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+++ Sa.30.08.03,
12:45 Nachrichten-Archiv Aktuelle
Nachrichten
Irak am hundertvierundsechzigsten Tag nach Kriegsbeginn
Autobombe
explodiert vor Moschee in Nadschaf +++ Möglicherweise mehr als
hundert Menschen starben bei dem Anschlag +++ Wichtigster
Schiitenführer unter den Toten +++ Im Irak drohen Chaos und
Unruhe +++ US-Präsident Bush und UN-Generalsekretär Annan
verurteilen Anschlag von Nadschaf +++ US-Truppen wollen Arbeit in Irak
fortsetzen +++ Amnesty international warnt vor Bürgerkrieg in Irak
+++ Abizaid will Einsatz von Soldaten aus moslemischen Ländern in
Irak +++ Chef des für die Golf-Region zuständigen
US-Zentralkommandos will Einsatz von Soldaten aus moslemischen
Ländern in Irak +++ Chirac fordert zentrale Rolle der UN in Irak
Sa.30.08.03 - Bei
einem verheerenden Autobombenanschlag auf eine Moschee in der
irakischen Stadt Nadschaf sind am Freitag möglicherweise mehr als
hundert Menschen getötet worden. Ein Krankenhaus in der irakischen
Stadt habe 124 Todesopfer gemeldet, berichtete der US-Nachrichtensender
CNN am Freitagabend. Bislang war von mindestens 82 Toten die Rede. Mehr
als zweihundert Menschen wurden verletzt. Der Anschlag auf die
Imam-Ali-Moschee galt offenbar dem führenden schiitischen
Geistlichen Mohammed Bakir el Hakim, der unter den Opfern war. Hinter
der Tat wurden Anhänger des gestürzten Präsidenten Saddam
Hussein vermutet.
Der Sprengsatz explodierte, als tausende Gläubige nach dem
Freitagsgebet die Moschee verließen, die als heiligste Stätte
der Schiiten in Irak gilt. Viele der Verletzten waren nach
Krankenhausangaben in einem kritischen Zustand. Der irakische
Verwaltungsrat rief eine dreitägige Trauerzeit aus.
Der 64-jährige Hakim hatte unmittelbar vor dem Anschlag in einer
Predigt zur Einheit Iraks aufgerufen und um die Unterstützung der
arabischen Welt beim Wiederaufbau des Landes gebeten. Der schiitische
Geistliche war im Mai - nach mehr als 20 Jahren im iranischen Exil -
wieder nach Irak zurückgekehrt. Er war der Führer des Obersten
Rats für die Islamische Revolution in Irak (SCIRI), eine der
einflussreichsten Oppositionsgruppen. In Anlehnung an den
Begründer der islamischen Republik in Iran galt er seinen
Anhängern als "irakischer Chomeini".
Achmed Tschalabi, Mitglied des irakischen Verwaltungsrats, beschuldigte
Gefolgsleute Saddam Husseins, den Anschlag verübt zu haben. Es sei
dieselbe Gruppe, die hinter dem Anschlag auf das UN-Gebäude am 19.
August stecke, sagte Tschalabi im Sender El Dschasira. Hakim sei ein
Märtyrer, ein Vorbild für das Ringen um Frieden in Irak.
Zugleich mahnte Tschalabi, die Koalitionstruppen müssten mehr
für die Sicherheit tun.
Das Weiße Haus bekräftigte, die US-Truppen würden sich
nicht von ihrer Aufgabe abschrecken lassen. Die amerikanische Regierung
sei nach wie vor entschlossen, "daran zu arbeiten, dem irakischen Volk
ein besseres Leben zu bringen", sagte eine Sprecherin. Aus dem Pentagon
verlautete, das Verteidigungsministerium betrachte den Anschlag als
Tragödie. Wie schon beim Anschlag auf das UN-Hauptquartier
hätten sich die Attentäter unzureichende
Sicherheitsvorkehrungen zu Nutze gemacht. Aus Respekt vor der heiligen
Stätte seien keine US-Truppen in der Nähe der Imam-Ali-Moschee
gewesen, sagte Pentagon-Sprecher Jim Cassella.
Die amerikanischen Truppen in Irak wollen sich nach den Worten von
US-Präsident George W. Bush durch den neuen verheerenden Anschlag
auf eine Moschee nicht abschrecken lassen. Der Anschlag demonstriere
lediglich die "Verzweiflung der Feinde des irakischen Volks",
erklärte Bush am Freitag in einer Stellungnahme. Der Mord an dem
schiitischen Geistlichen Mohammed Bakir el Hakim und den vielen anderen
Männern und Frauen sei grausam.
"Die Terror muss und wird besiegt werden", sagte Bush.
"Die gemeinsamen Bemühungen der Iraker und der internationalen
Gemeinschaft werden Frieden und Freiheit bringen."
US-Außenminister Colin Powell bezeichnete den Anschlag als "ein
abscheuliches Verbrechen gegen das irakische Volk und die internationale
Gemeinschaft". Die Alliierten und die internationale Gemeinschaft
wollten weiter eng mit den Menschen in Irak zusammenarbeiten, um eine
bessere Zukunft für das Land aufzubauen. Powell und Bush sprachen
dem irakischen Volk ihr Beileid aus.
UN-Generalsekretär Kofi Annan verurteilte den Anschlag scharf und
forderte alle politischen und religiösen Gruppen auf, «in den
bevorstehenden schweren Tagen äußerste Zurückhaltung zu
üben». US-Zivilverwalter Paul Bremer sagte, der Anschlag
zeige erneut, "dass die Feinde des neuen Irak vor nichts
zurückschrecken".
Vor dem Sitz des SCIRI im Bagdader Stadtteil Sadr City versammelten
sich am Freitag Abend rund 1.000 Anhänger Hakims. Einige riefen
nach Rache.
Bundesaußenminister Joschka Fischer sagte am Freitag: "Die
Verantwortlichen müssen ermittelt und unnachsichtig bestraft
werden." Iran, wo Hakim lange im Exil gewesen war, verurteilte den
Anschlag auf das Schärfste. Der oberste geistliche Führer
Irans, Ajatollah Ali Chamenei, ordnete ebenfalls eine dreitägige
landesweite Staatstrauer an.
In Nadschaf hat es seit dem Sturz von Ex-Präsident Saddam Hussein
immer wieder Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den
Anhängern der wichtigsten schiitischen Führer gegeben. Der
Oberste Rat hat mit Abdelasis el Hakim einen Bruder des SCIRI-Chefs als
Vertreter in den 25 Mitglieder umfassenden Provisorischen Regierungsrat
im Irak entsandt. Er wird voraussichtlich den getöteten
Schiitenführer ersetzen. Für die Zusammenarbeit mit der
amerikanischen Besatzungsmacht ist SCIRI von anderen schiitischen
Gruppen wiederholt kritisiert worden.
Während der Herrschaft von Saddam Hussein hatte SCIRI sein
Hauptquartier Jahrzehnte lang in Teheran. Bakr el Hakim war nach dem
Sturz des Saddam-Regimes im Mai nach 23 Jahren aus dem iranischen Exil
in seine Heimat zurückgekehrt.
Erst am vergangenen Sonntag war Saijid Mohammed Said Hakim, ein Onkel
des SCIRI-Vorsitzenden, bei einem Bombenanschlag gegen die
Schiitengruppe in Nadschaf leicht verletzt worden. Drei seiner
Leibwächter waren dabei getötet worden. Auch dieser Anschlag
hatte sich in der Nähe der Imam-Ali-Moschee ereignet.
Am 10. April war der moderate Schiitenführer Abdel Madschid el
Choei nach Angaben seiner Anhänger in der Moschee ermordet worden.
Ein Sprecher der in London ansässigen El-Choei-Stiftung hatte
damals erklärt, der Geistliche sei von mehreren Männern mit
Messern angegriffen und getötet worden. El Choei war erst zwei
Wochen zuvor aus zwölfjährigem Londoner Exil in seine Heimat
zurückgekehrt.
Rund zwei Drittel der Iraker sind Schiiten.
Die Menschenrechtsorganisation amnesty international hat vor einem
Bürgerkrieg in Irak gewarnt. Die Besatzungstruppen müssten
ihrer Pflicht nachkommen und Sicherheit und Ordnung in Irak
wiederherstellen, forderte die Organisation am Freitag in einer in Kairo
veröffentlichten Erklärung. Nach den jüngsten
Gewaltakten in Irak drohten Bürgerkriegswirren. Die
US-geführten Streitkräfte seien verpflichtet, Racheakte nach
dem blutigen Anschlag von Nadschaf am Freitag zu verhindern.
Amnesty international nannte es Besorgnis erregend, dass sich die
Sicherheitssituation in Irak vier Monate nach Ende der
Hauptkampfhandlungen "verschlechtert und nicht verbessert" habe.
Der Chef des für die Golf-Region zuständigen
US-Zentralkommandos, John Abizaid, hat sich für den Einsatz von
Soldaten aus moslemischen Ländern in Irak ausgesprochen. Die USA
benötigten die Unterstützung durch internationale Truppen und
irakische Soldaten, sagte Abizaid der "New York Times" vom Freitag. Er
würde es befürworten, wenn Pakistan und die Türkei ein
zusätzliches Kommando in Irak übernehmen könnten. Dies
müssten diese Länder allerdings zunächst innenpolitisch
durchsetzen. Zudem halte er einen beschleunigten Aufbau einer irakischen
Armee für erforderlich. Das irakische Militär müsse
nicht "perfekt" sein, sagte Abizaid. Bisher war geplant, innerhalb von
zwei bis drei Jahren eine 40.000 Mann starke Armee aufzubauen.
Der französische Staatspräsident Jacques Chirac hat vor einem
Abgleiten Iraks ins Chaos gewarnt und eine zentrale Rolle der Vereinten
Nationen angemahnt. Die Probleme in Irak müssten in erster Linie
politisch gelöst werden, sagte Chirac in einer
außenpolitischen Grundsatzrede vor den französischen
Botschaftern in Paris.
"Die Übertragung der Macht und der Souveränität an die
Iraker selbst ist die einzige realistische Option", erklärte der
Staatschef laut Manuskript. Dieser Prozess, dem nur die Vereinten
Nationen Legitimität verleihen könnten, müsse
unverzüglich eingeleitet werden. In diesem Rahmen könne dann
die internationale Staatengemeinschaft einen effizienten Beitrag zum
Wiederaufbau des Landes leisten.
(Quellen: ap,
dpa, afp)
«Der Irak versinkt immer mehr in einem Strudel von
Terror, Anschlägen, Sabotage sowie ethnischer und religiöser
Gewalt»
Sa.30.08.03
- Nach den Autobombenanschlägen auf die jordanische Botschaft
sowie das UN-Hauptquartier in Bagdad wurde jetzt einer der wichtigsten
religiösen Führer ins Visier genommen, Ajatollah Mohammed Bakr
el Hakim.
Alle drei Anschläge haben offensichtlich das selbe Ziel: Sie
sollen Chaos stiften, die Rückkehr zur Normalität verhindern
und demonstrieren, dass die USA als Besatzungsmacht nicht in der Lage
sind, für Ordnung und Sicherheit zu sorgen. US-Zivilverwalter Paul
Bremer sagte nach dem Attentat, die Feinde eines neuen Iraks schreckten
vor nichts mehr zurück. Zugleich versprach er Hilfe bei der
Aufklärung des Verbrechens.
Noch steht nicht fest, wer die Täter und Hintermänner des
Anschlages von Nadschaf sind. Todesdrohungen gegen die Familie des
Ajatollahs hat es seit Wochen gegeben. Mohammed Bakr el Hakim kam gerade
vom Freitagsgebet in der Imam-Ali-Moschee. Sie ist eine der heiligsten
Orte für Moslems schiitischer Glaubensrichtung. Ali war der
Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Nach dessen Tod spalteten sich
die Schiiten von der sunnitischen Glaubensrichtung ab.
Die Folgen der Autobombenexplosion, die möglicherweise mehr als
100 Menschen in den Tod riss, sind noch unabsehbar. Im schlimmsten Fall
droht dem Irak jetzt offene religiöse Gewalt unter der schiitischen
Bevölkerungsmehrheit. Die Gründe für die Gewalt an
heiliger Stätte sind vielschichtig. Seit dem Sturz von Saddam
Hussein Anfang April gibt es Spannungen zwischen den Anhängern und
Sympathisanten der verschiedenen religiösen Gruppen in Nadschaf.
Während der Herrschaft Saddams hatte ein Verwalter der irakischen
Führung die Moschee in festem Griff. Nach dem Zusammenbruch des
Regimes eiferten die religiösen Gruppen in Nadschaf um die
Führungsrolle und die Oberhoheit über die Moschee. Erstes
hochrangiges Todesopfer wurde im April der aus dem Exil in
Großbritannien zurückgekehrte Religionsgelehrte Abdul
Madschid el Choei. Choei hatte zwischen den Gruppen vermitteln wollen
und war dann von einem Attentäter in der Moschee erstochen worden.
Der führende Religionsgelehrte der Schiiten in Nadschaf ist
Ajatollah Ali Sistani. Der in seinen Ansichten radikalste ist der erst
30-jährige Muktada el Sadr. Dessen Vater Mohammed Sadik el Sadr war
1980 von Saddam Hussein exekutiert worden. Der Sohn rekrutiert jetzt
vor allem seine Anhänger in den Armenvierteln und lehnt eine
Zusammenarbeit mit den alliierten Besatzungstruppen unter Führung
der USA ab.
Der dritte wichtige Spieler war bislang der Oberste Rat für die
Islamische Revolution im Irak (SCIRI), dessen Vorsitzender der
getötete Ajatollah Bakr el Hakim war. Der 64-Jährige war nach
dem Sturz Saddams nach 23-jährigem Asyl in Iran nach Nadschaf
zurückgekehrt. Anders als andere Schiitengruppen hat der Oberste
Rat einen Sitz in der Provisorischen Übergangsregierung angenommen.
Ihm wurde deshalb Verrat und Kollaboration mit den USA vorgehalten.
Möglicherweise ist das ein Motiv für den Anschlag.
Auszuschließen ist aber nicht, dass die Täter aus einem ganz
anderen Spektrum kommen und einfach nur Chaos stiften wollen. Der Tod
des Ajatollahs könnte zu schweren religiösen
Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der verfeindeten
Gruppen führen.
Für die Besatzungsmacht USA wird die Situation vor Ort damit noch
komplizierter. Nach Sabotageakten gegen Erdölleitungen und
Stromleitungen, nach Angriffen gegen US-Soldaten und
Terroranschlägen gegen so genannte weiche Ziele wie die jordanische
Botschaft und das Hauptquartier der Vereinten Nationen flammte in der
vergangenen Woche erstmals ethnische Gewalt auf. In Kirkuk gerieten
Kurden und Mitglieder der turkmenischen Minderheit aneinander. Jetzt
wurde ein wichtiger Religionsführer getötet. Schwere Zeiten
stehen damit auch den Polen bevor. Am 3. September soll die
multinationale Division unter Führung eines polnischen Generals
das Kommando unter anderem in der Provinz Nadschaf übernehmen.
(Quelle: dpa)
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Heftige
Kämpfe im Süden Afghanistans
Sa.30.08.03 - Bei
den heftigsten Gefechten seit Monaten sind im Süden Afghanistans
zahlreiche Taliban-Kämpfer getötet worden. US-Bomber griffen
in der Nacht zum Freitag zwei vermutete Stellungen der Taliban in den
Bergen der Provinz Sabul an, wie ein afghanischer Geheimdienstoffizier
der Nachrichtenagentur AP sagte. Ein US-Soldat kam nach
Militärangaben bei dem nächtlichen Angriff ums Leben.
Die US-Angriffe begannen bereits am Donnerstagabend und hätten bis
gegen 04.00 Uhr morgens gedauert, sagte Chalil Hotak, der
Geheimdienstchef der Provinz. Mindestens zwei amerikanische
Kampfflugzeuge und zwei Hubschrauber seien daran beteiligt gewesen,
hieß es. Anschließend hätten rund 500
Regierungssoldaten die Stellungen der Taliban angegriffen, die sich in
den Bergen verschanzt hätten. Hotak gab die Zahl der getöteten
Taliban-Kämpfer mit 35 an, was zunächst aber nicht
bestätigt wurde. Die Kämpfe dauerten auch am Freitag noch an.
Hotak beschrieb das Gebiet als Festung der Taliban, wo sich
möglicherweise hunderte Kämpfer aufhielten. Es gebe mindestens
15 befestigte Stellungen, von denen die Rebellen ihre Angriffe in den
benachbarten Provinzen koordinierten.
Die afghanischen Behörden vermuten zwei ranghohe
Taliban-Kommandeure in Sabul, Mullah Dadullah und Mullah Schafik. Laut
Hotak soll sich auch Mullah Abdul Kahar in dem Gebiet aufhalten, der vor
dem Sturz des Taliban-Regimes der Taliban-Kommandeur der Provinz war.
Zwei vor wenigen Tagen festgenommene Taliban-Kämpfer
erklärten, sie seien von den Taliban und von Kämpfern des
Milizführers Gulbuddin Hekmatjar angeworben worden.
Der getötete US-Soldat gehörte nach Militärangaben einer
Spezialeinheit an und kam bei einem Sturz ums Leben. Er sei nicht bei
den Gefechten getötet worden, erklärten die Streitkräfte
im Luftstützpunkt Bagram. Bei den afghanischen Soldaten wurden
keine Todesfälle gemeldet.
Pakistan und die Vereinten Nationen beschlossen unterdessen, vier
Flüchtlingslager an der Grenze aufzulösen. Die 50.000 Menschen
könnten entweder nach Afghanistan zurückkehren oder in andere
Flüchtlingslager umsiedeln. Die Lager waren wegen des US-Angriffs
auf Afghanistan eingerichtet worden, der zum Sturz der Taliban
führte.
Hilfsorganisationen forderten auf einer Konferenz in Kabul, die
zahlreichen Kindersoldaten in Afghanistan müssten entwaffnet und
wieder ins zivile Leben integriert werden. Den schätzungsweise
8.000 Kindern müssten Schulbildung und handwerkliche
Fähigkeiten vermittelt werden, forderte UNICEF-Sprecher Edward
Carwardine. Der stellvertretende afghanische Arbeitsminister Ghulam
Ghaus Baschiri warnte, die fehlende Integration der Jugendlichen sei ein
Sicherheitsrisiko für die Zukunft des Landes.
(Quelle: ap)
Blairs PR-Chef
Campbell tritt nach Irak-Vorwürfen zurück +++ Umfrage: Mehr
als die Hälfte der Briten misstrauen Tony Blair
Sa.30.08.03 - Der
im Streit um die Rechtfertigung des Irak-Kriegs unter Druck geratene
PR-Berater des britischen Premierministers Tony Blair, Alastair
Campbell, tritt zurück. Der Konflikt hat Blair in die schwerste
Krise seiner sechsjährigen Amtszeit gestürzt.
Campbell war vorgeworfen worden, auf sein Betreiben hin sei die
Bedrohung durch den Irak in einem Dossier der Regierung aufgebauscht
worden, um die britische Öffentlichkeit von der Notwendigkeit eines
Krieges zu überzeugen. Der 46-Jährige hat dies bestritten. In
seiner Rücktrittserklärung ging Campbell am Freitag nicht auf
die Irak-Vorwürfe ein. Sein Rückzug sei bereits seit April
beschlossene Sache. Er wolle sein Amt in den kommenden Wochen abgeben.
Blair lobte Campbell als "überaus fähigen, furchtlosen,
loyalen Diener der Sache, an die er glaubt". Als Campbells Nachfolger
präsentierte er den früheren Sprecher der Labour-Partei,
David Hill.
In einer von der britischen Regierung veröffentlichten
Stellungnahme erklärte Campbell: "Wir sind am 7. April dieses
Jahres überein gekommen, dass ich diesen Sommer meinen Posten
aufgeben werde, und ich habe den Premierminister nun offiziell von
meiner Entscheidung informiert." Ein Regierungssprecher sagte, Campbell
werde seinen Posten nicht sofort aufgeben, er nannte aber keinen
konkreten Zeitpunkt.
Blair hatte am Donnerstag ein von Campbell mitverantwortetes
Irak-Dossier der britischen Regierung bei einer Anhörung zum
Selbstmord des britischen Waffenexperten David Kelly verteidigt. Kelly
war nach Angaben der BBC die Quelle für den Rundfunk-Bericht, dem
zufolge die Regierung das Dossier verändert habe, um es
dramatischer zu machen. "Dies war ein absolut fundamentaler Vorwurf",
hatte Blair über den BBC-Bericht gesagt. Wären die
Vorwürfe im BBC-Bericht wahr gewesen, hätte er
zurücktreten müssen, sagte der Premierminister.
Der Streit um das Irak-Dossier hat den Umfragewerten Blairs geschadet.
Weniger als die Hälfte aller Briten halten ihren Regierungschef
noch für vertrauenswürdig. In einer am Freitag im "Daily
Telegraph" veröffentlichten Umfrage gaben 59 Prozent der Befragten
an, sie würden Blair nicht mehr trauen. Nur 27 Prozent sagten, der
Premierminister sei weiterhin glaubwürdig. Von der Blair-Regierung
insgesamt glaubt nur jeder Fünfte, dass sie sich "im Ganzen ehrlich
und vertauenswürdig" verhalten habe.
"In der äußerst schwierigen und aufzehrenden Medienwelt hat
er mit großem Geschick und Engagement agiert", würdigte Blair
die Arbeit Campbells. Als neuer PR-Chef solle der 55-jährige Hill
"innerhalb einer neuen Struktur" tätig werden, teilte Blairs
Büro mit, ohne Einzelheiten zu nennen. Hill war zwischen 1993 und
1998 Parteisprecher und leitete seitdem ein Unternehmen für
Öffentlichkeitsarbeit. In den beiden erfolgreichen Wahlkämpfen
1997 und 2001 hatte er die Medienarbeit der Partei geleitet.
Campbell ist seit mehr als einem Jahrzehnt ein enger Vertrauter des
britischen Premierministers. Er trug entscheidend dazu bei, dass Blairs
Labour-Partei die beiden vergangenen Parlamentswahlen mit einer
deutlichen Mehrheit gewann. Gelegentlich wurde er sogar als "der wahre
Vize-Premierminister" bezeichnet.
Bernard Ingham, PR-Chef unter der konservativen Premierministerin
Margaret Thatcher, sagte, es sei höchste Zeit gewesen, dass
Campbell seinen Posten räume. "Er war besessen von der (Idee der)
Inszenierung, aber der wahre Übeltäter ist Mr. Blair", sagte
er. Selbst in der Labour-Partei gibt es einige, die nicht traurig
über den Abschied Campbells sind, auch wenn die meisten Vertreter
freundlichste politische Nachrufe verfassten. "Alastair hat einen
gewaltigen Beitrag geleistet", sagte Vize-Regierungschef John Prescott.
"Es ist eine große Lücke zu füllen, doch mit der
Labour-Partei geht es weiter."
(Quellen: rtr,
afp)
USA mit
Ausgang der Nordkorea-Gespräche zufrieden
Sa.30.08.03 - Die
USA sind nach Angaben des US-Außenministeriums mit dem Ausgang
des Gipfeltreffens zum Atomstreit mit Nordkorea zufrieden und wollen
sich durch Drohungen Nordkoreas nicht provozieren lassen.
"Wir sind erfreut darüber, dass bei dem Treffen ein Konsens
gefunden wurde, um den multinationalen Prozess in Richtung einer
friedlichen Lösung des nordkoreanischen Nuklaerproblems
fortzusetzen", sagte eine Ministeriumssprecherin am Freitag in
Washington. US-Außenminister Colin Powell habe telefonisch mit
seinen Amtskollegen aus China, Russland, Südkorea und Japan den
Ausgang der Gespräche erörtert. Das Gipfeltreffen war am
Freitag in Peking mit der Vereinbarung zu Ende gegangen, die
Gespräche fortzusetzen.
Das multinationale Format habe sich als erfolgreich erwiesen, sagte die
Sprecherin, weil Nordkorea damit nicht die Gelegenheit gegeben worden
sei, den beteiligten Ländern unterschiedliche Versionen zu liefern.
"Alle Teilnehmer haben die selben Dinge gehört und sind in der
Lage daraus Schlüsse zu ziehen", sagte sie.
Die USA suchten nach einer friedlichen Lösung und planten keine
Invasion in Nordkorea, bekräftigte die Sprecherin Powells.
US-Präsident George W. Bush hatte noch vor dem Irak-Krieg Nordkorea
zusammen mit Iran und Irak als "Achse des Bösen" bezeichnet. Die
Drohung Nordkoreas während der Gespräche in Peking, seine
"nukleare Abschreckungsmacht" zu verstärken, falls die USA den
vorgeschlagenen Nichtangriffspakt weiter ignorierten, nannte sie nicht
überraschend. "Sie haben eine lange Geschichte provokativer
Erklärungen ... Diese Drohungen dienen nur dazu, Nordkorea weiter
von der internationalen Gemeinschaft zu isolieren", sagte sie.
(Quelle: rtr)
Palästinenser
töten nach neuem Raketenangriff israelischen Siedler
Sa.30.08.03 - Nur
Stunden nach einem neuen tödlichen Raketenangriff Israels im
Gazastreifen haben militante Palästinenser am Freitag im
Westjordanland einen israelischen Siedler erschossen. Bei dem
Überfall nordöstlich von Ramallah wurde auch die
hochschwangere Ehefrau des 25-Jährigen mittelschwer verletzt.
Die Angreifer, die aus einem Versteck am Straßenrand das Feuer
auf das Fahrzeug des Ehepaars eröffnet hatten, konnten entkommen.
Zu der Tat bekannten sich die Al-Aksa-Brigaden, der militärische
Arm der Fatah-Bewegung des Palästinenserpräsidenten Jassir
Arafat.
Der militärische Arm der radikal-islamischen Hamas-Bewegung
kündigte unterdessen in der Nacht zum Freitag Rache für die
Tötung eines weiteren führenden Aktivisten im südlichen
Gazastreifen an. In einem Flugblatt der Gruppe Issedin el Kassam
hieß es unter anderem: «Wir werden die Erde unter den
Füßen der Zionisten in Brand setzen.»
Israelische Kampfhubschrauber hatten am Donnerstagabend in Chan Junis
mehrere Raketen auf einen Eselkarren abgefeuert. Dabei wurden der
36-jährige Hamdi Kadach getötet und vier unbeteiligte
Zivilisten zum Teil schwer verletzt. Auch der Esel erlitt tödliche
Verletzungen. Kadach soll für den Mörserbeschuss israelischer
Siedlungen verantwortlich sein.
Es war der vierte Hubschrauberangriff Israels auf militante
Palästinenser im Gazastreifen innerhalb einer Woche. Israel hatte
die Liquidierungen wieder aufgenommen, nachdem sich am Dienstag
vergangener Woche ein palästinensischer Selbstmordattentäter
in einem Bus in Jerusalem in die Luft gesprengt und 21 Menschen mit in
den Tod gerissen hatte.
Israelische Truppen drangen unterdessen am Freitag erneut in den
nördlichen Gazastreifen ein. Nahe Beit Chanun zerstörten die
Soldaten einen Hain, von dem aus Militante am Vortag Kleinraketen des
Typs "Kassam" auf die israelische Küstenebene abfeuert hatten. Ein
Armeesprecher teilte mit, bei dem Einsatz nahe Beit Chanun sei die am
Vortag verwendete Abschussrampe gefunden worden. Eine der abgefeuerten
Raketen war erstmals in der Großstadt Aschkelon eingeschlagen.
Ministerpräsident Ariel Scharon hatte die Armee daraufhin
angewiesen, den Raketenbeschuss "mit allen notwendigen Mitteln" zu
unterbinden. Auch am Freitag schlugen jedoch im Bereich der
jüdischen Siedlung Kfar Darom wieder drei Mörsergranaten ein.
Niemand wurde verletzt.
(Quelle: dpa)
Anzeige wegen
Kriegsverbrechen in den besetzten Gebieten angekündigt
Sa.30.08.03 - In
der Schweiz wird eine Anzeige wegen Kriegsverbrechen in den besetzten
palästinensischen Gebieten vorbereitet. Darin werden Verletzungen
der Genfer Konvention und der Haager Landkriegsverordnung durch
israelische Staatsangehörige geltend gemacht. Die Anzeige soll
beim Oberauditor der Schweizer Armee, dem Leiter der
Militärjustiz, eingereicht werden.
Angezeigt würden besonders krasse Fälle von
Hauszerstörungen sowie Fälle von Folter, die durch Zeugnisse
gesichert seien, teilte der Zürcher Anwalt Marcel Bosonnet am
Freitag mit. Die Anzeige soll beim Oberauditor der Schweizer Armee
eingereicht werden, weil Verletzungen des humanitären
Völkerrechts in den Zuständigkeitsbereich der
Militärgerichtsbarkeit fallen.
Die Schweiz sei Depositarstaat der Genfer Konventionen und habe in
dieser verantwortungsvollen Position 1967 in ihrem
Militärstrafgesetz dementsprechend die Ahndung von
Verstößen gegen kriegsrechtliche Bestimmungen niedergelegt,
schreibt Bosonnet. Gegen welche Personen sich die Anzeige richte, wolle
er erst in der kommenden Woche bekannt geben, sagte Bosonnet auf Anfrage.
Beim Oberauditorat der Schweizer Armee wurden zum konkreten Fall noch
keine Angaben gemacht. Laut Martin Immenhauser, Informationschef des
Oberauditorats, wird aber eine derartige Anzeige sehr sorgfältig
geprüft, wenn sie vorliegt. Generell sei es aber so, dass es
jeweils einen erhärteten Anfangsverdacht brauche, damit ein
Verfahren eingeleitet werden könne. Eine Behauptung alleine reiche
dazu nicht aus. Zudem gelte seit Jahrzehnten in der Schweiz und in den
meisten anderen Ländern die Praxis, dass sich die verdächtigte
Person, gegen die sich ein Verfahren richte, zumindest in der Schweiz
aufhalten müsse; eine Durchreise durch die Schweiz reiche nicht
aus.
In Belgien waren umstrittene Bestimmungen zur Ahndung von weltweiten
Kriegsverbrechen erst vor wenigen Wochen geändert worden. Nachdem
zuvor Klagen über mutmaßliche Kriegsverbrechen
unabhängig von der Nationalität des Beschuldigten und dem Ort
der Verbrechen möglich waren, ist das Gesetz künftig auf
Fälle beschränkt, in denen Beklagte oder Opfer belgische
Staatsbürger sind oder dort leben. In Belgien war der israelische
Ministerpräsident Ariel Sharon wegen seiner Rolle beim Massaker in
den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatilla
1982 im Libanon verklagt worden. Zudem wurden nach dem Irak-Krieg auch
Klagen gegen US-Präsident George W. Bush, den britischen
Premierminister Tony Blair und den früheren Befehlshaber der
US-Truppen in Irak, General Tommy Franks, eingereicht, die allerdings
abgewiesen wurden.
(Quelle: ap)
Amnesty
international: Menschenrechtsverbrechen in Peru gerichtlich ahnden
Sa.30.08.03 - Die
Menschenrechtsorganisation amnesty international (ai) hat sich
dafür ausgesprochen, die in Peru in den vergangenen zwei
Jahrzehnten verübten Menschenrechtsverbrechen gerichtlich zu
ahnden. Die für schwere Menschenrechtesverletzungen
Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden und die
Opfer und ihre Familien eine angemessene Entschädigung erhalten,
heißt es in einer Erklärung der spanischen ai-Sektion, die am
Donnerstag fast zeitgleich mit dem Abschlussbericht der peruanischen
Wahrheits- und Versöhnungskommission veröffentlicht wurde.
(Quelle:info.partisan.net)
«Tausendfacher Horror in neun Bänden»
«Perus
Wahrheitskommission legt Abschlussbericht vor: Über 69.000 Opfer
forderte politische Gewalt in 20 Jahren»
Mehr in der heutigen Ausgabe der "tageszeitung" (30.08.03):
http://www.taz.de/pt/2003/08/30/a0112.nf/text
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Russisches
Atom-U-Boot in der Barentssee gesunken
Sa.30.08.03 - Ein
russisches Atom-U-Boot ist auf dem Weg zur Abwrackwerft mit zehn
Menschen an Bord in der Barentssee gesunken. Suchmannschaften
hätten zunächst zwei Leichen gefunden, teilte das
Verteidigungsministerium in Moskau mit. Nach unterschiedlichen Berichten
seien ein bis vier Matrosen gerettet worden, meldete die Agentur
Interfax. Der Reaktor des Bootes war nicht in Betrieb. Vor drei Jahren
waren beim Untergang des russischen Atom-U-Boots "Kursk" in der
Barentssee alle 118 Seeleute ums Leben gekommen.
(Quelle: dpa)
Deutsches
Haushaltsdefizit weiter angewachsen
Sa.30.08.03 - Das
deutsche Haushaltsdefizit steigt in diesem Jahr weiter an. Das meldete
Finanzminister Hans Eichel nach Brüssel. Mit 3,8 Prozent kommt es
langsam in die Nähe der kritischen Vier-Prozent- Marke.
Deutschland wird damit zum zweiten Mal in Folge die EU-
Defizit-Obergrenze von 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts
überschreiten. Für das vergangene Jahr wurde ein Minus von 3,5
Prozent festgestellt. Die Eu-Kommission geht aber davon aus, dass
Deutschland 2004 wieder unter die Grenze von 3 Prozent kommen kann.
(Quelle: dpa)
Unions-regierte
Länder signalisieren Ja zu Gesundheitsreform
Sa.30.08.03 - Die
Unions-regierten Bundesländer sehen gute Chancen, dass sie der
geplanten Gesundheitsreform im Bundesrat geschlossen zustimmen.
Die Länderminister von CDU/CSU sowie auch der FDP sähen den
auf Bundesebene zwischen Regierung und Opposition ausgehandelten
Kompromiss einstimmig als akzeptabel an, erklärte Niedersachsens
Sozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Freitag in Hannover nach
einem Treffen, an dem die Sozialministerien aller Unions-regierten
Länder vertreten waren. Es gebe zwar noch offene Punkte, die aber
ausnahmslos auf Arbeitsebene geklärt werden könnten. Es
handele sich dabei um juristische Fragen, weniger um inhaltliche
Probleme, sagte zur Leyen, die der Verhandlungskommission der Union auf
Bundesebene angehört hatte.
Nach den Worten von Sachsen-Anhalts Sozialminister Gerry Kley (FDP)
gibt es gute Chancen, dass auch die FDP der Reform zustimmen werde.
Kommende Woche werde die FDP aus Bund und Ländern
abschließend in Magdeburg ihre Position beraten. "Ich bin aber
sehr zuversichtlich, dass wir die Reform mittragen können", sagte
Kley.
Der von Regierung und CDU/CSU vereinbarte Kompromiss sieht vor, dass
Versicherte der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für
Zahnersatz ab 2005 eine Zusatzversicherung abschließen
müssen. Mit der Reform sollen zudem die Zuzahlungen für
Patienten angehoben werden. Die bereits auf dem Weg gebrachte
Positivliste für Arzneimittel wurde auf Drängen der Union
gestoppt. Nur auf der Liste aufgeführte Medikamente hätten die
gesetzlichen Krankenkassen bezahlen müssen.
(Quelle: rtr)
Farbattacke
auf Büros von Rürup-Mitglied Lauterbach
Sa.30.08.03 - Auf
die Kölner Büros des Rürup-Kommissionsmitglieds Karl
Lauterbach ist am Freitag ein Überfall verübt. Wie die
Kölner Polizei mitteilte, drangen bislang unbekannte Täter in
die Räume von Lauterbachs Institut für
Gesundheitsökonomie ein und verschütteten dort Farbe. Dabei
seien Wände beschmiert und technische Geräte beschädigt
worden, der Sachschaden liege bei 10.000 Euro.
Als ein Institutsmitarbeiter hinzugetreten sei, seien die vermutlich
fünf bis sechs Männer geflüchtet, hieß es weiter.
Die Täter hätten Flugblätter hinterlassen. Der
Gesundheitsexperte Lauterbach, der das Institut leitet, befand sich laut
Polizei zur Tatzeit nicht vor Ort.
Nach Angaben eines Mitarbeiters des Universitäts-Instituts waren
die Flugblätter mit "Attac Projektgruppe 2010" unterzeichnet. Das
globalisierungskritische Bündnis wies allerdings eine Beteiligung
zurück.
"Diese Aktion wurde nicht von Attac durchgeführt", erklärte
die Organisation. Weder Attac Deutschland noch die Regionalgruppe
Köln oder die Projektgruppe 2010 hätten von der Aktion
gewusst. Attac sei gegen den Sozialabbau. Bei seinen Aktionen gehe die
Gruppe aber "ausschließlich mit friedlichen Mitteln vor",
hieß es in einer Pressemitteilung. Ein Vorgehen wie in diesem Fall
lenke von der inhaltlichen Diskussion ab und schade allen, die sich
ernsthaft für den Erhalt der Sozialsysteme einsetzen.
(Quelle: afp)
Designierter
IG-Metall-Vorsitzender Peters räumt Fehler ein. Mahnt zu Beginn
des Gewerkschaftstages zur Geschlossenheit +++ Erneut Kritik an
Reformagenda 2010 der Bundesregierung
Sa.30.08.03 -
Nach wochenlangem Führungsstreit hat der designierte
IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters seine Organisation zu Beginn
des Gewerkschaftstages am Freitag zur Geschlossenheit aufgerufen.
Zugleich kritisierte er in Frankfurt die Reformen der Bundesregierung
als Sozialabbau, kündigte aber nicht erneut Proteste gegen die
Reformagenda 2010 an. Das Scheitern des Streiks für die
35-Stunden-Woche in Ostdeutschland, der die IG Metall in ihre bislang
tiefste Krise gestürzt hatte, führte Peters auf eigene Fehler
und einen Mangel an Geschlossenheit der IG Metall zurück.
In seiner nur von spärlichem Applaus der knapp 600 Delegierten
begleiteten Rede zur Eröffnung der Versammlung sagte Peters, die IG
Metall habe die Wahl: "Entweder wir verharren im Zustand politischer
Zerstrittenheit und persönlicher Gegnerschaften, dann wird die IG
Metall keinen Ausweg aus der gegenwärtigen Krise finden. Oder wir
bringen die Kraft auf, die politischen Konflikte solidarisch zu
lösen und Brücken zu bauen." Im Beisein des
zurückgetretenen Vorsitzenden Klaus Zwickel, der in den Reihen der
Delegierten saß, forderte Peters, die zurückliegenden Wochen
müssten ohne Abstriche aufgearbeitet werden. Am Ende müsse
aber das Gemeinsame in den Vordergrund und "das Wenige, was wirklich
trennt, hinten an" gestellt werden.
In der Diskussion über den Streik widersprach der
Konzernbetriebsratschef von DaimlerChrysler, Erich Klemm, der von der
IG-Metall-Führung aufgestellten "Dolchstoßlegende", die
Betriebsräte der westdeutschen Automobilindustrie hätten dem
Streik mit ihrer öffentlich geäußerten Kritik den
"Todesstoß" versetzt. In Wahrheit sei der Arbeitskampf falsch
angelegt gewesen. Peters war bereits während des Streiks von
Automobilbetriebsräten kritisiert worden, da der Ausstand auch im
Westen zu Produktionsausfällen geführt hatte.
Eine Delegierte aus Norddeutschland sagte: "Es ist unerträglich,
dass jemand, unter dessen Verantwortung ein Streik gescheitert ist, nun
Karriere macht." Ein Delegierter aus Baden-Württemberg sagte mit
Blick auf das schlechte Ansehen der IG Metall in der
Öffentlichkeit: "Protest genügt nicht. Wir brauchen plausible
Alternativen. Dann werden wir auch wieder die notwendige
Unterstützung bekommen." Ein ostdeutscher Delegierter sagte: "Die
IG Metall ist seit dem Streik tief gespalten."
Auf dem vorgezogenen Teil des 20. ordentlichen Gewerkschaftstages will
die IG Metall ihre Führungskrise überwinden, in die sie nach
dem gescheiterten Streik gestürzt ist. Nach dem Rücktritt
Zwickels hatten die zerstrittenen Flügel aus Anhängern einer
traditionellen Gewerkschaftspolitik und Modernisierern einen Burgfrieden
vereinbart. Danach soll der als Hardliner geltende Peters Vorsitzender
und der Bezirkschef von Baden- Württemberg, Berthold Huber, sein
Stellvertreter werden. Huber wird dem Reform orientierten Flügel
zugerechnet. Nach dem Rückzug von Porsche-Betriebsratschef Uwe
Hück sind Kampfkandidaturen nicht zu erwarten. Allerdings
dürfte es bei der Besetzung weiterer Vorstandsposten
Kampfabstimmungen geben.
Die Wahlen sind für Sonntag geplant. Bis dahin wollen die
Delegierten die Gründe für das Scheitern des Streiks in
Ostdeutschland diskutieren. Peters selbst räumte Fehler bei der
Organisation des Arbeitskampfes ein, die in seine Verantwortung
fällt. So sei die Zahl der streikfähigen Betriebe
überschätzt worden. "Der Streikaufruf bei Federal Mogul war
ein Fehler." Bei dem Dresdner Automobilzulieferer waren
Beschäftigte mit dem Hubschrauber zur Arbeit gebracht worden,
während Streikunterstützer aus dem Westen die Werkstore
versperrten.
Allerdings wird in dem Bericht von Peters' Tarifabteilung ein
Großteil der Verantwortung für das Scheitern bei den
westdeutschen Automobilbetriebsräten abgeladen. Deren Kritik habe
die Verhandlungsposition der IG Metall geschwächt.
Die Reformagenda 2010 der Bundesregierung kritisierte Peters als "altes
Stückwerk und neues Flickwerk". Damit würden keine
Arbeitsplätze geschaffen. Die Binnenkonjunktur werde vielmehr
zusätzlich abgewürgt, indem Kosten von den Arbeitgebern auf
die Arbeitnehmer verlagert würden. Die Vorschläge der
Rürup-Kommission zur Heraufsetzung des Rentenalters auf 67 Jahre
und die Kürzung der Renten kritisierte Peters als "altbackenen
Sozialabbau". Stattdessen solle eine Bürgerversicherung
eingeführt und eine Vermögenssteuer erhoben werden.
Peters ließ Dialogbereitschaft mit der Bundesregierung erkennen,
erteilte Versuchen, die Tarifautonomie gesetzlich einzuschränken
aber eine Absage.
(Quelle: rtr)
«Perspektive: Gegenmacht»
«Um
aus der Krise zu kommen, muss die IG Metall Netzwerke jenseits der
festgefahrenen Betriebsarbeit aufbauen und die innergewerkschaftliche
Demokratie stärken»
Mehr in
der heutigen Ausgabe der Tageszeitung (30.08.03):
http://www.taz.de/pt/2003/08/30/a0154.nf/text
|
Arbeitgeber
für Benimm-Unterricht an Schulen
Sa.30.08.03 - In
Deutschland haben viele Schüler nach Ansicht der Wirtschaft
erhebliche Defizite in Bezug auf Benehmen. "Die Unternehmen stehen
bereits seit geraumer Zeit vor dem Problem, dass den Schulabgängern
oft die Kenntnis der einfachsten Regeln des Zusammenlebens fehlt",
sagte der Präsident der Bundesvereinigung der
Arbeitgeberverbände, Dieter Hundt, laut "Berliner Zeitung"
(Samstagausgabe). Aus Sicht der Betriebe sei es höchste Zeit, dass
etwas gegen den Erziehungsnotstand unternommen werde.
Die Schulen hätten nicht nur einen Bildungs-, sondern auch einen
Erziehungsauftrag, und dazu gehöre die Vermittlung von Werten,
sagte Hundt. Tugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und
Ehrlichkeit seien unabdingbar für den Umgang miteinander. Ausbilder
in Betrieben stellten nicht selten mit Erschrecken fest, dass junge
Leute bei ihnen oft zum ersten Mal mit Regeln und Werten in Kontakt
kämen.
(Quelle: ap)
Dramatiker
Peter Hacks gestorben
Sa.30.08.03 -
Zuletzt blickte Peter Hacks ohne Zorn zurück. Mit der
Veröffentlichung seiner Theaterstücke, Prosatexte, Gedichte
und Essays in 15 Bänden hinterlasse er ein stattliches Lebenswerk,
sagte der Dramatiker zu seinem 75. Geburtstag am 21. März dieses
Jahres zufrieden.
Noch mit "letzter Hand" hatte Hacks im vergangenen Sommer die Schriften
aus einem halben Jahrhundert in seinem Landhaus bei Berlin für die
Gesamtausgabe geordnet und penibel redigiert. Danach wollte er kein
Stück mehr schreiben und nur noch sein Theaterwerk sprechen lassen.
Der "Klassiker zu Lebzeiten", wie ihn Kritiker oft nannten, ist am
Donnerstag nach schwerer Krankheit in Berlin gestorben.
Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, nannte Hacks eine
"Ausnahmeerscheinung in der oft so düsteren DDR-Literatur". "Ein
großer deutscher Komödienschreiber ist tot", erklärte
der Regisseur in Berlin. Kulturstaatsministerin Christina Weiss
(parteilos) lobte Hacks als "sprachmächtigen Anwalt" und
"Verteidiger der Klassik". Der Dramatiker habe seine Gedanken zur Lage
der Welt in historischen und mythischen Stoffen eingebettet,
erklärte Weiss
Als "großen Sprachspieler" würdigte der Schriftsteller Peter
Härtling den Dramatiker. Hacks sei "unglaublich eigensinnig und
stets streng mit sich selbst" gewesen, sagte Härtling der
Nachrichtenagentur dpa in Prag. Der Theater-Regisseur Manfred Wekwerth
nannte Hacks einen der wichtigsten zeitgenössischen Dramatiker in
Deutschland. Der frühere Präsident des
DDR-Schriftstellerverbandes, Hermann Kant, bezeichnete Hacks als
"Dichter von klassischer Größe". "Der Umstand, dass auch er
selber dieser Meinung war, ändert nichts an deren Richtigkeit",
sagte Kant.
Mit 50 Stücken gehört Hacks zusammen mit Bertolt Brecht und
Heiner Müller zu den bekanntesten ostdeutschen Theaterautoren. Doch
Hacks, der aus Begeisterung für den «real existierenden
Sozialismus» 1955 nach dem Studium in München der
Bundesrepublik den Rücken kehrte und sich in Ost-Berlin
niederließ, widersetzte sich stets den Umarmungsversuchen des
DDR-Regimes. Den Kommunismus - als letzte Hoffnung - beurteilte der
promovierte Theaterwissenschaftler aus bürgerlichem Hause nicht aus
der alltäglichen Erfahrung, sondern aus historischer Perspektive.
"Der Kapitalismus hat doch nicht die geringste
Überlebenshoffnung", sagte Hacks noch nach dem Mauerfall.
Der Anwaltssohn aus Breslau sah wie viele Intellektuelle der
Nachkriegsjahre die DDR als "Heimat aller deutschen Schriftsteller".
Schon früh erwies sich Hacks als gelehriger Brecht-Schüler und
deutete die Geschichte in marxistischer Sicht um. Nachdem er in
München mit seinem Kolumbus-Schauspiel "Eröffnung des
indischen Zeitalters" 1954 einen Preis für junge Autoren erhielt,
siedelte er ein Jahr später auf Brechts Einladung nach Ost-Berlin
über. Als Dramaturg an Wolfgang Langhoffs Deutschem Theater gelang
ihm 1956 der Durchbruch mit seiner "Schlacht bei Lobositz".
Trotz des Erfolgs bleibt ihm der Krach mit der DDR-Bürokratie
nicht erspart. Das Stück "Die Sorgen und die Macht", in dem Hacks
die Widersprüche zwischen Eigennutz und den Geboten der
Solidarität unter den Arbeitern darstellt, lösen 1963 Unmut
bei den SED-Oberen aus. Hacks spiele die Alltagsrealität gegen eine
sozialistische Utopie aus. Es fällt der Vorwurf, er sei ein
"kommunistischer Snob". Hacks muss das Deutsche Theater verlassen, auch
Intendant Langhoff legt aus Protest sein Amt nieder.
1965 verschwindet Hacks' Stück "Moritz Tassow" über die
Kollektivierung der Landwirtschaft sehr bald aus den Spielplänen.
Die Presse wirft ihm "mechanistische Dialektik" und "rüpelhafte
Obszönität" vor. Im Westen, wo Hacks als Dissident
wahrgenommen wird, avanciert er zum bekanntesten DDR-Dichter. "Das
Jahrmarktsfest zu Plundersweilern" (1975) und sein berühmtestes
Stück "Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden
Herrn von Goethe" (1976) schaffen schnell den Weg in das Repertoire
westdeutscher Bühnen. Nach der heftigen offiziellen Kritik an
seinen Gegenwartsstücken wendet sich Hacks klassischen Stoffen zu.
Er dichtet "Den Frieden" nach Aristophanes um und übertragt
Shakespeare neu. Kinderbücher, Lyrik und Essays werden oft
veröffentlicht.
Erst 1970 normalisiert sich Hacks' Verhältnis zum SED-Staat. Die
Verständigung geht so weit, dass er 1976 öffentlich die
Ausbürgerung Wolf Biermanns begrüßt. Auch nach dem
Mauerfall bleibt Hacks sicher, "auf der richtigen Seite" zu stehen. Das
Ende der DDR habe schon mit "dem Qualitätssturz von Ulbricht zu
Honecker" begonnen. Trotz des Scheiterns bleibe ihm das "auffällige
durchgehende Wohlgefühl" des Sozialismus erhalten. Doch "die
schlimmsten Erwartungen, gar nicht mehr gespielt zu werden", treffen
nicht ein. Auch nach der Wende wird Hacks auf Bühnen in Ost und
West weiter gespielt.
(Quelle: dpa)
Hamburger
Thalia Theater zum «Theater des Jahres» gekürt
Sa.30.08.03 - Das
Hamburger Thalia Theater unter seinem Intendanten Ulrich Khuon ist
"Theater des Jahres". In einer Umfrage der Zeitschrift "Theater heute" [http://www.theaterheute.de]
wurde die Bühne zum zweiten Mal seit 1989 zum besten
deutschsprachigen Theater gewählt. Damals gewann das Thalia unter
Jürgen Flimm.
"Schauspieler des Jahres" wurde Martin Wuttke für seine Rolle als
Fürst Myschkin in Frank Castorfs Version des "Idioten" von Fjodor
Dostojewski, die von den Kritikern auch zur "Inszenierung des Jahres"
gewählt wurde. Der Intendant der Berliner Volksbühne
erhält die Auszeichnung zum fünften Mal seit 1991. Damit hat
er den bisherigen Spitzenreiter Peter Zadek überflügelt.
Beste Schauspielerin wurde Anne Tismer in Thomas Ostermeiers
"Nora"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne. Zum zweiten Jahr in
Folge befand die Umfrage die Kulturpolitik "in Zürich, Hamburg,
Freiburg und anderswo" als "Ärgernis des Jahres". Vier Mal
erwähnten die Kritiker dabei die Hamburger Kultursenatorin Dana
Horáková mit Namen.
Für das Thalia Theater als beste Bühne stimmten zwölf
Kritiker. Es folgen Christoph Marthalers Zürcher Schauspielhaus mit
vier Stimmen sowie das Schauspielhaus Bochum unter Matthias Hartmann
und Castorfs Volksbühne mit jeweils drei Stimmen.
Lobend heben die Kritiker die Unterstützung des Thalia-Theaters
für junge Autoren hervor. Dies sei auch Fritz Katers "zeit zu
lieben zeit zu sterben" zugute gekommen, das zum "deutschsprachigen
Stück des Jahres" gekrönt wurde. Bestes ausländisches
Stück ist Fausto Paravidinos "Peanuts", in deutscher Sprache
erstaufgeführt am Bayerischen Staatsschauspiel. Zum vierten Mal
ging der Preis für das "Bühnenbild des Jahres" an Bert
Neumann, der sich mit 18 Stimmen für seine Entwürfe zu
"Neustadt" und "Idiot" an der Berliner Volksbühne durchsetzte.
"Die Gesellschaft kann sich unsere Theater mühelos leisten", sagte
Thalia-Chef Khuon in einem Interview mit "Theater heute" über die
Zukunft der Stadtbühnen. Statt dort "Kürzungs- Symboldebatten"
zu führen, müsse über den öffentlichen Dienst neu
nachgedacht werden, der in großer Sicherheit lebe. Mit einer
Streichung jener 0,2 Prozent, die aus öffentlichen Kassen an die
Theater gingen, werde nichts gespart, sagte Khuon.
In den Nachwuchs-Kategorien wurden in der Sparte Schauspiel Sandra
Hüller (Theater Basel) und Felix Knopp (Thalia Theater)
ausgezeichnet, bester Nachwuchsautor wurde Lukas Bärfuss für
die in Basel aufgeführten "Sexuellen Neurosen". Die gesamte Umfrage
mit den Voten der Kritiker erschien am Donnerstag im Jahrbuch der
Zeitschrift "Theater heute".
(Quelle: dpa)
FBI verhaftet Lovsan/W32.Blaster-Verdächtigen
Sa.30.08.03
- Das FBI hat am Freitag einen Verdächtigen festgenommen, der eine
Variante des Lovsan/W32-Blaster-Wurms geschrieben und verbreitet haben
soll. Nach Angaben eines Mitarbeiter des Gerichts in Minnesota stammt
der Verdächtge aus Hopkins, Minnesota. Er habe während einer
Hausdurchsuchung zugegeben, eine Variante des Lovsan-Wurms geschrieben
zu haben. Das FBI will keine weiteren Angaben bis zur ersten
Gerichtsanhörung machen. Sie soll in der Nacht vom Freitag zum
Samstag (mitteleuropäischer Zeit) stattfinden.
Sicherheitsunternehmen begrüßen die Ermittlungen des FBI und
die schnelle Festnahme eines Verdächtigen. "Diese Festnahme ist
eine Botschaft an andere, die womöglich vorhaben, Varianten von
bereits existierenden Viren zu schreiben", sagt Craig Schmugar von
Network Associates in der US-Presse. "Diese Art von Verbrechen wird
künftig nicht unbestraft bleiben." Schmugar fügte hinzu, es
habe ihn nicht überrascht, dass einer der Lovsan-Schreiber ein
Teenager sei. Eine Studie von Network Associates ergab, dass
Virus-Aktivitäten dann steigen, wenn Ferienzeit ist. (Quelle:
heise)
http://www.heise.de/newsticker/data/pab-29.08.03-000/
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