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Kurznachrichten   [ Allg. Nachrichten ] [Nachrichtendienste ] [ Ticker ] +++ So.25.05.03, 12:45 Irak am siebenundsechzigsten Tag nach Kriegsbeginn
Iraker müssen bis Mitte Juni Waffen abgeben +++
Turbulenzen bei Stadtratswahl in Kirkuk +++
Beschäftigte der Elektrizitätsbranche erhalten erste Gehälter seit Beendigung der Kampfhandlungen +++
Irak will innerhalb von drei Wochen wieder Öl exportieren +++
So.25.05.03 - Das US-Militär hat in seinen Bemühungen zur Wiederherstellung
von Recht und Ordnung im Irak der Bevölkerung des Landes bis Mitte Juni Zeit
gegeben, alle automatischen und schweren Waffen abzugeben.
"Von 1. Juni an werden die Menschen im Irak 14 Tage Zeit haben, ihre nicht
zugelassenen Waffen an Kontrollpunkten hier und im ganzen Land Vertretern der
Koalitionsstreitkräfte zu übergeben", teilte das US-Militär am Samstag in der
irakischen Hauptstadt Bagdad mit. Privatpersonen, die nach dem 14. Juni unbefugt
mit Waffen entdeckt würden, würden festgenommen und bestraft.
Im Irak, wo Waffenbesitz als Zeichen von besonderer Männlichkeit gilt, war es nach
dem Sturz von Präsident Saddam Hussein im April zu zahlreichen Plünderungen
gekommen. Gestohlene Waffen waren denn auch in den Straßen günstig zu kaufen.
Iraker haben jüngst beklagt, dass angesichts anarchischer Zustände im Land seit
Kriegsende sowie der Fülle von Waffen die Kriminalitätsrate nie da gewesene
Ausmaße erreicht habe. Die Sicherheitslage sei noch nie so schlecht gewesen wie
derzeit, hieß es.
Bei der Wahl eines neuen Stadtrates ist es am Samstag in der
nordirakischen Stadt Kirkuk zu lautstarken Protesten gekommen. US-Soldaten
führten vor der Abstimmung fünf arabische Delegierte des zuvor benannten
Wahlmännergremiums ab, weil sie nach Angaben der Amerikaner im Verdacht
stehen, Verbindungen zur verbotenen Baath-Partei des früheren Machthabers
Saddam Hussein zu haben. Nach dem Wahlgang schloss der regionale
US-Kommandeur, Generalmajor Ray Odierno, zwei unabhängige Delegierte wegen
lautstarker Proteste von der Versammlung aus.
"Wenn dies Demokratie ist, ann ist sie keinen Pfennig wert», kommentierte Abdel
Karim Habib, ein früherer politischer Gefangener und für die Versammlung bestellter
unabhängiger Wahlmann. Das Wahlverfahren wurde nach Angaben von Odierno vor
einiger Zeit mit fast 100 Einwohnern der von Kurden und Arabern bewohnten Stadt
vereinbart. Demnach hatte die US-Armee 300 Bürger in prominenter Stellung ausgewählt,
die dann ihrerseits am Samstag 24 Mitglieder des Stadtrats wählten. Er selbst werde dann
noch sechs zusätzliche Ratsmitglieder aus der lokalen Wirtschaft bestimmen, hatte Odierno
zuvor erklärt.
Der komplette Stadtrat soll schließlich einen Bürgermeister und dessen Stellvertreter wählen. Beide müssen dann
jedoch noch von Odierno bestätigt werden. Der Generalmajor räumte ein, dass es sich bei diesem Verfahren um keine
ideale demokratische Lösung handele, aber dennoch um einen ersten Schritt auf dem Wege zur Demokratie. Kirkuk
ist die zweite nordirakische Stadt, die eine halbdemokratische Übergangsverwaltung erhält. Ein ähnliches Modell
wurde vor drei Wochen bereits in Mossul umgesetzt.
Die US-Zivilverwaltung im Irak hat am Samstag erstmals seit
Kriegsende Gehälter an Tausende von Beschäftigten der Elektrizitätsbranche in
Bagdad ausgezahlt. Die USA hoffen, damit ein Signal für die Rückkehr zum
normalen Leben nach wochenlangem Chaos zu geben.
Die Zahlungen in Höhe von 80 bis 400 Dollar monatlich sollen bis zu 1,4 Millionen staatlich
Beschäftigten zukommen. Den rund 40.000 Beschäftigten der Elektrizitätsbranche kommt
eine vorrangige Stellung zu, weil sie dringend die Stromversorgung in der Hauptstadt Bagdad
wieder herstellen müssen.
Der Wiederaufbau der Stromversorgung wurde nach Angaben des Chefs der irakischen Strom-Kommission,
Karim Hassan, durch Plünderer erheblich beeinträchtigt. Diese hätten Kabel und Ausrüstung gestohlen, sagte
Hassan. "Wir arbeiten nun alle seit einiger Zeit, und dies ist das erste Mal, das wir etwas von unseren Gehältern
bekommen", sagte er.
Einige Arbeiter waren empört darüber, dass die Zahlung in 10.000-Dinar-Scheinen erfolgte. Grund dafür ist aber
weniger, dass darauf der Kopf des irakischen Ex-Präsidenten Saddam Hussein gedruckt ist, als vielmehr
Befürchtungen, der volle Wert der Scheine würde nicht mehr anerkannt. Irakische Kaufleute hatten sich über mehrere
Wochen hinweg geweigert, die Scheine zu ihrem vollem Wert anzunehmen. Zuweilen werteten sie das Geld sogar um
fast die Hälfte ab und beriefen sich auf Gerüchte, die Banknoten seien nach einem Raub in der Zentralbank für
ungültig erklärt worden.
An der Gültigkeit der Scheine besteht aber einem Bank-Direktor zufolge kein Zweifel. "Die Löhne werden in
10.000-Dinar-Scheinen ausbezahlt. Sie sind völlig in Ordnung und legales Zahlungsmittel", sagte der Direktor.
Insgesamt stehen früheren Angaben von ORHA zufolge rund 130 Millionen Dollar (rund 109 Millionen Euro) bereit, um
die ausstehenden Gehälter zu bezahlen.
Die US-Regierung will für den Erhalt des irakischen Kulturerbes einen
Millionenbetrag zur Verfügung stellen. Für die Wiederherstellung der geplünderten
Museen in Bagdad und archäologischer Ausgrabungsstätten in anderen
Landesteilen sollten zwei Millionen Dollar) ausgezahlt werden,
berichtete der Radiosender der Besatzungsmächte USA und Großbritannien in Irak
am Samstag. Außerdem solle eine Stelle eingerichtet werden, um geplünderte
Kunstgegenstände zu erfassen und zu katalogisieren. Die Fahndung nach den
verschwundenen Gegenständen solle mit der Veröffentlichung von Fotos im
Internet vorangetrieben werden, meldete der Sender weiter.
Das Archäologische Museum in Bagdad verfügt über die weltweit wichtigste
Sammlung von Antiquitäten aus der Zeit des antiken Mesopotamien, aus dem die
Sumerer, Babylonier und Assyrer hervorgingen. Nach dem Einmarsch der US-geführten
Streitkräfte in der irakischen Hauptstadt waren zahlreiche wertvolle Kunstschätze
geplündert worden, ohne dass die Soldaten der Koalition dies verhinderten.
Irak will innerhalb von drei Wochen seine Ölexporte wieder aufnehmen. Der geschäftsführende
Ölminister Thamer el Ghadhban erklärte am Samstag, innerhalb eines Monats solle die Produktion
zudem auf etwa 1,5 Millionen Barrel täglich verdoppelt werden - das wäre die Hälfte des Volumens
unter dem gestürzten Präsidenten Saddam Hussein vor dem Krieg.
Auf einer Pressekonferenz in Bagdad sagte Ghadhban: "Wir
hoffen, in zwei Wochen wieder auf dem Markt zu sein." Öleinkünfte sind von den
USA für den Wiederaufbau des Landes fest eingeplant. Nach der Aufhebung der
UN-Sanktionen gegen Irak vom Donnerstag kann das Land wieder in den Kreis der
Öl exportierenden Länder zurückkehren. Während der 13 Jahre geltenden
Sanktionen durfte Irak nur unter Aufsicht des UN-Programms Öl für Lebensmittel
den Rohstoff exportieren.
Verträge, die noch unter dem alten Regime geschlossen wurden, würden bevorzugt
geprüft werden, sagte Ghadhban. Er fügte hinzu, dass man mit allen internationalen
Ölgesellschaften Geschäfte machen werde. Allerdings werde man den Rohstoff nicht -
wie zu früheren Zeiten - zu geringeren Preisen auf den internationalen Märkten
verkaufen, sondern versuchen, das Maximum zu erzielen. Die Einnahmen kämen nur dem
irakischen Volk zu Gute, sagte der Beauftragte. "Niemand wird das irakische Öl stehlen".
(Quellen: afp, rtr, ap)
«Türkische Firmen sichern sich irakische Ölfelder»
Schon vor Beginn des Irak-Krieges hat Kurden-Führer Dschalal
Talabani Verträge mit türkischen Firmen über die Erschließung von irakischen
Ölfeldern geschlossen. Talabanis Partei, die Patriotische Union Kurdistans (PUK),
kontrolliert bestimmte Regionen im Nordirak. Die türkische Regierung sei mit den
Aktivitäten der privaten Ölfirmen einverstanden gewesen, sagte der Direktor der
Pet-Oil, Ali Ak, der Süddeutschen Zeitung. "Wir gehen davon aus, dass die Verträge
ihre Gültigkeit nach dem Krieg behalten haben", betonte Ak.
Am 14. Januar 2003 wurde der Kontrakt mit Pet-Oil unterschrieben. In dem
Abkommen sind 49 Prozent des Öls für die türkische Firma und 51 Prozent
für die Kurden vorgesehen. Ein ähnlicher Vertrag wurde nach Angaben der
Zeitung Turkish Daily News auch mit der türkischen Firma General Energy
geschlossen. General Energy betreibe bereits drei Quellen in der Taqtaq- Region,
etwa 30 Kilometer nördlich der reichen Ölvorkommen von Kirkuk, und eine
kleine Raffinerie. Dank der türkischen Investitionen würden in Taqtaq schon
3000 Barrel (à 159 Liter) pro Tag gefördert. Die US-Regierung wisse von den
Verträgen und habe ihre "stille Zustimmung" gegeben, berichtete das Blatt.
Vor und während des Irak-Krieges waren die Beziehungen zwischen Ankara
und den Kurdenführern Talabani und Massoud Barzani, die getrennte Gebiete
des Nordirak kontrollieren, äußerst gespannt. Die Türkei hatte mit dem Einmarsch
ihrer Armee gedroht. Die Verträge mit den Ölfirmen wurden erst jetzt in der türkischen
Öffentlichkeit bekannt. In der Zeitung Sabah hieß es am Donnerstag, die Gespräche
seien "unter großer Geheimhaltung" geführt worden. Seit Kriegsende hat sich das
Verhältnis zwischen der Türkei und den Kurden deutlich entspannt. Über die Eröffnung
türkischer Konsulate im Nordirak wird bereits verhandelt.
Der Türkei, der vor dem Krieg sogar eigene Ambitionen auf das nordirakische Öl nachgesagt
wurden, hatte stets betont, die gesamten Bodenschätze gehörten dem irakischen Volk. Im
türkischen Fernsehsender NTV unterstrich Talabani jetzt, die Kurden gingen davon aus,
dass die Öl-Verträge auch von einer neuen Zentralregierung in Bagdad anerkannt würden.
Pet-Oil-Chef Güntekin Köksal betonte, die Wiener Konvention schütze auch die
Handelsbeziehungen regionaler Regierungen. Ein Vertreter der PUK sagte, amerikanische
und andere ausländische Ölfirmen seien ebenfalls willkommen. Köksal meinte, das Pet-Oil-Gebiet
im Irak sei groß, "verglichen aber mit dem, was Amerikaner für sich reserviert haben, zählt es nicht".
(Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 23.05.03)
«Präzisionswaffe Dollar - General Tommy Franks, Oberbefehlshaber im Irak-Krieg, offenbart,
dass zahlreiche irakische Offiziere bestochen wurden, um keinen Widerstand zu leisten»
General Franks, der das Oberkommando im Krieg gegen Afghanistan und gegen den Irak innehatte, hat einen Hinweis
darauf gegeben, welche Wunderwaffe den schnellen Sieg über das Hussein-Regime kräftig unterstützt zu haben scheint.
Gegenüber "Defense News " [http://www.defensenews.com/]
sagte er, dass Spezialeinheiten und Geheimdienstmitarbeiter schon vor dem Krieg in Kontakt mit
hohen irakischen Offizieren in wichtigen Städten getreten sind und sie bestochen haben, nicht gegen die amerikanischen
Truppen zu kämpfen. Er habe schon vor dem Krieg Briefe von irakischen Generälen erhalten, so berichtet "Slate"
[http://slate.msn.com/id/2083271/],
in denen sie versicherten: "Ich arbeite jetzt für Sie." (Quelle: telepolis)
Mehr unter:
Rice: Keine Annäherung von Bush und Schröder
So.25.05.03 - US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice rechnet einem
Pressebericht zufolge nicht mit einer grundlegenden
Verbesserung des gespannten Verhältnisses zwischen
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und US-Präsident
George W. Bush. "Das Verhältnis Bush-Schröder wird nie
wieder so, wie es war und wie es sein sollte", vertraute Rice
laut "Focus" einem deutschen Gesprächspartner an. Zwar
habe Rice gesagt: "Wir geben uns jetzt Mühe, die
Beziehungen zu Deutschland auf allen Ebenen zu
verbessern." Sie habe jedoch hinzugefügt: "Aber wir machen es um den
Kanzler herum. Den lassen wir besser aus."
Gegen Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) habe Bush Vorbehalte
wegen dessen Vergangenheit, wird Rice zitiert. Bush sei der Meinung,
"Fischers Lebenslauf passt nicht zur Vita eines Staatsmannes". Wegen des
deutschen Widerstands gegen den US-geführten Irak-Krieg sind die
Beziehungen beider Regierungen belastet.
(Quelle: afp)
Iranische Abgeordnete: Chamenei soll Giftbecher trinken
So.25.05.03 - In äußerst drastischer Weise haben 127 reformorientierte iranische
Abgeordnete den geistlichen Führer des Landes, Ayatollah Ali Chamenei,
angegriffen und umfassende Reformen gefordert. In einem am Samstag bekannt
gewordenen Brief an Chamenei forderten sie, er solle einen mit Gift gefüllten Kelch
trinken und endlich demokratische Reformen in der Islamischen Republik zulassen.
Chamenei solle den Giftkelch trinken, bevor die staatlichen Institutionen, die
Unabhängigkeit Irans und die territoriale Integrität des Landes noch weiter gefährdet
würden.
Der Begriff Giftkelch wurde vor Jahren vom Gründer der Islamischen Republik,
Ayatollah Ruhollah Chomeini, gebraucht, als er die Resolution des UN-Sicherheitsrates
zur Beendigung des iranisch-irakischen Krieges akzeptiert hatte. In dem Brief schreiben
die Abgeordneten, dass nur tief greifende Veränderungen der von streng konservativen
Klerikern beherrschten Institutionen und die Umsetzung von beschlossenen Reformen die
staatliche Ordnung noch aufrechterhalten könnten. Die Abgeordneten kritisierten, dass
die Ermordung politischer Gegner, das Verbot unabhängiger Medien, die Inhaftierung von Journalisten, Schriftstellern
und politischen Aktivisten sowie die fehlende Umsetzung von Reformen Wahlen bedeutungslos gemacht hätten.
Sie warnten zudem davor, dass der wachsende Unmut des Volkes und die Drohungen der USA nach dem Sturz des
irakischen Machthabers Saddam Hussein die Situation für die Kleriker erschwert habe. Sie bezeichneten den
konservativen Wächterrat als größtes Hindernis für das gewählte Parlament. Chamenei sucht sich die Mitglieder
dieses alles bestimmenden Gremiums selbst aus.
Erfahrungsgemäß wird eine solche Kritik gegen den obersten geistlichen Führer Irans nicht ohne Folgen bleiben. So
wurde etwa der reformorientierte Studentenführer Ali Afschari nur deshalb zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil
gesagt hatte, dass Chamenei nicht über dem Gesetz stehe.
(Quelle: ap)
Rotes Kreuz entdeckt bis zu 80 Leichen in indonesischer Provinz Aceh
So.25.05.03 - Bei der Offensive der indonesischen Streitkräfte in der Provinz Aceh sind
bislang mindestens 80 Menschen ums Leben gekommen. Wie das indonesische
Rote Kreuz am Samstag berichtete, bargen Freiwillige der Hilfsorganisation seit Montag
vergangener Woche zwischen 70 und 80 Leichen. Unterdessen gingen die Kämpfe zwischen
Soldaten und Rebellen weiter. Nach Angaben der Streitkräfte wurden vier weitere Rebellen in
mehreren Gefechten getötet. Unter den Getöteten soll sich auch ein örtlicher Führer der
Rebellen befinden.
Laut den Streitkräften sind bislang insgesamt 62 Rebellen getötet worden.
Die Guerilla-Kämpfer sprachen von zwölf toten Rebellen, 53 weitere Tote seien
Zivilisten gewesen. Zudem sei der private Fernsehsender "Metro-TV" beschossen
worden. In Aceh stehen sich mehr als 30.000 Soldaten und rund 5.000 schlecht bewaffnete
Rebellen gegenüber. Seit Beginn der jüngsten Regierungsoffensiver flohen 30.000 Menschen.
Die Militäroffensive begann nach dem Scheitern von Verhandlungen um
eine Entwaffnung der Rebellen und den künftigen Status der Provinz. Die Rebellen kämpfen seit 1976 für die
Unabhängigkeit Acehs, das sich in Sprache und Kultur vom restlichen Indonesien unterscheidet. Mehr als 12.000
Menschen kamen in dem Konflikt ums Leben.
(Quelle: ap)
G-8-Gipfel in Evian: Den Franzosen der Glanz - den Schweizern der Protest
So.25.05.03 - Aus französischer Sicht ist die Wahl des G-8-Gipfelorts Evian Anfang
Juni ein taktisches Meisterstück. Denn für Proteste der Globalisierungsgegner
muss sich auf Grund der geographischen Verhältnisse am Genfer See die
benachbarte Schweiz wappnen - und deren Bürger in der betroffenen Region zeigen
darüber auch einige Anzeichen von Unmut.
"Der glänzende Trick der Franzosen besteht darin, die G-8-Konferenz an Land zu
ziehen und den Schaden in die Schweiz zu exportieren", sagt der in Nyon, einem
malerischen Ort auf der schweizerischen Seite des Sees, praktizierende Zahnarzt
Pierre-Yves Michellod.
Der französische Staatspräsident Jacques Chirac muss bei der Wahl des Tagungsorts
die besondere Lage Evians im Kopf gehabt haben: Auf der einen Seite ist er durch einige
der höchsten Berge geschützt, die die Alpen zu bieten haben, und auf der anderen Seite
breitet sich der See auf 13 Kilometern aus. Trotzdem ist Evian nicht so entlegen wie der letzte
G-8-Tagungsort Kananaskis im US-Staat Alberta, als die Teilnehmer keinen einzigen Demonstranten
zu sehen bekamen.
Doch dafür sorgen in Evian schon vor dem 1. bis 3. Juni französische Polizisten
durch mehrere Sicherheitsringe, die um den Ort gezogen werden, für eine ziemlich
starke Abschottung. Zudem stehen Flugabwehrraketen zur Verfügung und ein Radarsystem, das frühzeitig Alarm gibt,
falls ein Flugzeug unerlaubt in den Luftraum über Evian eindringen sollte. Außerdem ist es Privatbooten untersagt, in
bestimmten Sicherheitszonen zu fahren.
Auf der anderen Seite des Sees liegt der Genfer Flughafen. Dort werden die Staatsgäste eintreffen und umgehend mit
Hubschraubern zum Tagungsort geflogen. Ihre Berater werden in Lausanne oder Genf übernachten oder mit Bussen,
Autos sowie Schiffen nach Evian gebracht. Zu dieser Gruppe gehören auch zwölf Regierungschefs aus Afrika,
Südamerika und Asien, die dem Treffen in Evian beiwohnen wollen.
Die großen Demonstrationen sind in Genf und Lausanne angekündigt. Bis zu 300.000 Demonstranten werden zur
Hauptkundgebung der Globalisierungsgegner am 1. Juni in Genf erwartet. Ihrer Ansicht nach kümmern sich die
G-8-Staaten nur um den Ausbau ihrer eigenen Macht und sind damit letztendlich für die Armut in der Welt
verantwortlich.
Die überwiegende Mehrheit der Demonstranten will friedlich protestieren, aber bislang kam es bei vergleichbaren
Treffen immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Um den Protest als ein fröhliches Fest
zu inszenieren, sind Freudenfeuer auf dem See und Konzerte geplant.
In Genf ist man trotzdem beunruhigt und hat um die Hilfe von 1.000 deutschen Polizisten gebeten. Außerdem sollen
die eigenen 6.000 Polizisten von 700 weiteren Sicherheitskräften aus anderen Landesteilen der Schweiz verstärkt
werden. Alles in allem werden Anfang Juni 15.000 französische und schweizerische Polizisten, Soldaten und
Hilfskräfte mit dem Schutz der Tagung auf beiden Seiten des Genfer Sees beschäftigt sein.
Der Genfer Polizeichef Christian Cudre-Mauroux verteidigt seine Vorbereitungen gegen die Kritik, dass es zu wenig
Polizisten sein werden. Es gehe darum, den Flughafen und das Wirtschaftszentrum von Genf zu schützen. Außerdem
gelte es, die Gebäude der Europäischen Zentrale der Vereinten Nationen, der Welthandelsorganisation (WTO) und
ausländische Botschaften zu schützen.
Die Schweiz stellte den Demonstranten gut ausgestattete Camping-Möglichkeiten zu Verfügung und verweist darauf,
dass Demonstrationen ein demokratisches Recht sind. Trotzdem werde man auf die gewaltbereiten Gruppen ein
besonderes Auge werfen, kündigten die Genfer Behörden an. Viele Geschäfte und Ämter wollen während der
angekündigten Demonstrationen trotzdem ihre Läden schließen. (Quelle: ap)
«Mobilisierung gegen den G-8-Gipfel in Evian»
Die G-8 wird vom 1. bis 3. Juni in Evian am Genfer See zusammenkommen.
Aus diesem Anlaß und vor dem Hintergrund des Krieges im Irak, der
angloamerikanischen Besetzung des Landes und der Fortsetzung der neoliberalen
Politik veranstalten Globalisierungs-Kritiker einen "G-8-Gegengipfel"
mit zahlreichen Debatten, Konferenzen und Protestaktionen.
Mehr unter:
Zehntausende Teilnehmer bei DGB-Kundgebungen gegen Sozialabbau
So.25.05.03 - Führende Gewerkschafter haben auf bundesweiten
Demonstrationen ihre Kritik am Reformpaket der Regierung
bekräftigt. Die Agenda 2010 schaffe keine neuen
Arbeitsplätze und bringe die Wirtschaft nicht in Schwung,
sagte der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes
(DGB), Michael Sommer, in Hannover. Er forderte deshalb
eine "echte Reformagenda statt Sozialabbau". IG-Metall-Chef Klaus Zwickel
bezeichnete die Agenda in Bochum als "Dokument der Mutlosigkeit und der
Anpassung"; sie setze die Politik der früheren Kohl-Regierung fort. An den
Demonstrationen nahmen nach Gewerkschaftsangaben etwa 90.000 Menschen teil.
"Sozialreformen sind die Griffe in die Taschen der kleinen Leute, um die
Haushaltslöcher zu stopfen", sagte Sommer bei der Kundgebung in Hannover. Der Staat brauche
mehr Geld und es gebe viele Großkonzerne, die nach der rot-grünen Steuerreform keine Steuern zahlten.
20 Jahre Sozialabbau hätten keine Arbeitsplätze geschaffen, sondern ständig steigende Arbeitslosigkeit.
Vor nach Polizeiangaben rund 6.000 Zuhörern griff Sommer Schröder in seiner Heimatstadt
scharf an. "Wir werden uns dem Weg in eine unsoziale Minijob-Republik in den Weg
stellen. Deutschland ist kein Billiglohn-Land und es darf auch niemals unter der Billigflagge segeln",
kritisierte der DBG-Chef die Agenda 2010.
Reform dürfe nicht ein Synonym für Sozialabbau sein. "Denk Du nochmal darüber nach, ob Du auf
dem rechten Weg bist", forderte Sommer den Bundeskanzler auf. Niemand wolle einen
prinzipiellen Bruch. Der DGB wolle eine rot-grüne Regierung, die auch rot-grün handele.
"Auf die Rutsche von Wortbrüchen und unsozialen Entscheidungen bringt uns niemand", betonte
Sommer.
Der "Stuttgarter Zeitung" sagte Sommer, die
Gewerkschaften würden nach dem SPD-Parteitag das Gespräch mit der Regierung
wieder aufnehmen: In die Debatte um die Sozialreformen sei Bewegung gekommen.
DGB-Vizechefin Ursula Engelen-Kefer kritisierte in Kassel, dass die Agenda 2010 keine überzeugende Antwort auf
Wirtschaftskrise und Finanzmisere gebe. Zwickel forderte die Bundestagsabgeordneten zu deutlichen Korrekturen an
der Agenda auf: "Macht eine Politik, die unser Land moderner, wirtschaftlich erfolgreicher und sozial gerechter
macht", sagte Zwickel.
Der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), Klaus Wiesehügel, sagte in Detmold: "Der
Kanzler hat sich verlaufen und wir müssen etwas dafür tun, dass sich das ändert. Aber er ist nicht unser Feind."
(Quellen: afp, ap)
«Der sich abzeichnende Bruch
zwischen SPD und Gewerkschaften ist nach Ansicht des
Parteienforschers Peter Lösche tief greifend und historisch
angelegt»
Der Kampf der Gewerkschaften gegen die Agenda 2010 des Kanzlers werde nur wenig bewirken
So.25.05.03 - «Aktuelle Personen spielen bei der Entwicklung eine sekundäre Rolle, es ist
ein struktureller Prozess, der in allen westeuropäischen Ländern abläuft», sagte der
Göttinger Politologe in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Selbst mit
gutem Willen könnten beide Seiten die zunehmende Entfremdung nicht aufhalten.
Die Gewerkschaften seien alten Mustern verhaftet. «Sie sind in der guten alten Zeit
von Karl Schiller stehen geblieben», sagte Lösche. Unter SPD-Wirtschaftsminister
Schiller (1966-1972) habe es eine «nationale, informell abgestimmte antizyklische
Wirtschaftspolitik» gegeben. Kapital, Arbeit und Staat hätten sich in der
«konzertierten Aktion» an einem Tisch versammelt. «Staatliche Investitionen
kurbelten die Wirtschaft in Krisenzeiten an.»
Dieses alte keynesianische Modell des Sozialstaates und der nationalen
Absprachen funktioniert nach Meinung des Politologen heute nicht mehr, weil
«die Wirtschaft in Zeiten der Globalisierung und Europäisierung nicht mehr auf
den Nationalstaat konzentriert ist». Ökonomische Verhältnisse hätten sich ebenso
verändert wie politische Akteure. «Das alte sozialdemokratische Milieu, zu dem
Gewerkschaften, Partei und andere Organisationen gehörten, ist allmählich erodiert.»
Seit Ende der 60er Jahre verlören die Gewerkschaften kontinuierlich an politischer
Bedeutung. In Zeiten der Großen Koalition (1966-1969) und der ersten sozialliberalen Koalition
(1969- 1972) seien im Kabinett prominente Industriegewerkschafter vertreten gewesen. «Das war Ausdruck
für das ganz enge Verhältnis von Gewerkschaften und SPD.» Im jetzigen Kabinett von Gerhard Schröder
(SPD) sitze kein prominenter Gewerkschaftsvertreter.
Die Entwicklung werde verschärft durch die Organisationsprobleme der Gewerkschaften. «Ihnen laufen die Mitglieder
davon.» Ihre Klientel repräsentiere zudem nicht mehr den Querschnitt der Beschäftigten, sondern überproportional die
in der Produktion arbeitenden. Das habe zur Folge, dass sie auf Tarifpolitik und bestimmte Bereiche der Ökonomie
zurückgedrängt würden.
Der Kampf der Gewerkschaften gegen die Agenda 2010 des Kanzlers werde nur wenig bewirken, meinte Lösche.
«Ganz gleich, wie sie taktisch verfahren, die Entscheidung liegt nicht bei ihnen.» Entscheidend sei am Ende, ob in
der SPD-Bundestagsfraktion eine Kanzlermehrheit zu Stande komme oder nicht. «Das zeigt deutlich, wie beschränkt
der Einfluss der Gewerkschaften mittlerweile ist.» (Quelle: dpa)
«Sozialstaat reformieren statt abbauen.
«Mit den in der "Agenda 2010" angekündigten Maßnahmen will die rot-grüne Bundesregierung
die Bundesrepublik bis zu Ende des Jahrzehnts aus der Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise führen.
Die Blockaden der letzten Jahre sollen überwunden, die Wirtschaft belebt und vor allem Arbeitsplätze
geschaffen werden. Wir bezweifeln aber, dass die Ansätze tatsächlich geeignet sind, diese Ziele
zu erreichen. Im Wesnetlichen konzentriert sich die Agenda 2010 auf drastische Leistungskürzungen
in den sozialen Sicherungssystemen. Dazu zählt vor allem die Kürzung der Dauer des Arbeitslodengeldes,
die faktische Abschaffung der Arbeitslosenhilfe, Verschärfung von Zumutbarkeitsregelungen,
Ausgliederung des Krankengeldes aus der paritätischen Finanzierung, Aufweichungen des Kündigungsschutzes
sowie die nochmalige Absenkung des Rentenniveaus. Der Opposition, den Wirtschafts- und Arbeitgeberverbänden,
vielen wissenschaftlichen Beratungsgremien sowie weiten teilen der Medien gehen diese Einschnitte noch
nicht weit genug. Unter der Devise "Weniger Sozialstaat = mehr Beschäftigung" hat ein Wettlauf um den
Abbau der Kernelemente des Sozialstaates eingesetzt. So wollen CDU/CSU in den anstehenden Verhandlungen
mit der Regierung Eingriffe in Tarifvertragsgesetzt und Tarifautonomie sowie die Absenkung der Sozialhilfe
durchsetzen
Wir widersprechen dieser Politik, weil die angekündigten Maßnahmen die Probleme auf dem Arbeitsmarkt
nicht beseitigen werden. Eine Politik, die auf der einen Seite mit falschen Rezepten operiert, auf der anderen
Seite dem Druck konservativer Lobbygruppen nachgibt, ist weder mutig noch reformorientiert. Die geplanten
Einschnitte verletzen die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit und gefährden die Substanz des Sozialstaates,
schaffen aber keine Arbeitsplätze. Wir widersprechen der These, dass der Sozialstatt nicht mehr finanzierbar
und die Ursache von Wachstumsschwäche und Arbeitslosigkeit sei.» (Aus einem in der Frankfurter Rundschau
am 23.05.03 veröffentlichten Aufruf von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, der von über
300 Professoren unterstützt wird.)
Blick ins Archiv:
Hintergrund: Reform-Konzepte von Union und SPD
Gegenvorschläge des DGB zur Agenda 2010
Die sog. Reformrede des Kanzlers
SPD-Spitze plant weitere Reformen über Agenda 2010 hinaus
So.25.05.03 - Die "Agenda 2010" ist für die SPD-Spitze erst der Anfang der
Einschnitte in den Sozialstaat. Sie plant trotz massiver Proteste in Partei und
Gewerkschaften weitere Maßnahmen über die Reformagenda hinaus. Das machten
Generalsekretär Olaf Scholz und Fraktionschef Franz Müntefering deutlich. Dabei
deuteten sie Kürzungen im öffentlichen Dienst und bei Subventionen an. (Quelle: dpa)
ver.di: Korrupte Ärzte kassieren Milliarden
So.25.05.03 - Die Gewerkschaft ver.di hat angeprangert, dass korrupte Ärzte dem
deutschen Gesundheitswesen Jahr für Jahr Milliardensummen entziehen. Mehr
als 20 Prozent aller Arztrechnungen seien nicht korrekt, erklärte ver.di am
Freitag in Berlin gemeinsam mit der Anti-Korruptions-Organisation Transparency
International. Es werde für Leistungen kassiert, die nie erfolgt seien. Vielfach
werde Korruption in der Ärzteschaft als Kavaliersdelikt gesehen.
Unrechtsbewusstsein sei kaum vorhanden. Würde man es mit der Aufklärung
ernst meinen, könnten jährlich mindestens zwei Milliarden Euro eingespart
werden, hieß es. Auch Apotheker und Großlabors seien in Korruption
verwickelt, erklärte der ver.di-Bundesvorstand. Der politische Einfluss der
mächtigen Pharmalobby verhindere zudem seit mehr als zehn Jahren, dass eine
Positivliste mit Medikamenten eingeführt wird, die Patienten mehr Übersicht
verschaffen könnte. (Quelle: ap)
Seehofer kündigt Blockade der Gesundheitsreform an
So.25.05.03 - CSU-Sozialexperte Horst Seehofer hat eine Totalblockade der
von der Bundesregierung geplanten Gesundheitsreform
angekündigt. "Wir können nicht um des Konsenses willen die
Hand für etwas reichen, das wir für falsch halten", sagte
Seehofer dem "Spiegel". Seehofer bezeichnete den
Gesetzesentwurf von Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) als
"Provokation". Er habe Schmidt schon vor Monaten gesagt,
welche Dinge mit der Union unter keinen Umständen zu machen
seien.
"Nun hat sie genau die Punkte, die wir für verhängnisvoll halten, in verschärfter Form
ins Gesetz geschrieben." Schmidt plane eine "Bürokratie-Orgie"; sie wolle neue
Behörden einrichten, ein Machtmonopol der Krankenkassen schaffen und die
Patienten bevormunden, so Seehofer.
(Quelle: afp)
Weiter Streit um Ausbildungsplatzabgabe
So.25.05.03 - Die von den Gewerkschaften geforderte und von der
Bundesregierung angedrohte Ausbildungsplatzabgabe sorgt weiter für Streit.
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt schrieb in einem Gastbeitrag für die "Bild am
Sonntag", eine solche Abgabe könnte die "absehbare Lehrstellenlücke zu Beginn
des Ausbildungsjahres" noch deutlich vergrößern. Dass die Bundesregierung trotz
fehlender Lehrstellen mit einer "bürokratischen Strafsteuer" drohe, sei
unverantwortlich.
Unternehmen könnten sich dann von ihrer Verpflichtung zur Ausbildung freikaufen,
schreibt Hundt. Betriebe, die über den Bedarf ausbildeten, würden im Falle einer
Ausbildungsplatzabgabe damit aufhören, kritisierte der Arbeitgeberpräsident.
Die angedrohte Einführung der Ausbildungsplatzabgabe ist auch innerhalb der SPD
umstritten. Der nordrhein-westfälische SPD-Landesvorsitzende Harald Schartau sagte der "Welt am
Sonntag", die Abgabe führe "in die falsche Richtung". Jedes freiwillige Engagement für
zusätzliche Ausbildungsplätze würde sofort eingestellt.
IG-Metall-Chef Klaus Zwickel sprach sich unterdessen erneut für die Abgabe aus. "Wir dürfen nicht zulassen, dass
sich die Arbeitgeber noch länger aus der Verantwortung für Ausbildung und Beschäftigung mogeln", sagte der
Gewerkschaftsvorsitzende auf einer Protestkundgebung gegen die geplanten Sozialreformen am Samstag in Bochum.
(Quelle: ap)
Union streitet um Ausländerintegration
So.25.05.03 - Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion,
Wolfgang Bosbach, hat sich im unionsinternen Streit um ein Gesetz zur
Ausländerintegration gegen Parteichefin Angela Merkel gestellt. "Ich bin für ein
eigenständiges Integrationsgesetz und habe insofern zu dem Thema eine andere
Meinung als Frau Merkel", sagte Bosbach dem "Kölner Stadt-Anzeiger".
Das von der rot-grünen Bundesregierung eingebrachte
Zuwanderungsgesetz hatte die Union im Bundestag
abgelehnt und will dies auch im von ihr dominierten
Bundesrat tun. Damit hätte das Gesetz nur noch eine Chance in einem
Vermittlungsverfahren. das unionsgeführte Niedersachsen strebt deshalb eine
schnelle Einzelregelung nur zur Integration an. Merkel ist dagegen für eine
Gesamtlösung.
Bosbach sagte, wenn die Parteien sich nicht auf ein Zuwanderungsgesetz einigen
könnten, sei es sinnvoll, zumindest ein Integrationsgesetz zu haben. Denn bei der
Integration gebe es erhebliche Mängel. Zudem sei in diesem Punkt eine Einigung
mit den SPD-regierten Ländern möglich. Er stehe loyal zu Merkel. "In der Sache
vertrete ich jedoch die Ansicht der niedersächsischen Landesregierung."
(Quelle: dpa)
Bundeswehr-Richtlinien verfassungsfern?
So.25.05.03 - Die Neuausrichtung der Bundeswehr auf Einsätze im In- und Ausland
ist möglicherweise vom Grundgesetz nicht gedeckt. Der Staatsrechtler Christian
Pestalozza nannte die neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien von Minister Peter Struck
(SPD) am Samstag in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) "verfassungsfern".
Unterdessen will die Bundesregierung nach einem Bericht der "Welt" im jahrelangen Koalitionsstreit
über die Wehrpflicht bis September eine Entscheidung fällen.
Pestalozza sagte, mit Strucks Richtlinien werde der enge Verteidigungsbegriff des
Grundgesetzes aufgeweicht und die Verfassung überdehnt. "Wer die Einsätze über
das bisherige Maß ausdehnen will, muss das Grundgesetz ändern." Zuvor hatte der
CDU-Politiker Dietrich Austermann gemahnt, nun sei eine Verfassungsänderung
nötig. FDP-Chef Guido Westerwelle verlangte in der "Welt am Sonntag" von der
Regierung, für den neuen Auftrag und die "dramatische Veränderung" der Truppe
die Unterstützung des Parlaments einzuholen. Struck könne nicht einfach "per
Dekret den Auftrag der Bundeswehr" verändern.
Struck räumt in den Richtlinien nicht mehr der unmittelbaren Landesverteidigung oberste
Priorität ein. Hauptaufgabe sollen künftig Auslandseinsätze zur Krisenbewältigung sein.
Verteidigung wird als "geographisch nicht mehr eingrenzbar" bezeichnet. Ferner soll die
Bundeswehr auch gegen Terrorangriffe im Inland eingesetzt werden können.
Pestalozza, Professor der Freien Universität Berlin, sagte: "Die Landesverteidigung ist nach
dem Grundgesetz das Hauptziel der Streitkräfte. Struck argumentiert, dass alles
Landesverteidigung ist, egal was wo passiert. Das ist vom Grundgesetz, wie seine sehr
engen und strengen Formulierungen zeigen, so nicht gemeint."
Was die Einsätze im Ausland betreffe, sehe Artikel 24, Absatz 2 eine Beteiligung an "Systemen gegenseitiger
kollektiver Sicherheit" wie der NATO und den Vereinten Nationen (UN) vor. Nur innerhalb dieses Rahmens seien
bewaffnete Einsätze im Ausland erlaubt. "Von einer bewaffneten Nothilfe jenseits dieses Rahmens weiß das
Grundgesetz nichts."
Auch für einen Einsatz der Soldaten im Inland habe das Grundgesetz die Grenzen eng gezogen. Nach Artikel 35
Absatz 2 könne die Bundeswehr unter Umständen bei Naturkatastrophen und besonders schweren Unglücken
eingesetzt werden, aber: "Terroristische Angriffe stellen keinen 'Unglücksfall' im Sinne dieser Vorschrift dar." Und
auch die in Artikel 91 und 87a beschriebenen Einsatzfälle erfassten keineswegs sämtliche vorstellbaren
Terrorszenarien.
"Insoweit gibt es eine Lücke im Grundgesetz. Der verfassungsändernde Gesetzgeber hat, als er die Aufgaben der
Bundeswehr umriss, an solche Fälle gar nicht gedacht", sagte Pestalozza. Ein einfaches Gesetz, wie es die
Regierung nun für die Abwehr von Terroranschlägen aus der Luft plant, reiche nicht aus.
"Wer politisch befürwortet, dass die Bundeswehr angesichts der neuen Gefahren so vielseitig und umfassend
eingesetzt wird, wie dies in den Richtlinien skizziert wird, muss ihre Einsatzbereiche im Grundgesetz neu
beschreiben. Politischer Dauerstreit in Berlin und anhaltende Rechtsgefechte in Karlsruhe sind sonst programmiert",
sagte der Verfassungsrechtler.
Im rot-grünen Streit über die Wehrpflicht hat Familienministerin Renate Schmidt (SPD) laut "Welt" eine Entscheidung
bis September mit dem Hinweis durchgesetzt, die Wohlfahrtsverbände bräuchten wegen der 100 000
Zivildienstleistenden Planungssicherheit. Struck hält am Wehrdienst fest. Allerdings ist eine Verkürzung von neun auf
sechs Monate im Gespräch. In diesem Fall würde ein Teil der militärischen Führung der Bundeswehr nach einem
"Spiegel"-Bericht eher für eine Abschaffung plädieren, da die Rekruten nach dreimonatiger Grundausbildung und
durch Urlaubsansprüche höchstens noch fünf Wochen und damit "nicht mehr sinnvoll einsetzbar" seien.
(Quelle: dpa)
«Hintergrund: Die neuen Verteidigungsrichtlinien»
«Blick ins Archiv»
Bundeswehr: Pläne für Präventivschläge
Anti-Terrorgesetze haben offenbar wenig bewirkt
So.25.05.03 - Die nach den Anschlägen vom 11. September 2001
verabschiedeten Anti-Terrorgesetze haben bei der
Bekämpfung des militanten Islamismus nach einem
"Spiegel"-Bericht bislang wenig gebracht. Nach einer
Umfrage des Magazins bei allen Landesinnenministerien
wurde trotz der Gesetzesverschärfung bislang kein Islamist
abgeschoben. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD)
verteidigte die Anti-Terrorgesetze gegenüber dem Blatt und
kritisierte, dass die Länder bei der Abschiebung mutmaßlicher Islamisten "nur
unzulänglich" von den neuen Möglichkeiten Gebrauch machten.
Auch die Suche nach den Finanzquellen der Radikalen sei weitgehend erfolglos
geblieben, nur knapp 5000 Euro auf zehn Konten seien bundesweit gesperrt worden.
Laut "Spiegel" führte die mit großem Aufwand betriebene bundesweite
Rasterfahndung ebenfalls nicht zur Entdeckung von Terroristen. Die vom
Bundeskriminalamt (BKA) ermittelten rund 95.000 Verdachtsfälle hätten sich als
unbegründet erwiesen. Bei der Überprüfung des Personals von Atomeinrichtungen
und Flughäfen sei zwar 86 Mitarbeitern die Zugangsberechtigung zu sensiblen
Bereichen entzogen worden; dies sei nach Angaben Schilys aber vor allem auf
"allgemein kriminelle Ursachen" zurückzuführen.
Unterdessen forderte das BKA laut "Spiegel" eine Ausweitung seiner Befugnisse.
Fluggesellschaften sollten etwa verpflichtet werden, Passagiere eindeutiger zu
identifizieren und die Daten fünf Jahre lang zu speichern. Darüber hinaus sollten
nicht alle Daten aus der Rasterfahndung, wie bisher vorgeschrieben, gelöscht
werden. (Quelle: afp)
Offenbar neuer Konflikt zwischen Bundesregierung und Atomindustrie
So.25.05.03 - Zwischen der rot-grünen Regierungskoalition und der Atomindustrie
droht ein neuer Konflikt. Nach einem Bericht der "Berliner Zeitung"
(Samstagausgabe) sehen die Energieversorger in der geplanten neuen Suche nach
einem atomaren Endlager einen Bruch des vor zwei Jahren geschlossenen
Atomkonsenses. Darin sei lediglich eine Unterbrechung der Erkundungsarbeiten im
niedersächsischen Gorleben festgeschrieben worden, heißt es demnach in einem
Schreiben des E.ON-Vorstands Walter Hohlefelder an Umwelt-Staatssekretärin
Simone Probst.
Von einer Suche nach alternativen Standorten sei im Atomkonsens nicht die Rede
gewesen, zitiert das Blatt aus dem Brief Hohlefelders an die Grünen-Politikerin. Die
Unternehmen Energie Baden-Württemberg (EnBW), RWE Power und Vattenfall
Europe würden sich deshalb nicht an den vom Bundesumweltministerium geplanten
Verhandlungen beteiligen. In einer zwölfköpfigen Arbeitsgruppe "Nukleares Endlager"
sollen Vertreter von Parteien, Ländern, Umweltverbänden, Energieversorgern und Kirchen
bis 2004 Kriterien für die Endlagersuche festlegen.
Vor den Energieversorgern hatte bereits CDU-Partei- und Fraktionschefin Angela
Merkel in einem Brief an Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) der Verhandlungsgruppe eine Absage erteilt.
Die im Februar neu gewählte CDU/FDP-Regierung Niedersachsens hat sich ebenfalls für eine grundsätzliche
Neuausrichtung des atomaren Endlagerkonzepts ausgesprochen und die Aufhebung des Moratoriums gefordert, mit
dem die Bundesregierung die Erkundung des Salzstocks Gorleben unterbrochen hat. (Quelle: ap)
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