Aktuelle Nachrichten
Irak am hundertsechsundneunzigsten Tag nach Kriegsbeginn
US-Soldaten im Irak unter heftigem Beschuss +++ Organisation der
Islamischen Konferenz betont Recht auf irakische Selbstverwaltung +++
Irakischer Regierungsrat will mehr Zeit für
Verfassungsausarbeitung +++ US-Haushaltsausschuss billigt
zusätzliche Mittel für Irak-Einsatz +++ Ehemalige
Bush-Berater gründen Beratungsfirma in Irak +++ Blair räumt
Rückschläge ein und rechtfertigt auf Parteitag erneut
Irak-Politik +++ 59 Prozent der Briten fühlen sich in Irak-Frage
von Blair getäuscht +++ Labour-Parteitag berät nun doch
über Irakkrieg
Mi.01.10.03 - US-Soldaten sind im Irak erneut massiv unter Beschuss geraten. Auf
einer Autobahn-Brücke im Westen Bagdads sowie nahe der
nördlich gelegenen Ortschaft Bakuba wurden US-Konvois angegriffen.
Bei Habanija im Westen zerstörten Iraker einen US- Panzer. Am
Montag hatten Iraker dort nach US-Angaben ebenfalls bei einem Angriff
auf einen Konvoi einen US-Soldaten getötet. Ein weiterer Soldat
ertrank, als er Mörsergranaten auswich und mit seinem Fahrzeug in
einem Kanal stürzte.
Die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) hat die Einrichtung
eines irakischen Regierungsrats begrüßt und eine zentrale
Rolle der Vereinten Nationen in Irak gefordert. Bei einem Treffen am
Rande der UN-Vollversammlung in New York betonten die Vertreter der 57
Mitgliedstaaten am Dienstag zugleich das Recht der Iraker auf
Selbstverwaltung und Kontrolle über die Rohstoffe des Landes. In
einem Kommuniqué, das am Mittwoch offiziell vorgestellt werden
sollte, fordert die OIC auch, Angehörige des gestürzten
irakischen Regimes für Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur
Verantwortung zu ziehen. Irak trat der OIC 1976 bei.
Die irakische Übergangsregierung will sich nicht auf die von den
USA gewünschte Sechs-Monats-Frist zur Ausarbeitung der neuen
Verfassung festlegen lassen. Er glaube nicht, dass ein halbes Jahr
für diese Aufgabe ausreichen werde, sagte Entifadh Kanbar, der
Sprecher des Vorsitzenden des Regierungsrates, Ahmed Tschalabi, am
Dienstag in Bagdad. Vermutlich werde eher ein Jahr dazu benötigt.
Für die Ausarbeitung der Verfassung solle sich die Kommission die
notwendige Zeit nehmen können, damit "ein irakischer Konsens"
erzielt werden könne. Zudem solle der Entwurf anschließend
der Bevölkerung in einem Referendum vorgelegt werden.
Der von den Republikanern kontrollierte Haushaltsausschuss des
US-Senats hat derweil den von US-Präsident George W. Bush
geforderten zusätzlichen 87 Milliarden Dollar (79,8 Milliarden
Euro) zur Finanzierung der Einsätze in Irak und Afghanistan
zugestimmt. Zuvor hatte der Ausschuss am Dienstag mehrere
Änderungsanträge der Demokraten abgelehnt, darunter den, von
der Gesamtsumme die für den Wiederaufbau Iraks bestimmten 20,3
Milliarden Dollar abzukoppeln. Zu dieser Frage werden im Senat ab Mitte
Oktober langwierige Debatten erwartet. Dagegen dürften die
zusätzlichen Haushaltsmittel das deutlich von den Republikanern
dominierte Repräsentantenhaus in der kommenden Woche ohne
größere Schwierigkeiten passieren.
Eine Gruppe von US-Geschäftsleuten, die Präsident George W.
Bush nahe stehen, haben eine Beratungsfirma für
Unternehmensexpansionen nach Irak gegründet. Der Vorsitzende, Joe
Albaugh, war zu Bushs Gouverneurszeiten in Texas dessen Stabschef und
im Jahr 2000 sein Wahlkampfmanager, wie die "New York Times" am
Dienstag berichtete. Die Firma New Bridge Strategies sei im Mai
gegründet worden, habe aber erst vor kurzem ein Büro in Irak
geöffnet. Sie wolle Unternehmen beraten, die ihr
Geschäftsfeld auf Irak erweitern wollen.
Der britische Premier Tony Blair hat beim Labour-Parteitag in
Bournemouth Rückschläge eingeräumt und zugleich seine
Irak-Politik verteidigt. In seiner Grundsatzrede gestand er ein, dass
der Irak-Krieg Land und Partei gespalten habe. Der unter Druck geratene
Premier unterstrich die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit mit
den USA gegen den internationalen Terrorismus. Diese mache
Großbritannien nicht zum "Schoßhund" der Vereinigten
Staaten, sondern erhöhe die Sicherheit.
Der britische Premierminister Tony Blair würde sich nach eigenen
Worten auch heute ungeachtet aller Kritik für einen Krieg gegen
den Irak entscheiden.
Der unter starkem innenpolitischen Druck stehende Regierungschef
räumte vor dem Labour-Parteitag ein, dass seine
Entscheidung für die Beteiligung an dem Einmarsch in dem Golfstaat
viele seiner Anhänger verletzt, verärgert und enttäuscht
habe. "Ich weiß, dass viele Leute fest davon überzeugt sind,
dass unser Handeln falsch war", sagte Blair weiter. "Ich bitte jedoch
um eines: Greifen Sie meine Entscheidung an, aber verstehen Sie
zumindest, warum ich sie so getroffen haben und warum ich sie wieder so
treffen würde."
Blair hatte seinen Kriegskurs vor allem mit der Gefahr begründet,
die von Massenvernichtungswaffen in den Händen des irakischen
Präsidenten Saddam Hussein ausgehe. Trotz intensiver Suche sind im
Irak jedoch auch fünf Monate nach dem Ende der
Hauptkampfhandlungen keine Waffen dieser Art gefunden worden.
Die Gefahr, die von Massenvernichtungswaffen ausgehe, sei "die
Sicherheitsbedrohung des 21. Jahrhunderts", bekräftigte Blair vor
dem Parteitag. "Es war keine leichte Entscheidung. aber was immer wir
von einander denken - lassen sie uns in diesem Punkt einig sein: Wir,
die wir den Krieg begonnen haben, müssen den Frieden vollenden."
Blairs Beliebtheit hat seit dem Sturz Husseins stark gelitten und er
steckt in der größten Krise seiner zweiten Amtszeit. Einer
am Dienstag veröffentlichten Umfrage zufolge gehen rund 60 Prozent
der Briten davon aus, das sie Blair über die Bedrohung durch den
Irak angelogen hat.
59 Prozent der Befragten erklärten gegenüber dem Institut
NOP, sie fühlten sich von dem Premier getäuscht. 29 Prozent
hielten die Gefahr durch Irak, mit der der Krieg begründet worden
war, weiterhin für real und von Blair korrekt dargestellt. 41
Prozent der Befragten forderten Blairs Rücktritt, 52 Prozent
plädierten allerdings für seinen Verbleib im Amt.
Der britische Labour-Parteitag in Bournemouth berät nun doch
über den Irakkonflikt. Nach Angaben der BBC trafen die
zuständigen Gremien diese Entscheidung. Zunächst hatten sie
eine Debatte abgelehnt, was zu Protesten führte. Im Mittelpunkt
soll aber der Wiederaufbau des Iraks stehen und nicht der Krieg an
sich.
(Quellen: afp, rtr, dpa, ap)
«Offener Brief an Soldaten, die an der Besatzung des Irak
teilnehmen»
«Wir schreiben diesen Brief, denn wir sind beides ehemalige
Militäroffiziere. Die Konflikte, an denen wir teilnahmen,
mündeten in moralische Abgründe. Wir mussten hart
kämpfen, um unsere Humanität zu retten. Wir kennen das
moralische Dilemma, mit dem sich einige von Euch auseinandersetzen. Wer
von Euch jetzt im Irak ist, stellt sich sicher die Frage, welchen Zweck
verfolgt dieser Krieg und die daran anschließende Besatzung? Und
weshalb wollen soviele Iraker, dass wir so schnell wie möglich
wieder verschwinden? Soviel ist klar, viele von Euch werden in
Situationen hineinkatapultiert, die Euch vielleicht lebenslang
verfolgen. (...)
Möglich, dass einige Eurer Kameraden keinerlei moralische Skrupel
kennen bei dem, was sie tun - wie jener US-Soldat, der kurz nach der
eigentlichen Invasion auf dem Frontcover-Foto einer britischen Zeitung
abgebildet war: 'KILL 'EM ALL' (tötet sie alle) stand in roter
Farbe, die wie Blut wirken sollte, auf seinem Helm. Sicher töten
einige (von Euch) - so wie er - voller Enthusiasmus. Wenn Ihr Euch nicht
sicher fühlt bei dem, was Euch befohlen wird, werdet Ihr in so
einer Umgebung sicher versucht sein, Eure Zweifel für Euch zu
behalten. Falls Ihr sie aussprecht, wird man Euch wahrscheinlich
schikanieren - verbal oder körperlich. Vielleicht werdet Ihr Euch
sogar einem formalen disziplinarischen Prozedere stellen müssen. In
dem Fall gibt es eine Reihe von Dingen, die Ihr wissen solltet. Die
meisten Menschen auf der Welt begreifen, Saddam Hussein war ein
tyrannischer Diktator, der viele Menschen, die unter seinem Regime
lebten, töten oder erniedrigen ließ. Aber den meisten
Menschen der Welt ist auch bewusst, dass das Vorgehen der US-Regierung
bei der Beseitigung Saddams nicht von internationaler Seite abgesegnet
war und dass es dabei um ganz andere, weniger edle Motive ging bzw. dass
das Ganze zur Tötung einer beträchtlichen Anzahl unschuldiger
Menschen geführt hat. Dabei hätten durchaus friedlichere
Alternativen bestanden.
Wir waren gegen diesen Krieg, und wir sind gegen die bewaffnete
Okkupation, die darauf folgte - nicht nur, weil nach wie vor soviele
Unschuldige sterben sondern auch, weil das Ganze zu noch weniger
Sicherheit geführt hat - überall auf der Welt. Dieser Krieg
hat einer internationalen Ordnung, die sich auf die Herrschaft des
Rechts stützt, weiter die Grundlage entzogen. Er fördert ein
globales Regime der Unordnung, bei der häufig willkürliche
Gewaltanwendung den Schiedsrichter spielt. Die Besatzung der
palästinensischen Territorien durch die israelische Armee ist auch
so ein Beispiel. Überall in Israel führt sie zu einer
Verschärfung der Sicherheitslage. In vergleichbarer Weise erzeugt
die Irak-Besatzung weltweit eine noch bedrohtere Sicherheitslage - auch
in den USA. Und noch eine Sache solltet Ihr Euch bewusst machen.
Menschen auf der ganzen Welt, auch viele in den USA, betrachten es als
heldenhafte Tat, wenn Ihr einfach "nein!" sagt. Nein, Ihr wollt nicht
länger Teil dieser mörderischen Besatzung sein, mit der Ihr
und Eure Kameraden konfrontiert seid, und sagt zweitens 'nein' zu dem
undurchsichtigen moralischen Sumpf, den dieser Krieg erzeugt hat.
Inzwischen ist klar, dass die Rechtfertigsgründe für diesen
Krieg, die die politischen Führer Amerikas und
Großbritanniens anführten, wenig mit der Realität zu tun
hatten. Geheimdienstinformation hatte sie darauf vorbereitet, ein Krieg
könnte weltweit zu noch mehr Terror führen - und nicht zu
weniger Terror. Und noch etwas solltet Ihr wissen: Eine
maßgebliche Anzahl Juristen argumentiert, die Irak-Invasion war
gemäß internationalem Recht illegal. Zumindest theoretisch
könnten die Führer der Vereinigten Staaten und
Großbritanniens also einem Kriegsverbrecherprozess entgegensehen.
Angesichts der Macht, den ihre Positionen mit sich bringen, ist es zwar
nicht sehr wahrscheinlich - andererseits: wenn (im Irak) soviele
Zivilisten getötet werden, dass es für diese Leute zum
politischen Problem wird, könnt Ihr sicher sein, dass man Euch oder
Eure Kameraden auf die Anklagebank setzt, und die Anklage wird auf
'Verbrechen' lauten...»
Aus einem Brief von Guy Grossman und James Skelly. Grossman ist
Philosophie-Doktorand an der Universität von Tel Aviv. Er ist
Zweiter Leutnant der israelischen Reserve. Grossman gehört zu den
Gründungsmitgliedern von 'Courage to Refuse', einer Gruppe, der
mittlerweile über 500 (israelische) Soldaten angehören, die
sich aus Gewissensgründen weigern, Militärdienst in den
Besetzen Palästinensischen Gebieten zu leisten.
James Skelly ist Senior Fellow am 'Baker Institute for Peace and
Conflict Studies' des Juniata College u. akademischer Koordinator der
'Peace & Justice Programs' der Brethren Colleges Abroad. Als
Leutnant der US-Navy verklagte er den damaligen Verteidigungsminister
Melvin Laird vor US-Bundesgerichten: Skelly wollte nicht nach Vietnam
und verweigerte den Befehl. Er ist auch einer der Gründer
(US-Westküste) von 'The Concerned Officers Movement' u. 'The
Concerned Military'.
Mehr bei ZNet (26.09.03)unter:
http://www.zmag.de/article/article.php?id=833
«Noam Chomsky Archiv»
Das Archiv dokumentiert das politische Lebenswerk von Noam Chomsky,
Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technologie
(MIT). Chomsky hat in den 60er Jahren die Vorstellungen über
Sprache und Denken revolutioniert. Zugleich ist er einer der
prominentesten und schärfsten Kritiker der gegenwärtigen
Weltordnung und des US-Imperialismus. Obwohl er von der New York Times
als der "einflußreichste westliche Intellektuelle" und als
"bekanntester Dissident der Welt" bezeichnet wird, wird er von den
Mainstreammedien und im politischen Diskurs weitgehend ignoriert. Er
hat über 57 Bücher über US Interventionismus in den
Entwicklungsländern, die politische Ökonomie der
Menschenrechte und die Propagandarolle der Medien in unserer
Gesellschaft geschrieben.
Mehr unter:
http://www.chomskyarchiv.de/
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Ruf nach stärkerem UN-Einsatz für Recht und Ordnung
Mi.01.10.03 - Vertreter von rund zwei Dutzend Ländern haben eine
größere Rolle des Weltsicherheitsrats bei der
Wiederherstellung von Recht und Ordnung in Krisengebieten gefordert.
Bei einer offenen Debatte im Sicherheitsrat sprachen sie sich am
Dienstag auch für einen stärkeren Einsatz der UN bei der
Verfolgung von Kriegsverbrechen aus.
"Die Herrschaft des Rechts muss als Schlüsselfunktion der
Friedenssicherung und des Wiederaufbaus gesehen werden", erklärte
der neuseeländische UN-Botschafter Don MacKay. "Dies ist nicht ein
optionales Extra". Mehrere Redner betonten, dabei müsse der
Bevölkerung in den betroffenen Nachkriegsländern das
Gefühl vermittelt werden, dass sie grundlegend am
Wiederaufbauprozess beteiligt sind. Im Justizsystem müsse ein
Mittelweg gefunden werden zwischen dem Wunsch nach Aussöhnung und
der Notwendigkeit, die schlimmsten Kriegsverbrechen zu verfolgen.
"Es ist ungerecht, jene straflos entkommen zu lassen, die schwere
Verbrechen begangen haben", sagte der japanische Botschafter Koichi
Haraguchi. Ohne eine Herrschaft des Rechts "staut sich Frustration und
Verbitterung an", warnte er.
Die UN hätten sich traditionell eher auf die Friedenssicherung und
politische Stabilisierung konzentriert, führten einige Sprecher
aus. Wo die Weltgemeinschaft Kriegsverbrechertribunale eingesetzt habe,
wie etwa für Ruanda, hätten Geld- und Personalmangel deren
Arbeit teilweise behindert.
(Quelle: ap)
US-Ermittlungen nach Enttarnung einer CIA-Agentin +++ Bush will
entschlossene Suche nach Verräter +++ Die Agentin ist mit einem
Kritiker der Irak-Politik des Präsidenten verheiratet
Mi.01.10.03 - Nach dem Vorwurf der gezielten Enttarnung einer CIA-Agentin
durch Mitarbeiter des Weißen Hauses, hat das US-Justizministerium am
Dienstag eine Untersuchung eingeleitet. US-Präsident George W.
Bush rief seine Mitarbeiter zur umfassenden Zusammenarbeit auf.
"Undichte Stellen für geheime Informationen sind schlechte Dinge,
und wir haben in letzter Zeit in Washington zu viele gehabt", sagt Bush
in Chicago.
Es ist die erste Untersuchung dieses Umfangs in Bushs Amtszeit. Mit den
Ermittlungen des Justizministeriums soll herausgefunden werden, wer
Journalisten den Namen der Geheimdienstmitarbeiterin genannt hat. Es
wurden Vorwürfe laut, die US-Regierung habe die Identität der
Frau preisgegeben, nachdem ihr Mann, Joseph Wilson, die Existenz von
Massenvernichtungswaffen in Irak bezweifelt hatte.
"Diese Untersuchung ist eine gute Sache", erklärte Bush und wies
Zweifel der oppositionellen Demokraten an der Unabhängigkeit von
Justizminister John Ashcroft zurück. Diese forderten, einen
Sonderermittler zu beauftragten, da Ashcroft sich in einem
Interessenkonflikt befinde.
Die entarnte CIA-Agentin ist die Frau des US-Diplomaten Joseph Wilson.
Dieser hatte im Juli öffentlich die Vorwürfe des Weißen
Hauses, der frühere irakische Machthaber Saddam Hussein habe in
Niger Uran zu kaufen versucht, als haltlos bezeichnet.
Wilson bezeichnete die Preisgabe des Namens seiner Frau, Valerie Plame,
als eine Racheaktion des Weißen Hauses. Mitarbeiter der
Geheimdienste zeigten sich laut "Washington Post" besorgt, dass nun
ausländische Dienste den früheren Kontakten der Agentin auf
die Spur kommen und möglicherweise weitere US-Agenten enttarnen
könnten. Dem Bericht zufolge hatte der Direktor des Geheimdienstes
CIA, George Tenet, wegen der Veröffentlichung des Namens eine
Anfrage ans Weiße Haus gerichtet. Der Verrat der Namen von
Geheimdienstlern ist verboten und kann mit bis zu zehn Jahren Haft
bestraft werden.
Wilson sagte der Zeitung "USA Today", die Enttarnung seiner Frau habe
klar das Ziel gehabt, Kritiker des Krieges zu stoppen. Es sei "ein
Schuss vor den Bug" für jeden gewesen, der sich mit Kritik an der
Kriegsentscheidung des Präsidenten habe vorwagen wollen. Wilson,
der früher Botschafter in Irak war, war im vergangenen Jahr im
Auftrag der CIA nach Afrika gereist, um den Vorwürfen über
die angeblichen irakischen Uran-Aufkaufversuche nachzugehen. In einer
Kolumne in der "New York Times" verwarf er Anfang Juli diese
Vorwürfe als unhaltbar. Bush hatte die Uran-Vorwürfe in
seiner Rede zur Lage der Nation Ende Januar zitiert.
(Quellen: ap, afp)
ElBaradei warnt vor steigender Zahl von Ländern mit Atomwaffen
Mi.01.10.03 - Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Mohamed
ElBaradei, hat davor gewarnt, dass ohne konkrete
Abrüstungsschritte der Atommächte die Zahl der Staaten mit
Atomwaffen steigen wird.
"Solange wir uns nicht stetig auf eine nukleare Abrüstung zu
bewegen, befürchte ich, dass wir als Alternative eine große
Anzahl von Ländern mit Atomwaffen bekommen und das ist ein
zuverlässiges Rezept für eine Selbstzerstörung (der
Welt)", sagte ElBaradei am Dienstag in Wien. Die Atommächte
täten gut daran, nach ihren Zusagen im Atomwaffensperrvertrag zu
handeln, fügte er hinzu.
Die USA, die damalige Sowjetunion und Großbritannien hatten den
Atomwaffensperrvertrag 1968 geschlossen. Darin vereinbarten sie, keine
Nuklearwaffen an Nicht-Atommächte weiterzugeben. Zugleich
verpflichteten sie sich zu Abrüstungsmaßnahmen. Die
Atommächte Frankreich und China schlossen sich dem Vertrag 1992
an. Er wurde inzwischen von annähernd 190 Ländern ratifiziert.
Indien und Pakistan haben den Vertrag bisher noch nicht unterzeichnet,
obwohl beide Staaten über Atomwaffen verfügen. Israel hat nie
Auskunft darüber gegeben, ob es Atomwaffen besitzt. In Fachkreisen
wird allerdings davon ausgegangen. Nordkorea hatte nach US-Angaben im
vergangenen Jahr eingeräumt, an der Entwicklung von Atomwaffen zu
arbeiten. Das kommunistische Land ist im Januar aus dem
Atomwaffensperrvertrag ausgetreten.
Die UNO-Organisation IAEA prüft mit regelmäßigen
Inspektionen, dass Nicht-Atommächte ihre Anlagen nicht für
geheime Atomwaffenprogramme missbrauchen. Vor kurzem hatte die IAEA den
Iran aufgefordert, sein Atomprogramm bis zum 31. Oktober offen zu legen
und damit klarzustellen, dass das Land nicht wie von den USA
befürchtet an Atomwaffen arbeitet.
(Quelle: rtr)
Blick ins Archiv:
Atombehörde IAEA: USA halten sich nicht an Atomwaffen-Sperrvertrag
Mi.27.08.03 - Der Direktor der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA),
Mohamed ElBaradei, hat den USA vorgeworfen, sich nicht an den
Atomwaffensperrvertrag zu halten.
"Die US-Regierung verlangt von anderen Staaten, keine Atomwaffen zu
besitzen. Und rüstet selbst auf", sagte ElBaradei in einem am
Dienstag vorab veröffentlichten Interview des Magazins "Stern".
"Da wird mit doppeltem Maßstab gemessen."...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0308270.htm#03082706
Iran, Nordkorea, USA – der Atomwaffensperrvertrag wird von vielen Seiten verletzt
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0307190.htm#030719_d
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Atombehörde soll Israel überprüfen
Mi.01.10.03 - Saudi Arabien, Syrien und Ägypten haben die Internationale
Atomenergiebehörde in Wien aufgefordert, das Waffenarsenal Israels
zu überprüfen. Es sei nicht akzeptabel, dass andere
Länder des Besitzes von Massenvernichtungswaffen bezichtigt
würden, während Israels Atomwaffenpotenzial ignoriert werde,
erklärten die Außenminister der drei Staaten am Montagabend
vor der UN-Vollversammlung in New York.
Israel wird allgemein als Atommacht eingeschätzt, auch wenn die
Regierung in Jerusalem den Besitz von Nuklearwaffen nie
eingeräumt hat. Dem Atomawaffensperrvertrag ist Israel nicht
beigetreten. Dies allein sei ein Grund zur Kontrolle, betonte der
saudische Außenminister Prinz Saud el Feisal. Schließlich
würden auch Länder kritisch überprüft, die den
Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hätten, sagte el-Faisal mit
Blick auf Iran.
(Quelle: ap)
Nahost-Konflikt: Israel nimmt Anführer von Islamischem Dschihad
fest.
Mi.01.10.03 - Die israelische Armee hat den Anführer der radikalen
Palästinensergruppe Islamischer Dschihad im Westjordanland
festgenommen. Wie palästinensische Sicherheitskräfte in
Dschenin mitteilten, wurde der 42-jährige Bassam Saadi am Morgen
im Flüchtlingslager Dschenin festgenommen.
Die Armee sei mit rund 20 Geländewagen in das Lager eingedrungen;
zwei Apache-Kampfhubschrauber hätten den Einsatz überwacht.
Die Soldaten hätten das Feuer eröffnet und seien nicht auf
Widerstand gestoßen. Der israelische Rundfunk bestätigte die
Festnahme. Demnach versuchte Saadi sich hinter einem Auto zu
verstecken, als die Soldaten ihn aufspürten.
Wie der Rundfunk weiter berichtete, wurden im Flüchtlingslager von
Dschenin im Norden des Westjordanlands in den vergangenen zwei Wochen
20 palästinensische Aktivisten festgenommen. Zudem habe die Armee
dort ein mit Sprengstoff präpariertes Auto gefunden, das für
einen Selbstmordanschlag in Israel eingesetzt werden sollte.
(Quelle: afp)
UN wirft Israel anhaltende Menschenrechtsverstöße vor +++
UN-Menschenrechtsexperte verurteilt Grenzzaun in Israel
Mi.01.10.03 - Israel werden in einem neuen Bericht der Vereinten Nationen anhaltende
Verstöße gegen die Menschenrechte sowie das humanitäre
Völkerrecht in den Palästinensergebieten vorgeworfen. Es
müsse eine gewisse Grenze geben bei der Verletzung der
Menschenrechte im Namen des Anti-Terror-Kampfes.
Dies schreibt der UN-Sonderberichterstatter für die Lage in den
besetzten Palästinensergebieten, Jon Dugard, in seinem am Dienstag
in Genf veröffentlichten Bericht. Darin fordert Dugard
außerdem, dass die von Israel gebaute Sperranlage zu den
Palästinensergebieten als ungesetzlicher Akt der Annexion
verurteilt wird. Außerdem solle eine unabhängige
Untersuchung Vorwürfe von Folter und unmenschlicher sowie
herabwürdigender Behandlung von palästinensischen
Häftlingen klären.
Israels UN-Botschafter Yaakov Levy kritisierte den Bericht. Dieser sei
erneut einseitig und voreingenommen. Der Bericht lasse die anhaltende
Gewalt gegen israelische Zivilisten, bei der seit September 2000 rund
900 Israelis getötet worden sein, außer Acht. Angesichts
dieses Hintergrundes seien Israels Maßnahmen zur
Selbstverteidigung - einschließlich des Baus eines Sperrzaunes,
um das Eindringen von Selbstmordattentäter zu verhindern -
angemessen.
In seinem Bericht räumt der UN-Sonderberichterstatter ein, dass
Israel das Recht auf starke Vorkehrungen zur Vermeidung von
Selbstmordanschlägen und anderer Terrorakte habe. Es müsse
aber eine gewisse Grenze bei der Verletzung der Menschenrechte im Namen
des Anti-Terror-Kampfes geben. Israel müsse einen Mittelweg finden
zwischen der Respektierung der grundlegenden Menschenrechte und den
eigenen Sicherheitsinteressen. Israels Reaktion auf den Terror wird in
dem Bericht als unverhältnismäßig bezeichnet. In
manchen Fällen seien die israelischen Maßnahmen beim
Anti-Terror-Kampf so weit entfernt von den Sicherheitsinteressen, dass
sie den Charakter von Bestrafung, Herabwürdigung und Eroberung
anzunehmen schienen, heißt es weiter.
Dugard kritisiert weiterhin, dass rund 210 000 Palästinenser vom
Bau der Sperranlage ernsthaft betroffen sein werden. Durch die Anlage
verleibe sich Israel beträchtliche Gebiete des Westjordanlandes
ein. "Die Mauer hat alle Charakteristika einer permanenten Struktur",
heißt es. Sie lege den Verdacht nahe, dass Fakten für eine
de-facto-Aktierung geschaffen würden. Eine Annexion dieser Art sei
nach internationalem Recht, der UN-Charta und der Vierten Genfer
Konvention verboten. Die Zeit sei "deshalb gekommen, die Mauer als
einen ungesetzlichen Akt der Annexion zu verurteilen".
Israels Regierung will unterdessen den Sicherheitszaun zum
Westjordanland in Absprache mit den USA weiterbauen. Der israelische
Rundfunk berichtete, das Kabinett werde heute die Fertigstellung der
gesamten Sperranlage beschließen. Zwei weit in
Palästinensergebiet liegende Siedlungen sollen innerhalb des Zauns
liegen. In diesem Abschnitt sollen jedoch Lücken bleiben, um den
Straßenverkehr der Palästinenser nicht zu behindern. Die
US-Regierung hatte Israel wegen des Zauns mit der Kürzung von
Kreditbürgschaften gedroht.
(Quelle: dpa)
Israelische Friedensaktivisten fordern Ermittlungen zu Luftangriff +++
Israel setzt laut Bericht scharfe Munition mangels Tränengas ein
Mi.01.10.03 - Israelische Friedensaktivisten haben den Obersten Gerichtshof zu
Ermittlungen im Zusammenhang mit einem Luftangriff im Gazastreifen
aufgefordert, bei dem im vergangenen Jahr neben einem militanten
Palästinenser auch 14 Zivilisten getötet wurden. Die
Organisation Jesch Gvul rief das Gericht am Dienstag auf, entgegen der
Entscheidungen der Justizbehörden und des
Militärstaatsanwalts eine Untersuchung anzuordnen. Der Angriff im
Juli 2002 richtete sich gegen den Hamas-Führer Salah Schehadeh.
Unter den Toten waren neun Kinder.
Israelische Soldaten gehen zum Teil nur aus Mangel an Gummigeschossen
oder Tränengas mit scharfer Munition gegen Palästinenser vor.
Dies ist eines von zahlreichen Beispielen für Missstände beim
Militär, die in einem am Dienstag vorgestellten Bericht des
staatlichen Heereskontrolleurs aufgelistet werden. Auflagen aus dem
vergangenen Jahr wie die Beschaffung von mehr Gummigeschossen oder
Tränengas seien einfach ignoriert worden, heißt es in dem
108 Seiten starken Dossier.
Die Knappheit an nichtscharfer Munition habe womöglich zu
Todesfällen geführt, stellte der Kontrolleur fest. Nach den
Bestimmungen der Armee dürfen die Soldaten nur mit scharfer
Munition schießen, wenn Leben in Gefahr ist oder Warnungen
ignoriert wurden. Der Bericht zitiert einen Kommandeur, dessen Einheit
ihre Einsätze aus Munitionsmangel in die Nachtzeit verlegte, weil
die Gefahr eines Zusammenstoßes mit Palästinensern in der
Dunkelheit geringer war. Die Armee erklärte, sie bemühe sich
um die Entwicklung nichtscharfer Munition sowie um deren Beschaffung.
"Unglücklicherweise haben wir noch keinen technischen Durchbruch
in der Welt gefunden", heißt es in einer Erklärung.
Kritisiert wird die Armeeführung auch wegen untauglicher
Gasmasken. Zahlreiche Schutzmasken für Soldaten und - im Notfall -
Zivilpersonen entsprächen nicht mehr den Anforderungen. Ein
bereits vor 20 Jahren angestoßenes Programm für neue Masken
sei komplett gescheitert, heißt es in dem Revisionsbericht.
Die erwartete Rechtfertigung mit dem Verweis auf
Haushaltskürzungen wollte Heeresprüfer Elieser Goldberg nicht
durchgehen lassen. "Wenn ich die Entschuldigung akzeptieren würde,
könnte ich mein Büro schließen", sagte er. "Nicht alles
liegt am fehlenden Geld. Oft ist Missmanagement schuld."
Unterdessen stellten sich prominente israelische Schriftsteller hinter
die Gruppe von 27 Luftwaffenpiloten, die Angriffe in den
palästinensischen Gebieten verweigern, bei denen die
Bevölkerung zu Schaden kommen könnte. Die Piloten
begründeten ihre Ankündigung in der vergangenen Woche damit,
dass solche Angriffe illegal und unmoralisch seien. Zu den Autoren, die
sich mit den Luftwaffenangehörigen solidarisierten, gehören
unter anderem die Romanschriftsteller Amos Keinan und Sami Michael. Der
stellvertretende Bildungsminister und rechtsgerichtete
Parlamentsabgeordnete Zvi Hendel rief daraufhin dazu auf, die Werke der
Schriftsteller aus den Schulen zu verbannen.
(Quelle: ap)
Österreich, Spanien und Polen gegen EU-Verfassung
Mi.01.10.03 - Vier Tage vor der Regierungskonferenz zur EU-Reform in Rom haben
Österreich, Spanien und Polen ihre Kritik am Verfassungsentwurf
bekräftigt. "Jedes Land sollte einen Kommissar haben, der stimmen
kann", forderte die österreichische Außenministerin Benita
Ferrero-Waldner. Werde die Anzahl der EU-Kommissare wie vorgeschlagen
auf einige große Länder begrenzt, würde "das
fundamentale Gleichgewicht zwischen den Staaten" aufgehoben,
erklärten die spanische Außenministerin Ana Palacio und ihr
polnischer Kollege Wlodzimierz Cimoszewicz.
Madrid und Warschau könnten die Vorschläge des EU-Konvents
für institutionelle Reformen "nicht akzeptieren", erklärten
die beiden Außenminister Palacio und Cimoszewicz nach einem
Treffen in der spanischen Hauptstadt. Wie die österreichische
Außenministerin Ferrero-Waldner forderten sie die Beibehaltung
des Stimmrechts für jedes Land in den Ministerräten, so wie
es im Vertrag von Nizza von 2000 festgelegt worden sei. Der Konvent
schlägt dagegen in seinem Entwurf für eine EU-Verfassung vor,
angesichts der Erweiterung der EU auf 25 Mitgliedstaaten die Zahl der
Kommissare mit Stimmrecht auf 15 zu begrenzen.
Der Entwurf wird von großen Ländern wie Deutschland und
Frankreich befürwortet. Frankreich wolle "die Prinzipien der
Effizienz und Vertretung" in Einklang bringen, sagte der
französische Außenminister Dominique de Villepin nach seinem
Treffen mit Ferrero-Waldner in Wien. Wie Österreich, Spanien und
Polen fürchten 15 kleine und mittlere EU-Staaten sowie
Beitrittsländer, dass große Staaten wie Frankreich nach der
Ost-Erweiterung zu viel Gewicht innerhalb der Union bekommen
könnten. In den vergangenen Wochen hatten Vertreter kleinerer
Länder daher ihre Forderung nach Beibehaltung eines voll
stimmberechtigten EU-Kommissars für jedes Mitgliedsland
bekräftigt.
Nach Ansicht des französischen Justizministers Dominique Perben
sollte die Verfassung für die Europäische Union in Frankreich
durch ein Referendum angenommen werden. Vor einer derartigen
Volksabstimmung, die parallel in allen EU-Ländern stattfinden
könnte, sei aber noch viel "Pädagogik" erforderlich,
räumte Perben ein.
(Quelle: afp)
Italienische Gewerkschaften kündigen Streik gegen Reformen an
Mi.01.10.03 - Die drei größten italienischen Gewerkschaften haben für
den 24. Oktober zu einem Generalstreik gegen die von der konservativen
Regierung geplante Rentenreform aufgerufen.
"Wir rufen alle Arbeiter, jungen Menschen und Pensionäre auf, auf
die Straßen zu gehen und ein (Renten-)System zu verteidigen, das
nicht in Schwierigkeiten steckt", hieß es am Dienstag in einer
Erklärung der drei Gewerkschaften, die zusammen mehr als elf
Millionen Mitglieder haben. Damit forderten sie direkt
Ministerpräsident Silvio Berlusconi heraus, der den Italienern am
Vorabend in einer Fernsehansprache in fast väterlichem Tone
erklärt hatte, die Rentenreform sei "notwendig, fair und weise"
und der einzige Weg, die wirtschaftliche und soziale Struktur des
Landes auch künftig zu sichern.
1994 war die damalige Regierung Berlusconis über dasselbe Thema
gestürzt, als Millionen von Italienern aus Protest gegen eine
Reform der sozialen Sicherungssysteme die Arbeit niederlegten.
"Es gibt keinen Notstand bei der Rente. Die Regierung ... dramatisiert
die Rentenprobleme. Das hat nichts mit der Realität zu tun",
hieß es in der Erklärung der Gewerkschaften. Der
Generalstreik im Oktober soll vier Stunden dauern und ist bereits der
dritte, zu dem die Gewerkschaften seit dem Amtsantritt von Berlusconis
zweiter Regierung im Juni 2001 aufrufen. Der neuerliche Aufruf war
eigentlich erst für Samstag erwartet worden, einen Tag, nachdem
die Regierung ihre Pläne verabschieden will.
Italien kämpft wie viele andere europäische Staaten mit einer
absehbar stärkeren Belastung des Rentensystems in Folge niedriger
Geburtenraten und einer höheren Lebenserwartung. Die Regierung
will ihren Bürgern zunächst Anreize geben, länger zu
arbeiten. Von 2008 an sollen Arbeitnehmer erst dann in Rente gehen
dürfen, wenn sie mindestens 40 Jahre Beiträge zur
Rentenversicherung bezahlt und 65 Lebensjahre erreicht haben. Derzeit
liegen die Grenzen bei 35 Jahren Beitragszahlungen und einem Alter von
57 Jahren; viele Arbeitnehmer gehen jedoch früher in den Ruhestand.
(Quelle: rtr)
Deutschland: Bundeskanzler verbindet politisches Schicksal mit Reformen
+++ Erneut Rücktrittsdrohung +++ SPD-Fraktionschef
Müntefering: Reform-Kritiker sollen bis Samstag ihre Bedenken
mitteilen +++ Schöder muss bei Abstimmung über Arbeitslosen-
und Sozialhilfe mit Gegenstimmen aus den Reihen der Grünen rechnen
Mi.01.10.03 - Angesichts der unklaren Koalitionsmehrheit für die anstehenden
Reformgesetze hat Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sein
politisches Schicksal mit der Durchsetzung der Reformagenda 2010
verknüpft.
"Ich sage Ihnen eines, mein politisches Schicksal will ich ganz bewusst
verbinden mit der Durchsetzung dieser Reformvorhaben", sagte
Schröder bei einer Veranstaltung der Wissenschaftsgesellschaft
Akatec am Dienstag in Berlin. SPD-Fraktionschef Franz Müntefering
forderte die Reform-Kritiker auf, sich bis Samstag zu den Mitte Oktober
anstehenden Abstimmungen zu erklären. Er wolle deren Bedenken dann
in den Abstimmungsprozess über die Arbeitsmarkt-Reformen
einbringen. Am Freitag hatten sechs SPD-Abgeordnete gegen die
Gesundheitsreform gestimmt. Eine Mehrheit der Koalition für
kommende Reformen ist angesichts anhaltender Kritik in den eigenen
Reihen fraglich.
Schröder hatte am Montag im SPD-Vorstand die Abweichler unter den
Abgeordneten nach Angaben von Teilnehmern scharf angegriffen. Vor der
Abstimmung Ende vergangener Woche hatte er in der Fraktion gesagt, bei
einer fehlenden eigenen Mehrheit drohe das Ende der Koalition.
Schröder hatte in den vergangenen Monaten mehrfach mit
Rücktritt gedroht, um die Zustimmung zu den Reformen seiner
"Agenda 2010" zu erhalten. Dazu gehören die "Hartz-Reformen" zur
Reform der Bundesanstalt für Arbeit und der Zusammenlegung von
Arbeitslosen- und Sozialhilfe, die am 17. Oktober zur Abstimmung stehen.
Müntefering forderte die SPD-Abgeordneten in einem Brief auf, bis
Samstag mögliche Bedenken gegen die Hartz-Reformen mitzuteilen,
damit er diese bei den Beratungen über den Gesetzentwurf
berücksichtigen könne. Zudem schrieb er, er verlasse sich
darauf, dass die Fraktion konstruktiv zum Gelingen der Entscheidungen
am 17. Oktober beitrage.
Der SPD-Politiker Horst Schmidbauer, der am Freitag gegen die
Gesundheitsreform gestimmt hatte, sagte zu Münteferings
Aufforderung: "Ich hoffe, dass das das Indiz dafür ist, dass wir
jetzt in einem offenen und fairen Entscheidungsprozess hineingehen."
Eine Zuspitzung des Reformstreits in der SPD sehe er nicht. "Ich denke,
dass wir in dieser schwierigen letzten Woche alle gelernt haben und das
wir versuchen wollen, diesen Weg der Zuspitzung zu vermeiden." Wie er
bei den Hartz-Reformen abstimme, könne er aber erst nach den
SPD-Beratungen sagen.
In Fraktionskreisen hieß es, mit dem Brief wolle Müntefering
früh eine transparente Abstimmungs-Vorbereitung erreichen und
Kritikern die Gelegenheit geben, ihre Bedenken einzubringen, um am Ende
die Mehrheit zu sichern. SPD-Generalsekretär Olaf Scholz hatte am
Montag gesagt, es gebe Signale von den Kritikern, dass dass sie bei den
weiteren anstehenden Reformabstimmungen für eine Kanzlermehrheit
sorgen wollten.
Schröder drängte die Union erneut, mit dafür zu sorgen,
dass die anstehenden Reformen bis Weihnachten durchgesetzt werden
können. "Wenn wir das bis Weihnachten nicht schaffen, fürchte
ich, schaffen wir es nicht mehr."
Bundeskanzler Gerhard Schröder muss bei der Abstimmung über
die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe offenbar mit
mehreren Gegenstimmen in der Grünen-Bundestagsfraktion rechnen.
Das berichtet die Zeitung "Die Welt" (Mittwochausgabe) unter Berufung
auf einen Brief von Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele an
Parteifreunde.
Ströbele schrieb dem Bericht zufolge, er habe Schröder bei
einer Unterredung im Kanzleramt "unmissverständlich" klar machen
wollen, dass einzelne Grünen-Abgeordnete am 17. Oktober im
Bundestag "ohne die von uns verlangten Veränderungen von Hartz IV
nicht zustimmen werden". Ströbele bestehe unter anderem darauf,
dass Bezieher des neuen Arbeitslosengeldes II keine Minijobs zu
Dumping-Löhnen annehmen müssen. Neben Ströbele
knüpften die Abgeordneten Jutta Dümpe-Krüger und
Winfried Hermann ihre Zustimmung an Korrekturen.
Die Grünen-Finanzexpertin Christine Scheel äußerte sich
unterdessen distanziert über die erneute Rücktrittsdrohung
Schröders. "Der Kanzler muss hinsichtlich der Anzahl seiner
Rücktritts-Ankündigungen wissen, was er tut", sagte Scheel am
Dienstagabend in der Sendung "Münchner Runde" im BR-Fernsehen. Die
SPD sei nicht in der besten Verfassung. Der Aufruhr um die sechs
SPD-Abweichler bei der Abstimmung über die Gesundheitsreform sei
"völlig gaga" gewesen, wird Scheel in einer Mitteilung zitiert.
SPD-Fraktionsvize Michael Müller rechnet dem "Welt"-Bericht
zufolge indes mit Nachbesserungen beim geplanten Arbeitslosengeld II.
Der Chef der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen,
Ottmar Schreiner, arbeite einen Katalog mit Änderungen aus,
heißt es in dem Bericht.
Die baden-württembergische SPD-Chefin Ute Vogt rief unterdessen
die Abweichler ihrer Partei auf, die Fraktion zu verlassen. Wenn die
Abweichler "wirklich so unzufrieden mit dem Kurs sind, wie sie sagen,
müssen sie überlegen, ob sie nicht die Konsequenzen selber
ziehen müssen", sagte Vogt der "Stuttgarter Zeitung"
(Mittwochausgabe). Der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für
Wirtschaft und Arbeit, Rainer Wend (SPD), warnte die Kritiker laut
"Welt", sie würden als diejenigen in die Geschichtsbücher
eingehen, "die für das Ende dieser Regierung verantwortlich sind".
(Quellen: rtr, ap)
CDU-Kommission für radikalen Umbau der Sozialsysteme +++
Kopfpauschalen und längere Lebensarbeitszeit +++ Vorschläge
der Herzog-Kommission in der Union umstritten +++
CDU-Arbeitnehmerschaft sorgt sich um soziale Gerechtigkeit
Mi.01.10.03 - Mit einer radikalen Umstellung der Kranken- und Pflegeversicherung auf
Kopfpauschalen und längeren Lebensarbeitszeiten will die
Herzog-Kommission der CDU die Sozialversicherungen retten. Die Systeme
stünden "wirklich auf der Kippe", warnte Altbundespräsident
Roman Herzog am Dienstag bei Vorstellung der Vorschläge. Sie sind
in der Union selbst umstritten und fanden ein unterschiedliches Echo.
Bundeskanzler Gerhard Schröder sah eine "weitgehend gemeinsame
Analyse" im Vergleich zur Rürup-Kommission und hielt trotz
Unterschieden in Details eine gemeinsame Lösung für
möglich. Es gehe jetzt nur noch darum, den "politischen Willen
zwischen Regierung und Opposition" für ein gemeinsames Vorgehen zu
organisieren. Skeptischer äußerte sich Sozialministerin Ulla
Schmidt. Sie bezeichnete die Vorschläge als "unausgegoren und
finanziell unsolide" und bekräftigte die Fortsetzung des
Reformkurses: "Ob Herzog dabei nutzt oder nicht, wird sich erst zeigen
müssen." Die Grünen nannten das Konzept "Unsinn".
Die Empfehlungen sollen Arbeitnehmer und Arbeitgeber langfristig
entlasten, den Staat 2030 allerdings netto 43 Milliarden Euro mehr
kosten. Dafür setzt Herzog auf stärkeres Wachstum mit
höheren Steuereinnahmen.
Kranken- und Pflegeversicherung will die Kommission vom Umlageverfahren
auf ein kapitalgedecktes Prämienmodell umstellen, bei dem jeder
Versicherte einkommensunabhängig eine Kopfpauschale zahlt. In der
Krankenversicherung sollen das etwa 264 Euro monatlich sein, bei der
Pflege etwa 52 bis 66 Euro. Geringverdiener bekämen
Zuschüsse. Bis zur Umstellung soll aus erhöhten
Beiträgen ein Kapitalstock aufgebaut werden, wobei alle
Einkünfte beitragspflichtig wären. Das Krankengeld soll von
den Arbeitgebern allein abgesichert werden, die Zahnbehandlung von den
Versicherten. Eine Bürgerversicherung lehnt die Kommission ab.
Bei der Pflege sollen die Kosten der Umstellung durch Verzicht auf
einen Urlaubs- oder Feiertag abgefangen werden. Pro Kind ist ein Bonus
von zehn Euro monatlich vorgesehen. Bei der Rente soll Kindererziehung
durch Anrechnung von sechs statt bisher drei Jahren stärker
zählen. Vorrangig ist die Verlängerung der tatsächlichen
Lebensarbeitszeit um bis zu vier Jahre. Das Rentenalter soll von 65 auf
67 Jahre steigen. Wer schon 45 Beitragsjahre hat, soll schon mit 63
ohne Abschläge in Rente gehen können.
Herzog räumte ein, dass die Vorschläge auch in der Kommission
umstritten waren: "Wir haben gefochten, dass die Fetzen flogen." So
sorgte sich der Vorsitzende der CDU-Arbeitnehmerschaft, Hermann-Josef
Arentz, um die soziale Gerechtigkeit. Grünen-Parteichef Reinhard
Bütikofer nannte die Vorschläge eine "politische Zumutung",
die die Bürgerversicherung noch populärer machen werde. Die
Vorschläge seien weder konsistent noch tragfähig,
erklärte Fraktionsvorsitzende Christa Sager. Die FDP anerkannte
zwar, dass die tatsächliche Lebensarbeitszeit ausschlaggebend sei,
vermisste aber ein zukunftsfähiges Gesamtkonzept.
Die Arbeitgeber begrüßten einige Punkte, rügten aber
einen "unvertretbaren weiteren Anstieg der Sozialbeiträge". Der
Präsident der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte,
Herbert Rische, hielt einen Konsens zwischen Regierung und Opposition
für möglich.
(Quelle: ap)
Reformvorschläge der Herzog-Kommission (PDF-Datei):
http://www.cdu.de/tagesthema/30_09_03_soziale_sicherheit.pdf
Arzneimittel-Report: Medikamentenausgaben 2002 auf Rekordhoch
Mi.01.10.03 - Die Ärzte haben trotz der Kostendebatte im vergangenen Jahr
deutlich mehr Medikamente verschrieben und dabei viele überteuerte
oder unnütze Mittel verordnet. Nach dem am Dienstag in Berlin
vorgestellten Arzneiverordnungs-Report stiegen die Ausgaben der
Krankenkassen für Arzneimittel um 6,5 Prozent auf ein Rekordhoch
von 22,7 Milliarden Euro. Nach Ansicht der Autoren des Reports
hätten ohne Qualitätsverlust bei einer Kosten bewussteren
Verordnungsweise 4,1 Milliarden Euro gespart werden können. Die
Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) erklärte, der Bericht
weise den Ärzten ungerechtfertigt die Rolle des "ewigen und
alleinigen Sündenbocks" zu.
Einsparpotenziale liegen nach dem Bericht etwa bei teuren
Analogpräparaten ohne therapeutischen Zusatznutzen, Generika und
bei umstrittenen Arzneimitteln ohne ausreichend belegte Wirksamkeit.
Gesundheitsministerin Ulla Schmidtsieht durch den Bericht eine
Bestätigung für die vergangenen Freitag im Bundestag
verabschiedete Gesundheitsreform, mit der Instrumente im Kampf gegen
"Ineffizienz und Verschwendung" geschaffen worden seien. Nach Angaben
von Dieter Paffrath, einem der Autoren, gingen die Arzneimittelausgaben
im ersten Halbjahr dieses Jahres um 1,2 Prozent zurück. Dies gehe
auf zusätzliche Rabatte zurück, mit denen die
Krankenversicherungen entlastet wurden. Ohne die vom Gesetzgeber
verordneten Rabatte wären die Ausgaben laut Paffrath dagegen um
etwa sieben Prozent gestiegen.
Der stellvertretende KBV-Chef Leonhard Hansen sagte, die Ärzte
wollten sich gegen ihre Rolle als Alleinschuldige wehren. Die
Kassenärzte hätten durch die Verordnung von Generika im Jahr
2001 rund 2,3 Milliarden Euro eingespart und diesen Betrag im
vergangenen Jahr noch mal um 146 Millionen Euro gesteigert. Zudem seien
die Ausgaben für kontrovers diskutierte Arzneimittel
kontinuierlich zurückgegangen und der Anteil von
Analogpräparaten abgeflacht. Gleichzeitig sei die Rate der
preisgünstigeren Reimporte deutlich gestiegen. Hansen sagte, er
wehre sich gegen ein "Spardiktat", da dabei die medizinische
Qualität auf der Strecke bleibe. Den Report nannte er ein
"theoretisches Werk ohne Praxisbezug".
Der jährlich erscheinende Arzneiverordnungs-Report soll einen
Überblick über die Entwicklung der Verordnungen geben. Er
basiert in diesem Jahr zum ersten Mal auf einer vollständigen
Erfassung aller 888 Millionen Verordnungen der Gesetzlichen
Krankenkassen. Medikamente sind nach Angaben der Herausgeber Pfaffrath
und Ulrich Schwabe mittlerweile der zweitgrößte Kostenfaktor
der Gesetzlichen Krankenkassen.
(Quelle: afp)
Parteiübergreifender Subventionsvorstoß: Länder wollen
Subventionen bis 2006 um 16 Milliarden Euro kürzen
Mi.01.10.03 - Mit dem größten Subventionsabbau in der Geschichte der
Bundesrepublik wollen die Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU)
und Peer Steinbrück (SPD) die Staatskasse in den kommenden drei
Jahren um 15,8 Milliarden Euro entlasten. Sie präsentierten am
Dienstag in Berlin ihr mit Spannung erwartetes Konzept. Ab 2006 - dann
erreicht es seine volle Wirksamkeit - sollen die Finanzhilfen und
Steuervergünstigungen um jährlich 10,5 Milliarden Euro
gekürzt werden. Betroffen sind Privathaushalte und die Wirtschaft.
Nach jahrelangem Streit liegt damit erstmals ein
parteiübergreifendes Konzept zum radikalen Subventionsabbau vor.
Von der Pendlerpauschale über den Sparerfreibetrag und die
Steinkohlesubventionen bis zur Eigenheimzulage: Koch (Hessen [http://www.hessen.de]) und
Steinbrück (Nordrhein-Westfalen [http://www.nrw.de]) setzten bei etlichen Staatshilfen
den Rotstift an, ohne ihre Wählerklientel zu schonen. Rund 44
Milliarden Euro - dazu zählen Hilfen für den Aufbau Ost,
Mittelstand, Forschung und Bildung - blieben verschont.
In dem 115-seitigen Konzept schlagen Koch und Steinbrück auch vor,
den ermäßigten Mehrwertsteuersatz für bestimmte
Produkte wie Lebensmittel und Trinkwasser von sieben auf acht Prozent
zu erhöhen, was dem Staat 2,4 Milliarden Euro bringen würde.
Sie wollen Subventionen und Steuervorteile von insgesamt 77,4
Milliarden Euro zwischen 2004 und 2006 nach der
«Rasenmäher-Methode» um jeweils vier Prozent
reduzieren. In erster Linie profitiert davon der Bund, die Länder
in geringerem Umfang. Das Konzept wurde als "erster Schritt"
bezeichnet, "dem weitere folgen müssen".
Die Vorschläge, die praktisch alle Teile der Gesellschaft treffen,
decken sich mit Ideen von Finanzminister Hans Eichel (SPD), sind aber
im Kürzungsvolumen deutlich geringer. Er will vor allem bei der
Pendlerpauschale und der Eigenheimzulage mehr sparen. Eichel strebt
bereits für 2004 einen Subventionsabbau von 14 Milliarden Euro an.
Er warb für Verhandlungen ohne «ideologische
Scheuklappen». Seine eigenen Vorschläge betrachte er nicht
als "Spielmaterial".
Koch und Steinbrück sprachen von einem Minimalkonsens und
bestanden darauf, die Einnahmen allein zum Stopfen der
Haushaltslöcher zu verwenden und nicht für das Vorziehen der
Steuerreformstufe 2005 auf 2004.
Opposition und Wirtschaft begrüßten die Ideen
grundsätzlich. Spitzenpolitiker von Union und FDP verlangten
allerdings, das Projekt mit Steuersenkungen auf breiter Front zu
verknüpfen, um Bürger und Wirtschaft nicht zusätzlich zu
belasten.
(Quelle: ap)
Kirchen beschweren sich über Sparpaket des hessischen
Ministerpräsidenten +++ Kürzungen träfen vor allem die
sozial Schachen
Mi.01.10.03 - Die beiden großen christlichen Kirchen haben sich in einem Brief
gegen das Sparpaket des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch
(CDU) gewandt. Die Sparmaßnahmen träfen vor allem die
Schwachen der Gesellschaft, heißt es in dem vom Mainzer Kardinal
Karl Lehmann und dem Bischof von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein,
unterzeichneten Schreiben. Wie das Bistum Mainz am Dienstag berichtete,
belaufen sich die Kürzungen bei kirchlichen Einrichtungen in
Hessen auf insgesamt sieben Millionen Euro.
Dazu komme der Ausfall von Fördermitteln des Bundes und der EU,
die an die Landeszuschüsse gebunden seien, erklärten die
Kirchen. Betroffen seien vor allem soziale Einrichtungen der Kirchen
wie Beratungsstellen für Eltern, ausländische oder
verschuldete Familien sowie Einrichtungen für Drogenabhängige
und Suchtkranke. "Wir halten es nicht für vertretbar, dass gerade
die Einrichtungen in ihrer Existenz gefährdet werden, die den
Schwachen der Gesellschaft die notwendige Hilfe zukommen lassen",
kritisierten Hein und Lehmann.
(Quelle: ap)
Steuerzahlerbund prangert Verschwendung bei Bund, Länder und
Gemeinden an
Mi.01.10.03 - Fehlplanungen, Gedankenlosigkeit und Verschwendung kosten den
Steuerzahler jährlich rund 30 Milliarden Euro. Dies schätzte
der Bund der Steuerzahler (BdSt) bei der Vorlage seines Schwarzbuches
zur öffentlichen Verschwendung in Berlin. Bund, Länder und
Gemeinden müssten angesichts leerer Kassen wirtschaftlicher und
verantwortungsvoller mit dem Geld der Bürger umgehen, verlangte
Verbandspräsident Karl Heinz Däke.
"Die 'Es ist ja nicht mein Geld'-Mentalität muss aus den
Köpfen endgültig verschwinden", sagte Däke. Er erneuerte
auch die Forderung nach Strafen für Verschwender in der
öffentlichen Verwaltung.
Mit mehr als hundert Beispielen stelle das diesjährige Schwarzbuch
nur einen Ausschnitt öffentlicher Verschwendung dar, sagte
Däke. Sie umfassten die gesamte Bandbreite von maßlosen
Baukostenüberschreitungen, Beschaffungspleiten, unnötigen
Politikerreisen, wertlosen Gutachten und unsinnigen Subventionen bis zu
Bürokratie und Korruption. Der Bund der Steuerzahler
veröffentlicht jedes Jahr im Herbst skandalöse Beispiele von
Steuergeldverschwendung.
Besonders negativ rage in diesem Jahr der lichtdurchflutete
Lärmschutztunnel auf der bayerischen A 3 in Höhe Hösbach
bei Aschaffenburg heraus, kritisierte Däke. Von den Gesamtkosten
in Höhe von 113,5 Millionen Euro für 6,4 Kilometer habe der
zwei Kilometer lange Tunnel den Großteil verschlungen, obwohl
einfache Wände ausgereicht hätten. Auch das aufwendig
konstruierte Rathaus der Gemeinde Scharbeutz in Schleswig-Holstein ist
Däke ein Dorn im Auge: Die hoch verschuldete Gemeinde hätte
auf den sechsstöckigen Turm ohne jegliche Funktion gut verzichten
können. 150.000 Euro wären dem Stadtsäckel so erspart
geblieben.
Die Gründe der Verschwendung seien vielfältig, berichtete der
Steuerzahlerbund. Zum einen lasse sich fremder Leute Geld leichter
vergeuden. Daneben trügen fehlende Kostenüberwachung und
ungehemmte Regelungswut zur Verschwendung bei. Vor allem aber
müssten Verschwender bisher so gut wie keine Sanktionen
fürchten, da niemand unmittelbar geschädigt werde,
erklärte Däke. Nichts desto trotz habe der BdSt in einigen
Fällen Strafanzeige wegen Untreue erstattet. Die entscheidenden
Hinweise kämen oft von aufmerksamen Bürgern. Der BdSt
forderte die Steuerzahler nachdrücklich auf, sich das Recht auf
einen sparsamen Umgang mit ihrem Geld nicht nehmen zu lassen und
Verschwendung anzuprangern.
(Quelle: afp)
Nettolohn schrumpft
Mi.01.10.03 - Den Beschäftigten bleibt wegen steigender Sozialabgaben immer
weniger von ihrem Gehalt. Zwar erhöhten sich von Oktober 1995 bis
2001 sowohl Brutto- als auch Nettolöhne. Zugleich sank aber der
Anteil des Nettomonatsverdiensts am Bruttogehalt im Westen von 65,1
Prozent auf 64,7 Prozent, teilte der Präsident des Statistischen
Bundesamtes, Johann Hahlen, gestern mit. Nach wie vor verdienen Frauen
weniger als Männer und Beschäftigte im Osten weniger als im
Westen. Zwar stiegen die Verdienste von Frauen seit 1995 mit einem Plus
von 20 Prozent stärker als die der Männer mit 15 Prozent.
Doch nach wie vor verdienen Frauen absolut gesehen deutlich weniger als
ihre Kollegen.
Den Angaben zufolge verdienten Mitarbeiter in der westdeutschen
Industrie, im Handel sowie Kredit- und Versicherungsgewerbe im Oktober
2001 monatlich im Schnitt 2.835 Euro brutto. Das waren 16 Prozent mehr
als vor 6 Jahren. Im Osten stieg der Bruttoverdienst um 13 Prozent.
Netto stiegen die Löhne und Gehälter um 15 Prozent im Westen
und um 12,5 Prozent im Osten. Bereinigt um die Inflation verdienten die
Beschäftigten in den neuen Ländern 3,6 Prozent mehr und im
früheren Bundesgebiet 6 Prozent mehr. Die Produktivität stieg
im gleichen Zeitraum um knapp 9 Prozent. In den erstmals erfassten
Dienstleistungsbereichen verdienten die Beschäftigten monatlich
brutto 2.727 Euro.
Die Beiträge zur Sozialversicherung stiegen zugleich von 16,4
Prozent im Jahr 1990 auf 18,7 Prozent 2001. Entsprechend verringerte
sich der Anteil des Nettoverdienstes am Brutto in den vergangenen elf
Jahren von 69,0 Prozent auf 64,7 Prozent. Und der Trend dürfte
anhalten, denn im Frühjahr 2003 stiegen sowohl die Beiträge
zur Renten- als auch zur Krankenversicherung. Hahlen zufolge
erhöhten sich von Oktober 2001 bis April 2003 die Bruttoverdienste
bundesweit um 4,1 Prozent.
(Quelle: ap)
40 Prozent der Vorschulkinder haben Sprachprobleme
Mi.01.10.03 - Sprachprobleme und damit die Aussicht auf spätere Schwierigkeiten
in der Schule sind bei Vorschulkindern häufiger als bisher
angenommen. Das ergab ein erstmals eingesetzter neuartiger Sprachtest,
den die Bielefelder Entwicklungspsychologin Hannelore Grimm entwickelt
hat. Wie die Universität Bielefeld am Dienstag berichtete, zeigten
sich bei dem Probelauf Sprachdefizite bei 40 Prozent der Kinder
zwischen vier und sechs Jahren.
Die Professorin hat nach den Angaben der Universität ein
Sprachscreening für das Vorschulalter (SSV) entwickelt und
normiert, das geeignet sein soll, eindeutig zu entscheiden, ob ein Kind
eine Sprachtherapie braucht oder nicht. Der Test könne in nur zehn
Minuten durchgeführt werden und eigne sich somit für
flächendeckende Untersuchungen.
Sowohl für Deutschland als auch international erstmalig wurden mit
diesem Verfahren fast 1.400 Vorschulkinder in einer Stadt diagnostisch
erfasst. Bielefeld eigne sich in besonderem Maße als Modellstadt,
weil neben industriellen Zentren auch ländliche Gebiete vertreten
seien und weil der Ausländeranteil hoch sei.
Die Untersuchung ergab Sprachdefizite bei 40,1 Prozent der Kinder. Das
sei eine enorm große Zahl, die man so nicht erwartet habe und die
deshalb genauer zu durchleuchten sei, erläuterte Grimm.
Zunächst zeigte die weitere Analyse, dass 15,9 Prozent der als
sprachlich auffällig eingestuften Kinder Schwierigkeiten sowohl
mit Satzbau als auch mit Aussprache hatten. Das sei die
tatsächliche Risikogruppe der eindeutig sprachdefizitären
Kinder, die mit großer Wahrscheinlichkeit später
Leseprobleme und andere schulische Schwierigkeiten ausbildeten.
Besonders betroffen sind Kinder ausländischer Eltern: Über 60
Prozent von ihnen zeigten sprachliche Auffälligkeiten, 34,5
Prozent davon wurden von der Forscherin der Risikogruppe zugerechnet.
Bei deutschsprachigen Kindern zeigten nur knapp 30 Prozent
Auffälligkeiten, davon wurden nur 9,7 Prozent als echte
Risikokinder identifiziert.
Auch über die Auswirkung des Ausländeranteils in der
Vorschulgruppe auf die Sprachentwicklung konnte die
Entwicklungspsychologin Aussagen machen. Demnach erreichen 70 Prozent
der Vorschulkinder (sowohl deutsche als auch ausländische Kinder)
normale Werte im Sprachtest, wenn der Ausländeranteil sehr gering
ist, nur 40 Prozent dagegen bei extrem hohem Ausländeranteil von
70 Prozent und mehr. Zugleich zeigte sich aber entgegen verbreiteter
Annahmen, dass sich der hohe Ausländeranteil in den Tests der
Psychologin nicht negativ auf die Leistung deutschsprachiger Kinder
auswirkte. Dagegen erlitten Ausländerkinder erhebliche Nachteile.
Bei allen Vergleichen konnten zudem keine bedeutsamen Unterschiede
zwischen den Sprachfähigkeiten von Mädchen und Jungen
gefunden werden. Auch dieses Vorurteil, dass Mädchen eine
höhere Sprachkompetenz als Jungen haben, sollte damit
endgültig vom Tisch sein, sagte die Professorin.
(Quelle: ap)
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