Aktuelle Nachrichten
Irak am zweihundertsten Tag nach Kriegsbeginn
USA nach Annans Kritik besorgt über Erfolg der neuen Irak-Resolution
+++ Frankreichs Präsident Chirac bezeichnet Resolutionstext
der USA als enttäuschend +++ US-Außenminister Powell:
Können die Last nicht einfach abwerfen. USA hätten die
Verpflichtung, die Macht an eine fähige und verantwortungsvolle
Regierung abzutreten +++ Verwirrung um Entdeckung
französischer Raketen in Irak +++ US-Waffeninspekteur Kay:
Irakische Massenvernichtungswaffen könnten außer Landes sein
+++ Ehemaliger UN-Chefkontrolleur Blix warnt US-Inspekteure für
Irak vor Übertreibungen +++ Britischer Ex-Außenminister
Cook: Blair äußerte sich privat weniger besorgt über
Iraks Waffen +++ Erstes Bataillon der neuen irakischen Armee legt
Fahneneid ab +++ US-Armee schießt auf demonstrierende irakische
Ex-Soldaten +++ Zwei US-Soldaten bei Anschlägen im Süden und
Norden von Bagdad getötet +++ Japan denkt angeblich an
Milliarden-Hilfe für Irak
So.05.10.03 - Nach der Kritik von UN-Generalsekretär Kofi Annan am neuen
US-Vorschlag für eine Irak-Resolution sieht Washington die sicher
geglaubte Zustimmung im Sicherheitsrat in Gefahr. "Das macht uns einige
Probleme", zitiert die "New York Times" einen Beamten des
Außenministeriums. Annan hatte das von Washington vorgeschlagene
Mandat der Vereinten Nationen im Irak als "undurchführbar"
abgelehnt.und sich damit ungewöhnlich deutlich gegen die USA
gestellt. Mehrere Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates - darunter China,
Chile, Mexiko und Syrien - kündigten nach Angaben ihrer UNO-
Botschafter an, nach Annans Kritik ihre Position zu überdenken.
Auch Frankreichs Präsident Jacques Chirac sieht kaum Fortschritte
bei dem Streit über eine Resolution der Vereinten Nationen (UNO)
zum Wiederaufbau im Irak.
Der jüngste Entwurf der USA sei enttäuschend, sagte Chirac am
Samstag. Zuvor hatte auch Russlands Präsident Wladimir Putin den
Text der USA kritisiert. Bundeskanzler Gerhard Schröder verlangte
eine stärkere Rolle der UNO bei dem Wiederaufbau, einem der
Hauptstreitpunkte zwischen den USA und anderen Staaten.
US-Außenminister Colin Powell sagte, sein Land sei offen für
Änderungsvorschläge. Die USA wollen mit einer neuen
Resolution erreichen, dass sich weitere Länder am Wiederaufbau im
Irak beteiligen.
"Ich werde Ihnen nicht verheimlichen, dass er uns eher enttäuscht
hat", sagte Chirac in Rom zu dem US-Entwurf. "Es gibt kaum
Fortschritte." Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am Vortag
von einem unbefriedigenden Entwurf gesprochen.
Schröder sagte der ägyptischen Zeitung "El Ahram", der UNO
müsse eine zentrale Rolle bei dem zivilen Wiederaufbau zukommen.
"Es geht vor allem um die Erarbeitung eines realistischen Zeitplans
für die Übertragung der politischen Verantwortung auf
irakische Stellen, die so rasch wie möglich erfolgen sollte". Er
betonte, dass eine militärische Beteiligung Deutschlands nicht
geplant sei.
US-Außenminister Powelle sagte am Freitag vor Journalisten: "Wir
sind sehr an konkreten Vorschlägen von ihnen (den Kritikern)
interessiert, weil wir hoffen, eine möglichst breite Zustimmung zu
der Resolution zu erhalten". Er stehe unter anderem in Kontakt mit
Annan und Frankreich. Ein wichtiger Diskussionspunkt sei der Zeitpunkt
der Übergabe der Regierungsgewalt an die Iraker, sagte Powell. Die
USA hätten die Verpflichtung, die Macht an eine fähige und
verantwortungsvolle Regierung abzutreten, "und sie nicht einfach
abzugeben, weil zwei oder drei Monate vergangen sind und wir uns von
einer Last befreien wollen", sagte Powell.
Die USA streben wegen der anhaltenden Verluste unter den US- und
britischen Soldaten im Irak sowie der hohen finanziellen Belastung eine
Beteiligung anderer Staaten am Wiederaufbau an. Der neue US-Entwurf
betont zwar die Notwendigkeit einer Machtübergabe an die Iraker,
sieht aber dafür und für das Ende der US-Besatzung keinen
konkreten Zeitplan vor.
Berichte über den Fund vier französischer Boden-Luft-Raketen
in Irak haben am Samstag für Verwirrung gesorgt. Polnische
Soldaten entdeckten die Geschosse vom Typ Roland Anfang der Woche im
Süden Iraks und zerstörten sie anschließend. Die
polnische Regierung korrigierte nach einer Intervention des
französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac jedoch
Angaben, wonach die Raketen in diesem Jahr produziert worden seien.
UN-Sanktionen verbieten seit 1990 den Verkauf von Waffen nach Irak. Die
französische Regierung betonte, Frankreich habe sich an das
Embargo gehalten. Präsident Chirac verwies darauf, dass die
betreffenden Waffen seit 15 Jahren nicht mehr hergestellt würden.
Frankreich gehörte in den 80er Jahren zu den Waffenlieferanten
Iraks.
Tadeusz Iwinski, ein Mitarbeiter des polnischen
Ministerpräsidenten Leszek Miller, sprach von einem Irrtum. Auch
Verteidigungsminister Jerzy Szmajdzinski äußerte sein
Bedauern über die Erklärung eines Ministeriumssprechers,
wonach die gefundenen Raketen 2003 gebaut worden seien. Iwinski sagte,
Miller habe Chirac am Rande des EU-Verfassungsgipfels in Rom am Samstag
zwei Mal getroffen, um ihm den Irrtum zu erklären.
"Fälschlicherweise wurde erklärt, dass die Raketen in diesem
Jahr produziert worden seien", sagte Iwinski. Die Sache sei jetzt
geklärt, und Chirac habe die Erklärung Millers akzeptiert.
Der Chef des US-Inspektorenteams, David Kay, hält es für
möglich, dass irakische Waffen vor dem Sturz von Saddam Hussein
außer Landes geschafft wurden. Es gebe "zahlreiche Berichte" von
Irakern darüber, dass "Substanzen" über die Grenze gebracht
worden seien, sagte Kay am Freitag auf die Frage, ob chemische oder
biologische Waffen aus Irak ins Ausland geschafft worden seien. Es habe
"Bewegungen" nach Iran, Syrien und Jordanien gegeben. Zumindest
für letztere beiden Länder sei es sicher, dass ranghohe
irakische Militärs und Wissenschaftler vor, während und nach
dem Krieg dorthin gegangen seien. Die Iraq Survey Group (ISG) wisse
derzeit aber noch nicht, ob diese Bewegungen im Zusammenhang mit
Massenvernichtungswaffen gewesen seien.
Derweil hat der ehemalige UN-Chefkontrolleur für Irak, Hans Blix,
die Waffeninspekteure der USA davor gewarnt, ihre Berichte
aufzubauschen. "Wir wollen keine neue Epidemie des Aufbauschens", sagte
Blix der britischen Zeitung "The Independent" (Samstagsausgabe). Der am
Donnerstag vorgestellte Zwischenbericht von US-Chefinspekteur David Kay
enthalte nichts, was auf die "ernsthafte und augenblickliche Bedrohung"
hinweise, mit der die Londoner Regierung den Irak-Krieg gerechtfertigt
habe. Der britische Regierungschef Tony Blair hätte die Lage in
Irak kritischer beurteilen müssen, sagte Blix der Zeitung weiter.
Nach Blix' Auffassung stellte Irak keine unmittelbare Gefahr dar.
Der britische Premierminister Tony Blair hat sich seinem früheren
Minister Robin Cook zufolge privat weniger besorgt über das
irakische Waffenarsenal geäußert als in der
Öffentlichkeit. Blair habe vor dem Irak-Krieg im privaten Rahmen
eingestanden, die Regierung von Saddam Hussein verfüge nicht
über schnell einsetzbare Chemiewaffen, schreibt der wegen des
Irak-Kriegs zurückgetretene Ex-Minister Cook in einem von der
Londoner Zeitung "Sunday Times" als Serie veröffentlichten Buch.
Bei einem Gespräch mit Blair zwei Wochen vor Kriegsbeginn habe er
den Eindruck gehabt, dieser sei trotz der Fortschritte der
UN-Waffeninspekteure in Irak entschlossen gewesen, in den Krieg zu
ziehen. "Etliche" Minister hätten sich gegen eine britische
Beteiligung an dem Militäreinsatz ausgesprochen, schreibt Cook in
dem auf Tagebuchnotizen basierenden Buch über die Zeit vor dem
Irak-Krieg.
Derweil hat das erste Bataillon der neuen, vom US-Militär
geführten irakischen Armee, den Fahneneid abgelegt. Die 700
Soldaten hätten im Ausbildungslager Kirkusch eine neunwöchige
Grundausbildung absolviert. Sie würden nun an der Seite der 4. US-
Infanteriedivision zur Sicherung der irakischen Staatsgrenze beitragen.
Das teilte die US-Verwaltung in Bagdad mit. Das US-Militär hat
bislang 3000 Mann für die neue irakische Armee rekrutiert, die die
Grundausbildung absolvieren sollen, geplant sind 40 000.
Bei einer Demonstration in der südirakischen Stadt Basra ist am
Samstag ein Iraker von den US-geführten Streitkräften
erschossen worden. Die Armee habe Ermittlungen über den "sehr
ernsten" Vorfall eingeleitet, sagte ein britischer
Militärsprecher. Den Angaben zufolge hatten am Morgen hunderte
Iraker in Basra demonstriert. Zu den Gründen der Proteste wollte
sich der Sprecher zunächst nicht äußern. Einem
Augenzeugen zufolge standen Soldaten des entmachteten irakischen
Staatschefs Saddam Hussein vor einem Gebäude im Hafen von Basra
an, um ihren Sold abzuholen, als es zu dem tödlichen Zwischenfall
kam.
Ein US-Soldat ist in der Nacht zum Samstag im Süden Bagdads
bei einem Anschlag getötet worden. Ein weiterer US-Soldat sei
verletzt worden, als unbekannte Täter mit Panzerfäusten und
Schnellfeuerwaffen auf eine US-Patrouille schossen. Das bestätigte
eine Sprecherin des US-Militärs in Bagdad.
Ein weiterer US-Soldat kam am Samstag bei einem Angriff irakischer
Rebellen nördlich von Bagdad ums Leben. Ein Soldat wurde
verletzt. Der Angriff ereignete sich in der 100 Kilometer nördlich
von Bagdad gelegenen Stadt Sadijah. Damit wurden seit 1. Mai, als
Präsident George W. Bush die Hauptkampfhandlungen in Irak für
beendet erklärte, 88 US-Soldaten bei Angriffen getötet.
Japan prüft nach einem Bericht der Tageszeitung "Yomiuri Shimbun"
Hilfen zum Wiederaufbau des Irak im Volumen von über 1,5
Milliarden Dollar.
Unter Berufung auf Regierungskreise berichtete die Zeitung in ihrer
Samstagsausgabe, Einzelheiten zu den finanziellen Hilfen und der
Stationierung von Soldaten im Irak wolle Ministerpräsident
Junichiro Koizumi US-Präsident George W. Bush während dessen
Japan-Besuchs erläutern. Bush wird am 17. Oktober in Japan
erwartet.
Dem Bericht zufolge sollen die ersten Gelder nicht zurückgezahlt
werden müssen, während die Masse der für 2005
vorgesehenen Hilfe als Kredite gewährt werden sollen. Um die
Gelder freizumachen, könnte die Entwicklungshilfe für andere
Länder gekürzt werden, hieß es unter Berufung auf hohe
Kreise des Außenministeriums weiter.
Die Nachrichtenagentur Kyodo meldete am Samstag unter Berufung auf
Regierungskreise, Japan könne im Dezember ein Vorauskommando von
etwa 100 Soldaten in den Südirak entsenden. Sie sollten die
Stationierung von 600 bis 700 Soldaten vorbereiten. Die Einheiten
sollten helfen, die medizinische Versorgung sowie die Wasser-Versorgung
zu verbessern.
(Quellen: dpa, afp, rtr, ap)
«Der erste und gewalttätigste rogue state ist derjenige, der
das Völkerrecht, als dessen Vorkämpfer er sich ausgibt,
missachtet hat und fortwährend verletzt, jenes Völkerrecht,
in dessen Namen er spricht und in dessen Namen er gegen die sogenannten
rogue states in den Krieg zieht, wann immer es sein Interesse gebietet.
Nämlich die USA...»
Mehr bei telepolis unter:
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/buch/15726/1.html
Unter dem Titel "Lämmer und Wölfe der neuen Weltordnung "
bespricht Niels Werber im Netzmagazin telepolis (05.10.03) das Buch
"Schurken" von Jacques Derrida (Suhrkamp: Frankfurt/Main 2003. 220 S.,
€ 24,90)
Terror-Abwehr über New York
US-Kampfpiloten üben mit F-16-Jägern über New York den
Abschuss von Passagiermaschinen, um deren Missbrauch durch Terroristen
wie am 11. September 2001 zu verhindern. Die US-Armee probt das
Szenario jede Woche - die Piloten sollen sich an den Gedanken
gewöhnen, notfalls ein Flugzeug voller unschuldiger Menschen
abzuschießen
(Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 04.10.03)
|
100.000 fordern bessere Lebensbedingungen für Einwanderer in USA
Sa.04.10.03 - Bis zu 100.000 Einwanderer und Gewerkschafter haben am Samstag auf
einer Kundgebung in New York für bessere Lebensbedingungen der
Immigranten in den USA demonstriert. Mit der Veranstaltung im Flushing
Meadows Park im Stadtteil Queens ging eine zweiwöchige Kampagne zu
Ende, im Rahmen derer hunderte Demonstranten in Buskonvois quer durchs
Land gefahren waren.
Die meisten Teilnehmer der Abschlusskundgebung waren
lateinamerikanischer Abstammung. Die Demonstranten forderten bessere
Arbeitsbedingungen, einen gesicherten Rechtsstatus sowie weitere
Reformen zu Gunsten nicht registrierter Arbeiter. Zu den Teilnehmern
gehörten Kardinal Edward Egan von der Erzdiözese New York und
der neue Bischof von Brooklyn, Nicholas DiMarzio. Er forderte, die
Immigranten verdienten Gerechtigkeit. DiMarzio leitete früher den
Migrations- und Flüchtlingsdienst der katholischen Kirche in den
USA. Die US-Gesellschaft nehme zwar von den Immigranten, gebe ihnen
selbst aber nichts zurück, sagte der Bischof.
Die Kampagne unter dem Motto "Freiheitsfahrt der eingewanderten
Arbeiter" [http://www.iwfr.org/] lehnt sich an die so genannten Freiheitsfahren der
Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre an. Damals fuhren Schwarze und
Weiße gemeinsam mit Bussen quer durch die USA, um gegen die
Rassentrennung zu kämpfen. In den USA leben schätzungsweise
neun Millionen Einwanderer illegal.
(Quelle: ap)
Selbstmord-Attentäterin tötet mindestens 19 Menschen in Haifa
+++ Anschlag traf 'Symbol der Koexistenz' +++ Schröder:
Wir weinen um die Kinder +++ Dschihad bekennt sich zu Attentat +++
Arafat: Attentat schadet den Interessen der Palästinenser
+++ Israel kündigt 'scharfe' Reaktion an +++ Israelische
Hubschrauber feuern Raketen im Gazastreifen ab +++ Friedensaktivisten
wollen Arafat schützen
Sa.04.10.03 - Eine palästinensische Selbstmordattentäterin hat sich am
Samstag in einem Restaurant in Haifa in die Luft gesprengt und
mindestens 19 Menschen getötet, darunter drei Kinder.
Rund 50 Menschen seien verletzt worden, teilte die Polizei mit. Die
militante Palästinenser-Gruppe Islamischer Dschihad bekannte sich
zu dem Anschlag einen Tag vor dem jüdischen Versöhnungsfest
Jom Kippur. Israel machte die Palästinenser- Regierung dafür
verantwortlich und dürfte mit Härte reagieren.
Palästinenser-Präsident Jassir Arafat verurteilte den
Anschlag. Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach den Familien sein
Mitgefühl aus. Auch US-Präsident George W. Bush verurteilte
das Attentat.
"Es war eine Frau, die den Sprengsatz trug", sagte ein Polizeisprecher.
Sie sei zwischen 20 und 30 Jahre alt gewesen. Die Attentäterin sei
an einem Wachmann vorbei in das beliebte Restaurant "Maxim "
eingedrungen, als dort viele Familien beim Mittagessen saßen.
"Plötzlich hörten wir eine riesige Explosion", sagte ein
Zeuge. "Es gab nicht viel, was wir hätten tun können. Familien
lagen tot um die Tische, Kindern wurden Gliedmaßen abgerissen."
Sanitäter sagten, unter den Toten sei auch ein Säugling.
Das Attentat ereignete sich in der Nähe eines belebten Strandes in
der Stadt am Mittelmeer. Benommene Menschen in Badekleidung liefen am
Tatort umher. Zu den Opfern zählen auch vier Araber.
Vor 40 Jahren wurde das Restaurant "Maxim" am Strand der
nordisraelischen Hafenstadt Haifa von einer arabischen und
jüdischen Familie gegründet. Das "Maxim" war ein bei Juden,
Muslimen und Christen gleichermaßen beliebter Treffpunkt. "Dieses
Restaurant war ein Symbol der Koexistenz", sagte Nir Muli, Enkel der
jüdischen Gründer, nach dem Anschlag. "Wir dachten nie, dass
uns das geschehen kann."
Dabei ist Haifa in den vergangenen drei Jahre sechs Mal von
Selbstmordattentätern angegriffen worden, 74 Menschen wurden
getötet. In der Stadt leben 223.000 Juden und 47.000 Araber
zusammen, vielleicht haben es terroristische Angreifer deshalb leichter,
sich unter die Leute zu mischen. Araber und Juden kaufen in denselben
Geschäften ein und benutzen dieselben Busse. Es ist eine bislang
friedliche Koexistenz, obwohl die israelischen Araber in Zeiten der
Gewalt fürchterlich zwischen die Fronten des
israelisch-palästinensischen Konflikts geraten.
Ein Fünftel der 6,6 Millionen israelischen Staatsbürger sind
Araber. Die Mehrheit der arabischen Bürger Israels beteiligt sich
nicht an dem Kampf, obwohl in den Jahren der Konfrontation bei einigen
die Positionen gegen Israel auch infolge von Diskriminierung härter
geworden sind.
Der Islamische Dschihad hat sich inzwischen zu dem Selbstmordanschlag
bekannt. Die Attentäterin sei die Juristin Hanadi Tajseer
Dscharadat aus Dschenin im Westjordanland, teilte die Organisation der
Nachrichtenagentur Reuters mit. Sie habe Rache genommen für
den Tod ihres Bruders und ihres Cousins. Die beiden Männer seien
Mitglieder des Islamischen Dschihad und von Israels Soldaten
getötet worden.
Die Familie der 27-jährigen Hanadi Dscharadat berichtet, die
spätere Attentäterin habe ihr Haus am Samstag früher als
sonst verlassen, nämlich gegen 7.30 Uhr. Die angehende
Rechtsanwältin habe niemanden gesagt, wohin sie gehe. Das
Motiv für ihre Tat scheint indes klar zu sein: "Das Einzige, was
sie dazu getrieben haben könnte, ist die Rache für den Tod
meines Bruders", sagte ein anderer ihrer Brüder, der
15-jährige Thaher.
Am 12.Juni seien israelische Soldaten auf der Suche nach ihrem Cousin
Salah, der Mitglied des Islamischen Dschihad war, zu ihrem Haus
gekommen. Sie hätten Salah und Hanadis Bruder Fadi erschossen.
Seine Schwester habe die Schüsse gehört und noch versucht,
dem verletzten Bruder zu helfen, berichtete Thaher weiter. Israelische
Soldaten hätten sie aber weggetrieben. Seit dem Tod des Bruders
habe Hanadi täglich gefastet und angefangen, den Koran zu lesen.
Alle seien betroffen gewesen, als sie gehört hätten, dass sie
für das Attentat verantwortlich war, sagte Thaher Dscharadat.
"Aber wir haben auch Glückwünsche bekommen. Warum sollten wir
weinen? Es ist wie ihr Hochzeitstag heute, es ist der glücklichste
Tag für sie."
Israel will "mit aller Härte" auf den Selbstmordanschlag von Haifa
reagieren. Israelische Hubschrauber haben am frühen Sonntagmorgen
Raketen auf Ziele im Gazastreifen abgefeuert. Opfer gab es offenbar
keine. Wie Augenzeugen berichteten, wurden zwei Raketen auf ein kleines
Haus in der Nähe des Strandes von Gaza-Stadt und des Amtssitzes des
palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat abgefeuert. Dort
war Arafat aber schon fast zwei Jahre nicht mehr. Das Haus war
unbewohnt. Etwas später wurden drei Raketen auf ein Haus im
Flüchtlingslager Bureidsch im Gazastreifen abgefeuert.
Die israelische Armee erklärte, es seien zwei Waffenlager der
Hamas angegriffen worden. Bei den Angriffen handelte es sich offenbar um
eine Reaktion auf den Selbstmordanschlag in Haifa. Das israelische
Kabinett hatte danach über eine Vergeltung beraten. Eine
Entscheidung wurde aber nicht bekannt gegeben. Zuvor war auch über
eine "Entfernung" Arafats diskutiert worden.
Das Haus bei Gaza gehört der Familie Kanita, einer der
größten im Gazastreifen. Es stand zur Zeit des Angriffs leer.
Wie es hieß, gehören einige Mitglieder der Familie Kanita
den radikalen Organisationen Hamas oder Islamischer Dschihad an. Das
Haus in Bureidsch gehört Morschet Schahin, einem Führer des
Islamischen Dschihad. Anwohnern zufolge überlebte er den Angriff.
Es sei zwar Schaden entstanden, Opfer habe es aber nicht gegeben,
hieß es.
Das Attentat von Haifa dürfte den Druck auf die Regierung von
Ministerpräsident Ariel Scharon erhöhen, die Mitte September
beschlossene Ausweisung Arafats umzusetzen. "Arafat ist ein lebendes
Hindernis für den Frieden geworden", sagte Israels
Wissenschaftsminister Elieser Sandberg Reuters. "Es ist zwingend
erforderlich, dass wir ihn los werden."
"Das ist die direkte Folge des mangelnden Willens der
Palästinenser-Regierung, ihre terroristische Infrastruktur
aufzulösen und die notwendigen Festnahmen von gesuchten Terroristen
vorzunehmen", sagte ein Sprecher Scharons.
Arafat erklärte, der Anschlag schade den Interessen der
Palästinenser, indem er Israel "einen Vorwand für die
Behinderung der internationalen Friedensbemühungen" liefere. Die
Explosion sei eine Abkehr vom nationalen Konsens in einer kritischen
Lage.
In der Nacht stellten sich Dutzende Friedensaktivisten in Ramallah als
menschliche Schutzschilde für Palästinenserpräsident
Jassir Arafat zur Verfügung. Sie befürchten seine Ausweisung.
Der designierte palästinensische Ministerpräsident Ahmed
Korei rief zu einem Ende der Angriffe auf Zivilisten auf. Sie schadeten
dem legitimen und gerechten Kampf der Palästinenser und
müssten vollständig eingestellt werden.
"Gleichgültig wo wir politisch stehen, wir weinen um die Kinder",
sagte Schröder in Kairo zu Beginn seiner fünftägigen
Nahost-Reise. Sein Mitgefühl gelte auch den Vätern,
Müttern und Angehörigen der Opfer. "Der Auftakt meiner Reise
nach Ägypten, aber auch in die arabische Welt steht unter einem
sehr, sehr traurigen Stern."
"Der abscheuliche Angriff unterstreicht einmal mehr die Verantwortung
der palästinensischen Regierung, den Terror zu bekämpfen",
sagte Bush. Der Terror sei das Haupthindernis für die Vision von
zwei Staaten, die in Sicherheit und Frieden nebeneinander bestehen. Der
Nahost-Friedensplan sieht ein Ende der Gewalt und die Schaffung eines
Palästinenser-Staates bis 2005 vor.
(Quellen: ap, rtr)
+++ A k t u e l l e M e l d u n g +++ Sonntag 5.Oktober 2003 - 18:00 +++++++++
Israel greift Palästinenser-Lager in Syrien an
Jerusalem/Damaskus (AFP) - Als Vergeltung für den blutigen Selbstmordanschlag in Haifa hat
Israel erstmals seit mehr als 20 Jahren einen Angriff in Syrien
geflogen. Ziel sei ein Ausbildungslager der für den Anschlag
verantwortlichen radikalen Palästinenserorganisation Islamischer
Dschihad gewesen, teilte das Militär mit. Der israelische
Regierungssprecher Raanan Gissin schloss weitere Angriffe auf Ziele in
Syrien nicht aus. Syrien forderte eine "sofortige Sitzung des
UN-Sicherheitsrates".
In dem Lager rund 20 Kilometer nordwestlich von Damaskus wurden nach
israelischen Armeeangaben Mitglieder des Islamischen Dschihad und der
radikalislamischen Hamas im Guerillakrieg ausgebildet. Die Einrichtung
werde von Syrien unterstützt und von Iran finanziert.
Der syrische Außenminister Faruk el Schara sprach in einem Brief
an UN-Generalsekretär Kofi Annan von einem
völkerrechtswidrigen Angriff auf ein ziviles Ziel. Ein Sprecher
des Islamischen Dschihad in Beirut bestritt, dass seine Organisation in
Syrien über Lager oder Kämpfer verfüge. Die Volksfront
für die Befreiung Palästinas - Generalkommando (PFLP-GC) mit
Sitz in Syrien erklärte, sie habe das von ihr früher als
Ausbildungslager genutzte Gelände vor mehr als einem Jahr
geräumt und dort palästinensische Flüchlingsfamilien
untergebracht. Durch den Angriff seien Zivilisten verletzt worden.
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nannte den Luftangriff "nicht
akzeptabel". Der Friedensprozess werde komplizierter, wenn die
Souveränität eines anderen Landes verletzt werde, sagte
Schröder nach einem Treffen mit dem ägyptischen
Präsidenten Husni Mubarak in Kairo.
In der Nacht griff die israelische Armee auch Ziele im Gazastreifen an:
Laut Augenzeugen feuerten Hubschrauber im Flüchtlingslager El
Bureidsch zwei Raketen auf das Haus eines Mitglieds des Islamischen
Dschihad. Die Armee zerstörte das Haus der Haifa-Attentäterin
in Dschenin im Westjordanland sowie ein Haus eines örtlichen
Anführers des Islamischen Dschihad. Die wichtigste Straße
durch den Gazastreifen wurde gesperrt.
Für den Fall eines israelischen Angriffs auf
Palästinenserpräsident Jassir Arafat versammelten sich in
dessen Hauptquartier in Ramallah Pazifisten als "menschliche
Schutzschilde", unter ihnen auch mehrere Israelis. Ein hoher
israelischer Regierungsbeamter sagte, Arafat werde zur gegebenen Zeit
ausgewiesen: "Die Uhr läuft bereits".
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Mutmaßliche Taliban-Kämpfer greifen Regierungsgebäude
in Afghanistan an
Sa.04.10.03 - Rund 50 mutmaßliche Taliban-Kämpfer haben ein
Regierungsgebäude im Süden Afghanistans angegriffen. Wie die
Provinzregierung von Sabul am Samstag mitteilte, konnten
Sicherheitskräfte die Attacke vom Freitagabend abwehren. Bei dem
Schusswechsel seien zwei Angreifer getötet und drei weitere
verletzt worden. Der Angriff galt dem Sitz des Bürgermeisters im
Bezirk Chak-e-Afghan, 190 Kilometer nordöstlich von Kandahar. Nach
Angaben des stellvertretenden Gouverneurs Mullah Mohammed Umer wurden
keine Verwaltungsmitarbeiter verletzt.
50 Kilometer nordwestlich von Kandahar schossen Unbekannte am Samstag
aus dem Hinterhalt auf das Auto einer Minenräumorganisation. Bei
der Attacke in der Nähe des Flüchtlingslagers Jeri Daschat
sei der Fahrer des Wagens verwundet worden, teilten die Behörden
mit. Die Minenräumarbeiten seien vorübergehend eingestellt
worden.
Auf zwei US-Stützpunkte im Osten des Landes wurden Raketen
abgefeuert. Wie ein Militärsprecher am Samstag mitteilte,
verfehlten die Geschosse jedoch ihr Ziel und niemand wurde verletzt.
Die erste Rakete sei am Freitag neben einem Koalitionsstützpunkt
in Sormat in der Provinz Paktika gelandet, berichtete Oberst Rodney
Davis. Der zweite Angriff habe einem US-Lager in der Provinz Chost
gegolten.
In der Hauptstadt Kabul fand am Samstag eine Trauerfeier für zwei
bei einer Minenexplosion getötete Friedenssoldaten aus Kanada
statt. "Sie haben den höchsten Preis für die Verteidigung des
Volkes in Kabul und dem ganzen Land gezahlt", sagte General Andrew
Leslie, stellvertretender Oberkommandierender der NATO-geführten
Afghanistan-Schutztruppe (ISAF), vor 200 Trauernden auf der kanadischen
Militärbasis.
Noch ist unklar, ob es sich bei der Explosion unter dem Wagen der
Soldaten am Donnerstag um einen Anschlag oder einen tragischen Unfall
handelte. Bei dem Vorfall in einer hügeligen Gegend am Stadtrand
wurden drei weitere kanadische ISAF-Soldaten verletzt. Die Leichen
ihrer getöteten Kameraden sollten am Samstag nach Kanada
übergeführt werden.
(Quelle: ap)
«Die Unterdrückung und Bedrohung von Frauen und Mädchen in
Afghanistan hält an»
«Aktuelle Berichte über Brandanschläge auf
Mädchenschulen in Afghanistan deuten an, dass der Krieg der
US-geführten Streitkräfte gegen die Taliban-Diktatur den
Frauen kaum Freiheit gebracht hat. Die Vermutungen über die
Täter reichen von "islamistischen Extremisten" über
"Aufständische" bis hin zu, so ein Sprecher des afghanischen
Informationsministeriums, den Taliban. In ihrem Buch Risse im
Patriarchat kritisiert Judith Huber indes die generell andauernde
Rechtlosigkeit von Frauen. Sie würden heute die unter den Taliban
vorgeschriebene Burka als "Selbstschutz" tragen, denn wegen der
Vollverschleierung könnten Vergewaltiger nicht erkennen, ob ihr
mögliches Opfer schön oder hässlich sei. (...)
Besonders in den ländlichen Regionen hat sich die Situation
für Mädchen und Frauen in den vergangenen Monaten weiter
verschlimmert. In Herat wurde die Bevölkerung aufgerufen, Frauen
zu beobachten und sie bei so genanntem 'unislamischen' Verhalten durch
Schläge zu bestrafen. Von der Polizei in Herat wird berichtet,
dass Frauen und Mädchen in Begleitung von Männern, die nicht
zur Familie gehören, zu gynäkologischen Untersuchungen im
Krankenhaus gezwungen wurden, um festzustellen, ob möglicherweise
ein sexueller Kontakt stattgefunden hat. Dabei handelt es sich nicht um
Einzelfälle, sondern um die offizielle Haltung der regionalen
Verwaltung...»
Mehr bei telepolis (03.10.03) unter:
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/buch/15762/1.html
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Iran und IAEA einigen sich auf Atomkontrollen
Sa.04.10.03 - Teheran und die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) haben
sich nach iranischen Angaben auf einen Zeitplan für umfassende
Atomkontrollen geeinigt. "Wir haben absolute Übereinstimmung
über Maßnahmen erreicht, die den Beweis für die rein
friedliche Nutzung unseres Nuklearprogramms erbringen werden", sagte
der iranische IAEA-Gesandte Ali Akbar Salehi am Samstag.
Am Donnerstag war eine IAEA-Delegation zu Verhandlungen in die
iranische Hauptstadt gereist. Am Freitag habe das Team Teheran "mit
vollster Zufriedenheit" wieder verlassen, erklärte Salehi. Von der
internationalen Atombehörde gab es zunächst keine
Stellungnahme.
Spuren von hoch angereichertem Uran und andere Hinweise auf Pläne
zum Bau von Atomwaffen veranlassten das Direktorium am 12. September,
Iran ein Ultimatum bis Ende Oktober zu stellen. Bis dahin soll Teheran
Beweise vorlegen, dass sein Atomprogramm ausschließlich der
Energiegewinnung und damit friedlichen Zwecken dient.
Zudem fordert die IAEA von Iran die Unterzeichnung eines
Zusatzprotokolls zum Atomwaffensperrvertrag, mit dem sich Teheran auch
zu Kontrollen nicht atomarer Anlagen bereit erklären soll.
Andernfalls will die IAEA bei ihrer nächsten Sitzung im November
den Weltsicherheitsrat anrufen, der Sanktionen gegen Iran erheben
könnte.
Salehi zeigte sich bereit, der UN-Behörde eine Liste von
importierten Ausrüstungsgegenständen zu übergeben, die
nach iranischer Darstellung bereits bei der Einfuhr mit
waffenfähigem Uran kontaminiert waren. "Der Zug hat sich in
Bewegung gesetzt", sagte er. "Und wir sind übereingekommen, ihn
weiter zu beschleunigen." Gleichwohl sei der 31. Oktober als Ultimatum
nicht der maßgebliche Zeitrahmen für Teheran.
Am Freitag hatte der ehemalige iranische Präsident Haschemi
Rafsandschani die Zusammenarbeit seines Landes mit der IAEA an
Bedingungen geknüpft. Man werde den Inspekteuren mehr Zugang
gewähren, wenn diese "die Sicherheit des Landes" nicht verletzten,
sagte er. Dies heißt nach Ansicht von Beobachtern, dass
militärische Einrichtungen von den Kontrollen ausgenommen werden
sollen.
(Quelle: ap)
Nordkorea fehlen eine Million Tonnen Nahrungsmittel
Sa.04.10.03 - Nordkorea braucht nach Angaben der südkoreanischen Regierung
dieses Jahr noch rund 1,1 Millionen Tonnen Nahrungsmittelhilfe
zusätzlich, um eine Hungersnot abzuwenden. In einem Bericht an die
Regierung kalkuliert das Ministerium für Wiedervereinigung in
Seoul, dass das stalinistisch regierte Nachbarland mindestens 6,32
Millionen Tonnen Nahrung für seine 22 Millionen Einwohner braucht.
Dem stünden 4,13 Millionen Tonnen selbst produzierte
Nahrungsmittel, 580.000 Tonnen Importe sowie 510.000 Tonnen
Hilfsgüter gegenüber. Sollte die Lücke von 1,1 Millionen
Tonnen nicht durch Hilfslieferungen gefüllt werden, seien mehr als
drei Millionen Menschen vom Hunger bedroht.
(Quelle: afp)
Europäische Union steckt im Verfassungsstreit Positionen ab +++
EU-Regierungskonferenz in Rom endet ohne greifbares Ergebnis +++
EU-Staaten versprechen Bürgern rasche Einigung auf EU-Verfassung
Sa.04.10.03 - Bei der gestrigen EU-Regierungskonferenz konnten die Staats- und
Regierungschefs der 15 Mitgliedsstaaten und der 10 Beitritts-
länder ihre Meinungsverschiedenheiten über die künftige
EU-Verfassung nicht ausräumen. Während zum Beispiel
Deutschland den Entwurf des EU-Konvents übernehmen will, verlangen
einige kleinere Staaten Änderungen. Dabei geht es unter anderem um
die künftige Zahl der EU-Kommissare sowie um die Stimmgewichtung
im Ministerrat. Vertreter mehrerer Regierungen betonten in Rom, man
wolle die Verhandlungen zügig abschließen,
möglicherweise noch in diesem Jahr.
Bundeskanzler Gerhard Schröder rief dazu auf, den Entwurf des
EU-Verfassungskonvents zu übernehmen. Die EU müsse auch nach
der Erweiterung im kommenden Jahr handlungsfähig sein.
"Erweiterungsprozess und Verfassungsprozess sind zwei Seiten einer
Medaille", sagte er.
Der Bundeskanzler warnte vor umfangreichen Änderungswünschen.
"Jeder, der den Konsens aufbricht, muss einen neuen schaffen", sagte
er. Der Verfassung müssen am Ende alle 25 Staaten zustimmen. Doch
die Mehrheit der EU-Staaten hält an ihren Forderungen nach
entscheidenden Änderungen fest. Berlusconi räumte ein, dass
es noch fundamentale Gegensätze gebe. Die Verhandlungen
würden schwierig werden.
Der polnische Ministerpräsident Leszek Miller und sein spanischer
Kollege Jose Maria Aznar verlangten erneut, die Stimmgewichtung des
Nizza-Vertrages zu übernehmen. Dies würde Polen und Spanien
bedeutend mehr Einfluss im EU-Ministerrat geben als nach dem
Verfassungsentwurf des EU-Reformkonventes. Diese Versammlung aus 105
Vertretern der Regierungen, Parlamente und der EU-Kommission hatte eine
neue Mehrheitsformel vorgeschlagen, die die
Bevölkerungsgröße stärker berücksichtigt.
Dies würde Deutschland stärken.
Frankreichs Präsident Jacques Chirac beharrte jedoch auf dem
System des Konvents. Sowohl die Zahl der Staaten als auch die
Größe ihrer Bevölkerung müsse berücksichtigt
werden, sagte er. "Es ist eine Tatsache, dass die Deutschen mit 80
Millionen zahlreicher sind als die Spanier", sagte Chirac.
Während bei einem Außenministertreffen am Gardasee im
September die Gegensätze noch hart aufeinander prallten,
bemühten sich die Staats- und Regierungschefs in Rom um eine gute
Atmosphäre. "Ein sehr konstruktiver, neuer Geist hat sich heute
gezeigt", sagte der österreichische Bundeskanzler Wolfgang
Schüssel, der als einer der Wortführer der kleinen EU-Staaten
gilt. Bundesaußenminister Joschka Fischer sagte, die
Verhandlungen seien ganz anders verlaufen als nach den
öffentlichen Verlautbarungen dazu zu erwarten gewesen sei.
Schüssel bekräftigte jedoch seine Forderung, dass auch
künftig jedes Land einen stimmberechtigten EU-Kommissar stellen
müsse. Als Kompromiss deutete er an, dass einige dieser Kommissare
kein eigenes Aufgabengebiet haben müssten. Entscheidend sei ihr
Stimmrecht.
Vor allem Deutschland dringt auf eine kleinere Kommission, um die
zentrale EU-Behörde zu straffen und nicht ausufern zu lassen. Ein
Teilnehmer der Sitzung berichtete, mindestens zwölf Länder
hätten sich der österreichischen Position angeschlossen,
niemand habe sie ausdrücklich abgelehnt. Schröder
äußerte sich nicht zu möglichen Kompromisslinien.
Darüber werde erst ganz am Ende der Verhandlungen im Dezember
entschieden.
In einer ersten Einigung strichen die Außenminister den Vorschlag
eines neuen Legislativrates aus dem Verfassungsentwurf. Statt dieses
neuen Gremiums sollen weiterhin die Fachminister Gesetze
beschließen können.
Berlusconi rief zur Kompromissbereitschaft auf. Als Europas
Einigungsprozess 1957 ebenfalls in Rom unter dem Eindruck des Zweiten
Weltkrieg begonnen habe, sei dies ein Akt der Hoffnung gewesen, sagte
er. "Heute brauchen wir mehr als einen Akt der Hoffnung, wir brauchen
einen Akt der Willensstärke."
Die Staats- und Regierungschefs der bald 25 EU-Länder haben ihren
Bürgern eine rasche Verabschiedung der neuen europäischen
Verfassung zugesagt. Trotz massiver Meinungsverschiedenheiten soll es
den Bürgern bei der Europawahl im Juni 2004 ermöglicht
werden, ihre Stimme in voller Kenntnis der künftigen Architektur
der Union abzugeben. So steht es in der "Erklärung von Rom", die
bei der Regierungskonferenz verabschiedet wurde. Das Treffen wurde von
Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei
überschattet.
(Quellen: rtr, dpa:, br-Radionachrichten)
Tausende demonstrierten während EU-Gipfel in Rom +++
Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten
Sa.04.10.03 - Mehrere tausend Demonstranten haben am Samstag den EU-Gipfel in Rom mit
Protesten und Kundgebungen begleitet. In der Innenstadt riefen
Gewerkschaften zu Demonstrationen auf, zahlreiche Globalisierungsgegner
hatten sich zu einem Marsch auf den Veranstaltungsort aufgemacht.
Einige Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit der
Polizei.
Dutzende Polizisten setzten am Samstag Schlagstöcke und
Tränengas ein, nachdem sie mit Flaschen und Steinen beworfen
wurden. Mehrere Demonstranten wurden leicht verletzt und wurden
behandelt. Es gab mehrere Festnahmen.
Zehntausende Menschen demonstrierten bei einem Marsch gegen die
Verfassung. Sie kritisierten die mangelnde Beteiligung der Bürger
an deren Ausarbeitung und eine zu starke Ausrichtung auf den freien
Markt.
Etwa 50 vermummte Globalisierungsgegner hatten vor dem Beginn der
Konferenz Autos zerstört, Scheiben eingeworfen und das Büro
einer Arbeitsvermittlung in Brand gesetzt. "Sie haben die Straße
mit Mülltonnen und alten Reifen blockiert und dann die Vermittlung
mit Stäben und Eisenstangen angegriffen, bevor sie eine Art
Brandbombe hineinwarfen", sagte ein Anwohner in dem Stadtteil Eur. Die
Polizei nahm nach eigenen Angaben 32 Personen fest. Im Stadtzentrum
hatte eine Gruppe von etwa 500 Demonstranten die Regierungsbüros
von Ministerpräsident Silvio Berlusconi mit Toilettenpapier-Rollen
beworfen.
Die römischen Behörden hatten umfangreiche
Sicherheitsvorkehrungen ergriffen, um blutige Auseinandersetzungen wie
auf dem G-8-Gipfel in Genua vor zwei Jahren zu vermeiden.
Polizeihubschrauber waren im Einsatz, mehrere tausend Polizisten
patrouillierten durch die Hauptstadt. Öffentliche Plätze
wurden Medienberichten zufolge von Dutzenden Kameras überwacht,
auf Gebäuden um den Versammlungsort waren Scharfschützen
postiert.
(Quellen: rtr, ap)
Der Weg zur EU-Verfassung
Mit der Einsetzung eines Europäischen Konvents zur Reform der
Union legte der EU-Gipfel in Laeken bei Brüssel im Dezember 2001
den Grundstein für eine gemeinsame Verfassung der EU- Länder.
«Die Union muss demokratischer, transparenter und effizienter
werden», heißt es in der so genannten Erklärung von
Laeken. Ein Jahr zuvor war der Versuch einer umfassenden Reform auf dem
Gipfeltreffen in Nizza Ende 2000 noch gescheitert. Der Weg zur
EU-Verfassung:
7.-9.12.2000: Auf dem EU-Gipfel von Nizza wird die «Charta der
Grundrechte der Europäischen Union» proklamiert, die
später Teil des vom Europäischen Konvent ausgearbeiteten
Verfassungsentwurfs ist. Die dort angesichts der bevorstehenden
Erweiterung auf 25 Mitgliedstaaten beschlossenen Reformen der
EU-Entscheidungsstrukturen erweisen sich als unzureichend.
15.12.2001: Die Staats- und Regierungschefs setzen auf dem EU- Gipfel
von Laeken einen Europäischen Konvent ein. Auftrag: Vorbereitung
einer EU-Reform. Auch die Frage nach einer gemeinsamen
europäischen Verfassung soll beantwortet werden.
28.2.2002: Erstmals tagt der Konvent unter der Leitung des ehemaligen
französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard
d'Estaing. Rund einen Monat später beginnen die 105
Konventsmitglieder aus 28 europäischen Staaten mit der Arbeit.
13.6.2003: Nach 15-monatigen, teils sehr kontroversen Beratungen nimmt
der Konvent den Entwurf für eine europäische Verfassung an.
Strittig ist die darin entworfene künftige Machtordnung der Union
mit 25 und mehr Mitgliedern. Konventsmitglieder sprechen aber von einer
«historischen Stunde für Europa».
19./20.6.2003: Giscard d'Estaing präsentiert den Entwurf auf dem
EU-Gipfel im griechischen Thessaloniki. Die Staats- und Regierungschefs
billigen den vorgelegten Entwurf und setzen eine Regierungskonferenz
für Oktober ein, die über den Entwurf beraten soll.
10.7.2003: Der Konvent beendet seine Arbeit. Giscard appelliert an die
Regierungen, den Entwurf nicht zu verwässern. Dennoch werden sehr
schnell Änderungswünsche, besonders der kleineren
Länder, laut.
4.10.2003: In Rom kommen die Staats- und Regierungschefs der EU-
Länder zusammen, um in der Regierungskonferenz über den
Verfassungsentwurf zu beraten.
12./13.12.2003: Geplante Debatte über das Gesamtpaket in der Runde
der Staats- und Regierungschefs am Rande des EU-Gipfels in Brüssel.
2004: Unterzeichnung des Verfassungsvertrages
bis 2006: Ratifizierung des Verfassungsvertrages durch die Parlamente
der Mitgliedstaaten oder - wo vorgesehen - durch Volksentscheide.
(Quelle: dpa)
Blick ins Archiv:
Verfassungsgerichtspräsident für Diskussion über
EU-Verfassung
Mo.22.09.03 - Der Entwurf für eine EU-Verfassung sollte aus Sicht von
Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier auf
nationaler Ebene noch einmal diskutiert und geprüft werden. Der
Karlsruher Richter kritisierte damit in einem am Samstag
veröffentlichten "Spiegel"-Gespräch Äußerungen von
Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka
Fischer. "Zu sagen, das, was da bisher entstanden ist, sei nur noch
abzunicken und durchzuwinken, tangiert schon die
demokratisch-parlamentarischen Grundfesten", meinte Papier.
Der Richter forderte, das Parlament müsse sich eingehend mit
diesen Fragen beschäftigen und Änderungswünsche - sofern
solche bestehen sollten - bei der bevorstehenden EU-Regierungskonferenz
im Herbst einbringen. Der Verfassungsgerichtspräsident zeigte sich
beunruhigt, dass die Diskussion um die europäische Integration in
Deutschland überwiegend "in politischen Zirkeln und Kreisen der
Fachbürokratie" stattfinde und damit an der Öffentlichkeit
vorbeigehe...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0309220.htm#03092207
|
EU will NATO-Mission in Bosnien 2004 übernehmen
Sa.04.10.03 - Die EU-Verteidigungsminister haben sich grundsätzlich auf die
Übernahme der Bosnien-Mission von der NATO im kommenden Jahr
geeinigt. Die EU sei bereit für diese Aufgaben, sagte
Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) beim informellen Treffen
der Minister in Rom. Angestrebt werde die Entsendung einer etwa 6000
Mann starken Truppe nach dem Beitritt der zehn neuen EU-Länder,
teilten Diplomaten mit. Nach Angaben des französischen Vertreters
Antonio Martino begrüßten die Minister den
französischen Vorschlag, ein europäisches Gendamerie-Korps zu
gründen.
Laut Diplomaten bot London an, das Kommando über die Truppe zu
übernehmen. Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon sagte
jedoch, zunächst werde das Ende der NATO-Mission abgewartet. Wie
viele Soldaten nach Bosnien geschickt werden sollen, sei jedoch noch
völlig unklar, betonte Struck.
Die NATO ist seit 1995 in Bosnien präsent, zurzeit mit etwa 12.000
Soldaten. Die EU plant bereits seit langem, diese Aufgabe zu
übernehmen. Die Polizeiaufgaben in Bosnien übernahm die EU
bereits zu Beginn des Jahres von den Vereinten Nationen. Ob die neue
Bosnien-Mission eher militärischen oder polizeilichen Charakter
haben soll, ist noch unklar. Die Verteidigungsminister setzten eine
Arbeitsgruppe ein, die bis Jahresende Vorschläge ausarbeiten soll.
Auch beim Treffen der NATO-Verteidigungsminister kommende Woche in
Colorado Springs in den USA soll das Thema Bosnien zur Sprache kommen.
(Quelle: afp)
Deutschland: Streit über Reformagenda eskaliert weiter +++
SPD-Sozialpolitiker Schreiner droht Nein zu Reformen an und
wünscht sich Lafontaine zurück +++ Union signalisiert
Schröder Kompromissbereitschaft bei Arbeitsmarktreformen
Sa.04.10.03 - Innerhalb der SPD eskaliert der Streit über die Reformagenda 2010
weiter. Parteilinke bekräftigten am Samstag ihre ablehnende
Haltung gegen die Reformgesetze und bestanden auf Veränderungen.
Der Reformkritiker Ottmar Schreiner sagte: "Die Vorwürfe und
Drohungen gegen uns grenzen an Mobbing". Bundeskanzler Gerhard
Schröder zeigte sich überzeugt, dass eine Verständigung
über das Reformpaket mit der Opposition möglich ist. Der
Bundestag will am 17. Oktober über die Hartz-Gesetze abstimmen.
Schreiner nannte es in der "Bild am Sonntag" einen höchst
ungewöhnlichen Vorgang, dass in einer Woche gleich drei
Fraktionssitzungen abgehalten worden seien, um die Reformkritiker unter
Druck zu setzen. "Das ganze Verhalten bewirkt doch nur eins: Die
Fronten verhärten sich." Er bekräftigte seine ablehnende
Haltung gegen das Reformpaket. Schreiner forderte, es müsse
verhindert werden, dass sich das Armutsrisiko für Arbeitslose und
ihre Familien erhöhe. Arbeitslose dürften auch nicht
gezwungen werden, jede Arbeit anzunehmen.
Schreiner macht sich inzwischen auch für Oscar Lafontaine stark.
Lafontaines Rücktritt als Parteichef sei ein Fehler gewesen - und
ein großer Verlust für die SPD. Das sagte Schreiner der
"Bild am Sonntag". Lafontaine stehe für sozialdemokratische
Grundsätze, die in der Reformdebatte unverzichtbar seien.
Schreiner nennt Lafontaine außerdem "machtpolitisch eine
Begabung".
Im Streit um die Agenda signalisierte unterdessen die Union
Kompromissbereitschaft. "Wir sind an einer Einigung interessiert",
sagte der Vorsitzende der CDU/CSU-Arbeitsgruppe Wirtschaft und Arbeit,
Karl-Josef Laumann, der "Welt am Sonntag". Deshalb werde die Union der
Regierung bei der Betreuung von Langzeitarbeitslosen entgegenkommen.
In einem Interview mit der ägyptischen Zeitung "Al-Ahram" sagte
Schröder, es wachse mehr und mehr die Einsicht, dass Deutschland
jetzt tief greifende Reformen brauche. Er sei überzeugt, dass eine
Verständigung mit der Opposition möglich sei, weil die
Reformen im Interesse des Landes und der Menschen seien.
Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion,
Wilhelm Schmidt, warnte die Abweichler in der Fraktion vor den
Konsequenzen. Schmidt sagte im NDR-Info, "es liegt Kritik auf dem
Tisch, ob das alles ist, werden wir sehen." Über den Inhalt wollte
er sich jedoch nicht äußern. Bis Montag wollten er und
Müntefering der Öffentlichkeit die Änderungswünsche
nicht präsentieren.
Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung ist die SPD-Spitze den
Reformgegnern entgegengekommen. Der wirtschaftspolitische Sprecher,
Klaus Brandner, habe in einem Brief klargestellt, dass eine
mögliche Unterhaltspflicht von Eltern oder Kindern
ausdrücklich ausgeschlossen werde. Umstritten bleibe allerdings
die Frage, ob Arbeitslosen in Zukunft jede Arbeit zugemutet werden
könne.
Wenig Chancen räumte der Sprecher des konservativen Seeheimer
Kreises in der SPD-Fraktion, Reinhold Robbe, einer möglichen
Verständigung mit den Parteilinken ein. "Ich sehe das eher
skeptisch", sagte er dem "Tagesspiegel".
Trotz Kritik aus den eigenen Reihen zeigte sich der
Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer zuversichtlich
über eine Zustimmung zu den Hartz-Gesetzen. Allerdings müsse
in den verbleibenden zwei Wochen noch über Nachbesserungen etwa
bei der Zumutbarkeit von Mini-Jobs verhandelt werden, sagte er im
DeutschlandRadio. Es gehe nicht um Renitenz, sondern um konkrete
Anliegen. DGB-Chef Michael Sommer sagte im "Tagesspiegel": "Es gehe
nicht an, einerseits die Sozialhilfe zu kürzen und andererseits
große Unternehmen von Steuern zu befreien."
(Quellen: ap, dpa)
Weiter Streit in der Union über Reformkurs in der Gesundheitspolitik +++
Seehofer 'schockiert' über Pläne der Herzog-Kommision
+++ Auch Roland Koch übt Kritik an CDU-Reformplänen
Sa.04.10.03 - In der Union herrscht Streit über den Reformkurs in der
Gesundheitspolitik: CSU-Sozialexperte Horst Seehofer lehnte die
Vorschläge der Herzog-Kommision am Samstag als sozial ungerecht
und unfinanzierbar ab. Auch der hessische Ministerpräsident Roland
Koch (CDU) übte Kritik an dem von dem Gremium vorgeschlagenen
Kopfpauschalen-Modell in der gesetzlichen Krankenversicherung. Beide
stellten sich damit offen gegen CDU-Parteichefin Angela Merkel, die die
Pläne der Herzog-Kommission zuvor ausdrücklich
begrüßt hatte.
"Selten hat mich etwas so schockiert wie diese Vorschläge", sagte
Seehofer der "Berliner Zeitung". Der stellvertretende Chef der
CDU/CSU-Bundestagsfraktion wandte sich vor allem gegen eine
Privatisierung der Kranken- und Pflegeversicherung. Hauptbetroffene
seien Geringverdiener und Kranke, während die Wirtschaft in hohem
Maße entlastet werde. "Von sozialer Balance kann ich da nicht
mehr viel erkennen." Indirekt warf Seehofer der CDU vor, sich zu einer
reinen Wirtschaftspartei zu entwickeln.
Seehofer sagte, die Empfehlungen der Herzog-Kommission seien schon in
finanzieller Hinsicht nicht realisierbar. "Die Belastungen für die
öffentlichen und privaten Haushalte sind so gewaltig, dass ich
mich frage, in welcher Welt wir eigentlich leben." Allein die
öffentlichen Haushalte würden insgesamt um rund 70 Milliarden
Euro jährlich zusätzlich belastet. "Wohlgemerkt: Für
neue Sozialsubventionen und nicht für Arbeitsplätze",
bemängelte Seehofer. In der Expertenrunde waren neben
Altbundespräsident Roman Herzog auch der stellvertretende
Unionsfraktionschef Friedrich Merz und CDU-Generalsekretär Laurenz
Meyer vertreten.
Der hessische Ministerpräsident Koch sagte der "Welt am Sonntag",
er lehne die von der Herzog-Kommission vorgeschlagene
Krankenversicherung mit Einheitsbeiträgen ab. "Das
Gesundheitssystem muss nach den Reformen dem Kunden Patient
Wahlmöglichkeiten geben. Wenn es nur noch ein System gibt nach dem
Modell Bürgerversicherung oder einen Einheitsbeitrag für
alle, wird Medizin bei uns genauso schrecklich kontingentiert wie heute
in Großbritannien." Zum Thema Bürgerversicherung
ergänzte er, er sei gegen die Einheits-Bürgerversicherung,
"und ich glaube, eine Mehrheit in der Union ebenfalls". Hier werde mit
einem Begriff Schindluder getrieben.
Einen eigenen Entwurf zur Reform der Krankenversicherung kündigt
Nordrhein-Westfalens FDP-Landesvorsitzender Andreas Pinkwart für
die nächsten Wochen an. Er wolle für die FDP "ein
Gegenkonzept zur sozialistischen Idee eine Bürgerversicherung"
vorlegen. Dabei gehe es um einen pauschalen Versicherungsbeitrag, den
jeder Versicherte durch leistungsbezogene Zusatzversicherungen
erhöhen und aufbessern könne, erläuterte Pinkwart in der
"Welt am Sonntag".
(Quelle: ap)
Blick ins Archiv:
CDU-Kommission für radikalen Umbau der Sozialsysteme +++
Kopfpauschalen und längere Lebensarbeitszeit +++ Vorschläge
der Herzog-Kommission in der Union umstritten +++
CDU-Arbeitnehmerschaft sorgt sich um soziale Gerechtigkeit
Mi.01.10.03 - Mit einer radikalen Umstellung der Kranken- und Pflegeversicherung auf
Kopfpauschalen und längeren Lebensarbeitszeiten will die
Herzog-Kommission der CDU die Sozialversicherungen retten. Die Systeme
stünden "wirklich auf der Kippe", warnte Altbundespräsident
Roman Herzog am Dienstag bei Vorstellung der Vorschläge. Sie sind
in der Union selbst umstritten und fanden ein unterschiedliches Echo.
Bundeskanzler Gerhard Schröder sah eine "weitgehend gemeinsame
Analyse" im Vergleich zur Rürup-Kommission und hielt trotz
Unterschieden in Details eine gemeinsame Lösung für
möglich...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0310010.htm#03100110
Reformvorschläge der Herzog-Kommission (PDF-Datei):
http://www.cdu.de/tagesthema/30_09_03_soziale_sicherheit.pdf
Zu den kaum beachteten Teilen des am 3. Oktober im Bundestag
verabschiedeten Gesundheitsreformgesetzes gehören die Regelungen
zur elektronischen Vernetzung des Gesundheitswesens
Mehr bei telepolis (03.10.03) unter:
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/15758/1.html
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