|
a1-k0307280
Kurznachrichten
[ Allg.
Nachrichten ] [Nachrichtendienste
] [ Ticker ]
+++ Mo.28.07.03,
12:45 Nachrichten-Archiv Aktuelle
Nachrichten
Irak am hunderteinunddreißigsten Tag nach Kriegsbeginn
Wieder ein
US-Soldat bei Überfall im Irak getötet +++ US-Soldaten
greifen Haus in Bagdad an - Fünf Tote +++ Seit Besatzungsbeginn
vermutlich bis zu 7800 irakische Zivilisten getötet
+++ El Dschasira-Journalist in Irak von US-Truppen festgenommen
+++ US-Verteidigungsminister Wolfowitz wirft El Dschasira falsche
Berichterstattung vor +++ US-General Sanchez: Irak zieht
ausländische Terroristen an +++
Mo.28.07.03 - Bei
einem Granatenangriff im Irak sind nach US-Angaben am Sonntag ein
Soldat getötet und ein weiterer verletzt worden. Damit stieg die
Zahl der in den vergangenen 24 Stunden beim Einsatz im Irak
getöteten US-Soldaten auf fünf.
Das US-Militär teilte am Sonntag in Bagdad mit, die Soldaten
hätten der Eliteeinheit der Marines angehört. Wo der Angriff
stattfand, wurde nicht bekannt gegeben. Die US-Militärs hatten
ursprünglich vergangene Woche gehofft, dass mit dem Tod der
Söhne des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein der
Widerstand nachlassen würde. Allerdings hatten Experten vor dieser
Annahme auch gewarnt. Saddam Hussein selbst ist weiter auf der Flucht.
Erst am Samstag waren insgesamt vier Soldaten im Irak bei Angriffen
getötet worden, darunter drei Soldaten, die vor einem
Kinder-Krankenhaus nördlich von Bagdad ihren Dienst versahen.
Seit dem von den USA erklärten Ende der Hauptkampfhandlungen am 1.
Mai sind damit nunmehr 49 US-Soldaten getötet worden, allein zehn
starben seit dem Tod der Söhne Saddams, Udai und Kusai, am
Dienstag. US-Regierungsvertreter machen Saddam-Anhänger für
die Angriffe verantwortlich. Maskierte Männer hatten im arabischen
Fernsehen Rache für den Tod von Udai und Kusai angekündigt.
Ob es aber überhaupt einen Zusammenhang zwischen der Zunahme der
Angriffe in den vergangenen Tagen und dem Tod der Saddam-Söhne
gibt, ist nicht klar. Viele Iraker sind über die weiter schlechten
Lebensbedingungen in ihrem Land mit fast täglichen
Stromausfällen und einer mangelnden Wasserversorgung mehr als
unzufrieden. So entlade sich mancher Ärger über die
US-Besatzer in Angriffen, hieß es in Bagdad.
Seit dem Einmarsch der von den USA geführten Truppen im Irak am
20. März sind vermutlich 6000 bis 7800 irakische Zivilisten ums
Leben gekommen. Erst am Samstag starben nach Angaben der Einwohner von
Kerbala südlich von Bagdad zwei Zivilisten bei einem Zwischenfall
mit US-Soldaten.
Am Sonntag eröffneten US-Soldaten das Feuer auf Steine werfende
Demonstranten. Sie waren wütend, weil Soldaten am Vortag einen
Iraker erschossen hatten. Nach Militärangaben war er bewaffnet
gewesen. Bei der Demonstration hätten die Soldaten aus Notwehr
geschossen, sagte ein Militärsprecher. Nach Angaben von Ärzten
wurde dabei ein weiterer Iraker getötet. Die Demonstrationen in
Kerbela spiegeln den zunehmenden Widerstand gegen die Besatzungstruppen
wider. "Amerika ist ein Feind Gottes", riefen Dutzende Menschen, als
sie den Sarg mit einem der getöteten Männer trugen.
US-Truppen haben am Sonntag ein Haus in einer besseren Wohngegend von
Bagdad angegriffen. Anwohner berichteten von Gerüchten, dass sich
dort der gestürzte Präsident Saddam Hussein oder Mitglieder
seiner Familie aufgehalten hätten. US-Generalstabschef Richard
Myers sagte, es gebe eine Flut neuer Informationen, und er sei sich
sicher, dass Saddam gefunden werde.
Ein US-Militärsprecher erklärte zu dem Angriff auf die Villa
in Bagdad, dieser sei von eine Spezialeinheit ausgeführt worden.
Weitere Informationen habe er nicht. Der Hauseigentümer,
Stammesführer Rabeeah Amin, sagte, er sei nach dem Sturm der
Soldaten auf sein Haus heimgekehrt. Angeblich solle sich Saddam hier
versteckt gehalten haben. "Aber ich weiß vom dem nichts." Soldaten
sperrten den Mansur-Bezirk über eine Stunde lang ab und weigerten
sich, Auskunft über die Aktion zu geben. Aus einem Krankenhaus
verlautete, dass fünf Leichen und mindestens acht verletzte aus
dem Bezirk gebracht worden seien.
Während der Luftangriffe im April hatten US-Bomber schwere
Anti-Bunker-Bomben auf den Mansur-Bezirk abgeworfen. Angeblich sollen
sich damals Saddam und seine Söhne dort aufgehalten haben.
US-Soldaten haben in Irak nach einem Bericht des arabischen
Satellitensenders El Dschasira einen seiner Journalisten festgenommen.
Dem Bericht vom Sonntag zufolge wurden Nawfal el Schahwani und sein
Fahrer am Samstag in der nordirakischen Stadt Mossul in Gewahrsam
genommen. Seit dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein ist es der
dritte Bericht über die Festnahme eines Journalisten des Senders
aus Katar. Vertreter der US-Armee erklärten, ihnen sei nichts
über eine Festnahme bekannt.
Der Sender erklärte, El Schahwani verweigere aus Protest die
Nahrungsaufnahme und sei in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Der
Reporter habe sich in einem Gebiet aufgehalten, wo ein ziviles
irakisches Fahrzeug beschossen worden sei. Drei Iraker seien dabei
getötet worden, erklärte Jassir Abu Hilala, ein Reporter des
Senders in Bagdad. Der Sender habe vom Leiter der
Menschenrechtsvereinigung in Irak, Dawud Daghestani, von der Festnahme
erfahren.
In einem Interview mit dem US-Sender Fox News warf der stellvertretende
US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz El Dschasira am Sonntag falsche
und voreingenommene Berichterstattung vor. Diese könne zu Angriffen
auf Koalitionstruppen in Irak führen. Ähnliche Vorwürfe
erhob er gegen den Sender El Arabija mit Sitz in Dubai. Beide Sender
wiesen die Beschuldigungen zurück. Der Manager von El Dschasira,
Adnan el Scharif, erklärte, er glaube, die Nachrichten würden
den Amerikanern schlecht übersetzt. Chefredakteur Salah Negm von
El Arabija sagte, die Berichte seines Senders spiegelten die Wahrheit,
"auch, wenn das manche Menschen verärgert hat".
Im Irak sind nach Einschätzung des Kommandeurs der dortigen
US-Bodentruppen, General Ricardo Sanchez, auch ausländische
Extremisten gegen die US-Armee aktiv.
Der Irak werde immer mehr zu einem "Magneten für Terroristen aus
dem Ausland", für die die Amerikaner ein Gelegenheitsziel
darstellten, sagte General Sanchez im US-Sender CNN am Sonntag.
Über die Nationalität der an den Untergrund-Aktivitäten
angeblich beteiligten Extremisten sagte er nichts. Es gebe auch keine
Hinweise darauf, von welchem Land sie unterstützt würden.
Der Konflikt, dem sich die US-Besatzungstruppen im Irak ausgesetzt
sähen, sei vielschichtig, sagte Sanchez. "Wir haben da
terroristische Aktivitäten, wir haben da Leute aus der
früheren Führungsschicht des Regimes, wir haben da Kriminelle,
und wir haben einige bezahlte Killer, die unsere Soldaten täglich
attackieren."
Unterdessen äußerte sich US-Generalstabschef Richard Myers
zuversichtlich, dass es nach dem Tod der Saddam-Söhne Udai und
Kusai den US-Truppen sehr bald gelingen werde, auch Saddams habhaft zu
werden. Myers sagte, die Zahl der Informanten, die wichtige
Informationen hierzu lieferten, nehme stetig zu. Es sei daher nur eine
Frage der Zeit, wann Saddam geschnappt werde, sofern er überhaupt
noch lebe.
(Quellen: dpa,
rtr, ap)
Martin Walser
kritisiert intellektuelle Befürworter des Irak-Kriegs
Mo.28.07.03 - Der
Schriftsteller Martin Walser (76) geht mit den Befürwortern der
amerikanischen Irak-Politik hart ins Gericht. Eine politische und
moralische Vorherrschaft der USA dürfe es nicht geben, sagte der
Autor in einem Gespräch mit der Deutschen Presse- Agentur (dpa) an
seinem Wohnort Nußdorf bei Überlingen am Bodensee - "auch
wenn jetzt noch so viele Intellektuelle versuchen, nur weil der Krieg
jetzt sozusagen gewonnen zu sein scheint, ihm nun noch eine
Rechtfertigung zu erschreiben". Solche Versuche seien für ihn
"lächerlicher Opportunismus".
"Ein Staat, und sei er noch so schön und noch so groß, darf
sich nicht berechtigt fühlen einzugreifen, wo er glaubt, eingreifen
zu müssen", betonte Walser. "Denn es gibt keine moralische
Hegemonie, das darf es nicht geben in dieser Welt."
Lobende Worte fand Walser, dessen neues Buch «Meßmers
Reisen» an diesem Montag erscheint, für Bundeskanzler Gerhard
Schröder (SPD), der sich mit seiner Ablehnung des Irak-Kriegs gegen
den Bündnispartner USA gestellt hatte. "Ich finde, unser
Bundeskanzler hat sich toll verhalten. Schröder ist das bisher noch
immer nicht deutlich genug gesagt worden", meinte Walser. "Ich finde es
doch toll, wenn man in einer Bevölkerung mit Anti-Kriegs-Aussagen
Wahlen gewinnen kann". Ob Schröder gegen den Irak-Krieg gewesen
sei, nur weil er damit seine Wiederwahl habe sichern wollen, sei ihm
egal, sagte der Autor: "Mir geht es um die Wirkung."
Von der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel, von der er bis zum vergangenen
Jahr "sehr viel gehalten" habe, zeigte sich Walser wegen ihrer Reise in
die USA während der Irak-Krise enttäuscht. "Da fährt man
doch nicht nach Amerika und heuchelt Verständnis", kritisierte er.
"Nicht in jeder Frage muss man aus Parteienvernunft dagegen sein.
Für mein Gefühl hat sie da ihre politische Zukunft aufs Spiel
gesetzt".
Der Streit über sein 2002 erschienenes Buch "Tod eines Kritikers"
beschäftigt Walser weiter. Der Herausgeber der «Frankfurter
Allgemeinen Zeitung», Frank Schirrmacher, hatte dem Autor damals
vorgeworfen, der Text sei eine Abrechnung mit dem Literaturkritiker
Marcel Reich-Ranicki, in der er auch vor Antisemitismen nicht
zurückschrecke.
Im dpa-Gespräch verwies Walser auf ein neu erschienenes Buch mit
dem Titel "Der Ernstfall", in dem 15 Professoren aus verschiedenen
Ländern zu seinem Buch Stellung genommen hätten. "Alle -
Slawisten, Psychiater, Juristen, Übersetzer,
Literaturwissenschaftler - haben über dieses Buch geschrieben. Eine
Schweizer Zeitschrift hat dieses Buch besprochen mit der
Überschrift "Freispruch für Martin Walser".
Derzeit arbeite er "Tag und Nacht" an einem kurzen Roman mit dem Titel
"Der Augenblick der Liebe", berichtete der Schriftsteller. Das Buch
werde möglicherweise noch in diesem Jahr erscheinen.
(Quelle: dpa)
US-Bundesstaat
Colorado: Nonnen wegen Protestaktion gegen US-Kriegspläne
verurteilt
Mo.28.07.03 -
Drei amerikanische Ordensschwestern sind wegen einer Protestaktion auf
einem Militärgelände im US-Bundesstaat Colorado zu
mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Ein Gericht in Denver
verhängte am Freitag zwischen zweieinhalb sowie drei Jahren und
fünf Monaten Haft gegen die katholischen Ordensfrauen, die als
"Raketennonnen" bekannt wurden.
Der Richter nannte sie "gefährlich verantwortungslos", sah aber
von der Höchststrafe von 30 Jahren ab. Die Staatsanwaltschaft hatte
eine Mindeststrafe von sechs Jahren gefordert. Die zwischen 55 und 68
Jahre alten Friedensaktivistinnen hatten im vergangenen Oktober die
Absperrung zu einem Atomwaffensilo im US-Bundesstaat Colorado
durchbrochen. Mit Hämmern schlugen sie dann auf eine Betonwand ein,
beteten und zeichneten Kreuze mit ihrem Blut. Die Dominikanerinnen
rechtfertigten ihre symbolische Aktion als Protest gegen die
Kriegspläne der Bush-Regierung gegen den Irak und den
möglichen Einsatz von Atomwaffen.
(Quelle: dpa)
Kelly-Affäre:
Britische Ex-Entwicklungshilfeministerin wirft Londoner Regierung
«Machtmissbrauch»
Mo.28.07.03 - Die
frühere britische Entwicklungshilfeministerin Clare Short hat der
Londoner Regierung in der Kelly-Affäre "Machtmissbrauch"
vorgeworfen. Das Verhalten der Regierung von Premierminister Tony Blair
habe zum Tod des Waffenexperten David Kelly beigetragen, sagte Short der
Tageszeitung "The Independent" vom Montag. In der Affäre um den
mutmaßlichen Selbstmord Kellys müsse die Wahrheit
herausgefunden werden; die Verantwortlichen müssten Rechenschaft
abgeben. Blair und sein Kommunikationschef Alastair Campbell arbeiteten
"sehr, sehr eng" zusammen, betonte Short. "Es scheint mir, dass sie alle
darin verwickelt sind."
(Quelle: afp)
BBC wirft
britischer Regierung Erpressung vor
Mo.28.07.03 - Der
erbitterte Streit zwischen der Britisch Broadcasting Corporation und
der Londoner Regierung spitzt sich nach dem vermutlichen Selbstmord von
Regierungsberater David Kelly weiter zu. BBC-Vorstand Gavyn Davies warf
dem Kabinett von Premierminister Tony Blair am Sonntag
Erpressungsversuche vor, mit denen Redakteure von ihrer kriegskritischen
Berichterstattung abgebracht werden sollten.
In einem Artikel für die Zeitung "Sunday Telegraph" schrieb der
Vorstandsvorsitzende des Senders von verschiedenen Drohungen, die
ungenannte Regierungsmitglieder in Presseberichten aufgebaut
hätten: Die öffentlichen Zuwendungen für den Sender
würden gekürzt, der Generaldirektor abgesetzt und der
BBC-Staatsvertrag überarbeitet. "Unsere Integrität wird
attackiert und wir werden gezüchtigt, weil wir Angelegenheiten
anders sehen als die Regierung und ihre Unterstützer", kritisierte
Davies. Der Sender solle offensichtlich mit externer Kontrolle an die
Kandare genommen werden.
Kulturministerin Tessa Jowell wies den Vorwurf zurück. Sie werde
sich bei der seit langem geplanten Überarbeitung des BBC-Vertrags
sowie der Vergabe öffentlicher Mittel an den Sender nicht vom
Streit über die Irak-Berichterstattung beeinflussen lassen. Die
Unabhängigkeit der BBC bleibe erhalten.
Derweil besuchte der mit den Ermittlungen im Fall Kelly beauftragte
Richter Lord Hutton am Samstag dessen Familie. Auskünfte über
den Inhalt der "privaten Gespräche" wollte ein Justizsprecher nicht
geben.
Der Fernsehsender Sky News protestierte unterdessen gegen die
Entscheidung des Lordrichters, Rundfunk und Fernsehen von den
Anhörungen im Fall Kelly auszuschließen. Hutton will nach
Aussage seines Sprechers nur bei den Verhandlungseröffnungen sowie
den abschließenden Stellungnahmen Kameras und Mikrofone zulassen.
Kelly stand im Mittelpunkt der Kontroverse zwischen BBC und Regierung.
Der Sender hatte unter Berufung auf eine nicht genannte Quelle
berichtet, die Regierung habe ein Geheimdienstdossier über das
irakische Waffenpotenzial aufgebauscht, um den Krieg zu rechtfertigen.
Drei Tage nach seinem Selbstmord am 17. Juli identifizierte die BBC
Kelly als ihren Hauptinformanten.
(Quelle: ap)
Niger weist
britische Vorwürfe über Uran-Deal mit Irak zurück
Mo.28.07.03 -
Niger hat britische Vorwürfe zurückgewiesen, es sei mit dem
Irak in Uran-Geschäfte verwickelt.
Nigers Ministerpräsident Hama Hamadou sagte in einem in der
Hauptstadt Niamey geführtes Interview des "Sunday Telegraph", sei
Land habe hiermit nichts zu tun. "Unser Gewissen ist rein. Wir sind
unschuldig", sagte Hamadou laut Vorabbericht weiter. Falls
Großbritannien Beweise für seine Anschuldigungen habe, dann
sollten diese öffentlich gemacht werden. Großbritannien hatte
unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse erklärt, Iran habe in
Niger versucht, Uran zum Bau von Atomwaffen zu kaufen.
Hamadou erinnerte daran, dass Niger im ersten Golfkrieg 500 Soldaten in
den Kampf gegen Iraks Präsident Saddam Hussein geschickt habe.
"Sollte wir wirklich jemandem Material schicken, den wir bekämpft
hatten und der die halbe Welt mit einer Atombombe zerstören
könnte ? Das ist undenkbar." Die Uranproduktion in Niger werde
streng überwacht.
Die Regierung von Premierminister Tony Blair ist in
Erklärungsnöte geraten, ob ihre Begründungen für
einen Irak-Krieg belegbar sind oder aufgebauscht wurden.
(Quelle: rtr)
«Erst jetzt hat sich der Regierungschef von Niger zu
Wort gemeldet und sieht das Land als Spielball britischer und
amerikanischer Interessen im Irak-Konflikt»
«Seit
der ersten Erwähnung in der Öffentlichkeit, dass das
Hussein-Regime vom Niger Uran kaufen wollte, was als Beispiel für
die Existenz eines Atomwaffenprogramms dienen sollte, wurde über
den Kopf von Niger hinweg verhandelt, ob dieser Vorwurf auf
irgendwelchen haltbaren Tatsachen beruht. Die Kriegsparteien, die
unbedingt die Gefährlichkeit des Hussein-Regimes beweisen wollten,
stützten sich auf gefälschte Dokumente, die eine italienische
Journalistin 2001 der US-Botschaft in Rom übergeben
haben soll. Die Journalistin vom Berlusconi-Magazin Panorama will aber
wiederum nicht sagen, von wem sie diese hatte, was auch wieder zu
Spekulationen beitragen kann. Die Regierung von Niger allerdings
wurde offenbar aber trotz der Bedeutung für Krieg und Frieden sowie
Wahrheit und Lüge nicht direkt gefragt..
Das erste Mal kam die Niger-Connection in einem von der britischen
Regierung veröffentlichten Dossier ans Licht der
Öffentlichkeit. Die US-Regierung übernahm trotz der Skepsis
der Geheimdienste bekanntlich dankbar die Information, um dem Irak der
Verletzung der UN-Resolutionen zu beschuldigen - wider besseren Wissens,
denn es wurde zur Überprüfung der Dokumente ein Gesandter in
den Niger geschickt, der die Fälschung bestätigte. Obgleich
die Dokumente auch von den UN-Inspektoren schnell als Fälschungen
entlarvt wurden, übergingen die Kriegsbefürworter in ihrem
Willen zur militärischen Invasion solche Zweifel und wiederholten
lieber permanent die unbewiesenen, teilweise auch fingierten, zumindest
hoch aufgebauschten Behauptungen...»
Mehr bei
"telepolis" (28.07.03):
http://www.telepolis.de/deutsch/special/irak/15318/1.html
|
Israel geht
vor Scharons USA-Besuch auf Palästinenser zu +++ 540
Palästinenser sollen freigelassen werden
Mo.28.07.03 - Vor
dem USA-Besuch von Ministerpräsident Ariel Scharon hat Israel
"Gesten des guten Willens" bei der Umsetzung des Friedensplans gemacht.
Nach israelischen Medienberichten vom späten Sonntagabend sollen in
der kommenden Woche insgesamt 540 palästinensische Häftlinge
freigelassen werden. Zum ersten Mal seit Beginn des blutigen
Palästinenseraufstands hatte Israel am Wochenende mehrere
Straßensperren im Westjordanland abgebaut oder für den
allgemeinen Verkehr geöffnet. Scharons Kabinett hatte am Sonntag
der Entlassung von rund 100 militanten Palästinensern aus
israelischen Gefängnissen zugestimmt.
Unter 540 seien auch 210 Aktivisten der militanten Bewegungen Hamas und
Dschihad sowie 210 Mitglieder der Fatah-Organisation von
Palästinenserpräsident Jassir Arafat. 120 säßen
wegen krimineller Delikte in israelischer Haft. Diese Maßnahme
verlautete aus dem Umfeld Scharons, der an Dienstag mit
US-Präsident George W. Bush für den Friedensprozess sprechen
wird.
Nach Angaben eines Armeesprechers können nach dem Abbau der
Straßensperren Palästinenser erstmals seit Beginn der
Intifada vor 33 Monaten "innerhalb von vier bis sechs Stunde"» von
Dschenin im Norden bis nach Hebron im Süden des
Palästinensergebiets reisen. Bisher seien dafür bis zu 48
Stunden nötig gewesen.
Israelische und palästinensische Räumfahrzeuge
zerstörten am Morgen die Betonbefestigungen einer
Straßensperre nordwestlich von Ramallah, die der Bevölkerung
bisher den freien Zugang zu etwa 30 Dörfern sowie der
Bir-Seet-Universität verwehrt hatte. Auch bei Ein- Arik im Westen
Ramallahs sowie in Dschabel Sindak bei Hebron wurden Sperren entfern.
Die Bevölkerung habe dadurch freien Zugang zu mehreren großen
Orten in dem Gebiet.
Israel hatte am Freitag den Abbau von Straßensperren
angekündigt. Die israelischen Medien brachten die Entscheidung mit
der USA-Reise Scharons in Verbindung. Israel steht seit Wochen unter
starkem Druck Washingtons, die Lebensbedingungen der seit Jahren von der
Außenwelt abgeschnittenen Palästinenser zu verbessern. Nach
Angaben eines Armeesprechers kann sich die palästinensische
Bevölkerung nach der Öffnung der Kontrollpunkte erstmals
wieder «relativ frei» innerhalb der einzelnen Bezirke
bewegen. Zwischen Nablus und Dschenin im Norden wurde der
öffentliche Nahverkehr wieder aufgenommen.
Im Rahmen der als "Gesten des guten Willens" bezeichneten Aktionen
erteilte die Armee nach eigenen Angaben auch mehreren Tausend
palästinensischen Frauen und Männern aus dem Westjordanland
Arbeitsgenehmigungen für Israel. Insgesamt dürfen damit wieder
etwa 25 000 Menschen aus den Autonomiegebieten in Israel arbeiten. Vor
Beginn des blutigen Konflikts hatten hier bis zu 160 000
Palästinenser ihren Lebensunterhalt verdient.
Bush hatte Israel zu weiteren "vertrauensbildenden Maßnahmen"
gedrängt, um damit die Position des palästinensischen
Ministerpräsidenten Mahmud Abbas im Friedensprozess gegenüber
seiner Bevölkerung zu stärken. Bush war am Freitag erstmals in
Washington mit Abbas zusammengetroffen. Beobachter gehen davon aus,
dass er Scharon am Dienstag zu weiteren Maßnahmen zu Gunsten der
Palästinenser drängen wird. Der US-Präsident hatte nach
dem Treffen mit Abbas den Bau der massiven, mauerähnlichen
Befestigungsanlage auf palästinensischem Gebiet durch Israel
kritisiert und angekündigt, er werde darüber mit Scharon
sprechen.
Radikale Palästinensergruppen nannten am Sonntag die am selben Tag
vom Kabinett Scharon mit 14 zu 9 Stimmen beschlossene Entlassung von
rund 100 militanten Häftlingen einen "billigen Werbetrick" Israels.
Die Gefangenen sollen nach offiziellen Angaben zusätzlich zu den
rund 500 Häftlingen entlassen werden, über deren Freilassung
die Regierung bereits vor einer Woche entschieden hatte. Hamas und
Dschihad forderten erneut die Entlassung aller rund 6000 in Israel
festgehaltenen palästinensischen Gefangenen. Der
palästinensische Informationsminister Nabil Amer
begrüßte die Kabinettsentscheidung dagegen als "positive
Geste".
(Quelle: dpa)
«Unsere geckenhafte Selbstgerechtigkeit»
«Seit
Beginn der Intifada sind mehr als 800 Israelis, meist Zivilisten von
Palästinensern getötet worden. Wir nennen dies zu recht
„Mord". Einige wurden durch Selbstmordattentäter getötet, die
andern durch andere Mordinstrumente. Zur selben Zeit sind mehr als 2200
Palästinenser durch Israelis getötet wurden – einige als
bewaffnete Verdächtige und fast alle mit den Waffen unserer
Soldaten. Wir nennen diese Todesfälle nicht „Morde".
Aber vielleicht sollten diese Tötungen auch als Morde bezeichnet
werden. All diese Todesmaschinen, die vom Himmel kommen, die Panzer und
Scharfschützen sind auf den „Feind" ausgerichtet, wie der
Generalstabschef sagt oder in „kriegerischen Operationen", wie der Judge
Advocate (Staatsanwalt?) General (JAG) Menachim Finkelstein sagt. Und
deswegen ist es unnötig, die Soldaten zu verhören und die
Mörder von Zivilisten gerichtlich zu belangen. Außerdem,
fügt der gesetzestreue JAG hinzu, ist es unmöglich 2000
Untersuchungen über 2000 Todesfälle durchzuführen."
(Haaretz 10.Juli 2003) Aber er führte keine Untersuchungen durch,
als es nur 50 Fälle von ermordeten Palästinensern gab oder als
es 100 davon gab. Also warum soll man Mörder und Peiniger/
Rechtsbrecher vor Gericht bringen, jetzt wo es so viele sind. Moment
mal, er fand schließlich acht Fälle,
Schießunfälle, die untersucht werden müssen.
Und natürlich kann man jüdisches Blut nicht mit
palästinensischem Blut vergleichen. Die Palästinenser
benützen die schreckliche Waffe des Selbstmords, während auf
unserer Seite alles ästhetisch und elegant ist. Bomben fallen vom
Himmel und die Piloten gehen sicher nach Hause; die Panzer feuern mit
Granaten voll spitzer Pfeile, und unsere gedrillten Scharfschützen
treffen jedes ihrer Ziele. Natürlich fragt keiner jemals : welches
Ziel? Wir bekämpfen den „Feind" und eine große Zahl der
„Morde" sind Kriegshandlungen. Natürlich bekämpfen sie – die
Palästinenser – nicht einen Feind. Sie bekämpfen eine
aufgeklärte Besatzung, die darum gepokert hat, ihnen die letzten 36
Jahre die Herrschaft zu übertragen, fand es aber sehr schwierig,
weil sie auf Land leben, das uns vor 1900 Jahren gehörte, und weil
wir es nur für uns selbst wollen.
Oder sind wir vielleicht ein gieriger Besatzer, plündern ihr Land
( wenigstens so weit es uns betrifft) reißen Bäume aus,
demolieren Häuser, und vertreiben und brechen in ihre Häuser
ein. Und immer noch nicht sind wir ein Feind und immer noch denken wir,
wir sind eine aufgeklärte Besatzung. Und unser Generalstabschef tut
alles nur Mögliche, um ins Bewusstsein der Besetzten einzubrennen,
dass man seinen Besatzer lieben sollte, der sie im eigenen Haus als
Gefangene hält, bis sie alle hungrig und vollkommen
gedemütigt sind. Und all dies darum, um sie dahin zu bringen,
endlich zu begreifen, wer die Herren des Landes sind und wer die Diener.
Alles was ich hier schreibe, ist allen bekannt – aber es ist verboten,
es laut auszusprechen, weil es unpatriotisch sei. Schließlich ist
alles, was wir tun, so, damit unsere Feinde uns nicht einen 2. Holocaust
bescheren. So wird es uns erklärt – immer und immer
wieder...»
(Aus: Shulamit Aloni - "Unsere geckenhafte Selbstgerechtigkeit" ,
Ha'aretz / ZNet Deutschland vom 23.07.2003. Die Autorin ist ein
früheres Mitglied der Knesset und war Ministerin von Meretz)
Mehr
unter:
http://www.zmag.de/article/article.php?id=741
|
Unwetter in
Asien fordern fast 300 Tote +++ In Bangladesch wurden am Wochenende
eine Million Menschen obdachlos
Mo.28.07.03 -
Unwetter haben am Wochenende in Asien fast 300 Menschen das Leben
gekostet. Millionen mussten flüchten und verloren Haus und Hof. In
Bangladesch starben 195 Menschen in den Fluten, so die Behörden
gestern. Mindestens eine Million seien gezwungen gewesen, ihre
Häuser und ihre Arbeitsplätze aufzugeben. In Pakistan
forderten schwere Regenfälle 60 Tote, 47 davon allein in der
Sindh-Provinz im Süden.
Eine Schneise der Verwüstung hat der Taifun "Imbudo" durch
Südchina gezogen und mindestens 20 Menschen in den Tod gerissen.
Tausende Häuser wurden zerstört und 50.000 Hektar Felder
vernichtet, berichteten die Medien am Samstag. Mehr als 7 Millionen
Menschen seien in der Region von den Auswirkungen des katastrophalen
Sturms betroffen. Die Schäden werden bislang auf rund 100 Millionen
Euro geschätzt.
Der Sturm wütete bereits über den Philippinen und dem Norden
Chinas. Auf den Philippinen hatte dieser Taifun mindestens 22 Menschen
getötet und mehr als 20.000 Bewohner aus ihren Heimen vertrieben.
Im westindischen Staat Gujarat starben sechs Menschen bei monsunartigen
Regenfällen. In normalerweise trockenen Gegenden gab es die
schwersten Regenfälle seit 50 Jahren, hieß es im indischen
Fernsehen.
(Quelle: dpa)
Brasilien:
VW-Besetzer bleiben hart
Mo.28.07.03 -
Mehrere tausend Besetzer eines Volkswagen-Geländes in Brasilien
wollen mit einem Protestmarsch ihrer Forderung nach Übereignung des
Grundstücks Nachdruck verleihen. Der Marsch auf das Rathaus in
São Bernardo im Bundesstaat São Paulo sei für heute
geplant, teilte die "Bewegung der Obdachlosen Arbeiter" (MTST) am
Samstagabend (Ortszeit) mit.
"Wenn wir aus dem Gelände vertrieben werden, müssen die
Behörden wissen, dass wir dann in das Rathaus oder den
Gouverneurspalast einziehen werden", warnte ein MTST-Sprecher. Die rund
4.000 obdachlosen Familien auf dem seit Jahren brachliegenden
VW-Gelände hatten am Samstag die erste Woche der Besetzung
gefeiert. "Am Samstag sind viele weitere Familien auf das Gelände
gezogen", berichtete die Agentur Estado. Die Besetzer hätten neben
der Gemeinschaftsküche inzwischen auch eine Kapelle errichtet.
Journalisten sei der Zugang seit der ungeklärten Ermordung eines
Reporters vor dem Lager weiterhin nicht gestattet, hieß es.
(Quelle: taz/dpa)
Manila sucht
'politische Hintermänner' von Meuterei
Mo.28.07.03 -
Nach dem Aufstand philippinischer Soldaten gegen Präsidentin
Gloria Arroyo geht die Regierung in Manila gegen Unterstützer ihres
Amtsvorgängers Joseph Estrada vor. Die abtrünnigen
Armee-Einheiten hätten nicht alleine gehandelt, sondern hätten
politische Rückendeckung durch Vertraute des ehemaligen
Präsidenten gehabt, sagte Innenminister Jose Lina. Die Polizei
nahm nach eigenen Angaben den früheren Estrada-Berater Ramon
Cardenas fest und durchsuchte sein Haus. Dabei seien
Militäruniformen und anderes Material gefunden worden, hieß
es.
Der Aufstand war am Sonntag nach rund 18 Stunden ohne
Blutvergießen beendet worden. Die Soldaten erklärten sich
nach zähen Verhandlungen mit der Regierung zur Aufgabe bereit. Sie
hatten in der Nacht zum Sonntag eine Geschäfts- und Wohnanlage im
Finanzviertel Makati gestürmt. Die Meuterer warfen Arroyo
Korruption vor und forderten ihren Rücktritt. Estrada hatte jede
Verantwortung für die Rebellion zurückgewiesen. Der
frühere Präsident wurde vor zwei Jahren durch eine vom
Militär unterstützte Volksbewegung gestürzt und sitzt
derzeit wegen Korruptionsvorwürfen in Haft.
Ermittlungen liefen auch gegen einen politischen Freund Estradas, den
oppositionellen Senator Gregorio Honasan, der in den 80er Jahren sieben
Umsturzversuche angeführt habe, sagte der Innenminister. Honasans
Verwicklung in die Meuterei sei "glasklar". Die Ermittler seien nur noch
dabei, mehr Beweise gegen ihn zu sammeln, bevor die Anschuldigung
formell erhoben werden könne. Lina betonte, vor allem die
Rücktrittsforderung der Soldaten an Arroyo zeige den politischen
Hintergrund der Aktion.
(Quelle: afp)
Revolutions-Jubiläum
in Kuba - Castro nennt EU «Trojanisches Pferd» der USA
Mo.28.07.03 - Der
kubanische Präsident Fidel Castro hat die EU scharf angegriffen
und als «Trojanisches Pferd» der USA bezeichnet. Auf Hilfe
aus Europa könne Kuba verzichten, sagte er am Samstag in einer
Rede zum 50. Jahrestag seines Putschversuchs gegen die damalige
Regierung, der den Grundstein für die kubanische Revolution sechs
Jahre später legte. Die Europäische Union will dennoch an
ihrer Unterstützung festhalten, wie die EU-Kommission am Sonntag
in Brüssel erklärte.
Die EU nehme die Aussagen Castros mit Bedauern zur Kenntnis, hieß
es. Die Kommission bekräftigte aber ihr Engagement, "das kubanische
Volk und vor allem die Bedürftigsten zu unterstützen".
EU-Angaben zufolge flossen seit 1993 Hilfezahlungen in Höhe von
mehr als 145 Millionen Euro nach Kuba.
Castro warf Europa in seiner Rede zum Nationalfeiertag vor, es sei
nicht fähig, unabhängig und ohne Rücksicht auf Washington
über seine Beziehungen zu Kuba zu entscheiden. Sein Land sei aber
nicht auf Europa angewiesen. "Kuba braucht nicht die Hilfe der
Europäischen Union, um überleben zu können",
erklärte der Staatschef von tausenden geladenen Gästen.
Die EU ist der stärkste Handelspartner und Geber für das
kommunistische Land. Sie hat allerdings im Juni entschieden, ihre
Politik gegenüber Kuba wegen der anhaltenden Berichte über
Menschenrechtsverletzungen zu überdenken. Castro nannte die EU
weiter eine "Gruppe alter Kolonialmächte, historisch verantwortlich
für Sklavenhandel, Plünderungen und sogar die
Auslöschung ganzer Völker".
Am 26. Juli vor einem halben Jahrhundert versammelte der damals 26
Jahre alte Jurist Castro seine Anhänger in Havanna um sich und
kündigte die Erstürmung der Moncada-Kaserne sowie den Sturz
des Regimes von Fulgencio Batista an. Das Vorhaben scheiterte. Batistas
Truppen schlugen den Sturm auf die Moncada-Kaserne nieder, Castro kam in
Haft. Im Rahmen einer Generalamnestie kamen er und seine
überlebenden Anhänger nach 22 Monaten frei. Sie gingen nach
Mexiko und bereiteten von dort aus die Machtübernahme in Kuba vor:
Am 1. Januar 1959 stürzte Castro die Regierung Batista.
(Quelle: ap)
«Der Sturm auf die Moncada»
Am 26.
Juli 1953 fiel der Startschuss zur kubanischen Revolution: Castro
wollte die Moncada-Kaserne von Santiago stürmen...
Mehr in
der "tageszeitung" vom 26.07.03:
http://www.taz.de/pt/2003/07/26/a0256.nf/text
|
Deutschland:
Streit um Bürgerversicherung entzweit große Parteien
Mo.28.07.03 - Der
Streit um Für und Wider der Bürgerversicherung hat die
großen Parteien entzweit. In der SPD wie in der Union kochte die
Debatte über einen Systemwechsel in der Krankenkassen-Finanzierung
am Wochenende weiter hoch. Dagegen forderte die Grünen-
Fraktionsvorsitzende Krista Sager, die Bürgerversicherung noch in
dieser Legislaturperiode auf den Weg zu bringen. Ein unterschiedliches
Echo fand die Forderung bei Kassenvertretern und Wissenschaftlern.
Der Verhandlungsführer der Union bei den
Gesundheits-Konsensgesprächen, Horst Seehofer, kündigte an, er
werde in den eigenen Reihen heftig für die umstrittene
Bürgerversicherung kämpfen. Ihre Einführung steht
für den CSU-Politiker so gut wie fest: "Da gehe ich jede Wette
ein", sagte er dem "Spiegel". Auch Sager gab sich überzeugt: "An
der Bürgerversicherung führt kein Weg vorbei. Noch in dieser
Legislaturperiode muss die Entscheidung über die Ausgestaltung der
Bürgerversicherung fallen", sagte sie der "Bild am Sonntag".
Widerspruch erntete Seehofer aus der CDU, so von Partei-Vize
Jürgen Rüttgers: Sicherlich müsse man über eine
Bürgerversicherung diskutieren. "Ich habe aber erhebliche Bedenken
gegen eine solche Einheitsversicherung. Wir müssen überlegen,
wie wir mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen schaffen können", sagte
Rüttgers der "Bild am Sonntag". Baden-Württembergs
Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) warnte davor, die
Bürgerversicherung als Zauberformel zu sehen.
Für CDU-Präsidiumsmitglied Hildegard Müller ist die
Diskussion zwar noch nicht beendet, die "Tendenz" gehe aber "eher in
Richtung Kopfpauschale", sagte sie der "Berliner Zeitung". Die
Einbeziehung von Beamten, Selbstständigen und Freiberuflern sei
zwar populär. Sie führe aber nicht zur Senkung der
Beitragssätze.
Auch in der SPD gibt es keine klare Linie. Bundessozialministerin Ulla
Schmidt (SPD) ließ erneut Sympathie für eine
Bürgerversicherung erkennen. Diese werde "gesellschaftlich
integrierend wirken", wie sie dem "Focus" sagte. Während sich
SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler als Befürworter des
Systemwechsels zu erkennen gab, äußerte sich SPD-
Fraktionschef Franz Müntefering "skeptisch". Er kritisierte das
Vorpreschen der Grünen und warnte im "Tagesspiegel am Sonntag" vor
Schnellschüssen. Auf Distanz zu einer allgemeinen Umfinanzierung
war auch die SPD-Gesundheitsexpertin Gudrun Schaich-Walch gegangen. Sie
warnte ihre Partei vor "Vorfestlegungen".
Regierungsberater Bert Rürup hält die Debatte für
verfrüht. Sie beruhe mehr auf Wunschvorstellungen als auf Analyse
und Fakten, sagte er der "Sächsischen Zeitung". Die Umsetzung der
Bürgerversicherung berge "eine Unsumme nicht gelöster
technischer Probleme". Der Chef der Kaufmännischen Krankenkasse
KKH, Ingo Kailuweit, befürwortet den System-Wechsel: Diese
Bürgerversicherung löse "zwar nicht alle Probleme, aber sie
verteilt die Lasten solidarisch auf alle Schultern. Und das ist nur
gerecht", sagte er der Nachrichtenagentur dpa.
Der Berliner Ökonomieprofessor Charles B. Blankart warnte vor
weiteren Ausgabensteigerungen bei einer Einführung der
Bürgerversicherung. "Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen
erhielte so neuen Auftrieb", sagte er dem "Tagesspiegel am Sonntag".
Faktisch werde damit "ein großer Einnahmenpool geschaffen, aus dem
die Leistungserbringer bedient werden", kritisierte Blankart.
(Quelle: dpa)
«Mythos
RAF»: Ausstellungsmacher verteidigt umstrittenes RAF-Projekt
Mo.28.07.03 - Der
Mitinitiator der in Berlin geplanten Ausstellung «Mythos
RAF», Klaus Biesenbach, hat das umstrittene Projekt verteidigt. Es
sei nie um eine Idealisierung der Rote-Armee-Fraktion gegangen,
beteuerte er in einem am Sonntag vorab verbreiteten Interview der
"Süddeutschen Zeitung" (Montagausgabe). Hauptanliegen der
Ausstellung sei "eine Entmythologisierung und ein Entgegenwirken
jeglicher Glorifizierung der RAF".
Das Vorhaben hat heftige Proteste von Angehörigen von Opfern der
Terrorgruppe sowie von Politikern auf sich gezogen. Biesenbach
äußerte sich «überrascht, dass so früh eine
derart vehemente Kritik kommt». Die Ausstellungsmacher hätten
versäumt, die Angehörigen der Opfer frühzeitig
einzubeziehen, räumte er ein. Allerdings hätten sie sie auch
nicht mit einem unausgegorenen Konzept konfrontieren wollen. Jetzt habe
er erste Briefe abgeschickt und um Gespräche gebeten.
Hergard Rohwedder, die Witwe des 1991 von der RAF ermordeten
Treuhand-Chefs Detlef Karsten Rohwedder, erteilte ihm bereits eine
Abfuhr. "Ich arbeite nicht an einer Ausstellung über die
Mörder meines Mannes mit", sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen
Zeitung" (Samstagausgabe) zufolge. Sie wolle die Ausstellung nicht
verhindern. Auch gehe es bei ihrer Intervention nicht um ihre
Gefühle, sondern darum, dass eine «seriöse,
zuverlässige Auseinandersetzung» mit der Terrorgruppe und
deren Tätigkeit stattfinde.
Biesenbach versicherte, die Kunst werde die Ausstellung nicht
dominieren. So sei von Anfang an Wolfgang Kraushaar vom Hamburger
Institut für Sozialforschung als ausgewiesener Kenner der
Geschichtsperiode der 70er Jahre um Mitarbeit gebeten worden. Biesenbach
will eigenen Worten zufolge bewirken, dass die jungen Leute von heute
die RAF "nicht unreflektiert sehen als eine Art Bonny and Clyde aus
Hollywood". Wer Bescheid wisse, trage auch nicht "so ein RAF-Logo auf
dem T-Shirt".
(Quelle: ap)
«"Mythos RAF" als Sommertheater»
Der
"Rollberg" [http://www.rollberg.de/]
beschäftigt sich mit der Auseinandersetzung um die
geplante Ausstellung "Mythos RAF" :
http://kantel.server-wg.de/rollberg/archives/001657.html
Die
Ausstellung zeige «dass Vergangenes noch lange nicht vergangen
ist und dass die alten "Beißreflexe" aus den 70er und 80er Jahren
noch vorzüglich funktionieren», schreibt "Rollberg". Und
weiter: «Die RAF ist Teil der Geschichte der Bundesrepublik und
hatte ihren kulturellen und politischen Einfluß. Das zu
konstatieren und aufzuarbeiten ist legitim. Und wichtig. Und hat nichts
mit Verherrlichung von Verbrechen zu tun»
|
mehr Kurznachrichten...
|