Aktuelle Nachrichten
Irak am hunderteinundsechzigsten Tag nach Kriegsbeginn
Erneut US-Soldat bei Angriff in Irak getötet +++ US-Opferzahl im
Irak jetzt höher als während der Kriegshandlungen +++
US-Präsident Bush: USA werden sich nicht aus Irak
zurückziehen +++ Ausbleibende internationale
Truppen-Unterstützung in Irak +++ USA überdenken neue
Irak-Resolution +++ Deutscher Mittelstand sieht lukrative
Geschäftschancen in Irak: Das Land sei quasi eine
"Freihandelszone" ohne Zölle und Steuern +++ Bombensicherer
Mercedes für wohlhabende Iraker
Mi.27.08.03 - Die Zahl der nach dem offiziellen Ende der Kampfhandlungen in Irak
getöteten US-Soldaten übersteigt mittlerweile die Zahl der
während des Krieges getöteten Soldaten. Dies geht aus einer
am Dienstag in Washington veröffentlichten Statistik des
US-Verteidigungsministeriums hervor. Als jüngstes Opfer eines
feindlichen Angriffs starb am Dienstag ein Soldat einer
US-Versorgungseinheit nahe der zentralirakischen Ortschaft Hamarija bei
einem Sprengstoffangriff. Damit erhöhte sich die Zahl der
während der "Operation Iraqi Freedom" getöteten US-Soldaten
auf insgesamt 277. 139 von ihnen wurden nach dem 1. Mai getötet,
als US-Präsident George W. Bush das Ende der größeren
Kampfhandlungen in Irak verkündete. Während der Invasion zur
Entmachtung des irakischen Staatschefs Saddam Hussein starben 138
US-Soldaten.
US-Präsident George W. Bush hat angesichts zunehmender
innenpolitischer Kritik den Willen der US-Regierung zur Fortsetzung des
Irak-Feldzugs betont.
"Es wird keinen Rückzug geben", sagte Bush am Dienstag vor
Veteranen in St. Louis. Die USA befänden sich im Irak im Kampf
gegen Anhänger des gestürzten Präsidenten Saddam
Hussein, ausländischen Kämpfern und kriminellen Banden. "Ein
Rückzug im Angesicht des Terrors würde nur zu mehr und
gewagteren Angriffen führen", sagte er.
Durch die Erfolge der US-geführten Truppen im Irak würden die
Terrorgruppen immer verzweifelter, sagte Bush. "Terroristen sammeln
sich im Irak, um die Ausbreitung der Freiheit zu untergraben", sagte
er. "Und je größer unsere Fortschritte dort sind, desto
verzweifelter werden die Terroristen werden." Bush kündigte an,
weitere Staaten für eine Beteiligung an den Truppen im Irak
gewinnen zu wollen. Aus Kreisen des US-Kongress verlautete zudem, die
Regierung erwäge, die Legislative um weitere zwei bis drei
Milliarden Dollar für den Wiederaufbau zu ersuchen.
Abgeordnete beider Parteien haben in den vergangenen Wochen die
Irak-Politik der Regierung kritisiert und eine größere
Beteiligung ausländischer Truppen gefordert.
US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte am Montag auch von
Verteidigungsexperten geäußerte Forderungen
zurückgewiesen, die Truppenstärke im Irak zu erhöhen.
Gegenwärtig sind dort etwa 140.000 US-Soldaten im Einsatz.
Wegen ausbleibender internationaler Unterstützung überdenkt
die US-Regierung ihr Vorhaben einer neuen UN-Resolution zu Irak. Die
ersten Reaktionen der übrigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates
seien "nicht sehr viel versprechend" gewesen, sagte ein Sprecher des
US-Außenministeriums am Dienstag. Damit seien Hoffnungen auf eine
Verabschiedung der Entschließung Anfang September geschwunden,
mit der weitere Länder zur Beteiligung am Wiederaufbau Iraks
bewegt werden sollten. Die Idee sei jedoch noch nicht abgelegt worden.
Es gebe noch "überhaupt keine Beschlüsse", sagte
US-Außenamtssprecher Philip Reeker.
Die Chancen deutscher Unternehmen auf lukrative Geschäfte beim
Wiederaufbau in Irak sind nach Einschätzung von
Mittelstandsvertretern trotz der von den US-Streitkräften
ausgeübten Kontrolle gut. Die Amerikaner könnten nicht alle
Arbeiten selbst ausführen und und vergäben deshalb zunehmend
Aufträge an irakische Firmen, erklärte Dorothea Khulusi,
Vertreterin der Deutsch-Irakischen Mittelstandsvereinigung MIDAN, am
Dienstag in Bonn. Die Iraker wiederum seien auf Lieferungen aus dem
Ausland angewiesen, wobei gerade Deutschland traditionell einen guten
Ruf genieße.
"Der Irak wird in Zukunft ein wichtiger Auslandsmarkt für deutsche
Unternehmen sein, auch wenn bei jedem Engagement Chancen und Risiken
abgewogen werden müssen", sagte Michael Swoboda,
Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK)
Bonn/Rhein-Sieg. Man wolle deutsche Unternehmen, die Interesse an
Geschäften mit Irak haben, beraten. Zurzeit sei die
Sicherheitslage allerdings sehr angespannt. Auch wirtschaftlich sei ein
Engagement mit Risiken verbunden. "Die Entscheidung muss jedes
Unternehmen für sich selbst treffen", erklärte Swoboda.
Gemeinsam mit MIDAN organisieren die Handelskammern Bonn/Rhein-Sieg,
Köln und Ostwestfalen/Bielefeld am 2. September einen
deutsch-irakischen Handelstag, für den sich nach Angaben der
Organisatoren rund 100 mittelständische Unternehmen angemeldet
haben. Die Veranstalter wollen über Chancen und Risiken
aufklären und Kontakte zu Geschäftspartnern in Irak
vermitteln. Die Unruhen und die am Boden liegende Infrastruktur machen
direkte Beziehungen weiterhin äußerst schwierig.
Besonders attraktiv für ausländische Firmen sei, dass es in
Irak bis mindestens Ende des Jahres quasi eine "Freihandelszone" ohne
Zölle und Steuern gebe, sagte Khulusi. Diese Regelung werde
vermutlich verlängert.
Die im Juli in Köln gegründete Mittelstandsvereinigung MIDAN
vertritt nach eigenen Angaben 400 ausgesuchte irakische Unternehmen in
Deutschland. Deutsche Firmen können der Organisation zufolge
Geschäfte in verschiedenen Branchen abwickeln, ohne selbst
Mitarbeiter ins Land zu schicken. Als Beispiele wurden Transport- und
Logistikprojekte sowie der Wiederaufbau der Wasserversorgung in kleinen
mobilen Einheiten genannt.
Bereits 13 deutsch-irakische Projekte seien vereinbart, darunter eins
im Wert von 150 Millionen Euro, erklärte Khulusi. Ausgeschrieben
und auch für deutsche Unternehmen interessant könne
beispielsweise die Komplettrenovierung eines Fünf-Sterne-Hotels in
Bagdad sein. Irak sei nach wie vor dank seiner Bodenschätze ein
reiches Land, betonte Khulusi. Die Bevölkerung sei gut ausgebildet
und arbeitswillig.
Wohlhabende Iraker müssen künftig keine Angst mehr vor
Maschinengewehr- und Granatenbeschuss in ihrem Auto haben. Im Auftrag
der Firma MTB Design werden derzeit in deutschen Werkstätten
Mercedes-Limousinen zu regelrechten Panzerfahrzeugen umgebaut, in denen
irakische Geschäftsleute und Würdenträger sicher durch
Bagdads Straßen rollen können. Die Sicherheit auf
Rädern hat allerdings ihren Preis: Bis zu eine Million Euro kosten
die mobilen Festungen, die äußerlich kaum von den
herkömmlichen Autos zu unterscheiden sind. Zwar hat MTB noch
keines der Fahrzeuge verkauft, ein leitender Mitarbeiter der Firma
zeigt sich jedoch zuversichtlich: "Irak ist ein gefährliches Land,
die Leute werden unser Angebot nutzen."
(Quellen: afp, rtr, ap)
US-Sicherheitsberaterin Rice sieht Europa als Vorbild für
Demokratisierung
Mi.27.08.03 - Die amerikanische Regierung will den Nahen Osten nach dem Vorbild
Europas demokratisieren. In einem ZDF-Interview in Washington nannte
US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice als Objekte für diese
Demokratisierung Irak, den palästinensischen Staat und Afghanistan.
"Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Amerika Europa geholfen, ein ganzes
Arsenal von Institutionen zu schaffen - den Marshall Plan, die NATO -
und damit dazu beigetragen, dass Deutschland ein Anker des
demokratischen Europas wurde", sagte die Sicherheitsberaterin. Dies
solle nun auch mit den genannten Staaten im Nahen Osten geschehen.
"Die USA sind der machtvollste Partner in einer Allianz von Staaten,
die auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Es kommt nun darauf
an, unsere Werte auch dorthin zu tragen, wo sie bisher noch nicht
Fuß fassen konnten", sagte Rice.
Das Gespräch von Rice mit Claus Kleber wird heute um 23.00 Uhr
ausgestrahlt.
(Quelle: ap)
Sicherheitsrat erklärt Angriffe auf UN zu Kriegsverbrechen
Mi.27.08.03 - Unter dem Eindruck des verheerenden Bombenanschlags auf das
UN-Hauptquartier in Bagdad hat der Weltsicherheitsrat Angriffe auf
UN-Personal zu Kriegsverbrechen erklärt. Derartige Verbrechen
müssten künftig nach dem Völkerrecht geahndet werden,
heißt es in der am Dienstagabend (Ortszeit) in New York
einstimmig gefassten Entschließung.
Bei dem Attentat in Bagdad waren am Dienstag vergangener Woche 23
Menschen, unter ihnen auch der UN-Sonderbeauftragte für den Irak,
Sergio Vieira de Mello, getötet worden.
Der Abstimmung war ein monatelanger Streit unter den Mitgliedern des
Rates über die Formulierung der Resolution vorausgegangen. Nach
dem Attentat vom Dienstag vergangener Woche brachte Mexiko dann einen
Entwurf im Rat ein, der von Deutschland, Frankreich, Russland,
Bulgarien und Syrien unterstützt wurde. Jedoch wurde er noch
wenige Stunden vor der Verabschiedung von den USA in wenigstens einem
Punkt abgelehnt. UN-Generalsekretär Kofi Annan erklärte,
für ihn gebe es derzeit keine wichtigere Frage "als die Sicherheit
der tapferen Männer und Frauen" in den Krisengebieten.
Später begrüßte Annan die Resolution als Instrument,
das den UN erlaube, auf die Verfolgung von Tätern zu pochen, und
zu verhindern, dass UN-Personal, humanitäre Helfer und
Blauhelm-Soldaten unnötigen Gefahren ausgesetzt würden. Der
mexikanische UN-Botschafter Alfonso Aguilar Zinser fügte hinzu,
dass die Resolution "praktische Schritte" zum Schutz dieser Menschen
biete.
Der Rat hatte erst in letzter Minute eine Kompromissformel gefunden,
nachdem die US-Regierung den mexikanischen Entwurf lange wegen seines
Bezugs auf den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) abgelehnt hatte.
In der überarbeiteten Version wird der ICC nicht mehr beim Namen
genannt. Stattdessen heißt es im Resolutionstext, dass "bewusste
und vorsätzliche Angriffe auf humanitäre Helfer und
Teilnehmer an Friedensmissionen (...) Kriegsverbrechen sind", die eine
Reaktion der internationalen Gemeinschaft verlangten und nicht
länger ungestraft bleiben dürften.
Obwohl der ICC nicht genannt ist, besteht nach Aussage des Mexikaners
Zinser kein Zweifel daran, dass "bewusste und vorsätzliche
Gewaltakte" gegen UN-Mitarbeiter künftig vor dem Internationalen
Strafgerichtshof in Den Haag verhandelt werden. Die neue Resolution
verurteilt jede Art von Gewalt gegen humanitäre Helfer und sichert
ihnen den uneingeschränkten Beistand der Vereinten Nationen zu.
Annan sagte vor Journalisten, dass die internationale Gemeinschaft
ihrer Verantwortung in dieser Hinsicht seit Jahren nicht mehr
ausreichend nachgekommen sei. UN-Mitarbeiter, humanitäre Helfer
und UN-Soldaten wären zunehmend absichtlich aufs Korn genommen
worden - manchmal nur, um die Staatengemeinschaft einzuschüchtern,
sagte Annan. Der Bombenanschlag von Bagdad habe das nur zu deutlich
gemacht.
Die US-Regierung lehnt den ICC, das erste ständige Weltgericht
für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit,
entschieden ab und weigert sich, die Statuten von Rom zu unterzeichnen.
Sie befürchtet, dass der Gerichtshof zur politisch motivierten
Verfolgung von jetzigen oder früheren Politikern oder
Militärs der USA missbraucht werden könnte.
(Quelle: dpa)
Britischer Geheimdienstchef Scarlett verteidigt Waffendossier zu Irak
+++ Scarlett: Geheimdienst bezog umstrittenes Wissen direkt aus Irak
Mi.27.08.03 - Der Chef des britischen Geheimdienstausschusses, John Scarlett, hat am
Dienstag Vorwürfe zurückgewiesen, die Regierung in London
habe ein Waffendossier zur Begründung des Irak-Krieges
aufgebauscht. Die umstrittenen Aussagen der britischen Regierung zu
Iraks Waffenarsenal beruhen laut Scarlett, auf Erkenntnissen irakischer
Informanten. Ein "hochrangiger und verlässlicher Iraker" habe die
Information geliefert, dass irakische Massenvernichtungswaffen
innerhalb von 45 Minuten einsatzbereit seien, sagte Scarlett am
Dienstag bei einer Anhörung durch die Untersuchungskommission zum
Tod des Regierungsberaters David Kelly. Der Iraker "war in einer
Stellung, in der er von dieser Information Kenntnis haben konnte". Der
britische Geheimdienst habe die Aussagen aus Irak geprüft und sei
zu dem Schluss gekommen, dass sie in Einklang mit bestehenden
Erkenntnissen stünden.
Der Beraterstab um Premierminister Tony Blair habe die
Geheimdiensthinweise über verbotene Massenvernichtungswaffen des
Irak nicht dramatisiert, sagte Scarlett "Das ist vollkommen
falsch. Niemand ist in einer besseren Position, um dies zu beurteilen,
als ich", sagte Scarlett. Blair, dessen Regierung durch Kellys Tod in
ihre größte Glaubwürdigkeitskrise gestürzt wurde,
soll am Donnerstag vor dem Ausschuss aussagen. Die Mehrheit der Briten
war gegen den Krieg.
Kelly hatte sich im Juli das Leben genommen, nachdem er ins Zentrum des
Streits um die Gründe für den Irak-Krieg gerückt war. Er
war die Quelle eines BBC-Berichts, in dem der Regierung vorgeworfen
wurde, Geheimdienstinformationen über irakische
Massenvernichtungswaffen zu dramatisieren. Dabei ging es vor allem um
die Behauptung der Regierung, der Irak könne innerhalb von 45
Minuten Massenvernichtungswaffen einsetzen.
Scarlett war verantwortlich für den Entwurf des Dossiers. Er
räumte ein, dass ihn Blairs Medienchef Alastair Campbell mehrmals
aufgefordert habe, einige Textpassagen sprachlich zu verschärfen.
Dies habe er nur in den Fällen akzeptiert, in denen es durch die
Geheimdienstinformationen zu rechtfertigen gewesen sei. Das Dossier sei
von den vorliegenden Informationen klar gedeckt, sagte Scarlett.
Allerdings deutete er an, dass es auf Grund der Tatsache, dass bislang
im Irak keine Massenvernichtungswaffen gefunden worden seien, zu
überprüfen sei.
In einer bislang beispiellosen Weise hat der Ausschuss am Samstag
Dokumente zu dem Fall im Umfang von rund 9000 Seiten im Internet (http://www.the-hutton-inquiry.org.uk)
veröffentlicht. Darunter sind tausende Emails und Notizen von
Ministern, Beamten und Journalisten über den Kelly-Fall. Eine
E-Mail, die zwischen Regierungsbeamten kursierte und dem
Untersuchungsausschuss zugeleitet wurde, zeigt das Bemühen, das
Geheimdienstdossier aufzupeppen. "Nummer zehn (Blairs
Büro)...möchte das Dokument im Rahmen der vorliegenden
Geheimdiensthinweise so stark wie möglich", heißt es in der
E-Mail eines nicht genannten Beamten. "Daher ist dies die letzte
Anforderung aller Informationen, die nach Einschätzung der
Geheimdienste beigesteuert werden können und sollten."
Am Mittwoch tritt Verteidigungsminister Geoff Hoon vor den Ausschuss.
Er gilt als möglicher Rücktritts-Kandidat in dem Fall. Blairs
Regierung steht wegen des Falls stärker unter Druck als jemals
seit ihrem Amtsantritt 1997. In einer von der Zeitung "Sunday
Telegraph" veröffentlichten Umfrage sagten 67 Prozent der
Befragten, die Regierung habe die Öffentlichkeit über das
irakische Waffenarsenal getäuscht. Die USA und
Großbritannien hatten Irak vor dem Krieg vorgeworfen,
Massenvernichtungswaffen zu besitzen. Den Beweis dafür sind sie
auch mehr als vier Monate nach dem Sturz des irakischen
Präsidenten Saddam Hussein schuldig geblieben.
(Quellen: rtr, afp)
2004 offenbar Rekord-Budgetdefizit in USA wegen Irak-Einsatz
Mi.27.08.03 - Das US-Haushaltsdefizit wird im nächsten Jahr nach
Schätzungen des Kongress-Haushaltsbüros auch wegen des
Irak-Einsatzes auf einen Rekordwert von 480 Milliarden Dollar steigen.
Ein derartig großes Haushaltsloch dürfte Präsident
George W. Bush vor den Wahlen 2004 fiskalpolitisch weiter in die
Defensive drängen und den Spielraum für erneute
Konjunkturprogramme erheblich verringern.
Die unabhängigen Berater des Parlaments bekräftigten am
Dienstag zugleich die bisherige Defizitschätzung für das am
30. September endende laufende Fiskaljahr mit 401 Milliarden Dollar. Ab
2005 sei dann ein allmählicher Rückgang der Neuverschuldung
zu erwarten. Kleinere Haushaltsüberschüsse erwarten die
Kongressberater aber frühestens für 2012.
Haushaltsexperten der Demokraten und Republikaner sind sich einig, dass
das Defizit im kommenden Jahr wegen wahrscheinlicher Mehrausgaben
für die Besetzung und den Wiederaufbau des Irak auch deutlich
über 500 Milliarden Dollar steigen könnte. Das bisherige
Rekorddefizit der USA lag bei 290 Milliarden Dollar und wurde 1992
unter der Präsidentschaft von Bushs Vater George Bush erreicht.
Das US-Präsidialamt hatte im Juli das Defizit im kommenden Jahr
mit 475 Milliarden Dollar vorhergesagt und für 2003 mit 455
Milliarden Dollar. Seine im Vergleich dazu niedrigere Schätzung
für 2003 führt das Haushaltsbüro darauf zurück,
dass die Regierung für den Irak-Krieg eingeplante Summen langsamer
ausgebe als zunächst gedacht.
Die Demokraten werfen Bush vor, mit milliardenschweren Steuergeschenken
den Haushalt der weltgrößten Volkswirtschaft seit dem
Rekordüberschuss von 236 Milliarden Dollar im Jahr 2000 ruiniert
zu haben. Bushs Republikaner halten dagegen, dass die Steuersenkungen
der Konjunktur zu einer raschen Erholung verholfen hätten. Zudem
sei der Anteil des Defizits am Bruttoinlandsprodukt niedriger als in
den achtziger Jahren. Bei zunehmender Verschuldung des Staates besteht
die Gefahr steigender Zinsen, was Investitionen der Privatwirtschaft
und damit die Gesamtkonjunktur belastet.
(Quelle: rtr)
Ermittler geben NASA Mitschuld für Columbia-Absturz: Die
US-Raumfahrtbehörde habe ihre eigenen Sicherheitsvorschriften
missachtet
Mi.27.08.03 - Schwere Versäumnisse in der US-Raumfahrtbehörde NASA sind
einem offiziellen Untersuchungsbericht zufolge mitverantwortlich
für die Columbia-Katastrophe vor sieben Monaten. "Technische
Ursache" für den Absturz der Raumfähre, bei dem am 1. Februar
alle sieben Astronauten an Bord ums Leben kamen, sei zwar ein Loch im
Hitze-Schutzschild des Shuttles, heißt es in dem am Dienstag
vorgelegten Abschlussbericht der unabhängigen
Untersuchungskommission. Dazu kämen jedoch "organisatorische
Ursachen". Bei aller Kritik empfahl das Gremium die möglichst
baldige Wiederaufnahme des seit dem Unglück ausgesetzten
Shuttle-Programms.
"Wir sind überzeugt, dass das Vorgehen des Managements bei der
Leitung des Space-Shuttle-Programms genauso sehr Unglücksursache
war wie das Schaumstoffstück, das in den linken Flügel
einschlug", betonten die unabhängigen Ermittler. Die
Schaumstoffisolierung löste sich dem Untersuchungsbericht zufolge
82 Sekunden nach dem Start am 16. Januar vom Treibstofftank und schlug
in den linken Seitenflügel ein. Beim Wiedereintritt in die
Atmosphäre konnten durch das entstandene Loch extrem heiße
Gase in die Raumfähre eintreten und den Shuttle zerreißen.
Alle sieben Astronauten an Bord wurden getötet.
Hinweise auf Probleme mit der Schaumstoffisolierung hätten die
Verantwortlichen in der NASA ignoriert, kritisierte die von Admiral
Harold Gehman angeführte 13-köpfige Untersuchungskommission.
Auch Anforderungen nach einer genauen Überwachung des
Columbia-Flugs seien ungehört verhallt. Die NASA habe ihre eigenen
Sicherheitsvorschriften missachtet, urteilten die Ermittler. Die
"derzeitige Organisation" der Raumfahrtbehörde verfüge nicht
über "wirksame Kontrollmechanismen". Finanz- und
Personalmängel und eine veraltete Ausrüstung hätten zu
der Katastrophe beigetragen. Als Konsequenz empfahlen die Ermittler dem
US-Kongress, ein "dauerhaftes, völlig unabhängiges
Sicherheits-Team" für die Überwachung künftiger
Shuttle-Missionen einzusetzen.
Die Columbia-Besatzung hätte nach Überzeugung der Ermittler
mit einer zweiten Raumfähre gerettet werden können, wenn sich
die NASA über das Ausmaß des beim Start verursachten
Schadens bewusst gewesen wäre. Entsprechenden Anzeichen sei aber
nicht nachgegangen worden. Die ohnehin bereitstehende Raumfähre
Atlantis etwa hätte die Columbia im All treffen können, bevor
der Treibstoff des Unglücksshuttles erschöpft gewesen
wäre. Im Weltraum hätten die Astronauten "umsteigen"
können. Eine solche Rettungsaktion wäre gefährlich, aber
möglich gewesen, erklärten die Ermittler.
Trotz ihrer Kritik sprach sich die Untersuchungskommission dafür
aus, das auf Eis gelegte Shuttle-Programm wieder aufzunehmen, sobald
die Sicherheitsvorkehrungen verbessert seien. "Das Shuttle-Programm
bleibt zentral für die US-Ambitionen im Weltall", erklärten
die Ermittler. Kommissionsleiter Gehman hatte Ende Juni einen
Zeitrahmen bis kommenden März genannt, innerhalb dessen die
Shuttle-Flüge wieder aufgenommen werden könnten. Seine
Untersuchungskommission hatte für die Ermittlungen 35.000
Dokumente ausgewertet und hunderte NASA-Mitarbeiter und Experten
befragt. Die Weltraumbehörde sagte bereits zu, alle Empfehlungen
der unabhängigen Ermittler umzusetzen.
(Quelle: afp)
Mehr zum Thema unter:
http://www.heise.de/newsticker/data/jk-26.08.03-010/
http://www.telepolis.de/deutsch/special/raum/15509/1.html
Atombehörde IAEA: USA halten sich nicht an Atomwaffen-Sperrvertrag
Mi.27.08.03 - Der Direktor der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA),
Mohamed ElBaradei, hat den USA vorgeworfen, sich nicht an den
Atomwaffensperrvertrag zu halten.
"Die US-Regierung verlangt von anderen Staaten, keine Atomwaffen zu
besitzen. Und rüstet selbst auf", sagte ElBaradei in einem am
Dienstag vorab veröffentlichten Interview des Magazins "Stern".
"Da wird mit doppeltem Maßstab gemessen." Im
Atomwaffensperrvertrag verpflichteten sich auch die USA zur nuklearen
Abrüstung. "Zurzeit passiert das Gegenteil." ElBaradei kritisierte
die Entscheidung des US-Senats, Forschung an "Mini-Atombomben" zu
finanzieren: "Noch geht es nur um Forschung. Aber das ist schlimm
genug", sagte er. "Ich glaube, es entspricht nicht dem Vertrag, den sie
unterzeichnet haben."
"Die fünf (offiziellen) Atommächte (USA, Russland, China,
Großbritannien und Frankreich) müssen eine klare Botschaft
an die Welt senden: Auch wir rüsten ab. Wir entwickeln keine neuen
Atomwaffen", sagte ElBaradei. Heute seien Atomwaffen nicht mehr
geächtet, sondern erschienen mehr und mehr legitim. Bislang agiere
die Welt auf die Bedrohung durch ihre Weiterverbreitung bestenfalls wie
die Feuerwehr: "Heute der Irak, morgen Nordkorea, übermorgen der
Iran. Und dann?" ElBaradei forderte weitergehende Rechte für die
Waffeninspekteure der Vereinten Nationen (UNO): "Sie müssen
unangemeldet und ungehindert Zugang zu allen Anlagen erhalten."
(Quelle: rtr)
Mehr zur Entwicklung von "Mini-Atom-Bomben" in den USA:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0308110.htm#030811_b
IAEA: Entscheidende Frage zu Irans Atomprogramm noch ungeklärt +++
Atomenergie-Behörde bestätigt Fund von hochangereichertem Uran
Mi.27.08.03 - Die Internationale Atomenergie-Behörde (IAEA) hat nach eigenen
Angaben noch nicht klären können, ob der Iran mit seinem
umstrittenen Atomprogramm auch Waffen entwickeln kann. Der Iran hat
sich unterdessen am Dienstag bereit erklärt, ein Protokoll
über intensivere Inspektionen der IAEA zu unterschreiben.
In den Schlussfolgerungen eines geheimen IAEA-Berichts, der der
Nachtrichtenagentur Reuters vorliegt, heißt es: "Zusätzliche
Arbeit (...) ist nötig, um zu Schlussfolgerungen über Irans
Aussage zu kommen, dass es im Iran keine Aktivität zur
Urananreicherung mit Nuklearmaterial gegeben hat." Die Herstellung von
hochangereichertem Uran gilt als wichtiger Hinweis auf ein geheimes
Waffenprogramm, dessen Existenz die USA vermuten. Der Iran hat die
Vorwürfe bestritten und erklärt, sein Atomprogramm diene der
Energiegewinnung. Die in Wien ansässige IAEA forderte den Iran zu
mehr Kooperation auf, bescheinigt dem Land aber auch Fortschritte.
Experten fürchten, dass der Iran in ein bis drei Jahren über
Atomwaffen verfügen und die Krisenregion Nahost und Zentralasien
durch einen Rüstungswettlauf destabilisieren könnte. Auch die
EU drängt den Iran zu mehr Offenheit bei seinen Atomplänen.
Dazu soll das Land ein Zusatzprotokoll zum Atomwaffen-Sperrvertrag
unterzeichnen, dass striktere Inspektionen zulassen würde.
Die IAEA, eine Behörde der Vereinten Nationen (UNO),
bestätigte in dem Dokument auch Medienberichte, wonach sie
hochangereichertes Uran in Proben an einer Nukleareinrichtung in
Natans, südlich der Hauptstadt Teheran, gefunden hat. Dort baut
der Iran zwei Anreicherungsanlagen, in denen nach Angaben der Regierung
aber kein nukleares Material verwendet wurde.
Der Iran hat den Uranfund mit Verunreinigungen der im Ausland gekauften
Maschinen erklärt. Diplomaten im Umfeld der IAEA hatten dies als
eine mögliche Erklärung bezeichnet, es gebe aber auch
Zweifel. Da hochangereichertes Uran auch zum Bau von Atomwaffen benutzt
werden kann, war der Fund des Materials als ein Beleg für ein
Waffenprogramm gewertet worden. IAEA-Chef Mohamed ElBaradei sagte dem
Magazin "Stern" in einem vorab veröffentlichten Interview: "Natans
ist der kritischste Punkt unserer Kontrollen." der Uranfund beunruhige
die IAEA sehr.
Dem Bericht zufolge räumte der Iran ein, in den frühen 90er
Jahren Experimente mit der Umwandlung von Uran unternommen zu haben.
Dies könnte als Verstoß gegen die Auflage eines
IAEA-Abkommens interpretiert werden, solche Experimente der IAEA zu
melden.
Unterdessen erklärte der Vertreter des Iran bei der IAEA nach
Angaben der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur IRNA, sein Land
sei bereit, das Zusatzprotokoll über striktere und kurzfristige
Inspektionen zu unterschreiben. Ali Akbar Salehi wurde von IRNA mit der
Aussage zitiert, Iran wolle noch einige Fragen zur Wahrung seiner
Souveränität bei unangemeldeten Inspektionen klären, die
das Protokoll vorsieht. Der Iran sei bereit, alle noch offenen Fragen
nach einer Sitzung der IAEA-Führung im September zu diskutieren,
zitierte IRNA Salehi. Die IAEA wertete die Ankündigung Irans als
positiv.
(Quelle: rtr)
Nordkorea macht Erfolg der Sechser-Atomgespräche von USA
abhängig +++ Nicht-Angriffspakt gefordert
Mi.27.08.03 - Nordkorea macht einen Erfolg der Sechs-Nationen- Gespräche
über sein Atomprogramm von den USA abhängig. Während die
Delegationen Nordkoreas, der USA, Chinas sowie Südkoreas,
Russlands und Japans am Montag in Peking die dreitägigen
Gespräche aufnahmen, forderte das kommunistische Parteiorgan
"Rodong Sinmun" in Pjöngjang, die USA müssten ihre feindliche
Politik gegenüber Nordkorea aufgeben und einen Nicht-Angriffspakt
abschließen.
Die USA sollten nicht versuchen, Nordkorea nur durch ein
mündliches Versprechen oder ein nicht bindendes Dokument mit
Sicherheitszusagen dazu zu zwingen, seine "nukleare Abschreckung"
aufzugeben, zitierte Chinas Nachrichtenagentur Xinhua den Kommentar.
Der Erfolg hänge von der Haltung der USA ab.
"Gelegenheiten bieten sich nicht immer. Wenn die gegenwärtigen
Gespräche nicht genutzt werden, wird es schwer sein, wieder eine
solche Chance zu bekommen." Die Gespräche sollten nicht darauf
abzielen, eine der Parteien zu entwaffnen, indem der Hebel einer
internationalen Eindämmungspolitik eingesetzt werde, hieß es
in den Kommentar.
Zum Auftakt der Gespräche im chinesischen Staatsgästehaus in
Peking legten die Delegationen zunächst ihre Positionen dar. Die
USA, China, Südkorea, Russland und Japan wollen das isolierte
Nordkorea überreden, auf sein Atomwaffenprogramm zu verzichten.
Dafür werden Sicherheitsgarantien sowie wirtschaftliche Hilfe in
Aussicht gestellt.
(Quelle: dpa)
Gewalt in Nahost: Abbas beruft Krisentreffen ein +++ Israel greift
Palästinenser mit Raketen an +++ US-Präsident Bush ruft
Nahost-Staaten zum Abrücken von Extremisten auf +++ Weißes
Haus erhebt Vorwürfe gegen Arafat +++ Israel bekräftigt
Fortsetzung gezielter Tötungen
Mi.27.08.03 - Nach der jüngsten Eskalation der Gewalt in Nahost hat der
palästinensische Regierungschef Mahmud Abbas für heute
Krisengespräche einberufen. Bei den Treffen in Gaza sollen vor
allem Sicherheitsfragen erörtert werden. Abbas will sich mit
verschiedenen Palästinenserfraktionen beraten. Ein Treffen mit den
radikalislamischen Gruppen Hamas und Islamischer Dschihad wurde jedoch
ausgeschlossen. Die israelische Armee bestätigte, dass der
Raketenangriff im Gazastreifen am Dienstagabend einem Mitglied des
bewaffneten Arms der Hamas galt.
Abbas steht unter Druck von Israel und radikalen Palästinensern,
die sich gegenseitig die Schuld am Wiederaufflammen der Gewalt in der
Region geben. Nach einem palästinensischen Selbstmordanschlag am
Dienstag vergangener Woche hatte Israel die Tötungen
extremistischer Palästinenser wieder aufgenommen.
Die beiden Kampfhubschrauber hätten auf das Auto von Chaled Massud
gezielt, einem Raketenexperten der Essedin-El-Kassam-Brigaden, teilte
die israelische Armee mit. Massud sei bei dem Angriff offenbar verletzt
worden. Bei dem Angriff war ein Passant getötet worden, mehr als
zwanzig wurden nach palästinensischen Angaben verletzt.
Massud war laut israelischer Armee an der Herstellung von
Kassam-Raketen beteiligt, von denen in den vergangenen Tagen mehrere
Exemplare auf israelische Ziele im Gazastreifen und auf israelisches
Territorium abgefeuert worden waren.
US-Präsident George W. Bush rief unterdessen Palästinenser
und alle Staatsführer der Nahost-Region zum Abrücken von
extremistischen Organisationen auf. Der Moment für die "wahren
Freunde der Palästinenser, aller Führer im Nahen Osten und
die Palästinenser selbst" sei gekommen, die Finanzierung und die
Unterstützung des "Terrorismus" einzustellen, sagte Bush in Saint
Louis im US-Bundesstaat Missouri. Erst wenn Israel sicher sei,
könne die "Flagge über einem unabhängigen
palästinensischen Staat aufgezogen werden."
Das Weiße Haus hat erneut Vorwürfe gegen
Palästinenserführer Jassir Arafat erhoben. Dieser
gefährde durch seine anhaltende Kontrolle über den
palästinensischen Sicherheitsapparat den Nahost-Friedensprozess,
sagte Claire Buchan, eine Sprecherin von Präsident George W. Bush.
Der Präsident selbst betonte, ein unabhängiger
Palästinenserstaat werde "niemals auf der Grundlage von Gewalt"
entstehen. Der Terror müsse an allen Fronten aktiv bekämpft
werden.
Die israelische Armee will weiterhin Mitglieder der radikalen
Palästinenserorganisation Hamas und andere Extremisten gezielt
töten. Die "Operationen zur Liquidation" derjenigen, die "in
terroristische Aktivitäten, in die Vorbereitung von
Anschlägen oder den Beschuss mit Raketen verwickelt sind, werden
fortgesetzt", sagte ein Vertreter Israels der Nachrichtenagentur AFP am
Mittwoch. Kein Extremist könne darauf hoffen, ungestraft zu
bleiben. Israel werde so lange die "notwenigen Mittel" einsetzen, bis
sich die Palästinenserregierung entschließe, "gegen den
Terrorismus zu kämpfen".
(Quellen: dpa, afp)
Überwältigender Wahlsieg für Ruandas Präsident
Kagame
Mi.27.08.03 - Mit überwältigender Mehrheit hat Amtsinhaber Paul Kagame die
erste freie Präsidentenwahl in Ruanda seit der Unabhängigkeit
von 1962 gewonnen. Wie die Wahlkommission am Dienstag nach
Auszählung aller Wahlbezirke mitteilte, kam der dem Volk der Tutsi
angehörende Politiker auf 95,05 Prozent der Stimmen. Tausende
Anhänger feierten den Wahlsieg des Präsidenten im
größten Stadion des Landes.
"Dieser Sieg ist das Fundament für die nächste Stufe der
Entwicklung, in die wir eintreten", rief Kagame der Menge zu. "Unser
Sieg sollte eine Botschaft an die Welt sein, dass Ruanda auf dem
richtigen Weg ist." Das Land habe bereits große Fortschritte bei
der Wiederversöhnung und der Bildung einer nationalen Einheit
gemacht. Kagame dankte den Bürgern für das in ihn gesetzte
Vertrauen.
Es war die ersten Wahl in Ruanda, bei der sich die Wähler zwischen
mehreren Kandidaten entscheiden konnten. Wahlberechtigt waren 3,9
Millionen Bürger. Auf den gemäßigten Hutu-Politiker
Faustin Twagiramungu entfielen 3,62 Prozent der Stimmen, auf
Jean-Nepomuscene Nayinzira 1,33 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag nach
Angaben der Wahlkommission bei 96,55 Prozent.
Kagame hatte mit seiner Patriotischen Front Ruandas (FPR) im Juli 1994
die damalige Hutu-Regierung gestürzt und einen Völkermord
beendet, dem rund eine Million Ruander zum Opfer fielen. Die meisten
Opfer gehörten der Minderheit der Tutsi an, aber auch viele
moderate Hutu kamen ums Leben. Twagiramungu war nach dem Ende des
Völkermords Ministerpräsident, bevor er nach Streitigkeiten
mit Kagame 1995 ins Exil ging. Er sprach von einer «sehr
positiven Entwicklung» und erklärte, die Wahl lege die Basis
für die Konsolidierung des demokratischen Prozesses in Ruanda.
Der außenpolitische Beauftragte der Europäischen Union,
Javier Solana, gratulierte Kagame zu dessen Wahlsieg. In einer in
Brüssel veröffentlichten Erklärung wünschte er
Kagame Erfolg bei seiner Arbeit.
(Quelle: ap)
Religiöse Spannungen nach Anschlägen in Indien +++ Indien
wirft Pakistan Unterstützung von Anschlägen vor
Mi.27.08.03 - Die schwersten Terroranschläge in der indischen Finanzmetropole
Bombay seit einem Jahrzehnt haben zu neuen Spannungen zwischen Hindus
und Muslimen sowie zwischen Indien und Pakistan geführt. Konkrete
Hinweise auf die Täter gab es zwar nicht, die Regierung vermutet
sie aber in den Reihen einer pro-pakistanischen militanten Gruppe aus
Kaschmir. Die muslimische Gemeinschaft in Bombay befürchtet
blutige Vergeltung. Angehörige beider Religionsgruppen trauerten
am Dienstag um die 50 Toten.
Mindestens fünf weitere Anschläge in Bombay seit Dezember
sollen die Rebellengruppe Lashkar-e-Tayyaba und die verbündete
Islamistische Studentenbewegung Indiens (SIMI) verübt haben.
«Die Schuldigen früherer Anschläge scheinen auch nun
verantwortlich zu sein», sagte der stellvertretende indische
Ministerpräsident Lal Krishna Advani am Dienstag in Bombay.
Polizeisprecher Ranjit Sharma sagte, die Ermittlungen konzentrieren
sich auf die 2001 verbotene SIMI und Lashkar-e-Tayyaba. Die
Rebellengruppe kämpft seit mehr als zehn Jahren für die
Unabhängigkeit Kaschmirs oder den Anschluss der Provinz an das
überwiegend islamische Pakistan.
Indien warf Pakistan wiederholt vor, die Lashkar-e-Tayyaba-Extremisten
zu unterstützen. Advani bekräftige am Dienstag, die
Beteiligung der Gruppe "wirft Zweifel auf unseren Nachbarn". Eine
Reaktion aus Islamabad gab es zunächst nicht. Pakistan
gehörte jedoch am Montag zu den ersten Staaten, die die
jüngsten Anschläge verurteilten. Auch die EU, die Vereinten
Nationen, der Vatikan, die USA sowie China, Deutschland und
Großbritannien kondolierten Neu-Delhi.
"Die Angst geht um in der Stadt", sagte der Führer der
muslimischen Gemeinde Bombays, Sohail Rokadia, am Dienstag. Rund 200
Muslime marschierten vom Stadtzentrum zum Zaveri-Basar, wo eine der
Autobomben explodiert war. «Dies ist eine Demonstration in
Sympathie zu allen, die bei den Anschlägen ihr Leben
verloren», sagte Mohammad Maushad Kureshi, Generalsekretär
des indischen Muslimrates. 154 Menschen waren bei den Explosionen der
Bomben in zwei Taxis auf dem Basar sowie vor dem Wahrzeichen
«Gate of India» verletzt worden.
Der Welthindurat forderte ein sofortiges Verbot von Islam-Schulen und
kündigte für Mittwoch Demonstrationen in ganz Indien an. Zwei
nationalistische Hindu-Parteien forderten zudem, den Unionsstaat
Maharashtra der Kontrolle der Zentralregierung in Neu-Delhi zu
unterstellen.
Das Blutbad in Bombay fiel mit einer Untersuchung über die
Kultstätten im nordindischen Ayodhya zusammen, die sowohl von
Muslimen als auch von Hindus beansprucht wird. Ein am Montag
veröffentlichter archäologischer Bericht brachte keine
Klärung über die Stätte, die von Hindus als Geburtsort
des Gottes Rama verehrt wird.
Die auf dem Grundstück errichtete Babri-Moschee wurde 1992 von
Hindus zerstört. Über Indien rollte damals eine Welle der
Gewalt hinweg, in der mehr als 2.000 Menschen getötet wurden. Im
vergangenen Jahr wurden im westindischen Unionsland Gujarat fast 1.000
Muslime umgebracht, nachdem Muslime einen Pilgerzug mit hinduistischen
Pilgern aus Ayodhya in Brand gesteckt hatten.
(Quelle: ap)
Tausende protestieren gegen Wirtschaftsreformen in Honduras
Mi.27.08.03 - In Honduras haben tausende Menschen gegen Wirtschaftsreformen
protestiert, mit denen die Regierung den Internationalen
Währungsfonds (IWF) zur Freigabe eines Teilkredits bewegen will.
Rund 12.000 Demonstranten blockierten unter anderem mit brennenden
Autoreifen die Zufahrten in die Hauptstadt Tegucigalpa. Auf ihren
Spruchbändern stand: "Nein zum IWF." "Das ist ein Protest gegen
die Wirtschaftspolitik von Präsident Ricardo Maduro, die nur das
Ziel hat, internationalen Kreditorganisationen zu gefallen", sagte der
Anführer der Protestaktion, Carlos Reyes, zu Reuters.
Honduras' Parlament hatte in der vergangenen Woche per Gesetz privaten
Unternehmen den Zugang zum staatlichen Wasserversorgungsmarkt
ermöglicht. Zudem plant die Regierung des verarmten
mittelamerikanischen Landes ein Gesetz zur Regulierung der
Gehälter der rund 100.000 Staatsbediensteten. Maduro hofft mit
diesen Schritten den IWF davon zu überzeugen, einen Teilkredit
freizugeben, der seit November auf Eis liegt. Acht Prozent der 6,5
Millionen Einwohner Honduras' leben in Armut.
(Quelle: rtr)
Deutscher Regierungschef Schröder: Kundus-Einsatz ohne UN-Mandat
möglich
Mi.27.08.03 - Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hält einen
Bundeswehr-Einsatz im afghanischen Kundus auch ohne neues UN-Mandat
für möglich. Schröder habe für diesen Fall von
einer "politischen Entscheidung" gesprochen, die ihm obliege, berichtet
die "Berliner Zeitung" unter Berufung auf SPD-Führungskreise.
Für die Bundeswehr würde dies bedeuten, dass sie in Kundus
nicht Teil der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe (ISAF)
wäre, sondern der Anti-Terror-Kampagne "Enduring Freedom"
zugeordnet würde. Die Soldaten stünden damit nicht unter
NATO-, sondern unter US-Kommando.
Bei den Oppositionsparteien und den Grünen regt sich laut
"Berliner Zeitung" Widerstand gegen diese Pläne. Der
Grünen-Sicherheitspolitiker Winfried Nachtwei erklärte, das
Engagement in Kundus werde nur als ISAF-Einsatz auf allgemeine
Akzeptanz stoßen. Teile der Unionsfraktion wollen offenbar
keinesfalls auf das ISAF-Mandat verzichten. Einzelne Stimmen forderten
sogar, dass die NATO den Kundus-Einsatz direkt übernimmt.
Der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Werner Hoyer, warf
der Bundesregierung Aktionismus vor: Sie wolle "in vorauseilendem
Gehorsam" gegenüber den USA ein auch dort anerkanntes Engagement
erweitern, um ihre Position in der Irak-Frage halten zu können.
Schröder, Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) und
Außenminister Joschka Fischer (Grüne) einigten sich offenbar
vorab auf die Entsendung von zusätzlich 180 bis 200
Bundeswehrsoldaten nach Kundus. Das berichtete die "Leipziger
Volkszeitung" unter Berufung auf Regierungskreise. Ein Vorkommando soll
bereits im Herbst ausrücken. Der eigentliche Einsatz soll im
Frühjahr 2004 beginnen. Die Bundeswehrsoldaten sollen die bisher
von US-Truppen übernommenen Sicherungsaufgaben wahrnehmen.
Darüber hinaus aber sollen sie Infrastruktur- und Aufbauprojekte
absichern.
Der Vorsitzende der in Afghanistan tätigen Hilfsorganisation Cap
Anamur, Elias Bierdel, kritisierte den Einsatz im Norden Afghanistans
als unnütz. Kundus sei "tagsüber" sicher, "uns hilft der
Bundeswehreinsatz überhaupt nicht", sagte Bierdel der
"Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". "Die Idee, zivile Aufbauteams mit
Militär zu vermischen, ist bescheuert."
Das Bundeskabinett will bei seiner nächsten, vermutlich am
Dienstag kommender Woche stattfindenden Sitzung über den
Bundeswehreinsatz entscheiden. Der Bundestag muss dem Einsatz zustimmen.
(Quelle: afp)
Föderalismuskommission klärt Zuständigkeit bei
Gesetzgebung +++ Gegenseitige Behinderungen von Bundes- und
Landesgesetzgebung sollen verringert werden +++ Städte- und
Gemeindebund fordert Beteiligung der Kommunen an Föderalismusreform
Mi.27.08.03 - Bund und Länder wollen ihre Beziehungen neu ordnen. Die
Fraktionschefs im Bundestag schlugen dafür am Dienstag in Berlin
eine Föderalismuskommission vor. Ihr sollen jeweils 16 Mitglieder
von Bundestag und Bundesrat angehören. Vertreter der
Bundesregierung (4), der Landtage (6) und der kommunalen
Spitzenverbände (3) werden als ständige Gäste
gehört. Beratende Funktion sollen 12 Sachverständige haben.
Die Fraktionschefs Franz Müntefering (SPD), Angela Merkel
(CDU/CSU), Krista Sager und Katrin Göring-Eckardt (Grüne)
sowie Wolfgang Gerhardt (FDP) einigten sich darauf, dass zwar die
bundesstaatliche Ordnung überarbeitet werden muss, das Grundgesetz
aber keiner "Generalüberholung" bedarf. Geplant ist, dass die
Kommission am 17. Oktober eingesetzt wird, ihre Arbeit möglichst
im Herbst 2004 beendet und Beschlüsse über die Ergebnisse der
Kommission dann Anfang 2005 gefasst werden.
Müntefering erklärte, bei der Kommission sei ein
Doppelvorsitz geplant mit einem Vertreter des Bundestages, den die SPD
stellen solle, und des Bundesrates, der aus der Union kommen solle. Der
parlamentarische SPD-Geschäftsführer Wilhelm Schmidt
erklärte, mit der aktiven Beteiligung von Vertretern der Landtage
und der Kommunen werde erstmals in der Verfassungsgeschichte diesen
Ebenen ein direktes Mitwirkungsrecht eröffnet.
Die Fraktionschefs waren sich einig, dass es im Gesamtinteresse
Deutschlands nötig sei, die gegenseitigen Behinderungen von
Bundes- und Landesgesetzgebung zu verringern. Bei der Gesetzgebung
müsse es künftig klare Zuständigkeiten geben. Die
Beteiligung an der Gesetzgebung müsse ebenso entflochten werden
wie die Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern. Dabei
müssten die Kommunalinteressen und die Kompetenzen in Zusammenhang
mit dem Europarecht berücksichtigt werden.
Gerhardt erklärte, die FDP hätte eigentlich die Einsetzung
eines Konvents bevorzugt, der eher politischen Druck erzeugen
könne. Doch auch an der jetzt favorisierten Kommission würden
sich die Liberalen beteiligen. FDP-Vize-Vorsitzender Walter Döring
sagte, es sei erfreulich, dass auf Vorschlag seiner Partei
Länderparlamente und Kommunen an den
Föderalismusgesprächen beteiligt würden. "Nur so sind
tragfähige Lösungen zu erreichen."
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund forderte die Beteiligung der
Kommunen an der Föderalismusreform. Dafür reiche es aus, als
ständige Gäste gehört zu werden, erklärte
Pressesprecher Franz-Reinhard Habbel. Der Verband kritisierte, dass der
Bund in der Vergangenheit mit Zustimmung der Länder mehrfach
milliardenteure Aufgaben direkt den Kommunen zugewiesen habe, ohne
für deren Finanzierung zu sorgen. Ein Beispiel dafür sei der
Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz.
(Quelle: ap)
Telekom-Regulierer soll angeblich auch Gas und Strom überwachen
Mi.27.08.03 - Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) hat sich nach
Informationen des "Handelsblatts" dafür ausgesprochen, die
Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post
künftig auch die Gas- und Strommärkte überwachen zu
lassen.
Die neue Superbehörde solle Mitte nächsten Jahres ihre Arbeit
aufnehmen, berichtet die Zeitung in ihrer Mittwochausgabe. Noch sei
offen, wann die Entscheidung offiziell bekannt gegeben werde. Clements
für den 31. August vorgesehener "Monitoring"-Bericht, der die
Position des Ministeriums zur künftigen Aufsicht über die
Energiemärkte darlegt, solle noch keine Aussagen über die
erweiterten Zuständigkeiten der von Matthias Kurth geleiteten
Behörde enthalten.
Eine Sprecherin des Ministeriums dementierte den Zeitungsbericht. Der
"Monitoring"-Bericht sei noch nicht fertig gestellt. Er werde am 31.
August vorgelegt und werde auch Vorstellungen über die
künftige Aufsichtsbehörde enthalten, sagte sie.
Unter Berufung auf das Wirtschaftsministerium berichtet das
"Handelsblatt" weiter, da der Energiemarkt-Regulierer künftig wie
der für Post und Telekommunikation die Spielregeln für die
früheren Monopolmärkte festelegen solle, komme aus
systematischen Gründen nur Kurths Behörde für diese
Aufgabe in Frage. Auch das Bundeskartellamt habe die Energieaufsicht
übernehmen wollen.
(Quelle: rtr)
SPD-Sozialexperte Schreiner kritisiert Reformpolitik der Bundesregierung
Mi.27.08.03 - Der SPD-Sozialexperte Ottmar Schreiner hat die Reformpolitik der
Bundesregierung grundsätzlich kritisiert. "Schon der Ansatz der
Reformpolitik ist falsch und die Ausgestaltung sorgt für weitere
Arbeitslosigkeit", sagte der Vorsitzende der SPD-Arbeitsgemeinschaft
für Arbeitnehmerfragen der "Neuen Osnabrücker Zeitung"
(Mittwochausgabe). Die Grundannahme stimme nicht, dass die dramatisch
steigenden Lohnnebenkosten der Hauptgrund der Arbeitslosigkeit seien
und spürbar gesenkt werden müssten.
Tatsächlich seien die Lohnnebenkosten gesunken. Eine der
wirklichen Hauptursachen der Arbeitslosigkeit sei die schwache
Binnenkonjunktur, die mit den nun angestrebten Reformopfern bei Kranken
und Versicherten, Arbeitslosen, Rentnern und Beitragszahlern nur noch
verschlimmert werde, sagte der SPD-Politiker. Nötig seien echte
Strukturreformen, die die Verschwendung im Gesundheitswesen beendeten
sowie eine Finanzreform der Rentenversicherung nach Schweizer Vorbild.
In der "Chemnitzer Freien Presse" plädierte Schreiner zudem
anstelle von Konsensrunden mit der Union dafür, sich wieder auf
die bestehenden Gremien wie Bundestag und Bundesrat zu besinnen.
(Quelle: ap)
Kanzler Schröder: Rürup-Vorschläge sind keine Bibel
Mi.27.08.03 - Bundeskanzler Gerhard Schröder ist auf Distanz zu Teilen der
Vorschläge der Rürup-Kommission zur Rentenreform gegangen.
Was eine Kommission aufschreibe, sei keine Bibel, sagte er am Dienstag
vor der SPD-Bundestagsfraktion in Berlin.
Er setzte sich nach Angaben von Teilnehmern dafür ein, einen
tatsächlichen Rentenbeginn mit 65 Jahren anzustreben. Die von der
Rürup-Kommission geforderte und in allen Parteien umstrittene
Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre lehnte SPD-Chef
Schröder damit indirekt ab. Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD)
rief in der Debatte zu mehr Gelassenheit auf. Gewerkschaften und
Sozialverbände warnten abermals vor Kürzungen.
Die von der Regierung eingesetzte Rürup-Kommission legt an diesem
Donnerstag ihren Abschlussbericht vor. Sie schlägt unter anderem
vor, von 2011 bis 2035 das Renteneintrittsalter schrittweise von 65 auf
67 Jahre anzuheben. Der tatsächliche Rentenbeginn liegt derzeit
bei etwa 60 Jahren. Durch die Vorschläge würde das
Rentenniveau von 48 Prozent der durchschnittlichen Bruttolöhne auf
rund 41 Prozent sinken. Rot- Grün will im Herbst Vorschläge
für eine Reform der Renten- und Pflegeversicherung machen.
Schmidt verwies darauf, dass nach den Vorschlägen ein Anstieg des
Renteneintrittalters erst in mehr als 30 Jahren umgesetzt sein
würde. In der ARD sagte sie, künftig werde über eine
langsamere Anpassung der Renten zu reden sein. Die
Grünen-Finanzexpertin Christine Scheel verteidigte den Vorschlag,
das Renteneintrittsalter zu erhöhen. Sie stellte sich damit in dem
parteiinternen Streit hinter die sozialpolitische Sprecherin der
Grünen, Thea Dückert. Es sei nicht verstanden worden, dass
dies erst für die Zeit ab 2035 gelte, sagte Scheel der "Financial
Times Deutschland". In 30 Jahren werde auch die Lebenserwartung
gestiegen sein.
Die FDP forderte einen "Systemwechsel" in Richtung privater und
betrieblicher Vorsorge. Fraktionschef Wolfgang Gerhardt
begrüßte die Vorschläge der Rürup-Kommission im
Grundsatz, lehnte aber eine Heraufsetzung des Rentenalters auf 67 Jahre
ab.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisierte, dass das
Nettorentenniveau auf unter 60 Prozent sinke, sollten die
Vorschläge verwirklicht werden. Der Sozialverband Deutschland
(SoVD) warnte vor weiteren Kürzungen bei der Altersversorgung. Die
Grenze sei erreicht, weitere Leistungskürzungen würden den
verfassungsrechtlich garantierten Eigentumsschutz verletzen.
Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU)
verlangte unterdessen eine Besserstellung von Menschen mit Kindern bei
der Rente. "Wer Kinder erzieht, muss bei der Rente einen Vorteil davon
haben im Vergleich zu demjenigen, der das nicht tut - auch auf der
Leistungsseite", sagte Müller der "Rheinischen Pos"».
CDU-Chefin Angela Merkel unterstützte im Nachrichtensender N24 den
Vorschlag.
Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA)
würden die Rentenbeitragssätze ohne Reformen bis zum Jahr
2030 auf "nicht mehr tragbare 25,1 Prozent" steigen. "Die Einschnitte
in die Renten der Älteren sind unverzichtbar, wenn den
Jüngeren nicht unzumutbare Lasten aufgebürdet werden sollen",
sagte DIA-Sprecher Bernd Katzenstein.
(Quelle: dpa)
«Sozialverband: Altersarmut im Vormarsch»
«Umfassende Strukturreformen statt einseitiger
Leistungskürzungen forderte der Präsident des Sozialverbandes
Deutschland (SoVD), Peter Vetter, am Dienstag in Berlin. Die von der
Rürup-Kommission vorgeschlagenen Leistungskürzungen durch
"Nachhaltigkeitsfakto"«, höheres Renteneintrittsalter oder
Sonderbeitrag der Rentner zur Pflege seien "nicht akzeptabel", so
Vetter, dessen Verband 500000 Mitglieder vertritt. Die Vorschläge
der Kommission, die sich mit denen der meisten "Sozialpolitiker" in den
Parteien deckten, würden für viele heutige und künftige
Rentner den freien Fall in die Altersarmut bedeuten. Schon heute
müsse ein Durchschnittsverdiener 29 Jahre lang Beiträge
entrichten, um auf das Niveau der Sozialhilfe zu gelangen. Beim
sogenannten "Eckrentner" mit 45 Beitragsjahren – eine Schwelle, die
ohnehin nur noch eine Minderheit erreicht, würden die
Durchschnittsrenten schon jetzt nur knapp über 1000 Euro liegen.
Durch den ungebrochenen Trend zur Frühverrentung und immer
höherer Erwerbslosigkeit bei über 50jährigen seien
für immer mehr Menschen große Altersversorgungslücken
zu erwarten.
Falls die Bundesregierung – wie zu erwarten – die Vorschläge der
Rürup-Kommission eins zu eins umsetzt, will der Verband
keinesfalls klein beigeben. "Dann gehen wir nach Karlsruhe",
kündigte Vetter an. Er sei sich sicher, daß sich auch andere
Verbände einer möglichen Verfassungsklage anschließen
würden. Auch die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula
Engelen-Kefer habe ihm bereits Unterstützung signalisiert.»
(Quelle: "junge Welt" vom 27.08.03)
http://www.jungewelt.de/2003/08-27/012.php
Hintergrund: Vorschläge der Rürup-Kommission
Ziel der von der Rürup-Kommission vorgeschlagenen Maßnahmen
ist es, den Renten-Beitragssatz bis zum Jahr 2030 nicht über 22
Prozent steigen zu lassen. Derzeit beträgt er 19,5 Prozent. Ohne
Gegensteuern würde bei dem unterstellten demographischen und
ökonomischen Szenario der Beitragssatz auf mehr als 24 Prozent
steigen und das Rentenniveau sinken. Die Vorschläge:
- Das gesetzliche RENTENEINTRITTSALTER soll von derzeit 65 auf 67 Jahre
angehoben werden. Dies soll aber erst von 2011 bis 2035 in kleinen
Schritten von einem Monat pro Jahr erfolgen. Für eine längere
Lebensarbeitszeit müssten Anreize für Arbeitnehmer geschaffen
werden.
- Auch bei 67 Jahren soll wie bisher ein um drei Jahre VORGEZOGENER
RENTENBEZUG möglich sein unter Inkaufnahme von Abschlägen.
Die geltende Abschlagshöhe von 0,3 Prozent für jeden Monat
früheren Rentenbeginns gilt als ausreichend. Ausnahmen darf es
nicht geben.
- Bei der Rentenanpassungsformel soll die Berechnungsgrundlage
umgestellt und ein NACHHALTIGKEITSFAKTOR eingeführt werden. Dieser
bewirkt, dass die jährliche Rentenanpassung reduziert wird, wenn
immer weniger Beitragszahler immer mehr Rentner versorgen müssen.
Die Rentenanpassung soll sich künftig an der Entwicklung der
versicherungspflichtigen Entgelte orientieren statt an den
Bruttoeinkommen aller Beschäftigten.
- Die Kommission geht davon aus, dass die RENTENANPASSUNG 2004 um ein
halbes Jahr auf Januar 2005 verschoben wird. Damit könnte der
Beitragssatz dauerhaft um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte gesenkt werden.
- Zu den AUSWIRKUNGEN gehört, dass das BRUTTO-STANDARDRENTENNIVEAU
von derzeit 48 Prozent der durchschnittlichen Bruttolöhne bis zum
Jahr 2030 auf 41,6 Prozent sinkt. Ein Rückgang auf 42 Prozent
wäre auch ohne Gegenmaßnahmen zu erwarten. Denn der
größte Teil der Einschränkungen ist schon in geltendem
Recht angelegt. Dennoch soll die Kaufkraft der Renten nicht sinken. Die
um die Preissteigerung bereinigte Bruttorente würde von heute
monatlich 1170 Euro auf 1430 Euro im Jahr 2030 steigen. Ohne
Maßnahmen läge sie bei 1500 Euro.
- Die SCHWANKUNGSRESERVE in der gesetzlichen Rentenversicherung soll
aufgestockt werden, sobald dies ohne höhere Beitragssätze
möglich ist. Der Berechtigtenkreis für eine Förderung
zur RIESTER- RENTE soll auf alle Steuerzahler ausgeweitet werden.
- Ein SYSTEMWECHSEL zu einer steuerfinanzierten Grundrente wird
ABGELEHNT, ebenso die selektive Kürzung der Rentenleistungen
für höhere Einkommensgruppen. Eine Anhebung der
Beitragsbemessungsgrenze oder die Einbeziehung weiterer Einkunftsarten
in die Beitragspflicht würde aus Sicht der Kommission nur
vorübergehend niedrigere Beitragssätze ermöglichen. Die
Ausweitung der Versicherungspflicht auf Beamte und Selbstständige
bewirke nur vorübergehend Entlastung.
- Um die Lasten zwischen Alt und Jung gerechter zu verteilen, sollen
Rentner von 2010 an zusätzlich zum Beitrag zur PFLEGEVERSICHERUNG
einen von ihnen allein finanzierten Ausgleichsbeitrag von 2 Prozent des
versicherungspflichtigen Einkommens zahlen. Da Rentner die Hälfte
des allgemeinen Pflege-Beitragssatzes selbst tragen müssen, steigt
ihr eigenfinanzierter Gesamtbeitragssatz auf 2,6 Prozent. Dies bedeutet
für die Standardrente zusätzlich 20 Euro pro Monat.
Quelle: dpa
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Wieder Milliardendefizit der Krankenkassen
Mi.27.08.03 - itten in der Diskussion um Nutzen und Spareffekt der geplanten
Gesundheitsreform kommt von den gesetzlichen Krankenkassen eine neue
Hiobsbotschaft. Wie "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" berichtet, haben
sie im ersten Halbjahr 2003 abermals ein Milliarden-Defizit ausgewiesen.
Das gehe aus ersten Berechnungen der Spitzenverbände der Kassen
hervor, die ihre Daten bis zum Monatsende dem
Bundesgesundheitsministerium übermitteln müssen. Die
Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) hätten einen Fehlbetrag von
etwa 900 Millionen Euro verbucht, bei den Ersatzkassen belaufe sich das
Minus auf deutlich mehr als 700 Millionen Euro.
Auch die Betriebs- und Innungskassen dürften Millionen-Defizite
erwirtschaftet haben, schreibt die Zeitung. Sprecher der Kassen wollten
sich dazu nicht äußern. In der gleichen Zeit des Vorjahres
hatte die AOK ein Defizit von 850 Millionen Euro erwirtschaftet. Bei
den Ersatzkassen überstiegen damals die Ausgaben die Einnahmen um
gut eine Milliarde Euro.
Die Kritik an dem von SPD, Grünen und Union ausgehandelten
Gesetzentwurf für eine Gesundheitsreform hielt an. Der
Grünen- Sozialexperte Markus Kurth bezeichnete den Kompromiss in
der "Rheinischen Post" als "zu kurz gesprungen". "Ich habe Sorge, dass
das Einsparvolumen schnell verfrühstückt ist."
Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Müller
warnte seine Partei davor, bei der Abstimmung über die
Gesundheitsreform auf die rot-grüne Mehrheit zu verzichten.
"Gerade in schwierigen Fragen muss man eine eigene Mehrheit haben",
sagte Müller derselben Zeitung. Er wertete die Gesundheitsreform
als «vertretbaren Kompromiss». "Zweifellos stehen
wesentliche Strukturveränderungen des Gesundheitssystems noch aus."
(Quelle: dpa)
Industrie erwartet baldige Konjunkturerholung
Mi.27.08.03 - Der Bundesverband der Deutschen Industrie rechnet mit einer baldigen
Erholung der Konjunktur. Angesichts des positiven
Geschäftsklimaindex des Münchner ifo Instituts sagte
BDI-Volkswirt Reinhard Kudiß der "Berliner Zeitung", langsam sei
Deutschland aus der Talsohle heraus. Für die verbesserte Stimmung
unter den Unternehmern seien auch die Reformbemühungen der
Bundesregierung verantwortlich. Kudiß warnte allerdings vor
übertriebenen Hoffnungen auf einen starken Aufschwung.
(Quelle: dpa)
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