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Kurznachrichten   [ Allg. Nachrichten ] [Nachrichtendienste ] [ Ticker ] +++ Mi.21.05.03, 12:45 Irak am dreiundsechzigsten Tag nach Kriegsbeginn
Sicherheitsrat akzeptiert weitgehend Irak-Resolution der USA. UNO-Abstimmung über Resolution voraussichtlich am Donnerstag +++
Weiterer führender Gefolgsmann Saddam Husseins gefasst +++
Kurdenchef: Kenne Aufenthaltsort des Saddam-Clans +++
Irak-Konferenz soll im Juli übergangsregierung bestimmen +++
Nato prüft Hilfe für polnische Irak-Truppe +++
Brüssel leitet Klage gegen US-General Franks an US-Justiz weiter +++
UNESCO beklagt Schäden am irakischen Kulturerbe +++
Bundeswirtschaftsminister zieht positives Fazit seines USA-Besuchs.
Mi.21.05.03 - Die 15 Mitglieder des Weltsicherheitsrates
haben sich weitgehend auf einen Beschluss über die
Gestaltung der Nachkriegsordnung im Irak verständigt.
Sie folgten in weiten Teilen dem Entwurf einer
Resolution, die die USA gestern Abend einbrachten.
Darüber abgestimmt werden soll nun am Donnerstag. Mit der
Resolution werden die Besatzungsmächte USA und
Großbritannien von den UN als entscheidende Autorität
anerkannt. Bis zur Bildung einer legitimen Regierung im
Irak haben sie auch die volle Kontrolle über das
irakische Erdöl.
In Bagdad bemühte sich die US-Verwaltung unterdessen weiter um eine Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung.
In einer am Dienstag veröffentlichten Erklärung hieß es, im Armenviertel El Thaura seien in den vergangenen Tagen
360 Tonnen Müll abgefahren worden. Sprengstoffexperten hätten rund 20 Tonnen Waffen und Munition eingesammelt.
Die Postämter in der Stadt hätten damit begonnen, wieder Post auszuliefern.
Die "Nummer 50" auf der Liste der 55 meist gesuchten früheren
Gefolgsleute Saddam Husseins ist den Alliierten im Irak ins Netz gegangen. Wie
das US- Zentralkommando mitteilte, war Ugla Abid Saqir al-Kubaysi
Regionalvorsitzender der entmachteten Baath-Partei in der Provinz Maisan im
Süden des Landes. Damit befinden sich 24 der Gesuchten in der Gewalt der
Alliierten.
Der nordirakische Kurdenchef Dschalal Talabani kennt nach
eigenen Angaben den Aufenthaltsort von engen Angehörigen des
gestürzten irakischen Präsidenten Saddam Hussein. "Ich weiß,
wo die Familie von Saddam Hussein ist, aber ich kann dazu
nichts sagen", sagte Talabani einer Meldung der türkischen
Nachrichtenagentur Anadolu zufolge nach einem Treffen mit
türkischen Diplomaten in Bagdad.
Auf die Frage eines Journalisten, ob er von Saddam Husseins
Familie um Hilfe gebeten worden sei, sagte Talabani, Saddam Hussein selbst sei
möglicherweise für Verbrechen verantwortlich. "Aber in seiner Familie gibt es viele
unschuldige Menschen, besonders seine Frau und seine Töchter." Talabani sagte,
seine Patriotische Union Kurdistans (PUK) sei bereit, unschuldigen Mitgliedern des
Saddam-Clans Asyl zu gewähren.
In den vergangenen Wochen hatte es Berichte gegeben, Mitglieder von Saddam
Husseins Familie seien möglicherweise nach Syrien geflohen. Von Saddam
Hussein, seinen engen Beratern und seiner Familie fehlt seit der Einnahme
Bagdads durch die US-Armee Anfang April jede Spur. Saddam Hussein hat zwei
Ehefrauen, drei Söhne und drei Töchter. Zwei seiner Söhne, Udai und Kusai, hatten
im gestürzten irakischen Regime führende Posten inne.
Eine Allparteienkonferenz soll voraussichtlich Mitte Juli eine
übergangsregierung für Irak bestimmen. Ziel sei eine Regierung, die alle Iraker
vertreten könne, sagte der amerikanische Zivilverwalter Paul Bremer am Mittwoch in
Bagdad. Vorbild für dieses Verfahren ist die Afghanistan-Konferenz auf dem
Petersberg in Bonn, die nach dem militärischen Sturz des Taliban-Regimes Anfang
Dezember 2001 eine übergangsregierung berief.
Die Nato wird heute (Mittwoch) in Brüssel voraussichtlich erste
Schritte für eine Unterstützung einer polnischen Militärzone im Irak beschließen.
Offiziell beschließt der Nato-Rat nur zu prüfen, ob das Bündnis logistische
Unterstützung leisten kann. Nachdem hochrangige Nato-Generäle dies bereits
bestätigt haben, gilt der Beschluss in Bündniskreisen vor allem als politisches
Signal, dass das Bündnis auch zur Unterstützung bereit ist. Kommende Woche
könnte bereits die Entscheidung über den Beginn der Planungen fallen. Dabei geht
es Nato-Kreisen zufolge derzeit nicht um eine Nato-Präsenz im Irak, sondern nur um
logistische Hilfe vom Hauptquartier Shape in Belgien aus. Eine stärkere Nato-Rolle
sei ohne ein UNO-Mandat schwer vorstellbar.
Die USA haben Polen als Anerkennung für seine Unterstützung während des
Irak-Kriegs die übernahme der Führungsposition in einer Militärzone im Irak
angeboten. Die Truppe soll aus rund 7000 Soldaten bestehen. Bündniskreisen zufolge
ist bislang aber noch unklar, wie Polen diese Soldaten aufbieten will. Deutschland hat
die Anfrage nach einer Beteiligung der Bundeswehr zum jetzigen Zeitpunkt bereits abgelehnt.
Die Nato könnte nach polnischer Vorstellung eine ähnliche Rolle wie bei der
Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) übernehmen, wo die Allianz
zunächst logistische Planungsunterstützung für die federführenden Nationen
Deutschland und Niederlande geleistet hatte. Nato-Truppen sind nicht in
Afghanistan stationiert. Mitte August soll die Nato allerdings die Isaf-Führung
übernehmen.
Die belgische Regierung hat eine politische brisante Klage von Angehörigen
irakischer Kriegsopfer gegen US-General Tommy Franks an die Justiz der
Vereinigten Staaten weiter verwiesen. Mit dem Beschluss folge sie dem Rat der
Staatsanwaltschaft, teilte das Büro von Regierungschef Guy Verhofstadt am
Dienstag der Nachrichtenagentur AFP mit. Die Klageschrift gegen den
Oberkommandierenden der US-britischen Streitkräfte in Irak war in der vergangenen
Woche von 17 Irakern und zwei Jordaniern eingereicht worden. Sie warfen Franks
Kriegsverbrechen während des Krieges in Irak vor, so etwa den Einsatz von
Streubomben gegen zivile Ziele.
Irak hat nach den Worten eines UN-Experten durch Plünderungen und
technische Probleme beim Wiederaufbau einen "schrecklichen Verlust" erlitten.
"Es ist wirklich eine Katastrophe", sagte der stellvertretende Generaldirektor der
UNESCO, Mounir Bouchnaki, auf einer Pressekonferenz in Amman. Bouchnaki
hatte zuvor mit einer UNESCO-Delegation Museen, Monumente, Bibliotheken und
andere historische und archäologische Stätten in Irak besucht, um das Ausmaß der
Schäden abzuschätzen. "Die Museen wurden geplündert, es gibt keine Computer,
kein Papier, nicht einmal einen Stuhl", sagte Bouchnaki. Strom gebe es nur für ein
bis zwei Stunden pro Tag. Es seien dringend Maßnahmen zum Wiederaufbau der
Museen erforderlich.
(Quelle: ap, rtr, dpa, afp)
«Die Einwohner Bagdads, meist froh, Saddam Hussein los zu sein,
sind zusehends frustrierter, was die amerikanische Verwaltung der
Stadt angeht. "Wilder Westen" ist ein von ihnen immer wieder
gebrauchter Begriff, seit die Amerikaner das Amt des Sheriffs
übernommen haben. Wenn in den letzten Wochen überhaupt etwas
geschehen ist, dann, dass sich die allgemeine Sicherheitslage in
der irakischen Hauptstadt immer mehr verschlechtert hat.»
Aus der "tageszeitung" vom 21.05.03:
«Drei Kriege in 15 Jahren, mehr als zwei Jahrzehnte Diktatur und
nach Ende der Saddam-Herrschaft Gewalt, Zerstörungen und Plünderungen: In Irak
sind laut Experten unzählige Menschen traumatisiert. «Die Familien leiden enorm
darunter, dass ihr Leben nach dem Krieg unsicher geworden ist», sagt
Traumaberater Peter Klentzan von der kirchlichen Stiftung «Wings of Hope
Deutschland» (WoH).
»
Mi.21.05.03 - Der evangelische Diakon, seine Frau Renate Heyden-Klentzan, Heilpädagogin und
Kinder- und Jugendtherapeutin, sowie der Pädagoge Elvir Causevic aus Bosnien-Herzegowina reisten
zwei Wochen lang durch Irak, um Therapien für traumatisierte Kinder und Jugendliche zu beginnen
und ein Hilfsnetzwerk lokaler Experten aufzubauen. In zahlreichen Gesprächen mit Familien erfuhr
das Helfertrio von den größten Problemen. Viele junge Menschen leiden demnach unter
Angstzuständen, Unsicherheit, Depressionen oder Aggressivität.
Belastend sei außerdem, dass Frauen und Kinder oft nicht nach draußen könnten, weil die Straßen der
Fünf-Millionen-Stadt Bagdad von Banditen beherrscht würden. Die Kinder erlebten ihre Eltern völlig hilflos
angesichts der ständigen Gefahr. Einige Erwachsene sagten bereits: So schlimm wie jetzt war es unter Saddam nicht.
Der Zugang zu den Familien fiel den Helfern leicht. «Weil die Kinder im Mittelpunkt stehen, wollen die Eltern Hilfe»,
berichtet Renate Heyden-Klentzan, die viele Gespräche von Mutter zu Mutter führte. Causevic ist Muslim und war
Soldat im Bosnien-Krieg. Zudem war ein irakischer Kinderarzt im Team.
Mit den Kindern und Jugendlichen absolvierten die Traumaexperten Körperübungen und schickten sie auf
Fantasiereisen mit einem Flugzeug, das keine Bomben abwirft, sondern zu einer schönen Insel fliegt. Zu den
Heilungschancen sagt Klentzan, junge Menschen verfügten über große Selbstheilungskräfte und einen enormen
Willen zum Leben und überleben. «Wenn die Großfamilien intakt sind und kein Mitglied ums Leben kam, können
Kinder mehr verkraften», fügt seine Frau hinzu.
Die Lebensbedingungen in Irak sind den Helfern zufolge verheerend. «Es gibt zur Zeit keine staatliche Ordnung», so
Klentzan. Das Leitungswasser werde nicht mehr gechlort, wegen Verschmutzungen nähmen die
Durchfallerkrankungen bei Kindern sprunghaft zu. Eine Flasche mit 1,5 Litern sauberem Wasser kostet laut Klentzan
einen Dollar: «Das können sich die meisten nicht leisten.» Auch die Helfer litten unter Magenproblemen, denn die
Familien boten ihnen Leitungswasser an. «Das konnten wir nicht ablehnen.» Nur in wohlhabenderen Häusern sei
Limonade aufgetischt worden - mit Eiswürfeln.
Strom gebe es in vielen Stadtteilen nur stundenweise - oder gar nicht, wie in Saddam City, dem Armenviertel im
Nordosten von Bagdad. In vielen Häusern hätten Plünderer selbst Stromkabel und Steckdosen herausgerissen, ehe
sie Feuer legten. Viele Krankenhäuser wurden laut WoH geplündert. In den noch geöffneten Kliniken sei die Situation
schrecklich: völlig erschöpfte ärzte und Pfleger, mit Urin und Kot verdreckte Betten, keine Spezialmedikamente,
unternährte Kinder.
Die kirchliche Stiftung «Wings of Hope» wurde 1994 von einem Niederländer gegründet. Pieter de Loos hatte Bilder
traumatisierter Kinder aus Bosnien-Herzegowina gesehen, die Klentzan von einer Reise mitgebracht hatte. Ein kleines
Mädchen, das vertrieben worden war, verhalf der Stiftung zu ihrem Namen: «Schmetterlinge leben kurz» nannte das
Kind seine Zeichnung. «Flügel der Hoffnung» wollen die Helfer von «Wings of Hope» verleihen.
Die Stiftung unterhält Niederlassungen in Deutschland und Bosnien-Herzegowina. In Irak steht die Gründung einer
lokalen Hilfsorganisation kurz bevor. Irakische Mediziner, Pädagogen und Psychologen werden die Betreuung der
Patienten übernehmen. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern unterstützt den Aufbau des irakischen
Traumanetzwerkes mit 51.000 Euro Startkapital. (Quelle: ap)
«Wenn die USA nicht bald die Situation im Irak verbessern, droht ein bewaffneter Aufstand»
«Es war ein Leichtes für die mächtigste Militärmacht der Welt, den Irak zu besiegen.
Mit der Neuordnung des Landes tut sich die größte Demokratie der Welt allerdings
schwer. Knapp sechs Wochen nach dem Fall Bagdads klagen die Iraker über neue
Plünderungen, über schlechte Lebensbedingungen, über das Fehlen einer Regierung
und jedweder positiven Lebensperspektive»
«Die Vertreter der Besatzungsmacht und die aus dem Exil zurückgekehrten irakischen
Politiker verschanzen sich unterdessen hinter Stacheldraht. Durch die Städte fahren
sie in Panzerlimousinen und mit Leibwachen. Immer mehr kommt die traurige Wahrheit
ans Licht: Alliierte wie Oppositionsgruppen sind ohne jedes politische Konzept in den
Irak gekommen. Nun stehen sie hilflos in einem Land, das durch Saddam Husseins Kriege,
durch 13 Jahre Sanktionen und den Vier- Wochen-Feldzug vom Frühjahr gezeichnet ist.
Die Infrastruktur wurde beschädigt. Strom- und Wasserwerke, Fernseh- und Telefonnetz
zu reparieren, erfordert aber lediglich normale technische Fähigkeiten. Doch es wurde
versäumt, die Fachleute gleich im Tross der siegreichen Armeen mitzuführen.
Weitaus schwieriger ist es, einer Gesellschaft ein neues moralisches Rückgrat einzuziehen,
deren Eliten entweder ins Ausland geflohen sind oder von Saddams Henkern brutal liquidiert
wurden. Das Ergebnis dieser Versäumnisse ist die Herrschaft des Mobs. "Stuff happens" –
schlimme Dinge passieren – hat Donald Rumsfeld abschätzig nach der ersten Plünderungswelle
gesagt. Als die Taliban in Afghanistan die Buddha-Statuen von Bamian zerstörten, war die
Empörung auch in den USA zurecht groß. Dem Raub der Kunstschätze aus dem Irakischen
Nationalmuseum schauten die Marines aber tatenlos zu. Solange die Alliierten auch die neuen
Plünderungen geschehen lassen, wird sich kein Spender finden, der für irakische Krankenhäuser
moderne Ausrüstungen bereit stellt. Und solange es keine von den Irakern zumindest tolerierte
übergangsregierung gibt, wird im Lande weiter Chaos herrschen.
Schon im Frühjahr 2002 hatte Washington den Regimewechsel im Irak beschlossen. Dass der
US-Zivilverwalter Jay Garner nun bereits nach wenigen Wochen abgelöst wurde, war ein
politischer Offenbarungseid. Der neue Mann, Paul Bremer, hatte auch keinen guten Start:
Erst deutete er an, man habe es aufgegeben, aus der zerstrittenen irakischen Opposition
eine effektive übergangsregierung zu bilden. Dann ließ er verlauten, eine solche Regierung
solle "so schnell wie möglich" installiert werden.
Schnell ist aber nichts möglich im Irak – besonders nicht der Aufbau einer neuen Gesellschaft
und eines neuen Staates. Deshalb verwundert es kaum, dass sich die Gegner der Alliierten
bereits formieren. Noch ziehen sie als friedliche Demonstranten durch die Straßen der Hauptstadt.
Doch jetzt steht der glühend heiße Sommer bevor. Erreichen die Besatzungsmächte keine Erfolge in
der Verbesserung der Lebensbedingungen, kann aus friedlichem Protest besonders in den seit Jahrzehnten
benachteiligten Wohngebieten der Schiiten leicht bewaffneter Widerstand werden.
Als die Schiiten nach dem Krieg um die Befreiung Kuwaits im Frühjahr 1991 gegen das Regime in
Bagdad rebellierten, verweigerten die Amerikaner ihre Unterstützung. Sie wollten keine Revolution,
mit der sie nicht fertig werden konnten. Sie wollten einen Putsch in Bagdad, der ihnen einen gefügigeren
Herrscher bescheren würde, als es Saddam Hussein war. Nun ist Saddam gestürzt, aber ein gefügiger
Mann ist nicht in Sicht. Stattdessen droht abermals Revolution.
Diesmal müssten die Alliierten den Aufruhr selber niederschlagen, denn in Bagdad herrscht kein
Regime, welches diese unangenehme Aufgabe für die Amerikaner erledigen könnte. Präsident George
Bush und Premier Tony Blair müssen bald Erfolge vorweisen – materielle wie politische. Sonst laufen
sie Gefahr, ihren so leicht errungenen militärischen Sieg zu verspielen.» (Süddeutsche Zeitung vom 20.05.03)
«Kriege dürfen nach Worten von
Bundespräsident Johannes Rau nicht zu einem normalen
Mittel der Politik werden. In seiner "Berliner Rede" zu
Deutschlands Verantwortung in der Welt warnte Rau vor
einem Gewöhnungsprozess an militärische Interventionen
nach dem Irak-Krieg.»
Rau forderte «klare Vorstellungen, wie wir künftig handeln
wollen». Die großen Herausforderungen wie Globalisierung,
Migration, Bevölkerungsentwicklung, Gefährdung natürlicher
Lebensgrundlagen, organisierte Kriminalität und internationaler
Terrorismus und die großen Epidemien wie Malaria oder Aids
hätten eines gemeinsam: «Sie lassen sich nicht mit militärischen
Mitteln lösen.» (Quelle: dpa)
Die "Berliner Rede" des Bundespräsidenten unter::
Bundeswirtschaftsminister zieht positives Fazit seines USA-Besuchs
Mi.21.05.03 - Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement zog ein sehr positives Fazit seines USA-Besuchs, der heute
zu Ende geht. Er habe die Atmosphäre bei seinen Gesprächen als "außerordentlich wohlwollend und freundschaftlich"
empfunden und sei dadurch sehr ermutigt, sagte der Minister. Auch das Gespräch mit US-Vizepräsident
Cheney sei "sehr offen und sympathisch" gewesen. überall sei der Willen zu einer engen Zusammenarbeit
zwischen beiden Ländern und deren Ausbau deutlich geworden.
In dem Streit über die Irak-Politik wollen beide Länder nun offenbar eine pragmatische Linie der Rückkehr zu einer
engen Zusammenarbeit gehen. "Wir kümmern uns jetzt um das, was ist und was sein wird", habe der
US-Vizepräsident ihm gegenüber mit Blick auf diesen Konflikt gesagt, erklärte Clement. über die Frage, ob auch
deutsche Firmen am Irak-Wiederaufbau beteiligt werden sollen, habe er mit Cheney nicht konkret gesprochen. Die
Bereitschaft dazu hatten deutsche Industriechefs kurz zuvor bei einem deutsch-amerikanischen Unternehmergipfel
betont. Auch in seinen anderen Gesprächen mit US-Vertretern habe er diese Bereitschaft der deutschen Wirtschaft
bekundet, fügte Clement hinzu.
Eine persönliche Botschaft Schröders an den US-Präsidenten
George W. Bush habe er aber nicht gehabt, sagte Clement. Das, was zwischen Schröder und Bush zu besprechen
sei, würden sie selbst besprechen, wenn sie sich demnächst im russischen Sankt Petersburg und danach beim
Weltwirtschaftsgipfel im französischen Evian treffen würden.
Die persönlichen Beziehungen zwischen Schröder und Bush gelten nach dem Streit über die Irak-Politik zwischen der
Bundesregierung und der US-Regierung nach Einschätzung von deutschen und US-Experten als erheblich gestört und
nur noch schwer zu reparieren. Im Gegensatz zum hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), der kürzlich
bei einem Gespräch mit Cheney in Washington auch die Gelegenheit zu einem kurzen Meinungsaustausch mit Bush
hatte, traf Clement den US-Präsidenten bei seiner USA-Reise nicht.
Gefangenenlager Guantanamo: Foltervorwurf gegen US-Armee
Mi.21.05.03 - Ein aus dem Gefangenenlager Guantanamo
Bay auf Kuba freigelassener Pakistaner hat der US-Armee
vorgeworfen, Häftlinge gefoltert zu haben. Ein Großteil der
Gefangenen sei infolge der Folter zu körperlichen Wracks geworden
und reif für die Psychiatrie, zitierte die pakistanische Zeitung The
News gestern den ehemaligen Häftling Schah Mohammed. Der
kürzlich aus dem Lager Entlassene berichtete, die Häftlinge würden
in Käfige eingesperrt und dürften nicht miteinander reden. In dem
Lager auf dem US-Stützpunkt Guantanamo halten die USA seit
etwa eineinhalb Jahren mehr als 600 Menschen gefangen, die sie
dem Terrornetzwerk al-Qaida und dem gestürzten Taliban-Regime
zurechnen. (Quelle: dpa)
«Blick ins Archiv»
Viele Guantanamo-Gefangene offenbar ohne El-Kaida-Kontakte.
Die Gefangenen von Guantanamo
Anwälte fordern mehr Rechte für Häftlinge in Guantanamo
Perle sieht «Bedrohung» durch Nordkorea und Iran
Mi.21.05.03 - Nach der Entmachtung der irakischen Regierung sieht der
einflussreiche US-Verteidigungsexperte Richard Perle eine
weitere "Bedrohung" durch Nordkorea und Iran. Die USA und
Frankreich sollten ihre Beziehungen "klären" und sich gemeinsam
auf künftige Herausforderungen konzentrieren, forderte der Berater
von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bei einem Besuch
in Paris. Zu diesen Herausforderungen zählten Iran und
Nordkorea. Im Streit um das Atom-Programm Nordkoreas bot die
Schweiz ihre Vermittlung an.
Es gehe nun darum herauszufinden, ob sich "beide Seiten des Atlantik vereinen"
und den gemeinsamen Bedrohungen stellen könnten oder nicht, sagte Perle. Das
Verhältnis zwischen Washington und Paris ist durch die unterschiedlichen
Positionen in der Irak-Frage angespannt. US-Präsident George W. Bush hatte Iran
und Nordkorea bei einer Rede im Januar 2002 zusammen mit Irak in eine "Achse
des Bösen" eingereiht.
Die Schweiz sei bereit, als "Moderator" bei Gesprächen zwischen Nord- und
Südkorea aufzutreten, sagte Außenministerin Micheline Calmy-Rey bei einem Besuch
in Südkorea. Einer ihrer Mitarbeiter relativierte die Aussage später mit den
Worten, es handele sich um eine "unspezifische Offerte" der
Schweiz, die ihre "guten Dienste" angeboten habe.
Calmy-Rey überquerte in Panmunjom zu Fuß die Grenze
zwischen Nordkorea und Südkorea. Sie hoffe, mit diesem
"symbolischen Akt" einen "großen Schritt in Richtung Frieden"
zu machen, sagte die Ministerin. Die überschreitung der Grenze
zeige die Möglichkeiten, Grenzen zu überwinden, die für
Trennung und Konfrontation stünden.
Der kommunistisch regierte Norden warnte den Süden derweil vor einem "entsetzlichem Unheil", sollte die Regierung
in Seoul den "Weg der Konfrontation" beschreiten. Wenn Südkorea über die so genannte Atomkrise oder "weitere
Schritte" spreche, könnten die Verbindungen zu Nordkorea wertlos werden, sagte der vorsitzende Delegierte bei den
innerkoreanischen Wirtschaftsgesprächen in Pjöngjang. (Quelle: afp)
Pentagon will Verbot von kleinen Atomwaffen aufheben
Mi.21.05.03 - Das Pentagon will die Möglichkeit prüfen, kleine Nuklearwaffen
gegen biologische oder chemische Waffenlager tief unter der Erde einzusetzen. Es
hat daher den Kongress aufgefordert, das seit zehn Jahre geltende Verbot solcher
Waffen aufzuheben. Dies bestätigte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in
Washington. Der Minister unterstrich, dass es sich nur um Studien der so
genannten Mini-Nukes handele. (Quelle: dpa)
«Blick ins Archiv»
UN-Vertreter kritisiert US-Pläne für neue Generation von Atomwaffen (AFP-Nachricht vom So.27.04.03):
USA wollen sogenannte Mini-Nukes zur Zerstörung von unterirdischen Zielen entwickeln
Die Atomwaffen aus der Zeit des Kalten Krieges hätten ausgedient, weil sie nicht mehr zeitgemäß
seien, und es sei notwendig, existierende Nuklearwaffen zu modifizieren oder zu erneuern,
stellte ein Pentagon-Bericht bereits im März 2002 fest. Umgehend solle mit der Entwicklung eines
"robusten nuklearen Erdpenetrators" (Robust Nuclear Earth Penetrator - RNEP) begonnen werden ...
Mehr in einem Telepolis-Bericht vom 27.04.03)
«Neustart der US-Atomwaffen-Produktion -
Erstmals seit 14 Jahren hat das Energieministerium wieder einen
Plutionium-Pit hergestellt, den Kern eines nuklearen Sprengkopfes»
Mehr in einem Telepolis-Bericht vom 25.04.03:
Rumfsfeld: El-Kaida-Kämpfer aus Iran in Riad-Anschläge verwickelt
Mi.21.05.03 - In Iran lebende Mitglieder des Terrornetzwerks El Kaida könnten nach
Ansicht von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in die Serie von
Selbstmordanschlägen in Saudi-Arabien verwickelt sein. Es stehe außer Frage,
dass es El-Kaida-Kämpfer in Iran gebe, und es gebe "eine ganze Menge
Spekulationen über ihre Rolle bei den Ereignissen in Saudi-Arabien", sagte
Rumsfeld am Dienstag vor Journalisten in Washington. Nähere Angaben machte er
allerdings nicht. (Quelle: afp)
Bush wendet sich an das kubanische Volk
Mi.21.05.03 - US-Präsident George W. Bush hat sich am Dienstag mit einer
kurzen Radioansprache an die Kubaner gewandt. "Ich hoffe für das kubanische
Vok, dass es bald die gleichen Freiheiten und Rechte genießen kann wie wir",
sagte Bush in seiner knapp einminütigen Botschaft, die von einem
US-Regierungssender auf die Karibikinsel übertragen wurde. "Diktatoren haben
keinen Platz in Amerika. Gott segne das kubanische Volk, das für Freiheit kämpft",
sagte Bush. Vor 101 Jahren, am 20. Mai 1902, erhielt Kuba nach rund dreijähriger
amerikanischer Militärherrschaft den Status einer Republik. (Quelle: ap)
US-Präsident Bush will palästinensischen Staat ab 2005
Mi.21.05.03 - Angesichts der jüngsten Terroranschläge hat US-Präsident
George W. Bush den neuen palästinensischen Ministerpräsidenten Mahmud Abbas
zu einem schärferen Vorgehen gegen den Terror aufgefordert. Außerdem erklärte
Bush, dass die USA weiter darauf hinwirken wollen, dass im Jahr 2005 ein
palästinensischer Staat geschaffen wird. Es war Bushs erstes Telefonat mit Abbas.
Es wird jetzt erwartet, dass der palästinensische Präsident in den kommenden
Monaten zu Gesprächen in die USA eingeladen wird.
Ein Besuch des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon in den USA wurde
unterdessen wegen der Anschläge mit zwölf getöteten Israelis innerhalb von 48
Stunden abgesagt. Der Besuch soll allerdings nachgeholt werden. Scharon schickte
jedoch seinen Büroleiter Dov Weisglass nach Washington, wo dieser am Mittwoch
zu Gesprächen erwartet wird. (Quelle: ap)
Israel schließt langfristig EU-Beitritt nicht aus
Mi.21.05.03 - Israel schließt nach Worten seines Außenministers Silvan
Schalom langfristig einen Beitritt zur Europäischen Union (EU) nicht aus.
"Schalom hat gesagt, er schließe nicht aus, dass diese Regierung eine vollständige
Mitgliedschaft in der EU beantragen wird", sagte Marco Pannella, italienischer
Abgeordneter im Europäischen Parlament, am Dienstag. Pannella führt derzeit eine
EU-Delegation bei ihrem Besuch in Israel an. Ein Sprecher Schaloms bestätigte die
äußerungen des Ministers, schränkte aber ein: "Das heißt nicht, dass er für
morgen eine Bewerbung vorbereitet." Scharon sei im Grundsatz der Auffassung,
dass für Israel die Möglichkeit eines EU-Beitritts bestehe, da sich die Wirtschaften Israels
und Europas ähnelten und dieselben demokratischen Werte gelten würden.
Pannella sagte der Nachrichtenagentur Reuters, im Europäischen Parlament gebe
es wachsende Zustimmung für einen EU-Beitritt Israels. Allerdings könne es noch bis zu einem
Jahrzehnt dauern, bis der Prozess abgeschlossen sei. Ab 2004 werden zunächst zehn osteuropäische
Länder der EU beitreten. Neben Polen, Ungarn und Tschechien gehören dazu auch
Slowenien, die Slowakei, Malta, Zypern und die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen.
Bei den EU-Mitgliedstaaten gilt das Interesse an einem Beitritt Israels jedoch als eher begrenzt. Die Mitgliedsländer
sind enttäuscht über die Zurückhaltung des Landes gegenüber dem neuen Friedensplan des so genannten
Nahost-Quartetts, zu dem die EU, die USA, Russland und die Vereinten Nationen (UNO) zählen. Zudem ist die EU
besorgt über das militärische Vorgehen Israels gegen den Palästinenser-Aufstand. (Quelle: rtr)
Berichte von Gräueltaten im Nordosten Kongos
Mi.21.05.03 - Die Gefechte im Nordosten Kongos haben in den vergangenen zwei
Wochen mehr als 230 Menschen das Leben gekostet. Mitarbeiter von
Hilfsorganisationen sagten am Dienstag, sie hätten die Leichen auf den Straßen der
umkämpften Stadt Bunia gefunden. Unter den Toten seien Frauen und Kinder,
einige von ihnen seien geköpft worden, anderen habe man Organe herausgerissen.
Die Mitarbeiter sagten, die Zahl der Todesopfer könne noch steigen, da sie erst
neun der zwölf Stadtteile besucht hätten. Ihre Namen und die ihrer Organisationen
wollten die Mitarbeiter nicht nennen, aus Furcht vor Repressalien der verfeindeten
Volksgruppen Hema und Lendu. Die Vereinten Nationen bestätigten jedoch die
Angaben. Zwischen dem 4. und 19. Mai seien 231 Leichen gefunden und bestattet worden,
sagte der Sprecher der UN-Mission in Kongo, Hamadoun Toure.
Die Gefechte waren nach der Unterzeichnung einer
Waffenstillstandsvereinbarung am Freitag zurückgegangen. Trotz
des Abkommens zogen am Dienstag aber immer noch
Bewaffnete mit Macheten und Granaten durch die Straßen,
darunter auch Kinder. Die UN haben die Stationierung einer
Friedenstruppe in Kongo gefordert. Frankreich wurde gebeten, die
Leitung der Truppe zu übernehmen, überlegt aber derzeit noch, ob es
dieser Bitte nachkommen will.
(Quelle: ap)
Indonesische Offensive in Aceh löst international Besorgnis aus
Mi.21.05.03 - Am dritten Tag der indonesischen Offensive in der
Nordwestprovinz Aceh sind bei heftigen Kämpfen mit Separatisten nach
Rebellenangaben 13 Menschen ums Leben gekommen. Ein Sprecher der
Streitkräfte bestätigte am Mittwoch, dass die Truppen im Norden der Provinz massiv
gegen Kämpfer der Bewegung Freies Aceh vorgingen (GAM). Die Kämpfe dauerten
weiter an, berichtete ein örtlicher Rotkreuz-Helfer.
Schwerpunkt der Gefechte war eine Region östlich der Stadt Bireun. Dort seien
zehn Einwohner, zwei unbewaffnete GAM-Mitglieder und ein Soldat getötet worden,
sagte GAM-Sprecher Tengku Agam. Nach Informationen von Sanitätern kamen mehr als
zehn Menschen ums Leben. Beobachter berichteten von den schwersten Kämpfen seit
Beginn der Offensive im Anschluss an den Zusammenbruch von Friedensgesprächen am
Sonntag.
Die indonesischen Streitkräften verstärkten am Mittwoch ihre Truppen in der Umgebung der
nördlichen Ortschaften Bireun und Pidie, die als Hochburgen er Rebellen gelten. Im Norden
von Aceh gibt es umfangreiche öl- und Erdgasvorkommen. Die Anlagen des
US-Konzerns ExxonMobil wurden von den Kämpfen bislang nicht berührt. Bireun und Pidie waren aber ein
Schwerpunkt zahlreicher Brandstiftungen - seit Beginn der Offensive gingen mehr als 150 Schulgebäude in Flammen
auf. Beide Seiten machten sich gegenseitig dafür verantwortlich.
Am vergangenen Sonntag waren Verhandlung zwischen Rebellen und Regierung um eine die Entwaffnung der
Rebellen und den künftigen Status der Provinz gescheitert. Die Krise um Aceh ist einer der am längsten dauernden
Konflikte in Asien. Die Guerillakämpfer befinden sich seit 1976 im bewaffneten Widerstand gegen die Zentralregierung.
Dabei kamen mehr als 12.000 Menschen ums Leben. (ap)
«Stichwort: Aceh»
Mi.21.05.03 - Die indonesische Unruheprovinz Aceh, in der Regierungstruppen seit
Beginn der Woche gegen separatistische Rebellen vorgehen, liegt im äußersten
Nordwesten Indonesiens auf der Insel Sumatra. Die Entfernung zur Hauptstadt
Jakarta auf der Insel Java beträgt 1.770 Kilometer. In Aceh leben 4,3 Millionen der
insgesamt 225 Millionen Indonesier. Die Provinz ist reich an Bodenschätzen, vor
allem öl und Gas. Die Rebellen werfen der Regierung vor, den Großteil der
öleinnahmen für sich zu beanspruchen.
Die Unabhängigkeitsbewegung Freies Aceh kämpft seit 26 Jahren gegen die
Zentralregierung in Jakarta. Erst im Dezember vergangenen Jahres kam
nach vierjährigen Verhandlungen ein Friedensabkommen zu Stande, das
sich jedoch rasch als brüchig erwies. Die letzten Gespräche zu seiner
Rettung scheiterten am Sonntagabend. Präsidentin Megawati Sukarnoputri
ordnete daraufhin wie zuvor angekündigt eine Militäroffensive an. Rund
30.000 Soldaten sind gegen die 5.000 Rebellen im Einsatz.
Der Bürgerkrieg um den Status der Provinz Aceh schwelt bereits seit 1945, als Indonesien seine Unabhängigkeit von
Niederlanden erklärte. Damals versprach Jakarta den Bewohnern von Aceh eine weitgehende Autonomie, denn Aceh
gehört erst seit 1910 zu Indonesien. Zuvor hatte sich die dortige Bevölkerung erfolgreich gegen die Kolonialisierung zur
Wehr gesetzt. Auch im indonesischen Unabhängigkeitskrieg von 1945 bis 1949 stand sie an vorderster Front, nach
dem Abzug der europäischen Kolonialherren wurde das Versprechen einer Autonomie aber nicht erfüllt.
(Quelle: ap)
Rund fünf Millionen Inder zum Streik gegen Privatisierungspläne aufgerufen
Mi.21.05.03 - Sechs große indische Gewerkschaften haben für Mittwoch mehr als
fünf Millionen zum Streik aufgerufen. Damit soll gegen Privatisierungspläne der
Regierung protestiert werden. Außerdem wenden sich die Arbeitsniederlegungen
gegen die Pläne der Regierung, wonach staatliche Betriebe die Erlaubnis erhalten
sollen, Arbeiter zu entlassen und die Verzinsung von Pensionsfonds zu senken.
Den am Streik beteiligten Gewerkschaften gehören vor allem Bankangestellte,
Hafen- und Bergarbeiter und Angestellte des Baugewerbes an. (Quelle: ap)
Deutschland finanziert ein Viertel der EU-Ausgaben
Mi.21.05.03 - Deutschland ist wohl auch in diesem Jahr der mit Abstand
größte Beitragszahler in der Europäischen Union: Die
Bundesrepublik werde 2003 voraussichtlich 22,3 Milliarden
Euro nach Brüssel überweisen, wie das Statistische
Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Damit finanziere
Deutschland 22,7 Prozent der gesamten Ausgaben der
EU. Zugleich werden demnach aber rund 7,6 Milliarden
Euro von der EU nach Deutschland zurückfließen: Rechnerisch ergibt sich so eine
Nettozahlungsbilanz von 14,7 Milliarden Euro.
Im Jahr 2000 überwies Deutschland netto fast doppelt so viel an die EU wie der
zweitgrößte Nettozahler, das Vereinigte Königreich - bestehend aus Großbritannien
und Nordirland. Gemessen an der Einwohnerzahl liegt Deutschland bei den
Nettoleistungen mit 143 Euro je Einwohner jedoch nur auf Platz vier. Den
Spitzenplatz nimmt mit 247 Euro je Einwohner Luxemburg ein, gefolgt von den
Niederlanden (209 Euro) und Schweden (165 Euro). (Quelle: afp)
Drei Bundesländer verhängen Haushaltssperren
Mi.21.05.03 - Sachsen, Brandenburg und Baden-Württemberg haben
wegen der erwarteten Steuerausfälle am Dienstag Haushaltssperren verhängt. Nach
der Mai-Steuerschätzung der vergangenen Woche hatte sich bereits
Sachsen-Anhalt zu diesem Schritt entschlossen.
Bayern rechnet in diesem Jahr mit einem Steuerloch von mehr als einer halben
Milliarde Euro. Hier gibt es bereits seit Ende 2002 eine Haushaltssperre.
Unterdessen dämpfte Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) die hohen
Erwartungen der Kommunen an die geplante Gemeindefinanzreform.
Auch der Bund müsse sparen und an den Haushaltsausgleich denken, sagte
Eichel in der SPD-Fraktion nach Angaben von Teilnehmern der Sitzung.
Zur Gemeindefinanzreform gehören die geplante Reform der Gewerbesteuer sowie die
finanziellen Auswirkungen der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe
auf die Kommunen. In dem Leitantrag der SPD zur Reformagenda 2010 werden
den Kommunen als Ausgleich für die Übernahme der Kosten für die arbeitsfähigen
Sozialhilfeempfänger "mehrere Milliarden" zugesichert.
Die baden-württembergische Landesregierung verhängte eine auf ein Volumen von 100 Millionen Euro begrenzte
Haushaltssperre. Damit behält sich die CDU/FDP-Regierung vor, im Einzelfall über bereits geplante Ausgaben zu
entscheiden. Faktisch wirkt der Beschluss wie eine Kürzung der Ausgaben. Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU)
sagte, die in der Steuerschätzung für 2003 vorhergesagte Einnahmelücke von 284 Millionen Euro solle auch durch
geringere Ausgaben für Zinsen und höhere Justizgebühren geschlossen werden.
Sachsens Finanzminister Horst Metz (CDU) sagte in Dresden, die Haushaltssperre sei zeitlich befristet und bis zum
Nachweis konkreter Einsparmaßnahmen vorläufig. Sachsen rechnet für 2003 mit Steuerausfällen von 312 Millionen
Euro. Sachsen-Anhalt hatte bereits am Donnerstag eine Haushaltssperre erlassen. Hier wird mit 150 Millionen Euro
weniger Einnahmen in diesem Jahr gerechnet.
Angesichts der Steuerausfälle verfügte auch Brandenburg eine generelle Haushaltssperre. Danach kann nur
Finanzministerin Dagmar Ziegler (SPD) Ausnahmegenehmigungen für Ausgaben erteilen. Außerdem seien eine
strenge Bewirtschaftung beispielsweise von Personalmitteln sowie eine Streckung von Baumaßnahmen angeordnet
worden, teilte das Finanzressort am Dienstagabend mit. Brandenburg rechnet mit 150 Millionen Euro
Mindereinnahmen in diesem Jahr.
Bayern will trotz der erwarteten Mindereinnahmen von 505 Millionen Euro weder neue Schulden machen noch einen
Nachtragshaushalt einbringen. Aufgefangen werden sollten die Steuerausfälle durch weitere Einsparungen, sagte
Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU).
"Wir werden dafür auch Proteste bekommen, das ist keine Frage", sagte Stoiber mit Blick auf die angekündigten
Einsparungen. 182 Millionen Euro sollen durch eine Erhöhung der derzeitigen Haushaltssperre von 15 auf 20 Prozent
gespart werden. 223 Millionen Euro will Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU) aufbringen, indem er den Ministerien
am Jahresende einkalkulierte Haushaltsreste (nicht ausgegebene Gelder) von 223 Millionen Euro abnimmt. Die
verbleibenden 100 Millionen soll ein Griff in die Rücklagen bringen.
Thüringen rechne mit Mindereinnahmen von 337 Millionen Euro in diesem Jahr, sagte Finanzministerin Birgit Diezel
(CDU) in Erfurt. Sie kündigte einen Nachtragshaushalt an.
Nach der am vergangenen Donnerstag veröffentlichten Prognose des Arbeitskreises Steuerschätzung müssen Bund,
Länder und Kommunen bis 2006 mit über 126 Milliarden Euro weniger Steuereinnahmen rechnen als bisher
veranschlagt. Allein für dieses Jahr werden in den öffentlichen Haushalten 8,7 Milliarden Euro gegenüber den
bisherigen Planungen fehlen.
(Quelle: dpa)
Schmidt verteidigt Gesundheitsreform gegen Ärzte-Kritik
Mi.21.05.03 - Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat vor dem
deutschen Ärztetag die geplante Gesundheitsreform gegen Kritik verteidigt. Beide
Seiten signalisierten aber trotz aller Differenzen Gesprächsbereitschaft.
Schmidt sagte am Dienstag in Köln vor etwa 250 Delegierten, die reine
Kostendämpfung im Gesundheitswesen sei an ihr Ende gelangt. Nun seien
Strukturveränderungen notwendig, die auch die Ärzte beträfen. "Es wird kein Weg
sein, wo niemand sich verändern muss", sagte Schmidt. Der Präsident der
Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, kritisierte die Gesundheitsreform als
Mogelpackung, bot aber gleichzeitig Gespräche mit der Bundesregierung an.
Schmidt plant mit ihrer Gesundheitsreform teilweise drastische Veränderungen für
die deutsche Ärzteschaft. So sollen Patienten 15 Euro bezahlen müssen, wenn sie ohne
Überweisung durch den Hausarzt einen Facharzt aufsuchen. Mit dem Hausarzt als "Lotsen"
solle die Behandlung der Patienten für alle transparenter und eine bessere Abstimmung der
Leistungen gewährleistet werden, verteidigte Schmidt das Vorhaben.
Außerdem soll künftig ein Zentrum für Qualität in der Medizin Standards für die Behandlung bestimmter Krankheiten
entwickeln. Insbesondere an diesem Institut entzündet sich die Kritik der Ärzte, weil sie eine Bevormundung durch
eine Behörde fürchten. Schmidt wies diesen Vorwurf zurück und erklärte, das Zentrum solle unter der Verantwortung
der Fachleute stehen und nicht der Behörde. Der Vorwurf der Staatsmedizin sei "absurd".
Schmidt sagte zu, dass die Arbeitszeiten für Mediziner in Krankenhäusern "Schritt für Schritt" verringert werden
sollten. Darüber hinaus versprach sie, die Honorare für junge Mediziner nach dem Studium zu verbessern und das
Praktikumsjahr ab 2004/05 abzuschaffen. Schmidt warb in ihrer Rede, gemeinsam einen Konsens zu finden und
forderte die Ärzteschaft zu einer offenen Diskussion auf.
Hoppe sagte, die Regierung wolle Kosten einsparen und bemäntele dies als Qualitätsoffensive für das
Gesundheitssystem. Darüber hinaus bezeichnete er Teile der geplanten Gesundheitsreform als staatliche
Überreglementierung. Grundsätzlich sei die Ärzteschaft aber bereit, mit der Regierung bei der geplanten
Gesundheitsreform zusammenzuarbeiten, fügte Hoppe an. "Es gibt eine Vielzahl gemeinsamer Ansatzpunkte."
(Quelle: rtr)
Die Kernpunkte der Gesundheitsreform
5000 Euro Ausbildungsabgabe für 50 000 neue Lehrstellen
Mi.21.05.03 - Die Bundesregierung will eine Ausbildungsabgabe von 5000 Euro
erheben. Damit sollen 50 000 neue Lehrstellen geschaffen werden. Presseberichten
zufolge will Rot-Grün einen Ausbildungsfonds mit 250 Millionen Euro finanzieren.
Künftig soll jedes Unternehmen zahlen, das in der Belegschaft weniger als sechs
Prozent Lehrlinge hat. Bis September soll der Wirtschaft jedoch noch Gelegenheit
gegeben werden, die fehlenden Stellen über einen freiwillig bereitgestellten Fonds
bis Jahresende zu finanzieren.
(Quelle: dpa)
SPD rechnet mit über 80 Prozent Zustimmung zu Agenda 2010 -
Die Partei verliert seit Debatte um Reformen mehr Mitglieder
Mi.21.05.03 - Trotz anhaltender Kritik aus der Parteilinken sieht
die SPD-Spitze dem Sonderparteitag zu den geplanten
Sozialreformen am 1. Juni mit wachsender Zuversicht entgegen.
Die Parteiführung rechnet nach Beratungen mit den Landes-
und Bezirksvorsitzenden fest damit, dass dann über 80 Prozent
der Delegierten den Kurs von Bundeskanzler Gerhard Schröder
unterstützen werden. Mit einem solchen Ergebnis könne der
Kanzler nach dem wochenlangen Richtungsstreit in der SPD
gut leben, lautete am Dienstag die Einschätzung in der Partei-
und Fraktionsspitze.
Mit einiger Sorge wird dagegen der Mitgliederschwund gesehen, der sich durch die
Reformdebatte offenbar insbesondere bei den gewerkschaftlich Organisierten
beschleunigt hat. SPD-Generalsekretär Olaf Scholz räumte ein, dass im April
deutlich mehr Austritte registriert wurden als in den Vormonaten. Nach
SPD-Angaben verlor die Partei im abgelaufenen Monat knapp 7300 Mitglieder, davon
die meisten durch Austritt. Derzeit liegt die Mitgliederzahl bei rund 673 000, knapp
20 000 weniger als zu Jahresanfang. Scholz rechnet erst mit einer Trendumkehr,
wenn über die Reformen entschieden ist.
Einen Tag vor der letzten SPD-Regionalkonferenz mit Schröder am Mittwoch in Potsdam
zeigten sich vor allem bislang skeptische Sozialdemokraten aus dem Osten mit den
Korrekturen zufrieden. Diese Nachbesserungen hätten viele Kritiker überzeugt, sagte
Brandenburgs SPD-Ministerpräsident Matthias Platzeck im WDR. Nach der jüngsten Steuerschätzung
habe sich auch die Einsicht durchgesetzt, dass der Kanzler ohne diese Reformen keine Arbeitsgrundlage
mehr habe.
Der SPD-Generalsekretär ist überzeugt, dass Schröder auch im
Bundestag die Reformgesetze ohne eine Vertrauensfrage durchbringen wird. "Wir haben eine eigene Mehrheit", sagte
Scholz voraus. Er traue niemandem von den Kritikern zu, den Kanzler stürzen zu wollen. Auch der Mainzer
SPD-Regierungschef Kurt Beck sieht trotz der neuen Rücktrittsdrohung Schröders im Parteivorstand die Regierung
nicht in Gefahr.
Der Kanzler traf sich am Dienstag mit der Spitze der Parlamentarischen Linken um SPD-Fraktionsvize Michael Müller.
Anschließend verlautete, insgesamt sechs Fraktionsmitglieder würden im Blick auf die sich bis in den Herbst
hineinziehenden Parlamentsabstimmungen noch als "Wackelkandidaten" eingestuft.
SPD und Grüne haben zusammen 306 Stimmen, vier Mandate mehr als zur Kanzlermehrheit von 302 Stimmen nötig.
Die Parteilinke Sigrid Skarpelis-Sperk, die zu den schärfsten Reformkritikern gehört, machte ihr endgültiges Verhalten
davon abhängig, wie die Gesetzentwürfe letztlich aussehen. Die Sprecherin der Parteilinken, Andrea Nahles, sagte,
sie wolle keinen "Kamikaze"-Kurs. Sie forderte von der SPD-Führung aber weitere Kompromisse.
CDU-Chefin Angela Merkel hält nach Schröders Entgegenkommen an die Parteilinke eine breite Verständigung über
die Reformen nun für schwieriger erreichbar. Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt kritisierte die neuen SPD-Pläne für
eine Abgabe von Betrieben, die nicht ausbilden.
(Quelle: dpa)
Teil der SPD-Linken bleibt bei Nein zu Agenda 2010
Mi.21.05.03 - Trotz der Änderungen an der Agenda 2010 bleiben Teile
der SPD-Linken bei ihrem Widerstand gegen die Reformpläne von Bundeskanzler
Gerhard Schröder (SPD). Mehrere SPD-Bundestagsabgeordnete hielten sich offen,
gegen zentrale Punkte der Reformagenda zu stimmen. Die IG Metall machte weiter
gegen die Agenda mobil. Sie schaltete bundesweit Anzeigen gegen die Reformen
und rief die Arbeitnehmer zu Aktionen auf.
Falls es bei den Eckpunkten der Agenda 2010 bleibe, gehöre der Chef der
SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen, Ottmar Schreiner, zu den
sicheren Nein-Sagern im Bundestag, schrieb die "Leipziger Volkszeitung". Das sei
er seinem "Selbstverständnis von sozialdemokratischer Politik schuldig", soll
Schreiner bei einer internen Beratung der Linken gesagt haben.
Auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Sigrid Skarpelis-Sperk blieb bei
ihrer Kritik. Es bestehe immer noch eine soziale Unausgewogenheit bei den Reformplänen,
etwa beim Krankengeld. Außerdem gebe es zu wenig Absicherung für ältere
Arbeitslose. Der Initiator des SPD-Mitgliederbegehrens, Florian Pronold, nannte den
Leitantrag zur Agenda 2010 "keinen akzeptablen Kompromissvorschlag".
Der CDU-Haushaltspolitiker Dietrich Austermann kritisierte im Fernsehsender Phoenix, dass "eine Handvoll
Querulanten" bei SPD und Grünen den Reformprozess aufhielten. Seine Fraktion sei bereit, einen Großteil der
Reformvorhaben zu unterstützen.
Die IG Metall teilte in Frankfurt am Main mit, sie werde in den nächsten Tagen Anzeigen gegen die Agenda 2010
schalten. Darin würden die Arbeitnehmer auch aufgerufen, sich am bundesweiten Aktionstag der Gewerkschaften am
Samstag zu beteiligen.
(Quelle: afp)
Bislang 15.000 Unterstützer für SPD-Mitgliederbegehren
Mi.21.05.03 - Das vom linken Parteiflügel in der SPD angestoßene Mitgliederbegehren
zur Korrektur der Reformagenda 2010 hat bislang 15.000 Unterstützer gefunden. Der
SPD-Parlamentarier und Juso-Landesvorsitzende Bayerns, Florian Pronold, forderte
am Dienstag dazu auf, die Unterschriften gegen die Pläne von Bundeskanzler
Gerhard Schröder bis vor Ende des Monats einzusenden. "Wir wollen vor dem 1.
Juni einen Halbzeitstand melden", erklärte er.
Für einen Erfolg des Mitgliederbegehrens sind 67.000 Unterschriften erforderlich.
Anfang Mai waren es nach Angaben der Initiatoren 5.000. Am 1. Juni will die SPD
auf einen Sonderparteitag über die Reformpläne abstimmen.
Der am Montag beschlossene Leitantrag zur Agenda 2010 sei kein Kompromiss,
der von der SPD als Ganzes mitgetragen werden könne, sagte Pronold. Bei den
Themen Krankengeld, Arbeitslosenunterstützung und Kündigungsschutz gebe es
kaum Bewegung. (Quelle: ap)
SPD-Mitgliederbegehren:
Florian Pronold:
Hintergrund: Der Leitantrag zur Agenda 2010
Naturschützer kritisieren Straßenbaupolitik der Regierung
Mi.21.05.03 - Naturschützer haben die Straßenbaupolitik der Regierung scharf
kritisiert. Gerade angesichts leerer Staatskassen sei es nicht akzeptabel, dass
jährlich 5,2 Milliarden Euro in den Straßenbau gesteckt würden, während für
umweltfreundliche Bahnstrecken das Geld fehle, erklärte der Bund für Umwelt und
Naturschutz Deutschland (BUND) am Dienstag in Berlin. Die Ausgaben für den
Straßenbau hätten ein neues Rekordniveau erreicht.
Viele der bis 2015 geplanten rund 800 neuen Straßenbauprojekte mit
veranschlagten Kosten von 20 Milliarden Euro seien ökologisch und
verkehrspolitisch "völlig unsinnig". Der Verband mahnte Nachbesserungen an.
Aus dem Bundesverkehrswegeplan habe man zwölf Projekte herausgegriffen, die
zeigten, wie unsinnig manche Straßenplanung in Deutschland sei. Als absurdestes
Beispiel verfehlter Politik nannten die Umweltschützer einen neugeplanten
Grenzübergang im brandenburgischen Schwedt: Für 25,3 Millionen Euro solle dort
ein Straßenübergang nach Polen neu entstehen. Allerdings gestehe man bereits bei
der Planung ein, dass nicht mehr als 214 Fahrzeuge diesen Übergang pro Tag
befahren würden. Zudem verlaufe mehr als drei Viertel der Strecke durch ökologisch
hochsensibles Gebiet.
Der Verband warnte vor Fehlplanungen wie bei der Autobahn A 20 von Lübeck nach
Stralsund, "wo man zu bestimmten Zeiten mangels Verkehr spazieren gehen"
könne.
(Quelle: ap)
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
Bundesverkehrswegeplan:
«Biologische Invasion»
Umwelt-Globalisierung entwickelt sich rasant
Mi.21.05.03 - Manche sehen niedlich aus, andere duften wunderbar und
weitere helfen bei der Schädlingsbekämpfung - einige wenige aber können großen
Schaden anrichten. Gemeint sind Pflanzen, Wirbeltiere, Fische oder Bakterien, die
aus fernen Ländern wissentlich oder unwissentlich nach Mitteleuropa eingeschleppt
wurden. «Die meisten Arten sind zum Glück einfach nur da und stören die Natur
nicht», sagte Professor Jens-Georg Unger von der Biologischen Bundesanstalt für
Land- und Forstwirtschaft (BBA) in Braunschweig.
Dort haben sich am Dienstag Wissenschaftler aus ganz Deutschland zu einer
zweitägigen Tagung getroffen, um sich mit der "biologischen Invasion" zu
beschäftigen. Schon seit Beginn der Seefahrt im 15. Jahrhundert haben fremde
Arten immer mal wieder den Weg nach Europa gefunden. "Durch die Zunahme des
weltweiten Handels hat sich das Problem in den vergangenen zehn Jahren jedoch
deutlich verschärft", sagte Unger. Es gebe zwar keine Statistik, aber ausreichend
Beispiele. Eine Einschätzung die das Bundesamt für Naturschutz (BfN/Bonn) teilt.
Erst jüngst machte der aus Ostasien stammende Marderhund wieder Schlagzeilen.
Der possierlich aussehende Wildhund wurde in der ehemaligen Sowjetunion als
Pelztier genutzt. In den 30er Jahren wurde er von den Züchtern freigesetzt und
breitet sich derzeit in ganz Deutschland aus, erst kürzlich wurde er im
niedersächsischen Emsland gesichtet. "Er jagt nicht nur einheimische Tiere, er
kann auch den für Menschen gefährlichen Fuchsbandwurm übertragen", berichtet BBA- Mitarbeiterin Gritta Schrader.
Wie viele Marderhunde bereits in deutschen Wäldern leben, weiß niemand.
Auch im Meer können die "Einwanderer" zu einem Problem werden. Die chinesische Wollhandkrabbe, von großen
Seeschiffen vor etwa 80 Jahren eingeschleppt, raubt seit Jahrzehnten die Netze und Reusen der Fischer aus und kann
auch Deiche schädigen. Die Fischereiindustrie sorgt auch selbst für "Fremdlinge": "Um den Fischbestand zu
erhöhen werden Nachzuchten aus anderen Ländern ausgesetzt, die sich oft mit einheimischen kreuzen", erläuterte
Harald Martens vom BfN.
Besonders rasant vermehren sich einige Pflanzenarten, wie die Herkulesstaude oder der Riesenknöterich. Die oft als
Zierpflanze für den Garten gekauften Arten können gebietsweise einheimische Pflanzen vollständig verdrängen.
Im Discounter angebotene Pflanzen ursprünglich einheimischer Arten werden laut Unger oft auch in Übersee gezogen.
Mit den Gewächsen kämen dann nicht selten auch bislang ungekannte Schädlinge in den Garten. Das bedeute eine
besondere Gefahr. "Anders als Marderhunde oder Stauden kann ein Laie kaum einen asiatischen von einem
europäischen Pilzbefall unterschieden", erklärte der Fachmann. Eine frühzeitige Erkennung von invasiven Arten sei
jedoch für die richtige Bekämpfung erforderlich.
"Derzeit macht mancherorts eine Pilzart an Rhododendron und Schneeball Sorge, die in Kalifornien ein dramatisches
Eichenstreben auslöste", sagte Unger. Produzenten und Händler müssen daher seit kurzem europaweit eine
Herkunftsbescheinigung für die betroffenen Pflanzensorten vorweisen und Ausrottungsmaßnahmen für den Pilz treffen.
In den vergangenen Jahren haben Politiker bereits mit zahlreichen politischen Abkommen und Gesetzen auf die
veränderte Lage reagiert. Schon 1992 forderte das Abkommen von Rio über die Biologische Vielfalt die Staaten auf,
invasive gebietsfremde Arten zu beobachten und wenn nötig, gegen sie vorzugehen. (Quelle: dpa)
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