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+++ Di.15.07.03,
12:45 Nachrichten-Archiv Aktuelle
Nachrichten
Irak am hundertundachzehnten Tag nach Kriegsbeginn
Weißes
Haus weist Täuschungsabsichten Bushs zu Irak zurück +++
US-Präsident verteidigt Geheimdienstinformationen als
«exzellent» +++ Großbritannien
hält an umstrittenem Geheimdienst-Dossier fest.
Britischer Außenminister Straw: Irak-Uran-Informationen stammten
von Auslandsgeheimdiensten +++ Paris regt
Wiederaufnahme der UN-Waffeninspektionen in Irak an +++
Zweifel an Authentizität einer El-Kaida-Terrordrohung gegen USA
+++ US-Armee nimmt bei Razzia mehr als 200 Iraker fest
+++ Indien weist US-Bitte um 20.000 Soldaten für
Irak-Truppe zurück +++ Lage in Irak zu unsicher
für Rückkehr von Flüchtlingen +++
Di.15.07.03 -
Trotz wachsender Kritik an der Verwendung fragwürdiger
Geheimdienstbeweise für angebliche irakische Waffenprogramme hat
US-Präsident George W. Bush seine Irak-Politik verteidigt. Wie zum
Zeitpunkt seiner Rede zur Nation im Januar sei er auch heute noch
"absolut" davon überzeugt, dass der ehemalige irakische Machthaber
Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen entwickeln ließ, sagte
Bush in Washington. Ein Sprecher des Präsidenten wies
Anschuldigungen zurück, Bush habe mit den Angaben über
angebliche Uran-Ankäufe Iraks in Afrika in seiner umstrittenen Rede
die Öffentlichkeit täuschen wollen.
Bush verteidigte auch die Arbeit seiner unter Beschuss geratenen
Geheimdienste: "Ich denke, dass die Geheimdienst-Informationen, die ich
erhalte, exzellent sind." Der US-Präsident hatte Irak in seiner
Rede zur Lage der Nation vorgeworfen, versucht zu haben, "bedeutende
Mengen Uran in Afrika zu erwerben". Nach dem Eingeständnis des
Weißen Hauses, dass es sich bei den von der britischen Regierung
übermittelten Angaben um eine Fehlinformation handelte, hatte der
Chef des US-Geheimdienstes CIA, George Tenet, die Verantwortung
dafür übernommen, Rücktrittsforderungen aber
zurückgewiesen. Bush sprach ihm sein Vertrauen aus, während
die Opposition der US-Regierung absichtliche Täuschung vorwarf.
Bushs Sprecher Ari Fleischer warnte davor, die Falschinformationen
über den angeblichen Uran-Kauf in Afrika überzubewerten: "Die
revisionistische Vorstellung", dass dies der Hauptgrund für den
Krieg und eine "grundlegende Untermauerung der Entscheidungen des
Präsidenten" gewesen sei, sei "ein Haufen Mist".
Unterdessen räumte nach dem Weißen Haus und dem CIA auch das
US-Außenministerium Fehler bei der Bewertung der Informationen
ein. Wenn er es noch einmal tun könnte, würde er die Angaben
anders präsentieren, sagte US-Außenamtssprecher Richard
Boucher.
UN-Generalsekretär Kofi Annan erklärte, für die
Vereinten Nationen habe bereits im März festgestanden, dass es sich
bei dem angeblichen Uran-Kauf um falsche Angaben handelte. Am 7.
März, zwei Wochen vor Beginn des Irak-Krieges, hatte der Direktor
der Atomenergiebehörde, Mohamed el Baradei, vor dem Sicherheitsrat
Berichte über ein Abkommen zwischen Irak und Niger zum Verkauf von
Uran zwischen 1999 und 2001 angezweifelt. Der UN-Sicherheitsrat habe die
Frage daraufhin fallen gelassen, sagte Annan.
Trotz Zweifeln aus den Vereinigten Staaten steht der britische
Außenminister Jack Straw zu einem umstrittenen
Geheimdienst-Dossier, nach dem Irak in Niger Uran kaufen wollte. Die
Aussagen des Dossiers würden von Beweisen gestützt, die in der
bisherigen Diskussion nicht genannt worden seien, sagte Straw.
Großbritannien könne den USA jedoch nicht mitteilen, woher
diese Beweise stammten, erklärte er dem Radiosender BBC Radio 4.
"Wir glauben an die Geheimdienstinformationen, die hinter den Aussagen
des September-Dossiers standen", sagte der Minister weiter. Im Umgang
mit ausländischen Geheimdiensten sei es jedoch die Regel, dass ihre
Informationen nicht an Dritte weitergegeben werden dürften.
Der australische Ministerpräsident John Howard geriet wegen der
Beteiligung am Irak-Krieg innerhalb seiner eigenen Partei in die Kritik.
Der ehemalige Regierungschef Malcolm Fraser erklärte am Montag in
der Zeitung "Sydney Morning Heral", die derzeitige Regierung unterhalte
zu enge Beziehungen zu den USA. Sie müsse sich dazu
äußern, warum falsche Angaben über angebliche
Uran-Käufe Iraks in Afrika zur Begründung des Krieges
herangezogen worden seien.
"Man könnte glauben, wir sind ein ganz und gar unterwürfiger
Verbündeter", schrieb Fraser in einem Kommentar der Zeitung. "Die
Australier sollten jetzt fragen, welche anderen Interessen wir im Zuge
der Unterstützung der derzeitigen amerikanischen Regierung
aufgeben." Fraser war von 1976 bis 1983 Ministerpräsident des
Landes. Er gehört wie Howard der Liberalen Partei an.
Das australische Außenministerium und zwei Geheimdienste hatten
in der vergangenen Woche eingeräumt, sie hätten von den
Zweifeln an den Angaben zu den Iran-Käufen gewusst, dies jedoch
nicht an die Regierung weitergegeben.
Die französische Verteidigungsministerin Michèle
Alliot-Marie hat eine Wiederaufnahme der UN-Waffeninspektionen in Irak
angeregt. Dies sei die beste Möglichkeit, um die "Zweifel"
über das Militärpotenzial Iraks zu beseitigen, sagte
Alliot-Marie am Montag dem Rundfunksender France Inter. Vorerst bleibe
festzuhalten, dass die gestürzte Regierung von Ex-Präsident
Saddam Hussein die im Lande vermuteten Massenvernichtungswaffen auch
während der "großen Schwierigkeiten" vor dem Fall von Bagdad
nicht eingesetzt habe, fügte die Ministerin hinzu. So könne
die Weltgemeinschaft weiter nicht wissen, ob es diese Waffen gebe.
An der Authentizität einer angeblich aus dem Umfeld der
Extremisten-Organisation El Kaida stammenden Terror-Drohung gegen die
USA sind am Montag Zweifel laut geworden.
Der Wortlaut der Bandaufzeichnung entspreche eher dem Stil, der in der
irakischen Baath-Partei üblich gewesen sei, sagte der
ägyptische Experte für islamische Extremisten-Gruppen, Dia
Raschwan, dem TV-Sender El Arabija. Ein Sprecher des
Bundesinnenministeriums schloss nicht aus, dass es sich bei der bislang
unbekannten Gruppe "Bewaffnete Islamische Bewegung für El Kaida -
Abteilung Falludscha", die angeblich hinter dem Aufruf zum Dschihad
(Heiligen Krieg) gegen die USA steht, um "Trittbrettfahrer" handeln
könnte. Der Sender El Arabija in Dubai hatte am Sonntag ein
Videoband ausgestrahlt, das angeblich von der bislang unbekannten
Organisation stammt.
Darin drohte eine künstlich verzerrte männliche Stimme den
USA mit einem Anschlag, schon in den nächsten Tagen, der den
Amerikanern "das Kreuz brechen" werde. Dazu wurde von dem Sender ein
Standbild gezeigt, auf dem ein weißbärtiger Mann mit einem
Turban zu sehen war.
Unklar war, ob sich die in der Aufzeichnung enthaltene Drohung gegen
die amerikanischen Soldaten im Irak oder gegen die USA im allgemeinen
richtete. Die US-Truppen wurden mit dem Hinweis, das "Ende Amerikas"
liege in den Händen des Islam, von dem Sprecher zum Verlassen des
Irak aufgefordert.
In der Band-Mitteilung hieß es, nicht die Anhänger des
gestürzten Präsidenten Saddam Hussein seien für die seit
Tagen anhaltenden Angriffe auf US-Soldaten im Irak verantwortlich,
sondern "unsere Brüder im Dschihad" (Heiliger Krieg), die
überall im Irak verteilt seien. Bei Anschlägen sind seit dem
offiziellen Ende der Kampfhandlungen am 1. Mai im Irak nach US-Angaben
mindestens 32 US-Soldaten getötet und Dutzende verletzt worden. Die
USA vermuten untergetauchte Saddam-Anhänger hinter den meisten
dieser Überfälle auf die Besatzungssoldaten.
Gott möge dem Chef der Extremisten-Organisation El Kaida, Osama
bin Laden, und dem untergetauchten geistlichen Führer der
afghanischen Taliban, Mullah Omar, "Erfolg" gewähren, hieß es
weiter auf dem Band. In den USA gelten die El Kaida und Bin Laden als
die Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 mit über
3000 Toten. Die Taliban hatten mit der Unterstützung Osama bin
Ladens das militärische Eingreifen der USA im Afghanistan-Konflikt
provoziert.
Experten zufolge fehlten in dieser Bandmitteilung bestimmte in
früheren, Bin Laden zugeschriebenen Video-Aufrufen
regelmäßig enthaltene Elemente wie zum Beispiel die
eingestreuten Koran- Zitate. Untypisch sei auch, dass der
abendländische Kalender noch vor dem islamischen in der Mitteilung
angeführt worden sei. Die Rhetorik ähnele dem Sprachgebrauch
der Baath-Partei Saddams, sagte der ägyptische Experte Raschwan. Er
vermute daher, das Band stamme von örtlichen irakischen Gruppen,
die die Ziele der El Kaida unterstützten. Dass El Kaida direkt
involviert sei, glaube er hingegen nicht.
Skeptisch zeigte sich auch die Bundesregierung in Berlin. Der
Bundesregierung lägen keine Erkenntnisse über die in dem
Tonband genannte Gruppe vor. In Berlin werde für Deutschland auch
keine erhöhte Gefahrenlage gesehen, erklärte der Sprecher auf
Anfrage.
Als Reaktion auf die anhaltenden Angriffe auf die Besatzungstruppen in
Irak hat die US-Armee mehr als 200 mutmaßliche Anhänger des
entmachteten Präsidenten Saddam Hussein festgenommen. Seit Beginn
der groß angelegten Militäraktion am Samstag seien 226
Verdächtige gefasst und etwa 800 Mörsergranaten beschlagnahmt
worden, teilte die Armee in Bagdad mit.
Bei der Großrazzia fanden die US-Soldaten nach
Militärangaben auch Sturmgewehre und Panzerabwehrraketen. Die Armee
wies Berichte zurück, nach denen bei den Razzien auch Zivilisten
getötet oder verletzt worden seien.
Indien hat die Bitte der USA um bis zu 20.000 Soldaten für eine
Friedenstruppe im Irak mit Hinweis auf ein fehlendes Mandat der
Vereinten Nationen (UNO) abgelehnt.
"Wenn es dazu ein ausdrückliches UNO-Mandat geben würde,
könnte die Regierung Indiens den Einsatz unserer Truppen im Irak
erwägen", sagte Außenminister Yashwant Sinha am Montag. Zuvor
war die Regierungskoalition von Ministerpräsident Atal Behari
Vajpayee bei dem Versuch gescheitert, im Lande eine Mehrheit für
einen Einsatz zu finden. Kritiker bemängelten, ohne ein UNO-Mandat
würden die indischen Soldaten Teil einer Besatzungsmacht werden.
Die USA hatten um eine Division - 15.000 bis 20.000 Soldaten - für
die Sicherung der Region um die nördliche Stadt Mosul gebeten.
Nach Ansicht des UN-Flüchtlingswerks (UNHCR) ist die Lage in Irak
für die Rückkehr der Flüchtlinge nicht sicher genug. "In
der zweiten Jahreshälfte sollte nur eine begrenzte
Rückführung stattfinden", sagte der UN-Hochkommissar für
Flüchtlinge, Ruud Lubbers, bei einer Konferenz von
Regierungsvertretern der Länder, die irakische Flüchtlinge
aufgenommen haben. Die Regierungen hätten seinen Rat befolgt und
geplante Rückführungen zunächst ausgesetzt, sagte Lubbers
am Montag in Genf.
Schätzungen zufolge flohen vier Millionen Iraker während der
Herrschaft von Saddam Hussein. Die meisten von ihnen leben dauerhaft im
Ausland. Etwa 260.000 Iraker suchen derzeit Asyl in Industriestaaten,
zumeist in Europa. Rund 450.000 Iraker leben in den Nachbarländern
unter «flüchtlingsartigen Bedingungen», wie das UNHCR
mitteilte. Das Flüchtlingswerk will nun die Rückführung
über Abkommen mit den Gastländern und der irakischen Regierung
regeln. In den kommenden Wochen sollen die ersten Flüchtlinge aus
Iran in ihr Heimatland zurückgebracht werden.
(Quellen: rtr,
dpa, ap, afp)
«Amerikaner und Briten haben es nicht geschafft,
sich der irakischen Bevölkerung als Befreier zu
präsentieren»
«...Es
dauerte nur gut drei Wochen, bis Bagdad erobert war. Doch erst drei
Monate nach dem grandiosen Sieg wagen die Amerikaner den zaghaften
Versuch, eine irakische Verwaltung einzusetzen.
Derweil gibt es in Bagdad nur ein paar Stunden am Tag elektrischen
Strom und in dem von den Briten verwalteten Basra praktisch gar keinen.
Die Benzinversorgung in dem Land, in dem Erdöl gleich ein paar
Meter unter dem Boden zu finden ist, klappt immer noch nicht, wenn auch
die Warteschlangen vor den Tankstellen etwas kürzer geworden sind.
Die Straßen der Städte bleiben unsicher, besonders in der
Nacht. Geschossen wird bei vielen Gelegenheiten, auch bei freudigen.
Bekommt ein Stadtteil vorübergehend Strom, ballern Männer vor
Freude in die Luft. Schon manch einer ist von herunter fallenden Kugeln
verletzt worden. Im Rahmen ihrer psychologischen Kriegführung
zerstörten die Amerikaner Elektrizitätswerke und das
Telefonsystem. Menschen, die im Dunkeln sitzen und nicht miteinander
kommunizieren können, so glaubten sie, seien leichter zu besiegen.
Der Krieg wäre auch ohne ein solches Bombardement gewonnen worden.
Nun haben es die USA und Großbritannien mit einer
Millionenbevölkerung zu tun, welche die alltäglichen Leiden
den Besatzern anlastet und den neuen Herren von Tag zu Tag feindlicher
gegenüber steht. Zwar sind die meisten Iraker froh über den
Sturz des Diktators Saddam Hussein. Viele, besonders Angehörige der
Armee, haben den Versprechen der Amerikaner geglaubt und die Waffen
niedergelegt. Doch nun haben sie keine Arbeit und kein Gehalt. Sie sehen
die Amerikaner nicht mehr als Befreier, sondern als Besatzer.
Je länger die alliierte Okkupation dauert, desto stärker wird
die Abneigung gegenüber dem angelsächsischen Vormund. Was
schon vor dem Krieg zu erwarten war, ist eingetreten: Der Widerstand
wächst. Tommy Franks, der alliierte Oberbefehlshaber während
des Krieges, gab zu, dass es täglich zwischen 10 und 25 Attacken
auf amerikanische Soldaten gebe. Von den 217 US- Soldaten, die seit dem
17.März starben, ließen 79 ihr Leben nach dem 1. Mai – jenem
Tag, an dem George Bush den Krieg für beendet erklärte.
Aus der Stadt Falludscha haben sich die Amerikaner jetzt
zurückgezogen – offiziell, um die Verantwortung für die
Sicherheitslage den Irakern zu übergeben. In Wirklichkeit aber
haben auch die täglichen Angriffe auf amerikanische Soldaten bei
der Entscheidung mitgespielt. In Falludscha ist der viel zitierte
amerikanische Kampf um die "Herzen und Gedanken der Menschen" glatt
verloren gegangen.
Die Attacken gegen die Amerikaner kommen vermutlich aus den
verschiedensten Lagern, vor allem wohl von schiitischen Gruppen. Obwohl
der jetzt vom amerikanischen Statthalter Paul Bremer eingesetzte
irakische Verwaltungsrat eine schiitische Mehrheit aufweist, haben die
Amerikaner in den Städten bisher hauptsächlich mit der schon
unter Saddam dominierenden sunnitischen Bevölkerungsminderheit
zusammen gearbeitet. So wollen sie verhindern, dass die Schiiten an die
Schaltstellen der Macht kommen. Diese politische Strategie hat dazu
geführt, dass sich die von Tommy Franks erwähnten Attacken
immer mehr auch gegen irakische Mitarbeiter der Amerikaner richten.
Diese werden von den Angreifern schlicht als Kollaborateure bezeichnet.
Noch ist unklar, wie dieser Widerstand organisiert ist.
Möglicherweise hat er keine gemeinsame Basis. Vermutlich
rebellieren auch unbelehrbare Anhänger Saddam Husseins, die nach
der Niederlage des Diktators in ihren Großfamilien Schutz gesucht
haben. Jetzt kämpfen sie aus einer einigermaßen sicheren
Deckung heraus um ihre alten Privilegien. Der Widerstand manifestiert
sich nicht nur in Angriffen auf Soldaten. Sabotage ist ein anderes
Kampfmittel gegen die Besatzer. Mit Aktionen gegen Kraftwerke und
Installationen auf den Ölfeldern soll die Bevölkerung zum
Widerstand gegen Amerikaner und Briten ermutigt werden.
Wie die Amerikaner allein schon durch ihr Auftreten die Sympathie der
Bevölkerung verspielen, zeigt ein Vorfall, in den ein Korrespondent
der deutschen "tageszeitung" verwickelt war. Bei einer abendlichen
amerikanischen Routinekontrolle wurde der Wagen des Reporters mit den
Worten angehalten „Get the fuck out of the car." Als der Korrespondent
dem Befehl Folge leistete, dabei aber die Soldaten fragte, ob sie nicht
etwas freundlicher sprechen könnten, fand sich der Journalist
umgehend in Handschellen wieder. Viele Iraker machen tagtäglich
die gleichen Erfahrungen.» (Süddeutsche Zeitung vom
14.07.03)
http://www.sueddeutsche.de/sz/politik/red-artikel7673/
«Schwierige Suche nach Sündenböcken»
«Zwischen
der britischen und der US-Regierung wird die Schuldfrage im Fall der
angeblichen irakischen Suche nach Uran im Niger hin und her geschoben
und schon einmal zur Wiederherstellung der Einheit in
einschlägigen Kreisen auf Frankreich gezeigt» ("telepolis"
vom 14.07.03)
Mehr
unter:
URL:
http://www.telepolis.de/deutsch/special/irak/15207/1.html
«Abrüstung statt Sozialabbau»
«Der
Bundesausschuß Friedensratschlag hat auf seiner
alljährlichen Klausurtagung eine Bilanz der friedenspolitischen
Aktivitäten vor, während und nach dem offiziellen Ende des
Irak-Krieges gezogen, Perspektiven der Friedensbewegung diskutiert und
sich auf Schwerpunkte künftiger Friedensarbeit geeinigt. Es bestehe
kein Grund zur Resignation nach dem Abflauen der Massenaktionen,
erklärte Sprecher Peter Strutynski in einer Pressemitteilung vom
Montag. Vielmehr habe sich im Bewußtsein der Menschen tief
eingegraben, daß Angriffskriege – unter welchem Vorwand auch
immer – nicht sein dürfen...» ("junge Welt" vom 15.07.03)
Mehr
unter:
http://www.jungewelt.de/2003/07-15/014.php
http://www.friedensratschlag.de
«Schwerste Finanzkrise in Amerika seit 20
Jahren»
«Die
Finanzkrise der amerikanischen Bundesstaaten bedroht den Aufschwung in
den Vereinigten Staaten. Die Regierungen in Kalifornien und anderen
Bundesstaaten haben zahlreiche Steuererhöhungen und
Ausgabenkürzungen beschlossen, um die Lage in Griff zu bekommen.
Experten befürchten nachhaltige Konsequenzen für die
Konjunktur.
Die National Association of State Budget Officers (Nasbo) spricht von
der größten Finanzkrise seit mehr als 20 Jahren. Nach Angaben
der Organisation haben 37 der 50 Bundesstaaten ihre Ausgaben
zusammengestrichen, insgesamt um 14,3 Milliarden Dollar. Die
Ausgabenstreichungen betreffen insbesondere Gesundheitsleistungen, die
Ausgaben für Schulen und Gefängnisse. Außerdem haben
viele Staaten Steuer- und Gebührenerhöhungen beschlossen. Die
Nasbo nennt 29 Staaten, die zu Steuererhöhungen von 17,5 Milliarden
Dollar im Haushaltsjahr 2003 beigetragen haben. Zusammengenommen haben
die Bundesstaaten damit Maßnahmen von 32 Milliarden Dollar
beschlossen, die nachteilig auf die Konjunktur wirken und die Wirkung
der Steuerreform von George W. Bush erheblich konterkarieren
könnten. Bush hatte zuletzt versucht, die Wirtschaft mit
Steuererleichterungen von 60 Milliarden Dollar pro Jahr zu
beleben...» ("Süddeutsche Zeitung" vom 14.07.03)
http://www.sueddeutsche.de/sz/wirtschaft/red-artikel7723/
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Regierungschefs
der «linken Mitte» wollen Völker vor Tyrannen
schützen
Di.15.07.03 - 14
Regierungschefs der "linken Mitte" wollen sich nach den Worten des
britischen Premierministers Tony Blair stärker für die
wirtschaftliche Entwicklung armer Länder einsetzen. Wie Blair zum
Abschluss der viertägigen Konferenz über "Progressive
Governance" (Fortschrittliches Regieren) am Montag im englischen Bagshot
weiter erklärte, bekundeten die Teilnehmer ihren Willen,
Völker stärker vor brutaler Repression seitens des eigenen
Regimes oder der eigenen Regierung zu schützen.
Einem Bericht der Zeitung "Independent on Sunday" zufolge kam es am
Rande der Konferenz zu einem Streit zwischen Blair und Bundeskanzler
Gerhard Schröder, weil Blair die Entsendung von Truppen in von
Tyrannen beherrschte Staaten in der Abschlusserklärung
rechtfertigen wollte. Sowohl die britische als auch die deutsche
Regierung dementierten einen Streit. Das Bundespresseamt erklärte,
die umstrittene Passage habe sich auf humanitäre Einsätze
bezogen.
In dem Dokument heißt es nun: "Fortschrittliche Regierungen
sollten nicht auf der anderen Seite vorübergehen, wenn Menschen
brutal unterdrückt werden." Die Konferenzteilnehmer aus Europa,
Lateinamerika und Afrika waren darin einig, dass der Weltsicherheitsrat
"die einzige Institution ist, die globale Handlungen im Umgang mit
humanitären Krisen autorisieren" kann.
Die Teilnehmer, unter ihnen auch der frühere US-Präsident
Bill Clinton, riefen sämtliche Regierungen zur Unterstützung
des Internationalen Strafgerichtshofs auf. Neben anderen Staaten
boykottieren die USA den Gerichtshof, weil sie politisch motivierte
Prozesse gegen amerikanische Soldaten fürchten.
An der Konferenz nahmen mehr als 500 Politiker und Experten aus 30
Staaten teil. Im Mittelpunkt der Diskussionen stand die Suche nach einem
Konzept für einen "Dritten Weg" zwischen konservativer
Regierungspolitik und traditionellem Sozialismus.
(Quelle: ap)
Scharon
scheitert in London mit Isolierung Arafats
Di.15.07.03 - Der
israelische Ministerpräsident Ariel Scharon ist in London mit dem
Wunsch nach Isolierung von Palästinenserpräsident Jassir
Arafat auf Ablehnung gestoßen. Scharon sei deutlich gemacht
worden, dass die britische Regierung weiterhin Kontakt mit Arafat halten
werde, sagte eine Regierungsvertreterin.
Außenminister Jack Straw habe dem israelischen Regierungschef
Ariel Scharon bei einem Treffen klar gemacht, dass Großbritannien
auch weiterhin Kontakt mit "dem demokratisch gewählten Führer
der Autonomiebehörde" halten werde, wenn dies "sinnvoll" sei, sagte
eine britische Regierungsvertreterin in London. Damit folge London der
in der Europäischen Union geltenden Haltung gegenüber Arafat.
Vor seiner Reise hatte Scharon die europäischen Regierungen
mehrfach zu einem Boykott von Arafat aufgerufen. Andernfalls werde
Abbas geschwächt. Scharon wollte am Abend mit dem britischen
Premierminister Tony Blair zusammenkommen.
(Quelle: afp)
Abbas
erklärt Streit mit Arafat für beendet
Di.15.07.03 - Der
palästinensische Ministerpräsident Mahmud Abbas hat nach
eigenen Angaben seine Differenzen mit Palästinenser-Präsident
Jassir Arafat beigelegt, die die Friedensbemühungen in Nahost
gefährdet hatten.
"Der Streit ist beendet und alles ist gut", sagte Abbas am Montag nach
einem Treffen mit Arafat in dessen Hauptquartier in Ramallah im
Westjordanland. Abbas hatte in der vergangenen Woche damit gedroht, sein
Amt als Ministerpräsident niederzulegen und war aus dem
Zentralkomitee der Fatah-Bewegung von Arafat ausgetreten. In der Fatah
hatte es Widerstand gegen Abbas' Verhandlungsstrategie mit Israel
gegeben. Aus palästinensischen Regierungskreisen verlautete, Arafat
habe es darauf angelegt, Abbas zu schwächen, weil dieser Israel
bei der Umsetzung des internationalen Nahost-Friedensplans zu viele
Zugeständnisse mache.
Arafat gab nach dem Gespräch mit Abbas zunächst keine
Stellungnahme ab. Arafats Berater Saeb Erekat bestätigte jedoch,
dass der Streit beigelegt sei. "Wir sind in der Lage, alle Probleme zu
lösen und Präsident Arafat hat Abu Masen (Abbas) seine volle
Unterstützung ausgedrückt. Abu Masen hat seinerseits
Präsident Arafat seine volle Unterstützung ausgedrückt",
sagte Erekat. Die Palästinenser-Regierung hoffe nun, sich auf
wichtige Fragen bei der Umsetzung des Friedensplans konzentrieren zu
können.
Die israelische Regierung zeigte sich zunächst unbeeindruckt von
der Beilegung des Streits. "Erklärungen und Ankündigungen
haben für uns kein Gewicht - allein Taten sind wichtig", verlautete
aus Regierungskreisen. Arafat sei "das größte Hindernis" im
Friedensprozess, hieß es weiter.
Israel und die USA hatten sich besorgt gezeigt, Arafat könne die
Friedensbemühungen von Abbas untergraben. Israel hat Arafat
wiederholt für palästinensische Selbstmordanschläge
verantwortlich gemacht, die USA geben ihm eine Mitschuld an der
anhaltenden Gewalt in Nahost. Arafat hat die Vorwürfe
zurückgewiesen. Mit der Ernennung Abbas' als Ministerpräsident
hatte Arafat insbesondere dem Druck der USA nachgegeben, Reformen in
der Palästinenser-Regierung einzuleiten.
der Internationale Friedensplan sieht nach einer Beendigung der Gewalt
die Gründung eines Palästinenser-Staates bis 2005 vor.
(Quelle: rtr)
Südafrika:
1,7 Millionen HIV-Infizierte könnten mit Medikamenten gerettet
werden
Di.15.07.03 -
Durch die Bereitstellung von Aids-Medikamenten könnte die
Regierung Südafrikas das Leben von mehr als 1,7 Millionen
HIV-Infizierten retten. Das gehe aus einer bislang
unveröffentlichten Regierungsstudie hervor, berichtete die Zeitung
"Cape Times" am Montag unter Berufung auf eine
Nichtregierungsorganisation. Die Initiative für die Behandlung von
Aids-Kranken "Treatment Action Campaign" (TAC) warf der Regierung vor,
sie halte die Studie zurück, weil sie nicht bereit sei, die darin
empfohlenen Behandlungsprogramme zu starten.
Die Regierung hatte ein landesweites Behandlungsprogramm bislang
abgelehnt und die Wirksamkeit von Aids-Medikamenten angezweifelt. Nach
dem Bericht lassen sich diese Zweifel kaum aufrechterhalten: Demnach
könnten bis zum Jahr 2010 von den derzeit fünf Millionen
HIV-positiven Südafrikanern rund 1,7 Millionen gerettet werden,
wenn der Staat die Kosten für die Medikamente übernähme.
Diese würden sich bis 2010 auf 16,9 bis 21,4 Millionen Rand (2 bis
2,5 Millionen Euro) belaufen, berichtete die "Cape Times". Schon um die
Hälfte der Betroffenen mit Medikamenten zu versorgen, müsste
die Regierung die bislang für die Bekämpfung von Aids
vorgesehenen Mittel erhöhen.
Die Regierung erklärte, die Studie sei deshalb noch nicht
veröffentlicht worden, weil es sich nur um einen ersten Entwurf
handele. Nach Angaben der "Cape Times" wurde die Studie aber bereits vor
fünf Monaten von den Ministerien für Finanzen und für
Gesundheit erstellt.
(Quelle: ap)
Enormes
Ölreservoir in Iran entdeckt
Di.15.07.03 - In
Iran sind Ölreserven von geschätzten rund 38 Milliarden
Barrel (1 Barrel = 159 Liter) Öl und damit eines der
größten Reservoire der Welt entdeckt worden.
Die Vorkommen seien in drei benachbarten Ölfeldern in der
Nähe der südiranischen Hafenstadt Buschehr gefunden worden,
sagte der Generaldirektor der iranischen Oil Development and Engineering
Company, Abolhasan Chamuschi, am Montag der Abendzeitung "Kajhan".
Ersten Studien zufolge enthalte das Feld Ferdowas rund 30,6 Milliarden
Barrel, das Feld Mund 6,63 Milliarden und das Feld Sagheh 1,3
Milliarden Barrel Öl. Eine Sprecherin des Ölministeriums
bestätigte Reuters den Zeitungsbericht, nannte aber keine
Einzelheiten.
"Die genaue Kapazität wird bald bekannt gegeben werden", sagte
Chamuschi. Die Förderung von Schweröl aus diesen Feldern
bedürfe einer besonderen Technologie und großer
Investitionen. Das Öl ist von hoher Dichte, wodurch es auf dem
Weltmarkt weniger wertvoll ist als die meisten der nachgewiesenen
iranischen Ölreserven von 90 Milliarden Barrel.
Ein iranischer Experte des Zentrums für globale Energiestudien,
Manuchehr Takin, sagte, er denke, das Öl werde wahrscheinlich ein
Kandidat für ausländische Investitionen, wenn man die hohen
Produktionskosten berücksichtige. "Es ist eine große Menge."
Iran will bis zum Jahr 2005 seine Ölförderung von vier auf
fünf Millionen Barrel pro Tag steigern und hat sich in den
vergangenen Jahren verstärkt der Erkundung von Reserven und der
Gewinnung ausländischer Investoren gewidmet.
(Quelle: rtr)
Deutschland:
Noch kein Konzept zur Finanzierung der Steuerreform
Di.15.07.03 -
Finanzminister Hans Eichel kann den Zeitplan von Bundeskanzler Gerhard
Schröder (beide SPD) für die Finanzierungs- Eckpunkte der
vorgezogene Steuersenkungen im kommenden Jahr möglicherweise nicht
einhalten. Sein Ministerium ließ am Montag offen, ob es - wie von
Schröder angekündigt - bis Mitte der Woche diese
Vorschläge zur vorgezogenen dritten Stufe der Steuerreform um ein
Jahr auf 2004 vorlegen könne.
SPD-Fraktionschef Franz Müntefering erwartet in den nächsten
Tagen ein Konzept von Eichel für die Gegenfinanzierung. Er gehe
davon aus, dass es beim Zeitplan des Kanzlers bleibe, sagte
Müntefering. Eichel bekräftigte am Montag die Notwendigkeit
zum Subventionsabbau in der Landwirtschaft. Die Union sucht weiterhin
nach einer gemeinsamen Linie in der Debatte um die Steuerreform. Die FDP
will Tempo machen.
Finanzministeriumssprecher Jörg Müller sagte: "Wir werden
sehen, ob wir das bis Mittwoch hinbekommen." Die Beschlussfassung im
Kabinett sei für den 13. August geplant, "und bis dahin wird auch
definitiv unser Vorschlag auf dem Tisch liegen". Details könne er
jetzt noch nicht nennen. Regierungssprecher Bela Anda sagte dazu, der
Kanzler habe für diese Woche die Eckpunkte angekündigt. Wie
der Minister das umsetze, bleibe ihm überlassen.
Grundsätzlich bleibe es in dem "Entscheidungsvorschlag" bei einem
Mix aus Privatisierung, Krediterhöhung und einem - "nach wie vor
auch favorisierten" - Subventionsabbau, sagte Müller. In den
Grundzügen sei dies bereits im Bundeshaushalt 2004 vorgezeichnet.
Dabei müsse mit Blick auf den Finanzierungsanteil des Bundes von
7,5 Milliarden Euro, der "technisch" im Haushalt bereits abgebildet sei,
der Anteil an Subventionsabbau und an Privatisierung genauer beziffert
werden. Und «selbstverständlich» bleibe dann ein Rest
an Kreditfinanzierung.
Die Grünen wollen den Neuverschuldungsanteil "so niedrig wie
möglich" halten. Ganz ohne Kreditaufnahme zu finanzieren, sei
jedoch "eine Extremposition, die man sich in der Sache nicht leisten
kann", sagte Grünen-Chef Reinhard Bütikofer an die Adresse des
hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU). Koch lehnt neue
Kredite strikt ab. Bei dem zur Finanzierung ebenfalls geplanten
Subventionsabbau solle man "nicht bescheide"» sein, sagte
Bütikofer. Er stellte sich hinter die Forderung Eichels, die
Länder sollten auch Vorschläge beisteuern.
Müller betonte, dass bei "Mitumsetzung" der Vorschläge im
Bundeshaushalt Länder und Kommunen 2004 ein Einsparvolumen von neun
Milliarden Euro hätten. Sie könnten damit auch die
vorgezogene Steuerreform finanzieren. Er nannte vor allem "drei
Elemente", die Kommunen und Länder entlasteten: Die
Öffnungsklausel im öffentlichen Dienst mit einem
Einsparvolumen von 2,2 Milliarden Euro sowie die Rücknahme bei
Eigenheimzulage und Entfernungspauschale.
Grünen-Finanzexpertin Christine Scheel setzte im DeutschlandRadio
vor allem auf Privatisierung und verwies auf die 400 Beteiligungen des
Bundes. Der stellvertretende SPD-Fraktionschef Joachim Poß
forderte in der "Financial Times Deutschland" die Länder auf, dem
Vorziehen der Steuerreform mit einem Gesamtvolumen von rund 16
Milliarden Euro im Bundesrat auch dann zuzustimmen, wenn dies
überwiegend durch Kredite ausgeglichen werden müsste.
FDP-Chef Guido Westerwelle verlangte einen Kabinettsbeschluss in dieser
Woche. Nötig sei eine verbindliche Entscheidungsgrundlage, auf der
der Kanzler die Partei- und Fraktionschefs zu einer Klausur einladen
solle. Koch warf er eine Blockadehaltung vor. Bayerns
Ministerpräsident Edmund Stoiber sagte im ZDF zum Vorziehen der
Steuerreform: "Die Union wird das mit Sicherheit ermöglichen und
mitgestalten." Unklar und deswegen auch strittig ist, in welchem
Maße die Länder dies mit zusätzlicher Kreditaufnahme
mitmachen können.
(Quelle: dpa)
Arbeitsmarktforscher
warnen vor Fachkräftemangel
Di.15.07.03 -
Trotz derzeit über vier Millionen Arbeitslosen droht Deutschland
mittelfristig eine weitere Verschärfung des Mangels an
Fachkräften. "Wir befinden uns auf dem Weg, unseren entscheidenden
Wettbewerbsvorteil auf's Spiel zu setzen, nämlich das für
unsern Hochtechnologie- und Hochlohnstandort bedeutende Humankapital",
warnen Alexander Reinberg und Markus Hummel vom Institut für
Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit
(IAB) in Nürnberg.
Die Ursachen lägen nicht nur in der demographischen Entwicklung,
sondern auch in den Qualifizierungstrends der Bevölkerung. Die
langfristige Entwicklung mit einer zunächst alternden und
anschließend stark schrumpfenden Bevölkerung ist aus der
Sicht der Arbeitsmarktforscher praktisch nicht mehr umkehrbar. "Selbst
ein deutlicher Anstieg der Geburtenraten - wofür derzeit allerdings
nichts spricht - oder Zuwanderung in wirtschaftlich und
gesellschaftlich vertretbarer Größenordnung können
diesen Trend bestenfalls bremsen, nicht aber stoppen", urteilen Reinberg
und Hummel im jüngsten IAB-Kurzbericht.
Entgegen der weit verbreiteten Meinung sind jüngere Arbeitnehmer
zumindest formal nicht besser qualifiziert als ältere. Derzeit
prägen die geburtenstarken und gut qualifizierten Jahrgänge
der 50er und 60er Jahre den Arbeitsmarkt. Deren Qualifikationsniveau
wird zwar in den nächsten Jahrzehnten zwangsläufig weiter
steigen. Wenn aber diese Jahrgänge erst einmal aus dem Erwerbsleben
ausscheiden, "dürfte es den nachrückenden geburtenschwachen
Generationen schon wegen des quantitativen Missverhältnisses
schwer fallen, selbst in ausreichendem Maße Ersatz zu stellen",
stellen die Wissenschaftler unmissverständlich klar. "Dieser
Prozess ist bereits in vollem Gange, wird sich aber nach 2010/2015
deutlich beschleunigen."
Die Notwendigkeit einer umgehenden Bildungs- und
Qualifizierungsoffensive begründen Reinberg und Hummel auch mit dem
wachsenden Bedarf an hoch qualifizierten Tätigkeiten und
Führungskräften. Dieser dürfte bis zum Ende des
Jahrzehnts auf gut 40 Prozent der Erwerbstätigen steigen. "Ob der
drohende Fachkräftemangel noch abzuwenden ist, bleibt fraglich",
meinen die Forscher. Die bisherige Praxis der Personalchefs, ältere
Mitarbeiter vermehrt in den Vorruhestand zu schicken oder in die
Arbeitslosigkeit zu entlassen und durch junge, frisch ausgebildete
Berufsanfänger zu ersetzen, führe in die Sackgasse.
Auch ein wachsender Frauenanteil an den Erwerbstätigen kann dem
drohenden Fachkräftemangel nur bedingt entgegenwirken.
"Unerlässlich ist deshalb die Ausweitung 'frauengerechter'
Arbeitsplätze, die eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf
ermöglichen", begründen die Wissenschaftler die Forderung
nach flexibleren Arbeitszeiten, besserer Kinderbetreuung und neuen
Familienmodellen.
Fraglich ist aus ihrer Sicht, ob die hohen demographisch bedingten
Ausfälle an Fachkräften langfristig durch Zuwanderung
ausgeglichen werden können. "Die internationale Konkurrenz um die
'hellen Köpfe' wird sich in Zukunft wohl eher noch
verstärken", prophezeien Reinberg und Hummel. Angesichts der
schlechteren Qualifikationsstruktur der in Deutschland lebenden
Einwanderer, dem unbefriedigenden Ausbildungsniveau ihrer Kinder und
hoher rechtlicher Hürden für ausländische Absolventen
deutscher Hochschulen beim Zugang in den Arbeitsmarkt sei eine bessere
Integrationspolitik zwingend erforderlich.
Zudem sollten Arbeitnehmer ohne abgeschlossene Berufsausbildung den
Wissenschaftlern zu Folge nicht länger als Problemgruppe auf dem
Arbeitsmarkt, sondern vielmehr als echte Bildungsreserve behandelt
werden. Der demographische Rückgang bei den Jugendlichen wird zwar
erst Ende des Jahrzehnts einsetzen. Angesichts der langen Dauer von
Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen seien verstärkte
Bildungsanstrengungen aber schon jetzt nötig.
(Quelle: dpa)
CDA-Chef
Arentz kritisiert Stoiber-Vorstoß zur Arbeitszeit
Di.15.07.03 - Der
Bundesvorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft
(CDA), Hermann-Josef Arentz, hat den Vorstoß von CSU-Chef Edmund
Stoiber zur Verlängerung der Wochenarbeitszeit kritisiert. "So
pauschal, wie Stoiber den Vorschlag gemacht hat, ist er nicht in
Ordnung", sagte der CDU-Politiker der "Thüringer Allgemeine" aus
Erfurt (Dienstagausgabe). Stoiber hatte am Wochenende eine
Verlängerung der Arbeitszeit um zwei bis drei Wochenstunden
gefordert.
Arentz betonte, dass es keine Einheitslösung für alle
Betriebe und Branchen geben könne, sondern im Einzelfall
entschieden werden müsse: "Bei allen Unternehmen, die nicht in
einer existenziellen Notlage sind, kann über eine Verlängerung
der Arbeitszeit nur dann diskutiert werden, wenn auch die Arbeitnehmer
ein entsprechend höheres Entgelt oder eine Beteiligung an den
Gewinnen des Unternehmens zugesagt bekommen."
Alles andere würde auf erbitterten Widerstand der CDA
stoßen. Arentz empfahl, dass die Politik den Tarifparteien ihre
Aufgaben überlassen solle. Das Argument, dass eine verlängerte
Arbeitszeit angeblich Arbeitsplätze vernichtet, bezeichnete er
jedoch als eine unsinnige These.
(Quelle: ap)
IG-Metall-Spitze
schlägt Neuwahlen für Ende August vor
Di.15.07.03 - Im
Führungsstreit der IG Metall hat sich die Gewerkschaftsspitze dem
Druck der Basis gebeugt und vorgezogene Vorstandswahlen für Ende
August vorgeschlagen. Auf einen entsprechenden Vorstoß einigten
sich die zehn geschäftsführenden Vorstandsmitglieder am
Montag in Frankfurt am Main. Der 41-köpfige Vorstand soll am 23.
Juli darüber entscheiden. Die Gewerkschaftsbasis reagierte
überwiegend erleichtert auf den Vorstoß. Allerdings droht
jetzt bei der Wahl eine Kampfabstimmung.
"Die IG Metall tut alles, um die negative und lähmende Diskussion
zu beenden", erklärte Gewerkschaftschef Klaus Zwickel. Die
Entscheidung der geschäftsführenden Mitglieder für den
Vorschlag sei einstimmig gefallen. Dem Gremium gehört auch
Gewerkschaftsvize und Zwickel-Gegenspieler Jürgen Peters an. Mit
Peters habe er offen diskutiert, und man sei sich einig im Vorziehen der
Wahlen gewesen.
Im Hinblick auf die Vorstandssitzung am 23. Juli sagte Zwickel: "Wer
sich widersetzt, der macht deutlich, dass er blockiert und das aus
durchsichtigen machtpolitischen Interessen." Der Vorschlag sieht vor,
die Tagesordnungspunkte des ursprünglich vom 12. bis 18. Oktober
geplanten Gewerkschaftstages "Entlastung des Vorstandes" und "Wahlen"
auf einer Veranstaltung am 30. und 31. August vorzuziehen, wie Zwickel
erklärte. Als Veranstaltungsort wünsche er sich aus
logistischen Gründen das Rhein-Main-Gebiet.
Wenn der Vorstand entlastet werde, müsse "kein Rücktritt
vorgenommen werden", stellte Zwickel ausdrücklich klar. Dann sei
der Weg frei für die Neuwahl aller Funktionsträger. Dabei
könnte es dann zu einer Kampfabstimmung um die
Gewerkschaftsführung kommen. Zwickel schloss nicht aus, dass
mehrere Kandidaten für die verschiedenen Posten antreten werden. Er
wolle nicht prognostizieren, ob sich der Vorstand auf einen gemeinsamen
Vorschlag werde festlegen können. Namen für die neue Spitze
nannte Zwickel nicht.
Ursprünglich war erst für den 1. September die nächste
Sitzung des gesamten Vorstandes und für Mitte Oktober der
Gewerkschaftstag mit Neuwahl des Gremiums geplant.
Die Gewerkschaftsbasis nahm den Vorschlag für vorgezogene
Neuwahlen überwiegend positiv auf. "Wir sind erleichtert über
alle Maßnahmen, die diese unsägliche Diskussion in der
Öffentlichkeit beenden", sagte der Zweite Bevollmächtigte der
IG Metall Eisenach, Klaus-Dieter Herzog ähnlich wie eine Reihe
anderer Bezirksleiter. VW-Gesamtbetriebsratschef und
IG-Metall-Vorstandsmitglied Klaus Volkert kritisierte dagegen das Fehlen
eines Personalvorschlages. Ohne diesen sei ein vorgezogener
Gewerkschaftstag «völliger Blödsinn, der die Spaltung
der Organisation nur vertieft», sagte er dem Berliner
«Tagesspiegel» (Dienstagausgabe).
Der bayerische IG-Metall-Chef Werner Neugebauer rechnet mit einem
Gegenkandidaten zu Peters, wollte im Bayerischen Rundfunk allerdings
keine Namen nennen. Eigene Ambitionen auf den Bundesvorsitz verneinte
er. Auch der als Zwickel-Nachfolger gehandelte
BMW-Gesamtbetriebsratschef Manfred Schoch lehnte eine Kandidatur ab.
Unterdessen rief Metall-Arbeitgeber-Chef Martin Kannegiesser die
Gewerkschaft in der kommenden Tarifrunde zur Kooperation auf. Entscheide
sich die IG Metall aber dafür, eine reine Kampforganisation zu
werden, «werden wir immer weniger Partner für sie sein
können», sagte der Metall-Arbeitgeberchef.
(Quelle: ap)
Ein Jahr Haft
auf Bewährung für prügelnde Polizisten
Di.15.07.03 -
Nach Schlägen auf Kollegen in Zivil sind drei Polizisten aus
Thüringen wegen Körperverletzung im Amt zu je einem Jahr Haft
auf Bewährung verurteilt worden. Der Hamburger Amtsrichter Thomas
Semprich sah es am Montag als erwiesen an, dass die drei Männer im
Alter von 23, 29 und 30 Jahren im November vergangenen Jahres in Hamburg
zwei Zivilpolizisten bei einer Demonstration mit dem Schlagstock
verprügelt hatten. Der Thüringer Innenminister Andreas
Trautvetter (CDU) kritisierte das Urteil als zu hart. Die Verteidiger
kündigten Berufung an.
Falls das Urteil rechtskräftig wird, verlieren die Polizisten
ihren Beamtenstatus. "Das Gericht ist zu der Überzeugung gekommen,
dass die Angeklagten nicht im Polizeidienst tätig sein sollten",
erklärte Richter Semprich. Die Verteidiger kündigten Berufung
an. Die Polizisten hatten noch am letzten Verhandlungstag ihre Schuld
bestritten. Staatsanwalt Boris Bochnick sprach dagegen in seinem
Plädoyer von einem Polizei-Skandal in Thüringen.
Die drei Beamten und ihre Einheit "Bison" aus Thüringen waren am
16. November 2002 nach Hamburg geschickt worden, um die Polizei der
Hansestadt bei Demonstrationen nach der Räumung des
Bambule-Wohnwagenplatzes zu unterstützten. Als die Demonstranten
abrückten, kam es nach Überzeugung des Gerichts zur Tat: Auf
einem Parkplatz wurde eine Bierdose in Richtung der Polizisten geworfen.
Daraufhin rückten dem Urteil zufolge die drei Verurteilten und ihr
Vorgesetzter vor und stießen auf die Zivilpolizisten, die
über den Lauf der Demonstration aufklären sollten. Der
29-Jährige Verurteilte schlug auf die beiden in der Aufmachung der
Demonstranten getarnten Zivilpolizisten ein, dann kamen noch der 23-
und der 30-Jährige dazu.
Zu Prozessbeginn hatten die verprügelten Zivilfahnder aus
Schleswig-Holstein ausgesagt, sie hätten sich als Polizisten zu
erkennen gegeben und ein Kennwort gerufen. Zwei der Angeklagten hatten
gesagt, sie seien an den Vorgängen nicht beteiligt gewesen. Einer
gab Stockstöße gegen eines der Opfer zu, sagte aber, er habe
sich angegriffen gefühlt.
Der Prozess gegen die Polizisten war überschattet vom Versuch
ihrer Vorgesetzten, die Ermittlungen zu behindern. So hat laut Richter
Semprich der Truppführer der Täter «hier eine komplette
Falschaussage gemacht». Später waren die drei Polizisten
nicht zur Verhandlung gekommen und hatten sich mit umstrittenen Attesten
entschuldigt. Der Richter erließ Haftbefehle, die von der Polizei
in Erfurt aber nicht ausgeführt wurden.
Der Vorgesetzte der drei Polizisten, Polizeidirektor Roland Richter,
geriet unter den Verdacht, Druck auf die Beamten und ihre Anwälte
ausgeübt zu haben. Anwalt Ulfert Jährig, sagte der
Polizeidirektor habe versucht, ihm zu sagen, wie er den Prozess
führen solle. Der Polizeidirektor wies das zurück. Richter,
Staatsanwalt und ein Anwalt äußerten den Verdacht, dass die
Angeklagten Geständnisse ablegen wollten, aber von den Vorgesetzen
gehindert worden seien. Staatsanwalt Bochnick sagte: "Thüringen hat
einen handfesten Polizeiskandal, es ist verwunderlich, dass das in
Thüringen noch keiner mitbekommen hat."
Der thüringische Innenminister Trautvetter zeigte sich sehr
überrascht von der Höhe des Strafmaßes. "Wenn dieses
Urteil rechtskräftig wird, dann ist es das Berufsverbot für
die drei Beamten, und da halte ich die
Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht gewahrt", sagte der
CDU-Politiker im Mitteldeutschen Rundfunk
(Quelle: ap)
Bremer
Bildungssenator verlangt mehr Disziplin von Schülern
Di.15.07.03 - Der
Bremer Bildungssenator Willi Lemke hat von deutschen Schülern mehr
Disziplin und angemessene Kleidung im Unterricht verlangt. "Unsere
Schüler brauchen Regeln und Grenzen. Sie müssen sich wieder
höflicher, respektvoller verhalten", verlangte der SPD-Politiker in
der "Bild"-Zeitung (Montagausgabe). Viele Schüler wüssten
nicht mehr zu schätzen, welche Anstrengungen Eltern und Lehrer
unternähmen, um ihnen Wissen, Erziehung und gutes Benehmen
beizubringen.
Er selbst werde nicht aktiv werden, um an der Situation etwas zu
ändern, sagte Lemke der Nachrichtenagentur AP mit dem Hinweis auf
Gesetzesinitiativen. "Sollten Schulen aber Maßnahmen ergreifen
wollen, haben sie meine Unterstützung", erklärte er. Lemke
appellierte in der "Bild"-Zeitung an die Schüler: "Seht euch an,
was eure Eltern und Großeltern aus diesem Land gemacht haben.
Darauf könnt ihr stolz sein." Aber es verlange auch die Leistung
und Mitarbeit der Schüler: "Ihr müsst euch anstrengen und es
euch verdienen."
Lemke verlangte darüber hinaus ordentliche Kleidung im Unterricht.
"Solche Reizwäsche passt vielleicht in die Disco oder in die
Badeanstalt", sagte Lemke über die "bauchfrei"-Mode vieler
Mädchen. Im Klassenzimmer sollten die Schüler sich aber
angemessen anziehen. Anfang Juni hatte die Direktorin einer
niedersächsischen Gesamtschule ihre Schüler aufgefordert,
nicht mehr in bauchfreien Oberteilen in der Schule zu erscheinen. "Sie
hat mein absolutes Verständnis", sagte Lemke, der sich sein Urteil
nach eigenen Angaben durch Besuche in 171 von 173 Bremer Schulen bildete.
Lemke forderte zugleich, Lehrer müssten Vorbilder sein: "Es
gehört sich auch nicht, wenn einzelne Lehrer mit Schlabberjeans,
Jesuslatschen und Hemd aus der Hose in das Klassenzimmer schlurfen",
betonte er.
Der SPD-Politiker kündigte an, künftig mit Bußgeldern
für Eltern gegen das Schuleschwänzen vor Ferienbeginn vorgehen
zu wollen. Zu viele Schüler verabschiedeten sich schon Tage vor
Ende des Schuljahres, um früher in die Ferien zu fahren. "Dagegen
müssen wir viel konsequenter vorgehen, teils auch mit
Geldstrafen", sagte Lemke. Die Möglichkeit dazu gebe es seit
langem, sie werde aber selten angewandt. Zum einen werde über den
Sinn gestritten, zum anderen bedeute sie erheblichen Aufwand,
erläuterte Lemke: "Irgendwann resigniert man dann, aber man
verliert das Wohl der Kinder aus den Augen."
Kritik an den Forderungen kam von Anja Stahmann, der
bildungspolitischen Sprecherin der grünen
Bürgerschaftsfraktion in Bremen: "Mit den Verunglimpfungen zu
Beginn des Sommerlochs stellt sich Willi Lemke ein miserables Zeugnis
nach vier Jahren als Bildungssenator aus." Statt ums Outfit der
Jugendlichen sollte sich der Bremer Bildungssenator um die Inhalte an
den Schulen kümmern. "Bremen hat die schlechtesten PISA-Ergebnisse
der Republik, Ursache dafür sind nicht bauchfreie T-Shirts und
Piercings", erklärte Stahmann.
(Quelle: ap)
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