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Kurznachrichten   [ Allg. Nachrichten ] [Nachrichtendienste ] [ Ticker ] +++ Mo.02.06.03, 12:45 Irak am fünfundsiebzigsten Tag nach Kriegsbeginn
USA geben Plan von irakischem Nationalkongress auf +++
Bislang keine Privatwaffen in Irak abgegeben +++
Flugzeuge der US-geführten Streitkräfte in Irak beschossen +++
Lebensmittelhilfe für Irak angelaufen +++
Weiter Debatte um Verbleib irakischer ABC-Waffen +++
US-Senator will US-Daten über Iraks Waffen untersuchen lassen +++
Wieczorek-Zeul: USA haben die Welt bei Irak getäuscht +++
Mo.02.06.03 - Die US-Zivilverwaltung in Irak hat ihren Plan der Einberufung eines
Nationalkongresses aufgegeben. Stattdessen solle in den kommenden sechs
Wochen ein politischer Rat gebildet werden, der der künftigen irakischen
Übergangsregierung vorstehen solle, teilten ranghohe US-Vertreter am
Sonntag in Bagdad mit. Das 25- bis 30-köpfige Gremium solle vor allem die
Besatzungsmächte in politischen und wirtschaftlichen Fragen beraten. Zudem
solle der Rat Berater für sämtliche neuen irakischen Ministerien benennen und
eine neue Verfassung ausformulieren, über die schließlich vom Volk abgestimmt
werden solle. Der Rat vertrete das irakische Volk gegenüber der Zivilverwaltung
der Alliierten, sagte ein US-Vertreter.
Die Iraker sind der Anordnung der USA, ihre Waffen aus Privatbesitz
den alliierten Soldaten zu übergeben, zunächst nicht gefolgt. An keinem der
von ihnen besuchten eingerichteten Sammelstellen seien bis Sonntagnachmittag
Waffen abgegeben worden, berichteten Reporter der Nachrichtenagentur AFP.
"Da werden wenige kommen, weil es der erste Tag ist", sagte ein US-Soldat im
Polizeirevier El Masbah im Zentrum der Hauptstadt Bagdad. Bislang hätten nur
vier Iraker an seinem Posten um einen Waffenschein für ihre leichten Waffen
gebeten, sagte der Soldat. Abgegeben worden sei bislang nichts.
Flugzeuge der US-geführten Streitkräfte in Irak werden nach
Angaben der Alliierten regelmäßig beschossen. Viele Flugzeuge mit
humanitären Hilfsgütern würden bei der Landung vor allem in Bagdad,
Mossul und Tikrit angegriffen, berichtete der Radiosender der Koalition
am Sonntag. Die Angreifer seien Mitglieder der entmachteten Regierung,
die den Wiederaufbau des Landes behindern wollten. Der internationale
Flughafen von Bagdad bleibe wegen der großen Gefahr für kommerzielle
Flüge so lange geschlossen, bis die Schüsse aufhörten, berichtete der
Sender. Die Bürger wurden aufgerufen, Informationen über die Angreifer
weiterzugeben.
In Irak ist ein umfangreiches Hilfsprogramm zur
Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung angelaufen. Es
basiert auf dem bisherigen UN-Programm "Öl für Lebensmittel",
wird aber jetzt von den Besatzungstruppen verwaltet. Rund 45.000
Verteilungsbeauftragte nahmen am Sonntag die ihren jeweiligen
Regionen zugeteilten Monatsrationen entgegen. Von heute
(Montag) an sollen dann alle Iraker mit Grundnahrungsmitteln wie
Mehl, Reis, Linsen, Zucker, Salz, Tee, Milchpulver und Speiseöl
versorgt werden.
Das Weltkinderhilfswerk Unicef verteilte unterdessen Versorgungsgüter
für rund 6.000 Schulkinder in armen Gegenden Iraks. Damit soll die
Wiederaufnahme des Unterrichts erreicht werden, der zu Beginn des
Golfkriegs eingestellt worden war. Einem Unicef-Sprecher zufolge haben
viele Eltern aus Furcht vor den Gewalttaten in der Nachkriegszeit ihre Kinder
noch nicht wieder zur Schule geschickt.
Die Debatte um den Verbleib irakischer Massenvernichtungswaffen
setzt sich in den Staaten der Krieg führenden Koalition fort. Der
australische Verteidigungsminister Robert Hill räumte mögliche
Fehler in Geheimdienstinformationen über angebliche irakische
Massenvernichtungswaffen ein. Mehrere US-Senatoren schlugen
die Eröffnung einer parlamentarischen Untersuchung vor, um den
Umgang der US-Nachrichtendienste mit Irak betreffenden Informationen
zu prüfen. Der demokratische US-Senator Bob Graham sagte, sollten keine
Massenvernichtungswaffen in Irak gefunden werden, stelle dies ein
"schweres Scheitern" der Geheimdienste dar.
Wenn es "Fehler" in der Interpretation von nachrichtendienstlichem
Material gegeben habe, solle die Regierung dies zugeben, sagte Hill
der Zeitung "The Sydney Morning Herald". Aus Sicht der Erkenntnisse
vor dem Irak-Krieg sei die Entscheidung zum Waffengang aber richtig
gewesen. Der australische Außenminister Alexander Downer sagte
dagegen in einem Rundfunkinterview, die Regierung sei "glücklich"
mit der Arbeit der Geheimdienste.
Der republikanische Senator John McCain sagte dem US-Fernsehsender
ABC, zur Untersuchung der Vorgänge könne ein überparteilicher
Kongressausschuss eingerichtet werden, der sich mit auf Irak beziehenden
Geheimdienstinformationen auseinandersetze.
Senator Graham sagte im US-Fernsehsender CNN, falls keine irakischen
Massenvernichtungswaffen gefunden würden, sei es auch denkbar, dass
Informationen der Nachrichtendienste manipuliert worden seien, um das
amerikanische Volk zu täuschen. Das Ausbleiben von ABC-Waffenfunden
würde zu einem Vertrauensverlust der USA in der internationalen Gemeinschaft
führen.
Das US-Nachrichtenmagazin "Time" berichtet, das Verteidigungsministerium
habe bei seinen Erkenntnissen über irakische Massenvernichtungswaffen auf
Rohdaten des US-Geheimdienstes CIA zurückgegriffen, diese jedoch übertrieben
interpretiert. Pentagon-Chef Donald Rumsfeld habe das Geheimdienstmaterial über
Irak "in fast krankhafter Weise stark verzerrt", sagte ein Nachrichtenoffizier der
US-Armee dem Magazin.
Rumsfelds Stellvertreter Paul Wolfowitz hatte in einem Interview mit dem Magazin
"Vanity Fair" eingeräumt, dass mögliche irakische ABC-Waffen nicht der Hauptgrund
der USA für den Krieg waren. Die US-Regierung hatte ihren Feldzug gegen Irak vor
allem mit der unmittelbaren Gefahr eines Einsatzes von Massenvernichtungswaffen
durch Bagdad begründet.
Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD)
hat den USA vorgeworfen, in Zusammenhang mit dem Irak-Krieg
"die Welt getäuscht" zu haben. "Es ging ums Öl, es ging nicht um
Massenvernichtungswaffen", sagte die Bundesministerin am Sonntag
auf dem SPD-Sonderparteitag in Berlin. (Quellen: afp, ap, rtr)
Blick ins Archiv:
«Politische Beobachter, Fernsehgelehrte und Akademiker auf beiden
Seiten des Atlantiks haben die vergangenen zwei Monaten damit
verbracht, zu erklären, wie die Irakdebatte das transatlantische
Klima derart verschlechtern konnte. Oberflächlich betrachtet
scheint der Sturm hinter uns zu liegen. Seit die militärischen
Auseinandersetzungen im Irak zu Ende sind, bemühen sich beide
Seiten, die Scherben zusammenzusuchen. Staatsoberhäupter
telefonieren, transatlantische Besuche werden geplant, und sowohl
europäische als auch amerikanische Thinktanks laden zu einer
Fülle von Veranstaltungen ein, die vom Wert der transatlantischen
Beziehungen künden. Eine genauere Untersuchung der Rhetorik
jedoch zeigt, dass bereits die Bühne für das nächste Unwetter
bereitet wird - und zwar auf beiden Seiten des Atlantiks.
» (taz vom 02.06.03)
Mehr unter:
«Seit dem Irak-Krieg muss bekanntlich Carl Schmitts Kernaussage neu formuliert werden: Der Freund ist die Frage
unser eigenen Gestalt. Die Bemühungen um eine europäische Verfassung, die eine politisch handlungsfähige
transnationale Gemeinschaft projektieren soll, stehen im Zeichen der beispiellosen Zerwürfnisse der USA mit den
europäischen Freunden. Wer heute von europäischer Zukunft spricht, kommt nicht umhin, das Selbstverständnis
Europas zu Bushs Amerika hegemonialer Prägung zu bestimmen.
Nun schalten sich erneut Meisterdenker verschiedener Gewichtsklassen in diesen offenen Streit ein, der durch Bushs
unerwartetes Händeschütteln mit Bundeskanzler Gerhard Schröder längst nicht beigelegt ist.
Das diskursive Aufschlagspiel für ein zukunftstaugliches Europa haben Jürgen Habermas und Jacques Derrida am Wochenende
in der FAZ, Richard Rorty in der SZ begonnen. Weitere Meisterreflexionen über die Zukunft Europas sind angekündigt.
Habermas trommelt bereits seit einiger Zeit für eine europäische Verfassung, die vom besseren
Erbteil der Aufklärung zehrt und die Tugenden des herrschaftsfreien Gesprächs zum transnationalen Selbstverständnis
europäischer Völker macht...» (telepolis vom 02.06.03)
Mehr unter:
G-8-Gipfel beginnt in Evian in der Hoffnung auf Versöhnung
Mo.02.06.03 - Begleitet von massiven Protesten hat im französischen Evian der erste G-8-Gipfel
seit der Irak-Krise begonnen. Abgeschirmt von 24.000 Sicherheitskräften berieten
die sieben wichtigsten Industriestaaten und Russland am Sonntag zunächst mit
Entwicklungsländern über den Kampf gegen Aids und den Abbau von Handelsschranken.
Nach dem Zerwürfnis der Weltgemeinschaft in der Irak-Krise soll der G-8-Gipfel
ein Signal der Einigkeit und des Vertrauens aussenden. Die Kriegsgegner
Frankreich, Deutschland und Russland zeigten bereits vor der dreitägigen
Konferenz ebenso wie die USA ihre Bereitschaft, den Konflikt hinter sich zu lassen.
Erstmals nach dem Golfkrieg setzte sich US-Präsident George W. Bush am Abend
mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac und Bundeskanzler Gerhard
Schröder an einem Tisch. Nach einer kurzen Begrüßung überreichte Bush Chirac
ein Geschenk und klopfte ihm beim Posieren fürs Familienfoto freundschaftlich
auf die Schulter. Am Montag kommen Bush und Chirac zum ersten längeren
Gespräch seit Monaten zusammen.
Ein bilaterales Treffen Schröders mit dem US-Präsidenten ist dagegen nicht geplant.
Die beiden hatten aber am Samstagabend bei der 300-Jahr-Feier St. Petersburgs nach
einem halben Jahr Funkstille wieder kurz miteinander gesprochen. Der russische Präsident
Wladimir Putin traf sich unmittelbar in St. Petersburg mit Bush und zeigte sich mit ihm in
wichtigen Fragen der Weltpolitik einig.
Während der Kampf gegen den Terrorismus und die schlechte Lage der Weltwirtschaft
im Mittelpunkt der Beratungen am Montag stehen dürften, setzte Gastgeber Chirac zum
Auftakt des Gipfels ein Zeichen der Öffnung der G-8, die sich nicht als "Vorstand der Welt"
verstehen dürfe. Am ersten Tag nahmen 20 Staats- und Regierungschefs an der Konferenz teil,
die zusammen knapp 80 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren. Dies sei eine "gute Formel",
sagte Chirac. Die weiteren Beratungen der G-8 würden davon profitieren.
UN-Generalsekretär Kofi Annan erinnerte die Industriestaaten an ihre hochgesteckten Ziele im
Kampf gegen weltweite Armut und Aids. Trotz Fortschritten seien die jährlich erforderlichen
zusätzlichen 50 Milliarden Dollar noch bei weitem nicht zusammen. Am Abend beriet die
G-8-Gruppe mit fünf afrikanischen Staatschefs über die Fortschritte, die seit zwei Jahren mit der
Neuen Partnerschaft für Afrikas Entwicklung (NEPAD) erzielt wurden. (Quelle: dpa)
Aufhebung von Agrar-Handelsbarrieren verlangt
Mo.02.06.03 - Handelsschranken für Agrarprodukte aus Entwicklungsstaaten sind nach
Einschätzung des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki eines der
größten Hindernisse, um Millionen Menschen aus der Armut zu befreien.
Jede Entwicklungshilfe der reichen Länder sei "sinnlos", wenn arme Staaten
ihre landwirtschaftlichen Produkte nicht frei exportieren könnten, sagte Mbeki
vor dem G-8-Gipfel im französischen Evian. Die G-8-Staaten müssten Barrieren
abbauen.
Die Agrarfrage
ist einer der Hauptstreitpunkte in der neuen Welthandelsrunde. Mbeki forderte
eine "starke Verpflichtung" der G-8-Staaten, die derzeitige Blockade bis zur Konferenz
der Welthandelsorganisation (WTO) im September zu überwinden.
Die Weltbank schätzt, dass Exportbeihilfen von Regierungen in Industriestaaten an
ihre eigenen Landwirte pro Jahr 350 Milliarden Dollar (296 Milliarden Euro) erreichen.
Dies führt nach Meinung von Experten zu einem Preisverfall auf dem Weltmarkt und
macht arme Länder dort nicht konkurrenzfähig. (Quelle: afp)
Bush will Antiterrorkampf in Evian zum zentralen Thema machen
Mo.02.06.03 - US-Präsident George W. Bush will die Terrorbedrohung beim
G 8-Gipfel im französischen Evian zum zentralen Thema machen. Dabei wollten
die USA eine Reihe von Initiativen zum Kampf gegen den Terror ankündigen,
verlautete aus amerikanischen Delegationskreisen. Zum eigentlichen Thema der
Beratungen, der desolaten Weltwirtschaft, wollen sich die USA nach diesen
Angaben zurückhalten. (Quelle: dpa)
G8-Gipfel - Entwicklungshilfepolitik in der Kritik
Mo.02.06.03 - Nach einem Gespräch der G-8-Staats- und Regierungschefs am ersten
Gipfeltag mit den Präsidenten von zwölf Entwicklungs- und Schwellenländern
sowie den Chefs führender internationaler Organisationen, darunter
UNO-Generalsekretär Kofi Annan, wurde Kritik an der Politik der Industrieländer
gegenüber den Entwicklungsländern laut. Annan drängte die Industrieländer,
mehr in Sachen Entschuldung und Abbau von Handelsschranken zu Gunsten
der Entwicklungsländer zu tun. Er forderte, die Industrieländer sollten ihre
Entwicklungshilfe für die armen Staaten um 80 Prozent auf 100 Milliarden
Dollar im Jahr erhöhen. Immer mehr Menschen in der Welt lebten in Armut.
Prodi und der Präsident des EU-Ministerrates, Griechenlands Ministerpräsident
Kostas Simitis, nannten die Entwicklungshilfeleistungen der reichen Länder
unzureichend. "Das (die Entwicklungshilfe) bewegt sich völlig außerhalb der
Realität", kritisierte Prodi. Er wies auf die hohe Bedeutung vieler Länder außerhalb
der G-8 für die Weltwirtschaft hin. Ohne die hohen Wachstumsraten von Ländern wie
China, Indien oder anderen wäre das ohnehin bescheidene Weltwirtschaftswachstum
noch geringer.
Prodi kündigte eine Erhöhung der Zahlungen der Europäer für eine Reihe von Hilfsfonds
an, von denen vor allem die ärmeren Länder profitieren sollen. So werde Europa seine
Hilfen für einen Fonds zur Bekämpfung von AIDS aufstocken und zwar so, dass er sich
mit den US-Anstrengungen messen könne. Chirac begrüßte die US-Ankündigung, 15
Milliarden Dollar über mehrere Jahre zur AIDS-Bekämpfung zur Verfügung zu stellen.
Für den AIDS-Hilfsfonds bedeute das eine Milliarde Dollar im Jahr. Der hohe Rang des
Themas Armutsbekämpfung in Evian geht auf Chiracs Initiative zurück. Am späten
Abend sollten die G-8-Staats- und Regierungschefs mit fünf afrikanischen Präsidenten
über den Stand ihres Afrika-Aktionsplanes sprechen, den sie bei ihrem letzten Gipfel in
Kanada verabschiedet hatten. (Quelle: rtr)
Zehntausende demonstrieren gegen G-8-Gipfel in Evian
Mo.02.06.03 - Zehntausende Globalisierungsgegner haben am
Sonntag gegen den G-8-Gipfel in Evian mobil gemacht. Zwei große
Protestmärsche aus Genf und der französischen Stadt Annemasse
schlossen sich an der Grenze zusammen. Die Organisatoren sprachen
von 120.000 Teilnehmern, die Polizei meldete 50.000. In mehreren Orten
kam es zu Ausschreitungen militanter Demonstranten.
Bei einer Protestaktion in der Schweiz wurde ein 39-Jähriger aus London
schwer verletzt: Ein Polizist kappte das Seil, mit dem er sich von einer
Autobahnbrücke bei Aubonne abseilen wollte. Der Mann stürzte 20 Meter
tief in einen Fluss und erlitt mehrere Knochenbrüche. Der Beamte, der das
Seil durchtrennte, war sich nach amtlichen Angaben nicht bewusst, dass
ein Mensch daran hing. Die Polizei meldete zehn weitere verletzte Demonstranten
bei anderen Zwischenfällen. Auch ein Beamter sei verletzt worden.
Sowohl aus Genf als auch aus dem rund zehn Kilometer entfernten Annemasse
zogen Gipfelkritiker friedlich zur französisch-schweizerischen Grenze zwischen
den beiden Städten. "Erlasst die Schulden" oder "Gegen einen endlosen Krieg:
endloser Widerstand" war auf ihren Transparenten zu lesen. Die beiden
Protestzüge marschierten geschlossen zurück nach Frankreich.
Zuvor war es zu teils massiven Ausschreitungen und Plünderungen gekommen.
In Annemasse blockierten rund 1.500 Demonstranten die Hauptstraße zum
Konferenzort Evian mit einer brennenden Barrikade. Vermummte bewarfen die
Sicherheitskräfte mit Steinen, die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein.
In Genf protestierten in der Nacht rund 300 Jugendliche gewaltsam gegen den
Gipfel. Sie zogen in kleinen Gruppen durch die Innenstadt, zerstörten Schaufenster,
setzten Barrikaden in Brand und warfen Molotow-Cocktails. Holzbarrikaden, mit
denen sich Banken vor Randalierern schützen wollten, wurden in Brand gesetzt,
ebenso ein Auto. Unter Polizeischutz bekämpfte die Feuerwehr die Brandherde.
"Sie operieren in kleinen Gruppen, was es schwer macht, sie unter Kontrolle zu
bringen", sagte ein Polizeisprecher.
Später blockierten tausende Demonstranten mehrere Rhone-Brücken, darunter
auch die zentrale Mont-Blanc-Brücke. Mit brennenden Barrikaden versuchten sie,
den Verkehr zum französischen Ufer des Genfer Sees und damit auch nach Evian zu
stoppen.
In Lausanne stürmte eine Gruppe Demonstranten eine Tankstelle und verteilte
geplünderte Zigaretten und Süßigkeiten an Passanten. Andere Gruppen zerstörten
Telefonzellen und rissen Straßenschilder ab. Die Polizei feuerte Gummigeschosse
in die Luft ab und setzte Tränengas ein.
Der überwiegende Teil von etwa 2.000 Menschen in Lausanne demonstrierte friedlich.
Ihr Zorn richtete sich vor allem gegen US-Präsident George W. Bush und den britischen
Premierminister Tony Blair. Die Autobahn zwischen Lausanne und Genf musste wegen
Blockadeaktionen zeitweise gesperrt werden.
Die Polizeipräsenz in Genf wurde am Sonntag weiter verstärkt. Auch ein Teil der zum
Schutz des Flughafens in Genf-Cointrin abgestellten deutschen Polizisten sollten ihre
Schweizer Kollegen im Stadtzentrum unterstützen, wie Polizeidirektorin Micheline
Spoerri mitteilte. Insgesamt haben Frankreich und die Schweiz rund 24.000 Soldaten
und Polizisten für den G-8-Gipfel mobilisiert. (Quelle: ap)
«Sturm gegen Gipfel»
Über 200000 demonstrierten in Genf und Lausanne vor G-8-Treffen in Evian,
berichtet die "junge Welt" in ihrer heutigen Ausgabe ( 02.06.03). Mehr unter:
«Die Antiglobalisierungsbewegung meldet sich zurück»
"Doch über die Ablehnung des G8-Gipfels hinaus gibt es wenig Gemeinsamkeiten",
gibt das Netz-Magazin "telepolis" zu bedenken. Mehr unter:
«Gemeinsam nur aufs Klo», titelt die "taz" ihren Bericht über
die Demonstrationen während des G-8-Gipfels.
"In Genf ballte sich am Sonntag der Protest gegen den
G-8-Gipfel. Hier wurde auch deutlich, wie gespalten die
Bewegung ist: Junge Radikale werfen Fensterscheiben ein,
während die Gemäßigten gewaltfrei über eine bessere Welt
diskutieren wollen. Die Staatschefs in Evian merken davon
nichts", schreibt die "taz" (02.06.03)
"So schnell wurde eine Demoparole noch selten Realität.
Die Teilnehmerangaben schwanken zwischen 20.000 aus dem Polizeibericht und 200.000 nach Angaben der
Protestorganisatoren. Die ausgelassene Stimmung auf der Demonstration wurde durch hochsommerliches Wetter und das fast
völlige Fehlen der Polizei begünstigt. Doch diese Happening-Athmosphäre galt nicht für alle Protestorte.", berichtet
"telepolis" (02.06.03). Mehr unter:
«Mobilisierung gegen den G-8-Gipfel in Evian»
Die G-8 wird vom 1. bis 3. Juni in Evian am Genfer See zusammenkommen.
Aus diesem Anlaß und vor dem Hintergrund des Krieges im Irak, der
angloamerikanischen Besetzung des Landes und der Fortsetzung der neoliberalen
Politik veranstalten Globalisierungs-Kritiker einen "G-8-Gegengipfel"
mit zahlreichen Debatten, Konferenzen und Protestaktionen.
Mehr unter:
Offizielle Homepage des G-8-Treffens 2003 in Evian:
Alternative Berichterstattung über den G-8-Gipfel:
Bush lehnt Vorschlag Nordkoreas zur Lösung des Atomstreits ab
Mo.02.06.03 - Am Rande des G-8-Gipfels hat der amerikanische Präsident
George W. Bush einen Vorschlag Nordkoreas zur Beilegung des Atom-Streits
beider Länder abgelehnt. Aus amerikanischen Delegationskreisen verlautete,
der chinesische Präsident Hu Jintao habe Bush den Vorschlag überbracht.
Nordkorea sei danach zu einem multinationalen Dialog über sein Atomprogramm
bereit, wenn es auch direkte Gespräche mit den USA führen könne.
Die amerikanische Regierung besteht darauf, dass an den Gesprächen mit
Nordkorea auch China, Japan und Südkorea beteiligt werden müssen. An
dieser Haltung habe sich nichts geändert, sagte Bush vor Journalisten in
Evian. Genau wie die Vereinigten Staaten hatte auch China Nordkorea aufgefordert,
sein Atomprogramm einzustellen. Es war das ersten Treffen von Bush und Hu, seit
der chinesische Präsident sein Amt antrat.
(Quelle: ap)
Fast 900 Tote durch Hitzewelle in Südindien
Mo.02.06.03 - Fast 900 Menschen sind in den vergangenen zwei Wochen einer
Hitzwelle in Südindien zum Opfer gefallen. 884 Tote seien bislang
registriert worden, teilten die Behörden im Bundesstaat Andhra
Pradesh mit. Vermutlich würden die Opferzahlen noch steigen, weil
ein Ende der Hitze nicht in Sicht sei. Die Temperaturen stiegen auf
bis zu fünfzig Grad Celcius. Die meisten Opfer sind mittellose Tagelöhner,
die es sich nicht leisten können, die dringenden Aufrufe der Behörden
zu befolgen, tagsüber zuhause im Schatten zu bleiben.
Die Temperaturen in der Region liegen seit Wochen um fünf bis sieben
Grad über dem Durchschnitt der Jahreszeit. Im benachbarten Bangladesch
starben in der vergangenen Woche 42 Menschen, auch in Pakistan wurden
dutzende Tote gemeldet.
(Quelle: afp)
Amnestie für Kurden in der Türkei gefordert
Mo.02.06.03 - Rund 100 junge Kurden sind am Sonntag durch
Istanbul gezogen und haben eine Amnestie für kurdische Rebellen
gefordert. Die Polizei setzte Tränengas und Hunde ein, um die
Menge zu zerstreuen, wie die Nachrichtenagentur Anatolia berichtete.
Über Festnahmen lagen zunächst keine Angaben vor. Die Demonstration
wurde von der Jugendsektion der prokurdischen Demokratischen
Volkspartei (DEHAP) organisiert. Die Staatsanwaltschaft strebt ein
Verbot dieser Partei an, der Verbindungen zu kurdischen Separatisten
vorgeworfen werden. Ihre Vorgängerin, die Demokratische Partei des
Volkes, wurde im April vom Obersten Gericht bereits verboten. Die
kurdischen Rebellen im Südosten der Türkei haben 1999 einen
Waffenstillstand verkündet. Die Regierung in Ankara hat diesen
jedoch niemals akzeptiert, sondern darauf bestanden, dass die Rebellen
sich vollständig ergeben müssten. (Quelle: ap)
SPD plädiert klar für Agenda 2010
Mo.02.06.03 - Die SPD ist zu tiefen Einschnitten ins soziale Netz bereit.
Mit überraschend klarer Mehrheit folgte die Basis am Sonntag in
Berlin dem Reformkonzept von Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Nach heftigem Streit votierten etwa 90 Prozent der Delegierten eines
Sonderparteitages für die Agenda 2010. Sämtliche Forderungen der
Linken, die Sozialkürzungen abzumildern, wurden zurückgewiesen.
Die Neubelebung der Vermögensteuer bleibt allerdings gegen den
Willen Schröders eine Option.
"Ich bin froh und glücklich", sagte Schröder nach der Abstimmung.
Ein solches Maß an Unterstützung habe er "weder erwartet noch
erhofft. Der SPD-Vorsitzende sprach sogar von einem "historischen
Einschnitt" für seine Partei. Die Agenda markiere eine "wirkliche
politische Zäsur".
Der Abstimmung ging ein kämpferischer Appell Schröders an die Basis
voraus, seine Pläne mitzutragen. Es gehe nicht um einen Abschied von
sozialdemokratischen Werten, sondern um die Modernisierung
Deutschlands, betonte Schröder. "Das Signal, das wir die Kraft dazu
haben, muss von diesem Parteitag ausgehen."
Schröder, der das Votum der Delegierten mit dem Verbleib im Kanzleramt
verknüpft hatte, machte in seinem Schlusswort klar, dass er nicht ans
Aufhören denke. Er rief die SPD auf, die Agenda im Interesse künftiger
Generationen rasch umzusetzen. Nur wenn das "hohe Maß an Geschlossenheit"
bewahrt werde, könne die SPD Vertrauen in der Bevölkerung zurückgewinnen.
In seiner Parteitagsrede hatte Schröder auf eine neuerliche Rücktrittsdrohung
verzichtet. Ihm gelang es, die Basis in allen Kampfabstimmungen auf seine Seite
zu ziehen. Beim Krankengeld müssen sich die Arbeitnehmer künftig allein absichern:
der Arbeitgeberanteil entfällt, was die Linken als "pure Lohnminderung" kritisierten.
Die Übergangslösung beim Arbeitslosengeld für über 55-Jährige wird nicht erweitert.
Der Kündigungsschutz wird gelockert.
Die Linken kritisierten die Agenda erneut als sozial ungerecht. Im Streit um die
Wiedereinführung der Vermögensteuer gelang ihnen ein Teilerfolg. Sie setzten
durch, dass die SPD bis zum regulären Parteitag im Herbst darüber diskutieren
soll, wie die Vermögens- und Erbschaftsbesteuerung weiter zu entwickeln sei,
"um eine angemessene Belastung von großen Vermögensbesitzern zu erreichen".
Allerdings lehnte es der Parteitag ab, die Forderung in die Agenda aufzunehmen.
SPD-Fraktionschef Franz Müntefering zeigte sich zuversichtlich, die Agenda nun
auch durch den Bundestag zu bringen. Zwölf SPD-Abgeordnete erwägen, sie dort
abzulehnen. Nach Worten Schröders muss die SPD von manchem Abschied nehmen,
"was uns lieb, leider manchmal auch zu teuer geworden ist". Der interne Streit dürfe in
der Öffentlichkeit nicht als Zerrissenheit und Handlungsunfähigkeit wahrgenommen
werden.
Trotz des klaren Votums der SPD-Basis bezweifelte die Opposition den Reformwillen der
SPD. Union und FDP betonten, Schröder habe die SPD nur mittels Rücktrittsdrohungen
hinter sich gebracht. Sie zeigten sich aber bereit, mit Schröder zu kooperieren. DGB-Chef
Michael Sommer brandmarkte die Agenda als sozialen Kahlschlag. (Quelle: ap)
«Gerhard Schröder hat eine Hürde genommen - den Hindernislauf hat er noch nicht bewältigt»
Mehr unter:
Wirtschaftsforscher Hickel: «Agenda 2010 überlebt nicht das Jahr 2003»
Mo.02.06.03 - Die Reform-"Agenda 2010" der SPD wird nach Einschätzung
des Bremer Ökonomen Rudolf Hickel "das Jahr 2003 nicht überleben".
Statt eine expansive Politik zu betreiben, werde die Wirtschaftskrise verschärft,
sagte Hickel am Sonntag in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa..
"Bleibt es bei diesem Kurs, wird - einem Erosionsprozess vergleichbar - eine
Runde des Sozialabbaus der anderen folgen." Hickel, Direktor des Instituts
Arbeit und Wirtschaft, ist einer der führenden Köpfe der alternativen
Wirtschaftsprofessoren, die im Gegensatz zu der auf Unternehmens-Entlastung
setzenden herrschenden Ökonomie die Massenkaufkraft der Arbeitnehmer stärken will.
Hickel bestreitet, dass die mit der Agenda von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD)
angestrebten Ziele, mehr Wirtschaftswachstum und wesentlicher Abbau der Arbeitslosigkeit
erreicht werden können. "Im Gegenteil: Die wirtschaftliche Wachstumskrise wird vertieft
werden." Die Agenda verkenne die Ursachen der Krise - nämlich eine "hartnäckige Stagnation
mit der Gefahr eines Abkippens in die Rezession", meinte Hickel. "Die Tendenz zur Deflation -
Verfall der Preise auf breiter Front und sinkende Nachfrage - verschärft die Gefahr einer
Abwärtsspirale mit massiv steigender Arbeitslosigkeit."
Eine unzureichende Gesamt-Nachfrage durch schwache Exporte und Binnennachfrage
schaffe die Löcher im Staatshaushalt und in den sozialen Sicherungssystemen, betonte der
Wissenschaftler. In dieser Lage produziere die Agenda neue Wachstumsschwäche und
Finanzlöcher. Da die Bezieher sozialer Leistungen einen vergleichsweise hohen Konsumanteil
hätten, bedeuteten die Kürzungen hier einen direkten Entzug an kaufkräftiger Nachfrage.
"Die beschlossene Agenda muss als Problemlöser versagen", sagte Hickel. Nötig sei ein
Richtungswechsel, der Geld- und Finanzpolitik auf die Stärkung der Wirtschaftskräfte ausrichte.
(Quelle: dpa)
Streikbeginn im Streit um 35-Stunden-Woche im Osten
Mo.02.06.03 - Im Streit um die Einführung der 35-Stunden-Woche
in Ostdeutschland hat die IG Metall den Arbeitskampf begonnen. Nach 120
Beschäftigten der Nachtschicht der Volkswagen-Motorenfertigung Chemnitz
legten am frühen Morgen auch 3.200 Beschäftigte der EKO Stahl GmbH in
Eisenhüttenstadt ihre Arbeit nieder, wie die IG Metall mitteilte. Der Zweite
Vorsitzende der Gewerkschaft, Jürgen Peters, forderte die Arbeitgeber in
Eisenhüttenstadt auf, endlich in zielgerichtete Verhandlungen einzutreten.
Weitere Unternehmen, unter anderem in Zwickau und Eisenhüttenstadt sollten
folgen. Insgesamt sind ab (dem heutigen) Montag rund 12.300 Gewerkschafter in
15 Betrieben der sächsischen Metall- und Elektroindustrie und der ostdeutschen
Stahlindustrie zum Streik aufgerufen. Peters erklärte laut vorab veröffentlichtem
Redetext, die Einführung der 35-Stunden-Woche sei ein Frage der sozialen
Gerechtigkeit und bot erneut an, die Arbeitszeitverkürzung auch schrittweise
einzuführen. Gewerkschaftschef Klaus Zwickel spricht auf einer Protestkundgebung
in Zwickau (07.30 Uhr).
Gesamtmetall-Chef Martin Kannegießer hatte am Wochenende vor dem Verlust von
20.000 Arbeitsplätzen gewarnt, die Gewerkschaft wies dies als Panikmache zurück. Die
IG Metall hat eine Ausweitung des Arbeitskampfs für den Fall angedroht, dass die
Arbeitgeber nicht einlenken sollten. In der Metall- und Elektrobranche Brandenburgs
soll kommende Woche die Urabstimmung beginnen. Die IG Metall fordert für die insgesamt
rund 310.000 ostdeutschen Beschäftigten die schrittweise Absenkung der derzeitigen
Arbeitszeit von 38 Stunden auf das Westniveau von 35 Stunden. (Quelle: ap)
Beschäftigte per SMS und E-Mail gekündigt
Mo.02.06.03 - Das Unternehmen Accident Group hat laut britischen Medien 2500 Beschäftigte per SMS
und E-Mail über ihre Kündigung informiert. In der Kurznachricht wurden die Betroffenen aufgefordert,
eine Telefonnummer anzurufen, unter der wiederum eine Bandansage lief. Über
diese erfuhren die Mitarbeiter des auf Schadensersatzklagen spezialisierten Unternehmens nun, dass
alle weiterbeschäftigten Personen kontaktiert würden -- wer keinen persönlichen Anruf erhalte, dürfe sich
daher als mit sofortiger Wirkung gekündigt betrachten. Damit nicht genug, teilte man auf diesem Wege
gleich noch mit, dass die Löhne für Mai nicht gezahlt werden könnten und sie Büroschlüssel und
Firmenwagen zur Abgabe bereithalten sollten.
Die aufgebrachten Ex-Mitarbeiter gingen auf letztere
Forderung jedoch nicht ein, sondern plünderten nach einem Bericht der britischen Tageszeitung The
Times die Büros des Unternehmens in Manchester, Birmingham und Liverpool. Unter anderem nahmen
sie Computer, Fotokopierer und sogar Kaffemaschinen als Lohnersatz mit. Unternehmenssprecher
verteidigten die Vorgehensweise gegenüber der britischen Presse damit, dass sich die Ereignisse
überschlagen hätten, weshalb die Zeit für persönliche Gespräche nicht gereicht hätte. Die Accident
Group hatte sich bereits zurvor einen zweifelhaften Ruf in den britischen Medien erworben: Mitarbeiter
sollen Krankenwagen an Unfallorte gefolgt sein, um die Beteiligten über etwaige
Schadensersatzansprüche "aufzuklären". (Quelle: info.partisan.net)
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