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+++ Sa.18.10.03, 12:45        zum Nachrichten-Archiv Nachrichten-Archiv         aktuelle Nachrichten Aktuelle Nachrichten

Irak am zweihundertunddreizehnten Tag nach Kriegsbeginn

Chirac verteidigt Ja zur jüngsten Irak-Resolution +++ Iraks Regierungsrat will Einhaltung von UN-Resolution 'versuchen' +++ EU dringt auf Zeitplan zur Regierungsübergabe im Irak. - OIC-Mitgliedstaaten fordern zügige Übergabe der Regierungverantwortung an Irak +++ US-Senat bewilligt 87-Milliardenpaket für Afghanistan und Irak +++ Bush verständigt sich mit Japan über Wiederaufbau Iraks +++ Spanien gibt für Irak-Aufbau mehr Finanzhilfen als EU +++ Südkorea will weitere Soldaten nach Irak schicken +++ 13 Tote bei Gefechten in Kerbela, darunter auch drei US-Soldaten

Sa.18.10.03 - Der französische Präsident Jacques Chirac hat die Zustimmung zur jüngsten Irak-Resolution im UN-Sicherheitsrat mit dem Wunsch nach einem geschlossenen Auftreten der internationalen Gemeinschaft begründet. Jeder sei sich bewusst, "dass die Lage in Irak schlecht ist, dass sie sich verschlechtert und dass alles getan werden muss, um sie zu verbessern", sagte Chirac am Freitag beim Brüsseler EU-Gipfel. Dazu müsse unbedingt der Eindruck von einer gespaltenen internationalen Gemeinschaft vermieden werden. "Darum wurde die Entschließung gestern im Sicherheitsrat einstimmig verabschiedet, selbst wenn niemand damit voll und ganz zufriedengestellt wurde."

Der irakische Regierungsrat begrüßte die am Donnerstag verabschiedete neue Irak-Resolution des UN-Sicherheitsrats und will sich um die Einhaltung der vorgegebenen Fristen in der Resolution bemühen. Der irakische Außenminister Hosjar Sebari sprach am Rande des Treffens der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) in Malaysia von einem großen Schritt nach vorn.

"Wir werden es versuchen", sagte der amtierende Ratsvorsitzende Ijad el Allawi am Freitag im malaysischen Putrajaya auf die Frage, ob das provisorische Gremium die Resolution 1511 der Vereinten Nationen einhalten könne. Ein Erfolg hänge aber von den "Umständen in Irak" ab. Der Regierungsrat bemühe sich "ernsthaft", so rasch wie möglich Wahlen zu organisieren, sagte Allawi weiter. Er zeigte sich zuversichtlich, dass sein Land die Souveränität zurückerhalten werde, "sobald es eine Verfassung, einen Volksentscheid und eine gewählte Regierung gebe".

In ihrer Abschlusserklärung forderten die OIC-Mitgliedstaaten eine zügige Übergabe der Regierungsverantwortung an eine irakische Regierung. Die Forderung nach einer größeren Rolle der Vereinten Nationen in Irak wurde indes von den OIC-Staaten fallen gelassen.

Die EU dringt derweil auf einen klaren Fahrplan für eine Regierungsübergabe im Irak. Sie sei bereit, im Rahmen der UN- Resolutionen beim politischen und wirtschaftlichen Aufbau im Irak wesentlich zu helfen. Das heißt es im Entwurf der Schlusserklärung zum Brüsseler EU-Gipfel.

Neben Pakistan und Ägypten kündigte auch Russland am Freitag an, trotz der neuen Resolution keine Truppen zur Verfügung zu stellen. Die Bedingungen, unter denen sein Land Truppen oder Geld für den Wiederaufbau bereitstellen werde, seien mit der Resolution noch nicht geschaffen worden, sagte der russische Präsident Wladimir Putin nach einem Bericht des Fernsehsenders El Dschasira.

Spanien will dagegen für den Wiederaufbau in Irak 300 Millionen US-Dollar zur Verfügung stellen, 100 Millionen mehr als die gesamte Europäische Union. Wie Finanzminister Rodrigo Rato mitteilte, sollen davon 210 Millionen als Spende geleistet werden. Rato zeigte sich zuversichtlich, dass auf der Geberkonferenz kommende Woche in Madrid die angestrebte Summe von 20 Milliarden Dollar zusammenkommt. Nach Schätzungen der Weltbank werden für den Wiederaufbau in Irak in den kommenden drei Jahren 35 Milliarden Dollar benötigt - zusätzlich zu den von der US-Regierung zugesagten 20 Milliarden Dollar.

Der US-Senat hat am Freitag die von Präsident George W. Bush beantragten Haushaltsmittel über 87 Milliarden Dollar zu Finanzierung der Operationen im Irak und Afghanistan gebilligt.

Der Senat verabschiedete das Gesetz mit 87 gegen zwölf Stimmen. Dabei hatten die Senatoren allerdings die von Bush gewünschten 20 Milliarden Dollar an Wiederaufbauhilfen dahingehend geändert, dass zehn Milliarden Dollar nur in Form von Krediten vergeben werden sollen.

Das Repräsentantenhaus hatte zuvor das Gesetz mit 303 gegen 125 Stimmen angenommen, wobei allerdings die Forderung nach der Bindung von Hilfen an Krediten knapp gescheitert war.

Der Vermittlungsausschuss beider Häuser des Kongresses wird sich in der kommenden Woche um eine einvernehmliche Regelung bemühen.

Japan hat US-Präsident George W. Bush zum Auftakt seiner Asienreise Unterstützung beim Wiederaufbau des Iraks zugesagt. Tokio hatte vorgestern angekündigt, es wolle im kommenden Jahr 1,5 Milliarden Dollar dazu beisteuern. Bei einem gemeinsamen Essen mit dem japanischen Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi besprach Bush in Tokio nach Meldungen japanischer Medien außerdem die Krise um Nordkoreas Atomprogramm. Bush will morgen auf die Philippinen weiterreisen.

Südkorea will derweil weitere Soldaten nach Irak schicken, um den US-Truppen beim Wiederaufbau und der Stabilisierung des Landes zu helfen. Das kündigte Regierungssprecher Yoon Tae Young am Samstag in Seoul an. Zum Umfang und der genauen Aufgabe, die die Soldaten übernehmen sollen, äußerte er sich nicht. Darüber werde noch beraten, sagte der Sprecher. Südkorea hat bereits 675 Soldaten in Irak stationiert, die allerdings keine Kampfaufgaben erfüllen.

Wie Yoon weiter mitteilte, will Südkorea in den nächsten vier Jahren 200 Millionen US-Dollar (173 Millionen Euro) für den Wiederaufbau Iraks zur Verfügung stellen. Dieses Geld ist zusätzlich zu den 60 Millionen Dollar, die Südkorea für dieses Jahr bereitstellt.

Die Serie blutiger Auseinandersetzungen im Irak reisst nicht ab. Bei einer Schießerei in der irakischen Stadt Kerbela sind 13 Menschen ums Leben gekommen, darunter auch drei US-Soldaten. Auslöser der Gefechte mit Leibwächtern eines schiitischen Geistlichen war nach US-Militärangaben der Versuch von Soldaten, in der Nacht zum Freitag ein Ausgehverbot zu erzwingen.

Schauplatz der Schießerei war der Amtssitz des Ayatollah Mahmud el Hassani in Kerbela, der von mindestens 20 Männern bewacht wurde. Diese hätten sich geweigert, in das Gebäude zu gehen, teilte das US-Zentralkommando mit. In dem Schusswechsel seien acht Leibwächter Hassanis, drei US-Soldaten und zwei irakische Polizisten getötet worden. Am Morgen gab ein US-Schützenpanzer erneut Schüsse in der Gegend ab, anschließend waren auf den Dächern junge Schiiten mit Sturmgewehren und Granatwerfern zu sehen.

Kerbela liegt in der von polnischen Truppen kontrollierten Zone südwestlich von Bagdad. Dort gilt seit Dienstag 21.00 Uhr ein Ausgehverbot. Rivalitäten schiitischer Gruppen hatten in den vergangenen Wochen immer wieder zu Auseinandersetzungen geführt.

In Bagdad wurde am Freitagmorgen nach Militärangaben bei einer Bombenexplosion ein US-Soldat getötet. In Kirkuk im Norden des Landes vertrieben US-Soldaten mehrere Angreifer, die einen Anschlag auf einen irakischen Politiker geplant haben sollen

(Quellen: afp, rtr, dpa, ap)


 

 

Langsames Sterben nach dem Krieg

Zehnfach höhere Krebsrate im Irak als Folge von Uran-Munion +++ US-Anwältin Karen Parker: Langzeitwirkung der Waffe macht sie zum Massenvernichtungsmittel +++ Internationale Konferenz in Hamburg präsentiert erschreckende Zahlen und will sich für die internationale Ächtung von uranhaltiger Munition einsetzen

Sa.18.10.03 - Eine zehnfach höhere Krebsrate, sieben Mal mehr Missbildungen bei Kindern: Diese erschreckenden Zahlen aus Basra präsentierte die irakische Wissenschaftlerin Genan Hassan am Freitag auf einer internationalen Konferenz in Hamburg. Die Epidemiologin der Universität Basra sprach von einem Verbrechen, das die USA im Golfkrieg 1991 mit uranhaltiger Munition in Irak begangen hätten. Um das 84-fache werde der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Strahlen-Grenzwert dort überschritten.

Schwere Vorwürfe erhob auch US-Anwältin Karen Parker, die bereits seit 20 Jahren Mitarbeiterin der Vereinten Nationen ist. Über die Internationale Atomenergie-Organisation werde verhindert, dass langfristige Untersuchungen über die gesundheitlichen Auswirkungen uranhaltiger Munition durchgeführt würden. "Die Zusammenhänge zwischen den Geschossen und Erkrankungen wie Krebs oder dem 'Golfkriegssyndrom' sind jedoch offensichtlich", sagte Parker. "Die Langzeitwirkungen der Waffen machen sie zu Massenvernichtungsmitteln."

Der Amerikaner Doug Rokke warf seiner Regierung vor, gar kein Interesse an einer Untersuchung gesundheitlicher und umweltbezogener Auswirkungen dieser Munition zu haben. Der Mediziner war nach eigenen Angaben Leiter eines Teams, das für die Räumung verstrahlter Panzer nach dem Golfkrieg 1991 verantwortlich war. 30 seiner Kollegen seien inzwischen gestorben, er selbst sei schwer erkrankt. Dabei gab es seinen Angaben nach ab 1991 Studien über die gesundheitlichen Gefahren. Auf schriftliche Anweisung seien diese jedoch unter Verschluss gehalten worden.

Die Konferenzteilnehmer, die unter anderem aus Afghanistan, Japan und Australien kommen, werden noch bis zum Sonntag in Workshops und Diskussionen über das Thema "Uranwaffen: Die trojanischen Pferde der Atomkriege" beraten. Ihr Ziel ist eine Ächtung uranhaltiger Munition. "Dazu muss vor allem die Informationsblockade durchbrochen werden", erklärte die Mit-Organisatorin der Veranstaltung, Renate Domnick.

(Quelle: ap)
http://www.uraniumweaponsconference.de

 


 


 

US-Präsident Bush hält 'alte' UNO für reformbedürftig

Sa.18.10.03 - US-Präsident George W. Bush hat die Vereinten Nationen nach japanischen Regierungsangaben als "alt" und reformbedürftig bezeichnet. Es sei notwendig, die Struktur der UNO zu reformieren, zitierte ein Beamter des japanischen Außenministeriums am Freitag in Tokio aus einem Gespräch Bushs mit Regierungschef Junichiro Koizumi. Koizumi habe dabei angeregt, "besseren Gebrauch von den Vereinten Nationen zu machen", um die amerikanischen Ideale von Freiheit und Demokratie wirksamer verbreiten zu können. Er forderte die USA auf, "die UNO zu unterstützen". Daraufhin habe Bush geantwortet: "Ich kannn diese Sichtweise verstehen, aber das Problem ist, dass die UNO alt geworden ist und ihre Strukturen reformiert werden müssen." (Quelle: afp)
 


 

Wirbel um religiöse Äußerungen aus dem Pentagon

Staatssekretär im Pentagon bezeichnet Krieg gegen den Terror
als Konflikt mit Satan

Sa.18.10.03 - Einen Sturm der Kritik haben religiöse Äußerungen eines Staatssekretärs im Pentagon ausgelöst, der den Krieg gegen den Terror als einen Konflikt mit Satan bezeichnet hat. Der Rat für Amerikanisch-Islamische Beziehungen forderte die Versetzung von Generalleutnant William Boykin. Der republikanische Senator Lincold Chafee sprach von bedauerlichen Erklärungen.

Boykin ist mehrfach in Kirchen evangelikaler Gemeinden aufgetreten, zum Teil in Uniform. Dabei sagte er unter anderem, die islamischen Extremisten hassten die USA, «weil wir eine christliche Nation sind, weil unsere Grundlagen und Wurzeln jüdisch-christlich sind. Und der Feind ist ein Kerl namens Satan.»

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erklärte am Donnerstag, er kenne Boykins Äußerungen nicht genau, wisse aber, dass er ein hervorragender Offizier sei. Die Äußerung bestimmter Ansichten sei von der Meinungsfreiheit gedeckt. Generalstabschef Richard Myers sagte, er könne nicht erkennen, dass Boykin gegen bestehende Richtlinien verstoßen habe.

(Quelle: ap)

Mehr zum Thema unter:
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/15880/1.html
 


 

Nobelpreisträger: Wissenschaftler werden in USA unterdrückt

Schuld sei die Anti-Terrorismus-Politik der Bush-Regierung

Sa.18.10.03 - Der neue Chemie-Nobelpreisgewinner, der US-Amerikaner Peter Agre, hat die "Unterdrückung" von Wissenschaftlern durch die Behörden der USA beklagt. Schuld daran sei die Anti-Terrorismus-Politik der Regierung von Präsident George W. Bush, meinte Agre nach brasilianischen Medienberichten am Rande eines Biophysik-Kongresses in Rio de Janeiro.

Agre nannte als Beispiel den Fall des Wissenschaftlers Thomas Butler, der den Verlust von krankheitserregenden Mikroben gemeldet habe und daraufhin von den Behörden angezeigt worden sei. Er werde nun des illegalen Transports von Mikroben beschuldigt. "Die Botschaft an die jungen Wissenschaftler ist: Untersucht keine ansteckenden Krankheiten, die Millionen Menschen in armen Ländern töten, weil ihr hinter Gittern landen könntet", sagte Arge.

Der Chemie-Nobelpreisgewinner räumte ein, dass Sicherheitsmaßnahmen nötig seien. "Ich ziehe auf dem Flughafen meine Schuhe und sogar meine Hosen aus. Aber ich weigere mich, in ständiger Angst zu leben", sagte er.

Peter Agre von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore (USA) hatte den Nobelpreis in Chemie für Entdeckungen bezüglich der Wasserkanäle in Zellmembranen bekommen.

(Quelle: dpa)
 


 

Nahost-Konflikt

Drei Palästinenser bei Gefecht mit israelischen Soldaten getötet +++ EU 'tief besorgt' über Lage im Nahen Osten

Sa.18.10.03 - Bei einem Feuergefecht mit israelischen Soldaten sind am Samstagmorgen nach palästinensischen Angaben im Süden des Gazastreifens drei Palästinenser getötet worden, darunter ein Feldkommandeur der militanten Hamas. Zehn weitere Palästinenser wurden verletzt, wie palästinensische Krankenhausärzte mitteilten. Eine israelische Militärsprecherin sagte, sie gehe den Berichten nach, wollte sich aber sonst nicht weiter äußern.

Eine Gruppe Bewaffneter wollte nach Angaben von Augenzeugen in ein Gebäude eindringen, das von israelischen Soldaten als behelfsmäßiger Außenposten genutzt wird. Israelische Scharfschützen, die auf dem Dach postiert gewesen seien, hätten die Gruppe dann unter Feuer genommen.

Die Europäische Union hat sich zur jüngsten Entwicklung im Nahen Osten "tief besorgt" geäussert. Die Bemühungen beider Seiten, die Chance auf einen dauerhaften Frieden zu ergreifen, seien unzureichend, hiess es im Entwurf der Abschlusserklärung, die der EU-Gipfel am Freitag in Brüssel verabschieden wollte.

Angesichts der jüngsten Terroranschläge müsse die Palästinensische Autonomiebehörde "ihre Entschlossenheit, extremistische Gewalt zu bekämpfen, konkret unter Beweis stellen", hiess es in dem Entwurf weiter. Besorgt äusserte sich der Gipfel zugleich über den von Israel an der Grenze zu den palästinensischen Gebieten gebauten Sicherheitszaun. "Für die Palästinenser würde der Zaun zu weiteren humanitären und wirtschaftlichen Problemen führen."

(Quelle: ap)
 


 

OIC-Gipfel

OIC-Staaten bekunden Entschlossenheit im Anti-Terror-Kampf +++ Keine offizielle Entschuldigung Malaysias für antisemitische Rede Mahathirs

Sa.18.10.03 - Zum Abschluss ihres Gipfeltreffen haben die Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) ihre Entschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus bekundet. Die islamischen Staaten wollten zu "multilateralen Anstrengungen gegen diese Plage" beitragen, hieß es am Freitag in der Gipfel-Abschlusserklärung im malaysischen Putrajaya. Dies gelte auch für "Staatsterrorismus", womit das israelische Vorgehen gegen die Palästinenser gemeint war. Bei der Terrorismus-Bekämpfung dürfe es jedoch weder "doppelte Standards" noch einen Zusammenhang mit einer bestimmten Religion oder Kultur geben. Zudem müsse in einer Konvention der Unterschied zwischen Terrorismus und legitimem Freiheitskampf festgelegt werden.

Nach scharfer Kritik an antisemitischen Äußerungen von Ministerpräsident Mahathir Mohamad während dessen Eröffnungsrede beim OIC-Gipfel hat sich die malaysische Regierung am Freitag um Schadensbegrenzung bemüht und von einem Missverständnis gesprochen. Es sei nicht die Absicht Mahathirs gewesen, Juden zu beleidigen, sagte Außenminister Syed Hamid Albar der Nachrichtenagentur AP. Eine offizielle Entschuldigung gab es indes nicht.

Zur Eröffnung des Gipfeltreffens der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) hatte Mahathir am Donnerstag erklärt, die Muslime würden sich von "ein paar Millionen Juden" nicht unterkriegen lassen. "Heute regieren die Juden die Welt durch andere, die für sie kämpfen und sterben", sagte er. 1,3 Milliarden Muslime seien jedoch unschlagbar, solange sie untereinander einig seien. Seine Rede wurde von den anwesenden Regierungschefs mit starkem Beifall bedacht.

"Die zivilisierte Welt kennt die Ergebnisse, die solche gewalttätigen Reden hervorrufen können, aus der Vergangenheit", hieß es in einer Erklärung des israelischen Außenministeriums. Die Rede sei "eine Entweihung des Gedenkens an sechs Millionen Opfer des Antisemitismus", erklärte das Außenamt in Erinnerung an den Holocaust.

Das Auswärtige Amt in Berlin protestierte "auf das Schärfste" gegen die Äußerungen Mahathirs und bestellte den malaysischen Geschäftsträger ein. Das amerikanische Außenministerium sprach ebenfalls von beleidigenden und aufhetzenden Äußerungen.

Der malaysische Außenminister äußerte lediglich sein Bedauern über ein Missverständnis: "Es tut mir Leid, dass sie das Ganze falsch verstanden haben." Es sei nicht die Absicht des Ministerpräsidenten gewesen, eine Kontroverse auszulösen. Syed Hamid zufolge wollte Mahathir nur die derzeitige Gemütslage der Muslime zum Ausdruck bringen. Man habe aber nichts gegen Juden.

Auch von den bei der Rede anwesenden Staats- und Regierungschefs gab es keine Kritik an den Worten des malaysischen Ministerpräsidenten. "Die Rede hat die Aufgaben, vor denen die islamischen Staaten stehen, korrekt zusammengefasst", sagte der afghanische Präsident Hamid Karsai. Er habe nichts Antisemitisches herausgehört. Sein iranischer Kollege Mohammad Chatami sprach gar von einer "brillanten, sehr logischen Rede". Antisemitismus sei nur ein Produkt des Westens.

(Quellen: afp, ap)
 


 

Verborgene Armut

Bangkok versteckt Slum vor Teilnehmern des asiatisch-pazifischen Gipfels

Sa.18.10.03 - Ein riesiges Transparent mit dem Bild des großen Königspalasts in Bangkok soll einen Slum in der thailändischen Hauptstadt vor den Augen der Teilnehmer des Apec-Gipfels verbergen. Das 360 Meter lange und 10 Meter hohe Banner wurde am Donnerstag installiert. Ziel ist es, das Landschaftsbild in der Region Tha Tien zu verbessern, sagte ein Verwaltungssprecher. Die Bewohner des Slums hätten nichts gegen die kosmetische Maßnahme gehabt, sondern sie im Gegenteil unterstützt. In Bangkok findet seit gestern der Gipfel des Asien-Pazifik-Forums statt. Die thailändische Hauptstadt wurde für den Apec-Gipfel umfassend verschönert. Streunende Hunde, Bettler und Obdachlose wurden aus der Stadt geworfen.

(Quelle: ap)
 


 

Bolivianischer Präsident stürzt über Aufstand der Armen

Ursachen des Konflikts im ärmsten Land Südamerikas reichen tief +++ Mehrheit der Bevölkerung ist indianischer Abstimmung und arm sowie wirtschaftlich ausgegrenzt - Ergebnis einer strikt neoliberalen Politik

Sa.18.10.03 - Mehr als drei Wochen lang revoltierten die Armen in Bolivien gegen die herrschende Elite. Der Zorn der indianischen Bergarbeiter und Bauern richtete sich gegen eine Politik der Marktwirtschaft, die es nicht geschafft hat, die Kluft zwischen Reichen und Armen zu verringern. Am Freitag gab Präsident Gonzalo Sanchez de Lozada dem Druck der Straße nach und erklärte seinen Rücktritt.

Auslöser der Protestbewegung war die Absicht des Präsidenten, Erdgas in die USA und nach Mexiko zu exportieren.

Dazu sollte für fünf Milliarden Dollar eine Pipeline gebaut werden - voraussichtlich durch Chile, dessen Territorium Bolivien vom Pazifik abschließt. "Sie sagen, das Projekt wird Bolivien dabei helfen, Millionen von Dollar zu verdienen", sagt der 22-jährige Eisverkäufer Pablo Sanchez in La Paz. "Aber wer sagt, dass ich jemals etwas davon haben werde?"

Die Ursachen des Konflikts im ärmsten Land Südamerikas reichen aber tiefer als die Erdgasdebatte, die der Präsident noch am Mittwoch mit der Ankündigung einer Volksabstimmung zu beruhigen hoffte. "Die Mehrheit der Bevölkerung, indianischer Abstimmung und arm, ist wirtschaftlich ausgegrenzt worden", sagt die Bolivien-Expertin Donna Lee Van Cott. "Sie haben es satt zu warten und sie sind hoch motiviert."

Geboren am 1. Juli 1930 in Cochabamba, studierte Sanchez de Lozada in Chicago Philosophie und englische Literatur. Danach brachte es der Diplomatensohn als Geschäftsmann zum Millionär - mit Firmen in der Film-, Erdöl- und Bergbaubranche. 1979 wurde Sanchez de Lozada nach dem Ende der Herrschaft von Hugo Banzer für die rechtsliberale Partei MNR ins Parlament gewählt. 1985 folgte die Berufung als Planungsminister in die Regierung von Victor Paz Estenssoro. Während seiner ersten Amtszeit als Präsident, von 1993 bis 1997, setzte er die unter Paz Estenssoro eingeleitete strikt neoliberale Politik fort und privatisierte eine Reihe von Staatsunternehmen. Im vergangenen Jahr wurde er noch einmal ins höchste Staatsamt gewählt - mit nur 22 Prozent der Stimmen. Bei Beginn seiner zweiten Amtszeit im August 2002 kündigte der inzwischen 73-Jährige die Fortsetzung marktwirtschaftlicher Reformen an, stieß aber bald auf heftigen Widerstand.

Mit seiner jüngsten Austeritätspolitik - einem strikten Sparkurs bei öffentlichen Ausgaben - hat er Gewerkschaften und Bergarbeiter gegen sich aufgebracht. Die Koka-Bauern sind empört über sein Programm gegen den Anbau der rauschmittelhaltigen Pflanze. Diese dient als Ausgangsstoff zur Produktion von Kokain, wird aber von den Indianern traditionell auch als Mittel verwendet, um das Hungergefühl zu dämpfen.

Schon im Februar kam es über die Proteste gegen die Austeritätspolitik zu zweitägigen Unruhen, bei denen 31 Menschen ums Leben kamen. Damals kam es im Konflikt um Preiserhöhungen und Gehaltskürzungen auch zu Zusammenstößen zwischen streikenden Polizisten und Soldaten. Sanchez de Lozada musste sich in einem Krankenwagen aus dem belagerten Präsidentenpalast in Sicherheit bringen. Danach sagte er einen Verzicht auf Steuererhöhungen zu, konnte die Gemüter aber nur kurze Zeit beruhigen.

Im September brach der Streit um die Erdgasexporte auf. Straßenblockaden legten das über La Paz gelegene El Alto lahm - und schnürten damit weite Teile der Millionenstadt ab. Am Mittwoch näherten sich der Aufstand dem Präsidentenpalast. Regierungsgegner begannen damit, die Straßen der Umgebung mit Zementblöcken zu blockieren. Zum Schutz des Palastes zogen Panzer und Truppen auf.

Noch vor wenigen Tagen versicherte der Präsident, dass ein Rücktritt für ihn nicht in Frage komme. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass "anarcho-syndikalistische Gruppen einen demokratisch gewählten Präsidenten stürzen". Zuletzt aber stellten sich nicht nur die Anführer der Aufstandsbewegung von unten, sondern auch führende Köpfe der politischen Elite gegen Sanchez de Lozada.

(Quelle: ap)


 

 

Armutsproblem ausgeblendet

Verelendung und Hunger nehmen weltweit zu. Das Interesse an Lösungen nicht

Mit gleich zwei internationalen Aktionstagen wurde am Donnerstag und am gestrigen Freitag auf die weltweiten Armutsprobleme aufmerksam gemacht. Das Echo indes war gering: Weder der "Welternährungstag" (Donnerstag), noch der "Internationals Tag der Armut" (Freitag) fanden in der Presse größere Aufmerksamkeit.

Im UN-Hauptquartier in New York hatten vor nur drei Jahren noch optimistische Prognosen dominiert. Während des "Millennium-Gipfels" wurde im Taumel der allgemeinen Euphorie damals sogar das Ziel beschlossen, die weltweite Armut bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Während die entsprechenden Statistiken der Welternährungsorganisation im Jahr 2001 tatsächlich rückläufige Tendenzen aufwiesen, stieg die Zahl armer Menschen zum Jahr 2002 wieder auf 850 Millionen...

Nach Ansicht von Armin Paasch, dem Sprecher der Menschenrechtsorganisation FIAN, liegt das Problem in den "fehlenden strukturellen Maßnahmen". So seien die Exportblockaden der wohlhabenden Industriestaaten beim WTO-Treffen im mexikanischen Cancún vor wenigen Wochen wieder einmal "erfolgreich verteidigt" worden. "Solange keine Abkehr von dieser protektionistischen Politik in den nördlichen Staaten stattfindet, wird der wachsende Hunger und die Armut im Süden nicht zu bekämpfen sein", urteilt Paasch. Verfehlungen seien aber auch in den Entwicklungsländern zu beobachten, in denen Teile der Oberschichten ihre Interessen gegen das Allgemeinwohl brutal durchsetzten. Zusammen mit anderen FIAN-Aktivisten hatte Paasch am Donnerstag daher zum Protest vor der kolumbianischen Botschaft in Berlin aufgerufen. Als Paramilitärs verkleidet machten die Aktivisten auf die massiven Vertreibungen von Bauern und indigenen Kolumbianern in den ländlichen Gebieten aufmerksam....("junge Welt" vom 18.10.03)
http://www.jungewelt.de/2003/10-18/008.php


 

Blick ins Archiv


Weltbank-Präsident kritisiert hohe Rüstungsausgaben +++ Wolfensohn fordert Abbau des Armutsgefälles auf der Erde

Mi.24.09.03 - Mit scharfer Kritik an den weltweiten Rüstungsausgaben hat Weltbankpräsident James Wolfensohn am Dienstag die Jahrestagung seiner Institution und des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Dubai eröffnet. Die Industrieländer gäben jährlich hunderte Milliarden Dollar mehr für Verteidigung sowie zur Subventionierung ihrer Landwirtschaft aus als für die Entwicklungszusammenarbeit...

Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0309240.htm#03092402


 

Zweideutigkeiten in den offiziellen
Armutsstatistiken der Weltbank

Eigentlich müsste es relativ einfach sein, festzustellen, ob die Armut auf dieser Welt in den letzten zehn und zwanzig Jahren angestiegen, gesunken oder annähernd gleich geblieben ist. Fragt man die Weltbank und den Internationalen Währungsfond (IWF), dann ist die Antwort eine erstaunliche: Sie wissen es nicht...

Mehr bei telepolis (22.09.03) unter:
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/15682/1.html

 


 


 

Prominente Frauenrechtlerin in Kolumbien erschossen

Rechtsgerichte Milizionäre unter Verdacht +++ Bürgerrechtsorganisationen erhalten immer wieder Drohungen dieser paramilitärischen Gruppe

Sa.18.10.03 - Mutmaßliche rechtsgerichtete Milizionäre haben eine prominente kolumbianische Frauenrechtlerin getötet. Wie eine Sprecherin der Feministischen Volksorganisation (OFP) am Freitag mitteilte, verschleppten bewaffnete Männer die 40-jährige Esperanza Amaris am Abend zuvor aus ihrem Haus in der Hafenstadt Barrancabermeja im Norden Kolumbiens und erschossen sie. Augenzeugen identifizierten die Täter als Mitglieder einer örtlichen paramilitärischen Gruppe.

Amaris war die Leiterin der Frauenorganisation in der Stadt. Die OFP ist eine der aktivsten regierungsunabhängigen Organisationen in der Region. Sie errichtet unter anderem Schulen und betreibt Krankenhäuser. Wie viele andere Bürgerechtsgruppen erhält auch die OFP immer wieder Drohungen rechter Milizen. In jüngster Zeit kämpften die Milizen mit linken Rebellen um die Vorherrschaft in Teilen Barrancabermejas.

(Quelle: ap)
 


 

Europäischer Gipfel in Brüssel

Großbritannien blockiert weiterhin den Aufbau einer EU-weiten militärischen Führung +++ EU hält an Planung eigener Militär-Fähigkeiten fest +++ Milliardenschweres Investitionsprogramm auf den Weg. gebracht +++ Bundeskanzler Schröder wurde am zweiten Gipfeltag vom französischen Präsidenten Jacques Chirac vertreten

Sa.18.10.03 - Die EU-Staaten wollen den Aufbau eigener militärischer Strukturen vorantreiben, ohne dabei die NATO zu schwächen. Dies wurde auf dem EU-Gipfel in Brüssel deutlich, der am Freitag zu Ende ging. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac sagte: "Wir sind entschlossen weiterzumachen." Der britische Premierminister Tony Blair schränkte ein: "Wir brauchen natürlich eine starke europäische Verteidigung. Aber nichts darf die Verteidigungsgarantien der NATO in Gefahr bringen."

Die Pläne Deutschlands, Frankreichs, Belgiens und Luxemburgs, ein eigenes EU-Hauptquartier zur Planung und Führung militärischer Einsätze aufzubauen, haben in den USA Argwohn hervorgerufen. Mitte der Woche hatte dies der US-Botschafter bei der NATO, Nicholas Burnes, im Kreis seiner Brüsseler Kollegen erneut deutlich gemacht und betont, die EU-Pläne stellten eine Gefahr für Allianz dar.

Blair, engster Verbündeter Washingtons in Europa, betonte: "Jeder wird am Ende akzeptieren, dass die Verteidigungsgarantien in der NATO wurzeln." Für Großbritannien sei eine enge Anbindung an Europa aber genau so wichtig wie die Verbundenheit zu den USA. Darin sehe er keine Widersprüche. In der EU-Verteidigungspolitik gehe es darum, einsatzfähig zu sein, wenn sich die NATO beziehungsweise die USA nicht engagieren wollten.

Blair, Schröder und Chriac hatten sich am 20. September in Berlin ausdrücklich für EU-eigene militärische Kommandostrukturen ausgesprochen. In Brüssel sagte Blair jetzt nach einem erneuten Treffen mit Schröder, Chirac und Belgiens Premier Guy Verhofstadt am Rande des Giipfels er könne sich nun höchstens militärische Planungskapazitäten für die EU vorstellen, die in NATO-Strukturen eingebunden seien. "Ich werde die NATO niemals aufs Spiel setzen", sagte er.

Auch der italienische Ministerpräsident und amtierende EU-Ratsvorsitzende Silvio Berlusconi sagte: "50 Jahre war die NATO die Basis unserer kollektiven Verteidigung, und das sollte auch so bleiben." Aus deutschen Regierungskreisen verlautete, es gehe nicht darum, dies zu ändern. Vielmehr müsse die EU eigene Strukturen für Einsätze aufbauen, die sie ohne die NATO und auch ohne Rückgriff auf Strukturen der Allianz führe.

Chirac sagte, er werde ungeachtet der ablehnenden Haltung Blairs die gemeinsame Verteidigungsinitiative mit Deutschland, Belgien und Luxemburg vorantreiben. Mit der britischen Ablehnung sei die Initiative nicht beendet. "Wir setzen die Diskussion fort." Ähnlich wurde in deutschen Regierungskreisen argumentiert. Die internen Gespräche sollen in der kommenden Wochen fortgesetzt werden.

Zur Ankurbelung der Konjunktur brachte der EU-Gipfel ein milliardenschwereren Investitionsprogramm auf den Weg. "Da die Lage weiterhin labil ist, muss ein Zeichen des Vertrauens in das Wirtschaftspotenzial der Europäischen Union gesetzt werden», erklärten die Chefs. Eine zusätzliche Belastung der Haushalte soll es aber nicht geben. Konkrete Beschlüsse will der EU-Gipfel im Dezember fassen.

Die Forderung der EU-Kommission, die Kofinanzierung der Mitgliedstaaten bei grenzüberschreitenden Verkehrsprojekten von derzeit zehn auf 30 Prozent zu erhöhen, wurde in die Gipfelerklärung nicht mit aufgenommen. Besonders Deutschland hatte sich dagegen gewehrt, weil dies eine zusätzliche Belastung des Haushalts nach sich gezogen hätte. Jetzt wird lediglich geprüft, "ob in einigen besonderen Fällen eine Erhöhung des Kofinanzierungsanteils der Gemeinschaft möglich ist".

Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde am zweiten Gipfeltag in Brüssel vom französischen Präsidenten Jacques Chirac vertreten, um an der Abstimmung im Bundestag teilzunehmen. Chirac äußerte sich im Anschluss zufrieden mit der Zusammenarbeit.

(Quellen: ap, dpa)
 


 

Bundestag beschließt umfangreiches Reformpaket

Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, Umorganisation der Bundesanstalt für Arbeit, Vorziehen der Steuerreform, Erhöhung der Tabaksteuer und  Reform der Gewerbesteuer

Sa.18.10.03 - Mit fast geschlossener Mehrheit hat Rot-Grün im Bundestag lange umstrittene Reformgesetze verabschiedet. Das Parlament beschloss unter anderem die Bei den namentlichen Abstimmungen lagen die Mehrheiten klar über der «Kanzlermehrheit». Vielen Gesetzen muss noch der unionsdominierte Bundesrat zustimmen.

Nach wochenlangem Ringen brachte die rot-grüne Koalition gegen die Stimmen der Opposition ihre Arbeitsmarktreform über die erste parlamentarische Hürde. Damit wurde ein Umbau der Bundesanstalt für Arbeit sowie die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe beschlossen.

Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte seine politische Existenz von einer eigenen Mehrheit abhängig gemacht. Die Koalition stimmte dem Gesetz nahezu geschlossen zu. Der Grünen-Abgeordnete Werner Schulz enthielt sich.

Die Steuerlast von Bürgern und Mittelstand soll nach dem Willen des Bundestages kommendes Jahr um etwa 22 Milliarden Euro sinken. Das Parlament beschloss mit rot-grüner Mehrheit, die Steuerreformstufe 2005 auf 2004 vorzuziehen und gemeinsam mit dem zweiten Entlastungsschritt in Kraft zu setzen. Die finanziellen Erleichterungen werden allerdings durch Belastungen an anderer Stelle zu einem erheblichen Teil gleich wieder aufgezehrt. Der Beschluss beinhaltet auch die Halbierung der Pendlerpauschale, Einschnitte für Rentner sowie die Abschaffung der Eigenheimzulage.

Union und FDP sind zwar für die Steuersenkungen, halten aber Eichels Konzept der Regierung zur Gegenfinanzierung für unseriös. Sie kritisieren, dass Rot-Grün nach dem Prinzip "linke Tasche rein, rechte Tasche raus" verfahre.

Bei der Gemeindefinanzreform werden die Kommunen nach Regierungsangaben kommendes Jahr um insgesamt 4,5 Milliarden Euro entlastet. Ab 2005 liegt der Betrag bei jährlich 5,5 Milliarden Euro. Der Bundesrat muss dem Gesetz aber noch zustimmen. Das gilt als unwahrscheinlich, weil die Union die rot-grünen Pläne scharf kritisiert - insbesondere die Einbeziehung der 700.000 Freiberufler in die Gewerbesteuer, die künftig Gemeindewirtschaftsteuer heißen soll.

Ab dem kommenden Jahr soll zudem die Tabaksteuer um insgesamt einen Euro je Packung im Rahmen der Gesundheitsreform erhöht werden. Mit den Einnahmen daraus will Gesundheitsministerin Ulla Schmidt versicherungsfremde Leistungen der Krankenkassen finanzieren. Dafür sind im Gesundheitsreformgesetz für 2004 eine Milliarde Euro aus der Tabaksteuer eingeplant, für 2005 rund 2,5 Milliarden und ab 2006 dann 4,2 Milliarden.

Auch eine Amnestie für Steuersünder ist beschlossene Sache. Vom 1. Januar 2004 bis zum 31. März 2005 sollen reuige Bürger die "Brücke zur Steuerehrlichkeit» nutzen und straffrei Schwarzgeld nachversteuern können. Wer in einer «strafbefreienden Erklärung" sein in den Jahren 1993 bis 2001 illegal zur Seite gebrachtes Geld offenbart, muss es nachträglich versteuern. Das Finanzministerium rechnet dadurch mit zusätzlichen Einnahmen von fünf Milliarden Euro. Der Bundesrat muss zustimmen.

(Quellen: ap)


 

 

Bundestag und Bundesrat haben am Freitag in Berlin wichtige Entscheidungen zu den anstehenden Reformprojekten getroffen. Die Beschlüsse des Bundestags bedürfen abgesehen von der Erhöhung der Tabaksteuer alle der Zustimmung durch den Bundesrat. Im folgenden die beschlossenen Gesetzesvorhaben:

Entscheidungen des Bundestags

Arbeitsmarkt

Das sogenannte Hartz-III-Gesetz regelt den Umbau der Bundesanstalt für Arbeit (BA) zur künftigen Bundesagentur, mit der auch 3000 zusätzliche Jobvermittler aus dem bisherigen Personal gewonnen werden sollen. Bei "Hartz IV" geht es um die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu einem neuen Arbeitslosengeld II, das in etwa auf dem Niveau der bisherigen Sozialhilfe angesiedelt wird.

Steuerreform

Mit den Haushaltsbegleitgesetz 2004 wird das Vorziehen der für 1005 vorgesehenen nächsten Stufe der Steuerreform auf 2004 geregelt. Mit der Steurrreform sollen Bürger und Unternehmen um 21,8 Milliarden Euro entlastet werden. Zur Gegenfinanzierung soll unter anderem die Eigenheimzulage und die Wohnungsbauprämie von 2004 an wegfallen, die Entfernungspauschale wird reduziert. Ferner ist vorgesehen, den Bundeszuschuss zur Rentenversicherung um zwei Milliarden Euro zu kürzen.

Tabaksteuer

Das Änderungsgesetz zur Tabaksteuer sieht eine allmähliche Erhöhung der Zigarettenpreise um 4,5 Cent bis Juli 2005 vor. Zigaretteneinfuhren aus den osteuropäischen EU-Staaten, die im kommenden Jahr der Union beitreten, bleiben für eine Übergangsfrist bis mindestens 2007 von zusätzlichen Abgaben verschont.

Steueramnestie

Das Gesetz zur Förderung der Steuerehrlichkeit soll Steuersündern ermöglichen, ihr am deutschen Fiskus vorbei ins Ausland geschleuste Geld befristet straffrei zurückzuholen. Nicht angegebenes Schwarzgeld und Zinsen sollen pauschal nachversichert werden. Anzugeben sind die zwischen 1993 und 2001 ohne Kenntnis des Fiskus erzielten Einnahmen.

Gewerbesteuer

Durch die Gewerbesteuerreform müssen künftig auch Freiberufler und Selbstständige eine so genannte Gemeindewirtschaftssteuer entrichten. Zugleich wird den Kommunen ein höherer Anteil an der Umsatzststeuer eingeräumt, um die Haushalte zu stabilisieren und weniger konjunkturabhängig zu machen.



Entscheidungen des Bundesrats

Gesundheitsreform

Der zwischen Regierung und Union ausgehandelte Kompromiss ist endgültig beschlossen. Der unions-dominierte Bundesrat billigte mit großer Mehrheit das vom Bundestag bereits im September verabschiedete Reformgesetz. Damit sollen die Beitragssätze der gesetzlichen Krankenkasse von heute durchschnittlich 14,4 auf 13,6 Prozent im nächsten Jahr und auf fast 12 Prozent im Jahr 2006 gesenkt werden. Allerdings kommen auf die Versicherten auch höhere Zuzahlungen zu

Arbeitsmarkt

Zur von der Bundesregierung angestrebten Kürzung beim Arbeitslosengeld und zur Lockerung des Kündigungsschutzes rief der Bundesrat den vermittlungsausschuss an. Ziel ist die Aufhebung des entsprechenden Bundestagsbeschlusses, welcher der Unions-Mehrheit im Bundesrat zu weit geht. Zu einem weiteren Teil der vorgesehenen Arbeitsmarktreform brachte die Länderkammer einen von Hessen vorgelegten Entwurf eines "Existenzgrundlagengesetzes"  beim Bundestag ein. Danach sollen Arbeitslosen-und Sozialhilfe auf  Sozialhilfeniveau zusammengeführt und die Kommunen für alle Beratungs-, Vermittlungs, und Leistungaufgaben zuständig sein. Die vom Bundestag verabschiedete Regelung sieht dagegen vor, dass die Bundesanstalt für Arbeit diese Aufgaben wahrnehmen soll.

Handwerk

Mit einem von mehreren Unions-Ländern vorgelegten Entwurf für eine Novelle der Handwerksordnung soll einer von den Antragsstellern befürchteten "Aushöhlung" des Meisterprinzips begegnet werden. Kriterien für die Pflicht zum Meisterbrief als Voraussetzung für eine Betriebsführung sollen neben den Gefahren eines Berufs auch der Ausbildungsbeitrag sowie der Verbraucherschutz sein. Existenzgründungen im Handwerk sollen unter anderem durch die Abschaffung des Inhaberprinzips erleichtert werden.

Mietrecht

Mit der Änderung im Mietrecht solle es den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen ermöglicht werden, das so genannte Zweckentfremdungsverbot lediglich auf einzelne Stadtteile zu beschränken. Mit dem Zweckentfremdungsverbot wird die gewerbliche Nutzung von Mietwohnungen untersagt.

Sportanlagen

Im Umsatzsteuergesetz soll die Ende 2003 auslaufende Übergangsregelung für Betreiber von Alt-Sportanlagen um zwei Jahre verlängert werden. Ziel ist es, eine Benachteiligung dieser Betreiber aufgrund einer Entscheidung des Bundesfinanzhofes von 2001 zu verhindern.

(Quelle: ddp)

 


 


 

Bsirske: Hartz-Gesetze toppen Kohl-Politik

Sa.18.10.03 - Ver.di-Chef Frank Bsirske sieht keine grundlegenden Unterschiede mehr zwischen der Sozialpolitik der rot-grünen Koalition und deren Vorgängerregierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl. "Was die Grundausrichtung in sozial- und steuerpolitischen Fragen angeht, haben wir ... unverkennbar eine Übernahme von Grundkonzepten aus der Kohl-Zeit", sagte der Gewerkschaftsvorsitzende nach der Verabschiedung der Arbeitsmarkt-Gesetze der "Berliner Zeitung" (Samstagausgabe).

Kohl habe 1982 unter dem Motto "Leistung muss sich wieder lohnen" ein Programm der Umverteilung, der Deregulierung und der Privatisierung aufgelegt, sagte Bsirske. "Mit der Agenda 2010 wird die Politik von Kohl ja noch getoppt!" Mit "kollektiver Entsicherung" solle Beschäftigung angereizt und über die Entlastung der Firmen mehr Stellen geschaffen werden. "Das waren auch Grundpfade der Kohl-Ära. Die werden heute weiter beschritten, obwohl es für die Beschäftigungsentwicklung, für das Wachstum und bei der Haushaltskonsolidierung nichts gebracht, sondern eher die Lage verschärft hat", sagte Bsirske.

(Quelle: ap)


 

 

«Armut per Gesetz»

Der Sozialabbau marschiert. Im streng bewachten Bundestag wurde (gestern) u.a. «Hartz 4» beschlossen - Die Angst vorm Volk war offensichtlich

Fünf Mannschaftswagen der Polizei waren vor dem Berliner Reichstagsgebäude aufgefahren, um die protestierenden Massen von ihren Vertretern fernzuhalten. Das Areal um den Sitz des Deutschen Bundestages war mit rot-weißen Sperrgittern so weiträumig abgesperrt, daß keiner nahe genug herankommen konnte, um den Abgeordneten Transparente vor die Nase zu halten oder womöglich mit faulem Obst zu werfen. Allerdings war das Volk zu Hause geblieben, als sich die Parlamentarier anschickten, einen weiteren Stein aus der Ruine des deutschen Sozialstaates herauszubrechen. Lediglich ein verlorenes Häuflein näherte sich dem Parlamentsgebäude aus Richtung Brandenburger Tor. Etwa 15 Aufrechte, über ihren Köpfen die Fahnen der Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt schwingend, wollte offenbar ihren Unmut zu "Hartz 4" kundtun. Doch daraus wurde nichts. Schnell war die Polizei zu Stelle: "Hier dürfen Sie nicht, Sie müssen vor das Brandenburger Tor gehen", wurde den Gewerkschaftern kategorisch mitgeteilt. Prompt machten die Vertreter der Arbeiterklasse kehrt und bauten sich 100 Meter weiter entfernt auf. Aber auch drei einzelne Demonstranten mit umgehängten Plakaten wurden gezwungen, diese abzuhängen oder ebenfalls vor das Brandenburger Tor zu ziehen. Auf den Plakaten stand: "SPD bringt Kinder in Armut" oder "Stoppt Agenda 2010". Das war offenbar eine zu große Zumutung für die ankommenden Abgeordneten.... ("junge Welt" vom 18.10.03)

Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2003/10-18/index.php


 

«Soll ich jetzt Straße fegen?»

Wie gebannt verfolgt die Magdeburgerin Rosemarie V. Abend für Abend im Fernsehen Nachrichtensendungen und Diskussionen. Hartz-Gesetze III und IV, Arbeitslosengeld I und II, Krankenversicherung und Rentenbeiträge gehören zu den aktuellen Schlagworten, für die sich auch die 50-Jährige interessiert. Und wenn das Fernsehgerät längst ausgeschaltet ist, grübelt die Frau weiter.

Denn das, worüber sich die Politiker jetzt streiten, trifft Rosemarie V. mit aller Wucht. «Ich denke mit Schrecken an das Jahresende. Denn ab dem neuen Jahr bin ich arbeitslos», berichtet die geschiedene Frau. Dann wird sie sich einreihen in das große Heer der Arbeitslosen in Sachsen-Anhalt, in dem die Quote seit Jahren bei rund 20 Prozent liegt.

Schon zu DDR-Zeiten gehörte die Arbeit zum Leben von Rosemarie V.. Sie lernte als junge Frau erst den Beruf einer Konditorin, dann den einer Handelskauffrau. Kurz vor der Wende setzte sie sich erneut auf die Schulbank und wurde nach einem Fernstudium schließlich Betriebswirtin.

Doch das Unternehmen, für das sie sich weiterqualifiziert hatte, ging Pleite wie so viele Betriebe in Ostdeutschland. Rosemarie V. gab nicht auf, versuchte ihr Glück im fernen Spanien mit einem eigenen Lokal und scheiterte. Zurück in Magdeburg wagte sie einen Neuanfang. Bei einer staatlich geförderten Weiterbildung vertiefte sie ihre Kenntnisse in der Betriebswirtschaft und erlernte den Umgang mit dem Computer.

Das neue Wissen nutzte zunächst wenig. Rosemarie V. «fiel in die Arbeitslosigkeit und damit in ein tiefes Loch», wie sie sich selbst erinnert. Aufgefangen wurde sie damals durch die Bildungsvereinigung Arbeit und Leben, die unter anderem Schülern bei der Planung des Lebenswegs hilft und in Landgemeinden Computerschulungen organisiert. «Ich mache hier gemeinsam mit anderen alles, von der Projektplanung bis zur Abrechnung», berichtet die attraktive Frau. Selbstbewusst sei sie dadurch geworden, habe das richtige Auftreten gelernt und viel Spaß mit den Kollegen.

Doch nach nunmehr drei Jahren ist der Job, eine ABM-Stelle, zum 31. Dezember weg, «ausgelaufen», wie es im Amtsdeutsch heißt. «Arbeit gibt es noch genug, doch keinen, der sie bezahlt», sagte Frau V.. Und eine neue Stelle ist nicht in Sicht, weiß die 50-Jährige, die sich bereits in mehreren Unternehmen vorgestellt hat. «Die Chefs sind zumeist jung und wollen ein jungen Team», hat Frau V. inzwischen gelernt. «Dass ich Erfahrungen habe und mit meinen erwachsenen Kindern unabhängig bin, zählt nicht.»

Rosemarie V. verdient derzeit 980 Euro netto, 380 Euro gehen für die Miete der kleinen Zwei-Raum-Wohnung im Magdeburger Süden drauf. Ab Januar kommt dann nach den Hartz-Gesetzen für ein Jahr das so genannte Arbeitslosengeld I und anschließend das Arbeitslosengeld II, das Arbeitslosen- und Sozialhilfe ersetzt, wie Rosemarie V. im Fernsehen erfuhr. Dann bekommt sie als allein Stehende die Erstattung der Wohnkosten, also Miete und Heizung für «angemessenen Wohnraum», und einen Regelsatz, der in Ostdeutschland monatlich bei 331 Euro (345 Euro im Westen) liegt. Das Geld muss für Kleidung, Essen und Sonstiges reichen. Die Arbeitslosenhilfe, die sich nach dem bisher verdienten Lohn richtet, ist damit abgeschafft, was besonders für Menschen mit einem bislang hohen Einkommen eine deutliche Verschlechterung bedeutet.

Alle künftigen Regelungen, etwa zu Sparguthaben und Lebensversicherungen, betreffen Frau V. nicht. «Wovon sollte ich sparen oder anlegen?», fragt sie. Grundsätzlich haben Empfänger des Arbeitslosengeldes II einen Beitrag von 200 Euro pro Lebensjahr an Vermögen frei sowie einen weiteren Freibetrag von 200 Euro für Geldanlagen, die erst im Ruhestand ausgezahlt werden, wie etwa Lebensversicherungen.

Dass Empfänger des Arbeitslosengeldes II jede Arbeit akzeptieren müssen, die nach «ortsüblichem Tarif» bezahlt wird, treibt Rosemarie V. um: «Ich habe studiert. Soll ich jetzt Straße fegen?» Zudem möchte sie im Raum Magdeburg bleiben, «wo meine beiden Söhne und meine Enkeltochter, die mein ganzes Leben sind», wohnen.

Überhaupt die Kinder: Beide sind am Bau beschäftigt, einer Branche, die besonders in Ostdeutschland von der Krise gebeutelt ist. «Die Jungs arbeiten bei Wind und Wetter hart, um ihre Familien durchzubringen.» Wenn sie, wie es einige Politiker planen, nun auch noch für ihre Mutter aufkommen müssen... - Frau V. kommen bei diesen Gedanken die Tränen. «Wissen die Politiker eigentlich, wie es den Menschen tatsächlich geht?». (Quelle: ap)


 

Die großen Verlierer der Reform des Arbeitslosengelds sind Familien mit Kindern

Am deutlichsten werden die Arbeitslosenhilfe-Empfänger die Gesetzesreform zu spüren bekommen: Bislang bekamen diejenigen, deren Arbeitslosengeld auslief, mehr als die Hälfte ihres vorherigen Netto-Einkommens. Im Durchschnitt waren das in München 613 Euro. Davon mussten allerdings auch Miete und Heizung bezahlt werden.

Das neue Arbeitslosengeld II orientiert sich nicht mehr am früheren Gehalt, sondern an der Bedürftigkeit. Das heißt: Ein Arbeitsloser, dessen Arbeitslosengeld-Anspruch ausläuft – für die meisten nach einem Jahr – rutscht beim Einkommen auf Sozialhilfe-Niveau. Die Grundpauschale liegt hier bei 345 Euro, zuzüglich angemessener Miet- und Heizkosten. Da gleichzeitig die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld für Ältere eingeschränkt wird, trifft das Sozialhilfeniveau schneller auch diejenigen zwischen 45 und 55 Jahren.

Einschnitte spüren aber auch die bisherigen Sozialhilfe-Empfänger. Diejenigen, die länger als drei Stunden pro Tag arbeiten können – das sind nach Angaben der Stadt zusammen mit den in ihren Haushalten lebenden Angehörigen etwa 45.000 Menschen –, bekommen ebenfalls das Arbeitslosengeld II.

Vor allem für Familien mit Kindern wird das bedeuten, dass sie erheblich weniger Geld in der Haushaltskasse haben werden als bisher mit der Sozialhilfe. Sie sind die Verlierer der Reform.

Der Münchner Sozialreferent Friedrich Graffe bezeichnet deshalb das Arbeitslosengeld II als "nicht armutsfest". Woher diejenigen künftig ihren Unterhalt bekommen, die nicht arbeitsfähig sind, steht noch nicht fest.


 

Musterrechnungen:

Arbeitslos 1: Die vierköpfige Familie
Kinder und ihre arbeitslosen Eltern sind die Verlierer der Reform – zumindest in München, wo die Sozialhilfe wegen der hohen Lebenshaltungskosten über dem Landes- und Bundesdurchschnitt liegt. In der Höhe der Sozialhilfe werden regionale Unterschiede berücksichtigt, die Höhe des Arbeitslosengeldes II aber wird bundesweit einheitlich festgelegt. Nach einer Musterrechnung des städtischen Amtes für Soziale Sicherung auf der Basis des Gesetzentwurfs der Bundesregierung wird eine vierköpfige Münchner Familie, die bisher Sozialhilfe bezieht und künftig Arbeitslosengeld II erhält, deutlich weniger Geld in der Tasche haben. Die Musterfamilie – Mutter und Vater arbeitslos, die Kinder sieben und zwölf Jahre alt – bekommt nach den Berechnungen, in denen auch das Kindergeld berücksichtigt ist, im Monat 81,50 Euro weniger. Der Familie verbleiben, die Miete abgezogen, 1036 Euro.


Arbeitslos 2 - Mutter und zwei Kinder
Nicht besser als Familien ergeht es Alleinerziehenden nach der Reform.
Eine allein erziehende Mutter, die arbeitslos ist und zwei Kinder im Alter von vier und 14 Jahren hat, muss mit 61,15 Euro weniger im Monat auskommen.

In der Musterrechnung des Amtes für Soziale Sicherung ist das Kindergeld bereits berücksichtigt. Die angemessenen Miet- und Heizungskosten werden im Rahmen des Arbeitslosengelds II ebenso übernommen wie von der Sozialhilfe.

Die Miete abgezogen, verbleiben dem 3-Personen-Haushalt somit nur noch 948,75 Euro zum Leben – für Essen, Kleidung und Wohnungseinrichtung. Bisher bezahlte einmalige Leistungen wie etwa zur Taufe oder Einschulung gibt es nicht mehr.


Arbeitslos 3 - Der Single ohne Job

Kaum finanzielle Einbußen.

Arbeitslose Singles, die künftig Arbeitslosengeld II statt Sozialhilfe erhalten, müssen kaum mit finanziellen Einbußen rechnen. Neben den Miet- und Heizkosten bekommen sie dann monatlich 345 Euro Arbeitslosengeld II – das entspricht der bisher bezahlten Summe aus Sozialhilferegelsatz (316 Euro) und Pauschale (29 Euro) für Bekleidung und andere Ausgaben.

(Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 15.10.03)
 


 


 

Scholz will Mindesttarife auf Sozialhilfeniveau akzeptieren

Sa.18.10.03 - SPD-Generalsekretär Olaf Scholz will der Union im Streit um die Hartz-Reformen entgegen kommen. Er könne Mindestlöhne auf dem Niveau der Sozialhilfe akzeptieren, sagte Scholz der "Berliner Zeitung". Niemand in Deutschland dürfe gezwungen werden, für unvertretbar niedrige Löhne zu arbeiten. Wer in Vollzeit arbeite, müsse davon auch leben können. Der Sozialhilfesatz werde dafür für allein Stehende "in etwa der Maßstab" sein.

(Quelle: dpa)
 


 

Engelen-Kefer setzt auf Gespräche mit der Regierung

Sa.18.10.03 - Trotz der von den Gewerkschaften angedrohten Proteste gegen die rot-grünen Arbeitsmarktreformen setzt die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer weiter auf Gespräche mit der Regierung für mögliche Änderungen. Laut "Thüringer Allgemeine" (Samstagausgabe) sagte die Engelen-Kefer, bei den Einschnitten für Arbeitnehmer und Arbeitslose seien "schon einige Giftzähne gezogen" worden. Die Entwürfe seien jedoch "ein PR-Konzept, das die tatsächliche soziale Schieflage verbirg"».

Die Gewerkschaften seien gemeinsam der Ansicht, dass die geplanten Reformen eher Arbeitsplätze kosten und keine neuen bringen würden, sagte Engelen-Kefer. Es sei bisher auch gemeinsame Linie, dass man in Gesprächen Korrekturen erreichen solle. Was herauskomme, hänge auch stark von den Unionsparteien ab. Es werde schwierig werden, wenn die Opposition über den Bundesrat versuche, bereits erfolgte Korrekturen rückgängig zu machen und obendrein noch ihre Vorstellungen zur Aufweichung der Tarifautonomie durchzusetzen. Dem Vermittlungsausschuss werde eine entscheidende Rolle zukommen. Auch wenn Kompromisse notwendig seien, dürfe "am Ende keine CDU-Politik herauskommen".

(Quelle: ap)
 


 

Eichel: Finanzlage wird noch dramatischer

Sa.18.10.03 - Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) hat eine Verschärfung der Haushaltslage in Bund, Ländern und Gemeinden angedeutet.

Eichel sprach am Freitag kurz vor der Bundestagsabstimmung über ein Paket von Steueränderungen von einer dramatischen Kassenlage auch in den sozialen Sicherungssystemen. "Wahr ist auch, dass sie (die Etatlage) nach der Steuerschätzung (im November) noch einmal schwieriger werden wird."

(Quelle: rtr)
 
 
 
 

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