Aktuelle Nachrichten
Irak am zweihundertundneunten Tag nach Kriegsbeginn
USA legen dritten Entwurf für Irak-Resolution vor - Für
UN keine wesentlichen Änderungen im neuen Irak-Vorschlag +++
Deutscher Außenminister Fischer spricht von Schritt in die
richtige Richtung - Frankreich, Russland und China wollen weitere
Änderungen +++ Regierender Rat im Irak weiter gegen türkische
Truppen im Land +++ Irak erwartet 2003 weniger Öleinnahmen als
bislang geschätzt +++ Zwei ranghohe irakische Politiker entkommen
Attentat +++ Laut CNN Saddam Hussein bei Tikrit gesichtet +++ Zwei
US-Soldaten und ein Angreifer in Irak getötet +++ US-Armee
untersucht hohe Selbstmordrate unter Soldaten in Irak
Di.14.10.03 - Die USA haben einen neuen Entwurf für eine Irak-Resolution
vorgelegt und sind erneut auf zurückhaltende Reaktionen
gestoßen. Bundesaußenminister Joschka Fischer sprach von
"einem Schritt weiter in die richtige Richtung", während sein
französischer Kolle Dominique de Villepin am Montag sagte, die
US-Vorschläge müssten noch genauer analysiert werden. China
und Russland mahnten weitere Veränderungen an. Ein Sprecher der
russischen UN-Vertretung, Sergej Trepelkow, sagte, Moskau wünsche
einen verbindlicheren Zeitplan für die irakische
Souveränität und eine bedeutende und zentrale Rolle für
die Vereinten Nationen in Irak.
In der jüngsten US-Vorlage wird der Zeitrahmen für die
geplante Machtübergabe an die Iraker konkretisiert. Laut dem Text,
den die Nachrichtenagentur AP am Montag erhielt, soll der von den USA
eingesetzte Regierungsrat bis zum 15. Dezember einen Fahrplan für
Wahlen und eine neue Verfassung vorlegen. Die USA streben laut
UN-Diplomaten noch in dieser Woche eine Abstimmung darüber an.
Der irakische Regierungsrat soll den verlangten Zeitplan dem
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen vorlegen, heißt es in dem
Entwurf weiter. Dies ebenso wie die Festlegung einer Frist werteten
Beobachter als Zugeständnis der USA an die übrigen Mitglieder
des Weltsicherheitsrats. Wie in früheren Resolutionsentwürfen
wird die internationale Gemeinschaft abermals dazu aufgerufen, sich mit
mehr Soldaten an der Aufrechterhaltung der Sicherheit in Irak zu
beteiligen. Anders als bisher soll der Sicherheitsrat jedoch nach
spätestens einem Jahr das Mandat einer solchen internationalen
Truppe überprüfen.
Weitgehend unverändert blieb allerdings die Passage über die
Rolle der UN in Irak. Diese soll zwar aufgewertet werden, sich aber
hauptsächlich auf die humanitäre Hilfe beschränken sowie
auf Hilfe bei der Wiederherstellung "von Institutionen einer
repräsentativen Regierung". UN-Generalsekretär Kofi Annan hat
dagegen eine zentrale Rolle der UN beim Demokratisierungsprozess
gefordert.
Washington möchte eine neue Irak-Resolution vor der
internationalen Geberkonferenz in Madrid in der kommenden Woche am 23.
und 24 Oktober unter Dach und Fach haben. Auch ohne weitere
Änderungen erwarten UN-Kreise eine Verabschiedung des dritten
Entwurfs mit der erforderlichen Mehrheit von mindestens neun Stimmen.
Frankreich hat ein Veto dagegen ausgeschlossen.
Der Regierende Rat im Irak hat derweil seine Opposition zu einer
Stationierung türkischer Truppen im Land bekräftigt.
"Der Regierende Rat hält es für besser, wenn sich keines der
Nachbarländer an der Friedensmission beteiligt", sagte der
irakische Außenminister Hoschjar Sebari am Montag in Malaysia vor
Journalisten. Die Türkei ist im Grenzgebiet zum Irak seit Jahren
wegen des Kurden-Konflikts militärisch aktiv, wobei die
türkische Armee dabei auch oft die Grenze zum Irak
überschritten hat. Der türkische Ministerpräsident
Tayyip Erdogan hatte am Vortag erklärt, wenn türkische
Truppen in den Irak gingen, dann nur mit humanitären und
friedlichen Zielen. "Ich glaube, türkische Soldaten werden dort
ein Garant für Frieden sein."
Er habe zur Kenntnis genommen, dass die anderen moslemischen Staaten
keine Truppen entsenden wollten, sagte Sebari am Rande eines
Vorbereitungstreffens für die Islamische Weltkonferenz OIC in
Putrajaya weiter. "Deshalb gibt es im Augenblick Diskussionen zwischen
dem Regierenden Rat, der türkischen Regierung und der Regierung
der Vereinigten Staaten, um eine akzeptable Formel zu finden."
Berichten zufolge sollen bis zu 10.000 türkische Soldaten in den
Irak verlegt werden, um die US-Truppen zu entlasten. Erdogan verwies
vor der Regierungspartei daraufhin, dass täglich etwa 3000
Lastwagen mit Lebensmitteln und Medizin über die Türkei in
den Irak fahren würden.
Die Türkei bekämpft seit Jahren die Kurdische Arbeiterpartei
(PKK), die auch Stützpunkte im Nordirak hat. Türkische
Soldaten töteten vor wenigen Tagen vier kurdische Rebellen im
Grenzgebiet zum Irak. An dem Gefecht beteiligten sich türkischen
Armeeangaben zufolge neben Einheiten der Armee auch rund 1000
Milizionäre. Das von Kurden bewohnte Gebiet erstreckt sich auch
auf Gebiete im an die Türkei und den Irak angrenzenden Iran.
Irak hat die im Jahre 2003 erwarteten Einnahmen aus
Ölverkäufen auf 2,7 Milliarden Dollar von 3,45 Milliarden
Dollar nach unten revidiert.
In den vom Finanzminister Kamel el Keylani am Montag
veröffentlichten Unterlagen für den Haushalt 2004 wurden
keine Gründe für die Revision genannt. Sabotageaktionen
hatten allerdings in den jüngsten Monaten die Ölexporte
behindert.
Irak erwartet nach den Unterlagen 2003 ein Haushaltsdefizit von etwa
drei Milliarden Dollar. Vor drei Monaten war im Übergangshaushalt
das Defizit 2003 mit 2,2 Milliarden Dollar prognostiziert worden.
Die mit etwa 6,1 Milliarden Dollar geschätzten Haushaltsausgaben
im Jahre 2003 sollen den Angaben zufolge neben den Öleinnahmen aus
den im Ausland nach dem Sturz von Iraks Präsident Saddam Hussein
frei gegebenen Geldern finanziert werden.
Saddam Hussein ist laut CNN rund sechs Monate nach seinem Sturz wieder
aufgetaucht. Er sei gleich mehrfach in der Nähe seines
Geburtsortes Tikrit in Zentralirak gesehen worden. Den USA lägen
"glaubwürdige Berichte" darüber vor. CNN beruft sich auf
Angaben aus der 4. US-Infanteriedivision, die in der Region eingesetzt
ist. Danach sind in den vergangenen Tagen Informationen aus nicht
näher bezeichneten Quellen über Saddams "Auftauchen"
eingetroffen, die von den USA ernst genommen würden.
Der irakische Ölminister und der stellvertretende Vorsitzende des
irakischen Regierungsrates sind am Sonntag einem Attentatsversuch
entgangen. Drei Angreifer hätten am Sonntagabend im Bagdader
Stadtteil El Mansur das Feuer auf den Wagen von Minister Bahr el Ulum
und Nabil el Mussawi eröffnet, sagte ein Vertreter des
Regierungsrates am Montag. Die Leibwächter, die den Konvoi der
Regierungsmitglieder begleiteten, hätten zurückgeschossen.
Jedoch seien die Angreifer entkommen.
Bei weiteren gewaltsamen Zwischenfällen sind am Montag in Irak
zwei amerikanische Soldaten und ein Angreifer getötet worden. Wie
die US-Streitkräfte mitteilten, wurde am Vormittag bei Dschaljula
rund 140 Kilometer östlich von Tikrit ein Militärkonvoi von
Angreifern überfallen. Dabei seien ein Soldat getötet und
zwei Soldaten verletzt worden.
Zwei Stunden später wurde den Angaben zufolge in Tikrit ein Soldat
bei einem Angriff mit einer Mörsergranate getötet. Auch bei
diesem Zwischenfall seien zwei weitere Soldaten verletzt worden. Am
Abend wurden laut Militärangaben in der nordirakischen Stadt
Mossul Soldaten mit Mörsergranaten beschossen. Sie erwiderten das
Feuer und töteten einen der Angreifer.
Bereits am Sonntag kam ein US-Soldat im nordirakischen Beidschi bei der
Explosion einer Landmine ums Leben.
Die US-Armee geht unterdessen den Ursachen der hohen Selbstmordrate bei
ihren Soldaten in Irak nach. Wie die Zeitung "USA Today" am Montag
berichtete, entsandte die Armeeführung dafür Psychologen in
die Golfregion. Demnach nahmen sich in den vergangenen sieben Monaten
14 US-Soldaten das Leben. Ein Dutzend weiterer Todesfälle in der
Armee in Irak sind bisher ungeklärt und könnten ebenfalls auf
Selbstmorde zurückzuführen sein, berichtete die Zeitung
weiter. Die Armee-Psychiaterin Elspeth Cameron Ritchie sagte, es werde
untersucht, ob beim Einsatz in Irak etwas anders laufe als sonst, dem
Rechnung getragen werden müsse.
(Quellen: ap, rtr, afp, dpa)
Nahost-Konflikt
Wieder israelische Militäroperation im Flüchtlingslager Rafah
+++ EU besorgt über die Lage in Nahost - Verärgerung
über schleppenden Aufbau einer palästinensischen Regierung
+++ Schweizer Diplomatie unterstützt informelles Treffen
palästinensischer Persönlichkeiten sowie israelischer
Oppositionspolitiker zur Friedenssuche - Text für eine
Friedensinitiative aufgesetzt
Di.14.10.03 - Israels Armee ist in der Nacht erneut in das palästinensische
Flüchtlingslager Rafah im Gazastreifen vorgestoßen. Nach
Armeeangaben soll die Operation mehrere Tage dauern. Die israelische
Zeitung "Haaretz" meldet, es sei zu Schusswechseln gekommen. Über
Opfer ist bisher aber nichts bekannt. Die Soldaten sollen Tunnel suchen
und zerstören, durch die Waffen vom benachbarten Ägypten in
das Palästinensergebiet geschmuggelt werden. Beim Beginn der
Aktion am Freitag waren acht Menschen getötet worden, darunter
ein achtjähriger Junge. Nach Angaben der Vereinten Nationen (UNO)
wurden 1240 Menschen obdachlos, weil 114 Gebäude zerstört
wurden.
Etwa 1000 palästinensische Demonstranten haben für die
israelische Aktion Rache verlangt.
"Bombardiert Tel Aviv!" forderten die zum Teil bewaffneten
Demonstranten von der radikal Hamas-Bewegung, die sich zu mehreren
Selbstmordattentaten auf Israelis bekannt hat. Die Verwaltung des Lagers
im Gaza-Streifen bemühte sich weiter um die Wiederherstellung der
Strom-, Wasser- und Telefonversorgung. "Die israelische Belagerung
behindert alle unsere Versuche, die Infrastruktur zu reparieren", sagte
der Gouverneur von Rafah, Madsch el Agha.
Am Sonntag hatte Israel den größten Teil seiner Einheiten
aus dem Zentrum des Lagers zurückgezogen. Die Militäraktion
mit Panzern, gepanzerten Planierraupen und Kampfhubschraubern folgte
einem Selbstmordanschlag in Haifa, bei dem 20 Israelis getötet
wurden. Die anhaltende Gewalt hat den Nahost-Friedensprozess faktisch
gestoppt.
Die Europäische Union ist beunruhigt wegen der ständigen
Rückschläge im Nahen Osten. Die Lage sei "sehr Besorgnis
erregend", sagte Außenminister Joschka Fischer am Montag bei
einem Treffen mit seinen EU-Kollegen in Luxemburg. Die Minister
kritisierten vor allem den schleppenden Aufbau einer
palästinensischen Regierung.
Unberührt von der wachsenden Kritik an der innenpolitischen
Situation in den Autonomiegebieten ernannte
Palästinenserpräsident Jassir Arafat am Montag Hakam Balaui,
ein führendes Mitglied seiner Fatah-Organisation, zum neuen
Innenminister. Balaui gilt als Gefolgsmann Arafats. Arafat hatte in den
vergangenen Tagen massiven Widerstand gegen den von Regierungschef
Ahmed Kureia nominierten langjährigen Polizeichef Nasser Jussef
geleistet und damit dessen Amtsverzicht erzwungen. Jussef hatte die
Übernahme des Ministeriums mit weit reichenden Vollmachten auch
über diejenigen Polizeikräfte der Autonomiebehörde
verbunden, die unter Arafats Kontrolle stehen.
Außenminister Nabil Schaath wollte die Ernennung Balauis am
Montag offiziell nicht bestätigen. Diese Frage werde bei einem
Treffen des Nationalen Sicherheitsrats an diesem Dienstag beraten,
sagte er nach der ersten Sitzung des so genannten Notstandskabinetts am
Montag. Der Nationale Sicherheitsrat steht unter Führung Arafats.
Schaath bekräftigte, dass das aus acht Ministern und
Regierungschef Kureia bestehende Kabinett bis zum Ende seiner
offiziellen Amtszeit in dreieinhalb Wochen regieren werde. Kureia hatte
am Sonntag erklärt, dass das Rumpfkabinett nur noch bis zum Ende
des von Arafat am 5. Oktober ausgerufenen 30-tägigen
Ausnahmezustands im Amt bleibe. "Danach wird es eine neue Regierung und
einen neuen Ministerpräsidenten geben", hatte Kureia nach
tagelangen Krisensitzungen mit Arafat erklärt. Schaath deutete an,
dass die jetzige Regierung vermutlich auch nach dem Ende des
Ausnahmezustands im Amt bleiben werde. Beobachter rechnen damit, dass
Arafat Kureia erneut mit der Regierungsbildung beauftragen wird.
Israel, die USA, aber auch die EU verfolgen den andauernden Machtkampf
in Ramallah seit Wochen mit Besorgnis. Vor allem die schleppende
Regierungsbildung stößt bei der EU als wichtigstem Geldgeber
auf Verärgerung. Es sei bedauerlich, dass die internen
Streitigkeiten die Entwicklung verzögern, sagte der britische
Außenminister Jack Straw. "Wir wollen sehen, dass in den
palästinensischen Gebieten eine wirksame Regierung aufgebaut
wird", sagte er. Fischer meinte, die Instabilität auf
palästinensischer Seite stimme "alles andere als hoffnungsfroh".
Der außenpolitische EU-Beauftragte Javier Solana wiederum rief
Israel auf, die "unangemessene" Anwendung von Gewalt zu beenden.
Fischer bekräftigte, dass die EU den von Israel betriebenen Bau
eines Sperrzauns im Westjordanland ablehne. Er forderte aber auch ein
Ende des Terrors palästinensischer Gruppen.
Arafat hat nach Einschätzung palästinensischer Beobachter
nach dem Rücktritt des ersten Regierungschefs Mahmud Abbas Anfang
September auch im Machtkampf mit Kureia klar die Oberhand behalten. Der
von ihm ausgerufene Ausnahmezustand machte ihn nach der
palästinensischen Verfassung offiziell zum mächtigsten Mann
in der Autonomiebehörde.
Die Schweizer Diplomatie unterstützt derweil palästinensische
und israelische Persönlichkeiten bei der Suche nach einer
Friedenslösung für den Nahen Osten. Sie hat einer informellen
Gruppe, die sich am Wochenende auf einen Entwurf für eine
Friedensinitiative verständigt hat, finanzielle und logistische
Unterstützung gewährt. Die Unterstützung sei Teil der
klassischen zivilen Friedensförderung, sagte Aussenministerin
Micheline Calmy-Rey am Montag vor den Medien. Laut Simon Hubacher,
Kommunikationschef im Eidgenössischen Departement für
auswärtige Angelegenheiten, nahmen an dem Treffen auf der
jordanischen Seite des Toten Meeres mehrere palästinensische
Persönlichkeiten sowie israelische Oppositionspolitiker teil. Die
Schweiz nehme in der Gruppe keine Vermittlerrolle ein, sondern
erleichtere ihr lediglich den Dialog. Am Wochenende seien
EDA-Mitarbeiter vor Ort gewesen, ohne sich inhaltlich geäussert zu
haben. Auch Aussenministerin Calmy-Rey wollte vor den Medien die
Gespräche nicht kommentieren. "Es ist eine Investition mit hohem
Risiko", sagte sie lediglich. Gemäss Hubacher hat die Gruppe am
Wochenende einen Text für eine Friedensinitiative aufgesetzt, der
in wenigen Wochen der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll. Ort
der Veröffentlichung könnte Genf sein.
(Quellen: ap, rtr, dpa)
Iran warnt Israel vor angeblicher Planung eines Präventivschlags
Di.14.10.03 - Iran hat Israel davor gewarnt, mit einem angeblich ins Auge gefassten
Präventivschlag iranische Atomanlagen ausschalten zu wollen.
Teheran reagierte damit auf einen "Spiegel"-Bericht. Demnach hat die
israelische Regierung den Geheimdienst Mossad vor zwei Monaten
angewiesen, entsprechende Pläne auszuarbeiten. Der iranische
Regierungssprecher Abdullah Ramezanzadeh sagte dazu, der Iran sei
bereit, sich mit aller Macht solchen Attacken entgegen zu stellen.
(Quelle: dpa)
Blick ins Archiv
Mossad erstellt angeblich Plan zur Zerstörung von Irans
Atomanlagen
Mo.13.10.03 - Israel bereitet laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Der
Spiegel" Angriffsstrategien zur Zerstörung iranischer Atomanlagen
vor. Eine Spezialeinheit des Geheimdiensts Mossad habe vor zwei Monaten
den Auftrag zur Ausarbeitung entsprechender Pläne erhalten, meldet
das Magazin in seiner neuen Ausgabe. Die US-Zeitung "Los Angeles Times"
berichtete am Samstag, als Reaktion auf das iranische Atomprogramm habe
Israel U-Boot-Raketen so umgerüstet, dass sie nukleare
Sprengköpfe tragen könnten....
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0310130.htm#03101302
«Israels deutsche Atom-U-Boote»
Laut einem Bericht der "Los Angeles Times" sind von Deutschland an
Israel gelieferte U-Boote umgebaut und mit Mittelstreckenraketen mit
Atomsprengköpfen bestückt worden. Das sollen israelische und
US-Quellen bestätigt haben. (taz vom 13.10.03)
Mehr unter:
http://www.taz.de/pt/2003/10/13/a0107.nf/text
http://www.telepolis.de/deutsch/special/ost/15829/1.html
Heftige Kritik der Kirchen an deutschen Waffenexporten nach Israel +++
Israel rüstet offenbar von Deutschland gelieferte U-Boote
mit Abschussvorrichtungen für Nuklearwaffen aus
Mo.13.10.03 - Angesichts der Verschärfung des Nahost-Konflikts haben
Kirchenvertreter und Experten für Sicherheitspolitik deutsche
Rüstungsexporte nach Israel kritisiert. Diese würden den
politischen Friedensbemühungen widersprechen, sagte der
Vorsitzende der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE),
Prälat Karl Jüsten, am Donnerstag in Berlin. Trotz der Lehren
aus der deutschen Geschichte müsse über die
Rüstungskooperation in Deutschland eine "rationale Debatte"
geführt werden, so der Prälat.
Nach einer Studie des Informationszentrums für transatlantische
Sicherheit (BITS) gehört Israel seit 1999 zu den
größeren Empfängern deutscher Waffen...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0310130.htm#03101303
«Deutschland lieferte die Plattform»
Fast zeitgleich mit den Berichten in der „Los Angeles Times" über
das israelische Rüstungsprogramm hat das Berliner
Informationszentrum für Transatlantische Studien (BITS) einen
Bericht über deutsch-israelische Rüstungsprojekte erstellt.
Demnach lieferte Deutschland seit 1999 drei Dolphin-U-Boote an Israel,
von denen aus auch nukleare Sprengköpfe abgefeuert werden
könnten. Die „Süddeutsche Zeitung" sprach mit dem Leiter des
Zentrums, Otfried Nassauer.
SZ: Ist Israel mit Hilfe deutscher U-Boote in der Lage,
seegestützte Atomwaffen einzusetzen?
Nassauer: Deutschland hat Israel die Waffenplattform zum Abschuss
atomar bestückter Flugkörper geliefert. Das kann man Beihilfe
zur Proliferation nennen. Sorgen macht mir auch, dass Israel Ende
vorigen Jahres den Wunsch nach zwei weiteren U-Booten
geäußert hat.
SZ: Aus Ihrer Sicht ein Verstoß gegen deutsche Exportrichtlinien?
Nassauer: Ja, die Richtlinien werden auf Grund der historischen
Verantwortung in Bezug auf Israel sehr viel weniger restriktiv
ausgelegt als gegenüber anderen Staaten. Ägypten und Taiwan
hätten diese U-Boote sicher nicht bekommen, selbst beim Nato-Land
Türkei hätte es wohl Diskussionen gegeben. Laut den
Exportrichtlinien soll zum Beispiel das Proliferationsverhalten des
Empfängerlandes eine Rolle spielen. Israel aber hat keinen der
wichtigen internationalen Verträge über die
Nichtweiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen ratifiziert, auch
nicht den Atomwaffensperrvertrag.
SZ: Ist es nicht verständlich, dass sich Israel um Abschreckung
bemüht, wenn Iran ein solches Geheimnis um seine atomaren
Ambitionen macht?
Nassauer: Natürlich löst das iranische Atomprogramm Sorge
aus, weil sich Teheran mit der nötigen Transparenz gegenüber
der internationalen Atomenergiebehörde so schwer tut. Andererseits
darf man nicht vergessen, dass Israel bereits eine Nuklearmacht war,
bevor die ersten arabisch-islamischen Staaten Programme über
Massenvernichtungswaffen begonnen haben. Insofern fragt sich, ob deren
Programme nicht vielmehr eine Reaktion auf Israels Atompolitik sind.
Dazu passen auch jüngste Meldungen, dass Saudi-Arabien ebenfalls
atomare Interessen habe.
SZ: Muss sich Israel also internationaler Kontrolle unterziehen?
Nassauer: Auch Israel sollte dem Atomwaffensperrvertrag beitreten, der
ja letztendlich das Ziel hat, weltweit alle Nuklearwaffen abzuschaffen.
SZ: Wer aber könnte Israel dazu bewegen und den nötigen Druck
ausüben?
Nassauer: Das können nur die engsten Freunde, also die USA und die
Europäer. Auf andere würde Israel nicht hören.
Süddeutsche Zeitung vom 13.10.03
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Afghanistan
Sicherheitsrat erteilte Mandat für Einsatz deutscher Soldaten in
Kundus
Di.14.10.03 - Die deutsche Regierung hat jetzt für ihre Pläne zur
Entsendung von bis zu 450 Soldaten in die nordafghanische Stadt Kundus
ein Mandat der Vereinten Nationen. Der UN-Sicherheitsrat beschloss die
Ausdehnung des Operationsgebietes der Afghanistan-Schutztruppe ISAF
über die Hauptstadt Kabul hinaus in der Nacht zum Dienstag
einstimmig. Das Mandat gilt für zunächst zwölf Monate.
Frankreich betonte in einer Erklärung, dass es sich nicht an
ISAF-Einsätzen außerhalb Kabuls beteiligen werde.
"Wir sind sehr froh, dass die von Deutschland initiierte Resolution vom
Sicherheitsrat einmütig angenommen wurde", erklärte Berlins
UN-Botschafter Gunter Pleuger. "Das hilft uns sehr, den deutschen
Truppeneinsatz besser vorzubereiten." Pleuger verwies darauf, dass die
Billigung des Kundus-Einsatzes durch den Bundestag noch aussteht.
In Berlin gilt die Zustimmung des Parlaments bis Ende Oktober
allerdings als sicher. Sobald sie erfolgt ist, soll ein Voraustrupp von
40 bis 70 Soldaten in Kundus stationiert werden. Die deutschen Soldaten
sollen in Kundus die Sicherheit für zivile Aufbauhelfer
gewährleisten und deren Arbeit unterstützen. Kundus werde zu
einer deutschen "ISAF-Insel", erklärte Pleuger. Deutschland hoffe,
dass der Einsatz in Nordafghanistan "zu einem Beispiel für andere
Gebiete Afghanistans wird".
Frankreichs UN-Botschafter Jean-Marc de La Sablière
begrüßte die Annahme der Resolution, erklärte jedoch,
dass sein Land nicht an ISAF-Einsätzen außerhalb Kabuls
teilnehmen werde. Paris beteilige sich nicht nur an der ISAF, sondern
auch an dem US-geführten Anti-Terrorismus-Einsatz "Enduring
Freedom". Frankreichs militärische Kapazitäten seien zudem
durch Einsätze in afrikanischen Krisengebieten stark in Anspruch
genommen, erklärten französische UN-Diplomaten.
Deutschland stellt bereits rund 1500 der insgesamt 5500 ISAF-Soldaten
in Kabul und der näheren Umgebung. Außer Frankreich haben
auch Kanada, Großbritannien und die Niederlande
größere Truppenkontingente nach Kabul entsandt. Die 19
NATO-Länder hatten der Einsatzerweiterung der ISAF bereits am 6.
Oktober zugestimmt.
Ausdrücklich werden die ISAF-Truppen in der UN-Resolution erneut
autorisiert, "alle erforderlichen Mittel» einzusetzen. Mit dieser
Formulierung wird von den UN der Einsatz militärischer Gewalt
genehmigt. Zugleich hob der Sicherheitsrat hervor, wie wichtig die
Ausdehnung der Autorität der afghanischen Übergangsregierung
auf alle Teile des Landes sowie die «umfassende Entwaffnung,
Demobilisierung und Reintegration aller bewaffneten Fraktionen"
für die Gewährleistung der Sicherheit seien.
Die Resolution bekräftigt, dass die ISAF-Truppen eng mit der von
den USA geführten Anti-Terrorismus-Operation "Enduring Freedom"
zusammenarbeiten sollen. Ähnliche militärisch-zivile
Aufbauteams wie das in Kundus geplante sind bereits im Rahmen von
"Enduring Freedom" im Einsatz. Die Bundeswehreinheit in Kundus soll im
Frühjahr ihre volle Stärke erreicht haben.
(Quelle: dpa)
Indisch-pakistanischer Konflikt
Pakistan testet erneut atomwaffenfähige Rakete - Kann Ziele bis
weit nach Indien hinein erreichen
Di.14.10.03 - Die pakistanischen Streitkräfte haben am heutigen Dienstag den
dritten Test mit einer atomwaffenfähigen Mittelstreckenrakete
innerhalb von zwei Wochen durchgeführt. Die Rakete vom Typ Hatf-4,
auch "Shaheen-1" genannt, hat eine Reichweite von 700 Kilometern und
kann Ziele bis weit nach Indien hinein erreichen, das in den
jahrzehntelangen Spannungen mit dem Nachbarn ebenfalls ein
Atomwaffenprogramm entwickelt hat. Am 3. Oktober sei eine Rakete mit
290 Kilometern Reichweite getestet worden, der Test vom Dienstag sei
eine Fortsetzung eines weiteren Versuchs vom 8. Oktober, um bestimmte
Parameter zu überprüfen, hieß es in einer
Erklärung des pakistanischen Heeres. Mit den Spannungen mit Indien
habe die Testserie nichts zu tun. Der indisch-pakistanische Konflikt
geht auf die Teilung des Himalaja-Gebiets Kaschmir nach der
Unabhängigkeit 1947 von Großbritannien zurück. Zwei von
drei Kriegen seitdem wurden wegen Kaschmir geführt, das wie
Pakistan überwiegend von Muslimen bewohnt wird. Die Beziehungen
der beiden Atommächte sind wegen der Region Kaschmir weiter
gespannt.
Pakistan hat am Samstag deutlich gemacht, dass es den Kauf eines
Frühwarnsystems durch Indien als Gefahr für die Sicherheit in
der Region betrachtet. "Wir sind besorgt wegen dieses Geschäfts",
sagte Außenminister Khursheed Kasuri vor Reportern in Karachi.
"Wir Grund uns Sorgen zu machen, weil die indischen
Rüstungskäufe immer auf Pakistan zielen."
Indien hatte am Freitag den Kauf eines russisch-israelischen
Frühwarnsystems bekannt gegeben. Dabei sollen modernste
israelische Phalcon-Radarsysteme in russische Maschinen des Typs
Iljuschin-76 eingebaut werden.
(Quelle: ap)
Indien: 10.000 radikale Hindus verhaftet
Di.14.10.03 - Im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh haben Polizisten nach
Medienberichten aus Angst vor neuen Unruhen mehr als 10.000
Hindu-Fundamentalisten festgenommen. Die Behörden hätten
zudem die Pilgerstadt Ayodhya abgeriegelt, berichtete die indische
Nachrichtenagentur UNI gestern unter Berufung auf die Polizei. Trotz
eines Versammlungsverbots erwartet der radikale Welthindurat am Freitag
laut UNI 100.000 Menschen in Ayodhya. Die Fundamentalisten wollen
für den Bau eines Tempels auf dem Gelände einer 1992 von
einem Hindu-Mob zerstörten Moschee demonstrieren. Die
Zerstörung der Moschee hatte landesweite Unruhen ausgelöst,
bei denen tausende getötet worden waren. Nach Ansicht von
Hindu-Fanatikern ist die Moschee auf der Geburtsstätte des
Hindu-Gottes Rama errichtet worden.
(Quelle: taz/dpa)
Bolivien
Proteste lösen Regierungskrise in Bolivien aus +++ 28 Tote bei
Militäreinsatz gegen Demonstranten +++ Bolivien gibt nach
Unruhen Pläne für Gasexporte auf
Di.14.10.03 - Die blutigen Proteste in Bolivien haben eine Regierungskrise
ausgelöst. Die Partei Neue Republikanische Kraft (NFR), Partner
der regierenden Nationalistischen Revolutionären Bewegung (MNR)
von Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada, berief ihre drei
Minister ab. Auch Vizepräsident Carlos Mesa entzog de Lozada die
Unterstützung. Er reagierte auf das gewaltsame Vorgehen der Armee
gegen Demonstranten in El Alto, bei dem mindestens 28 Demonstranten
getötet wurden. Der seit Wochen andauernde Protest richtet sich
gegen den Plan der Regierung, Erdgas über Chile in die USA zu
exportieren.
Die von der NFR gestellten Minister hatten bislang die Ressorts
für Arbeit, nachhaltige Entwicklung und finanzielle
Dienstleistungen inne. Vize-Präsident Mesa kritisierte, er
könne den Umgang von de Lozada mit der Krise nicht akzeptieren.
Bei den anhaltenden Auseinandersetzungen wurden am Montag erneut zwei
Zivilisten getötet. Die beiden Männer seien in der Stadt El
Alto von Soldaten erschossen worden, teilte ein Krankenhaussprecher
mit. Am Sonntag waren einem katholischen Radiosender zufolge bereits 26
Menschen bei Auseinandersetzungen mit der Armee getötet worden.
Etwa 90 weitere seien verletzt worden. Nach Angaben einer
örtlichen Menschenrechtsgruppe eröffneten Soldaten das Feuer
auf die Demonstranten, nachdem diese die Militärs mit Steinen und
Sprengsätzen beworfen hatten. Menschenrechtsorganisationen und die
katholische Kirche sprachen von einem "Massaker".
Die Proteste weiteten sich am Montag weiter aus. Kokabauern der Region
Chapare blockierten die wichtigste Ost-West-Verbindung des Landes.
Streiks legten den öffentlichen Verkehr in La Paz und El Alto
lahm, Banken und Geschäfte blieben geschlossen.
Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada kündigte an,
vorerst auf Ausfuhren zu verzichten. Bis Ende des Jahres solle im
Dialog eine Lösung gefunden werden. Bis dahin solle kein Gas
exportiert werden. Mit den Protesten wollen die Gewerkschaften den
Staatschef zum Rücktritt zwingen und den Bau einer rund fünf
Milliarden Dollar (4,2 Milliarden Euro) teuren Gaspipeline durch das
Nachbarland Chile zur Pazifikküste verhindern. Die verarmten
Kokabauern und die Gewerkschaften kritisieren die ihrer Ansicht nach zu
geringen Gewinnspannen für Bolivien und werfen der Regierung einen
"Ausverkauf des nationalen Reichtums" vor.
(Quelle: afp)
Europa
EU-Außenminister berieten über Verfassung -
Strittigste Punkte bleiben ungelöst
Di.14.10.03 - Die strittigsten Punkte bei den Verhandlungen der EU-Staaten über
eine europäische Verfassung bleiben ungelöst. Die
EU-Außenminister konnten sich bei einem Treffen am Montagabend in
Luxemburg in den entscheidenden Fragen nicht annähern.
Bundesaußenminister Joschka Fischer sagte, er rechne damit, "dass
wir in der Schlussphase nochmals heftige Verhandlungen haben werden".
Bei der Einführung des Amtes eines europäischen
Außenministers zeichnete sich laut Fischer allerdings eine breite
Zustimmung ab.
Umstritten sind weiter die Neuregelung der EU-Präsidentschaft, die
künftige Größe der EU-Kommission und die Gestaltung von
Mehrheitsentscheidungen. Fischer sprach aber von einer "sachlichen und
konstruktiven Diskussion". Er mahnte, die EU-Staaten sollten sich auf
einen Verfassungstext einigen, der so wenig wie möglich regele.
Mit der Erweiterung um zehn Staaten im kommenden Jahr müsse die EU
zunächst verschiedene Arbeitsweisen testen. Bei weiteren
Veränderungen dürfe es aber nicht jedes Mal zu einer Revision
der Verfassung kommen.
Die EU-Gründerstaaten Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien,
die Niederlande und Luxemburg wollen den Entwurf des EU-Konvents zur
Verfassung mehr oder weniger ganz übernehmen. Dagegen wehren sich
besonders die kleinen Länder, die darauf dringen, dass auch
weiterhin jedes Land einen Vertreter in die EU-Kommission entsenden
kann. Der Konventsentwurf
sieht dagegen
eine Verkleinerung der Brüsseler Behörde auf 15
stimmberechtigte Kommissare vor. Fischer mahnte, die Kommission
müsse effizienter werden. Dazu hätten die großen
Mitgliedstaaten bereits im
Vertrag von Nizza auf einen
zweiten Kommissar verzichtet.
Zudem wollen die kleineren Länder an der bislang halbjährlich
rotierenden EU-Präsidentschaft festhalten. Der Konventsentwurf
sieht einen länger gewählten EU-Ratspräsidenten vor und
verschiedene Vorsitze in anderen Ratsformationen. Polen und Spanien
wehren sich zudem gegen eine stärkere Berücksichtigung der
Bevölkerungsgröße bei Abstimmungen mit qualifizierter
Mehrheit, wie es im Konventsentwurf vorgesehen ist.
Die italienische Ratspräsidentschaft will die Verhandlungen
über die Verfassung bis zum Jahresende abschließen.
Fortgesetzt werden die Gespräche auf Ebene der Staats- und
Regierungschefs am Rande des EU-Gipfels an diesem Donnerstag in
Brüssel.
(Quelle: ap)
Deutschland und USA unterzeichnen Rechtshilfeabkommen
Di.14.10.03 - Deutschland und die Vereinigten Staaten wollen ihre Zusammenarbeit in
der Kriminalitätsbekämpfung verbessern. Dazu unterzeichnen
Justizministerin Brigitte Zypries und ihr US-Kollege John Ashcroft ein
umfassendes Rechtshilfeabkommen. So können beide Seiten Dokumente
beschlagnahmen, Zeugen vernehmen und nach gesuchten Personen fahnden.
Das Abkommen war nach langjährigem Tauziehen zu Stande gekommen.
So hatte die Bundesregierung Vorbehalte wegen der Anwendung der
Todesstrafe in den USA geäußert.
(Quelle: dpa)
Arbeitsmarktreform in Deutschland
SPD ringt weiter um eigene Mehrheit
Di.14.10.03 - Trotz Nachbesserungen an der Arbeitsmarktreform ist eine eigene
Mehrheit für die rot-grüne Koalition nicht sicher. Die
internen Kritiker ließen bei der SPD-Fraktionssondersitzung am
Montag offen, ob sie das geänderte Gesetzespaket am Freitag im
Bundestag mittragen. Kanzler Gerhard Schröder schwor die
SPD-Fraktion erneut auf Zustimmung ein. Er hat sein politisches
Schicksal mit einer eigenen Reform-Mehrheit verknüpft.
Eine Koalitionsrunde hatte vor den Sondersitzungen am Nachmittag
Änderungen in drei umstrittenen Punkten in dem Paket festgezurrt,
das die Aufgaben der Bundesanstalt für Arbeit neu regelt und die
Zusammenführung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum
Arbeitslosengeld II vorsieht.
Wie von den Kritikern gefordert, wurde der Freibetrag für die
Altersvorsorge aufgestockt, allerdings nicht im geforderten Umfang.
SPD-Generalsekretär Olaf Scholz sagte, künftig solle ein
Freibetrag von 200 Euro pro Lebensjahr möglich sein, der aber erst
nach dem 60. Lebensjahr für die Altersvorsorge verwendet werden
soll. Dieses "Schonvermögen", das beim Arbeitslosengeld II nicht
angerechnet wird, komme zum bisherigen Freibetrag von ebenfalls 200
Euro hinzu, der bereits für Bezieher von Sozialhilfe gilt. Scholz
versicherte, auch selbstgenutztes Wohneigentum, die Riester-Rente und
die Betriebsrenten würden nicht herangezogen.
Darüber hinaus habe man sich darauf verständigt, dass im
Falle der Arbeitslosigkeit Verwandte ersten Grades - das sind Eltern
oder Kinder - nicht zur Kasse gebeten werden, sagte Scholz. Auch die
Zumutbarkeitsregeln wurden präzisiert: Als zumutbare Arbeit gelte
künftig eine Beschäftigung, bei der ortsübliche
Vergütungen nicht unterschritten werden.
Angesichts der Änderungen verbreiteten die Parteispitzen
Zuversicht für die Abstimmung. Grünen-Chef Reinhard
Bütikofer erklärte, die Koalition habe nun eine "sehr gute
Voraussetzung" für eine eigene Mehrheit. Schröder sagte: "Ich
denke, unser Land braucht diesen Reformerfolg und braucht ihn jetzt."
Vizekanzler Joschka Fischer (Grüne) betonte: "Ich gehe davon aus,
dass die Koalition die notwendigen Stimmen an Bord hat."
Auch Fraktionschef Franz Müntefering zeigte sich nach der
mehrstündigen Fraktionssitzung zuversichtlich, dass die eigene
Mehrheit im Bundestag zu Stande komme. Keiner der Kritiker habe
angekündigt, mit Nein stimmen zu wollen, erklärte er. Eine
Probeabstimmung der Fraktion wurde allerdings auf den heutigen Dienstag
verschoben. Dort soll auch über 14 Änderungsanträge
abgestimmt werden.
Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt berichtete aus
der Sondersitzung, niemand habe Ablehnung bei der Schlussabstimmung
angekündigt. Allerdings habe es in einzelnen Punkten nach wie vor
kritische Stimmen gegeben. SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner
berichtete, Schröder habe vor den SPD-Abgeordneten für die
Reform argumentiert. Brandner meinte, die Änderungen am Paket
seien positiv und von den internen Kritikern "einlenkend" aufgenommen
worden.
Allerdings legten sich die Kritiker bei SPD und Grünen
öffentlich zunächst nicht fest, ob sie das geänderte
Paket unterstützen werden. Die Änderungen würden bis
(zum heutigen) Dienstag bewertet, sagte Grünen-Fraktionsvize
Hans-Christian Ströbele sowie die SPD-Abgeordneten Sigrid
Skarpelis-Sperk, Horst Schmidbauer, Klaus Barthel und Rüdiger Veit.
(Quelle: ap)
Kasten 1:
Stichwort: Hartz-Reformen
Di.14.10.03 - Die vorerst letzten Hartz-Reformen zum Arbeitsmarkt (Hartz III und
Hartz IV), die am Freitag zur Schlussabstimmung im Bundestag anstehen,
regeln zwei wichtige Komplexe: den Umbau der Bundesanstalt für
Arbeit und die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum
Arbeitslosengeld II für Langzeitarbeitslose. Beim Arbeitslosengeld
II, das ab 1. Juli 2004 erstmals gezahlt werden soll, braucht die
Regierung die Zustimmung des Bundesrats.
Die Regelungen im einzelnen:
- Die Bundesanstalt für Arbeit wird zur «Bundesagentur
für Arbeit» umgebaut. Als zentrale Anlaufstelle für
Betreuung und Vermittlung werden flächendeckend Jobcenter
eingeführt.
- Das Leistungs- und Förderrecht für die
Arbeitslosenversicherung wird vereinfacht. Rund 3.000 Stellen sollen
damit innerhalb der neuen Bundesagentur für die Vermittlung
umgewidmet werden.
- Arbeitslosen- und Sozialhilfe sollen zusammengeführt werden.
Erwerbsfähige Langzeitarbeitslose erhalten ein Arbeitslosengeld II
und werden in die aktive Arbeitsvermittlung integriert. Mit der
Zusammenlegung der Förderinstrumente ist ein intensives
Fallmanagement verbunden. Künftig soll eine Fallmanager nur noch
75 Arbeitssuchende betreuen.
- Von den Arbeitslosen wird mehr Eigeninitiative und
Eigenverantwortlichkeit verlangt. Der Grundsatz «Fördern und
Fordern» soll konsequent umgesetzt werden. Wer zumutbare Arbeit
ablehnt, muss erhebliche Kürzungen der Geldleistungen in Kauf
nehmen. Doch wird es möglich, mehr als bisher zum Arbeitslosengeld
II hinzu zu verdienen.
- Der Verdienst bei niedrig bezahlten Jobs soll sich nach den
ortsüblichen Löhnen und Gehältern richten.
Außerdem macht ein neu geschaffenes Einstiegsgeld in Form eines
zeitlich befristeten Arbeitnehmerzuschusses auch die Aufnahme einer
Tätigkeit attraktiv, die nicht so gut bezahlt ist.
- Freibeträge sollen Vermögen von Arbeitslosen schützen,
das zur Altersvorsorge gedacht ist. Jeder Empfänger von
Arbeitslosengeld II kann künftig pro Lebensjahr 200 Euro
Barvermögen und zusätzlich 200 Euro pro Lebensjahr für
die Altersvorsorge behalten. Das Geld für die Altersvorsorge darf
aber erst nach dem 60. Lebensjahr angetastet werden.
- Finanzielle Härten sollen beim Übergang von
Arbeitslosengeld in die neue Leistung abgefedert werden. Dazu soll ein
auf zwei Jahre befristeter Zuschlag zum Arbeitslosengeld II gezahlt
werden, der sich nach einem Jahr halbiert.
(Quelle: ap)
Die Forderungen der Kritiker zu den Hartz-Gesetzen
Di.14.10.03 - Die wichtigsten Änderungswünsche zu den Hartz-Gesetzen III
und IV zum Umbau des Arbeitsmarktes sind bei den SPD-Kritikern und den
Grünen fast identisch. Die Grünen-Fraktion hatte sich die
Forderungen etlicher Parlamentarier ihrer Linken bei der
Fraktionsklausur Anfang September in Miesbach zu Eigen gemacht. Seit
Mitte September verhandeln die Fachleute der beiden
Koalitionsfraktionen darüber. Die wichtigsten Forderungen:
ZUMUTBARKEIT: Es soll verhindert werden, dass Arbeitslose auch Jobs zu
Dumpinglöhnen annehmen müssen, wenn sie die
Unterstützung nicht verlieren wollen. (Dazu wurde angeblich eine
Regelung vereinbart.)
VERMÖGENSANRECHNUNG: Die Kritiker verlangen, dass Vermögen
von Arbeitslosen weniger stark auf Arbeitslosengeld II angerechnet
wird, als im Gesetz vorgesehen. Außerdem wollen sie, dass
Lebensversicherungen nicht aufgelöst werden müssen, bevor
Arbeitslosengeld II in Anspruch genommen werden kann.
UNTERHALTSPFLICHT: Eine wechselseitige Unterhaltspflicht von Eltern und
erwachsenen Kindern soll es nicht geben. (Gilt seit drei Wochen als
vereinbart).
JOB-CENTER: Kommunen sollen angemessen an den neuen Job-Centern unter
dem Dach der Arbeitsämter beteiligt werden. (Wird endgültig
möglicherweise erst im Vermittlungsverfahren des Unions-domierten
Bundesrates und des Bundestages vereinbart.)
(Quelle: dpa)
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SPD-Linke Nahles fordert konstruktiven Umgang mit Reformkritikern
Di.14.10.03 - Die Sprecherin der SPD-Linken, Andrea Nahles, hat die Parteispitze zum
konstruktiven Umgang mit den Reformkritikern aufgerufen. Niemand in der
SPD wolle, dass die Regierungsfähigkeit in Frage gestellt werde,
sagte Nahles am Montag dem Onlinedienst der ARD-"tagesschau".
Die andere Seite sei aber, "dass man auch unzufrieden mit dem Kurs der
Regierung ist und vor allem auch mit dem harschen Umgang mit den
Abweichlern". Das betreffe die ganze SPD. Daher sei
"Überzeugungsarbeit angesagt".
(Quelle: dpa)
Blick ins Archiv
Mehrheit der Deutschen hat Sympathie für SPD-Reformkritiker
Do.09.10.03 - Die Reformkritiker innerhalb der SPD können sich auf großen
Rückhalt bei der Bevölkerung stützen. Laut einer am
Mittwoch veröffentlichten Umfrage für «Stern» und
RTL halten 58 Prozent die Kritik der SPD-Linken am Reformprogramm der
Regierung für berechtigt, nur 28 Prozent sehen sie als
ungerechtfertigt. Gleichzeitig stellten die Deutschen der
Bundesregierung ein teilweise vernichtendes Zeugnis aus. Bundeskanzler
Gerhard Schröder erhielt in puncto Glaubwürdigkeit mit 3,9
die schlechteste Note aller Kabinettsmitglieder...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0310090.htm#031009_n
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IG Metall will Alternativen zu Sozialreformen deutlicher machen
Di.14.10.03 - Die IG Metall will ihre Alternativen zu den umstrittenen Sozialreformen
der Bundesregierung deutlicher machen. Beim zweiten Teil des
Gewerkschaftstages, der an diesem Dienstag in Hannover beginnt, sollen
die rund 600 Delegierten den Vorstand zu einer Kampagne auffordern. In
dem Ergänzungsantrag zur Entschließung "Sozialstaat und
Sozialpolitik" heißt es: "Der Vorstand wird beauftragt,
unverzüglich ein mittelfristig ausgerichtetes Konzept vorzulegen."
Im einzelnen sollen die gewerkschaftlichen Alternativen weiter
entwickelt, bei den Mitgliedern und in der Öffentlichkeit
stärker verankert und intensiver die Diskussion mit
Bündnispartnern gesucht werden, "um die
Mobilisierungsfähigkeit und die Durchsetzung gemeinsamer
Positionen zu verbessern". Zudem soll der Vorstand eine kurzfristige
Kampagne starten, "die es ermöglicht, noch auf die Entscheidungen
im Bundestag und Bundesrat in diesem Herbst zu reagieren". Neue
Proteste seien aber nicht geplant, hieß es in
Gewerkschaftskreisen.
Der Umbau des Sozialstaates wird neben der Tarifpolitik ein Schwerpunkt
des Gewerkschaftstages sein, bei dem bis Samstag acht
Entschließungen und rund 750 Anträge beraten werden.
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) will am Mittwoch - zwei Tage
vor den entscheidenden Abstimmungen im Bundestag über mehrere
Reformen am Arbeitsmarkt - in Hannover sprechen. Die IG Metall erwartet
von ihm ein klares Bekenntnis zum Erhalt der Tarifautonomie. CDU/CSU
und FDP wollen Betrieben die Möglichkeit geben, vom
Flächentarif abzuweichen. Dies lehnen Gewerkschaften und einige
Arbeitgeberverbände ab.
Am Donnerstag hält der neue IG-Metall-Vorsitzende Jürgen
Peters sein erstes Grundsatzreferat. Peters war Ende August nach einem
erbitterten Machtkampf um die Führung der IG Metall zum neuen
Vorsitzenden gewählt worden, Zweiter Vorsitzender wurde Berthold
Huber. Der inmitten der Führungskrise zurückgetretene Ex-Chef
Klaus Zwickel wird am Dienstag in Hannover offiziell verabschiedet. Die
IG Metall ist mit rund 2,55 Millionen Mitgliedern die größte
Industriegewerkschaft der Welt. Sie leidet aber wie die anderen
DGB-Gewerkschaften seit Jahren unter einem starken Mitgliederschwund.
(Quelle: dpa)
Rentner unter Druck
DIHK-Chef und Wirtschaftsinstitute fordern drei Nullrunden
für Rentner
Di.14.10.03 - Die 20 Millionen Rentner in Deutschland sollen nach Ansicht des
Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) sowie der
Wirtschaftsinstitute in den kommenden drei Jahren keine
Rentenerhöhung erhalten. Dies sei "zumutbar und gerecht", sagte
DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben der "Welt".
Rentenerhöhungen seien in den kommenden Jahren nicht mehr
finanzierbar. Wansleben sprach sich weiter für eine Erhöhung
des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre aus. "Das sollte so schnell wie
möglich passieren, und nicht erst 2030." Nach Ansicht von
Wansleben sind eine "deutliche Absenkung des Rentenniveaus" und mehr
private Vorsorge notwendig, um die Rentenversicherung nachhaltig zu
sichern.
Nach dem DIHK fordern auch Wirtschaftsexperten, die Bezüge der
rund 19,5 Millionen Rentner bis 2007 nicht zu erhöhen. Das
berichtet die "Bild"-Zeitung (Dienstagausgabe). Demnach plädiert
der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, Gerhard
Fels, dafür, die Erhöhung nicht nur 2004 sondern auch in den
beiden Folgejahren auszusetzen. So könnten die Lohnnebenkosten
stabilisiert werden. Ähnlich äußerte sich auch der
Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs, Thomas
Straubhaar.
(Quellen: afp, dpa)
Tausende Rentner demonstrieren gegen Sozialreformen von Rot-Grün
Di.14.10.03 - Rund 5000 Rentner haben am Montag in Berlin gegen Sozialabbau und die
geplanten Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Bundesregierung
demonstriert. Zu der Protestaktion hatte der Senioren-Schutzbund "Graue
Panther" aufgerufen.
Der Protest der Rentner richte sich gegen Reformen, die auf Kosten der
Arbeiter, Angestellten und Rentner gingen, hieß es. Auf Plakaten
war unter anderem zu lesen: "Rentner und Arbeitslose gegen Profitgier
von Banken und Konzernen".
(Quelle: dpa)
"Hände weg von unseren Renten"
Die "junge Welt" berichtet in ihrer heutigen Ausgabe (14.10.03) ausführlich über die Rentner-Demo:
http://www.jungewelt.de/2003/10-14/014.php
Rentenloch angeblich nur halb so groß
Di.14.10.03 - In der Rentenversicherung zeichnet sich laut einem Zeitungsbericht ein
geringeres Defizit als die befürchteten neun Milliarden Euro ab.
Die Einnahmen der Angestelltenkasse BfA seien im September im Vergleich
zum Vorjahr um 5,6 Prozent gestiegen, die der
Landesversicherungsanstalten um 0,6 Prozent, berichtete die
«Financial Times Deutschland» unter Berufung auf das Umfeld
der Rentenversicherer.
Auch von März bis Juli seien die Einnahmen um knapp fünf
Prozent gewachsen. Die vom Verband Deutscher
Rentenversicherungsträger (VDR) genannte Defizitschätzung
basiere auf einem Einnahmeeinbruch im August. Setze sich der Zuwachs in
der Angestellten- und der Arbeiterrentenversicherung fort, werde das
Defizit eher bei vier bis fünf Milliarden Euro liegen.
Genaue Zahlen werden am Donnerstag vom Schätzerkreis der
Rentenversicherer erwartet. Auf einer Klausursitzung von Kabinett und
Koalitionsfraktionen sollen am Sonntag die Weichen für
Sparmaßnahmen, langfristige Reformen sowie zur künftigen
Rentenbesteuerung gestellt werden. Die Bundesregierung hat am Montag
bekräftigt, dass sie am Ziel festhält, den Beitragssatz bei
19,5 Prozent stabil zu halten. Dazu sind eine Verschiebung der
nächsten Rentenerhöhung, eine Absenkung der
Schwankungsreserve oder eine spätere Auszahlung der
Altersbezüge an Neu-Rentner im Gespräch.
Unterdessen fordern die Grünen eine Reform der privaten
Altersvorsorge. Die Riester-Rente sei zu kompliziert, kritisierte die
stellvertretende Fraktionschefin Thea Dückert in einem Beitrag
für die Zeitung. In den anstehenden Koalitionsverhandlungen
würden sich die Grünen daher für ein Altersvorsorgekonto
einsetzen. "Die Grundidee ist simpel: Jeder kann bis zu einer
Höchstgrenze von zum Beispiel 3100 Euro im Jahr steuerfrei auf
sein Altersvorsorgekonto einzahlen."
(Quelle: dpa)
Eichel kippt angeblich Steuerprivileg der Lebensversicherungen
Di.14.10.03 - Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) will nach einem Zeitungsbericht
das Steuerprivileg der Lebensversicherungen kippen.
Die "Frankfurter Allgemeine" (FAZ) berichtet in ihrer Dienstagausgabe
unter Berufung auf Regierungskreise, das Ministerium halte sich in
dieser Frage an Vorschläge der Kommission des Ökonomen Bert
Rürup zur Neuordnung der Rentenbesteuerung. Danach sollen die
Steuervorteile für Kapitallebensversicherungen gestrichen werden,
weil sie nicht in das vorgeschlagene System einer nachgelagerten
Besteuerung der Renten passe. Danach sollen künftig die
Beiträge zur Rentenversicherung steuerfrei gestellt werden,
während die Alterseinkünfte besteuert werden sollen.
Das Bundeskabinett will sich am Sonntag auf einer Klausurtagung mit
Fragen des Rentensystems befassen. Ein Sprecher des
Bundesfinanzministeriums sagte am Montag, für die Klausur werde
Minister Eichel auch Eckpunkte für ein Gesetz vorlegen, das von
2005 an den Übergang zur nachgelagerten Besteuerung der Renten
regelt. Eine Stellungnahme des Ministeriums zu dem "FAZ"-Bericht
über Kapitallebensversicherungen lag am Montagabend nicht vor.
Dem Bericht zufolge soll es für schon bestehende
Versicherungsverträge von mehr als zwölf Jahren dabei
bleiben, dass die Versicherten die angesammelten Überschüsse
steuerfrei kassieren können.
(Quelle: rtr)
Kölner Soziologe Erwin K. Scheuch gestorben
Di.14.10.03 - Der Kölner Soziologe Erwin K. Scheuch ist tot. Der Professor starb
in der Nacht zum Montag im Alter von 75 Jahren. Seine Ehefrau Ute
bestätigte eine Meldung der Tageszeitung "Die Welt". Als
Korruptionsforscher war Scheuch mit beißender Kritik am
Parteiensystem und an der "Selbstbedienungsmentalität" der
Politiker über die Grenzen seines Faches hinaus bekannt geworden.
Der "Welt" zufolge starb Scheuch an Krebs.
Seine Arbeiten über Klüngel und Mittelmaß in Politik
und Wirtschaft machten den streitfreudigen Kölner populär.
Mit der politischen Landschaft ging der Sozialwissenschaftler hart ins
Gericht: "Krumme Taktiken sind heute üblich geworden. Seilschaften
verhindern, dass gute Leute nach vorne kommen", kritisierte er. Die
Bundesrepublik entwickele sich zur "besten DDR, die es je gab".
Ein "ungeheures Qualitätsproblem beim Personal der politischen
Parteien" sei die Folge. Korruption greife immer weiter um sich.
Aktuelle Skandale wie die Müllaffäre in seiner Heimatstadt
Köln schienen die Thesen des nicht unumstrittenen Soziologen immer
wieder zu bestätigen. "Die Staatstätigkeit hat sich
ausgeweitet, und das Subventionswesen führt dazu, dass die Grenzen
zwischen Politik und Wirtschaft zunehmend verschwinden", klagte Scheuch.
Politisch wurde Scheuch den konservativen Vertretern seiner Zunft
zugerechnet. 1997 trat der Professor nach 25 Jahren Mitgliedschaft aus
der CDU aus - wegen der Dienstflug-Affäre der damaligen
Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU).
Scheuch hat in seinen fast 100 Büchern selten ein Blatt vor den
Mund genommen. Titel wie "Cliquen, Klüngel und Karrieren" (1992),
"Die Spendenkrise - Parteien außer Kontrolle" (2000) und noch in
diesem Jahr «Manager im Größenwahn» erreichten
teilweise hohe Auflagen. "Zu der Aufgabe des Soziologen gehört es,
auch korrigierend gegen Entwicklungen und Behauptungen aufzutreten",
begründete der Wissenschaftler seine stets deutliche Kritik.
Scheuch schrieb und gab Bücher über Themen wie
Wählerverhalten, Politikverdrossenheit, Gesundheitspolitik und
Volkszählung, aber auch über Modedrogen, Freizeitgesellschaft
und Konsumverhalten heraus. "Ich war immer ein Allgemein-Soziologe und
nie nur mit einem Thema verheiratet", bilanzierte Scheuch sein
vielfältiges Schaffen noch an seinem 75. Geburtstag am 9. Juni.
Bei vielen Titeln war seine Frau Ute Mitautorin.
Zentrum seines wissenschaftlichen Wirkens war die Universität
Köln, wo er 1961 im Fach Soziologie habilitiert wurde. Bis zu
seiner Emeritierung 1993 lehrte er an der Kölner Hochschule.
Zuletzt sorgte ihn auch die politische Entwicklung in den USA, wo er
ebenfalls lange Zeit als Dozent tätig war: "Die Bush-Clique
sabotiert Europa, denn sie will Europa nicht als Gegenmacht."
(Quelle: dpa)
Enquete-Kommission des Bundestages zur Kultur hat sich konstituiert
Kommission soll Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation von
Kunst und Kultur in Deutschland vornehmen
Di.14.10.03 - Erstmals seit 28 Jahren soll es wieder eine umfassende Untersuchung
über die Lage der Kultur in Deutschland geben. Dazu hat sich am
Montag unter Leitung von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die
Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland" konstituiert. Zur
Vorsitzenden des Gremiums aus elf Parlamentariern und elf
Sachverständigen wurde die CDU-Abgeordnete Gitta Connemann
gewählt, ihr Stellvertreter ist Horst Kubatschka (SPD).
Als Sachverständige benannte die Union unter anderem die Urenkelin
von Richard Wagner, die Literaturwissenschaftlerin Nike Wagner, sowie
den Musiker Heinz Rudolf Kunze und den scheidenden bayerischen
Kunstminister Hans Zehetmair (CSU). Die SPD-Fraktion benannte unter
anderem den Präsidenten der Kulturpolitischen Gesellschaft, Oliver
Scheytt, und den früheren Kultusminister Sachsen-Anhalts, Gerd
Harms. Die FDP benannte den Geschäftsführer des Deutschen
Kulturrates, Olaf Zimmermann, die Grünen die Kommunalpolitikerin
Helga Boldt aus Münster.
Thierse hob die gesellschaftspolitische Bedeutung der Kommissionsarbeit
hervor, der er auch als "Vertreter der Kultur" sein persönliches
Interesse zuwende. Thierse ist Germanist und Kulturwissenschaftler. Es
sei auch wünschenswert, wenn die Kommission möglichst oft
öffentlich tage.
Der Deutsche Kulturrat richtet hohe Erwartungen an die Arbeit der
Kommission, die in der Regel montags tagen und am 9./10. November zu
einer ersten Klausur zusammenkommen will. "Es brennt an allen Ecken und
Enden", sagte ihr Geschäftsführer Olaf Zimmermann der
Nachrichtenagentur dpa und verwies als Beispiele auf die Situationen in
Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Berlin. Es müsse zu
konkreten Empfehlungen unter anderem im Steuer-, Sozial- und
Urheberrecht kommen. "Zum Philosophieren ist das nicht der Ort."
Die Kommission soll eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen
Situation von Kunst und Kultur in Deutschland vornehmen und politische
Handlungsempfehlungen geben. Schwerpunktthemen dabei sind die
wirtschaftliche und soziale lage der Künstler, die
öffentliche und private Kulturförderung sowie «Kultur
als Standortfaktor».
(Quelle: dpa)
Buchmesse verzeichnet wieder Besucherplus
Di.14.10.03 - Erstmals seit zwei Jahren ist die Zahl der Besucher auf der Frankfurter
Buchmesse wieder gestiegen. Bis zum Sonntagabend zählten die
Veranstalter rund 273.000 Bücherfans, wie Buchmesse-Direktor
Volker Neumann bekannt gab. Dies sei ein Plus von 7,7 Prozent im
Vergleich zum Vorjahr. Erwartet hatte die weltgrößte
Bücherschau bis Montagmittag jedoch gut 300.000 Bücherfans.
Die Veranstalter zeigten sich dennoch optimistisch: "Die positive
Stimmung auf der Buchmesse, das große Interesse von Medien und
Lesern an den Neuerscheinungen dieses Herbstes werden den Buchhandel
positiv beeinflussen", erklärte der Vorsteher des
Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Dieter Schormann.
"Der überwiegende Teil der Aussteller war mit dem
geschäftlichen Erfolg während der Buchmesse
außerordentlich zufrieden", sagte Neumann. Mit Russland habe das
bislang größte Gastland seine "neuen Seiten" vorgestellt. Im
kommenden Jahr wird die "Arabische Welt" in Frankfurt am Main zu Gast
sein. Die 56. Frankfurter Buchmesse findet vom 6. bis 10. Oktober 2004
statt.
(Quelle: afp)
Kunst und Medien
Dortmund: Computerspiele von Künstlern
Di.14.10.03 - Mit "games – Computerspiele von KünstlerInnen"
zeigt der
Dortmunder "medien kunst verein" vom
11. Oktober bis 30. November die erste von drei für diesen Ort
geplanten Ausstellungen im ehemaligen Reserveteillager des
Hüttenwerks Phoenix West (Hochofenstraße/Ecke
Rombergstraße).
Der Medienkunstexperte Tilman Baumgärtel
hat 30 Künstler aus
Australien, Europa und den USA eingeladen, darunter Pioniere der
Netzkunst wie Vuk Cosic, Mongrel
, Joan Leandre
und das
niederländische Duo Jodi.
Die Ausstellung "will einen Überblick geben über Strategien
der künstlerischen Aneignung und Modifikation bestehender
Computerspiele" (Pressetext). Alle Arbeiten sollen Spiele-Freaks
ansprechen, die auf einen konstruktiven Umgang mit Hard- und
Softwareprodukten Wert legen, also für Bastler, nicht für
Ballerer.
Die Bandbreite der für die Dortmunder Schau angewandten
künstlerischen Verfahren reicht von der Modifikation der
Programmcodes über Harware-Manipulation bis zur Übersetzung
von Szenen bekannter Spiele in die Sprache analoger Bildmedien und
Objekte. "games" präsentiert Arbeiten, die an Konsolen,
Einzelcomputern oder im Netzwerk zu spielen sind. Darüber hinaus
gibt es Installationen, Videos und grafische Arbeiten sowie Workshops
des Kölner Künstlers Olaf Val unter dem Titel "Selfmade".
Dort sollen Kinder und Jugendliche spielerisch Programmierkenntnisse
erwerben. Auf einer sogenannten LAN-Party gibt es darüber hinaus
Gelegenheit, im Netzwerk (Local Area Network) Computerspiele zu
spielen, die den ausgestellten Kunstwerken zu Grunde liegen.
(Quelle: art)
Affenhirn steuert Roboterarm
Di.14.10.03 - Bei einem Tierversuch in den USA haben Affen erstmals
ausschließlich über im Gehirn eingepflanzte Elektroden den
Arm eines Roboters gesteuert. Zwei Versuchstiere hätten ihre
eigenen Arme nicht mehr benutzt und ein Computerspiel nur mit Hilfe der
Roboterarme gespielt, heißt es in einem Bericht auf der Site der
"Public Library of Science Biology".
Einem Affen wurden dem Bericht zufolge knapp hundert und einem zweiten
mehr als 300 Elektroden in die Bereiche des Gehirns eingepflanzt, die
für Muskelbefehle zuständig sind.
Bereits vor drei Jahren hätten die Affen Roboterarme durch
Hirnelektroden gesteuert, sie bewegten aber gleichzeitig noch die Arme.
Ein Affenweibchen habe jetzt als Erste verstanden, dass das nicht
nötig ist:
"Ihre Armmuskeln wurden ganz ruhig, sie hielt die Arme am Körper
und kontrollierte den Roboterarm ausschließlich durch ihr Hirn
und das visuelle Feedback", sagte Nicolelis.
Der Neurobiologe Miguel Nicolelis von der Duke University im
US-Bundesstaat North Carolina berichtete, er wolle mit seinem Team
versuchen, die Ergebnisse auf den Menschen zu übertragen...
(Quelle: futurezone)
Mehr unter:
http://futurezone.orf.at/futurezone.orf?
read=detail&id=193211&tmp=67560
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