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+++ Mi.16.07.03,
12:45 Nachrichten-Archiv Aktuelle
Nachrichten
Irak am hundertundaneunzehnten Tag nach Kriegsbeginn
USA
verschieben Abzug von Soldaten aus Irak auf unbestimmte Zeit. +++
US-Zivilverwalter: Besatzungsdauer hängt von Irakern ab +++
Chirac schließt Beteiligung Frankreichs an Irak-Einsatz aus +++
USA: Ölverträge zwischen Russland und Irak sind ausgesetzt
+++ USA und Türkei legen Streit um Festnahme
türkischer Soldaten bei +++ US-Rekorddefizit von
fast einer halben Billion Dollar wegen Krieg und Wirtschaftsflaute +++
Irak-Krieg kostete bislang 48 Milliarden Dollar +++
Di.15.07.03 - Die
US-Armee hat einen Medienbericht bestätigt, demzufolge ein Teil
der dritten Infanterie-Division für eine unbegrenzte Zeit in Irak
bleiben soll. "Sie werden da bleiben und ihre Mission fortsetzen",
sagte ein hochrangiger US-Militär am Dienstag in Bagdad. Die
Verlängerung der Mission habe aber nichts mit dem Anstieg von
Angriffen auf US-Soldaten zu tun. Zuvor hatte der Fernsehsender CNN
unter Berufung auf einen US-Armeevertreter berichtet, etwa 9000 Soldaten
der dritten US-Infanteriedivision sollten entgegen der
ursprünglichen Planung unbefristet in Irak bleiben. Grund sei die
schlechte Sicherheitslage in dem besetzten Land. Die 3.
Infanterie-Division hält sich seit Beginn des Krieges im Irak auf
und hatte als Speerspitze der US-Streitkräfte den Großteil
der Kämpfe bestritten - einschließlich der Eroberung Bagdads.
Die Soldatinnen und Soldaten sollten ursprünglich stufenweise im
August und September die Heimreise antreten. Im Irak sind derzeit rund
146.000 US-Soldaten stationiert.
US-Zivilverwalter Paul Bremer hat die Dauer der Besatzung in Irak
erstmals mit Fortschritten im politischen Prozess verknüpft. Der
Abzug der Truppen hänge davon ab, wie lange der neue Verwaltungsrat
für eine neue Verfassung sowie die Bildung einer neuen Regierung
benötige. "Die Entscheidung über die Dauer unseres
Aufenthalts liegt nun in den Händen der Iraker", sagte Bremer am
Dienstag.
Der am Sonntag eingesetzte Verwaltungsrat - die erste irakische
Regierungsinstitution seit dem Sturz Saddam Husseins - will in der
kommenden Woche mit der Ernennung von Ministern beginnen, wie ein
Sprecher der im Rat vertretenen Demokratischen Partei Kurdistans (KDP)
mitteilte. Weiter beschloss der Rat, Klagen gegen Mitglieder des
ehemaligen Regimes von speziellen Tribunalen verhandeln zu lassen.
Eine der dringlichsten Aufgaben sei es, die Vertreter der
gestürzten Regierung zur Verantwortung zu ziehen, sagte Entifadh
Kanbar, ein Sprecher des Irakischen Nationalkongresses, dessen
Führer Ahmed Tschalabi dem 25-köpfigen Verwaltungsrat
angehört. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch
äußerte ihre Bedenken: "Saddams Opfer sollten nicht die
Wächter des Justizsystems sein", sagte Mitarbeiterin Hania Mufti.
Im Bagdader Stadtteil Kasimjah versammelten sich am Dienstag tausende
Schiiten zur Beisetzung des prominenten Geistlichen Ahmed el Waeli. Sie
nutzten die Trauerfeier zur Kritik am Verwaltungsrat. Dieser sei nicht
gewählt und damit illegitim. Auch der Generalsekretär der
Arabischen Liga, Amr Mussa, hatte am Montag erklärt: "Wenn der Rat
gewählt worden wäre, hätte er viel Macht und
Glaubwürdigkeit bekommen."
Der russische Außenminister Igor Iwanow forderte derweil die
Einberufung des Weltsicherheitsrates, um sich mit den jüngsten
Entwicklungen in Irak zu beschäftigen. Eine Sitzung des Gremiums
sei nützlich, um die Resolution 1483 zu erörtern und den
Bericht des UN-Beauftragten für Irak zu hören. Der irakische
Verwaltungsrat will drei Vertreter zu der Sitzung des
UN-Sicherheitsrates nach New York schicken.
Nach Indien bekräftigten Frankreich und Deutschland am Dienstag
ihr Nein zur Beteiligung an einer Friedenstruppe in Irak ohne UN-Mandat,
um die US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vergangene Woche
gebeten hatte. Die Entsendung französischer Soldaten sei im Moment
nicht vorstellbar, sagte der französische Präsident Jacques
Chirac. Außenminister Joschka Fischer sagte, Deutschland habe mit
Absicht keine Truppen in Irak.
Der arabische Sender El Arabia strahlte eine Botschaft der bislang
unbekannten Gruppe "Befreiung der irakischen Armee" aus, auf der vor
einer Beteiligung an einer multinationalen Truppe gewarnt wurde. Jede
Intervention oder Unterstützung der Besatzungsmächte
würde mit Waffengewalt verhindert, heißt es in der an
UN-Generalsekretär Kofi Annan gerichteten Botschaft.
Die Entscheidung, ob die unter der entmachteten irakischen Führung
geschlossenen Öl-Verträge mit Russland noch gelten, liegt nach
US-Angaben bei der künftigen irakischen Regierung. Bis zu deren
Entscheidung blieben die Verträge ausgesetzt, sagte der
US-Botschafter in Moskau, Alexander Vershbow, der Nachrichtenagentur
Interfax am Dienstag. Der irakische Ölsektor gehöre dem
irakischn Volk. Daher müssten auch die Entscheidungen über die
Ausbeutung der Ölvorkommen von der künftigen Regierung
gefällt werden. Die Gültigkeit der Verträge russischer
Unternehmen, die unter Saddam Hussein zustande kamen, seien daher
ausgesetzt worden.
Die USA und die Türkei haben ihren Streit um die Festnahme von elf
türkischen Soldaten durch die US-Truppen im Norden Iraks beigelegt.
In einer am Dienstag in Ankara veröffentlichten gemeinsamen
Erklärung äußern beide Seiten ihr "Bedauern" über
den Vorfall, der zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Ankara und
Washington geführt hatte. Hochrangige Militärs und Diplomaten
beider Staaten hatten in Ankara Gespräche geführt, bei denen
die Umstände der Festnahme der türkischen Soldaten durch
US-Truppen am 4. Juli in Nordirak geklärt werden sollten. Beide
Seiten vereinbarten nun eine "bessere Zusammenarbeit in Irak". Es
sollten zudem "alle Maßnahmen ergriffen werden, um einen
ähnlichen Vorfall künftig zu vermeiden". Über die
Umstände der Festnahmen wurden in der Erklärung keine Angaben
gemacht.
Der Irak-Krieg hat die USA Verteidigungskreisen zufolge bislang 48
Milliarden Dollar (rund 43 Milliarden Euro) gekostet.
In den kommenden Monaten werde mit weiteren Kosten in Höhe von
mehr als 3,9 Milliarden Dollar monatlich gerechnet, verlautete am
Dienstag aus dem US-Verteidigungsministerium in Washington. Rund 30
Milliarden Dollar seien aufgewendet worden, bevor ein einziger Schuss
abgefeuert worden sei - für die Verlegung der Truppen und
Kriegsgerät in die Golfregion. Die Hauptkampfhandlungen vom 20.
März bis 1. Mai hätten mit rund fünf Milliarden Dollar zu
Buche geschlagen, hieß es weiter. Bis zum Ende des Fiskaljahrs
zum 30. September würden die Gesamtkosten auf voraussichtlich 58
Milliarden Dollar ansteigen.
Das Haushaltsdefizit in den USA wird nach Schätzungen der
Regierung im laufenden Fiskaljahr die Rekordhöhe von fast einer
halben Billion Dollar erreichen.
Vor allem höher als erwartet ausgefallene Kosten der Kriege in
Afghanistan und im Irak sowie ein schwächeres Wirtschaftswachstum
und Steuersenkungsprogramme haben zu dem Defizit beigetragen. Das
Präsidialamt versicherte am Dienstag, bis 2006 würden die
Haushaltslöcher um die Hälfte reduziert. Die oppositionellen
Demokraten warfen der Regierung von Präsident George W. Bush
dagegen vor, mit zu rosigen Erwartungen an die wirtschaftliche
Entwicklung die Dimensionen des Defizits zu beschönigen.
Das genaue Defizit bezifferte das Präsidialamt mit 455 Milliarden
Dollar für dieses und mit 475 Milliarden Dollar für das
kommende Jahr. In den neuen Schätzungen sind den Angaben zufolge
zum ersten Mal auch die Kosten des Irak-Kriegs enthalten. Im Februar war
das Präsidialamt für dieses Jahr noch von einem Defizit in
Höhe von 304 Milliarden Dollar und für das kommende Jahr von
307 Milliarden Dollar ausgegangen.
Finanzminister John Snow sagte, das Defizit sei eine nicht
erwünschte Entwicklung, aber zu bewältigen. Es müssten
verstärkte Anstrengungen unternommen werden, die Ausgaben in den
Griff zu bekommen. Zuvor hatte auch US-Notenbankchef Alan Greenspan
erklärt, die Wirtschaft sehe sich ernsthaften Problemen
gegenüber, wenn die Ausgaben nicht unter Kontrolle gebracht
würden. Bei großen Defiziten besteht die Gefahr steigender
Zinsen, was private Investitionen hemmen könnte.
Das bislang höchste US-Defizit von 290 Milliarden Dollar wurde
1992 in der Regierungszeit von Präsident George Bush vorgelegt -
dem Vater des jetzigen Präsidenten. In den Jahren 1998 bis 2001 war
sogar ein Überschuss erzielt worden. Die oppositionellen
Demokraten sprachen von einem Defizit, das die Ausmaße einer
Katastrophe annehme und machten dafür auch die Steuerkürzungen
der Bush-Regierung verantwortlich.
Außerhalb der politischen Szene in der Hauptstadt Washington ist
das Haushaltsdefizit in der amerikanischen Öffentlichkeit bislang
kein großes Thema . Experten gehen davon aus, dass sich dies vor
der Präsidentenwahl 2004 ändern dürfte.
(Quellen: dpa,
rtr, afp, ap )
«Menschenhandel und Vergewaltigungen in Bagdad:
Frauen bleiben aus Angst zu Hause»
«Die
angespannte Sicherheitslage im Irak hat katastrophale Auswirkungen auf
Frauen und Mädchen. Zu diesem Schluss kommt die
Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in einem 17-seitigen
Bericht. Demnach ist das Versagen der irakischen Behörden und der
US-Übergangsregierung bei der öffentlichen Sicherheit schuld
an einem Anstieg bei Entführungen und Vergewaltigungen...»
("Der Standard" vom 16.07.03)
Mehr
unter:
http://derstandard.at/Palm/20030716/28.htm
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Bush noch
nicht zu US-Intervention in Liberia bereit
Mi.16.07.03 -
Vertreter von liberianischer Regierung und Rebellen haben am Dienstag
in Ghana über eine Übergangsregierung zur Beendigung des
Bürgerkriegs verhandelt. Der frühere nigerianische
Militärmachthaber Abdulsalami Abubakar, der bei den Gesprächen
vermittelt, äußerte sich optimistisch über eine rasche
politische Lösung. Der größte Teil der Arbeit sei
geschafft, sagte der General.
Beide Seiten hoffen, dass die Übergangsregierung bis zur geplanten
Ankunft westafrikanischer Friedenssoldaten in der kommenden Woche
einsatzbereit ist. Die Verhandlungen dauerten hinter verschlossenen
Türen an.
Im Weißen Haus ist unterdessen offiziell noch keine Entscheidung
über eine amerikanische Intervention im westafrikanischen
Bürgerkriegsland Liberia gefallen. UN-Diplomaten in New York
erklärten aber, US-Präsident George W. Bush habe sich offenbar
zur Entsendung einer Truppe entschlossen, die aber nur zwei oder drei
Monate vor Ort bleiben werde.
Bush will nach eigenen Angaben zunächst die Einschätzung
amerikanischer Experten abwarten, die derzeit die Lage vor Ort erkunden.
UN-Generalsekretär Kofi Annan bat Bush bei einem Treffen am Montag
erneut um die Entsendung von Truppen. Auch Rebellen und Vertreter der
liberianischen Regierung sprachen sich für ein Eingreifen der USA
aus.
Schon allein die Präsenz amerikanischer Soldaten würde zu
einer Entspannung führen, sagte Kabineh Ja'Neh, ein führendes
Mitglied der Rebellenbewegung Vereinte Liberianer für
Versöhnung und Demokratie (LURD). "Es wäre eine erhebliche
psychologische Beruhigung und würde das Ende des Krieges
signalisieren", sagte Ja'neh in Ghana.
Der liberianische Verteidigungsminister Daniel Chea warf den Rebellen
am Dienstag erneut den Bruch der Waffenruhe vor. Die Rebellen
provozierten Gefechte im Norden des Landes, sagte Chea.
Bush kündigte an, eine mögliche Beteiligung der USA an einer
Friedenstruppe werde in Umfang und Dauer begrenzt sein. Er wolle helfen,
einen Waffenstillstand durchzusetzen, fügte aber hinzu: "Bedingung
ist, dass Präsident Taylor geht." Bushs Berater erklärten,
mit einer Entscheidung des Präsidenten sei noch nicht in dieser
Woche zu rechnen.
Derzeit bewerten zwei amerikanische Teams in Liberia die
humanitäre und militärische Lage. In Sierra Leone und in
Senegal trafen drei Hubschrauber und ein Flugzeug der
US-Streitkräfte ein, mit denen die amerikanischen Experten im
Notfall aus Liberia evakuiert werden sollen.
Annan sagte, für eine Befriedung Liberias sei sowohl die
Einbeziehung der Vereinten Nationen als auch der USA notwendig. Die
westafrikanische Staatengemeinschaft ECOWAS werde voraussichtlich bis zu
2.500 Soldaten unter nigerianischer Leitung in die Krisenregion
schicken. Anschließend wolle Präsident Charles Taylor Liberia
offenbar verlassen, und dann könne die Truppe verstärkt
werden, «hoffentlich mit US-Beteiligung und weiteren Truppen der
westafrikanischen Region», sagte Annan. Schließlich
würden UN-Truppen die bisherigen Soldaten ersetzen. Ihre Zahl
werde zwischen 10.000 und 15.000 Mann liegen, verlautete aus
UN-Kreisen.
(Quelle: ap)
«Präsident George W. Bush steckt in einer
Zwickmühle des Tyrannen Charles Taylor»
«Liberias
Herrscher Charles Taylor ist unzweifelhaft ein ganz Böser. Der
Tyrann ist heute der schlimmste regierende Gewaltherrscher in Afrika,
er wird vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Sierra Leone per Haftbefehl
wegen Hunderter Massaker gesucht und verdient mit Blutdiamanten, die er
grenzübergreifend gegen Waffen und Drogen tauscht, seine Dollar.
Erstaunlicherweise ist es nun ebendieser Verbrecher, der
US-Präsident George W. Bush in eine Zwickmühle
bringt...» ("Der Standard" vom 16.07.03)
Mehr
unter:
http://derstandard.at/Palm/20030716/294.htm
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Iranische
Oppositionelle fordern Reformen
Mi.16.07.03 - In
einem offenen Brief an das geistliche Oberhaupt Irans haben 350
Oppositionelle Ayatollah Ali Chamenei zu Reformen aufgerufen. So brauche
die Justiz tiefgreifende Änderungen: "Eine der Hauptursachen
für die allgemeine Unzufriedenheit ist das ungerechte Vorgehen der
Justiz bei Festnahmen, juristischen Verfolgungen und Prozessen",
erklärten die Unterzeichner in dem in Teheran
veröffentlichten Schreiben. Zugleich forderten sie die Freilassung
der politischen Gefangenen, unter ihnen Journalisten und Studenten.
Ferner müssten Zeitungen, die ohne Verfahren geschlossen worden
seien, wieder erscheinen dürfen.
Die Unterzeichner kritisierten zudem die erzkonservativen Institutionen
des Wächterrats und des Schlichterrats. Der Wächterrat, der
wie der Schlichterrat mehrheitlich mit Gefolgsleuten von Chamenei
besetzt ist, kann jedes vom Parlament verabschiedete Gesetz wieder
aufheben. Unterschrieben wurde der Brief von Reformern, Liberalen,
Journalisten, Intellektuellen und Geistlichen. Viele von ihnen stehen
dem reformorientierten Präsidenten Mohammed Chatami nahe.
(Quelle: afp)
Internationaler
Strafgerichtshof: Fast 500 Klageschriften eingegangen
Mi.16.07.03 -
Beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) sind seit seiner
Gründung vor einem Jahr 499 Klageschriften eingegangen, wie am
Dienstag in Den Haag verlautete. Chefankläger Luis Moreno-Ocampo
wird am Mittwoch seine erste Pressekonferenz abhalten, bei der er
voraussichtlich die aussichtsreichsten Klagen vorstellt. Bevor der
einzige unbefristete Gerichtshof gegen Kriegsverbrechen seinen ersten
Fall aufnimmt, werden allerdings noch Monate an Vorermittlungen vergehen.
Obwohl Washington das Gericht nach wie vor boykottiert und seine
Gründung verhindern wollte, reichten amerikanische Bürger,
Organisationen oder Politiker 70 Klagen in Den Haag ein, wie aus einer
Erklärung des IStGH hervor geht. Mehr Klagen gingen mit 93 nur aus
Deutschland ein.
(Quelle: ap)
Frankreich
tritt Debatte über EU-Sanktionen wegen Defizits los
Mi.16.07.03 - Als
erstes Land der Euro-Zone riskiert Frankreich eine Debatte über
EU-Sanktionen wegen einer zu hohen Neuverschuldung.
Frankreichs Finanzminister Francis Mer kündigte seinen Kollegen
nach österreichischen Angaben an, die EU-Defizitgrenze im kommenden
Jahr zum dritten Mal in Folge zu brechen. Damit würde sich die
Frage nach Sanktionen stellen. Währungskommissar Pedro Solbes
sagte am Dienstag in Brüssel zwar, Mer habe zugesagt, alles zum
Einhalten der EU-Defizitgrenze von drei Prozent des Inlandsproduktes zu
tun. Doch der irische Finanzminister Charlie McCreevy und hochrangige
EU-Kreise bestätigten die Schilderung von Österreichs
Finanzminister Karl-Heinz Grasser, wonach Mer ein erneutes
Überschreiten der Defizitgrenze 2004 angekündigt habe.
Grasser forderte mit Blick auf Frankreich aber auch Deutschland, falls
Länder das dritte Mal in Folge gegen die Defizitobergrenze von drei
Prozent des Bruttoinlandsproduktes verstießen, müsse der
Sanktionsmechanismus nach dem Stabilitätspakt mit Auflagen und
notfalls Strafen folgen.
Der Stabilitäts- und Wachstumspakt soll die Stabilität des
Euro sichern und gibt den EU-Staaten Obergrenzen für
Neuverschuldung (Defizit) und den Gesamtschuldenstand vor. Bei
andauernden Verstößen gegen die Defizitvorgabe sind
verbindliche Haushaltsempfehlungen der EU-Finanzminister an das
betroffene Land vorgesehen. Werden diese nicht eingehalten, können
Kautionen und Strafen in Milliardenhöhe verhängt werden. Dies
müssten die Finanzminister mehrheitlich beschließen.
Grasser sagte, Bundesfinanzminister Hans Eichel habe am Vorabend ein
klares Bekenntnis abgelegt, im kommenden Jahr die Defizitgrenze von drei
Prozent des Bruttoinlandsproduktes wieder einzuhalten. "Davon muss man
Francis Mer unterscheiden, der gesagt hat, aus seiner Sicht wird er
ganz klar auch 2004 nicht unter drei Prozent sein." McCreevy sagte, er
wolle sich an die Vertraulichkeit der Euro-Gruppe halten, könne
Grassers Schilderung aber nicht widersprechen. Solbes sagte dagegen:
"Herr Mer hat nicht gesagt, dass sie die drei Prozent überschreiten
werden. Im Gegenteil sagte er, er werde sein bestes tun, um die drei
Prozent einzuhalten." Das französische Finanzministerium lehnte
eine Stellungnahme ab.
Eichel strebt zwar einen Abbau der Neuverschuldung auf unter drei
Prozent im kommenden Jahr, hat wegen des schwachen Wachstums nach
Einschätzung des obersten deutschen Wirtschaftsweisen aber
Schwierigkeiten. Der Vorsitzende des Sachverständigenrates in
Deutschland, Wolfgang Wiegard, sagte im Deutschlandfunk, das deutsche
Defizit werde im kommenden Jahr möglicherweise über 3,5
Prozent liegen.
Nur wenige Stunden vor dem Treffen der Euro-Gruppe am Montagabend hatte
der französische Präsident Jacques Chirac eine neue Debatte
über den EU-Stabilitäts- und Wachstumspakt entfacht und eine
zeitweise Lockerung gefordert. Mer fragte Solbes nach Angaben eines
hochrangigen Diplomaten später, wie er denn reagieren wollte, wenn
die Länder mit 75 Prozent der Wirtschaftskraft der Euro-Gruppe die
Defizitgrenze überschritten. Neben Deutschland und Frankreich droht
dies auch Italien als drittgrößter Volkswirtschaft der
Euro-Zone.
Grasser hob hervor, dass Deutschland im Gegensatz zu Frankreich sich
auch um Strukturreformen bemühe. Die Steuerreform sei vor allem
"ein Zuckerl". Frankreich verfolge dagegen eine expansive Finanzpolitik.
"Mehr Wachstum funktioniert nicht über neue Schulden", sagte
Grasser.
Die von Chirac angestoßene Debatte über eine Lockerung es
Stabilitätspaktes war bei den Finanzministern auf Widerstand
gestoßen. Auch Bundesfinanzminister Hans Eichel hatte sich gegen
eine Aufweichung des Paktes gewandt. "Wir brauchen keine Diskussion
über Lockerung oder Änderung", sagte er.
Zurückhaltend reagierten die Minister auf einen italienischen Plan
für Milliardeninvestitionen in Infrastruktur und Forschung, um das
Wachstum anzukurbeln. Bis zum Herbst soll die Europäische
Investionsbank nun eine Machbarkeitsstudie vorlegen.
(Quelle: rtr)
EU will Kampf
gegen Aids verstärken
Mi.16.07.03 - Die
Europäische Kommission will weitere hohe Millionenbeträge zur
Aids-Bekämpfung zur Verfügung stellen. Bei der
Aids-Geberkonferenz in Paris werde die EU-Kommission am Mittwoch
ankündigen, dass sie zusätzlich 388 Millionen Euro aufbringen
werde, sagte Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul der
"Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Mittwochausgabe).
Die SPD-Politikerin wies Kritik an dem europäischen Engagement im
Kampf gegen Aids zurück: Allein seit dem G-8-Gipfel in Evian Anfang
Juni hätten Kommission und Mitgliedstaaten der EU neue Zusagen von
1,3 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2007 gemacht, um die
Immunschwächekrankheit einzudämmen. Zusammen mit früher
zugesagten Mitteln komme man auf 2,57 Milliarden Dollar. "Das sind 55
Prozent aller Zusagen zur Aids-Bekämpfung", betonte Wieczorek-Zeul.
Ankündigungen aus den USA, mehrere Milliarden Dollar zur
Verfügung stellen zu wollen, nahm die Ministerin mit Skepsis auf:
"Da muss man Dichtung und Wahrheit unterscheiden. Das eine sind
angekündigte Mittel, und das andere sind die Mittel, die man im
Haushalt wiederfindet", sagte die SPD-Politikerin.
(Quelle: ap)
Aids-Organisationen
fordern mehr Geld von Deutschland
Mi.16.07.03 -
Mehrere Hilfsorganisationen haben die Bundesregierung aufgefordert,
deutlich mehr Geld in den Weltgesundheitsfonds zur Bekämpfung von
Aids, Tuberkulose und Malaria einzuzahlen. Der Aufruf steht vor dem
Hintergrund einer Sitzung des Fonds an diesem Mittwoch in Paris.
Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" bedauerte am Dienstag, dass
Berlin die von der EU für 2004 geplante Bereitstellung "von einer
Milliarde Dollar (900 Millionen Euro) für den Aids-Fonds weiterhin
blockiert". Ohne weitere Zusagen für dieses und das kommende Jahr
werde der Fonds seine Arbeit einstellen müssen.
Auch die Organisation World Vision, das Deutsche Institut für
Ärztliche Mission und das Aktionsbündnis gegen Aids riefen die
Bundesregierung auf, den Kampf gegen Aids noch ernster zu nehmen und
die dringend benötigten Mittel zur Verfügung zu stellen. Der
Fonds brauche bis Ende 2004 drei Milliarden Dollar (2,7 Milliarden
Euro). Beim G-8-Gipfel Anfang Juni hätten die meisten
europäischen Staats- und Regierungschefs zugestimmt, dem
Weltgesundheitsfonds für das kommenden Jahr gemeinsam eine
Milliarde Dollar zu geben. Die Bundesregierung behindere bislang dieses
Vorhaben.
"Von einer Blockadehaltung Deutschlands zu sprechen, ist schlicht und
einfach falsch", wies Sprecherin Barbara Wieland vom Ministerium
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die
Vorwürfe zurück. Erst vor kurzem habe die Bundesregierung den
2002 zugesagten Beitrag an den Fonds von 200 Millionen Euro bis zum Jahr
2007 um 100 Millionen Euro aufgestockt. "Alle Behauptungen, die jetzige
Regierung leiste nicht genug im Kampf gegen Aids, gehen an der
Wirklichkeit vorbei." Die Organisation Ärzte ohne Grenzen hatte
Berlin aufgefordert, "noch im laufenden Jahr zusätzliche 100
Millionen Euro bereitzustellen."
Unterdessen forderte die Weltgesundheitsorganisation WHO eine breite
und kostenlose Tuberkulose-Behandlung für HIV-Infizierte, weil die
Tuberkulose die häufigste Todesursache für Aids-Kranke sei.
Die Behandlung mit einem Medikamenten-Cocktail gegen Tuberkulose koste
nur zehn Dollar pro Patient und heile diese Krankheit in mehr als 95
Prozent aller Fälle, berichtete der Tuberkulose-Fachbereichsleiter
der WHO, Mario Raviglione, am Dienstag in Paris. Die HIV-Ausbreitung
trage wesentlich zur zunehmenden Tuberkulose-Epidemie bei. Ein Drittel
aller Menschen mit HIV sei auch Tuberkulose-infiziert. Etwa 90 Prozent
von ihnen stürben ohne angemessene Behandlung in nur wenigen
Monaten, nachdem sie an der Tuberkulose erkrankt seien.
(Quelle: dpa)
«Stichwort: Aids»
Aids
steht für das «Acquired Immune Deficiency Syndrome»
(erworbene Immunschwäche). Dieser Name bezeichnet das Vollbild
einer unheilbaren Krankheit, deren Ursache der Zusammenbruch des
Immunsystems ist. Aids-Erreger ist das Humane Immunschwäche-Virus
(HIV).
Dieses 1983 erstmals isolierte Virus vermehrt sich in einer besonderen
Klasse von Immunzellen, den T-Helfer-Zellen, und vernichtet sie dabei.
Sie erkennen für gewöhnlich eingedrungene Fremdkörper und
mobilisieren das Abwehrsystem. Mediziner vergleichen diese Attacke mit
einem «Feuer bei der Feuerwehr». Ohne die
übergeordnete Hilfe der T-Helfer-Zellen wird der Körper
für viele Krankheitserreger «blind».
In der Folge können sich zahlreiche andere Krankheiten weitgehend
ungehemmt im Körper ausbreiten. Einst harmlose Infektionen werden
für den Patienten damit zur tödlichen Bedrohung. Aids ist
bislang nicht heilbar. Der Ausbruch und die Symptome lassen sich mit
Medikamenten allenfalls herauszögern.
Von HIV gibt es zwei Typen (HIV-1 und HIV-2) und mehreren Subtypen.
Alle werden durch infizierte Körperflüssigkeiten wie Blut und
Sperma übertragen. Das kann bei ungeschütztem
Geschlechtsverkehr, durch gemeinsamen Gebrauch von Spritzen oder
verseuchte Blutprodukte geschehen. HIV-positive Mütter können
ihre Kinder während der Schwangerschaft, der Geburt und beim
Stillen anstecken.
(Quelle:
dpa)
«20 Millionen Tote, 40 Millionen Infizierte»
Mehr als
20 Millionen Menschen sind seit dem Beginn der globalen Aidsepidemie an
der tödlichen Immunschwäche gestorben. Das schätzt das
Aidsbekämpfungsprogramm UNAIDS der Vereinten Nationen. Ende 2002
trugen demnach 42 Millionen Menschen das Virus in sich, darunter 3,2
Millionen Kinder unter 15 Jahren. 5 Millionen Menschen haben sich 2002
infiziert. 3,1 Millionen starben in dieser Zeit daran.
Aids wütet besonders in den armen Länder Afrikas südlich
der Sahara. Ende 2002 bezifferte UNAIDS die Zahl der dort mit HIV
lebenden Menschen auf 29,4 Millionen. Mit großem Abstand folgen
die Staaten Süd- und Südostasiens mit 6 Millionen. Besorgt ist
UNAIDS auch mit Blick auf Osteuropa und Zentralasien. Zwar sind die
absoluten Zahlen mit 1,2 Millionen HIV-Infizierten vergleichsweise
gering. Dafür werden hier die höchsten Zuwachsraten
verzeichnet.
In Europa, Nordamerika und Australien leben rund 1,5 Millionen
Infizierte. Die Ziffern legen leicht zu, Ursache ist nach Angaben der
Aidsforscher die vernachlässigte Vorsorge.
UNAIDS schätzt, dass in den nächsten zwei Jahrzehnten
weltweit rund 70 Millionen Menschen an Aids sterben werden - besonders
gefährdet sind junge, schlecht informierte Menschen.
(Quelle:
dpa)
«Zwanzig Jahre nach der Entdeckung des Aidsvirus ist
Hilfe nicht in Sicht»
Zu Beginn
der dritten Dekade der globalen Epidemie wütet die
Immunschwäche ungebremst: 42 Millionen Menschen haben das Virus im
Blut. Mehr als 20 Millionen sind bereits daran gestorben. Obwohl die
Arbeitsgruppen von Luc Montagnier (Frankreich) und Robert Gallo (USA)
bereits am 20. Mai 1983 im Fachblatt «Science» erstmals
über die Isolierung der Aidsviren berichteten, ist ein Impfstoff
nicht absehbar.
Die Immunschwäche sucht besonders die Armen heim, weniger als vier
Prozent von ihnen bekommen die nötigen Medikamente. Forscher machen
zwar Fortschritte, zum Beispiel mit dem neuen Wirkstoff Enfuvirtide. Er
wurde im März in den USA zugelassen und soll verhindern, dass die
tödlichen Viren in die weißen Blutkörperchen eindringen
und sie umbringen. Ohne diese Helferzellen kann das Immunsystem die
Angriffe anderer Krankheitserreger nicht mehr parieren. Aber
Enfuvirtide ist ein Medikament ausschließlich für Reiche:
Die Behandlung soll rund 20 000 Dollar pro Jahr kosten. Für die
fast 30 Millionen HIV- Infizierten in Afrika südlich der Sahara
ist das keine Alternative, ebenso wenig wie für die Betroffenen in
Osteuropa und Zentralasien.
Dabei wäre Hilfe gerade dort besonders nötig: Drei Viertel
aller HIV-Infizierten leben in Afrika. Ohne Behandlung werden die
meisten das nächste Jahrzehnt nicht erleben, täglich sterben
mehr als 6000 von ihnen. Die Aidsepidemie gefährdet darüber
hinaus Demokratie und Wirtschaft und damit die Stabilität
zahlreicher afrikanischer Staaten. Und Besserung ist nicht in Sicht. Die
Krankheit weitet sich immer noch schneller aus als das Bewusstsein
dafür in der Bevölkerung und die Anti-Aids-Programme der
Regierungen. In nicht einmal zehn Jahren wird die Immunschwäche
Schätzungen zufolge in Schwarzafrika 20 Millionen Kinder zu Waisen
gemacht und die Wirtschaftskraft um ein Fünftel geschwächt
haben.
Gleichzeitig droht an ganz anderer Stelle ein neuer Brennpunkt:
Nirgendwo verbreitet sich Aids derzeit schneller als in Osteuropa. Die
Region steht am Rande einer bedrohlichen Epidemie - mit unabsehbaren
Folgen für viele Millionen Menschen. 2002 gab es dort rund 250 000
neue Infektionen, was die Zahl der Betroffenen auf rund 1,2 Millionen
schraubte, berichtet das UN-Aidsbekämpfungsprogramm UNAIDS. Allein
in der Russischen Föderation hat sich die Immunschwäche in
weniger als acht Jahren auf 86 der 89 Regionen verbreitet.
Der ehemalige Ostblock blieb auf Grund seiner politischen Isolation
zunächst einige Zeit von der globalen Aidsepidemie verschont. Seit
Mitte der 90er Jahren jedoch wendet sich das Blatt für die rund 410
Millionen Menschen in den Staaten Osteuropas und Zentralasiens.
Eine Studie in der russischen Stadt Togliatti, etwa 1000 Kilometer
südöstlich von Moskau, brachte Ende 2001 nach UNAIDS-Angaben
ein schockierendes Ergebnis: 56 Prozent der Teilnehmer waren
HIV-positiv. Drei Viertel wussten nichts davon. Und ein Viertel aller
Prostituierten, die an der Nadel hängen, benutzt keine Kondome.
Diese Ergebnisse ließen befürchten, dass die Lage in Russland
und den benachbarten Regionen viel ernster sei, als es die ohnehin
bereits hohen Zahlen offizieller Stellen zeigen. In Aserbaidschan und
Usbekistan hätten ein Drittel aller jungen Frauen im Alter
zwischen 15 und 24 Jahren noch nie von Aids gehört, berichtet
UNAIDS.
«Es ist absehbar, dass viele Menschen gerade in jenen
Ländern (Osteuropas und Asiens) Hilfe brauchen werden, in denen das
Gesundheitssystem zusammengebrochen ist», warnen auch
Françoise Hamers und Angela Downs von der Europäischen
Aidsüberwachung EuroHIV in einer Analyse für das britische
Fachblatt «The Lancet» (Bd. 361, S. 1035). Sie hatten die
Verbreitung von Aids in den 27 Ländern des ehemaligen Ostblocks
untersucht.
Laut UNAIDS breitet sich das Aidsvirus dort besonders durch gebrauchte
Nadeln aus. In Weißrussland und der Ukraine spielen aber
verstärkt heterosexuelle Kontakte eine Rolle. Auch dies trug dazu
bei, dass bereits ein Prozent der Ukrainer HIV-positiv ist - dies ist
der höchste Anteil in ganz Europa. Viele Frauen müssten sich
prostituieren, um zu überleben, berichtet EuroHIV. Etliche von
ihnen wanderten dazu nach Westen und verbreiteten das Virus damit
ebenfalls weiter.
(Quelle:
dpa)
«Mediziner haben noch kein Medikament gefunden, mit
dem sich das Aidsvirus HIV aus dem Körper treiben lässt»
HIV kann
in den befallenen Abwehrzellen, dem Gehirn oder im Geschlechtstrakt
lange Zeit überleben. Infizierte und Kranke sind daher ein Leben
lang auf Medikamente angewiesen. Diese Substanzen werden in vier
große Klassen eingeteilt. Ihr Angriffsziel sind die Enzyme der
Viren, mit denen sie in die Zelle eindringen und sich vermehren. Der
erst im März zugelassene Wirkstoff Enfuvirtide blockiert bereits
das Eindringen der Viren in die Immunzellen.
Das Aidsvirus bringt seine Erbinformation nicht in Form von DNA
(Desoxyribonukleinsäure) mit in die Zelle. Es enthält die
chemisch verwandte RNA (Ribonukleinsäure). Das Virus-Enzym Reverse
Transkriptase schreibt diese RNA erst in der infizierten Zelle in DNA
um. Nur diese wird in das Erbgut des Menschen eingebaut und dient als
Bauanleitung für neue Viren.
1.) Die Gruppe der NICHT-NUKLEOSIDISCHEN REVERSE-TRANSKRIPTASE- HEMMER
heftet sich an die Reverse Transkriptase und behindert damit ihre
Arbeit. Auf diese Weise entsteht keine DNA-Kopie des Viren- Genoms.
2.) Die künstlichen Verbindungen aus der Gruppe der
NUKLEOSIDISCHEN REVERSE-TRANSKRIPTASE-HEMMER ähneln den einzelnen
chemischen Bestandteilen von RNA und DNA. Werden statt der
natürlichen diese «falschen» Bausteine in die
entstehende Erbsubstanz eingebaut, stockt die Vermehrung der Viren
ebenfalls.
3.) Die PROTEASE-INHIBITOREN greifen in den letzten Schritt der
Virusvermehrung ein. Um aus den in der Zelle entstandenen einzelnen
Viren-Komponenten neue, vollständige Partikel zusammenzubauen, ist
das Enzym Protease notwendig. Wenn dieses Werkzeug der Zelle blockiert
ist, zum Beispiel durch die Anlagerung eines Wirkstoffes, können
keine neuen Viren zusammengebaut werden.
4.) FUSIONSINHIBITOREN greifen ein, bevor das Virus in die Zellen
gelangt. Sie blockieren die Anlagerung von HIV an der Außenseite
der Immunzellen.
Ein Mix aus Medikamenten aller Klassen soll verhindern, dass die Viren
resistent werden. Diese Kombinationstherapie, genannt HAART (Highly
Active Anti-Retroviral Therapy), senkt die Sterberate und kann bei
HIV-Infizierten den Krankheitsausbruch verzögern.
(Quelle:
dpa)
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«Süddeutsche
Zeitung»: Vier Milliarden mehr Schulden für Steuerreform
Mi.16.07.03 -
Finanzminister Hans Eichel (SPD) will das Vorziehen der Steuerreform
nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" (Mittwoch)
größtenteils über Kredite finanzieren. Die
Neuverschuldung solle gegenüber dem ursprünglichen Ansatz ohne
Reform um etwa 4 Milliarden auf rund 28 Milliarden Euro steigen. Die
Zeitung berief sich dabei Kreise des Bundesfinanzministeriums.
Der Sprecher des Ministeriums, Jörg Müller, wollte die
Darstellung der Zeitung nicht bestätigen. Aus Ministeriumskreisen
hieß es jedoch, Eichel wolle seine Eckpunkte an diesem Mittwoch
vorstellen. Der Minister hatte bis zum Abend regierungsinterne
Abstimmungsgespräche unter anderm im Kanzleramt geführt.
Inhalte des Finanzierungskonzepts waren am Abend noch nicht zu erhalten.
(Quelle: dpa)
Währungsfonds
unterstützt Vorziehen der Steuerreform
IWF: 2003 stagniert deutsche Wirtschaftsleistung
Mi.16.07.03 - Die
Bundesregierung hat vom Internationalen Währungsfonds (IWF)
Unterstützung für ein Vorziehen der Steuerreform erhalten.
Angesichts des unsicheren Konjunkturausblicks für Deutschland habe
der Fonds den Plan begrüßt, die Steuern bereits im kommenden
Jahr deutlich zu senken, hieß es den am Dienstag
veröffentlichen Schlussfolgerungen des IWF. Die Wirtschaft brauche
2004 diesen Impuls. Dabei dürfe das Ziel einer nachhaltigen
Konsolidierung jedoch nicht in Frage gezogen werden. Das Institut
für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) rechnet mit allerdings nur
kurzfristigen Wachstumseffekten durch die Steuersenkungen.
Nach Aussagen eines Sprechers will Bundesfinanzminister Hans Eichel
(SPD) noch im Laufe der Woche Details für eine Gegenfinanzierung
vorlegen. Während der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende
Joachim Poß sich dafür aussprach, die Einnahmeausfälle
vor allem mit Schulden zu finanzieren, warnte der Vorsitzende der
Wirtschaftsweisen, Wolfgang Wiegard, vor einem solchen Vorhaben. Indes
sprachen sich weitere CDU-Ministerpräsidenten dafür aus, eine
begrenzte Neuverschuldung zur Finanzierung des Steuerschritts
hinzunehmen.
Der IWF senkte seine Wachstumsprognose nach den turnusmäßig
anstehenden Konsultationen deutlich. Man erwarte nun im laufenden Jahr
eine stagnierende Wirtschaftsleistung, hieß es in dem Bericht.
Zuvor war der Fonds noch von einer Zunahme des Bruttoinlandproduktes
(BIP) um 0,5 Prozent ausgegangen. Für 2004 senkte der IWF seine
Prognose um 0,4 Prozentpunkte auf rund 1,5 Prozent gesenkt. Diese
Erwartung sei aber mit Risiken behaftet.
Neben dem Vorziehen der Steuerreform mahnte der Fonds eine konsequente
Umsetzung der begonnenen Reformen der sozialen Sicherungssysteme und des
Arbeitsmarktes sowie eine nachhaltige Konsolidierung der
öffentliche Haushalte an. Dass die Bundesregierung sich hierbei
stärker auf das strukturelle Defizit konzentriere, sei zu
begrüßen.
Um Vertrauensverluste bei den Steuerzahlern zu vermeiden und positive
Impulse zu geben, darf auch das Ziel einer nachhaltigen Konsolidierung
nach Aussagen des IWF nicht in Zweifel gezogen werden. Dabei könne
in Kauf genommen werden, dass das strukturelle Defizit 2004 nicht sinke.
Eine Prognose des für 2004 zu erwartenden Haushaltsdefizits halte
der Fonds derzeit nicht für sinnvoll. Es sei jedoch eine
Herausforderung mit den geplanten Steuersenkungen, die Vorgaben des
europäischen Stabilitäts- und Wachstumspaktes einzuhalten.
Nach Einschätzung des IWH wird das geplante Vorziehen der
ursprünglich für 2005 geplanten Steuerentlastungen legiglich
zu Beginn einen Impuls geben. Dieser werde zudem in seiner Wirkung
begrenzt sein: "Die Nachfrageschwäche im Inland wird dadurch aber
nur vorübergehend gemildert werden." Unter der Annahme, dass das
Vorziehen der Steuerreform teils über Kredite finanziert wird,
werde das deutsche Staatsdefizit im kommenden Jahr bei 3,4 Prozent
liegen, während es im laufenden Jahr 3,9 Prozent des BIP betragen
werde. Damit würde Deutschland zum dritten Mal in Folge die
europäisch festgelegte Defizitobergrenze von drei Prozent
verletzen. Dies könnte zu Geldstrafen durch die Europäische
Union führen.
Das Finanzministerium zeigte sich zufrieden über den Bericht des
IWF. Die Bundesregierung sehe sich in ihrer finanz- und
wirtschaftspolitischen Strategie bestätigt. Jetzt seien alle
politischen Kräfte in Deutschland gefordert, die geplanten
Maßnahmen umzusetzen. Zugleich kündigte ein Sprecher Eichels
an, der Minister werde in den kommenden Tagen konkrete Vorschläge
zur Gegenfinanzierung der vorgezogenen Steuerreformstufe machen.
Der SPD-Finanzpolitiker Poß sagte dem ZDF, er lehne eine zu
starke Gegenfinanzierung durch Subventionsabbau und
Steuervergünstigungen ab: "Der kurzfristige Effekt ist dann am
stärksten, wenn wir die Gegenfinanzierung gering halten im
nächsten Jahr." Ähnlich äußerte sich der DGB. Der
Wirtschaftsweise Wiegard warnte hingegen vor einer Finanzierung durch
neue Kredite. Dies würde die deutsche Defizitquote auch 2004
über die europäische Drei-Prozent-Marke treiben. Die
CDU-Regierungschefs von Hamburg und Thüringen, Ole von Beust und
Dieter Althaus, erklärten, begrenzt höhere Schulden zur
Finanzierung der Reform seien hinnehmbar.
(Quelle: rtr)
«Stichwort: Steuerreform»
Die
Bundesregierung hatte im Jahr 2000 eine dreistufige Steuerreform
beschlossen, die eine bis 2005 ansteigende Steuerentlastung vorsieht.
2001 trat die erste Stufe in Kraft: Der Eingangssteuersatz sank von 22,9
Prozent auf heute 19,9 Prozent, der Spitzensteuersatz von 51 auf 48,5
Prozent.
In diesem Jahr 2003 sollte die zweite Stufe der Reform in Kraft treten.
Dies wurde aber wegen der notwendigen Hilfen für die Opfer der
Flutkatastrophe auf 2004 verschoben. Sie sieht eine Steuerentlastung von
rund sieben Milliarden Euro vor. Der untere Steuersatz sollte damit auf
17 Prozent und der Höchststeuersatz auf 47 Prozent gesenkt werden.
Diese Stufe soll mit dem Vorziehen der dritten und letzten Stufe von
2005 auf 2004 Steuerreform nun quasi übersprungen werden: Der
Eingangssteuersatzes würde damit direkt auf 15 Prozent und der
Höchststeuersatz auf 45 Prozent sinken. Zugleich würde das
steuerfreie Existenzminimum (Grundfreibetrag) auf 7664 Euro steigen. Es
sollte mit der zweiten Reformstufe 2004 zunächst nur von jetzt 7206
auf 7426 Euro angehoben werden.
Für Bund, Länder und Gemeinden bedeutet das Vorziehen der
dritten Reformstufe im kommenden Jahr Steuerausfälle von insgesamt
knapp 18 Milliarden Euro. Davon müssen Bund und Länder jeweils
sieben bis acht und die Kommunen zwei Milliarden Euro tragen.
(Quelle:
dpa)
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Baden-Württemberg:
Ministerpräsident Teufel hält 41-Stunden-Woche für
zumutbar
Mi.16.07.03 - Der
baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel
hält eine Wochenarbeitszeit von 41 Stunden für alle
Beschäftigten für zumutbar. Dies sei zwar Sache der
Tarifpartner, sagte der CDU-Politiker den "Stuttgarter Nachrichten"
(Mittwochausgabe): "Sie können aber aus meiner Haltung
gegenüber den Beamten, für die ich zuständig bin, sehr
wohl entnehmen, was ich für denkbar halte: Dort haben wir ab Herbst
eine 41-Stunden-Woche."
Teufel verwies auf die Schweiz, die trotz gleich hoher Löhne weit
günstigere Lohnstückkasten habe. Dort glaube man, sich eine so
niedrige Arbeitszeit wie in Deutschland nicht erlauben zu können.
Den Bürgern sei zudem eher eine längere Arbeitszeit als eine
Lohnkürzung zuzumuten, betonte der Regierungschef. Zuvor hatte
sich bereits der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident
Edmund Stoiber für eine Verlängerung der wöchentlichen
Arbeitszeit um zwei bis drei Stunden ausgesprochen.
(Quelle: dpa)
Beamte
müssen den Gürtel enger schnallen
Mi.16.07.03 - Die
Beamten in den allermeisten Bundesländern müssen den
Gürtel enger schnallen. Zum Teil noch in diesem Jahr sind quer
durch die Republik Einschnitte beim Weihnachts- und Urlaubsgeld bis hin
zur völligen Streichung geplant, wie eine Länderumfrage der
Nachrichtenagentur AP am Dienstag ergab. Dabei machen die Länder
Gebrauch von der erst am Freitag vom Bundesrat mit dem Besoldungsgesetz
verabschiedeten Öffnungsklausel, die den Landesregierungen die
Entscheidung über die Kürzung so genannter Sonderzahlungen
überlässt.
Einschnitte sind nach der Umfrage geplant und zum Teil schon
beschlossen in Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Hessen,
Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen,
Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. In vielen Ländern sind
soziale Komponenten enthalten. Vereinzelt ist auch Mehrarbeit geplant.
Vollständig gestrichen wird das Urlaubsgeld ab nächstem Jahr
in Baden-Württemberg, Berlin, Niedersachsen und
Nordrhein-Westfalen. Für höhere Einkommensgruppen
entfällt das Urlaubsgeld auch in Hamburg und Schleswig-Holstein.
In Bayern, Brandenburg, Bremen und Rheinland-Pfalz gibt es erste
Überlegungen zu Kürzungen. Das Saarland, Sachsen und
Thüringen wollen sich frühestens im Herbst mit dem Thema
befassen.
Baden-Württemberg will ab 2004 das Weihnachtsgeld für die
rund 183.000 Landesbeamten von 86 auf 64 Prozent eines Monatsgehalts
senken und nicht mehr zusätzlich auszahlen, sondern in die
zwölf Gehälter einfließen lassen. Im laufenden Jahr 2003
soll das Weihnachtsgeld einmalig noch niedriger ausfallen, um das
bereits ausbezahlte Urlaubsgeld auszugleichen. Einschließlich der
Streichung des Urlaubsgeldes sollen damit 270 Millionen Euro
jährlich gespart werden.
In Berlin, das im Bundesrat die Öffnungsklausel beantragt hatte,
bekommen die rund 76.000 Beamten an Weihnachtsgeld nur noch den
einheitlichen Sockelbetrag von 640 Euro plus 25,56 Euro Zuschlag pro
Kind. Einschließlich der Streichung des Urlaubsgeldes will der
Senat will damit 220 Millionen Euro sparen.
Hamburg will nach einem am Dienstag dem Senat vorgelegten Gesetzentwurf
neben der Streichung des Urlaubsgeldes für höhere
Besoldungsgruppen das Weihnachtsgeld gestaffelt auf maximal 66 Prozent
des Grundbetrags senken.
Die hessische Landesregierung will das Weihnachtsgeld für die rund
90.000 Beamten von derzeit 84,29 Prozent auf 60 bis 64,8 Prozent eines
Monatslohns senken. Das Einsparvolumen wird auf etwa 92 Millionen Euro
geschätzt.
In Mecklenburg-Vorpommern wird das Weihnachtsgeld gestaffelt um 40 bis
46 Prozent für die rund 15.000 Beamten reduziert. Mit
Kürzungen bei Angestellten und Arbeitern werden insgesamt acht
Millionen Euro eingespart.
Für die rund 123.000 Beamten in Niedersachsen sinkt das
Weihnachtsgeld 2003 von 85 auf 65 Prozent und 2004 auf 50 Prozent eines
Monatsgehalts. Mit der Streichung des Urlaubsgeld sollen damit 205
Millionen Euro jährlich gespart werden. Am Dienstag demonstrierten
bereits niedersächsische Beamte gegen die Kürzungen.
In Nordrhein-Westfalen sinkt das Weihnachtsgeld für die rund
257.000 Landesbeamten von bisher 86 Prozent eines Monatsentgelts auf 50
bis maximal 60 Prozent, entsprechend einer Einsparung von 280 Millionen
Euro. Der Wegfall des Urlaubsgelds soll 63 Millionen Euro bringen.
Die Beamten in Sachsen-Anhalt müssen sich laut «Berliner
Zeitung» schon in diesem Jahr auf Kürzungen beim
Weihnachtsgeld einstellen. Ministerpräsident Wolfgang Böhmer
(CDU) will ein Kürzungsgesetz bis Ende Oktober durch den Landtag
bringen.
Schleswig-Holstein will mit einer gestaffelten Kürzung des
Weihnachtsgeldes von 86 auf 60 bis 70 Prozent eines Monatsgehalts rund
35 Millionen Euro sparen.
(Quelle: ap)
Experten:
Angst vor Arbeitslosigkeit hält Krankenstand niedrig
Krankmeldungen im Westen auf tiefstem Stand seit 1974
Mi.16.07.03 - Mit
knapp vier Tagen ist der krankheitsbedingte Ausfall deutscher
Arbeitnehmer im ersten Halbjahr 2003 auf den tiefsten Stand seit der
Wiedervereinigung gesunken. In Westdeutschland fiel die Zahl sogar auf
den niedrigsten Wert seit 1974
Knapp 3,66 Prozent der Sollarbeitszeit fehlten Arbeitnehmer in
Deutschland laut einer in Berlin vorgelegten Statistik des
Gesundheitsministeriums. Damit setzt sich ein seit Jahren bestehender
Trend fort: In der wirtschaftlichen Krise sinkt der Krankenstand.
"Dabei sind die Menschen in der Krise nicht gesünder als sonst",
sagt der Gesundheitsschutz-Experte vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB)
in Berlin, Wolfgang Hien. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes
führe aber dazu, dass auch Kranke zur Arbeit gehen. Dabei belaste
die wirtschaftliche Krise die Gesundheit zusätzlich.
Vor allem bei leichten Erkrankungen, trauen sich zur Zeit wenige, zu
Hause zu bleiben: "Neun von zehn Beschäftigten gehen auch dann zur
Arbeit, wenn sie sich nicht gut fühlen, Schnupfen oder
Kopfschmerzen haben", sagt der Marktforscher Klaus Zok vom
Wissenschaftlichen Institut (WIdO) der Allgemeinen Ortskrankenkassen
(AOK) in Bonn. Das habe eine repräsentative Umfrage unter rund 2000
Arbeitnehmern zwischen 16 und 65 Jahren ergeben. Gut 70 Prozent sind
danach im vergangenen Jahr zur Arbeit gegangen, obwohl sie sich
"richtig krank" fühlten.
Motivation sei dabei für die meisten die Angst um den
Arbeitsplatz: Knapp drei Viertel (74 Prozent) gaben dies als Grund an,
sich bei Krankmeldungen zurückzuhalten."Selbst wenn kein Chef sagen
wird 'Ich feuere Sie, wenn Sie zu oft krank sind' haben viele
Beschäftigte Angst vor der unsichtbaren Schwarzen Liste der
Mitarbeiter, die oft krank sind oder als leistungsschwach gelten",
bestätigt DGB-Experte Hien. Selbst wenn diese Angst
unbegründet ist, sei bei vielen "vorauseilender Gehorsam" zu
beobachten, und es werde mehr gearbeitet.
Dabei belastet die Angst vor der Arbeitslosigkeit allein bereits die
Gesundheit der Arbeitnehmer: "Weil die Sicherheit des eigenen
Arbeitsplatzes Umfragen zufolge eine besonders große Bedeutung
für Beschäftigte hat, erzeugen unsichere Situationen und
Stress große psychische Belastungen", sagt Marktforscher Zok. Und
das hat laut Hien Folgen: "Psychische und psychosomatische Krankheiten
werden als Gründe für eine Frühverrentung immer
häufiger."
Deshalb hält der DGB-Referatsleiter den zur Zeit geringen
Krankenstand für "Besorgnis erregend niedrig" und schlecht für
die "Volksgesundheit": "Krankheiten werden verschleppt oder es
entstehen sogar neue", sagt Hien. Ähnliche Gefahren sieht auch
Marktforscher Zok: "Besonders bedenklich ist, dass rund 30 Prozent der
Befragten angaben, auch gegen den Rat ihres Arztes zur Arbeit zu gehen."
Neben der Angst um den Arbeitsplatz senken aber Experten zufolge auch
positive Veränderungen den Krankenstand:
"Fördermaßnahmen wie Rückenschulen steigern in vielen
Unternehmen die Gesundheit der Mitarbeiter", sagt Zok. Und das
Gesundheitsministerium führt die wenigen Fehltage im ersten
Halbjahr dieses Jahres neben statistischen Besonderheiten vor allem auf
einen Strukturwandel zurück. So sinke der Arbeiteranteil in
Industrie und Bauwesen, wo schwere körperliche Arbeit zu verrichten
ist und überdurchschnittlich hohe Krankenstände registriert
werden
(Quelle: dpa)
Forscher
erwartet Anstieg der Lebenserwartung auf 90 Jahre
Mi.16.07.03 - Die
Lebenserwartung der Menschen in Deutschland wird nach Ansicht von
Experten weiter steigen. Nach Berechnungen des Kölner
Statistik-Professors Eckart Bomsdorf wird die Lebenserwartung von
Mädchen bis zum Geburtsjahrgang 2050 auf über 90 Jahre
steigen, die von Jungen auf etwas unter 90 Jahre. Heute in Deutschland
geborene Frauen können durchschnittlich 86,5 Jahre alt werden,
Männer knapp 80 Jahre, wie Bomsdorf am Dienstag erläuterte.
Grund für die Entwicklung seien gesündere Lebensweise und der
medizinisch-technische Fortschritt, sagte der Wissenschaftler. "Die
Sterblichkeit zwischen 40 und 50 Jahren ist so gering, die kann man kaum
noch niedriger bekommen." Und auch in höherem Alter gehe die
Sterblichkeit zurück.
Bomsdorf warnte vor den massiven gesellschaftlichen und politischen
Folgen des demographischen Wandels. So müsse der Beitragssatz zur
gesetzlichen Krankenversicherung in 20 Jahren auf 17 bis 19 Prozent
steigen, weil die Medizin teurer werde. Was jetzt bei der
Gesundheitsreform passiere, sei Kosmetik, sagte Bomsdorf. Auch sei es
zwingend notwendig, die Regelaltersgrenze in den gesetzlichen
Alterssicherungssystemen schrittweise anzuheben, um ein
vernünftiges Verhältnis zwischen Lebensarbeitszeit und
Rentenbezugszeit herzustellen, erklärte der Professor.
(Quelle: ap)
Offenbar
Dissens in Bundesregierung über Gentechnik-Gesetz
Mi.16.07.03 -
Gegensätzliche Positionen in der Bundesregierung zur Neuregelung
des Gentechnik-Gesetzes könnten den Anbau gentechnisch
veränderter Pflanzen (GVO) in Deutschland weiter verzögern.
Hauptstreitpunkt in der laufenden Ressortabstimmung sind
Koalitionskreisen zufolge die Haftungsregeln für den Anbau von
Gen-Pflanzen. Der Reuters-Nachrichtenagentur vorliegende Gesetzentwurf
sieht bislang vor, dass die GVO-Anbauer für eventuelle Schäden
aufkommen sollen, wenn ihre Gen-Pflanzen auf GVO-freie
Anbauflächen anderer Landwirte übergreifen und diesen
Ertragseinbußen verursachen. Während Verbraucherministerin
Renate Künast (Grüne) auf dem Verursacherprinzip im Gesetz
bestehe, sei das Justizministerium gegen eine solche Festlegung,
hieß es in den Kreisen. "Da gibt es zwischen den Ressorts einen
Dissens. Der muss jetzt ausgetragen werden", hieß es weiter.
Bislang war den Kreisen zufolge geplant, das Gesetz Ende August im
Kabinett zu verabschieden. Ein Streit um die Haftungsregeln könnte
eine Regelung, auf die die GVO-orienierte Biotech-Branche seit langem
dringt, jedoch weiter verzögern. Ein Sprecher des Agrarministeriums
sagte lediglich, die Novelle sei derzeit in der Ressortabstimmung. Zu
Details wolle er sich nicht äußern. Eine Sprecherin des
Justizministeriums sagte, interne Ressortabstimmungen würden
grundsätzlich nicht kommentiert.
In der Europäischen Union (EU) gilt seit 1998 ein De-Facto-Verbot
für gentechnisch veränderte Pflanzen. In diesem Jahr soll das
Verbot jedoch durch Neuregelungen auf Ebene der EU und in ihren
Mitgliedstaaten aufgehoben werden. Das Europäische Parlament
verabschiedete Anfang Juli in einem ersten Schritt eine Regelung, die
die Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel vorschreibt.
Die USA dringen auf eine Öffnung des EU-Markts für
Gen-Produkte und haben bei der Welthandelsorganisation Beschwerde
eingelegt. Auch die Biotech-Branche in Deutschland, zu der
Branchenriesen wie Bayer CropScience und BASF zählen, fordert eine
Aufhebung des Moratoriums. Die Branche hält die geltenden
zivilrechtlichen Haftungsregeln für die Koexistenz von GVO-Anbau
und GVO-freiem Anbau für ausreichend. Neue Regeln seien nicht
erforderlich und hätten zudem nichts in einem Gentechnik-Gesetz zu
suchen, sagte eine Expertin des Industrieverband Agrar. Es bestehe die
Gefahr, dass Deutschland mit einem Streit um Haftungsregeln den
Anschluss an die internationale Entwicklung bei GVO verliere.
Außerhalb der EU steigt der GVO-Anbau stark an. Derzeit werden 60
Millionen Hektar gentechnisch veränderter Pflanzen angebaut, davon
rund die Hälfte in den USA. Auch Länder wie China und Indien
suchen den Anschluss. China hat als weltweit größter
Baumwollproduzent bereits mehr als die Hälfte seines Anbaus
umgestellt. Auf einer Fläche, die zweimal so groß ist wie
Belgien, wächst schon insektenresistente GVO-Baumwolle, die den
Schädlingsbefall eindämmen und die Ernte verbessern soll.
(Quelle: rtr)
«Blick ins Archiv»
Gentechnik:
Bayer verweigert Haftung für Genpflanzen
Sa.12.07.03 - Heftige Kritik an der Haltung des Saatgutherstellers
Bayer CropScience äußern australische Bauern. Das Network of
Concerned Farmers (NFC) [http://www.non-gm-farmers.com] fordert in einem
offenen Brief von Bayer die Übernahme aller Folgekosten, die sich
aus dem Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen ergeben.
Mehr
unter:
http://home-t-online.de/boa-archiv1/k0307120.htm#03071213"
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Gefangener hat
Recht auf menschenwürdige Zelle
Mi.16.07.03 -
Niedersachsen muss einem Häftling wegen menschenunwürdiger
Unterbringung im Gefängnis von Hannover 200 Euro Schmerzensgeld
zahlen. Das Landgericht Hannover sprach dem 26-Jährigen am Dienstag
das Geld zu, weil Verstöße gegen die Menschenwürde
bestraft werden müssen, wie der Vorsitzende Richter Hans-Dieter
Kimmel zur Urteilsbegründung sagte. Der Häftling hatte
geklagt, weil er im Juli 2002 zwei Tage lang mit vier weiteren
Gefangenen in einer nur 16 Quadratmeter großen Zelle
untergebracht war, deren Toilette nur mit einem Vorhang abgetrennt war.
Kimmel verwies darauf, dass 2002 bereits die Strafvollstreckungskammer
des Landgerichts Hannover einer Klage des Häftlings wegen der
menschenunwürdigen Haftbedingungen stattgegeben habe. Auch das
Bundesverfassungsgericht habe im Februar letzten Jahres in einem anderen
Verfahren wegen Haftplätzen in Hannover festgestellt, dass die
Menschenwürde durch die fehlende Abtrennung der Toiletten in
Hafträumen verletzt werde.
Der Vorsitzende Richter erklärte, das Land Niedersachsen
hätte nach dem Urteil der Bundesverfassungsgerichts Maßnahmen
ergreifen können. So hätte man etwa Gefangenen die
Möglichkeit einräumen können, andere Toiletten zu
benutzen. Das Land habe jedoch "schuldhaft" nichts unternommen. "Das
Schmerzensgeld von 200 Euro ist an der untersten Grenze. So wenig haben
wir noch nie verhängt", sagte Kimmel. Es sei das bisher erste
Urteil zu diesem Komplex.
Niedersachsen wird beim Oberlandesgericht Celle Berufung gegen dieses
"nicht angemessene" Urteil auf Zahlung von Schmerzensgeld einlegen, wie
der Sprecher des Landesjustizministeriums, Frank Woesthoff, sagte. Er
verwies darauf, dass alle neuen Haftanstalten und viele der älteren
entsprechende Abtrennungen in den Zellen hätten.
(Aktenzeichen: Landgericht Hannover: 17 O 383/02)
(Quelle: ap)
Verfassungsbeschwerde
gegen das Orten von Handys
Mi.16.07.03 - Die
Bürgerrechtsvereinigung Humanistische
Union hat Verfassungsbeschwerde gegen das Orten und Abhören von
Mobiltelefonen durch so genannte IMSI-Catcher erhoben. Der Einsatz der
Geräte verstoße gegen das Fernmeldegeheimnis nach Artikel
zehn des Grundgesetzes, erklärte die Vereinigung in Berlin. Die
IMSI-Catcher ermöglichen es der Polizei, Mobiltelefone zu orten und
ihre individuelle Kennung zu identifizieren, auch wenn mit diesen nicht
telefoniert wird. Zudem werden den Angaben zufolge auch Mobiltelefone
unbeteiligter Dritter im näheren Umkreis erfasst und gespeichert.
Der gesamte Mobilfunkverkehr im Umkreis werde lahmgelegt. Eine Variante
des IMSI-Catchers erlaube es sogar, Handy-Telefonate mitzuhören.
Die Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe
unterstützen nach Angaben der Humanistischen Union ein kirchlicher
Beauftragter für Kriegsdienstverweigerer, eine
Rundfunk-Journalistin sowie ein Steuerberater. Sie gehörten
Berufsgruppen an, die in Kontakt mit Tatverdächtigen stehen
könnten, gab die Vereinigung zur Begründung an. Die Ermittler
versuchten, über solche Berufsgruppen einen Tatverdächtigen zu
orten und würden dabei gezielt auch deren Kontaktpersonen
lokalisieren.
Der Einsatz des IMSI-Catchers führe "zur unterschiedslosen
Erfassung gänzlich unverdächtiger Personen", kritisierte der
Bundesgeschäftsführer der Humanistischen Union, Nils Leopold.
"Das Fernmeldegeheimnis wird auf diese Weise undifferenzierten
Ermittlungsmethoden geopfert." Der Mobilfunk drohe zum Ermittlungsnetz
zur Erstellung von Bewegungsbildern und damit einer Kontrolle ganzer
Bevölkerungsteile zu verkommen.
Der IMSI-Catcher macht sich den Umstand zunutze, dass sich
Mobiltelefone in einer Funkzelle bei einer Basisstation anmelden und
identifizieren müssen. Der IMSI-Catcher simuliert nun aber selbst
eine solche Basisstaion, so dass die Mobiltelefone im Umkreis dort
identifiziert und auch abgehört werden können. Nur
ausgeschaltete Handys werden nicht erfasst. Aufgrund des technischen
Vorgangs sind während des Anmeldens bei der simulierten
Basisstation keine Telefonate von allen in der neuen Funkzelle
vorhandenen Handys möglich. Auch Datenschützer haben den
Einsatz der Geräte kritisiert.
(Quelle: afp)
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