Aktuelle Nachrichten
Irak am hundertachzigsten Tag nach Kriegsbeginn
US-Außenminister Powell in Bagdad: Sicherheitslage bleibt
schwierig +++ Erneut US-Soldat durch Sprengsatz im Irak getötet
+++ Verzweifelte Iraker versammeln sich vor US-Haubpquartier in
Bagdad +++ Powell umreißt Etappen der Demokratisierung Iraks,
will sich gegenüber Irakern jedoch nicht auf Abzugsdatum festlegen
+++ Deutschlands Verteidigungsminister Struck bekräftigt: Kein
Geld und keine Soldaten für Irak +++ Großbritanniens
Außenminister Straw riet angeblich Blair in letzter Minute von
Kriegs-Eintritt ab +++ US-Vizepräsident Cheney: Irakische
Massenvernichtungswaffen werden noch gefunden +++ US-Porno-Stars
erobern Irak
Mo.15.09.03 - Bei seinem ersten Besuch in Bagdad seit dem Sturz von Iraks
Präsident Saddam Hussein hat US-Außenminister Colin Powell
angesichts der beinhahe täglichen Anschläge auf US-Truppen
vor den Gefahren durch ausländische Extremisten gewarnt.
"Die Sicherheitslage bleibt weiter eine Herausforderung", sagte Powell
am Sonntag nach einem Treffen mit Iraks Außenminister Hoschijar
Sebari. Er sei jedoch optimistisch, dass die Kommandeure vor Ort die
Situation in den Griff bekämen. Die größten neuen
Gefahren stammten von moslemischen Terroristen, die in den Golfstaat
strömten und die Wiederaufbau-Bemühungen der USA
zerstören wollten. Rund eine Stunde vor Powells Ankunft war bei
Falludscha rund 50 Kilometer westlich der irakischen Hauptstadt bei
einem Bombenanschlag der 72. US-Soldat seit dem von den USA am 1. Mai
ausgerufenen Ende der Hauptkampfhandlungen getötet worden.
"Nach den Gesprächen, die ich heute Morgen geführt habe, bin
ich zuversichtlich, dass unsere Kommandeure das Umfeld verstehen, in
dem wir arbeiten, und dass sie damit zur rechten Zeit klar kommen
werden", sagte Powell, der sich zuvor auch mit US-Offizieren und
irakischen Vertretern getroffen hatte. Die USA würden nicht
zulassen, dass Terroristen den Aufbau der Demokratie im Irak
störten. Dem US-Militär zufolge dringen immer mehr
ausländische Moslem-Extremisten in den Irak ein, oft aus dem Iran
und Syrien. Nach Powells Worten gehen Geheimdienste von bis zu
zweitausend Kämpfern aus.
Bei seinem Besuch in Bagdad umriss der US-Außenminister auch die
Etappen des Demokratisierungsprozesses in Irak. Der nächste
Schritt werde die Erarbeitung einer Verfassung sein, sagte Powell nach
einem Treffen mit dem amtierenden irakischen Außenminister
Hoschjar Sebari. "Das wird zu einem demokratischen Irak führen,
dem wir zu gegebener Zeit sehr gern die Verantwortung übertragen
werden", fügte Powell hinzu.
Das Erstellen eines genauen Zeitplans will Powell jedoch dem irakischen
Regierungsrat überlassen. Das Gremium solle in Zusammenarbeit mit
der US-geführten Übergangsverwaltung und dem zuständigen
UN-Sondergesandten "einen Plan für die Rückgabe der vollen
Gewalt in die Hände der Iraker" ausarbeiten, sagte Powell dem
US-Sender Fox. Ein Termin im nächsten Monat sei aber "nicht
realisierbar".
Sebari äußerte die Erwartung, dass "gegen Mitte oder Ende
2004" eine demokratische Übergangsregierung gewählt werden
könne. Derzeit werde an Plänen über die Registrierung
der Wähler und den Wahlablauf gearbeitet. Der Zeitpunkt hänge
maßgeblich von organisatorischen Dingen und der Sicherheitslage
ab.
Powells Besuch war auch unter den verzweifelten Irakern ein Thema, die
sich beinahe täglich vor dem US-Hauptquartier versammeln. "Er muss
erfahren, dass das irakische Volk durch den amerikanischen Krieg nichts
gewonnen hat. Jetzt ist es viel schlimmer als unter Saddam", sagte der
28-jährige Muschtak Talib. "Saddam hat unsere Brüder
hingerichtet, aber wenigstens hat er auch gegeben und nicht nur
genommen", sagte Hamid Atija. "Die Demokratie der Amerikaner ist
Betrug." Eine verzweifelte Mutter sagte einem Mitarbeiter der
Verwaltung, ihr Sohn sei festgenommen und zum Flughafen gebracht
worden. "Ich bin zum Flughafen gegangen, und sie sagten mir, ich sollte
hierher kommen." Der Mitarbeiter schickte sie wieder zum Flughafen
zurück.
Insgesamt sind mehr als 150.000 Soldaten - die meisten von ihnen aus
den USA und Großbritannien - im Irak stationiert. Die USA werben
zur Zeit für eine neue UNO-Resolution, die es weiteren
Ländern ermöglichen soll, den Wiederaufbau im Irak
militärisch und finanziell zu unterstützen. Die Vorstellungen
der Sicherheitsratsmitglieder liegen derzeit aber zum Teil noch weit
auseinander. Zu Gesprächen über die UNO-Resolution hatten
sich am Samstag die Außenminister der fünf Ständigen
UNO-Ratsmitglieder USA, Frankreich, Russland, Großbritannien und
China auf Einladung von UNO-Generalsekretär Kofi Annan in Genf
getroffen. Annan sagte nach dem Treffen, ein Konsens sei dringend
notwendig und erreichbar.
Deutschlands Verteidigungsminister Peter Struck hat bekräftigt,
dass sein Land für den demokratischen Wiederaufbau des Irak weder
Soldaten noch Geld zur Verfügung stellt. Struck bestätigte im
ZDF, Deutschland sei bereit, Polizisten oder Soldaten auszubilden. Der
Minister hält es ferner für denkbar, dass die NATO eine
größere Rolle in Irak übernimmt. Dies bedeute aber in
keinem Fall, dass sich Deutschland über diesen "Umweg" mit
Soldaten beteilige.
Der britische Außenminister Jack Straw soll Premierminister Tony
Blair wenige Tage vor Beginn der Irak-Offensive vor einem
Kriegseintritt gewarnt haben. Nach dem Azoren-Gipfel Mitte März
habe Straw den Premier vor einem Krieg ohne ausdrückliche
Unterstützung durch die Vereinten Nationen gewarnt und stattdessen
die Bereitstellung von Friedenstruppen und Wiederaufbauhilfe nach dem
Krieg vorgeschlagen, zitierte die britische Zeitung "Mail on Sunday"
vorab aus einem Buch des Journalisten John Kampfner.
US-Vizepräsident Dick Cheney hat derweil seine Überzeugung
bekräftigt, dass in Irak Massenvernichtungswaffen gefunden werden.
Daran habe er "keinen Zweifel", sagte Cheney am Sonntagabend in einem
Interview mit dem US-Fernsehsender NBC. Chemische Waffen seien
möglicherweise an zivilen Orten versteckt worden. Cheney sagte, er
sei "nicht bereit, der Vorstellung zu folgen, dass Saddam Hussein
unschuldig war und keine Massenvernichtungswaffen hatte und ein Typ bei
der CIA, weil ich ihn anrief, einen Bericht fabrizierte, der das
Gegenteil behauptet". Die USA hatten den Irak-Krieg unter anderem mit
der Existenz angeblicher Bio- und Chemiewaffen in Irak begründet.
Bislang wurden aber keine gefunden.
Nach den amerikanischen Soldaten haben nun auch die US-Porno-Stars
ihren Siegeszug durch Irak angetreten. Die neue Invasion von jenseits
des Atlantik trifft bei vielen Irakern auf Wohlwollen: Das
Geschäft mit raubkopierten Porno-Videos läuft trotz
kriegsgeschädigter Konjunktur prächtig. Unter dem
früheren Machthaber Saddam Hussein waren Pornos in Irak nicht so
einfach im Handel erhältlich. Von den Behörden, die
gelegentlich mit Razzien gegen die Schwarzhändler zu Felde ziehen,
fordert der 26-jährige Straßenhändler Ahmed die von den
USA versprochene Freiheit ein: "Wo ist die Freiheit? Auf den Discs sind
außen keine pornographischen Darstellungen abgebildet, also
verletzen wir keinerlei Empfindsamkeiten." Doch auch ohne Fotos wecken
die Titel der Filme die Neugier irakischer Männer: Ahmeds Angebot
umfasst die Streifen "Privatlehrerinnen", "Sex Power" und "Nur von
hinten".
(Quellen: afp, rtr, dpa)
Putsch erschüttert westafrikanisches Guinea-Bissau
Mo.15.09.03 - Putschende Militärs haben im westafrikanischen Kleinstaat
Guinea-Bissau die Regierung entmachtet. Präsident Kumba Yala und
Ministerpräsident Mario Pires wurden im Gebäude des
Generalstabs der Streitkräfte festgehalten. Die Putschisten
setzten ein Militärkomitee ein und kündigten die Bildung
einer Übergangsregierung sowie Neuwahlen an. Die ehemalige
Kolonialmacht Portugal drückte ihre Sorge über den
Staatsstreich aus und forderte die Wiederherstellung der
verfassungsmäßigen Ordnung.
In einer im privaten Rundfunksender Bombolong verlesenen Erklärung
bekannte sich eine Gruppe von Militärs zu dem Putsch. Es sei eine
Ausgangssperre verhängt worden, sagte Kommandeur Zamora Induta.
Ziel des Staatsstreichs sei die Bewahrung der Demokratie und die
Verhinderung eines Bürgerkrieges, den Ministerpräsident Pires
in seinem Wahlkampf angekündigt habe, sagte Induta.
Ursprünglich sollten am 12. Oktober Parlamentswahlen stattfinden.
Induta warf Pires, vor, "unfähig" zu sein, die Probleme des Landes
zu lösen.
Die Putschisten kündigten an, alle politischen Strömungen des
Landes an einer Übergangsregierung zu beteiligen. Generalstabschef
Verissimo Seabra Correia sagte im portugiesischen Fernsehsender RTP, er
werde als Chef eines "Militärkomitees zur Wiederherstellung der
verfassungsmäßigen und demokratischen Ordnung" bis zu den
Neuwahlen an der Spitze des Staates stehen. Ein mögliches Datum
für Neuwahlen nannte er nicht.
Nach der Auflösung des Parlaments im November 2002 waren die
Parlamentswahlen bereits vier Mal verschoben worden. Über
Präsident Yala sagte Correia, er habe nichts persönlich gegen
ihn. Yala könne im Land bleiben oder es verlassen, das müsse
er selbst entscheiden.
Auf den Straßen der Hauptstadt Bissau war es ruhig, Gewehrfeuer
war nicht zu hören. Auf den großen Straßen waren
Soldaten zu sehen. Die Straßen um den Palast der Republik, den
Sitz des Präsidenten, waren abgesperrt. In den Außenbezirken
war das öffentliche Leben nicht beeinträchtigt.
Guinea-Bissau liegt südlich von Senegal in Westafrika. 1974 wurde
das kleine Land von Portugal in die Unabhängigkeit entlassen,
seither hat es nicht aus Armut und politischer Instabilität
herausgefunden.
(Quelle: afp)
Welthandelskonferenz in Cancún am Streit zwischen armen und
reichen Ländern gescheitert +++ Globalisierungskritiker
begrüßten Ende der Verhandlungen mit Jubel +++ Keine
Einigung über Abbau von Agrarsubventionen +++ Keine Aufnahme
von Verhandlungen über globales Investitionsabkommen
+++ EU-Handelskommissar Pascal Lamy: WTO ist
mittelalterlich und hat dringenden Reformbedarf
+++ Nächster Versuch für WTO-Einigung in Hongkong
Mo.15.09.03 - Die WTO-Konferenz über den weiteren Abbau von internationalen
Handelsschranken ist am Streit zwischen armen und reichen Ländern
gescheitert. Es sei nicht mehr möglich, zu einem Ergebnis zu
kommen, sagte der brasilianische Außenminister Celso Amorim am
Sonntag im mexikanischen Cancún nach einem fünftägigen
Verhandlungsmarathon. Die 146 Staaten der Welthandelsorganisation (WTO)
konnten sich weder auf den Abbau von Agrarsubventionen noch auf die
Aufnahme von Verhandlungen über ein globales Investitionsabkommen
einigen.
Industriestaaten und Entwicklungsländer beharrten auf ihren
unterschiedlichen Prioritäten. Die EU-Länder und Japan traten
für internationale Bestimmungen zum Schutz von Investitionen ein,
was von Entwicklungs- und Schwellenländern abgelehnt wurde. Diese
forderten hingegen weiter den Abbau der EU-Agrarsubventionen, in denen
sie eine ungerechte Einschränkung der Exportchancen ihrer
Landwirtschaft sehen.
Globalisierungskritiker begrüßten das Ende der Verhandlungen
mit Jubel und spontanen Freudenkundgebungen. Die entwicklungspolitische
Oorganisation WEED sprach von einem großen Erfolg. Die
Entwicklungsländer hätten sich gegen die Blockadebildung von
EU und USA zur Wehr gesetzt. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace
erklärte, die WTO müsse endlich aufhören, Handelspolitik
gegen Menschen und Umwelt zu betreiben.
Für die deutsche Delegation erklärte
Bundesverbraucherministerin Renate Künast dazu: "Wer jetzt feiert,
feiert auf dem Rücken der Schwächsten."
Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement sagte, die Chance, ein
deutliches Signal aus Cancún zu senden, sei vertan.
Ursprünglich wollten die WTO-Mitglieder am Sonntag in einer
Abschlusserklärung einen Zeitrahmen für eine weitere
Liberalisierung des Welthandels festlegen.
EU-Handelskommissar Pascal Lamy sprach von einem harten Schlag für
die Welthandelsorganisation. Die WTO sei mittelalterlich und habe
dringenden Reformbedarf. US-Verhandlungsführer Robert Zoellick
warf einigen Ländern vor, ihre Zeit mehr mit Taktik und flammenden
Reden als mit Verhandlungen verbracht zu haben. Der Abbruch der
Verhandlungen sei kein gutes Ergebnis, "für keinen von uns", sagte
er.
Der brasilianische Außenminister Amorim wertete es als Erfolg,
dass die Gruppe von 21 Entwicklungs- und Schwellenländern eine
gemeinsame Plattform gebildet habe. Jetzt sei für die WTO der
Moment zum Nachdenken gekommen. Die ecuadorianische Handelsministerin
Ivonne A-Baki sagte unter Beifall von Delegierten und Vertretern von
Nichtregierungsorganisationen: "Das ist nicht das Ende. Das ist der
Beginn für eine bessere Zukunft von uns allen."
Kurz vor Ende der Konferenz verließen die Delegationen mehrerer
afrikanischer Staaten die Gespräche unter Protest. "Die
Verhandlungen sind undemokratisch und intransparent", sagte Yashpal
Tandem aus Uganda. Verhandlungen über die "Singapur-Themen" seien
für die Entwicklungsländer nicht akzeptabel. Dabei handelt es
sich um Zollerleichterungen, um mehr Transparenz bei der Vergabe von
staatlichen Aufträgen und um Investitionen.
In einem Entwurf für eine Abschlusserklärung wurde gegen den
Protest der Entwicklungsländer die Aufnahme von Verhandlungen
über einen Teil der "Singapur-Themen" empfohlen. Die
Handelsministerin aus Malaysia, Rafidah Aziz, warf den Industriestaaten
vor, sich in den Verhandlungen nicht bewegt und nur ihre Interessen im
Blick gehabt zu haben.
Nach dem Scheitern der WTO-Ministerkonferenz im mexikanischen
Cancún wollen die 146 Teilnehmerstaaten demnächst in
Hongkong versuchen, doch noch neue Regeln für den Welthandel
aufzustellen. Ein Termin dafür wurde aber noch nicht vereinbart,
wie die Welthandelsorganisation am Sonntag mitteilte. Die vor zwei
Jahren gestartete Doha-Runde der WTO, benannt nach der Hauptstadt von
Katar, soll bis 1.Januar 2005 mit einem neuen Vertrag zur
Welthandelsordnung abgeschlossen werden.
(Quelle: ap)
Globalisierungskritiker protestieren im WTO-Konferenzzentrum
Mo.15.09.03 - Mit einer spektakulären Aktion haben Globalisierungskritiker im
Konferenzzentrum des Welthandelsgipfels im mexikanischen Cancún
gegen den Entwurf der Abschlusserklärung protestiert. Das Papier
spiegele in keiner Weise die Positionen der Mehrheit der WTO-Mitglieder
wieder, kritisieren 123 Nichtregierungsorganisationen am Sonntag in
einer gemeinsamen Erklärung. Die Vertreter der Organisationen
trugen Masken von EU-Handelskommissar Pascal Lamy und dem
US-Verhandlungsführer Robert Zoellick.
Die Organisationen kritisieren vor allem mangelnde Transparenz der
multilateralen WTO. Mehr als 80 von 146 Mitgliedsländern
hätten sich explizit gegen eine Verhandlungsaufnahme über die
so genannten Singapur-Themen, insbesondere zu Investitionen,
ausgesprochen. Trotzdem empfehle das Positionspapier ein
Verhandlungsmandat zu diesen von den Entwicklungsländern
mehrheitlich abgelehnten Themen. «Wer schrieb diesen Text»,
fragten die Nichtregierungsorganisationen.
Die fünftägigen WTO-Beratungen wurden von zahlreichen
Protestaktionen begleitet. Gleich zu Beginn der Verhandlungen am
Mittwoch brachte sich ein südkoreanischer Bauer aus Protest gegen
die WTO-Politik auf einer Demonstration um.
(Quelle: ap)
«Bei der Demonstration kurz vor Ende der Welthandelskonferenz in
Mexiko reißen die Demonstranten die Absperrung ein, um der
Polizei Blumen zu schenken. Die globalisierungskritischen Proteste
waren kleiner als in den vergangenen Jahren» (taz vom 15.09.03)
Mehr unter:
http://www.taz.de/pt/2003/09/15/a0113.nf/text
Aktuelle Berichterstattung aus Cancún unter:
http://cancun.indymedia.org/
http://www.econautix.de/site/
econautixpage_1144.php#nitf3f4cd9015036d
http://www.attac.de/cancun/cancunupdate02.php
http://www.attac-austria.org/aktuell/cancun/berichte.php
Hintergrundinformationen zur WTO-Konferenz unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0309120.htm#030912_m
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Esten für EU-Beitritt
Mo.15.09.03 - Die Esten haben am Sonntag wie erwartet mit breiter Mehrheit für
den Beitritt ihres Landes zur Europäischen Union gestimmt.
Nach Auszählung aller abgegebenen Stimmen hätten 66,9 Prozent
der Wähler für den EU-Beitritt gestimmt und 33,1 Prozent
dagegen, teilte die Wahlkommission am Abend in der Hauptstadt Tallinn
mit. Ministerpräsident Juhan Parts sagte: "Wir sind zurück in
Europa." Estland stimmte als vorletzter Kandidat für den
EU-Beitritt.
Sollten am kommenden Samstag auch die Letten für den EU-Beitritt
votieren, steht der für Mai 2004 geplanten Erweiterung der EU um
zehn ost- und mitteleuropäische Staaten nichts mehr im Wege.
Die Wahlbeteiligung lag der Wahlkommission zufolge bei 63 Prozent.
Wahlberechtigt waren rund 850.000 der 1,4 Millionen Esten.
Das Referendum ist für das Parlament zwar nicht bindend, doch
befürwortet die konservative Regierungskoalition den EU-Beitritt.
"Ein Ja in der heutigen Abstimmung wird den Prozess abschließen,
der vor 15 Jahren begonnen hat - unser Bestreben, zu Europa zu
gehören in wirtschaftlichen, politischen und kulturellen
Belangen", sagte Wirtschaftsminister Meelis Atonen Reuters und bezog
sich auf die Unabhängigkeitsbewegung Ende der 80er Jahre.
EU-Befürworter in Estland erhoffen sich von der EU-Mitgliedschaft
nicht nur, dass die Wirtschaft des Landes weiter angekurbelt wird,
sondern auch dass Estlands Platz in Europa und seine 1991 erlangte
Unabhängigkeit gesichert werden.
In Referenden haben bereits Slowenien, Ungarn, Litauen, die Slowakei,
Polen und Tschechien für die EU-Mitgliedschaft gestimmt. Als
erster Beitrittskandidat hatte sich Malta im März per
Volksabstimmung für den Beitritt entschieden. In Zypern votierte
das Parlament einstimmig für die EU-Mitgliedschaft.
Estland hatte 1918 nach der Russischen Revolution seine
Unabhängigkeit von Russland erklärt und war vor dem Zweiten
Weltkrieg eine der reichsten Nationen Osteuropas. Mit Kriegsbeginn 1939
war Estland zwischen Deutschland und Russland gefangen. Nach dem Krieg
wurde Estland zu einer Sowjet-Republik. Nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion und der erneuten Unabhängigkeit 1991 begann Estland
rasch weit reichend wirtschaftliche und politische Reformen.
Obwohl die ethnische Herkunft in Estland kein sensibles Thema mehr ist,
muss sich fast die Hälfte der dort lebenden Russen erst noch um
die estnische Staatsbürgerschaft bemühen und war vom
Referendum ausgeschlossen. Die russische Minderheit macht rund ein
Viertel der Bevölkerung aus. Russen aus Estland brauchen Visa,
wenn sie innerhalb der EU arbeiten oder reisen wollen.
(Quelle: rtr)
Schweden stimmen mit großer Mehrheit gegen Euro +++ Angst vor
Preissteigerungen und wachsender Arbeitslosigkeit sowie die
Sorge um den Wohlfahrtsstaat waren ausschlaggebend für
die Ablehnung der Euroeinführung
Mo.15.09.03 - Die Schweden haben bei ihrem Referendum am Sonntag mit deutlicher
Mehrheit den Beitritt zur Euro-Zone abgelehnt.
Nach Auszählung von 95 Prozent der abgegebenen Stimmen hätten
56 Prozent gegen den Euro und 42 Prozent für ihn gestimmt, teilte
die Wahlkommission mit. "Wir habe ein klares, sehr klares Ergebnis",
sagte Ministerpräsident Göran Persson, der sich gemeinsam mit
seiner bei einem Attentat getöteten Außenministerin Anna
Lindh und der Industrie für den Euro stark gemacht hatte.
EU-Kommissionspräsident Romano Prodi sagte, Schweden werde in der
EU an Einfluss verlieren. Bundeskanzler Gerhard Schröder bedauerte
die Entscheidung. Die Finanzmärkte reagierten enttäuscht, der
Kurs der Krone gab bei allerdings umsatzschwachem Handel zum Euro
zeitweise deutlich nach. Die Regierung hat ein erneutes Euro-Referendum
vor 2013 ausgeschlossen.
Die Wahlbeteiligung war mit 81 Prozent hoch. Das eindeutige Ergebnis
des Referendums sei sehr leicht zu respektieren, sagte der
Sozialdemokrat Persson. "Auf lange Sicht werden wir schlechtere Chancen
haben als wir sie anderenfalls gehabt hätten." Persson musste eine
herbe Niederlage einstecken, hatte aber bereits vor der Volksabstimmung
angekündigt, er werde auch bei einem Nein im Amt bleiben.
Neben Persson hatte sich die nach einem Attentat am Donnerstag
gestorbene Außenministerin Lindh an die Spitze der
Euro-Befürworter gesetzt. Nach dem Tod der sehr beliebten
Sozialdemokratin war das Referendum Umfragen zufolge wieder offen
gewesen, nachdem monatelang die Euro-Gegner klar geführt hatten.
Die EU-Kommission zeigte sich trotz des Votums zuversichtlich, dass die
schwedische Regierung das Euro-Projekt am Leben erhalten werde.
EU-Währungskommissar Pedro Solbes sagte, eine Zustimmung Schwedens
wäre an den Finanzmärkten positiv für die
Gemeinschaftswährung gewesen.
Prodi antwortete auf die Frage, ob Schweden an Einfluss verlieren
werde: "Sicherlich, ja. In der vergangenen Woche war ich bei der
Euro-Gruppe (der Finanzminister). Sie haben über die Zukunft der
europäischen Wirtschaft gesprochen, und Schweden war nicht dabei."
Finnland bezeichnete die Abstimmung in seinem Nachbarland als scharfe
Warnung an die Länder der Euro-Zone. "Die Schweden haben auch
bewertet, welchen Erfolg die Währungsunion in der Praxis hat, und
nun sollten die Euro-Mitgliedsländer ... ihre eigene
Stabilität in den Griff bekommen", sagte Ministerpräsident
Marri Vahanen. Er spielte dabei auf Frankreich und Deutschland an, die
für dieses Jahr ein Durchbrechen der Defizitgrenze von drei
Prozent angekündigt haben.
Schröder erklärte, ein Beitritt Schwedens zur Euro-Zone
wäre "langfristig sowohl für Europa als auch für
Schweden wirtschaftlich und politisch von Vorteil gewesen". Ohne die
gemeinsame Währung könnten die enormen wirtschaftlichen
Potenziale des europäischen Binnenmarktes nicht ausgeschöpft
werden. "Es ist daher gut zu wissen, dass die Tür nicht zu ist und
die Möglichkeit eines späteren Euro-Beitritts Schwedens
weiterhin gegeben ist", erklärte Schröder.
In der schwedischen Bevölkerung überwog allerdings die
Skepsis. Viele Schweden befürchteten bei einem Beitritt zur
Euro-Zone einen Anstieg der vergleichsweise niedrigen Arbeitslosigkeit
sowie Preissteigerungen. Darüber hinaus sorgten sie sich um die
Zukunft ihres Wohlfahrtsstaates. Schweden gibt rund 36 Prozent des
Bruttoinlandsproduktes für Sozialleistungen aus und hat zudem mit
die höchsten Steuersätze weltweit. Diese werden wegen der
Ausgaben für das soziale Netz zwar weithin akzeptiert, hätten
aber unter dem Konkurrenzdruck in der Euro-Zone nach unten angepasst
werden müssen.
Schweden ist zwar seit 1995 Mitglied der Europäischen Union,
gehört aber wie Dänemark und Großbritannien nicht der
Euro-Zone an. Die Dänen hatten sich im September 2000 gegen den
Euro entschieden. In Großbritannien ist noch kein Termin für
eine Abstimmung festgelegt worden.
(Quelle: rtr)
Stichwort: Euro
Mo.15.09.03 - Der Euro ist seit dem 1. Januar 2002 in 12 der 15 EU-Länder als
Bargeld in den Geldbörsen von rund 303 Millionen Menschen.
Außer Schweden halten noch Großbritannien und Dänemark
an ihren nationalen Währungen fest. Die Dänen stimmten in
einem Referendum im September 2000 mit 53,1 Prozent gegen den Euro.
Die Eurozone erstreckt sich über 2,4 Millionen Quadratkilometer
und mehr als 30 Breitengrade der Weltkarte. Es ist kein geschlossenes
Gebilde: Finnland im Nordosten und Irland im Nordwesten haben keine
Grenze zu einem anderen der Euro-Staaten. Und inmitten der Euro-
Landkarte nimmt sich die Schweiz wie ein Binnensee aus.
Gemessen an der Wirtschaftskraft ist «Euroland» nach den
USA und vor Japan der größte Währungsraum der Welt. Der
Anteil der Euro- Länder am weltweiten Bruttoinlandsprodukt
beträgt 16,2 Prozent (Jahr 2000), der Anteil der USA 21,9 Prozent
und der von Japan 7,6 Prozent. Im Welthandel sind die Staaten mit Euro
sogar Spitze. Mit einem Außenhandelsvolumen von rund 698
Milliarden Euro (Jahr 2000) entfallen 18,9 Prozent des Welthandels auf
«Euroland». Die Anteile der USA und Japans betragen 15,2
und 9,1 Prozent.
(Quelle: dpa)
Blick ins Archiv
Verbraucherzentralen rechnen vor: Euroumstellung = Preiserhöhung
+++ Dienstleister zogen die Preise kräftig an
08.03.02 - mdr - Im Zusammenhang mit der Euro-Umstellung sind die Preise in Deutschland
um bis zu fünfzig Prozent gestiegen. Dies ist das Ergebnis einer
Studie der Verbraucherzentralen. Danach hat der Einzelhandel zahlreiche
Artikel bereits im letzten Sommer verteuert, um in den vergangenen
Wochen demonstrativ Sonderangebote präsentieren zu können.
Nach Ansicht der Verbraucherschützer liegt das Kostenniveau aber
noch immer deutlich über den ursprünglichen Preisen des
vergangenen Jahres. Euro-Sonderangebote offenbar ein Trick Um die
tatsächliche Preisentwicklung überschaubar zu machen, nahmen
die Verbraucherzentralen alle sechs Wochen eine Stichprobe: Seit Juni
vergangenen Jahres wurden Produkte regelmäßig im gleichen
Geschäft gekauft. Bundesweit nahmen die Experten hunderte von
Artikeln unter die Lupe, angefangen von Kleidungsstücken bis hin
zum Mundwasser. Beispiel „Abtei Kieselerde": Noch im Sommer war eine
Packung für umgerechnet 2,94 Euro zu haben. Im Dezember verlangte
der Handel bereits 4,09 Euro. Das Prinzip „erst teuer, dann billiger,
aber nicht so preiswert wie anfangs" demonstrieren die
Verbraucherschützer anhand eines Sektglases. Der Kelch kostete
zunächst 2,53 Euro. Dann wurde der Preis vorübergehend auf
3,55 Euro angehoben, und nun wird das Glas im Sonderangebot für
2,95 Euro verkauft.
Verglichen wurden auch Angebote von Dienstleistungsfirmen. Auch hier
kamen die Verbraucherzentralen zu dem Ergebnis, dass pünktlich zum
Jahreswechsel an der Preisschraube gedreht wurde. Von den untersuchten
Stichproben kosten über die Hälfte mehr und zwar bis zu
fünfzig Prozent. Eine Reinigung erhöhte schrittweise:
Für Hosen wurden zunächst 3,04 Euro verlangt, dann mussten
die Kunden 4,35 Euro berappen und inzwischen liegt der Preis bei 4,50
Euro. Obgleich vieles teurer wurde, räumen die
Verbraucherzentralen auch günstigere Preise ein: Betroffen seien
knapp dreißig Prozent der Produkte, wobei der Nachlass bis zu
achtzehn Prozent betragen soll. Bei einer Dose Kondensmilch der Marke Bärenmarke
fiel der Preis beispielsweise von 61 auf 50 Cent.
http://www.mdr.de/online/nachrichten/index_nachricht_75872@.html
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Wirtschaft in Deutschland lehnt Bürgerversicherung ab
Mo.15.09.03 - Der Vorschlag von Außenminister Joschka Fischer (Grüne)
für grundlegende Korrekturen im Gesundheitswesen stößt
bei der deutschen Wirtschaft auf Kritik. Dies ergab eine Umfrage der
"Berliner Zeitung" (Montagausgabe) unter den Spitzenverbänden von
Industrie (BDI), Arbeitgebern (BDA) sowie Industrie- und Handelskammern
(DIHK). Bemängelt wird vor allem, dass sich Fischers
Reformvorschläge auf die Einnahmeseite der gesetzlichen
Krankenversicherung konzentrieren, nicht aber auch auf die
Ausgabenseite.
Fischer hatte vorige Woche angeregt, die von seiner Partei favorisierte
Bürgerversicherung mit dem Modell einer so genannten Kopfpauschale
zu kombinieren. Industrieverbandschef Michael Rogowski sagte der
"Berliner Zeitung", ein derartiger Systemwechsel allein auf der
Einnahmeseite der Krankenkassen werde die Probleme nicht lösen.
Ohne weit reichende Strukturreformen auf der Ausgabenseite des
Gesundheitssektors "und zwar über die bisherigen Vorschläge
von Bundesregierung und Opposition hinaus" sei das System nicht zu
retten, erklärte Rogowski weiter.
(Quelle: ap)
Bombendrohungen legen Düsseldorfer Flughafen lahm
Mo.15.09.03 - Mehrere telefonische Bombendrohungen haben den Düsseldorfer
Flughafen am Sonntag für knapp sieben Stunden komplett lahm
gelegt. Erst um 18.10 Uhr konnten die Sicherheitsbehörden
Entwarnung geben. Eine Bombe war nicht gefunden worden. Zeitgleich
konnte der Flugbetrieb komplett wieder aufgenommen werden, wie ein
Sprecher des Flughafens mitteilte. Zuvor waren Zentralgebäude,
sämtliche Terminals, Parkhäuser, Rollfelder, Zu- und
Abfahrtswege vorsorglich evakuiert und weiträumig abgesperrt
worden.
Mit einer vollständigen Normalisierung der Lage rechnete ein
Flughafensprecher allerdings erst für den (morgigen) Montag. Um zu
gewährleisten, dass alle für Düsseldorf vorgesehenen
Flüge auch tatsächlich würden landen können,
verfügte das Regierungspräsidium die Aufhebung des
Nachtflugverbots.
Laut BGS waren in der Telefonzentrale des Flughafens insgesamt sieben
verschiedene Drohungen gegen Gebäude und konkrete Flugzeuge
eingegangen. Mehrere hundert Beamte von Bundesgrenzschutz und Polizei
durchsuchten von Mittag an mit Hilfe von Sprengstoffspürhunden das
gesamte Flughafengelände. Betroffen waren auch der Fern- und der
S-Bahnhof. Die Absperrungen führten rund um den Flughafen zu einem
Verkehrschaos.
Bis zur Freigabe erster Landungen kurz vor 16.00 Uhr waren die meisten
Flüge nach Köln/Bonn umgeleitet worden, wo mehr als 30
Maschinen mit rund 5.000 Passagieren außerplanmäßig
niedergingen. Auch in Köln/Bonn hatte es am Samstagabend eine
Bombendrohung gegeben. Evakuierungen waren aber nicht nötig,
lediglich der Sicherheitsstandard wurde erhöht. In Düsseldorf
waren wegen der Rückreisewelle zum Ende der
nordrhein-westfälischen Schulferien am Sonntag mehr als 64.000
Fluggäste erwartet worden.
(Quelle: ap)
Nach Bombenfund in München: Weitere Haftbefehle gegen Neonazis
Mo.15.09.03 - Im Zuge der Ermittlungen um den in München vereitelten Anschlag
von Neonazis hat der Bundesgerichtshof drei weitere Haftbefehle
erlassen. Einer sei wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen
Vereinigung ergangen, die anderen beiden wegen Unterstützung einer
solchen Organisation, teilte eine Sprecherin von Generalbundesanwalt
Kay Nehm in Karlsruhe mit.
Der Haftbefehl wegen Mitgliedschaft wurde vollstreckt, die beiden wegen
Unterstützung ergangenen wurden außer Vollzug gesetzt. Damit
ergingen gegen Tatverdächtige insgesamt zehn Haftbefehle. Zu den
Festgenommenen gehört der informelle Führer der
"Kameradschaft Süd", Martin Wiese. Die verhafteten Neonazis hatten
nach Informationen des Magazins "Focus" Informationen über
Münchner Moscheen, jüdische und israelische Einrichtungen
sowie eine griechische Schule im Großraum München gesammelt.
Die Polizei habe aus abgehörten Telefonaten erfahren, dass die
Rechtsradikalen um Wiese zeitweise überlegten, ihren Sprengsatz am
9. November während der feierlichen Grundsteinlegung für das
jüdische Gemeindezentrum zu zünden, berichtete "Focus". Nach
Angaben des "Spiegels" fand die Polizei die Liste mit den potenziellen
Anschlagszielen in der Wohnung Wieses. Die Sprecherin des
Generalbundesanwalts lehnte Angaben zu den Berichten unter Hinweis auf
die laufenden Ermittlungen ab.
Die Polizei hatte am Dienstag nach Ermittlungen in der Neonaziszene im
Münchner Süden 1,7 Kilogramm TNT beschlagnahmt und sechs
Verdächtige in Bayern, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern
festgenommen. Nehm hatte die Ermittlungen wegen Verdachts auf Bildung
einer terroristischen Vereinigung übernommen.
(Quelle: afp)
Paragraf 129a - Selten gegen Rechts
Paragraf 129a des Strafgesetzbuches verbietet die Mitgliedschaft in
einer terroristischen Vereinigung sowie die Werbung und
Unterstützung hierfür. Bisher wurde die Bestimmung
hauptsächlich gegen linke Strukturen angewandt. Bei rechten
Terrortaten ging die Bundesanwaltschaft oft von Einzeltätern aus,
so etwa als der Student Gundolf Köhler 1980 einen Anschlag auf das
Münchener Oktoberfest verübte.
Seit Beginn der 90er-Jahre wurden Brandanschläge und Angriffe auf
Ausländer zwar oft in Gruppen begannen, diesen fehlte es jedoch
häufig an Dauerhaftigkeit und fester Struktur. Die 1980 verbotene
Wehrsportgruppe Hoffmann war hauptsächlich im Ausland aktiv und
konnte deshalb nicht als terroristische Vereinigung verfolgt werden.
Ausländische terroristische Vereinigungen werden erst seit 2002
vom deutschen Strafrecht erfasst (Paragraf 129b).
Rechtsextreme Morde und Körperverletzungen wurden in den letzten
zehn Jahren allerdings auch ohne Annahme einer terroristischen
Vereinigung hart bestraft. Paragraf 129a erleichtert vor allem
Ermittlungen ohne klaren Tatverdacht." (Quelle: taz vom 15.09.03)
http://www.taz.de/pt/2003/09/15/a0123.nf/text
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Elf Skinheads überfallen Ausländer in München
Mo.15.09.03 - Wenige Tage nach Bekanntwerden der Attentatspläne von
Münchner Neonazis haben elf Skinheads in der bayerischen
Landeshauptstadt einen dunkelhäutigen Amerikaner angegriffen. Der
55-Jährige konnte sich am frühen Sonntagmorgen mit einem
Baustellen-Verkehrsschild verteidigen, bis eine Polizeistreife
eingriff, wie der bayerische Innenminister Günther Beckstein der
Nachrichtenagentur AP sagte. Die Neonazis hätten den Mann
beleidigt und versucht, nach ihm zu schlagen. Er sei aber nicht
verletzt worden.
Die stark alkoholisierten Neonazis hätten die Polizisten
attackiert, den Streifenwagen demoliert und seien zunächst
geflüchtet. Später seien die elf Neonazis festgenommen
worden. Noch auf der Wache seien sie erneut gewalttätig geworden,
bei Rangeleien seien zwei von ihnen verletzt worden. Eine schwangere
Frau wurde wieder freigelassen, die anderen acht Rechtsextremisten
waren zunächst nicht vernehmungsfähig.
Zehn der Skinheads sollten am (morgigen) Montag dem Haftrichter
vorgeführt werden. Ihnen werde Landfriedensbruch, Volksverhetzung
und versuchte gefährliche Körperverletzung vorgeworfen, wie
Polizeisprecherin Sabine Allertseder sagte.
Beckstein zeigte sich bestürzt über den Angriff kurz nach
Aufdeckung der Anschlagspläne. "Dieser Vorfall zeigt wieder die
ganze Bandbreite des Rechtsextremismus von brutalen betrunkenen
Schlägertypen bis hin zu Ansätzen terroristischer Gewalt.
Jetzt ist es für alle Rechtsextremisten endgültig Zeit, einen
klaren Schlussstrich zu ziehen und sich aus dieser Szene
herauszulösen", sagte der CSU-Politiker
(Quelle: ap)
Schily will Versammlungsrecht verschärfen
Mo.15.09.03 - Bundesinnenminister Otto Schily will das Versammlungsrecht
verschärfen, um Provokationen durch Neonazis wie bei deren
Aufmärschen in Wunsiedel oder Nürnberg künftig zu
verhindern. Den "Nürnberger Nachrichten" (Montagausgabe) sagte der
SPD-Politiker, er werde bei der nächsten Innenministerkonferenz im
November einen Vorschlag für eine entsprechende
Gesetzesänderung vorlegen.
Schily räumte jedoch ein, dass er vor einer schwierigen
Gratwanderung stehe. "Auch eine gesetzliche Neuregelung muss sich
selbstverständlich an das Grundgesetz halten, da sind uns Grenzen
gesetzt", zitierte das Blatt den Bundesinnenminister. Deshalb werde es
kaum realisierbar sein, das Versammlungsrecht für bestimmte
Gruppierungen oder an festgelegten, besonders neuralgischen Orten ganz
aufzuheben.
(Quelle: ap)
Kanzleramt stoppt Trittins Kfz-Steuerpläne +++ Auch Billigflieger
sollen nicht stärker belastet.werden
Mo.15.09.03 - In der Koalition gibt es Bestrebungen, Flugreisen und den Besitz
umweltschädlicher Autos zu verteuern. Das Kanzleramt bemühte
sich am Sonntag, die Diskussion zu stoppen. Es gebe keine Pläne,
den Verbrauchern neue Kosten aufzubürden. Nach dem Willen von
Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) soll die
Kraftfahrzeugsteuer für Wagen mit niedrigem Benzinverbrauch und
Schadstoffausstoß sinken. Dafür sollen Besitzer von
"Spritfressern" mit hohem Kohlendioxid-Ausstoß stärker
belastet werden.
Führende Umweltpolitiker von SPD und Grünen forderten,
Billigfluglinien zu Preiserhöhungen zu zwingen. Flugtickets
müssten zumindest auf innerdeutschen Strecken genauso teuer werden
wie die entsprechenden Bahnfahrkarten, betonten sie. Das Kanzleramt
lehnte dies entschieden ab und erteilte auch Trittins Bestrebungen eine
Abfuhr.
Regierungssprecher Béla Anda sagte, es gebe keinen
Handlungsbedarf, die Kfz-Steuer neu zu gestalten. Die deutsche Technik
zur Abgasvermeidung sei weiter sei als jede andere.
"Veränderungen, die auf europäischer Ebene stattfinden
müssen, können frühestens 2010 in Kraft treten." Auch in
den Markt für Flugreisen werde nicht regulierend eingegriffen.
Preise würden von Angebot und Nachfrage bestimmt, nicht aber von
der Politik.
Die Koalition habe vereinbart, die Kfz-Steuer "gemeinsam mit den
Ländern aufkommensneutral ökologisch weiterzuentwickeln und
dabei den CO2-Ausstoß als Bemessungsgrundlage zu nehmen", sagte
Trittin der "Welt am Sonntag". Auch die Nutzung besonders
schadstoffarmer Dieselfahrzeuge solle steuerlich belohnt werden. Als
frühstmöglichen Zeitpunkt nannte der Minister 2005.
Nach Angaben des Grünen-Umweltpolitikers Winfried Hermann
lässt Trittin bereits ein Modell erarbeiten. Nach seinen Angaben
soll auch eine «ökologische Sauerei» beendet werden:
Schwere Geländewagen-Modelle sollten nicht länger zum
preiswerteren Lkw-Tarif versteuert werden können.
Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Bernd
Gottschalk, warf der Regierung vor, die Verbraucher mit immer neuen
Steuerdiskussionen zu verunsichern. "Autofahren darf nicht zum Privileg
für Reiche werden, sondern muss bezahlbar bleiben", betonte er in
"Bild am Sonntag». «Kein Monat vergeht ohne neue
Hiobsbotschaft." So werde die Konjunktur nicht anspringen.
SPD-Vorstandsmitglied Hermann Scheer nannte es "klimapolitisch pervers,
dass ein Flug nach New York billiger ist als eine Bahnfahrt von Hamburg
nach München". Die Dumping-Preise der Billig-Airlines seien nur
mit Tricks auf Kosten der Allgemeinheit möglich, sagte er "Bild am
Sonntag". Die Billigflieger müssten auf Regionalflughäfen oft
kaum Gebühren bezahlen.
Hermann schlug ein Bündel von Maßnahmen vor. "Es muss
endlich die europäische Kerosinbesteuerung kommen. Der
innereuropäische Flugverkehr darf nicht länger von der
Mehrwertsteuer befreit bleiben." Start- und Landegebühren
müssten die ökonomischen und ökologischen Kosten
widerspiegeln. Auch sei eine Lärmschutzgebühr von bis zu
fünf Euro pro Ticket nötig.
(Quelle: ap)
Streit um Verantwortung für Lehrstellenmisere
Mo.15.09.03 - Wirtschaftsverbände und Politik haben sich gegenseitig die
Verantwortung für den drastischen Mangel an Lehrstellen
zugewiesen. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn sagte der Zeitung
"Die Welt" (Montagausgabe), es liege in der Hauptverantwortung der
Unternehmen, Ausbildungsplätze zu schaffen. DIHK-Präsident
Ludwig Georg Braun gab im Gegenzug der schlechten schulischen
Ausbildung der jungen Menschen eine Mitverantwortung an der
Lehrstellenmisere. Ende August fehlten noch über 100.000
Ausbildungsplätze.
Bulmahn sagte, es könne nicht hingenommen werden, dass zigtausende
junge Menschen keine Lehrstelle haben. Die Bundesregierung könne
die Unternehmen nicht ersetzen. Die SPD-Politikerin räumte aber
ein, dass zu viele Schüler die Schule mit schlechten
Voraussetzungen für den Arbeitsmarkt verließen. Deshalb
müssten die Hauptschul-Ergebnisse der Pisastudie
veröffentlicht werden, um die Situation schwächerer
Schüler zu analysieren. Bulmahn forderte zugleich die
Bundesländer auf, Reformen wie das Ganztagsschulprogramm
voranzubringen.
DIHK-Präsident Braun kritisierte in der "Berliner Zeitung", nun
werde der Schaden sichtbar, "den die Kultusminister mit ihrer jahrelang
falschen Schulpolitik zu verantworten haben." Der DIHK-Präsident
sagte, jedes Jahr verließen 90.000 Jugendliche die Schule ohne
Abschluss und seien kaum vermittelbar. Diejenigen, die keine Lehrstelle
fänden, seien zumindest in Westdeutschland in der Regel nicht die
Lernstärksten, sagte Braun und bezeichnete es als unfair, der
Wirtschaft dafür die Verantwortung zu geben.
Der Leiter der beruflichen Bildung beim Handwerksverband ZDH, Karl
Spelberg, stimmte Braun in der "Welt am Sonntag" zu. "Die Schere
zwischen geeigneten Bewerbern und wachsenden Anforderungen klafft immer
weiter auseinander", wird Spelberg zitiert. Alleine das Handwerk rechne
bis Ende des Jahres mit 15.000 Stellen, die deshalb nicht besetzt
werden könnten. Es sei schwer, einen Lehrling zu finden, der noch
richtig rechnen könne. Der Vorsitzende des Bundesverbandes der
Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen, Günther
Besenfelder, sagte, viele Lehrlinge könnten keinen Satz fehlerfrei
schreiben und scheiterten bereits am kleinen Einmaleins. Zehn bis 15
Prozent eines jeden Jahrgangs seien nicht ausbildungsfähig oder
-willig.
DIHK-Präsident Braun warnte die Bundesregierung eindringlich vor
Einführung einer Lehrstellenabgabe, mit der sich Betriebe von der
Ausbildungsverpflichtung freikaufen könnten. Braun erneuerte indes
das Versprechen der Wirtschaft, jedem ausbildungsfähigen und
-willigen Jugendlichen eine Lehrstelle anzubieten. Dies werde aber
nicht immer der gewünschte Beruf sein, wird der Präsident des
Deutschen Industrie- und Handelskammertages zitiert.
IG-Metall-Vizechef Berthold Huber sieht dagegen in verbindlichen
Absprachen zwischen Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften einen
Ausweg. Eine Ausbildungsabgabe könne nur das allerletzte Mittel
sein. "Ich bin gegen die schnelle Keule", sagte Huber dem
«Focus».
(Quelle: ap)
Zentralrat der Juden in Deutschland ehrt Ralph Giordano mit
höchstem Preis
Mo.15.09.03 - Ralph Giordano erhält am Mittwoch in Berlin die höchste
Auszeichnung des Zentralrats der Juden in Deutschland, den
Leo-Baeck-Preis. Die Organisation ehrt damit die Verdienste des
mittlerweile 80-jährigen Autors "als Mahner gegen
Rechtsradikalismus und gegen das Verdrängen und das Vergessen des
Holocaust und den damit verbundenen Geschichtsrevisionismus sowie als
mutiger Streiter für Zivilcourage und Mitmenschlichkeit und als
engagierter Werber für den Frieden in der Welt".
Giordano nennt sich selbst einen "Davongekommenen". Als Sohn einer
Jüdin - sein Vater war sizilianischer Abstammung - erlebte er im
Kindesalter in seiner Geburtsstadt Hamburg Ausgrenzung als
"Nicht-Arier". 1940 musste er als 17-Jähriger die Schule
verlassen. Bis dahin war er nach eigenen Angaben drei Mal von der
Gestapo schwer misshandelt worden. Als seiner Mutter die Deportation
drohte, versteckte eine Hamburgerin die Familie in einem Ruinenkeller,
bis am 4. Mai 1945 britische Soldaten als Befreier kamen. "Eine Woche
später wären wir verhungert", sagt Giordano.
1947 lernte er Leo Baeck in Hamburg kennen. Der Geisteswissenschaftler
und Rabbiner habe großen Eindruck auf ihn gemacht. «Er war
eine fast jenseitige Erscheinung», sagte Giordano der
Nachrichtenagentur AP. Er selbst war damals 24 Jahre alt und hatte
einen Artikel in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung
veröffentlicht. "Die Frage, warum ich in Deutschland geblieben
bin, ist ganz entscheidend mit Leo Baeck verbunden", erklärte er.
Nach dem Krieg trat er der Kommunistischen Partei Deutschlands bei,
weil er dachte: "Die Feinde (Kommunisten) meiner Feinde (Nazis)
müssen meine Freunde sein." Empört über die "Schrecken
des Stalinismus" trat er 1957 aus.
Als Dokumentarist beim NDR, ab 1964 beim WDR drehte er Filme in aller
Welt. Sein Interesse galt dabei immer "Minderheiten, Schwachen und
Verfolgten". Als Fernsehautor verabschiedete er sich mit der
Dokumentation "Der perfekte Mord - Wie die Nazirichter freigesprochen
wurden". Gleichzeitig brachte er das Buch "Die zweite Schuld oder Von
der Last Deutscher zu sein" heraus.
Der streitbare Geist erfand weitere einprägsame Formeln wie die
"Internationale der Einäugigen", deren "eine Fraktion auf dem
rechten, die andere auf dem linken Auge blind ist". Zuletzt legte er
sich vor dem Irak-Krieg mit der Friedensbewegung an, warf ihr
"Blauäugigkeit" und "Anti-Amerikanismus" vor. Er verurteilte die
"neubraune Pest" und zeigte sich unerschrocken über die 1.300
Morddrohungen, die er nach eigenen Angaben seit 1991 erhalten hat.
Giordano zählt sich zu den Juden, die unfähig seien, an Gott
zu glauben. Im Alter verspüre er allerdings ein
größeres Bedürfnis, die Gläubigkeit Anderer
anzuerkennen. "Mein Jüdisch-Sein wird definiert durch das, was ich
vor und nach '45 erlebt habe", erklärt Giordano. Außerdem
gehe er gerne in die Synagoge, wo es im Gegensatz zu christlichen
Kirchen gar nicht still zugehe.
(Quelle:ap )
Blog-Dienst Blogger.com wird kostenlos
Mo.15.09.03 - Während Web-Dienste nach und nach ihre Gratisfunktionen zu Gunsten
der kostenpflichtigen Varianten stutzen, setzt der Blog-Dienst
Blogger.com ein Zeichen gegen den Trend. Der populäre Dienst mit
mehr als einer Million Benutzern hat viele Funktionen, die bisher nur
zahlenden Kunden zur Verfügung standen, auch für die
Gratis-Version freigegeben. So können sie jetzt auch Bilder in
ihre Meldungen einbauen oder Postings per E-Mail versenden. Eine
vollständige Liste aller Neuerungen veröffentlicht Betreiber
Pyra auf seiner Homepage. Bisher zahlten Kunden für mehr als die
einfachen Grundfunktionen 35 US-Dollar pro Jahr.
Mehr bei heise-online.de unter:
http://www.heise.de/newsticker/data/jo-12.09.03-000/
«Bloggen» im 18. Jahrhundert
Die Debatte um die Rolle von Weblogs in der heutigen
Medienöffentlichkeit zeigt auffallend viele Übereinstimmungen
mit der Kultur der Pamphletisten im 18. Jahrhundert...
Mehr bei "telepolis" (15.09.03) unter:
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/15601/1.html
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