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Kurznachrichten   [ Allg. Nachrichten ] [Nachrichtendienste ] [ Ticker ] +++ Do.29.05.03, 12:45 Irak am einundsiebzigsten Tag nach Kriegsbeginn
Zusammenstöße zwischen Irakern und US-Soldaten +++
Klage gegen US-Soldaten wegen getötetem Journalisten in Irak +++
Keine Spur von irakischen Massenvernichtungswaffen +++
Do.29.05.03 - Im Irak ist es erneut zu Zusammenstößen zwischen
bewaffneten Irakern und US-Soldaten gekommen. Der arabische TV-Sender El
Dschasira berichtete am Mittwoch aus der westirakischen Provinz Anbar von
mehreren Explosionen in der Polizeistation der Stadt Hit. Die Vorbereitungen für die
Entsendung von Soldaten für die geplanten Besatzungszonen im Irak gehen unterdessen weiter.
In den vergangenen Tagen hatte die Zahl der Angriffe auf US-Soldaten im Irak spürbar
zugenommen. Erst am Dienstag waren laut El Dschasira zwei US-Militärpolizisten bei
einem Angriff auf eine Polizeistation in der Hauptstadt Bagdad verletzt worden. Am Mittwoch zogen
Bürger von Hit in einem lauten Demonstrationszug durch die Straßen und schossen in die Luft. Sie
beschuldigten die US-Soldaten, bei der Suche nach Waffen zusammen mit irakischen Polizisten auf
rücksichtslose Art und Weise in Privathäuser eingedrungen zu sein.
Das Komitee zum Schutz von Journalisten forderte eine Untersuchung zum Tod von zwei Kameramännern beim
Angriff von US-Soldaten auf ein Bagdader Hotel im April. Für die bisherige Darstellung der US-Streitkräfte, wonach die
Soldaten aus dem Hotel beschossen wurden, gebe es keine Belege, erklärte das Komitee in New York.
Der 35-jährige Kameramann der Nachrichtenagentur Reuters, Taras Protsyuk, und sein Kollege Jose Couso (37) vom
spanischen Sender Tele 5 waren tödlich verwundet worden. Drei weitere Journalisten wurden verletzt.
In Madrid stellten Verwandte Cousos am Dienstag einen Antrag auf Auslieferung von drei US-Soldaten nach Spanien
und forderten eine Anklage wegen Mord und Kriegsverbrechen. Der Anwalt der Familie räumte aber ein, die Auslieferung der
Soldaten werde schwer zu erreichen sein. Eine Reaktion des US-Verteidigungsministeriums gab es zunächst nicht.
In der Stadt Kirkuk wurde am Mittwoch ein irakischer Bürgermeister ernannt. Der von den USA eingesetzte Stadtrat
stimmte mit großer Mehrheit für den Kurden Abdulrahman Mustafa.
Um Hilfsmaßnahmen der katholischen Kirche zu koordinieren, reiste ein Gesandter von Papst Johannes Paul II. nach
Irak. Erzbischof Paul Josef Cordes werde mit mehreren irakischen Bischöfen sprechen und am Sonntag in der
katholischen Kathedrale von Bagdad eine Messe feiern, teilte der Vatikan mit.
Die Vorbereitungen Polens für die Verwaltung einer Besatzungszone südlich von Bagdad sind unterdessen nach Angaben von
Verteidigungsminister Jerzy Szmajdzinski auf gutem Weg. Mehr als 75 Prozent der benötigten Soldaten seien bereits
zugesagt worden, sagte Generalstabschef Czeslaw Piatas. Zu der multinationalen Truppe unter polnischer Führung
würden etwa 6500 bis 7000 Soldaten gehören - darunter voraussichtlich auch 300 Mann einer Versorgungseinheit aus
Ungarn. Rumänien plant die Entsendung von 678 Soldaten, die im Süden des Iraks unter britischem Kommando zum
Einsatz kommen sollen.
Unterdessen verzögert sich die Untersuchung der größten irakischen Atomanlage durch die Internationale
Atomenergie-Behörde. Nach IAEA-Angaben können die Inspektoren auf Grund logistischer Probleme erst nächste
Woche nach Irak aufbrechen. Ursprünglich sollten sie bereits Ende dieser Woche mit Sicherheitskontrollen in der
Atomanlage Tuwaitha beginnen. Dort soll bei Plünderungen radioaktives Material verschwunden sein.
Der iranische Präsident Mohammad Chatami übte indirekte Kritik an den Besatzungstruppen in Irak. Die Macht im
Nachbarland müsse schnell wieder in irakische Hände gelegt werden. Die islamische Welt solle der Vorherrschaft
einer einzigen Supermacht ebenso eine Absage erteilen wie dem Terrorismus, sagte Chatami in Teheran vor den
Außenministern der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC).
Sieben Wochen nach dem Ende des Irak-Kriegs haben amerikanische und britische Besatzungstruppen
bisher keinen Beweis für Massenvernichtungswaffen gefunden, mit deren Bedrohungspotenzial die Invasion
begründet wurde. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erklärte am Dienstag in New York, möglicherweise
habe das Regime von Saddam Hussein beschlossen, die Waffen vor Kriegsbeginn zu zerstören.
Die Äußerungen Rumsfelds vor dem Rat für Auswärtige Beziehungen (Council on
Foreign Relations) verstärkten in Großbritannien die Kritik an der Kriegspolitik der Regierung.
Der ehemalige Kabinettsminister Tony Benn sagte dem Radiosender LBC: "Der Premierminister hat uns
belogen. Der ganze Krieg war auf einer Unwahrheit aufgebaut." Die ebenfalls der Labour Party angehörende
Abgeordnete Glenda Jackson sagte: "Dieser Krieg wurde aus illegalen und unmoralischen
Gründen geführt."
Premierminister Tony Blair, der am Donnerstag britische Truppen in Irak besuchte, wies die Kritik zurück. "Ich habe
immer wieder gesagt und wiederhole es: Ich habe keinerlei Zweifel an der Existenz von Massenvernichtungswaffen."
Es müsse erst noch abgewartet, was die Befragung irakischer Wissenschaftler ergebe.
Der australische Außenminister Alexander Downer sagte am Donnerstag, es gebe klare Beweise, dass Irak ein
Biowaffenprogramm betrieben habe, auch wenn solche Waffen nicht gefunden worden seien. Die Suche danach sei
nicht zu Ende, bekräftigte Downer und erklärte: "Das ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen." Australien hat
den Krieg in Irak mit eigenen Truppen unterstützt. (Quellen: afp, dpa)
«Streit um Ölgeschäfte im Irak - Mit Verärgerung hat der russische Öl-Konzern Lukoil auf die Nachricht reagiert,
dass die von den USA eingesetzte Verwaltung des Irak Verträge aus der Vorkriegszeit nicht
einhalten will»
«Der von den USA ernannte Übergangs-Ölminister Thamir Ghadhban hatte
erklärt, alle vor dem Irak- Krieg geschlossenen Verträge würden rechtlich und wirtschaftlich
neu bewertet. Auch der vom Pentagon als Berater des irakischen Ölministeriums eingesetzte
frühere Shell-Manager Phillip Carrol bezweifelte, "dass die unter der früheren Führung
ausgehandelten Kontrakte das irakische Volk voll vom Ölreichtum des Landes profitieren
lassen".
Die russische Tageszeitung Kommerssant zitierte Mitarbeiter von Lukoil mit den Worten,
die "von den Amerikanern eingesetzten Figuren" hätten nicht das Recht, bestehende Verträge
zu brechen. Man überlege, für diesen Fall mit irakischem Öl beladene Tanker konfiszieren zu lassen.
Zugleich erklärte Lukoil, der zweitgrößte russische Ölkonzern, man betrachte die von den USA
eingesetzten Vertreter nicht als die Regierung des Irak. Man werde erst verhandeln, wenn eine
legitime Führung gebildet sei.
Die BBC, die sich auf die Agentur Reuters berief, hatte den irakischen Ölminister mit der Aussage
zitiert, dass Russland bereits einen Vertrag für das größte irakische Ölfeld "West-Qurna2" verloren
habe. Lukoil hatte gemeinsam mit der russischen staatlichen Ölfirma Sarubeschneft und dem
Maschinenbauunternehmen Maschinoimport 1997 mit Bagdad einen Milliarden- Vertrag über
die Erschließung und Ausbeutung des Ölfeldes abgeschlossen. Der Vertrag hat laut Kommersant
eine Laufzeit von 23 Jahren. Der Irak hatte diesen Vertrag aber vor Beginn des Irak-Kriegs gekündigt.
Offiziell hatte Bagdad argumentiert, die russische Seite habe bisher nicht mit den vereinbarten Investitionen
begonnen. In Wirklichkeit war die irakische Regierung verärgert darüber, dass Lukoil Kontakt mit Washington
aufgenommen hatte, um über die Möglichkeit der Vertragserfüllung bei einem Regimewechsel in Bagdad zu
sprechen. Lukoil pochte auf Erfüllung des Vertrags. Seinerzeit war der Vertrag von der Regierung Saddams
nach einigen Tagen wieder in Kraft gesetzt worden.
Der Irak verfügt über die weltweit zweitgrößten Ölreserven. Nachdem die UN-Sanktionen gegen Bagdad
aufgehoben wurden, kann die Ölproduktion in etwa zwei Wochen wieder anlaufen. Die US-Regierung setzte
durch, dass die Erdölförderung zunächst unter Kontrolle der Amerikaner und Briten bleibt. Kritiker wie
Russland oder Frankreich fürchten, dass der größte Teil des irakischen Ölgeschäftes nun an amerikanische
oder britische Konzerne vergeben wird.» (Süddeutsche Zeitung vom 28.05.03)
Amnesty: Krieg gegen Terrorismus macht Welt gefährlicher
Do.29.05.03 - Der von den USA ausgerufene Krieg gegen den internationalen
Terrorismus hat nach Einschätzung von Amnesty International (ai) weltweit zur
Einschränkung vonMenschenrechten geführt.
Der Krieg gegen den internationalen Terrorismus habe Regierungen die
Entschuldigung zu Menschenrechtsverletzungen unter dem Deckmantel der
Sicherheitspolitik gegeben, kritisierte die Menschenrechtsorganisation bei der
Vorstellung ihres Jahresberichts 2002 am Mittwoch in London. Internationales
Recht sei konsequent untergraben worden. Der internationalen
Gemeinschaft warf Amnesty vor, nicht genügend zu tun, um die
Nachkriegsprobleme in Afghanistan und im Irak zu lösen. Es bestehe die Gefahr,
dass im Irak wie zuvor in Afghanistan nicht genug für Recht und Ordnung sowie die
Beachtung der Menschenrechte getan werde.
"Die USA fahren fort, sich die Teile ihrer Verpflichtungen unter internationalem
Recht herauszugreifen, die ihnen gerade passen", sagte Amnestys
General-Sekretärin Irene Khan mit Blick auf die Inhaftierung hunderter Menschen in
Afghanistan und auf dem US-Stützpunkt Guantanamo auf Kuba. Sie werden dort
festgehalten, ohne dass ihnen der Status und die Rechte von Kriegsgefangenen
eingeräumt wurde.
In dem von den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 geführten
Krieg gegen den Terrorismus sei das Gegenteil von dem erreicht worden, was
erreicht werden sollte, kritisierte Amnesty. "Er (der Krieg) hat die Teilung zwischen
Menschen unterschiedlichen Glaubens und Herkunft vertieft und die Saat für weitere
Konflikte gesät", erklärte Amnesty. "Der überwältigende Einfluss von all dem ist
echte Angst in allen Teilen der Gesellschaft." Zudem hätten die von den USA
geführten Kriege in Afghanistan und im Irak die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit
von anderen Konflikten in Asien, Afrika und Lateinamerika abgelenkt.
"Regierungen haben unter Berufung auf nationale Sicherheitsbelange Menschen
töten, foltern und verschleppen lassen", sagte die Generalsekretärin der deutschen
ai-Sektion, Barbara Lochbihler, in Berlin. "Zu den Opfern ihres Vorgehens zählten
Gewerkschafter, Journalisten, Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten
sowie Menschenrechtsverteidiger."
In 106 Staaten wurden Amnesty zufolge im vergangenen Jahr Menschen von
Sicherheitskräften, Polizisten und anderen Staatsbediensteten gefoltert und
misshandelt. In 31 Ländern seien mehr als 1500 Menschen hingerichtet worden.
Opfer "staatlicher Morde" seien Menschen in 42 Ländern geworden. In 33 Ländern
"verschwanden" Amnesty zufolge Menschen und in 34 Ländern seien politische
Gefangene gemacht worden. Amnesty dokumentierte Menschenrechtsverletzungen in
insgesamt 151 Ländern. Die Organisation geht davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen
weitaus höher sind.
Für Deutschland lägen Vorwürfe vor, wonach Polizisten "Häftlinge misshandelt und
in exzessiver Weise Gewalt gegen sie angewandt" hätten, berichtete Amnesty. Ein Mann
solle an den Folgen der Gewaltanwendung gestorben sein.
Anlässlich des Deutschland-Besuchs des indischen Premierministers Atal Behari
Vajpayee kritisierte die deutsche ai-Chefin dessen Regierung für ihr im März 2002
verabschiedetes Anti-Terrorismus-Gesetz. Dieses ermögliche der Polizei etwa,
Menschen ohne Anklage bis zu sechs Monate in Haft zu halten.
Zwar sei die Einsetzung des Internationalen Strafgerichtshofes ein Erfolg. Allerdings
hätten mindestens 35 Staaten mit den USA ein bilaterales Abkommen über die
Nichtauslieferung von US-Bürgern unterzeichnet. Zahlreiche Konflikte und Probleme
würden im Schatten des Irak-Kriegs und des Kampfes gegen den "Terrorismus"
vergessen. "Was im Kongo geschieht, gelangt vier Jahre und wohl drei Millionen
Tote zu spät auf die weltöffentliche Tagesordnung", kritisierte Lochbihler.
(Quellen: rtr, afp)
UN wollen kommende Woche Friedenstruppe nach Kongo schicken
Do.29.05.03 - Die Vereinten Nationen wollen in der kommenden Woche eine internationale
Friedenstruppe nach Ituri im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo
entsenden. Mehrere Staaten, nicht nur europäische, wollten sich an dem Kontingent
beteiligen, sagte der französische UN-Botschafter Jean-Marc de La Sablière nach
Beratungen des Sicherheitsrates am Mittwoch am Sitz der Vereinten Nationen in
New York. Der US-Vertreter Richard Williamson sagte, unter anderem Pakistan,
Südafrika und Nigeria hätten ihre Bereitschaft zu einer Beteiligung an der Truppe
signalisiert. (Quelle: afp)
«Blick ins Archiv»
Kongo: Der ignorierte Krieg um Macht, Gold, Öl
El-Aksa-Märtyrer begrüßen Nahost-Friedensplan
Do.29.05.03 - Der bewaffnete Arm der Fatah-Bewegung von
Palästinenserpräsident Jassir Arafat hat die Annahme des
Nahost-Friedensplans durch die israelische Regierung
begrüßt. Die "Brigaden der El-Aksa-Märtyrer" seien
"glücklich mit der Entscheidung", auch wenn es noch
offene Fragen gebe, sagte ihr Sprecher Abu Mudschahid.
Der Friedensplan des Nahost-Quartetts sei "eine gute Sache". Wenn die
"Straßenkarte" erfolgreich umgesetzt werden solle, müsse Israel jedoch zunächst
die gezielten Tötungen von Führungsmitgliedern des palästinensischen Aufstands
beenden.
Die "Brigaden der El-Aksa-Märtyrer" waren nach dem Beginn der zweiten Intifada im
September 2000 erstmals in Erscheinung getreten. Anders als die militanten
Organisationen Hamas und Islamischer Dschihad treten sie für einen säkularen
Palästinenserstaat ein.
Ein Palästinenservertreter bekräftige derweil in Gaza, der palästinensische
Regierungschef Mahmud Abbas werde am Donnerstagabend mit seinem
israelischen Kollegen Ariel Scharon zusammentreffen. Das Treffen, an dem auch
Abbas' Sicherheitschef Mohammed Dahlan teilnehmen werde, sei in Jerusalem
geplant. Aus Sicherheitsgründen werde erst kurz vor dem Treffen über den genauen
Ort entschieden.
Das israelische Regierungskabinett hatte den Friedensplan am vergangenen Sonntag mit knapper Mehrheit unter
Vorbehalten angenommen. Die Palästinenser hatten den Plan bereits akzeptiert. Der von EU, UNO, USA und
Russland vorgelegte Plan sieht nach Zugeständnissen auf beiden Seiten unter anderem die Bildung eines
Palästinenserstaats bis 2005 vor.
(Quelle: afp)
«Israel fordert zahlreiche Änderungen am Nahost-Friedensplan – und gefährdet dessen Umsetzung »
«In Israel herrscht Verwirrung über die Absichten von Regierungschef Ariel Scharon. Einerseits
sagt er Sätze, die einem links-liberalen Politiker zugeschrieben werden könnten. Auf einer Sitzung
seines rechtsnationalen Likud verteidigte er die Annahme des Friedensfahrplans damit, dass die
"Besatzung eines Gebiets mit 3,5 Millionen Palästinensern schlecht" für Israel sei, für die Palästinenser
und die israelische Wirtschaft: "Wir müssen diesen Zustand beenden". Es war das erste Mal, dass er
das Wort "Besatzung" überhaupt in den Mund nahm. 1,8 Millionen Palästinensern werde von Hilfsorganisationen
geholfen. "Wollt Ihr diese Aufgabe übernehmen? Woher nehmen wir das Geld?", fragte Scharon.
Zugleich machte er deutlich, dass er nicht an einen generellen Baustopp jüdischer Siedlungen im Westjordanland
denke, was der Friedensfahrplan allerdings explizit verlangt. Auf die Frage, was ein Baustopp jüdischer Siedlungen
für die Siedler bedeute, versicherte Scharon: "Es wird in dieser Hinsicht keine Beschränkungen geben, Sie werden
für Ihre Kinder und Ihre Enkel bauen können, und ich hoffe außerdem für die Kinder Ihrer Enkel!".
Zwar hat Scharons Kabinett die Friedensinitiative des Nahost-Quartetts angenommen, doch diese im Gegensatz zu
den Palästinensern mit einem Katalog von Änderungen versehen. Die USA haben Israel die Berücksichtigung der
14 Punkte zugesagt, was die Umsetzung des Plans allerdings blockieren würde: Der palästinensische Ministerpräsident
Machmud Abbas besteht darauf, dass Israel den Plan in seiner Ursprungsversion annimmt.
Die israelische Regierung verlangt unter anderem, dass die Palästinenser ihre Forderung nach einer Rückkehr von vier
Millionen Flüchtlingen aufgeben – ein Ansinnen, das Abbas ablehnt. Auch soll während des Friedensprozesses
"absolute Ruhe" herrschen. Während der ersten Phase sollen alle palästinensischen Terrormilizen aufgelöst werden,
darunter die Hamas, der Islamische Dschihad und die Al-Aksa-Brigaden. Deren Waffen sollen allesamt an eine dritte
Partei übergeben werden. Abbas versucht jedoch nur, einen einjährigen Waffenstillstand mit diesen Gruppen auszuhandeln,
was Israel wiederum ablehnt. Zugleich soll der Zeitrahmen aus dem Plan gelöscht werden, der Ende 2003 die Schaffung eines
vorläufigen und 2005 eines endgültigen Palästinenserstaates vorsieht.
Themen wie jüdische Siedlungen und die Zukunft Jerusalems sollen zunächst ausgeklammert werden. Die israelischen
Truppen würden sich nur dann aus den wiederbesetzten Palästinensergebieten zurückziehen, wenn "absolute Ruhe"
herrscht – der Plan verlangt jedoch, dass dies parallel zu der Entwaffnung der Terrorgruppen geschieht. Am Ende des
Friedensprozesses, so heißt es in Einschränkung Nummer 7, soll das Ende aller Forderungen stehen – und nicht nur das
Ende des Konflikts. » (Süddeutsche Zeitung vom 28.05.03)
Der «Fahrplan» zum Nahost-Frieden (Nahost-Friedensplan)
Bush will auf G8-Gipfel Irak-Streit hinter sich lassen
Do.29.05.03 - US-Präsident George W. Bush will nach Angaben von
Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice auf dem G8-Gipfel in Evian den Streit mit
Staaten wie Deutschland, Frankreich und Russland über den Irak-Krieg hinter sich
lassen.
"Wir haben den Irak-Konflikt hinter uns", sagte Rice am Mittwoch in Washington
und verwies auf die einstimmig vom UNO-Sicherheitsrat aufgehobenen Sanktionen
gegen Irak. "Wir hatten einige schwierige Zeiten". Bush verstehe "ehrliche politische
Meinungsverschiedenheiten", sagte Rice. Möglicherweise mit Blick auf Deutschland
ergänzte sie jedoch: "Niemand versteht, wenn Dinge einen anti-amerikanischen Ton
bekommen." In den USA war Bundeskanzler Gerhard Schröder vorgeworfen worden, im
Bundestagswahlkampf im vergangenen Jahr anti-amerikanische Töne angeschlagen zu haben.
Schröder hatte den Irak-Krieg frühzeitig abgelehnt und eine Zustimmung Deutschlands
zu einer den Krieg legitimierenden UNO-Resolution ausgeschlossen. Das Verhältnis zwischen
Schröder und Bush gilt seit dem Bundestagswahlkampf als schwer belastet. Auch bei Russland und
Frankreich waren die USA im Irak-Konflikt auf Ablehnung gestoßen. Bush reist am
Sonntag zu dem Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der sieben führenden
Industrienationen und Russlands (G8) nach Frankreich. Zuvor besucht er Polen und
zur 300-Jahrfeier das russische St. Petersburg.
Im Rahmen seiner Europa-Reise wird Bush erstmals seit dem Irak-Krieg mit dem
russischen Präsidenten Wladimir Putin, dem französischen Präsidenten Jacques
Chirac und Bundeskanzler Schröder zusammentreffen. Mit Putin und Chirac sind
eigene Gespräche geplant, die Begegnung Bushs mit Schröder wird sich
voraussichtlich auf den großen G8-Rahmen beschränken. (Quelle: rtr)
«Das ist doch alles Show»
Do.29.05.03 - Der Schrecken von Genua steckt allen noch in den Knochen. Zwei Jahre
nach der Gewalteskalation bei den Protesten gegen den G-8-Gipfel in der
norditalienischen Hafenstadt mit einem Toten fahren die französischen Gastgeber in
Evian eine Doppelstrategie: Mit 24.000 Soldaten und Polizisten am Genfer See wird
Stärke demonstriert, und zugleich versucht Präsident Jacques Chirac, die
Globalisierungsgegner politisch einzubinden.
Zwölf Staats- und Regierungschef aus Afrika, Asien, Süd- und Mittelamerika werden
am Sonntag mit den Führern der sieben wichtigsten Industriestaaten und Russlands an
einem Tisch sitzen. 80 Prozent der Weltbevölkerung werden so in Evian vertreten sein,
rechnen die Franzosen vor. «Die G-8 sind nicht der Vorstand der Welt», erklärte Chirac
und setzte die Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung (NEPAD) sowie den Kampf
gegen Aids und Wassermangel auf die Tagesordnung.
Doch seine Botschaft kommt nicht überall an. «Das ist doch
alles Show», sagt Lukas Engelmann, der für Attac Deutschland die Anti-Evian-Proteste koordiniert. «Die Initiativen von
Chirac sind rein taktisch, inhaltlich steckt nicht viel dahinter.» So werde zwar in Evian über die dramatische
Wasserknappheit geredet, doch zugleich tue die Welthandelsorganisation WTO derzeit alles, um die Privatisierung
der Wasserversorgung in den betroffenen Ländern voranzutreiben.
Zwar räumt Engelmann ein: «Natürlich ist die Tagesordnung ein Schritt auf die globalisierungskritische Öffentlichkeit
zu.» Doch gebe es «mehr Gründe denn je, gegen die G-8 zu protestieren»: Wann komme der radikale
Schuldenerlass, der der NEPAD erst zum Erfolg verhelfen würde? Was werde gegen die Umweltverschmutzung und
Kriege getan? Trotz der Anwesenheit etwa der Präsidenten von Brasilien und Senegal sowie des indischen
Regierungschefs: «Für uns ist der G-8-Gipfel noch immer ein Weltwirtschaftsgipfel, wo acht Staats- und
Regierungschefs sich anmaßen, über das Schicksal der Welt zu entscheiden», sagt Engelmann.
Mindestens 100.000 Globalisierungsgegner, so schätzt Engelmann, wollen sich am Genfer See treffen, 4.000 bis
5.000 aus Deutschland. Attac hatte Schwierigkeiten, seinen Sonderzug vollzubekommen. Da Evian hermetisch
abgeriegelt ist, finden Gegengipfel und Demonstrationen vor allem auf der Schweizer Seite des Genfer Sees statt.
(Quelle: ap) mehr ...
«Mobilisierung gegen den G-8-Gipfel in Evian»
Die G-8 wird vom 1. bis 3. Juni in Evian am Genfer See zusammenkommen.
Aus diesem Anlaß und vor dem Hintergrund des Krieges im Irak, der
angloamerikanischen Besetzung des Landes und der Fortsetzung der neoliberalen
Politik veranstalten Globalisierungs-Kritiker einen "G-8-Gegengipfel"
mit zahlreichen Debatten, Konferenzen und Protestaktionen.
Mehr unter:
Offizielle Homepage des G-8-Treffens 2003 in Evian:
«Blick ins Archiv»
Mehrere hunderttausend Demonstranten bei G-8-Gipfel erwartet
G-8: Exklusiver Club der großen Industriestaaten
Drohnen und Boden-Luft-Raketen sollen G-8-Gipfel schützen
Genua: Verfahren gegen 93 G-8-Gipfel-Demonstranten eingestellt
«Demokratische Finsternis» G-8-Gipfel 2001 | Genua, Italien
Eingeständnisse nach G-8-Gipfel in Genua:
Do.09.01.03 - Eineinhalb Jahre nach den blutigen
Ausschreitungen beim G-8-Gipfel in Genua hat die
italienische Polizei jetzt schwere eigene Rechtsverstösse
eingeräumt. Wie italienische Zeitungen am Mittwoch
berichteten, gaben Polizeibeamte zu, nach einer Razzia in
einer Schule, in der Globalisierungskritiker übernachteten,
Beweise gefälscht zu haben. So seien von der Polizei zwei
Molotow-Cocktails in die Schule geschmuggelt worden, um
so die Demonstranten zu belasten, hiess es.
Bei der Razzia waren etliche Demonstranten von
Sondereinheiten der Polizei verprügelt und zum Teil schwer
verletzt worden. Viele von ihnen wurden vorübergehend
festgenommen.
Die Razzia hatte in der Nacht auf den 22. Juli 2001
stattgefunden, wenige Stunden nachdem ein junger
Demonstrant von einer Polizeikugel tödlich getroffen
worden war. Wegen der Gewaltexzesse am Rande des
G-8-Gipfels war Italiens Polizei scharf kritisiert worden.
(Quelle: nzz/dpa) Mehr unter:
Prodi vermisst Visionen im Entwurf für EU-Verfassung
Do.29.05.03 - EU-Kommissionspräsident Romano Prodi hat
den jüngsten EU-Verfassungsentwurf als enttäuschend abgelehnt und Änderungen verlangt.
Prodi forderte den EU-Verfassungskonvent am Mittwoch in Athen auf, den Entwurf des von Valery Giscard
d'Estaing geleiteten Konventspräsidiums noch zu ändern. "Trotz all der harten Arbeit, die wir hinein gesteckt
haben, fehlt es dem uns nun vorliegenden Text an Vision und Ehrgeiz", sagte Prodi am Rande eines
EU-Kanada-Gipfeltreffens. Der Konvent hat noch gut drei Wochen Zeit, um einen endgültigen Entwurf für die
EU-Verfassung für den EU-Gipfel von Thessaloniki am 20. Juni vorzubereiten.
Der Vorschlag sei in mancher Hinsicht ein Schritt zurück, sagte Prodi. "Ich sage dies auch als Weckruf an die
Konventsmitglieder. Denn wir dürfen nicht die Opfer oder Geiseln von Texten werden, die Europa zu lähmen
drohen."
Diese Äußerungen waren Prodis bislang schärfste Kritik an dem Entwurf des Konventspräsidiums, mit dem auch
andere Anhänger eines möglichst föderalen Europas nur die Interessen der großen Mitgliedstaaten gewahrt sehen.
Prodi will die Befugnisse der Kommission als zentraler EU-Behörde stärken. Der französische Ex-Präsident
Giscard strebt wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien eine mehrjährige Ratspräsidentschaft an und will
die Kommission verkleinern. Beides stößt bei kleinen EU-Staaten auf Kritik. Giscard wird am Donnerstag in
Aachen der Karlspreis für seine Verdienste um die europäische Einigung verliehen.
Vertreter des EU-Parlaments wie der deutsche EU-Abgeordnete Elmar Brok (CDU) kritisieren zudem, dass die
Rechte des EU-Parlaments nicht wie von den Parlamentariern gewünscht ausgebaut werden sollen. Sie werfen
Giscards Präsidium vor, nicht die Mehrheitsmeinung im Konvent zu berücksichtigen. Im Präsidium sitzen allerdings
auch Vertreter des Parlaments, der Regierungen und der Kommission.
Enttäuschung wurde bei Kritikern des aktuellen Entwurfs in Kommission und Rat auch daran laut, dass weder in
der Außen- noch in der Steuerpolitik das Prinzip der Einstimmigkeit aufgegeben werden soll. Prodi sagte, die
Vorschläge zu Mehrheitsabstimmungen seien ein Schritt zurück. Im aktuellen Entwurf, der am Freitag erneut im
Konvent beraten werden soll, ist allerdings eine Ausdehnung von Mehrheitsentscheidungen auf Gebiete wie
Energiegesetzgebung, Einwanderung, Asyl und Regionalbeihilfen vorgesehen.
Einen von Kirchen und Konservativen geforderten "Gottesbezug" wird es in der EU-Verfassung voraussichtlich
nicht geben. Im Entwurf für die Verfassungs-Präambel wird nur auf das "kulturelle, religiöse und humanistische
Erbe Europas" Bezug genommen.
Mit der EU-Erweiterung um zehn auf dann 25 Länder im kommenden Jahr werden einstimmige Beschlüsse noch
schwieriger werden als derzeit. Bereits jetzt klagen hochrangige EU-Diplomaten darüber, dass vor allem Italien und
Spanien immer wieder ihre Zustimmung zu einstimmig zu beschließenden Regelungen von Zugeständnissen in völlig
anderen Bereichen abhängig machen. So verquickt Italien derzeit seine Zustimmung zur grenzüberschreitenden
Zinsbesteuerung mit Zugeständnissen bei seinen Strafzahlungen wegen zu hoher Milchproduktion.
Auch die Konservativen im EU-Parlament verlangten weitere Änderungen und drangen trotz der scharfen
Gegensätze im Konvent auf einen Kompromiss. "Für den erfolgreichen Abschluss des Konvents kommt es jetzt
maßgeblich darauf an, dass alle Akteure die Kommunikation untereinander verbessern und ein wirklich von allen
Teilen des Konvents tragbarer Text vorgelegt wird", sagte der Vorsitzende der EVP-Fraktion, Hans-Gert Pöttering
(CDU).
Ein möglichst einmütiges Votum des Konvents gilt in EU-Kreisen als Voraussetzung dafür, dass die EU-Staaten
den Entwurf in einer Regierungskonferenz möglichst unverändert annehmen. (Quelle: rtr)
Gewerkschaften in Frankreich kündigen Generalstreik an
Do.29.05.03 - In dem seit Wochen anhaltenden Streit um die geplante Rentenreform in Frankreich haben
mehrere Gewerkschaften zu einem Generalstreik aufgerufen.
Dieser solle am Montagabend beginnen, kündigten die Gewerkschaften am Mittwoch an. "Nur eine Verstärkung
unseres Protestes, im öffentlichem Dienst und im privaten Bereich auf Dauer, kann die Regierung von diesen
katastrophalen Maßnahmen abhalten", hieß es in der Erklärung der Gewerkschaften CGT, FO, Unsa und FSU. Zuvor hatten
bereits die Gewerkschaften Transport und Öffentlicher Dienst für Dienstag unbefristete Streiks angekündigt. Auch
Lehrer-Gewerkschaften und die von Beschäftigten der Fluggesellschaft Air France haben für
Dienstag einen Ausstand angekündigt.
Ministerpräsident Jean-Pierre Raffarin bekräftigte, dem Druck der Gewerkschaften nicht nachgeben zu wollen.
"Wir müssen da durch. Andernfalls steht das Rentensystem vor dem völligen Zusammenbruch", sagte er im
Fernsehsender TF1. Präsident Jacques Chirac hatte sich zuvor demonstrativ hinter die Pläne der Regierung gestellt.
"Diese Reform ist dringend notwendig", hieß es in einer Erklärung Chiracs, nachdem das Kabinett den Entwurf für
die Rentenreform im Parlament eingebracht hatte. "Es lag in der Verantwortung der Regierung zu handeln und
ohne Verzögerung zu handeln, damit nicht eines Tages brutale Maßnahmen ergriffen werden müssen", fügte
Chirac hinzu. Die Pläne seien fair.
Nach dem Willen der Regierung sollen die Franzosen in Zukunft länger als bisher in das staatliche Rentensystem
einzahlen, um den vollen Rentenanspruch zu erwerben. Vor acht Jahren waren Pläne zu einer umfassenden
Reform des Rentensystems am Widerstand der Gewerkschaften gescheitert. Die Auseinandersetzung schwächte
die damalige Mitte-rechts-Regierung so stark, dass sie zwei Jahre später die Wahl verlor. (Quelle: rtr)
Deutsche Experten sehen zu Jahresende fünf Millionen Arbeitslose
Do.29.05.03 - Angesichts der Konjunkturflaute droht in Deutschland zur
Jahreswende nach Einschätzung von Experten ein Negativ-Rekord bei den
Arbeitslosenzahlen. Für Mai rechnen sie saisonbereinigt erneut mit einem
deutlichen Anstieg.
"Wir sehen es als sehr wahrscheinlich an, dass die Zahl von fünf Millionen
Arbeitslosen im Januar und Februar (2004) erreicht wird", sagte die
Arbeitsmarktexpertin der Commerzbank, Elisabeth Andreae, am
Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Die beiden Monate weisen
auf Grund der Winterarbeitslosigkeit saisonbedingt regelmäßig die höchsten
Arbeitslosenzahlen im Jahresverlauf auf. Peter Meister von der ING BHF-Bank sagte: "Wir
werden zum Jahresanfang relativ nahe an die Fünf-Millionen-Marke herankommen." Die höchste
Arbeitslosenzahl in der Bundesrepublik war im Januar 1998 mit 4,823 Millionen registriert worden.
Vor dem Hintergrund der schwachen Konjunktur hat die übliche Frühjahrsbelebung im Mai nach Einschätzung der
Experten nur zu einem geringen Rückgang der unbereinigten Arbeitslosenzahl um etwa 75.000 bis 120.000
Erwerbslose geführt. Im April waren knapp 4,5 Millionen Arbeitslose registriert. Die Mai-Zahlen gibt die Bundesanstalt
für Arbeit in Nürnberg am Donnerstag nächster Woche bekannt.
Saisonbereinigt habe sich der Anstieg jedoch fortgesetzt. Während Andreae und Harald Jörg von der Dresdner Bank
von einem saisonbereinigten Anstieg um 40.000 Arbeitslose ausgingen, rechnete Meister mit einem Anstieg um rund
60.000. Dies wäre ein stärkerer Anstieg als im April (plus 44.000).
Eine Trendwende am Arbeitsmarkt erwarten die Experten nicht vor dem nächsten Jahr. "Ich rechne im letzten Quartal
bestenfalls mit einer Stagnation (der saisonbereinigten Arbeitslosenzahl)", sagte Jörg. Er erwarte für das letzte
Vierteljahr eine Belebung der Konjunktur, die Anfang 2004 zu einem Rückgang der bereinigten Arbeitslosigkeit führen
werde. Ähnlich äußerten sich Meister und Andreae. Die bereinigte Arbeitslosigkeit werde Monat für Monat bis
Jahresende weiter steigen, wenngleich die Zuwächse geringer würden, sagte Andreae. (Quelle: rtr)
Rentnern droht Kürzung der Bezüge
Do.29.05.03 - Angesichts der angespannten Haushaltslage
will Finanzminister Hans Eichel (SPD) offensichtlich
massiv bei den Renten kürzen. Dies habe Eichel sowohl
im SPD-Parteivorstand als auch im Parteirat angekündigt,
schreibt die "Neue Osnabrücker Zeitung" unter Berufung
auf Teilnehmer. Eichels Sprecher Jörg Müller wollte dies
am Mittwoch in Berlin nicht bestätigen.
Regierungssprecher Bela Anda sagte, jede Debatte über Rentenkürzungen sei
"verfrüht". Unterdessen zeichnet sich bei der Rentenversicherung eine äußerst
angespannte Kassenlage ab.
Angesichts der "extremen Ausgabensteigerungen in den Sozialen
Sicherungssystemen" seit Mitte der 90er Jahre gehe es nicht allein um Kürzungen
bei den Rentnern, stellte Müller klar. Der Bundeszuschuss zur Rentenversicherung
müsse "unbedingt reduziert" werden, erläuterte der Minister der Zeitung zufolge den
beiden SPD-Gremien.
Müller sagte, der Bundeszuschuss zur Rentenversicherung liege aktuell bei 73,1
Milliarden Euro und sei seit 1997 um 30 Milliarden Euro gewachsen. Wenn man mit
dem Haushalt 2004 die Investitionen anregen wolle, dann müsse man sich auch
darüber unterhalten, "wo bei den konsumptiven Ausgaben das Maß des Erträglichen
erreicht ist". Dies solle bei den anstehenden "Chefgesprächen" zwischen
den Ressortministern zur Vorbereitung des Haushaltes 2004 geschehen.
Sollte der Bundeszuschuss verringert werden, müssten die
Renten gekürzt werden. Eichel habe vorgerechnet, dass der
Bundeszuschuss bis zum Jahr 2050 rund 60 Prozent der
gesamten Rentenausgaben erreichen und mehr als die Hälfte
des Bundeshaushaltes ausmachen werde, berichteten
Teilnehmer laut Zeitung. Das sei nicht akzeptabel.
Auch die Förderung der Riester-Rente sei zu teuer und müsse "zurückgefahren" werden, soll Eichel gesagt haben.
Da habe er sich "über den Tisch ziehen lassen". Sein Sprecher wies diese Darstellung zurück. Die Riester-Rente sei
einvernehmlich mit dem damaligen Arbeitsminister beschlossen worden. "Keiner von beiden ist über den Tisch
gezogen worden."
Experten bezweifeln, ob Rentenkürzungen verfassungsgemäß sind. Schon Nullrunden, die die Ruheständler von der
Lohnentwicklung abkoppeln würden, sind fragwürdig, weil sie einen grundgesetzwidrigen Eingriff in eigentumsähnliche
Rechte darstellen könnten. Für Unionsfraktions-Vize Friedrich Merz zeigt die Debatte das völlige Scheitern der
rot-grünen Rentenreform von 2000.
Die finanzielle Lage der Rentenversicherer hat sich nach Informationen der "Stuttgarter Zeitung" im April weiter
verschärft. Erstmals in diesem Jahr seien die finanziellen Rücklagen unter die gesetzlich vorgeschriebene Grenze von
50 Prozent einer Monatsausgabe gefallen. Die so genannte Schwankungsreserve betrug der Zeitung zufolge im April
47 Prozent. Der Sprecher des Sozialministeriums, Klaus Vater, sagte, die Entwicklung werde "sehr ernst
genommen", allerdings setze er auf Besserung. Die Rentenversicherer gehen davon aus, dass der Beitragssatz
wegen flauer Konjunktur und hoher Arbeitslosigkeit 2004 von 19,5 auf 19,8 Prozent steigt.
Nach Einschätzung des SPD-Abgeordneten Peter Dreßen wird die SPD-Bundestagsfraktion eine Kürzung des
Bundeszuschusses zur Rentenkasse nicht mittragen. "Ich bin mir sicher, dass Eichel auf den Widerstand einer
klaren Mehrheit in der Fraktion treffen wird", sagte er dem "Reutlinger General-Anzeiger" (Freitag-Ausgabe).
(Quelle: dpa)
Grüne für Kürzungen bei der Rente
Do.29.05.03 - Einschnitte bei der Rentenformel, beim geltenden Rentenniveau
und beim staatlichen Rentenzuschuss bereits im kommenden Jahr hat die
Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, verlangt.
In einem Interview der "Leipziger Volkszeitung" (Freitagausgabe) sagte die Politikerin:
"Es gibt sehr sehr viele Rentnerinnen und Rentner, denen eine Null-Runde bei der
Rentenanpassung nichts ausmacht und bei denen man durchaus an eine Absenkung
des Rentenniveaus denken kann."
Schon der Bundeskanzler habe mit Blick auf das Jahr 2004 "von einem Beitrag der Rentner"
bei der Reform-Agenda gesprochen, sagte Göring-Eckardt nach Angaben des Blattes.
Der SPD-Fraktionsvorsitzende Franz Müntefering habe das inzwischen aufgegriffen.
"Wir werden 2010 nicht einen Rentenbeitrag von 19,8 Prozent hinnehmen. Wir müssen
auch über die Rentenformel reden. Rentenerhöhung und Rentenniveau stehen zur Debatte",
zitierte die Zeitung Göring-Eckardt. Zugleich begrüßte sie die von Finanzminister Hans Eichel
geforderte Kürzung des staatlichen Rentenzuschusses.
(Quelle: ap)
DGB kritisiert mögliche Kürzung des Rentenzuschusses
Do.29.05.03 - Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat die von der Bundesregierung
erwogene Kürzung des Bundeszuschusses zur Rentenversicherung scharf kritisiert.
Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer sagte in einem Interview
der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Donnerstagausgabe), entsprechende
Überlegungen von Bundesfinanzminister Hans Eichel zur Sanierung des
Bundeshaushalts seien "in jeder Hinsicht kontraproduktiv und alles andere als
hilfreich".
Engelen-Kefer verwies nach Angaben des Blattes darauf, dass der Bundeszuschuss
lediglich die versicherungsfremden und familienpolitischen Leistungen innerhalb der
Rentenversicherung abdecke. Müssten diese Summen wieder ganz oder teilweise
von den Beitragszahlern aufgebracht werden, stiegen erneut die Lohnnebenkosten.
"Das widerspricht dem gemeinsamen Ziel, über sinkende Sozialabgaben den lang
erhofften Beschäftigungsaufbau zu ermöglichen", zitierte die "Neue Osnabrücker
Zeitung" die Gewerkschafterin.
(Quelle: ap)
Schmidt wirbt für Gesundheitsreform
Do.29.05.03 - Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat bei
politischen Gegnern und Patienten um Zustimmung für ihre
Gesundheitsreform geworben, mit der sie den Beitragssatz
längerfristig auf 13 Prozent senken will. Bei der Vorstellung ihrer
Pläne in Berlin sagte Schmidt, sie hoffe auf Verhandlungen mit
der Union schon im Bundestag und nicht erst im
Vermittlungsausschuss des Bundesrates. Schmidt sagte nach
der Zustimmung des Bundeskabinetts zu ihrem Konzept, das
System solle für alle bezahlbar bleiben. Der Patient müsse im
Mittelpunkt stehen. Die Union lehnte Verhandlungen vorerst ab.
Die Pläne sehen unter anderem höhere Zuzahlungen bei Arzneimitteln, eine
Praxisgebühr sowie eine höhere Tabaksteuer vor. Zukünftig soll derjenige eine
Praxisgebühr von 15 Euro bezahlen, der ohne Überweisung vom Hausarzt einen
Facharzt aufsucht. Wer sich in ein Hausarztsystem einschreibt, soll dafür nur noch
die Hälfte der Medikamentenzuzahlungen übernehmen. Die Zuzahlung für
Krankenhausaufenthalte steigen von neun auf zwölf Euro täglich. Brillen sollen
künftig nur noch für Kinder und Jugendliche sowie bie schweren
Sehstörungen bezahlt werden.
Mit der dreistufigen Verteuerung von Zigarettenpackungen um
einen Euro bis 2005 sollen versicherungsfremde Leistungen wie
Mutterschaftsgeld künftig steuerfinanziert werden. Das
Sterbegeld soll komplett gestrichen werden. Künftig soll der
Patient eine Quittung über Leistungen und Kosten beim Arzt
verlangen können. Bis 2006 soll die elektronische
Gesundheitskarte eingeführt sein. Krankenkassen können
Einzelverträge mit Ärzten abschließen. Ein Zentrum für Qualität
in der Medizin soll medizinischen Nutzen und die Qualität von
Leistungen prüfen.
Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion,
Andreas Storm (CDU), lehnte Verhandlungen über die Pläne ab. Im bislang geplanten Gesetz gebe es wesentliche
Punkte - wie das Zentrum für Qualität -, die die Union für falsch halte.
(Quelle: afp)
Bürger stehen Gesundheitsreform skeptisch gegenüber
Do.29.05.03 - Die Mehrheit der Bürger hält die Pläne der Regierung für
eine Gesundheitsreform für unzureichend, um das Gesundheitswesen zukunftsfähig zu
machen. Dies meinen 82 Prozent der Bürger laut einer Umfrage des Emnid-Instituts für den
Verband Forschender Arzneimittelhersteller.
Selbst bei den Wählern von SPD und Grünen stößt die Reform laut Umfrage auf
Skepsis: 66 Prozent der SPD-Anhänger und 85 Prozent der Grünen-Wähler halten
die Pläne für unzulänglich. Nur acht Prozent der Befragten glaubten, dass mit der
Reform das angekündigte Ziel erreicht werde, die Krankenkassenbeiträge unter 13
Prozent zu senken. Auf große Ablehnung stößt, dass für den Gang zum Facharzt
15 Euro bezahlt werden müssen. 67 Prozent der Befragten sind der Ansicht,
dies sei eine Entmündigung der Patienten.
(Quelle: afp)
Regierung beschließt Meisterbrief-Reform - Handwerk protestiert
Do.29.05.03 - Die Bundesregierung hat den Zwang zum Meisterbrief
gegen den massiven Widerstand des Handwerksverbandes weitgehend aufgehoben.
Das Bundeskabinett billigte am Mittwoch Regelungen, wonach jetzt auch Gesellen in den meisten
Handwerksberufen einen Betrieb eröffnen können. Dies gilt für 65 von 94 Meisterberufen. Davon betroffen sind
beispielsweise Schneider, Schuster , Fliesenleger und Goldschmiede. Der Meisterzwang besteht danach weiter bei
Berufen, die bei falscher Ausführung Gesundheitsgefahren bergen würden. Dies trifft etwa auf Elektriker oder
Optiker zu. Aber auch hier sollen Gesellen mit zehnjähriger Berufserfahrung, davon fünf in leitender Funktion,
künftig einen Betrieb führen dürfen. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) nannte die Reform
dringend notwendig. "Umsätze und Beschäftigtenzahlen sinken im Handwerk dramatisch." Dafür sei nicht allein die
Konjunktur verantwortlich.
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sprach von unausgereiften Maßnahmen, die sich bald als
Flop erweisen würden. Auch die Union lehnt die Reform überwiegend ab. Der von ihr dominierte Bundesrat muss
den geplanten Regelungen aber noch zustimmen. Das deutsche Handwerk hat rund 840.000 Betriebe und beschäftigt
mehr als fünf Millionen Menschen. Es ist zudem mit Abstand größter Ausbilder in Deutschland.
Clement äußerte sich überzeugt, dass die Reform der Handwerksordnung zu zahlreichen Existenzgründungen
führen werde. Zugleich werde die Schwarzarbeit so bekämpft. "Wir haben es mit einem Strukturwandel zu tun und
darauf muss reagiert werden", sagte der Minister. Er verwies darauf, dass Unternehmer aus dem EU-Ausland in
Deutschland ebenfalls Betriebe ohne Meisterprüfung führen könnten. Diese Lage werde sich mit der
EU-Osterweiterung noch verschärfen. In Grenzgebieten leide das Handwerk schon jetzt unter der Konkurrenz aus
dem Ausland. Daher gehe es bei der Reform auch um einen Abbau an "Inländerdiskriminierung."
Der ZDH kritisierte, die Ausbildung werde als Folge der Reform leiden. An den Problemen des Handwerks sei
nicht das Gewerbe selbst schuld, sondern die binnenwirtschaftliche Konjunktur, die das standortgebundene
Handwerk besonders treffe.
Auch die FDP kritisierte die Reform als Willkürakt. Eine Reform gehe nur mit dem Handwerk und nicht
dagegen. Der Meisterbrief garantiere ein hohes Qualitätsniveau in den Betrieben. (Quelle: rtr)
Ausländerbeauftragte gegen Kompromisse beim Zuwanderungsgesetz
Do.29.05.03 - Die Ausländerbeauftragten von Bund, Ländern und Kommunen
haben sich in einer gemeinsamen Erklärung gegen Kompromisse im Streit um das
Zuwanderungsgesetz ausgesprochen. Zum Abschluss ihrer Bundeskonferenz
betonten die 110 Teilnehmer am Mittwoch in Augsburg ihre Sorge, dass im Zuge
des Vermittlungsverfahrens zwischen Bundestag und Bundesrat unter anderem der
Familiennachzug weiter eingeschränkt werden könnte. Zugleich warnten sie vor
einer drastischen Verschlechterung der Ausbildungssituation ausländischer
Jugendlicher.
Die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck, sagte, sie sehe beim
Ringen um das Zuwanderungsgesetz die Gefahr, dass parteitaktische Erwägungen die
Sachfragen überlagern würden. Sie fürchte, dass die Union versuchen wolle, "Rot-Grün
zu spalten". Zudem drohe, dass sich einzelne Unionspolitiker in einem parteiinternen Richtungsstreit
zu Lasten des Gesetzes profilieren wollten, sagte Beck. "Mit Sorge sehe ich gerade auf den Teil
der Integrationspolitik", sagte die Grünen-Politikerin.
Die Ausländerbeauftragten warnten insbesondere davor, als Kompromiss eine
Begrenzung der Zuwanderung als Zielvorgabe in das Gesetz aufzunehmen oder den
Familiennachzug über das beschlossene Maß einzuschränken. Auch eine weitere Verschärfung der Asylgesetze
lehnten sie ab. Dagegen bekräftigte die Bundeskonferenz erneut ihre Forderung an die Bundesregierung, ein
Antidiskriminierungsgesetz nach den Richtlinien der Europäischen Union auf den Weg zu bringen.
Die Bundesausländerbeauftragte Beck warnte zudem vor sinkenden Ausbildungschancen für ausländische
Jugendliche, die die Verschlechterung der Konjunktur derzeit wesentlich schärfer zu spüren bekämen als deutsche
Jugendliche. So sei der Anteil der ausländischen Auszubildenden seit 1994 von knapp zehn auf unter sieben Prozent
zurückgegangen. Bereits jetzt hätten 40 Prozent der 20 bis 30 Jahre alten Erwerbsfähigen aus ausländischen
Familien keinen Berufsabschluss, bei den Deutschen liege die Zahl lediglich bei zwölf Prozent.
Dabei hätten sich in den vergangenen Jahren die Bildungsabschlüsse von Ausländerkindern stetig verbessert, erklärte
Beck. Allerdings liege der Bildungsstandard noch immer weit unter dem Durchschnitt, weshalb eine gezielte
Sprachförderung vom Kindergarten bis zur Berufsschule erforderlich sei.
Zugleich gedachten die Ausländerbeauftragten dem Brandanschlag von Solingen, der sich am (morgigen) Donnerstag
zum zehnten Mal jährt. Damals starben fünf Mädchen und junge Frauen, als vier junge Männer aus der
Skinheadszene das Haus der türkischen Familie Genc anzündeten.
Auch zehn Jahre später habe die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit nichts an
Aktualität verloren, erklärten die Ausländervertreter. "Immer noch gibt es Gegenden in unserem Land, in denen sich
Menschen anderer Herkunft und Hautfarbe abends nicht vor die Tür trauen", heißt es in der gemeinsamen Erklärung.
(Quelle: ap)
Komponist Luciano Berio gestorben
Do.29.05.03 - Der italienische Komponist und Dirigent Luciano Berio ist im Alter von 77 Jahren
in Rom gestorben. Er erlag am Dienstagabend in der römischen Gemelli-Universitätsklinik einem
Krebsleiden. Berio, der zuletzt Präsident der römischen Musikakademie Santa Cecilia war, galt als einer der
bedeutendsten Vertreter zeitgenössischer Musik. Seine Werke werden in allen großen Konzert- und Opernhäusern
aufgeführt.
"Die Welt hat einen Giganten der Musik verloren", würdigte der
Münchner Generalmusikdirektor Zubin Mehta den Verstorbenen.
Der italienische Dirigent Riccardo Muti sagte: "Das ist ein großer
Verlust für die Welt der Kultur, er ist als Komponist von fundamentaler Bedeutung
für das 20. Jahrhundert gewesen".
"Das ist ein schwarzer Tag für die Welt der Musik. Berio gehörte zu den
bedeutendsten Komponisten seiner Generation. Ich habe seine Musik immer sehr
gern dirigiert und werde es auch weiterhin tun", sagte Hamburgs
Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher. Unter seiner musikalischen Leitung hatte
im September vergangenen Jahres Berios Oper "La Vera Storia" an der Staatsoper
der Hansestadt ihre deutsche Erstaufführung gefeiert.
Sir Peter Jonas, Intendant der Bayerischen Staatsoper, sagte: "Mit Luciano Berio verlässt uns nicht nur ein
herausragender Komponist, sondern auch ein Motivator. Berio war ein sympathischer und brillanter Kollege. Ich werde
ihn in dieser Branche furchtbar vermissen und die Branche wird lange und tief um ihn trauern."
Die "New York Times" würdigte Berio am Mittwoch als einen Komponisten, der in seinen Werken "innovative
Vorstellungskraft und analytische Tiefe mit einem ausgeprägten Feingefühl für Klang und Form verband". Eine seiner
wichtigsten Kompositionen, die "Sinfonia", bleibe für immer mit der Stadt New York verbunden, deren Musikkultur der
Italiener von 1963 bis 1971 beeinflusst habe. Berio hatte das herausragende Werk für Leonard Bernstein und die New
Yorker Philharmoniker geschrieben.
Der am 24. Oktober 1924 im ligurischen Ort Oneglia geborene Berio entstammte einer musikalischen Familie - bereits
sein Vater und sein Großvater waren als Komponisten tätig gewesen. Als bekannteste Werke Berios gelten neben der
1969 komponierten "Sinfonia" die Opern "La vera storia" und "Un re in ascolto". Berio, der schon in den 50er Jahren
als Pionier der elektronischen Musik in Erscheinung getreten war, wurde 1989 mit dem Ernst-von-Siemens-Musikpreis
ausgezeichnet.
Berio war auch als Professor an zahlreichen Musikhochschulen tätig, seit 2000 war er Präsident der römischen
Musikakademie Santa Cecilia in Rom. Er selbst hatte am Verdi-Konservatorium in Mailand, in den USA und in
Deutschland seine Ausbildung absolviert.
Heute (Donnerstag) wird Berios Leichnam in der Akademie Santa Cecilia aufgebahrt werden. Das Begräbnis sei für
Freitag in Radicondoli in der Toskana geplant, wo Berio zuletzt gelebt habe, teilte die Akademie Santa Cecilia mit.
(Quelle: dpa)
«Luciano Berio geb. am 24. Okt 1925 in Oneglia/Imperia»
«Luciano Berio (war) ein außergewöhnlich vielseitiger Komponist, der sich stets für die Verbreitung Neuer Musik
eingesetzt (hatte). Er gilt, neben Stockhausen, Henze, Nono, Ligeti u.a. als eine der Vaterfiguren der Avantgarde.
Berio, der aus einer norditalienischen Musikerfamilie stammt, studierte am Verdi-Konservatorium in Mailand
bei Ghedini und anschliessend in Tanglewood/Mass bei Dallapiccola. Anfang der 50er Jahre machte er sich
bei den bedeutenden Kranichsteiner Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt einen Namen. 1955 gründete
er zusammen mit Bruno Maderna das Mailänder ‚Studio di fonologia musicale', Italiens erstes Studio für
elektronische Musik.
Berio war an vielen entscheidenen Entwicklungen der Nachkriegsmusik beteiligt: bei der Ausformung der
seriellen Musik, bei den Entdeckungen der ‚Musik im Raum' sowie bei der Erschliessung der Elektronik.
Darüber hinaus inspirierten immer wieder literarische Texte seine Kompositionen, vor allem Werke von Joyce,
Auden, Cumings, Eco, Calvino. Für die aussergewöhnliche Stimme der Sängerin Cathy Berberian schrieb er
viele seiner markantesten Stücke, neben "Omaggio a Joyce", "Epifanie", die "Circles, die Folksongs" und die
dritte der zahlreichen "Sequenzas" - Solostücke für Avantgarde-Virtuosen. Die "Sinfonia" (1969), Leonard
Bernstein und den New Yorker Philharmonikern gewidmet, war Berio's größtes Erfolgsstück und hat sein
Erscheinungsbild am meisten geprägt. 1960 - 1972 lehrte er in den USA u.a. an der Julliard School in New
York, wo er ein Ensemble für Neue Musik gründete. 1975 wurde er künstlerischer Direktor des Israel Chamber
Orchestra, 1982 Leiter des Orchestra Regionale Toscana. Neben seinen vielseitigen Tätgkeiten arbeitete
Berio stets an der Fortentwicklung der Live-Elektronik am IRCAM in Paris und an dem von ihm mitbegründeten
Institut "Tempo reale" in Florenz. 1993 wurde er mit den renommierten Poetik-Vorlesungen an der Havard
University betraut. 1989 erhielt er den Siemens-Musikpreis.»
Die im Deutschen Rundfunkarchiv (DRA) vorhandenen Aufnahmen von Luciano Berio sind in einer PDF-Datei
[http://www.dra.de/pdf/berio.pdf]
(4 Seiten) zusammengestellt. Für journalistische, wissenschaftliche und kulturelle Zwecke können hiervon
Umschnitte im DRA bestellt werden.
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