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+++ Di.02.09.03,
12:45 Nachrichten-Archiv Aktuelle
Nachrichten
Irak am hundertsiebenundsechzigsten Tag nach Kriegsbeginn
Trauerzug
für getöteten Schiitenführer Hakim in Kerbela +++
Ex-Präsident Saddam bestreitet angeblich Verstrickung in
Anschlag +++ Hisbollah: USA und Israel größte
Profiteure von Hakims Tod +++ Irakischer Übergangsrat nominiert 25
Minister +++ Saddam ruft angeblich zu Widerstand auf +++ Zwei
US-Militärpolizisten bei Anschlag in Bagdad getötet +++
Dramatische Verschlechterung der Sicherheitslage. US-Truppen behalten
Kontrolle über Südirak +++ Bundesregierung bekräftigt
Absage an Bundeswehreinsatz in Irak +++ Unionsfraktionsvize
Schäuble unterstützt Beer-Position zum Einsatz deutscher
Soldaten in Irak +++ Bundeswehrverbandschef Gertz zweifelt an
Regierungshaltung zu Irak
Di.02.09.03 -
Drei Tage nach dem Bombenanschlag in Nadschaf hat der arabische
Fernsehsender El Dschasira ein Tonband veröffentlicht, auf dem
angeblich der irakische Ex-Präsident Saddam Hussein jede
Verantwortung für das Attentat zurückweist. Bei dem Anschlag
in Nadschaf - eine der heiligsten Städte der Schiiten - waren mehr
als 80 Menschen getötet worden. In Kerbela strömten tausende
Gläubige zu dem Trauerzug für den getöten
Schiitenführer Mohammed Bakr el Hakim zusammen. Der irakische
Übergangsrat ernannte das erste Kabinett seit dem Sturz der
Baath-Herrschaft.
Die Tat sei "ungerechtfertigt" gewesen und müsse "nach Vertreibung
der Eindringlinge und Kolonisatoren" untersucht werden, sagte die
Stimme, die der Sender dem früheren Machthaber zuschrieb. Das
Saddam Hussein zugeschriebene Tonband ist nach Angaben von El Dschasira
acht Minuten lang. Der Sender strahlte einen Auszug aus, in dem die
angebliche Stimme des früheren Präsidenten sagte, seine
Anhänger seien "vorschnell" und "ohne jeden Beweis" als Urheber des
Anschlags auf Hakim bezichtigt worden. Möglicherweise solle
dadurch der Verdacht von den wahren Tätern abgelenkt werden. Ob die
Botschaft tatsächlich von Saddam Hussein stammte, war
zunächst nicht zu überprüfen.
In der Schiiten-Stadt Kerbela versammelten sich tausende Iraker und
Iraner, die sich dem Trauerzug für Hakim anschließen wollten.
Dabei wurden erneut Racheschwüre gegen Saddam Hussein laut, aber
auch Proteste gegen die US-Truppen in Irak. Schiitische Vertreter
hatten Anhänger von Saddam Hussein als mögliche Urheber des
Anschlags genannt, bei dem am Freitag vor der Ali-Moschee in Nadschaf
Hakim und 82 weitere Menschen getötet worden waren. Auch
Mitglieder der Terrororganisation El Kaida kamen als mögliche
Täter unter Verdacht. Hakims Sarg soll im Laufe des Tages von
Bagdad nach Kerbela gebracht werden. Der Schiitenführer soll am
Dienstag in Nadschaf beigesetzt werden.
Die Trauerfeierlichkeiten waren aus Angst vor neuen Anschlägen von
enormen Sicherheitsvorkehrungen begleitet. In Kufah wenige Kilometer
nördlich von Nadschaf nahmen Sicherheitskräfte vier
Männer fest, in deren Autos Sprengstoff gefunden worden war, wie
die Polizei mitteilte.
Nach den Worten von Hisbollah-Führer Scheich Hassan Nasrallah
profitieren die USA und Israel am meisten von dem Tod des wichtigen
Schiitenführers Mohammed Baker el Hakim.
"Die Amerikaner wollen keinen Staat im Irak, sie wollen einen
zersplitterten Irak und die Israelis wollen den Irak vernichten", sagte
der Führer der libanesischen Gruppe vor rund 3000 Schiiten, die
sich am südlichen Stadtrand von Beirut zur Trauer um Hakim
versammelt hatten. Nasrallah ging aber nicht so weit, die USA und Israel
direkt für den Anschlag verantwortlich zu machen.
Nasrallah sagte, die Tötung von Hakim oder israelische
Anschläge auf palästinensische Führer würden die
Araber stärken. Wenn die arabische Nation vom Tod bedroht
werde und provoziert werde, erwache sie. Ein derartiges Erwachen
habe im Irak nun begonnen, fügte er hinzu. Die Hisbollah, die vom
Iran unterstützt wird, hatte dazu beigetragen, dass sich Israel im
Jahr 2000 nach 22 Jahren Besatzung aus dem Südlibanon
zurückgezogen hat. Die israelischen Truppen waren dort immer
heftiger von der Hisbollah angegriffen worden.
Der irakische Übergangsrat ernannte derweil die 25 Minister der
neuen Regierung. Wie ein Vertreter des Gremiums mitteilte, entspricht
die konfessionelle und ethnische Zusammensetzung des Kabinetts
derjenigen des Übergangsrats: 13 schiitische und fünf
sunnitische Araber, fünf Kurden, sowie jeweils ein Mitglied der
christlichen und der turkmenischen Volksgruppe. Die neue Regierung soll
bis zu den für 2004 vorgesehenen Wahlen amtieren. Die Minister
haben keinen Regierungschef und müssen vor dem Verwaltungsrat
Rechenschaft ablegen.
Unterdessen hat ein libanesischer Fernsehsender hat Auszüge aus
einem Tonband ausgestrahlt, auf dem eine dem entmachteten irakischen
Staatschef Saddam Hussein zugeschriebene Stimme die Iraker zu Angriffen
auf die US-geführten Besatzungsmächte aufruft.
Die Iraker sollten ihre "schmerzlichen und mutigen Angriffe gegen die
ausländischen Aggressoren verstärken", sagte die Saddam
Hussein zugeschriebene Stimme auf dem Band, das vom Satellitensender
Lebanese Broadcasting Corporation gesendet wurde.
Bei einem Bombenanschlag in Bagdad sind zwei US-Militärpolizisten
getötet worden. Ein weiterer Polizist wurde verletzt, als der
Armeewagen am Montag auf einer Hauptstraße südlich der
irakischen Hauptstadt über einen Sprengsatz fuhr, sagte eine
US-Militärsprecherin der Nachrichtenagentur AFP am Dienstag. Der
verletzte Polizist werde medizinisch behandelt. Nähere Einzelheiten
nannte die Sprecherin nicht.
Die von Polen geführten multinationalen Streitkräfte werden
nicht wie geplant übermorgen die Kontrolle über große
Teile des Südiraks übernehmen. Das berichtet die "Washington
Post". Grund sei laut US-Besatzungstruppen der Anschlag auf die Moschee
in Nadschaf am Freitag. Die Sicherheitslage hätte sich dadurch
dramatisch verändert.
Die Bundesregierung hat ihre Absage an einen Bundeswehreinsatz in Irak
bekräftigt. "Wir haben keine Pläne für ein
militärisches Engagement in Irak", sagte Vize-Regierungssprecher
Thomas Steg am Montag in Berlin. Die Haltung der rot-grünen
Regierung sei in dieser Frage unverändert. Steg reagierte damit auf
Äußerungen von Grünen-Parteichefin Angelika Beer, die
sich am Sonntag für die Prüfung eines Irak-Einsatzes der
Bundeswehr unter bestimmten Bedingungen ausgesprochen hatte. Die
Grünen-Abgeordneten Hans-Christian Ströbele und Winfried
Nachtwei wandten sich entschieden gegen die Position Beers.
Dagegen unterstützt Unionsfraktionsvize Wolfgang Schäuble die
Position von Grünen-Chefin Angelika Beer zu einem Bundeswehreinsatz
in Irak. Er stimme mit Beer überein, dass es zuvor ein UN-Mandat
geben müsse, sagte der Unionsfraktions-Vize am Montag im
Deutschlandfunk. Über den Umfang einer solchen Mission könne
er jedoch angesichts des deutschen Engagements auf dem Balkan keine
Angaben machen. Zudem kritisierte der CDU-Politiker Bundeskanzler
Gerhard Schröder (SPD), der zwar eine stärkere Rolle der
Vereinten Nationen befürworte, eine Bundeswehrbeteiligung in Irak
aber ausschließe.
Derweil bezweifelt der Chef des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertzt,
dass die Bundesregierung ihre ablehnende Haltung zu einem Irak-Einsatz
deutscher Soldaten durchhalten kann. Der "Neuen Presse" sagte er, wenn
es ein UN-Mandat gebe und die NATO dieses Mandat ausführen soll,
werde es schwierig, die Verweigerungshaltung durchzustehen. Dann
würden UN-Generalsekretär Kofi Annan und der
NATO-Oberkommandierende Deutschland auffordern, Truppen zu stellen,
meinte Gertz. Er wünsche sich diese Entwicklung nicht.
(Quelle: afp, ap,
rtr, dpa)
Experte
bestätigt Selbstmord des britischen Waffenexperten Kelly +++
Kelly-Witwe: Seine letzten Tage waren ein Alptraum
Di.02.09.03 - Ein
Selbstmordexperte hat den Freitod des britischen Waffenexperten David
Kelly bestätigt. Wenn man alle Beweismittel zusammennehme, dann
sei es ziemlich sicher, dass er Selbstmord beging, sagte
Psychologieprofessor Keith Hawton vor dem Kelly-Untersuchungsausschuss.
Kelly müsse es als "extrem schmerzvoll" empfunden haben, seinen
Namen als Quelle für den BBC-Bericht zu sehen. Nach dem Bericht
soll die Regierung die Bedrohungen durch irakische
Massenvernichtungswaffen absichtlich aufgebauscht haben.
Unterdessen hat die Witwe Kellys gegen das Verteidigungsministerium
schwere Vorwürfe erhoben und die letzten Tage ihres Mannes als
"Alptraum" beschrieben. Ihr Mann habe sich von seinem Arbeitgeber
"verraten" gefühlt, als sein Name an die Öffentlichkeit
gelangte, sagte Janice Kelly vor dem Ermittlungsausschuss von Lord Brian
Hutton. Er habe mehrmals am Tag gesagt, dass er sich "völlig im
Stich gelassen" fühle.
"Ich habe ihn noch nie so unglücklich gesehen. Es war ein
Alptraum. Anders kann ich das nicht beschreiben", sagte die
58-Jährige. Der Untersuchungsausschuss soll Vorwürfen
nachgehen, die Regierung habe Kelly mit seiner Enttarnung als
Medieninformant in den Selbstmord getrieben.
Das Ministerium habe den Namen ihres Mannes "de facto" in die
Öffentlichkeit gebracht, obwohl ihm zuvor zu verstehen gegeben
worden sei, dass er nicht enttarnt werden würde, sagte Janice Kelly
in ihrer Anhörung. Als ihr Mann seinen Namen und sein Bild in
mehreren Zeitungen entdeckt habe, sei er am Boden zerstört gewesen.
Vor den Gesprächen mit seinen Vorgesetzten im
Verteidigungsministerium habe der Waffenexperte Angst gehabt. "Er war
beunruhigt darüber, wie er bei den Briefings im Ministerium aus der
Sache herauskommen könnte". Sie selbst habe sich Sorgen gemacht,
weil das Ministerium ihren Mann während der BBC-Affäre in
keiner Weise unterstützt habe.
Ihren Mann beschrieb Janice Kelly als sanftmütig und
zurückgezogen. Er sei ein "Workaholic" gewesen, der in seiner
Arbeit als Waffenexperte und UN-Inspekteur in Irak vollkommen
aufgegangen sei. Zuletzt habe er ausgesehen, "als wäre er in sich
zusammengefallen". Auf die Idee, dass sich Kelly umbringen könnte,
sei sie aber nicht gekommen. Auch am 17. Juli, seinem Todestag, habe ihr
Mann zwar "müde und erschöpft" ausgesehen, er habe aber
keinen deprimierten Eindruck gemacht.
Der 59-Jährige war die Hauptquelle für Berichte der BBC,
wonach die Regierung von Premierminister Tony Blair zur Rechtfertigung
des Krieges Geheimdienstmaterial über angebliche irakische
Massenvernichtungswaffen aufbauschte. Blair hatte bei seiner
Anhörung am vergangenen Donnerstag persönlich die
Verantwortung für Kellys Enttarnung übernommen, zugleich den
Vorwurf der Übertreibung aber zurückgewiesen. Am Freitag war
der Kommunikationschef des Premiers, Alastair Campbell, von seinem Amt
zurückgetreten.
(Quellen: dpa,
afp)
Großbritannien:
Warnung vor irakischem Massenvernichtungswaffen aus Kontext gerissen
Di.02.09.03 - Die
Warnung der britischen Regierung, Irak könne seine
Massenvernichtungswaffen innerhalb von 45 Minuten in Stellung bringen,
ist offenbar auf Initiative eines Mitarbeiters des militärischen
Geheimdienstes aus dem Zusammenhang gerissen worden. Das geht nach
Informationen des "Daily Telegraph" (Montagsausgabe) aus einem Dokument
hervor, das der Gemeinsame Ausschuss der britischen Geheimdienste
Ermittlungsrichter Lord Hutton übermittelte.
(Quelle: afp)
USA: Jesse
Jackson bei Demonstration zum Labor Day festgenommen
Di.02.09.03 - Der
amerikanische Bürgerrechtler Jesse Jackson ist am Montag zusammen
mit 13 weiteren Personen bei einer Protestaktion zur Unterstützung
streikender Universitätsmitarbeiter in New Haven im Staat
Connecticut festgenommen worden. Sie hatten den Verkehr auf dem Campus
der Yale-Universität blockiert. Vor der Festnahme hatte
Jackson einen Demonstrationszug und eine Kundgebung angeführt, an
der sich nach Angaben der Polizei bis zu 1.500 Menschen beteiligten.
Jackson war der erste, der in Handschellen abgeführt wurde,
nachdem er und etwa 30 andere Demonstranten der Verkehr blockiert
hatten. Er wurde in einem Bus zur Vernehmung ins Polizeipräsidium
gebracht. In den USA wurde am Montag der Tag der Arbeit (Labor Day)
begangen.
(Quelle: ap)
Israel:
Palästinensische Häftlinge in eintägigen Hungerstreik
getreten
Di.02.09.03 - Aus
Solidarität mit zwei Mitgefangenen sind am Montag rund 5000
palästinensische Häftlinge in einen eintägigen
Hungerstreik getreten. In insgesamt sechs israelischen Gefängnissen
protestierten die Gefangenen damit gegen die Isolationshaft für
zwei palästinensische Häftlinge, wie die Hilfsorganisation
"Klub des palästinensischen Gefangenen" in Bethlehem mitteilte.
Der 27 Jahre alte Ahmad Barghuti und der 32 Jahre alte Mussa Dudin
waren wegen ihrer Beteiligung an anti-israelischen Anschlägen zu
lebenslangen Gefängnisstrafen verurteilt worden und sind demnach
seit acht Monaten in Isolationshaft. Beide Männer seien vor 20
Tagen in Hungerstreik getreten; Barghuti liege seit einigen Tagen im
Koma, hieß es. Die Organisation habe UN-Generalsekretär Kofi
Annan aufgefordert, "unverzüglich" einzuschreiten.
(Quelle: info.partisan)
Nach
Amnestie-Ende in Argentinien wieder Verfahren gegen 70 Militärs
Di.02.09.03 -
Nach der Aufhebung der Amnestiegesetze durch das argentinische
Parlament hat die Justiz zwei große Strafverfahren gegen
Mitverantwortliche der Militärdiktatur wieder eröffnet. Das
ordnete das Bundesgericht in Buenos Aires an. Bisher sind nur
hochrangige Mitglieder der Militärführung wegen der Verbrechen
während der Diktatur verurteilt worden. Sie wurden jedoch schon
1989 und 1990 begnadigt.
(Quelle: dpa)
Amnesty
international wirft Türkei Menschenrechtsversäumnisse vor
Di.02.09.03 -
Unmittelbar vor dem Berlin-Besuch des türkischen
Ministerpäsidenten Recep Tayyip Erdogan hat amnesty international
dessen Regierung Versäumnisse in der Menschenrechtspolitik
vorgeworfen. Zwar habe die Türkei in den vergangenen Monaten neue
Menschenrechtsgesetze erlassen, doch mangele es "in vielen Fällen
an der Umsetzung", hieß es in einer am Montag in Berlin
veröffentlichten Erklärung der Menschenrechtsorganisation. In
der Praxis werde Festgenommenen das Recht auf einen eigenen Anwalt
häufig verwehrt oder nur unzureichend gewährt. Es widerspreche
internationalen Standards, dass die Anwesenheit eines Anwalts bei
Vernehmungen nicht erlaubt sei.
(Quelle: info.partisan)
Hilfsorganisation
Oxfam: Protest gegen EU-Agrarpolitik
Di.02.09.03 - Aus
Protest gegen die Agrarpolitik der Europäischen Union haben
Demonstranten am Montag tausende Orangen vor dem EU-Büro in London
auf die Straße gekippt. Damit wollten sie die europäische
Praxis anprangern, subventionierte Produkte zu Schleuderpreisen in der
Dritten Welt zu verkaufen und den einheimischen Landwirten die
Existenzgrundlage zu entziehen, erklärte Adrian Lovett von der
Hilfsorganisation Oxfam [http://www.oxfam.org/].
An der Protestaktion nahm auch eine Frau teil, die sich als riesige
Orange verkleidet hatte. Lovett verwies auf das Schicksal von
Orangenanbauern in Albanien. Diese hätten vor 13 Jahren noch gut im
Geschäft gestanden, doch nun würden Orangen aus Italien und
Griechenland billiger angeboten. Dies habe zu einer Massenauswanderung
aus Albanien geführt. Dieses Schicksal eines europäischen
Landes setze sich in der Dritten Welt fort.
Die Agrarpolitik der EU steht auch auf dem Prüfstand der
Welthandelsorganisation (WTO). Bei einer neuen Gesprächsrunde zur
Liberalisierung des Welthandels soll vom 10. September an im
mexikanischen Cancun über einen Abbau von Subventionen beraten
werden. Lovett betonte, die diesbezüglichen Vorschläge der EU
gingen nicht weit genug.
(Quelle: info.partisan)
Deutschland:
Schröder kündigt Kanzlerkandidatur offiziell an
Di.02.09.03 -
Bundeskanzler Gerhard Schröder hat jetzt auch offiziell seine
Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl 2006 angekündigt. Vor den
110 Mitgliedern des SPD-Parteirats teilte Schröder am Montag in
Berlin mit, er wolle in drei Jahren wieder antreten.
SPD-Generalsekretär Olaf Scholz sagte, wenn man so umfassende
Reformen anstoße wie Schröder, dann "gehört es dazu,
dass man die ganze Strecke mitmacht". CSU-Chef Edmund Stoiber nannte
Schröders Ankündigung ein Ablenkungsmanöver.
Schröder begrüßte auch die Entscheidung von
Außenminister Joschka Fischer, ebenfalls bei der nächsten
Wahl wieder anzutreten. Damit sei klar, "dass keiner die Brücke
verlässt". Fischer waren bislang Ambitionen nachgesagt worden,
EU-Außenminister werden zu wollen. Grünen-Chef Reinhard
Bütikofer erklärte, seine Partei freue sich über die
Entscheidung Fischers, nicht nach Brüssel zu gehen.
Scholz nannte den SPD-Chef und den Grünen-Politiker "das
Reformteam für Deutschland". Der Vorsitzende des Parteirats,
Rüdiger Fikentscher, erklärte auf die Frage nach der Reaktion
der SPD auf die erneute Kandidatur Schröders: "Mit einer
freundlichen Selbstverständlichkeit hat das Gremium reagiert."
Scholz sagte, mit der Festlegung zu diesem frühen Zeitpunkt wolle
sich die SPD von CDU und CSU abheben. "Es gibt einen veritablen
Führungsstreit in der Union." Diese wolle sich weder in Sach- noch
in Personalfragen festlegen, was dem Land und der Union schade.
Der SPD-Politiker Erhard Eppler forderte Schröder und Fischer auf,
nach ihrer Festlegung auf eine Kandidatur bei der Bundestagswahl 2006
schnell ein klares rot-grünes Projekt zu entwicklen. "Ich
weiß nicht, ob beide sich im Klaren waren, was die
Ankündigung bedeutet", sagte Eppler der "Financial Times
Deutschland". "Sie müssen in den nächsten zwei, drei Jahren
die rot-grüne Koalition in ein rot-grünes Projekt
ummünzen." Nur dann habe Rot-Grün eine Chance im
Lagerwahlkampf gegen Schwarz-Gelb.
Stoiber kritisierte im Inforadio Berlin, Schröders
Ankündigung sei absurd. "Er will mit dieser Personaldiskussion nur
davon ablenken, dass sich im ersten Jahr der Legislaturperiode nichts
zum Besseren gewendet hat." Der CSU-Chef fügte hinzu: "Die
Reputation des Kanzlers hat gelitten und jetzt versucht er wieder
irgendwelche Inszenierungen."
Ob er selbst bei der Wahl 2006 als Kanzlerkandidat zur Verfügung
stehe, wollte Stoiber in einem Interview mit dem Nachrichtensender N24
nicht sagen. "Eine solche Diskussion ist jetzt völlig
unzeitgemäß. Ich will dazu keinen Beitrag leisten." Auf
keinen Fall werde er sich aber um das Amt des Bundespräsidenten
bewerben. "Das ist eine Position, die nicht gestaltender Natur ist. Ich
bin mit Leib und Seele gestaltender Politiker." Seine Partei wolle Ende
des Jahres einen Kandidaten vorschlagen.
(Quelle: ap)
Stichwort: Kanzler
Im
Mittelalter war der Kanzler (aus dem Lateinischen
«cancellarius») ursprünglich ein Hofgeistlicher, in
dessen Kanzlei die Urkunden ausgefertigt wurden. Aus dieser Funktion
stieg er schon im 10. Jahrhundert zum Leiter der Reichskanzlei auf.
Als Erzkanzler hatte er im Heiligen Römischen Reich Deutscher
Nation eines der höchsten Ämter inne, war Kurfürst und
leitete die Königswahl.
Nach 1806 wurde der Kanzlertitel in Preußen und Österreich
wieder eingeführt. In Frankreich, wo der chancelier bis zum 18.
Jahrhundert Stellvertreter des Königs und oberster Richter war,
verschwand er. In Großbritannien ging der Titel auf den
Lord-Kanzler (Lord Chancellor) über, der zugleich als
Justizminister, Vorsitzender des Obersten Gerichts und Oberhaus-Sprecher
fungierte.
Zur Zeit des Norddeutschen Bundes (1867-1871) nannte sich Otto von
Bismarck «Bundeskanzler», nach der Reichsgründung
Reichskanzler. Die Weimarer Verfassung von 1919 übernahm diese
Bezeichnung für das Amt des Regierungschefs. Nach 1945 griff man in
Westdeutschland darauf zurück. Er findet sich zuerst in
süddeutschen Verfassungsentwürfen.
Der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland bestimmt die
Richtlinien der Politik. In Koalitionen ist er abe intern an Absprachen
gebunden. Auch gegenüber dem Bundestag hat er eine starke Stellung,
da das Grundgesetz eine handlungsfähige Regierung
gewährleisten will. Er kann nur dadurch gestürzt werden, dass
das Parlament mit der Mehrheit seiner Mitglieder in geheimer Wahl einen
Nachfolger wählt (konstruktives Misstrauensvotum). Der Kanzler kann
seinerseits durch einen Vertrauensantrag überprüfen, ob er
noch die Zustimmung der Mehrheit der Abgeordneten hat.
Dem Kanzler unterstehen unmittelbar das Bundeskanzleramt, das Presse-
und Informationsamt der Bundesregierung und der Bundesnachrichtendienst.
Im Verteidigungsfall hat der Bundeskanzler die Befehls- und
Kommandogewalt über die Streitkräfte, die im Frieden beim
Verteidigungsminister liegt.
(Quelle: dpa)
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Bayerischer
SPD-Spitzenkandidat kritisiert Bundesregierung
Di.02.09.03 - Der
bayerische SPD-Spitzenkandidat Franz Maget hat erstmals die Politik der
rot-grünen Bundesregierung für die schlechten
Umfrageergebnisse vor der anstehenden Landtagswahl verantwortlich
gemacht. "In Bayern werden wir stellvertretend für die
Bundespolitik abgestraft", sagte er der Tageszeitung "Die Welt"
(Dienstagausgabe).
Die Verunsicherung über "täglich neue Botschaften" sei
groß, etwa bei Rente, Gesundheit oder Alterssicherung. Mindestens
die Hälfte der Fragen, die ihm die Menschen stellen würden,
sei von der Bundespolitik dominiert. "Das wirkt sich natürlich
negativ auf unseren Wahlkampf aus", sagte Maget. Grund für die
"Schwäche in Bayern" sei das bundespolitische Stimmungstief.
(Quelle: ap)
Wirtschaftinstitute:
Defizit auch 2004 weit über drei Prozent
Di.02.09.03 -
Führende Wirtschaftsforschungsinstitute überprüfen
derzeit ihre Defizitprognose für 2004 von 3,2 Prozent und werden
sie voraussichtlich nach oben korrigieren.
"2004 wird die Neuverschuldung des Staates weit über drei Prozent
des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegen", sagte Carsten-Patrick Meier
vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel dem "Tagesspiegel"
(Dienstagsausgabe). Derzeit überarbeite das Institut seine Prognose
vom Juni, in der es von 3,2 Prozent Neuverschuldung ausgegangen sei,
sagte der Konjunkturforscher. Als Grund nannte er vor allem die Lage am
Arbeitsmarkt, die sich trotz der anstehenden Belebung der Konjunktur
nicht nennenswert verbessern werde.
Auch das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München
rechnet mit einer höheren Verschuldung von Bund, Ländern und
Gemeinden sowie der Sozialversicherungen im kommenden Jahr. "Die neue
Marke wird deutlich über drei Prozent liegen", sagte
Ifo-Konjunkturexperte Rüdiger Parsche der Zeitung. Auch das
Ifo-Institut war bislang von 3,2 Prozent Defizit ausgegangen.
Bereits zuvor hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung
(DIW) erklärt, es gehe davon aus, dass Deutschland die im
Stabilitäts- und Wachstumspakt festgelegte Obergrenze für die
Neuverschuldung von drei Prozent des BIP zum dritten Mal in Folge
überschreiten werde. Dann drohen Deutschland Strafen der EU in
Milliardenhöhe.
Bundesbankpräsident Ernst Welteke rechnet ebenfalls mit
Deutschlands Überschreitung der Defizitgrenze im nächsten
Jahr. Das Bundesfinanzministerium hat erklärt, es bleibe das Ziel,
das Defizit 2004 wieder unter die EU-Obergrenze zu drücken.
Für das laufende Jahr rechnet das Ministerium mit einem Defizit von
3,8 Prozent.
(Quelle: rtr)
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