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+++ So.27.07.03,
12:45 Nachrichten-Archiv Aktuelle
Nachrichten
Irak am hundertunddreißigsten Tag nach Kriegsbeginn
Angriffe auf
US-Soldaten nehmen zu. Mindestens vier US-Soldaten am Samstag im Irak
getötet +++ Fast alle irakischen Zeitungen boykottieren
Fotos der Hussein-Söhne +++ Vier US-Soldaten der Misshandlung von
Gefangenen in Irak beschuldigt +++ Mehrheit der US-Bürger
wünscht mehr Vollmachten für UNO in Irak +++
So.27.07.03 - Der
Tod der beiden Söhne des gestürzten irakischen
Präsidenten Saddam Hussein hat bislang nicht zu einem Abflauen der
Angriffe auf die US-Soldaten im Irak geführt. In der Stadt Bakuba
starben bei einem Handgranatenangriff nach US-Angaben drei amerikanische
Soldaten. Der arabische Fernsehsender El Dschasira berichtet, dass ein
vierter Soldat seinen Verletzungen erlegen sei. In der Region Bakuba
konzentriert sich der Widerstand gegen die Besatzungsmacht. Nach US-
Angaben wurden bei einem weiteren Anschlag auf einen Militärkonvoi
westlich von Bagdad ein US-Soldat getötet und drei Iraker
verwundet.
"Wir üben nach wie vor höchste Wachsamkeit", sagte ein
Sprecher der Division in Tikrit, der Heimat Saddams. Soldaten an
Kontrollpunkten und auf Patrouillen sagten, die Guerilla- Angriffe
hätten seit dem Tod der beiden Saddam-Söhne an Häufigkeit
und Stärke zugenommen. "Es ist jetzt schlimmer", zitiert die
Nachrichtenagentur Reuter einen Stabsunteroffizier. Früher
hätten sie vor allem nachts angegriffen. "Jetzt kommen sie schon
am Tage und beschießen uns mit AK-47 (Kalaschnikows) und RPGs
(Panzerfäusten)."
Die Militärführung gab sich indes optimistisch, auch bald
Ex-Präsident Saddam fassen zu können. Mehrere Männer -
vermutlich Leibwächter Saddams - seien in Tikrit nach einem Hinweis
aus der Bevölkerung festgenommen worden, meldete Generalmajor Ray
Odierno am Freitag aus Tikrit. "Ich glaube, wir ziehen die Schlinge
immer enger", sagte er. Die USA vermuten Saddam weiterhin im Irak.
In Mossul begannen US-Soldaten damit, das Haus zu zerstören, in
dem sich Saddams Söhne Udai und Kusai aufgehalten hatten. Die Villa
war bereits bei den Kämpfen beschädigt worden.
Aus dem US-Außenministeriums verlautete, die USA würden die
komplette Belohnung von 30 Millionen Dollar an den Informanten zahlen,
der ihnen den Tipp zum Aufenthaltsort der Söhne Saddams gegeben
habe. "Gemäß den in diesem Fall zutreffenden Kriterien
würden wir erwarten, die komplette Belohnung zu zahlen", hieß
es. Nachbarn der Villa in Mossul haben den Verdacht
geäußert, der Gastgeber von Udai und Kusai, ein
Geschäftsmann, habe den USA den Tipp gegeben, um die Belohnung zu
erhalten. Auf den Kopf Saddams haben die USA 25 Millionen Dollar
ausgesetzt.
Während es die Fotos der toten Söhne Saddam Husseins, Udai
und Kusai, international auf die Titelseiten vieler Zeitungen und in die
Fernsehnachrichten schafften, haben die meisten irakischen Medien die
Bilder boykottiert. Als einzige Zeitung bildete "Assaman" am Samstag
die Köpfe der Leichen auf der Titelseite ab und kommentierte: "Von
den Alliierten ausgegebene Fotos bevor sie (die Toten) rasiert und der
unabhängigen Presse gezeigt wurden." Die Zeitung "El Rassed"
veröffentlichte alte Porträt-Fotos der beiden am Dienstag in
Mossul getöteten Brüder. "Washington hat sie getötet, um
viele Wahrheiten zu begraben", lautete die Unterzeile. Das Blatt "El
Chams" titelte lediglich: "Die zur Hölle geschickten Tyrannen Udai
und Kusai."
Vier US-amerikanische Soldaten werden der Misshandlung irakischer
Kriegsgefangener beschuldigt. Den Militärpolizisten einer in
Pennsylvania stationierten Reserveeinheit wird vorgeworfen, am 12. Mai
irakische Soldaten in einem Gefangenenlager derart brutal geschlagen und
getreten zu haben, dass es zu Knochenbrüchen gekommen sei. Die
US-Soldaten sind die ersten im Irak-Konflikt, gegen die ein Prozess
wegen der Misshandlung von Kriegsgefangenen eröffnet werden
könnte.
Die Ermittlungen dauerten noch an, sagte ein Sprecher des
US-Oberkommandos Mitte. Die Soldaten beteuern, sie hätten aus
Notwehr gehandelt, da sie in dem größten amerikanischen
Gefangenenlager in Irak, Camp Bucca, attackiert worden seien. "Einige
meiner Militärpolizisten wurden von Gefangenen angegriffen. Wir
mussten Gewalt anwenden, um die Kontrolle wiederzuerlangen. Alles
vertretbar", schrieb einer der Beschuldigten in einer E-Mail an einen
Verwandten. Die Beschuldigten sind noch nicht in Haft, dürfen sich
aber nicht frei bewegen. Sie wurden von ihrer Einheit getrennt und auf
einen Stützpunkt in Kuwait versetzt.
Die Mehrheit der US-Bürger hält zwar den Irak-Krieg für
richtig, wünscht aber für den Wiederaufbau des Landes mehr
Vollmachten für die UNO. Laut einer am Samstag
veröffentlichten Umfrage für das US-Magazin "Newsweek" stehen
59 Prozent der Amerikaner hinter der Entscheidung ihres Präsidenten
George W. Bush, Irak anzugreifen. 71 Prozent finden demnmach, dass die
Besatzungsmächte nun einen Teil ihrer Autorität den Vereinten
Nationen übertragen sollten. Trotz der täglichen Angriffe auf
die US-geführten Streitkräfte ist knapp die Hälfte der
Befragten dafür, dass die US-Truppen weiter in Irak bleiben
sollten. 46 Prozent sprachen sich für ihren Abzug aus.
(Quellen: dpa,
afp, rtr, ap)
Offenbar
Millionen aus Saudi-Arabien für 11. September-Anschläge
So.27.07.03 -
Ranghohe Mitglieder der saudi-arabischen Führung stehen im
Verdacht, mit hunderten Millionen Dollar Organisationen unterstützt
zu haben, die Anschläge am 11. September 2001 mitfinanziert haben.
Das berichtet die "New York Times". Laut dem Blatt werde dies aus den
bislang geheim gehaltenen Teilen des Kongress-Untersuchungsberichts
über die Anschläge in New York und Washington vor knapp zwei
Jahren deutlich. Am Donnerstag war der Report im Kongress vorgelegt
worden.
(Quelle:dpa)
Annan
drängt zu diplomatischer Lösung des Atomstreits mit Nordkorea
So.27.07.03 -
UN-Generalsekretär Kofi Annan misst der diplomatischen Beilegung
des Atomstreits mit Nordkorea «höchste Priorität»
bei. Die Kontroverse um Pjöngjangs nukleare Aufrüstung zeige,
dass der Koreakrieg auch 50 Jahren nach Unterzeichnung des
Waffenstillstandsabkommens noch nicht wirklich verarbeitet sei. Dieses
unerledigte Geschäft bedeute Gefahr für die ganze Welt, sagte
Annan in New York. Pjöngjang müsse sich dem Willen der
internationalen Gemeinschaft beugen.
(Quelle: dpa)
Nordkorea
droht zum Jahrestag des Kriegsendes mit Atomtests
So.27.07.03 - Am
50. Jahrestag des Kriegsendes in Korea hat Nordkorea mit nuklearen
Tests gedroht. Ferner schloss die Regierung in Pjöngjang einen
bewaffneten Konflikt mit den USA nicht aus, falls Washington im Streit
über das nordkoreanische Atomprogramm nicht einlenke, wie die
japanische Zeitung "Asahi Shimbun" am Samstag unter Berufung auf
japanische und nordkoreanische Quellen berichtete.
Die Drohung soll bereits Anfang Juli bei einem Treffen zwischen dem
nordkoreanischen UN-Botschafter Han Sung Ryol und US-Botschafter Jack
Pritchard in New York ausgesprochen worden sein. Ein Atomtest
könnte noch vor dem 9. September, dem nordkoreanischen
Unabhängigkeitstag, stattfinden, berichtete die Zeitung.
Nordkorea beschuldigt Washington, den Atomstreit als Vorwand für
eine Invasion zu nutzen. Washington geht davon aus, dass Nordkorea
bereits eine oder zwei Atombomben besitzt und innerhalb weniger Monate
eine weitere bauen kann. Die USA haben militärische Aktionen nicht
ausgeschlossen, suchen aber eine diplomatische Lösung auf der Basis
multilateraler Gespräche, an denen auch Südkorea, Japan und
China teilnehmen sollen. Nordkorea will dagegen nur mit den USA
verhandeln.
UN-Generalsekretär Kofi Annan bezeichnete in einer Rede zum
Jahrestag des Kriegsendes eine diplomatische Lösung als "zwingend
erforderlich" und realistisch. Zahlreiche Veteranen schlossen sich
dieser Ansicht an. "Lasst uns beten, dass so etwas nicht wieder
passiert", sagte Benjamin Whitchurch, ein britischer Kriegsveteran, bei
einer Gedenkfeier in Südkorea nahe der verminten Grenze.
Großbritannien kämpfte im Korea-Krieg unter UN-Kommando gegen
das von China und Russland unterstützte Nordkorea. Im Juli 1953
endete der Krieg mit einem Waffenstillstand, einen Friedensvertrag
zwischen Nord- und Südkorea gibt es bis heute nicht.
Rund 500 Demonstranten forderten am Samstag in Seoul den Abzug der seit
Kriegsende in Südkorea stationierten rund 37.000 amerikanischen
Soldaten. Als mehrere Dutzend Demonstranten versuchten, auf das
US-Hauptquartier zuzumarschieren, kam es zu einem Handgemenge mit der
Polizei. Berichte über Verletzte gab es zunächst nicht. Am
Freitag war es bereits zu ähnlichen Protesten gekommen.
(Quelle: ap)
«Die Verhandlungen mit Nordkorea drohen an der
starren Haltung der USA zu scheitern»
«...Die
USA scheinen weiter auf ihrer bisherigen harten Position zu beharren,
die Nordkorea eine ganze Reihe von Vorleistungen abverlangt. „Wenn es
zu einer neuen Verhandlungsrunde kommt, wird unsere Position so sein,
wie sie seit dem letzten Sommer gewesen ist", zitierte die
Nachrichtenagentur Reuters einen US-Beamten. Nordkorea müsse nicht
nur die Entwicklung von ABC-Waffen und Raketen aufgeben, sondern auch
noch seine konventionellen Truppen reduzieren und die Menschenrechte
beachten, bevor Washington seinerseits zu irgendwelchen
Zugeständnissen bereit sei.
Diese Forderung hat eine politische Pattsituation geschaffen, denn sie
ist aus nordkoreanischer Perspektive nicht akzeptabel. Nordkorea
fühlt sich von den technisch überlegenen südkoreanischen
und amerikanischen Truppen in Südkorea bedroht. Die Rhetorik des
US-Präsidenten beunruhigt Pjöngjang zusätzlich. George
Bush hat Nordkorea in die „Achse des Bösen" eingereiht und dem
Journalisten Bob Woodward anvertraut, er „verachte" den nordkoreanischen
Diktator Kim Jong Il. Der könnte im Gegenzug beschlossen haben,
dass er mehr Atomwaffen zur Verteidigung seines Landes und Regimes
braucht. Zumindest droht er damit. „Die US-Imperialisten sind darauf
aus, den Irak-Krieg auf der koreanischen Halbinsel zu wiederholen",
schreibt die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA. Doch das sei nur
der „Naivität" jener zuzuschreiben, die nicht wüssten „wie
ein echter Krieg aussieht".» (Süddeutsche Zeitung vom
25.07.03)
http://www.sueddeutsche.de/sz/politik/red-artikel1478/
«US-Falken streuen offenbar
"Geheimdienst-Informationen" über Nordkoreas Atomprojekte»
«Wie
beim Irak, so bei Nordkorea? In den USA ist der Verdacht aufgetaucht,
Geheimdienstberichte über Nordkorea könnten aus politischen
Motiven aufgebauscht und in der Öffentlichkeit lanciert worden
sein. Ähnlich wie beim Thema Uran vor dem Irak-Krieg, so die
Vermutungen, werde derzeit beim Thema Nuklearprogramm in Nordkorea mit
dubiosem Material Stimmung gegen Pjöngjang gemacht. Im Zentrum der
Debatte steht erneut der konservative Verteidigungsexperte Robert
Joseph. Der enge Mitarbeiter von US-Sicherheitsberaterin Condoleezza
Rice soll nach einem Bericht des US-Magazins Time wesentlich
mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass die berühmten 16
Wörter der falschen „Irak-will-Uran-aus-dem-Niger"-Anschuldigung
in George Bushs Rede zur Lage der Nation gelangten. Joseph wird als
Falke und Ideologe bezeichnet. Als Angestellter der Nationalen
Sicherheitsbehörde NSC ist er in der Bush-Regierung für das
Thema nukleare Proliferation zuständig.
Weniger bekannt ist, dass Joseph auch in der Nordkoreapolitik der USA
eine wichtige Rolle spielt. Er versuche „gemeinsam mit seinem
Gegenüber John Bolton aus dem Außenministerium, die
diplomatischen Verhandlungen mit Nordkorea zu blockieren", schreibt das
angesehene Fachmagazin Oriental Economist. Beamte des State Department
seien überzeugt, dass Joseph und Bolton die anonymen Quellen
für kürzlich gedruckte, explosive Veröffentlichungen
über Nordkorea in der New York Times seien, schreibt das Magazin.
In einem dieser Artikel wurde der Verdacht geäußert,
Nordkorea habe die Fähigkeit erworben, Atomsprengköpfe auf
seine Raketen zu montieren. In einem anderen hieß es, Nordkorea
habe möglicherweise eine weitere, geheime Nuklearanlage in den
Bergen versteckt.
„Für beide Vorwürfe, sagten Regierungsbeamte, seien die
Geheimdienstberichte nicht endgültig schlüssig", schreibt der
Oriental Economist. In der Asienabteilung des US-Außenministeriums
seien „schärfste" Klagen über Robert Joseph zu hören, so
die Publikation des angesehenen Asienforschers Robert Katz. „Der
gemeinsame Nenner zwischen den dubiosen Behauptungen in der Rede zur
Lage der Nation des Präsidenten und den jüngsten Behauptungen
über Nordkoreas Atomwaffenprogramm ist die Möglichkeit, dass
hier Geheimdienstinformationen für politische Zwecke aufgebauscht
werden", schreibt das Blatt.
Erfahrene Nordkorea-Beobachter wundern sich bereits seit Monaten
über den stetigen Strom von belastendem Geheimmaterial zu
Nordkorea, der US-Medien zugespielt und dann jeweils weltweit
nachgedruckt wird. Manche dieser Informationen der angeblichen
Geheimdienst-Lecks erweisen sich nach wenigen Tagen als altes Material,
andere werden von der US-Regierung dementiert.» (Süddeutsche
Zeitung vom 26.07.03)
http://www.sueddeutsche.de/sz/politik/red-artikel1681/
«Japan hat mit seiner Bereitschaft, für die USA
in der Auseinandersetzung um Nordkorea zu spionieren, das Wohlwollen
der US-Regierung gewonnen»
Mehr bei
"telepolis" (27.07.03)
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/15312/1.html
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Israel
verteidigt Bau von Sperrwall
So.27.07.03 -
Israel wird den Sperrzaun zu den Palästinensergebieten nach
Angaben eines Beraters von Ministerpräsident Ariel Scharon vorerst
nicht abreißen. Dies sagte Raanan Gissin der "Welt am Sonntag".
Israel sei "zu keinerlei Kompromissen" in Fragen bereit, "die die
Sicherheit und das Leben seiner Bevölkerung betreffen".
US-Präsident George W. Bush hatte den Zaun nach einem
Gespräch mit dem palästinensischen Regierungschef Mahmud Abbas
am Freitag als "Problem" bezeichnet, über das er mit Scharon bei
dessen Besuch am Dienstag in Washington sprechen wolle.
Dazu erklärte Gissin dem Blatt zufolge: "Auch Freunde sind nicht
immer einer Meinung. Das amerikanische Volk hat nicht miterleben
müssen, dass innerhalb von drei Jahren 816 seiner Leute
getötet wurden". Der Zaun sei jedoch "keine politische Grenze
zwischen Israel und den Palästinensern". Gissin forderte Europa
auf, Abbas auch finanziell beim Aufbau einer zivilen Infrastruktur zu
helfen: Dadurch würden die militanten Gruppen Hamas und Dschihad
neutralisiert.
(Quelle: dpa)
Meuternde
Soldaten besetzen Geschäftszentrum in Manila
So.27.07.03 -
Meuternde Soldaten der philippinischen Streitkräfte haben am
frühen Sonntagmorgen (Ortszeit) in Manila mit Waffengewalt ein
Geschäftszentrum gestürmt. Nur wenige Stunden zuvor hatte
Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo die Festnahme einer Gruppe
desertierter Offiziere und Soldaten angeordnet. Die Regierung sprach
dabei von einem vereitelten Putschversuch.
Bei den Besetzern des Geschäftszentrums handelt es sich um
Mitglieder der Gruppe, deren Festnahme die Präsidentin angeordnet
hat. Die in Kampfanzügen bekleideten Männer legten auf dem
Parkplatz Sprengfallen aus und präparierten die Eingänge des
Geschäftszentrums mit Sprengstoff. Der besetzte Glorietta-Komplex
beherbergt eines der größten Einkaufszentren Manilas.
Etwa sechs Wachleute eines Geschäfts in dem Einkaufszentrum
schlossen beim Anblick der heranstürmenden Männer die
Ladentüren und flohen. An der Besetzung sollen nach Radioberichten
etwa 100 Personen beteiligt sein. Die Besetzer trugen
Baseball-Mützen, schwarze Rucksäcke und waren mit Gewehren
bewaffnet. Als sie ein Lieferwagen dem Komplex näherte, wurde ein
Warnschuss abgefeuert. Marineinfanteristen näherten sich
später dem Gebäudekomplex. Es kam jedoch zu keiner
Konfrontation. Gegenüber dem Geschäftszentrum liegt das
Intercontinental-Hotel. Wachleute hinderten die Gäste aus
Sicherheitsgründen daran, das Hotel zu verlassen.
Einer der Besetzer, der auf der Fahndungsliste der Regierung steht,
sagte vor dem Geschäftszentrum stehenden Reportern: "Wir wollen
nicht die Macht ergreifen." Die Besetzer wollten nur ihre
Unzufriedenheit mit der Regierung und den Kommandostrukturen in den
Streitkräften zum Ausdruck bringen. Nach seinen Angaben stehen im
ganzen Land etwa 2.000 Offiziere und Soldaten hinter der Gruppe. Ein
Militärsprecher forderte die Besetzer auf, sich zu ergeben.
In den vergangenen Wochen kursierten auf den Philippinen immer wieder
Gerüchte über einen Staatsstreich. Die desertierten Offiziere,
deren Festnahme Präsidentin Arroyo anordnete, hatten sich noch vor
der Besetzung des Einkaufszentrums in einer Erklärung
geäußert. Darin forderten sie die Regierung zum
Rücktritt auf und kündigten an, eine Veränderung
notfalls mit Gewalt herbeizuführen und dafür auch zu sterben.
Die Offiziere nannten sich "Soldaten der Nation". Sich zeigten sich
unzufrieden mit Korruption und Vetternwirtschaft im Land.
Der Stabschef der Streitkräfte, General Narciso Abaya, sicherte
der Präsidentin am Samstag bei einer Sondersitzung des Kabinetts
die Loyalität der Truppe zu. Er sagte, die Armee habe ein Komplott
«zu einem verfassungswidrigen Abenteuer» aufgedeckt. Er
nannte als Beteiligte etwa 20 Offiziere und 40 Soldaten. Die Zahl der
Meuterer sei sehr viel kleiner als bei früheren Putschversuchen,
sagte der General weiter. Sie könnten jedoch denselben Schaden
anrichten.
Die Sicherheitsvorkehrungen um den Präsidentenpalast wurden am
Sonntag nach der Besetzung des Geschäftszentrums verstärkt.
Über den Aufenthaltsort der Präsidentin wurde nichts bekannt.
(Quelle: ap)
200
Türken an Flucht nach Italien gehindert
So.27.07.03 - Die
türkische Küstenwache hat rund 200 Landsleute an der Flucht
außer Landes gehindert. Sie befanden sich in einem Fischerboot,
in dem sie nach Italien geschmuggelt werden sollten, wie die
Behörden am Samstag mitteilten. Die Küstenwache habe das
Schiff westlich von Antalya im Mittelmeer aufgebracht. An Bord befanden
sich den Angaben zufolge hauptsächlich Kurden aus dem Südosten
der Türkei. Sie sollen Schleppern jeweils rund 2.500 Euro gezahlt
haben in der Hoffnung, in der Europäischen Union Arbeit zu finden.
Die EU, der die Türkei gerne beitreten möchte, hat die
Regierung in Ankara mehrfach ermahnt, illegale Einwanderungen in die
EU-Mitgliedsländer zu stoppen.
(Quelle: ap)
Spanische
Küstenwache greift 150 afrikanische Flüchtlinge auf
So.27.07.03 - Die
spanische Küstenwache hat in der Nacht zum Samstag 158
Flüchtlinge aufgegriffen, die über die Straße von
Gibraltar illegal von Afrika nach Spanien gelangen wollten. Unter den
Flüchtlingen befanden sich vier schwangere Frauen und vier
Säuglinge. Die Afrikaner aus Marokko und südlich der Sahara
gelegenen Ländern seien in leichten, völlig
überfüllten Booten unterwegs gewesen, teilten die
Behörden mit. Sie seien bei vier verschiedenen Aktionen vor der
spanischen Südküste entdeckt und festgenommen worden.
Die schwangeren Frauen mussten wegen Erschöpfung in ein
Krankenhaus der Stadt Tarifa eingeliefert werden, die Babys seien in
guter Verfassung, sagte ein Polizeisprecher. Jeden Sommer versuchen
Zehntausende vor Armut und Krieg aus Afrika nach Spanien zu fliehen.
Viele Versuche, die tückische Meerenge bei Nacht zu
überqueren, enden tödlich - obwohl die Straße von
Gibraltar an manchen Stellen nur 14 Kilometer breit ist.
(Quelle: ap)
Spanien will
die Embryonenforschung zulassen
So.27.07.03 -
Nach jahrelangen Kontroversen soll die Forschung an embryonalen
Stammzellen in Spanien künftig erlaubt sein. Laut einem
Gesetzentwurf der konservativen Regierung dürfen dazu aber nur die
bis zu 200 000 eingefrorenen Embryonen genutzt werden, die bei
künstlichen Befruchtungen in spanischen Geburtskliniken übrig
geblieben sind. Voraussetzung ist nach Presseberichten vom Samstag zudem
die Einwilligung der Eltern, die eine solche Befruchtung machen
ließen.
Sie müssen entscheiden, ob sie die Embryonen zur Forschung
freigeben, zerstören lassen, in Adoption geben oder aber
eingefroren lassen wollen. Das therapeutische Klonen bleibt verboten.
Um eine erneute Anhäufung von Embryonen zu vermeiden, dürfen
Frauen künftig pro Fruchtbarkeitsbehandlung höchstens drei
Eizellen befruchten lassen. Bislang waren zehn und mehr üblich.
Außerdem dürfen die künftig eingefrorenen Embryonen nur
zu Reproduktionszwecken genutzt werden.
Die Wissenschaftsgemeinde, Patientenverbände und die linke
Opposition begrüßten die geplante Neuregelung, die noch vom
Parlament abgesegnet werden muss und Ende des Jahres in Kraft treten
soll. Es sei ein Durchbruch bei der Suche nach Therapien für
bislang unheilbare Krankheiten wie Alzheimer oder Diabetes. Die
Katholische Kirche, einer der Hauptgegner der Embryonenforschung,
hält die Regelungen in dem Gesetzentwurf weiterhin für "nicht
zufrieden stellend". Es sei aber einer Verbesserung im Vergleich zu
früheren Überlegungen. Gesundheitsministerin Ana Pastor
erklärte, in ihren Augen werde nicht die Forschung mit Embryonen
erlaubt, "sondern mit biologischem Material, das nach einer Enteisung
gewonnen wurde".
(Quelle: dpa)
Töpfer
fordert drastische Maßnahmen gegen Klimawandel
So.27.07.03 - Der
Klimawandel kann nach Überzeugung des Leiters des
UN-Umweltprogramms [http://www.unep.org],
Klaus Töpfer, nur mit drastischen Maßnahmen gestoppt werden.
Wenn sich nichts ändere, werde der Prozess weiter gehen, warnte
Töpfer in einem Interview der "Welt am Sonntag": "Wir werden eine
weitere Zunahme der durchschnittlichen Temperaturen bekommen - mit all
ihren Folgen." Europa sei bereits mitten im Klimawandel, wie die derzeit
erlebte Zunahme abnormer Wetterverhältnisse zeige.
Töpfer forderte daher, Kohlenstoff in der weltweiten
Energieversorgung konsequent zu reduzieren. "Energie sparende
Technologien müssen durchgesetzt und weltweit exportiert werden,
nur so kann die dringend erforderliche, wirtschaftliche Entwicklung in
der Dritten Welt mit höhere Energie-Effizienz erreicht werden",
betonte der frühere Bundesumweltminister. Mit noch
größerem Nachdruck müssten erneuerbare Techniken von der
Wasserkraft über Biomasse bis zu Sonnen-, Wind- und Erdenergie
genutzt werden.
Der Umweltexperte bedauert es nach eigenen Worten sehr, dass die USA
das Kyoto-Protokoll [http://www.cop4.org/kp/kp.html] nicht ratifiziert
haben. "Doch auch in den USA wird gehandelt, wenn auch nicht so, wie es
notwendig wäre", sagte Töpfer. Er räumte ein, dass die
letzten Ergebnisse der Klimagas-Reduzierung in den
Kyoto-Unterzeichnerländer nicht hoffnungsvoll stimmen. Dennoch
müsse und könne das Ziel erreicht werden, bis 2012 acht
Prozent weniger Klimagase als 1990 auszustoßen. "Die Länder
haben sich rechtlich verpflichtet, also müssen sie die Ziele
umsetzen", betonte Töpfer.
(Quelle: ap)
Europäische
Gesetzgebung: Industrie-Interessen sollen künftig
schlagkräftiger durchgesetzt werden
So.27.07.03 -
Deutsche, französische und britische Politiker wollen nach einem
Bericht des deutschen Nachrichtenmagazins 'Der Spiegel' die Interessen
ihrer Industrien in der europäischen Gesetzgebung künftig
schlagkräftiger durchsetzen.
Wie das Magazin in seiner am Montag erscheinenden Ausgabe berichtet,
arbeiten Industriepolitiker der drei Staaten seit Monaten an einer
"Koalition der Industrieländer". Brüssel sei bisher nicht
offiziell darüber informiert. Das Staaten-Trio wolle erreichen,
dass künftig alle EU- Gesetzesvorhaben von einer Analyse begleitet
werden, die die Auswirkungen neuer Gesetze auf die Industrie beleuchten
sollen. Dabei geht es auch um die immer stärkeren Restriktionen
für die Industrie etwa aus dem Umweltbereich.
Wie bisher die Umweltschützer schlagen die Industriepolitiker
Verträglichkeitsstudien vor, in denen aufgelistet werde, wie viele
Jobs das Verbot eines Produktionsverfahrens kostet und was das für
die weltweite Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe bedeute.
Außerdem wollten die Staaten den EU-Wettbewerbsrat stärken.
Dieses Gremium, in dem die Wirtschaftsminister der EU-Staaten sitzen,
solle beratend und Ressort übergreifend bei allen Gesetzen
mitwirken.
(Quelle: info.partisan.net)
SPD-Politiker
verlangen Änderungen an Gesundheitsreform
So.27.07.03 - In
der SPD wächst der Unmut über die Gesundheitsreform. Der
Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Klaus Kirschner,
sagte laut "Tagesspiegel am Sonntag", es seien vor allem bei den
Zuzahlungen der Patienten Verbesserungen nötig. Es sei unsinnig,
dass die Versicherten mindestens fünf Euro aus eigener Tasche
beisteuern müssten. Juso-Chef Niels Annen nannte den Kompromiss
demnach "sozial absolut unausgewogen" und forderte weitere
Kompensationen für sozial Schwache.
Der SPD-Linke Peter Dreßen verlangte in der gleichen Zeitung mehr
Transparenz für die Patienten. Die Ärzte müssten
verpflichtet werden, nach jeder Behandlung eine Quittung auszustellen.
Derzeit ist eine Quittung nur optional vorgesehen. Annen kündigte
zudem Druck auf die Regierung an, damit ein Systemumbau hin zu einer
Bürgerversicherung erfolge.
Unterdessen kritisierte der Wirtschaftsexperte Charles B. Blankart das
auch von der Union favorisierte Bürgerversicherungs-System. "Die
Kostenexplosion im Gesundheitswesen erhielte so neuen Auftrieb", sagte
der Professor an der Berliner Humboldt-Universität ebenfalls dem
"Tagesspiegel am Sonntag". Zwar ließen sich kurzfristig hohe
Erträge erzielen, wenn man Selbstständige und Beamte in die
Finanzierung einbeziehe. Faktisch werde jedoch ein großer
Einnahmenpool für die Leistungserbringer geschaffen, dessen
Verwendung kaum zu kontrollieren sei. Mehr Wettbewerb und Innovationen
würden so verhindert und die Gesundheitskosten womöglich
weiter stark steigen, sagte Blankart demnach.
(Quelle: ap)
Schmidt und
Clement kündigen weitere Reformen an
So.27.07.03 -
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und Wirtschaftsminister
Wolfgang Clement (beide SPD) stimmen die Versicherten auf weitere
Reformen im Gesundheitswesen ein: Das System sei in seiner jetzigen Form
nicht mehr zu retten, sagte Schmidt dem "Focus". Sie hoffe, dass die
nun ausgehandelte Reform bis 2007 halte. "Die nächste große
Reform muss spätestens 2010 stehen." Clement sagte der "Bild am
Sonntag", "wir sind nicht mehr in der Lage, das Gesundheitssystem wie
bisher zu finanzieren." SPD-Fraktionschef Franz Müntefering warnte
in der Debatte über den Umbau des Gesundheitssystems vor
"Schnellschüssen".
Schmidt sagte, bis 2010 müssten neue Antworten auf die
demographische Veränderung in der Bevölkerung gefunden sein.
Clement betonte in der "BamS", Deutschland befinde sich "in einem
gravierenden Umbau, bei dem der Einzelne wieder mehr Eigenverantwortung
- und mehr eigene Lasten - übernehmen muss." Auch Kassen,
Ärzte, Apotheker und Pharmaindustrie müssten sich auf weitere
Veränderungen einstellen.
In der Diskussion über die Kassenbeiträge strebt Schmidt die
Senkung von derzeit durchschnittlich 14,4 Prozent auf 12,15 bis zum Jahr
2007 an, wie sie "Focus" sagte. Sie forderte die Kassen zu freiwilligen
Senkungen auf, drohte aber auch mit gesetzlichem Zwang.
Der Streit zwischen Schmidt und Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD)
spitzt sich laut "Focus" unterdessen zu. Wegen der Pläne, die
Schulden der Kassen teilweise ins nächste Jahr zu verschieben,
befürchte Eichel Auswirkungen für die Einhaltung des
europäischen Stabilitätspaktes, berichtete das Magazin.
Müntefering gab CDU-Chefin Angela Merkel die alleinige
Verantwortung für die geplante Ausgliederung des Zahnersatzes aus
dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).
"Gewünscht haben wir uns das sicher nicht. Aber das war die
Bedingung, an die Frau Merkel alles geknüpft hat", sagte er dem
"Tagesspiegel". Grünen-Fraktionschefin Krista Sager ging auf
Distanz zum Gesundheitskonsens. "Rot-Grün wollte stärker an
die Strukturen des Systems heran und den Versicherten weniger zumuten",
sagte sie der "Süddeutschen Zeitung".
(Quelle: afp)
Steuerbelastungen
der Arbeitnehmer bleiben hoch
So.27.07.03 -
Auch beim Vorziehen der Steuerreformstufe 2005 bleiben die Belastungen
der Arbeitnehmer in Deutschland auf einem extrem hohen Niveau. Ein
lediger Durchschnittsverdiener (27.060 Euro Jahresbruttogehalt) wird im
kommenden Jahr bei In-Kraft-Treten der zweiten und dritten Reformstufe
noch immer mit 49,3 Prozent Steuern und Abgaben abgeben, wie das
Nachrichtenmagazin "Focus" am Samstag unter Berufung auf eine Studie des
Steuerzahlerbundes berichtete. Damit habe sich die Gesamtbelastung um
einen Prozentpunkt verringert. Im Vergleich zu 1970 sei die Belastung
allerdings um 11,20 Prozentpunkte gestiegen.
Im Langzeitvergleich ermittelten die Wissenschaftler des
Karl-Bräuer-Instituts (KBI) des Bundes der Steuerzahler lediglich
bei einem Haushaltstyp eine Entlastung im Vergleich zu 1970: Bei einem
verheirateten Durchschnittsverdiener (27.060 Euro) mit zwei Kindern
lägen die direkten Abzüge vom Gesamtlohn nach der Steuerreform
mit 27,7 Prozent unter dem Niveau von 1970 (30,6 Prozent). Am
stärksten gestiegen ist den Untersuchungen zufolge die Belastung
von Doppelverdiener-Ehepaaren ohne Kinder, die zusammen über den
dreifachen Durchschnittsverdienst verfügten. Hier habe die
Belastung um 16,90 Prozentpunkte auf 52,60 Prozent zugenommen.
Die höchste Steuer- und Abgabenlast hätten trotz Steuerreform
Ledige mit dem doppelten (56,9 Prozent) und dem anderthalbfachen
Durchschnittsverdienst (54,8 Prozent) zu tragen, berichtete das Magazin.
Bei allen untersuchten Haushaltstypen kassiere der Staat bei
Gehaltserhöhungen mehr als die Hälfte, sagte der
KBI-Steuerexperte Volker Stern. In Extremfällen bei
Doppelverdienern mit einem hohen und einem mittleren Gehalt steige die
Belastung sogar bis auf 78 Prozent.
(Quelle: ap)
«Medien und Weblogs»
«Während
konventionelle Medien auf ihren Exklusivitätsanspruch bedacht
sind, setzt der Blogger auf Verknüpfung und Vernetzung. Und wenn
herkömmliche Medien ein Problem mit Weblogs haben, dann genau
damit. Ein bisschen ist es so wie mit Microsoft und
OpenSource...»
Roland
Grün vom "Late Night Blog" beschäftigt sich mit der
"hilflosen Berichterstattung der Medien" und den wesentlichen Merkmalen
der "Bloggerei":
http://www.plasticthinking.org/wiki/MedienUndWeblogs
«Plädoyer für die Abschaffung des
Copyrights»
«Ist
es nicht ein schrecklicher Gedanke, dass die meisten Bilder, die wir
täglich sehen, ein Großteil der Musik, die wir hören,
die meisten Wörter, die wir lesen, jemandes persönliches
Eigentum sind? Dieser „Jemand" ist meist ein Teil der Kulturindustrie.
Corbis, Bill Gates' Firma, besitzt zum Beispiel Millionen von Bildern.
Der Augenblick ist nicht mehr fern, in dem fast alle Bilder der Welt in
den Händen seiner Firma oder denen der Getty Corporation sind. Dem
System, welches diesen Privatbesitz eines substanziellen und immer
größer werdenden Teils unseres gemeinsamen kulturellen Erbes
aus Vergangenheit und Gegenwart erlaubt, hat man den Namen Copyright
gegeben. Der Name deutet an, dass für die Nutzung dieser Werke
gezahlt werden und dass man für ihre Nutzung um Erlaubnis bitten
sollte. In keiner Gesellschaft zuvor waren die Mittel kultureller
Kommunikation jemals in so extremer Form privatisiert und
kommerzialisiert wie in der heutigen westlichen Welt.
Indem sie sich das Copyright an Millionen von Werken der Kunst, des
Designs und des Entertainments sichert, bestimmt die Kulturindustrie,
welche Werke und welche Künstler Förderung erfahren. Sie
bestimmen Natur und Kontur unserer kulturellen Landschaft, während
sie zugleich die öffentliche Eigentum an Wissen und
Kreativität abtragen. Das ist undemokratisch und gegen
sämtliche Prinzipien der Menschenrechte. Wenn man ihre faktisch
monopolhafte Kontrolle nicht beendet, wird die Konsequenz das Ende der
Redefreiheit und der Freiheit der Kunst sein.
Zudem berechtigt das CopyrightSystem Künstler und
Copyright-Industrie, anderen die kreative Adaption „ihrer" Werke zu
verbieten, obwohl diese Adaption während der gesamten Geschichte
ein Charakteristikum von Kulturen gewesen ist. Es ist ein westlicher
Irrweg, dass Kunstwerke – und das sie umgebende, weite Feld kreativer
Adaptionen – von Individuen oder gar Firmen besessen werden können
und zwar für viele Jahrzehnte, wie ein Krake, der alles in seiner
Reichweite ergreift. Letztlich führt es zum Einfrieren unserer
Kultur.
Die Vorstellung, ein Individuum schaffe aus dem Nichts heraus etwas,
ist ein modernes westliches Konzept, das keine Grundlage in der
Realität hat. Jeder Schöpfer, jeder Darsteller schöpft
aus dem breiten Fluss früherer Schöpfungen. Bach, Shakespeare
und tausende anderer Künstler, nutzten, was sie vorfanden, gleich,
ob aus der Vergangenheit oder Gegenwart. Der zeitgenössische
Originalitätsgedanke wird benutzt, um die Kontrolle von
Kreativität durch vornehmlich kommerzielle Halter geistigen
Eigentums zu rechtfertigen.
Das System ist verdorben
So gut wie niemand hat das Gefühl, etwas Falsches zu tun, wenn er
eine Audio- oder Videokassette in Raubkopie kauft oder Musik und Filme
im Internet tauscht. Viele Künstler sampeln Musik, Bilder und
Texte, ohne sich dabei schuldig zu fühlen. Warum auch? Trotz aller
Strafen und Propaganda zu Gunsten des Copyright-Systems lehnen es die
meisten intuitiv ab, ein Konzept zu internalisieren, das ihnen falsch
erscheint. Sie bezahlen schöpferische und darstellende
Künstler gerne für ihre Arbeit, aber sie glauben nicht an die
monopolistische Kontrolle von Kreativität.
Das Copyright-System stellt nicht einmal sicher, dass die Künstler
für ihre Arbeit anständig entlohnt werden. Untersuchungen
haben ergeben, dass 90 Prozent des Geldes, das für die
Künstler gedacht ist, lediglich an zehn Prozent der Künstler
geht, während die übrigen zehn Prozent des Geldes an die
übrigen 90 Prozent der Künstler geht. Diese Aufteilung der
Gewinne ist offensichtlich verkehrt. Abgesehen davon ist das
Copyright-System wohl kaum der Grund dafür, das Künstler etwas
schaffen oder aufführen.
Wir können daraus schließen, dass Konzept und Praxis des
Copyrights nicht im Interesse der meisten Künstler liegt, auch
nicht im Interesse der öffentlichen Zugänglichkeit von Kultur.
Wir erkennen allmählich, dass das gegenwärtige System
geistigen Eigentums nicht mehr reformiert werden kann. Es ist verdorben
durch die industriellen Interessen der Kulturkonglomerate. Eine
Rückkehr ist nur schwer vorstellbar, zumal die Digitalisierung
Herausforderungen an uns stellt, auf welche die zugrundeliegende
Philosophie der Autorenrechte keine Antwort bereit hält.
Ist eine Alternative vorstellbar? Ich glaube schon. Aber bevor wir die
Alternative diskutieren können, müssen wir den ersten Schritt
betrachten. Manche Menschen mag dies schockieren, denn das Konzept des
Copyrights ist ein Glaubensartikel geworden. Wir wollen es dennoch
versuchen: Wir sollten das Copyright abschaffen. Dieser Forderung lassen
wir sogleich die Feststellung folgen, dass der spontane Zusammenbruch
des Copyrights im digitalen Bereich bereits eingesetzt hat und nicht
mehr aufzuhalten ist. Natürlich sollte jemand, der beispielsweise
einen Song komponiert, weiterhin das Recht haben, damit Geld zu
verdienen. Das impliziert eine Form von Eigentümerschaft, denn es
handelt sich nicht um den Song irgendeines Menschen, sondern um den des
Komponisten. Das Problem mit dem gegenwärtigen System von
Autorenrechten ist jedoch, dass die Eigentümerschaft sich auf einen
zu langen Zeitraum erstreckt – alles in allem bis zu einem Jahrhundert.
Und es ist zu umfassend, da es alles einschließt, was so
ähnlich, ja selbst entfernt so aussieht wie das fragliche Werk.
Vor allem aber blendet das Copyright aus, welch großen Einfluss
das öffentliche Eigentum an Wissen und Kreativität auf das
Werk jedes Künstlers hat. Kein Gedicht existiert ohne
vorangegangene Gedichte. Das sollte zu dem Schluss führen, dass das
Eigentum eines Künstlers an seinem Werk im Verhältnis zum
gegenwärtigen status quo radikal eingeschränkt wird, zeitlich
und qualitativ.
Holt den Plagiator ins Boot
Ein Werk, das schnell populär wird, könnte schon nach einigen
Monaten ins öffentliche Eigentum überführt werden. Das
passiert faktisch ohnehin in den meisten Fällen. Ein anderes Werk
mag fünf oder maximal zehn Jahre brauchen. Je beliebter ein Werk
wird, je größer seine Verbreitung ist, in desto
stärkerem Maße geht die Beziehung zwischen Künstler und
Endverbraucher verloren. Offenbar gibt es eine „Massengrenze", wenn
diese überschritten ist, „lässt" die Eigentümerschaft
„nach".
Die zweite Begrenzung der Eigentumsansprüche betrifft die
Reichweite eines Werkes. In allen Kulturen ist es Brauch gewesen, jedes
beliebige Kunstwerk zu bearbeiten, zu verändern, es kreativ zu
nutzen. In unserem heutigen westlichen Copyright-System ist dies
verboten: Der „Eigentümer" hat die Möglichkeit, den Plagiator
vor Gericht zu zerren. Dabei sollte das Gegenteil die Regel sein:
Kreative Adaption und Fortführung sollten gefördert werden, um
stets neue künstlerische Energien freizusetzen.
Warum wäre die Abschaffung des Copyrights ein Segen für die
meisten Künstler? Die radikale Beschränkung der
Eigentümerschaft würde es erheblich weniger attraktiv für
die Kulturindustrie machen, gezielt in einzelne Stars zu investieren,
in Blockbuster-Filme, Bestseller und Merchandising. Nach der
Abschaffung des Copyrights hätte jeder die Möglichkeit, Werke
zu adaptieren, damit zu improvisieren, sie kreativ zu verändern.
Die „Produkte" der Kulturindustrie wären weniger exklusiv. Diese
könnte nicht länger das Umfeld ihrer „Produkte"
kontrollieren. Das hätte weit reichende Folgen. Die
Kulturindustrie würde ihren Krakengriff um die Kunstwerke
verlieren, viele Künstler hätten erheblich mehr Gelegenheit
als bisher, kreativ zu sein, mit dem Publikum zu kommunizieren und ein
angemessenes Einkommen für ihre Arbeit zu erzielen. Sie würden
nicht länger von der Kulturindustrie marginalisiert.
Schließlich fiele das Kontrollmonopol über Produktion,
Verteilung und Bewerbung von Kunstwerken weg. Wenn es in diesem Szenario
irgendeine Rolle für Einrichtungen gibt, die Geld für die
Vervielfältigung von Werken einnehmen (elektronisch oder nicht),
dann ist es eine sehr bescheidene. In jedem Falle muss die
gegenwärtige, nahezu grenzenlose Reichweite dieser Einrichtungen
beschnitten werden. Wenn sie weiterhin Geld einnehmen, sollte dies nur
auf einer begrenzten Eigentümerschaft basieren. Abgesehen davon
sollte viel mehr Phantasie für die Frage aufgewendet werden,
welches System so vielen Künstlern wie möglich einen fairen
Anteil an den Einnahmen für ihre Werke zukommen lässt.
Nichts auf dieser Welt ist selbstverständlich und per definitionem
segensreich, nicht einmal unser westliches Copyright-System.»
(Joost
Smiers in der Süddeutschen Zeitung vom 26.07.03. Smiers lehrt
Politische Wissenschaft der Künste an der Kunsthochschule in
Utrecht.)
http://www.sueddeutsche.de/sz/feuilleton/red-artikel1698/
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