld.
Der DGB wies Berichte über eine Spaltung des Gewerkschaftslagers zurück. DGB-Sprecher Hilmar Höhn sagte, es
sei zu begrüßen, dass in den Mitgliedsgewerkschaften über die Notwendigkeit umfassender Reformen diskutiert
werde. Die IG Metall betonte, in der Bewertung der "Agenda 2010" gebe es keine Differenzen. Sprecher Claus Eilrich
sagte, alle Gewerkschaften forderten deutliche Korrekturen an der Reform-Agenda. Dabei gebe es aber "Unterschiede
in der Tonlage".
NGG-Chef Möllenberg bestritt eine Spaltung: "Es gibt keine Zerstrittenheit im DGB", sagte Möllenberg der dpa.
Allerdings müsse der Öffentlichkeit deutlich gemacht werden, dass die Gewerkschaften reformfähig und reformbereit
seien. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eva-Maria Stange, kritisierte das
"öffentliche Schaulaufen" und die "Hahnenkämpfe" einzelner Gewerkschafts-Vorsitzender.
DGB-Vizechefin Ursula Engelen-Kefer kritisierte die Politik der Regierung und forderte einen Befreiungsschlag in der
Wirtschafts- und Finanzpolitik. Notwendig seien mehr Steuergerechtigkeit, mehr Investitionen in den Kommunen und
mehr Massenkaufkraft. Vermögen und Kapitalerträge müssten besteuert werden. Die "Agenda 2010" sei "keine
verträgliche Politik, sondern reine Arbeitgeberideologie". Ver.di- Chef Frank Bsirske, sagte der dpa, die "Agenda
2010" gehe zu Lasten der Menschen mit niedrigerem Einkommen und werde den Binnenkonsum weiter drosseln.
(Quelle: dpa)
Blick ins Archiv:
Hintergrund: Reform-Konzepte von Union und SPD
Gegenvorschläge des DGB zur Agenda 2010
SPD-Spitze offenbar doch zu Zugeständnissen an Parteilinke bereit
Sa.17.05.03 - Im Streit um die Reformagenda 2010 wird in der SPD-Parteizentrale
offenbar an Zugeständnissen an die Parteilinke gearbeitet. Unter Federführung von
Generalsekretär Olaf Scholz werden nach Informationen der "Süddeutschen
Zeitung" (Samstagausgabe) derzeit Vorschläge zu einer stärkeren Steuerbelastung
für Unternehmer, Besserverdienende und Reiche erarbeitet. Ein SPD-Sprecher
betonte am Abend, dass es noch keinen von der SPD-Führung beschlossenen Text,
sondern lediglich Entwürfe auf Arbeitsebene gebe.
Laut "Süddeutsche Zeitung" gibt es einen 14-Punkte-Katalog, der als Antrag für den
SPD-Sonderparteitag am 1.Juni in Berlin gedacht sei. Auf dem Parteitag will
Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Agenda zur Abstimmung stellen.
Zu den Ideen gehöre eine eventuelle Wiedereinführung der Vermögensteuer, meldete
das Blatt am Freitag vorab. Kapitalerträge sollten höher
besteuert werden. Aus dem Entwurf des Antrags unter dem Titel "Iwan", was für
Innovation, Wachstum, Arbeit und Nachhaltigkeit stehe, werde erkennbar, dass
Schröders Agenda nur ein erster Schritt auf dem Weg zur Erneuerung Deutschlands
sein solle. Über die finanzielle Sicherung des Sozialsystems hinaus seien weitere
Maßnahmen nötig, «um Wachstum und Beschäftigung nachhaltig zu beleben&rquo;,
heißt es nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" in dem Antrag.
Der SPD-Sprecher dementierte insbesondere die Passage zur Vermögenssteuer.
Sie treffe nicht zu. Eine höhere Besteuerung der Kapitalerträge werde nur auf europäischer Ebene vorgeschlagen.
Schröder hatte Anfang des Jahres einen SPD-internen Streit über die Wiedererhebung der Vermögensteuer nur mit
Mühe beenden können. Nun wird dem Zeitungsbericht zufolge in "Iwan" betont, die SPD strebe "eine zutreffende
Bewertung von Vermögen zu steuerlichen Zwecken an". Erben großer Privatvermögen sollten "stärker zur
Finanzierung für Aufgaben im Sinne des Gemeinwohls" herangezogen werden. Auch werde für eine Änderung der
Aktienbesteuerung plädiert. Geringverdienern würden Steuersenkungen in Aussicht gestellt.
Trotz der verheerenden Steuerschätzung ist der von Eichel geforderte "nationale Kraftakt" für Reformen und zur
Sanierung der Staatsfinanzen vorerst nicht in Sicht. Spitzenpolitiker von CDU und CSU lehnten Eichels erste
Sparvorschläge ab, insbesondere die Kürzung der Eigenheimzulage. Offen blieb, wo Eichel überall den Rotstift
ansetzen will. Die Schätzung hatte am Donnerstag für Bund, Länder und Kommunen Mindereinnahmen bis 2006 von
126 Milliarden Euro ergeben, knapp neun Milliarden dieses Jahr.
Wenige Wochen nach dem Scheitern seines Steuerpakets im Bundesrat kündigte Eichel einen neuen Anlauf zum
Abbau direkter und steuerlicher Subventionen an. Der Minister plane jedoch nicht "die schlichte Wiedervorlage" des
Gesetzes, sagte sein Sprecher Jörg Müller. Der halbe Mehrwertsteuersatz für Lebensmittel, Trinkwasser und andere
Produkte stehe nicht zur Disposition. Während Unionspolitiker Eichel aufforderten, ein umfassendes Sparkonzept
vorzulegen, appellierte das Finanzministerium an die Länder, selbst konkrete Ideen zu präsentieren.
Die Vorsitzende des Finanzausschusses im Bundestag, Christine Scheel, warnte die Regierung vor einem
Glaubwürdigkeitsverlust. Ihre Aussage bezog sich auf Eichel und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD). Die
Grünen-Politikerin widersprach der Regierungsprognose für das diesjährige Wirtschaftswachstum. Die von Clement
angesetzten 0,75 Prozent seien unwahrscheinlich. (Quelle: ap)
«Der "Bürgerkonvent" mahnt Reformen an - spielt aber selbst mit verdeckten Karten&rquo;
«Mit triefend patriotischen Fernsehspots und Zeitungsanzeigen überzieht der so genannte "Bürgerkonvent" die im
Stillstand gefangene Republik. Schließlich hat man den Wiederaufbau, die Wiedervereinigung und kürzlich sogar
die Oderflut bewältigt - warum soll es dann nicht mit der Steuerreform, Gesundheitsreform und Rentenreform
funktionieren? Doch die selbsternannten Retter der Republik spielen nicht mit offenen Karten. ...
Inzwischen kursieren inoffizielle Mitgliederlisten: Otto Graf Lambsdorff, Peter Glotz, Rupert Scholz, dazu Hans-Olaf Henkel
und Roland Berger. Es ist nachvollziehbar, warum der Konvent nicht mit diesen Namen hausieren geht. Wie soll eine partei-
und interessenungebundene Organisation entstehen, wenn Parteipolitiker und Wirtschaftslobbyisten das Sagen haben, Vertreter
gerade des Systems, das die empörten Bürger so kritisieren?&rquo; (telepolis vom 16.05.03)
Mehr unter:
Bei "verdammtguterkuchen" gibt es die wohl umfassendste und
aktuellste Informationssammlung zum sog. "Bürgerkonvent" :
Medienkrise vernichtet Arbeitsplätze
Sa.17.05.03 - Verfehlte Investitionspolitik der Verlage und dramatische Einbrüche
im Anzeigengeschäft haben nach Angaben der Gewerkschaft ver.di zu massivem
Arbeitsplatzverlust geführt. Inzwischen seien rund 10.000 Journalisten in
Deutschland arbeitslos - jeder sechste bis siebte, sagte der stellvertretende
ver.di-Vorsitzende Frank Werneke am Freitag am Rande einer
Fachbereichs-Bundeskonferenz der Gewerkschaft in Magdeburg.
In Folge der Medienkrise seien allein im vierten Quartal des Vorjahres acht Prozent
der Arbeitsplätze in Druckereien und Verlagen abgebaut worden. Besonders
betroffen durch Auftrags- und Honorareinbußen seien Selbstständige.
Übertriebenes Sparen an der falschen Stelle führe zu personellem Notstand sowie
zum Unterlaufen sozialer Standards und ginge letztlich zu Lasten der publizistischen
Qualität, sagte Werneke. Der Gewerkschaftsvize forderte Alternativen wie einen
Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung für Redakteure, wie er
beispielsweise für "Weserkurier" und "Frankfurter Rundschau" ausgehandelt
worden sei.
Notwendig sei zudem eine aktive Regulierungspolitik zum Erhalt der Medien- und
Pressevielfalt, die Werneke als "wichtiges Kulturgut" bezeichnete. Gesetzliche Instrumente zur
Konzentrationskontrolle könnten dabei mit direkter Presseförderung verknüpft werden. Indirekte Presseförderung gebe
es in Deutschland in Form der reduzierten Umsatzsteuer und der verminderten Gebühr bei der Postzustellung von
Presseartikeln. Der Gewerkschafter schlug vor, diese Einsparungen beispielsweise in einen Pressefonds einzuzahlen,
der in schwierigen Zeiten gezielt zur Unterstützung regionaler Verlage herangezogen werden könne.
Zudem sollte die Pressestatistik wieder als Frühwarnsystem vor Konzentrationsprozessen eingeführt werden. Die
Pflicht zu Offenlegung von Kapitalverhältnissen und -verflechtungen in der Medienbranche müssten in ganz
Deutschland gelten, forderte Werneke. (Quelle: ap)
Bundeswehr als Armee für weltweite Einsätze
Sa.17.05.03 - Verteidigungsminister Peter Struck hat das politische Konzept für den
Einsatz der Bundeswehr den Realitäten angepasst. Wie die "Frankfurter
Rundschau" (Samstagausgabe) berichtet, beschreiben die neuen
"Verteidigungspolitischen Richtlinien" die Bundeswehr als eine multifunktionale
Armee für weltweite Einsätze, für die die Landesverteidigung nur noch eine
untergeordnete Rolle spielt. Struck will die Richtlinien am Mittwoch offiziell
vorstellen.
"Künftige Einsätze lassen sich wegen des umfassenden Ansatzes zeitgemäßer
Sicherheits- und Verteidigungspolitik und ihrer Erfordernisse weder hinsichtlich ihrer
Intensität noch geografisch eingrenzen", zitiert das Blatt aus dem Papier des
Verteidigungsministers. Der politische Zweck bestimme Ziel, Ort, Dauer und Art des
Einsatzes. Die Notwendigkeit für eine Teilnahme der Bundeswehr an multinationalen
Operationen könne sich weltweit und mit geringem zeitlichen Vorlauf ergeben und das gesamte
Einsatzspektrum «bis hin zu Operationen mit hoher Intensität&rquo; umfassen.
Zur Landesverteidigung heißt es in den Richtlinien laut "FR": "Ausschließlich für
die herkömmliche Landesverteidigung gegen einen konventionellen Angreifer
dienende Fähigkeiten werden angesichts des neuen internationalen Umfelds nicht
mehr benötigt". Sie könnten angesichts der knappen, zur Schwerpunktbildung
zwingenden Ressourcenlage nicht mehr erbracht werden. Zur Landesverteidigung
benötigte Kräfte sollten aber innerhalb eines überschaubaren längeren Zeitraums
wieder aufgebaut werden können. Dies erfordere die Beibehaltung der Wehrpflicht.
Der verteidigungspolitische CDU/CSU-Fraktionssprecher Christian Schmidt (CSU)
warf Struck daraufhin in einem Interview der "Leipziger Volkszeitung"
(Samstagausgabe) vor, die Landesverteidigung zu vernachlässigen und aus finanziellen Gründen Sicherheitsrisiken für
die Bevölkerung bewusst in Kauf zu nehmen. Im Ernstfall stünde die Bundeswehr mit leeren Händen da. Strukturen
abzubauen gehe schnell, sie wieder aufzubauen, könne Jahre dauern.
Unzufrieden zeigte sich der CSU-Politiker auch mit der Absicherung der Wehrpflicht in den Richtlinien. Man könne die
Wehrpflicht nicht damit legitimieren, dass die Wehrpflichtigen praktisch seien, um bei Naturkatastrophen zu helfen.
Benötigt werde ein Konzept, in dem Wehrpflichtige sinnvoll in die Strukturen der Bundeswehr eingebunden seien.
(Quelle: ap)
Anwälte prangern ausufernde Telefonüberwachung an
Sa.17.05.03 - Die Anwälte in Deutschland haben vor einer schleichenden
Aushöhlung der Grundrechte durch eine Ausweitung des Überwachungsstaates
gewarnt. Am Rande der Hauptversammlung der Bundesrechtsanwaltskammer wies
Vizepräsident Ulrich Scharf am Freitag vor Journalisten in Saarbrücken vor allem auf
das zunehmende Abhören von Telefonen hin. Laut Scharf sind die Abhöraktionen
allein im vergangenen Jahr im Bundesgebiet um zehn Prozent auf fast 22.000
gestiegen.
Die Überwachungen würden oft sehr leichtfertig und ohne die notwendigen
rechtlichen Grundlagen durchgeführt, sagte Scharf. Einer Untersuchung der
Universität Bielefeld zufolge entspräche nur jeder vierte richterliche Abhör-Beschluss
den gesetzlichen Kriterien. Ausdruck dieser allgemeinen Tendenz seien die nach
Protesten zunächst zurück gestellten Pläne der bayerischen Landesregierung,
durch eine Änderung des Polizeirechts ohne konkreten Tatverdacht vorbeugend
Telekommunikationsverbindungen zu überwachen. "Derartige
Versuche, die Bürgerrechte einzuschränken, wird die Anwaltschaft nicht
hinnehmen", erklärte Scharf. Vielmehr müsse man zwischen Freiheit und Sicherheit
eine vernünftige Balance finden. "Wir wollen vermeiden, dass wir uns immer mehr in
eine Bunkermentalität begeben", betonte der Kammer-Vize.
Die Tagung in Saarbrücken beschäftigte sich auch mit der Einkommenssituation der
rund 126.000 Anwälte in Deutschland. Im Durchschnitt verfügen sie nach Angaben
der Bundesrechtsanwaltskammer monatlich netto nur über 1.500 Euro. Dies seien
etwa 20 Prozent weniger als im Jahr 1999. Bei jungen Anwälten und kleineren
mittelständischen Kanzleien herrsche teilweise echte Not, berichtete Scharf. Die
Kammer appelliere deshalb an den Gesetzgeber, die seit 1994 unveränderten
Gebühren endlich anzuheben. (Quelle: ap)
«Mit einem Spionage-Check im Internet will die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di über Möglichkeiten der Überwachung
von Beschäftigten am Arbeitsplatz informieren&rquo;
"Unser Ziel ist es, Beschäftigte zu sensibilisieren, da häufig rechtswidrig und ohne Wissen der Beschäftigten überwacht wird",
erklärte der stellvertretende ver.di-Vorsitzende Franz Treml. Der Spionage-Check soll auf spielerische Weise sensibilisieren
und Möglichkeiten zur Vorbeugung aufzeigen.
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