Aktuelle Nachrichten
Irak am zweihundertunddreizehnten Tag nach Kriegsbeginn
Chirac verteidigt Ja zur jüngsten Irak-Resolution +++ Iraks
Regierungsrat will Einhaltung von UN-Resolution 'versuchen' +++ EU
dringt auf Zeitplan zur Regierungsübergabe im Irak. -
OIC-Mitgliedstaaten fordern zügige Übergabe der
Regierungverantwortung an Irak +++ US-Senat bewilligt
87-Milliardenpaket für Afghanistan und Irak +++
Bush verständigt sich mit Japan über Wiederaufbau Iraks +++
Spanien gibt für Irak-Aufbau mehr Finanzhilfen als EU +++
Südkorea will weitere Soldaten nach Irak schicken +++ 13 Tote bei
Gefechten in Kerbela, darunter auch drei US-Soldaten
Sa.18.10.03 - Der französische Präsident Jacques Chirac hat die Zustimmung
zur jüngsten Irak-Resolution im UN-Sicherheitsrat mit dem Wunsch
nach einem geschlossenen Auftreten der internationalen Gemeinschaft
begründet. Jeder sei sich bewusst, "dass die Lage in Irak schlecht
ist, dass sie sich verschlechtert und dass alles getan werden muss, um
sie zu verbessern", sagte Chirac am Freitag beim Brüsseler
EU-Gipfel. Dazu müsse unbedingt der Eindruck von einer gespaltenen
internationalen Gemeinschaft vermieden werden. "Darum wurde die
Entschließung gestern im Sicherheitsrat einstimmig verabschiedet,
selbst wenn niemand damit voll und ganz zufriedengestellt wurde."
Der irakische Regierungsrat begrüßte die am Donnerstag
verabschiedete neue Irak-Resolution des UN-Sicherheitsrats und will
sich um die Einhaltung der vorgegebenen Fristen in der Resolution
bemühen. Der irakische Außenminister Hosjar Sebari sprach am
Rande des Treffens der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) in
Malaysia von einem großen Schritt nach vorn.
"Wir werden es versuchen", sagte der amtierende Ratsvorsitzende Ijad el
Allawi am Freitag im malaysischen Putrajaya auf die Frage, ob das
provisorische Gremium die Resolution 1511 der Vereinten Nationen
einhalten könne. Ein Erfolg hänge aber von den
"Umständen in Irak" ab. Der Regierungsrat bemühe sich
"ernsthaft", so rasch wie möglich Wahlen zu organisieren, sagte
Allawi weiter. Er zeigte sich zuversichtlich, dass sein Land die
Souveränität zurückerhalten werde, "sobald es eine
Verfassung, einen Volksentscheid und eine gewählte Regierung gebe".
In ihrer Abschlusserklärung forderten die OIC-Mitgliedstaaten eine
zügige Übergabe der Regierungsverantwortung an eine irakische
Regierung. Die Forderung nach einer größeren Rolle der
Vereinten Nationen in Irak wurde indes von den OIC-Staaten fallen
gelassen.
Die EU dringt derweil auf einen klaren Fahrplan für eine
Regierungsübergabe im Irak. Sie sei bereit, im Rahmen der UN-
Resolutionen beim politischen und wirtschaftlichen Aufbau im Irak
wesentlich zu helfen. Das heißt es im Entwurf der
Schlusserklärung zum Brüsseler EU-Gipfel.
Neben Pakistan und Ägypten kündigte auch Russland am Freitag
an, trotz der neuen Resolution keine Truppen zur Verfügung zu
stellen. Die Bedingungen, unter denen sein Land Truppen oder Geld
für den Wiederaufbau bereitstellen werde, seien mit der Resolution
noch nicht geschaffen worden, sagte der russische Präsident
Wladimir Putin nach einem Bericht des Fernsehsenders El Dschasira.
Spanien will dagegen für den Wiederaufbau in Irak 300 Millionen
US-Dollar zur Verfügung stellen, 100 Millionen mehr als die gesamte
Europäische Union. Wie Finanzminister Rodrigo Rato mitteilte,
sollen davon 210 Millionen als Spende geleistet werden. Rato zeigte
sich zuversichtlich, dass auf der Geberkonferenz kommende Woche in
Madrid die angestrebte Summe von 20 Milliarden Dollar zusammenkommt.
Nach Schätzungen der Weltbank werden für den Wiederaufbau in
Irak in den kommenden drei Jahren 35 Milliarden Dollar benötigt -
zusätzlich zu den von der US-Regierung zugesagten 20 Milliarden
Dollar.
Der US-Senat hat am Freitag die von Präsident George W. Bush
beantragten Haushaltsmittel über 87 Milliarden Dollar zu
Finanzierung der Operationen im Irak und Afghanistan gebilligt.
Der Senat verabschiedete das Gesetz mit 87 gegen zwölf Stimmen.
Dabei hatten die Senatoren allerdings die von Bush gewünschten 20
Milliarden Dollar an Wiederaufbauhilfen dahingehend geändert, dass
zehn Milliarden Dollar nur in Form von Krediten vergeben werden sollen.
Das Repräsentantenhaus hatte zuvor das Gesetz mit 303 gegen 125
Stimmen angenommen, wobei allerdings die Forderung nach der Bindung von
Hilfen an Krediten knapp gescheitert war.
Der Vermittlungsausschuss beider Häuser des Kongresses wird sich
in der kommenden Woche um eine einvernehmliche Regelung bemühen.
Japan hat US-Präsident George W. Bush zum Auftakt seiner
Asienreise Unterstützung beim Wiederaufbau des Iraks zugesagt.
Tokio hatte vorgestern angekündigt, es wolle im kommenden Jahr 1,5
Milliarden Dollar dazu beisteuern. Bei einem gemeinsamen Essen mit dem
japanischen Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi besprach Bush in
Tokio nach Meldungen japanischer Medien außerdem die Krise um
Nordkoreas Atomprogramm. Bush will morgen auf die Philippinen
weiterreisen.
Südkorea will derweil weitere Soldaten nach Irak schicken, um den
US-Truppen beim Wiederaufbau und der Stabilisierung des Landes zu
helfen. Das kündigte Regierungssprecher Yoon Tae Young am Samstag
in Seoul an. Zum Umfang und der genauen Aufgabe, die die Soldaten
übernehmen sollen, äußerte er sich nicht. Darüber
werde noch beraten, sagte der Sprecher. Südkorea hat bereits 675
Soldaten in Irak stationiert, die allerdings keine Kampfaufgaben
erfüllen.
Wie Yoon weiter mitteilte, will Südkorea in den nächsten vier
Jahren 200 Millionen US-Dollar (173 Millionen Euro) für den
Wiederaufbau Iraks zur Verfügung stellen. Dieses Geld ist
zusätzlich zu den 60 Millionen Dollar, die Südkorea für
dieses Jahr bereitstellt.
Die Serie blutiger Auseinandersetzungen im Irak reisst nicht ab. Bei
einer Schießerei in der irakischen Stadt Kerbela sind 13 Menschen
ums Leben gekommen, darunter auch drei US-Soldaten. Auslöser der
Gefechte mit Leibwächtern eines schiitischen Geistlichen war nach
US-Militärangaben der Versuch von Soldaten, in der Nacht zum
Freitag ein Ausgehverbot zu erzwingen.
Schauplatz der Schießerei war der Amtssitz des Ayatollah Mahmud
el Hassani in Kerbela, der von mindestens 20 Männern bewacht
wurde. Diese hätten sich geweigert, in das Gebäude zu gehen,
teilte das US-Zentralkommando mit. In dem Schusswechsel seien acht
Leibwächter Hassanis, drei US-Soldaten und zwei irakische
Polizisten getötet worden. Am Morgen gab ein
US-Schützenpanzer erneut Schüsse in der Gegend ab,
anschließend waren auf den Dächern junge Schiiten mit
Sturmgewehren und Granatwerfern zu sehen.
Kerbela liegt in der von polnischen Truppen kontrollierten Zone
südwestlich von Bagdad. Dort gilt seit Dienstag 21.00 Uhr ein
Ausgehverbot. Rivalitäten schiitischer Gruppen hatten in den
vergangenen Wochen immer wieder zu Auseinandersetzungen geführt.
In Bagdad wurde am Freitagmorgen nach Militärangaben bei einer
Bombenexplosion ein US-Soldat getötet. In Kirkuk im Norden des
Landes vertrieben US-Soldaten mehrere Angreifer, die einen Anschlag auf
einen irakischen Politiker geplant haben sollen
(Quellen: afp, rtr, dpa, ap)
Langsames Sterben nach dem Krieg
Zehnfach höhere Krebsrate im Irak als Folge von Uran-Munion +++
US-Anwältin Karen Parker: Langzeitwirkung der Waffe macht sie zum
Massenvernichtungsmittel +++ Internationale Konferenz in Hamburg
präsentiert erschreckende Zahlen und will sich für die
internationale Ächtung von uranhaltiger Munition einsetzen
Sa.18.10.03 - Eine zehnfach höhere Krebsrate, sieben Mal mehr Missbildungen bei
Kindern: Diese erschreckenden Zahlen aus Basra präsentierte die
irakische Wissenschaftlerin Genan Hassan am Freitag auf einer
internationalen Konferenz in Hamburg. Die Epidemiologin der
Universität Basra sprach von einem Verbrechen, das die USA im
Golfkrieg 1991 mit uranhaltiger Munition in Irak begangen hätten.
Um das 84-fache werde der von der Weltgesundheitsorganisation
empfohlene Strahlen-Grenzwert dort überschritten.
Schwere Vorwürfe erhob auch US-Anwältin Karen Parker, die
bereits seit 20 Jahren Mitarbeiterin der Vereinten Nationen ist.
Über die Internationale Atomenergie-Organisation werde verhindert,
dass langfristige Untersuchungen über die gesundheitlichen
Auswirkungen uranhaltiger Munition durchgeführt würden. "Die
Zusammenhänge zwischen den Geschossen und Erkrankungen wie Krebs
oder dem 'Golfkriegssyndrom' sind jedoch offensichtlich", sagte Parker.
"Die Langzeitwirkungen der Waffen machen sie zu
Massenvernichtungsmitteln."
Der Amerikaner Doug Rokke warf seiner Regierung vor, gar kein Interesse
an einer Untersuchung gesundheitlicher und umweltbezogener Auswirkungen
dieser Munition zu haben. Der Mediziner war nach eigenen Angaben Leiter
eines Teams, das für die Räumung verstrahlter Panzer nach dem
Golfkrieg 1991 verantwortlich war. 30 seiner Kollegen seien inzwischen
gestorben, er selbst sei schwer erkrankt. Dabei gab es seinen Angaben
nach ab 1991 Studien über die gesundheitlichen Gefahren. Auf
schriftliche Anweisung seien diese jedoch unter Verschluss gehalten
worden.
Die Konferenzteilnehmer, die unter anderem aus Afghanistan, Japan und
Australien kommen, werden noch bis zum Sonntag in Workshops und
Diskussionen über das Thema "Uranwaffen: Die trojanischen Pferde
der Atomkriege" beraten. Ihr Ziel ist eine Ächtung uranhaltiger
Munition. "Dazu muss vor allem die Informationsblockade durchbrochen
werden", erklärte die Mit-Organisatorin der Veranstaltung, Renate
Domnick.
(Quelle: ap)
http://www.uraniumweaponsconference.de
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US-Präsident Bush hält 'alte' UNO für
reformbedürftig
Sa.18.10.03 - US-Präsident George W. Bush hat die Vereinten Nationen nach
japanischen Regierungsangaben als "alt" und reformbedürftig
bezeichnet. Es sei notwendig, die Struktur der UNO zu reformieren,
zitierte ein Beamter des japanischen Außenministeriums am Freitag
in Tokio aus einem Gespräch Bushs mit Regierungschef Junichiro
Koizumi. Koizumi habe dabei angeregt, "besseren Gebrauch von den
Vereinten Nationen zu machen", um die amerikanischen Ideale von
Freiheit und Demokratie wirksamer verbreiten zu können. Er
forderte die USA auf, "die UNO zu unterstützen". Daraufhin habe
Bush geantwortet: "Ich kannn diese Sichtweise verstehen, aber das
Problem ist, dass die UNO alt geworden ist und ihre Strukturen
reformiert werden müssen."
(Quelle: afp)
Wirbel um religiöse Äußerungen aus dem Pentagon
Staatssekretär im Pentagon bezeichnet Krieg gegen den Terror
als Konflikt mit Satan
Sa.18.10.03 - Einen Sturm der Kritik haben religiöse Äußerungen eines
Staatssekretärs im Pentagon ausgelöst, der den Krieg gegen
den Terror als einen Konflikt mit Satan bezeichnet hat. Der Rat
für Amerikanisch-Islamische Beziehungen forderte die Versetzung
von Generalleutnant William Boykin. Der republikanische Senator Lincold
Chafee sprach von bedauerlichen Erklärungen.
Boykin ist mehrfach in Kirchen evangelikaler Gemeinden aufgetreten, zum
Teil in Uniform. Dabei sagte er unter anderem, die islamischen
Extremisten hassten die USA, «weil wir eine christliche Nation
sind, weil unsere Grundlagen und Wurzeln jüdisch-christlich sind.
Und der Feind ist ein Kerl namens Satan.»
US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erklärte am Donnerstag,
er kenne Boykins Äußerungen nicht genau, wisse aber, dass er
ein hervorragender Offizier sei. Die Äußerung bestimmter
Ansichten sei von der Meinungsfreiheit gedeckt. Generalstabschef
Richard Myers sagte, er könne nicht erkennen, dass Boykin gegen
bestehende Richtlinien verstoßen habe.
(Quelle: ap)
Mehr zum Thema unter:
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/15880/1.html
Nobelpreisträger: Wissenschaftler werden in USA unterdrückt
Schuld sei die Anti-Terrorismus-Politik der Bush-Regierung
Sa.18.10.03 - Der neue Chemie-Nobelpreisgewinner, der US-Amerikaner Peter Agre, hat
die "Unterdrückung" von Wissenschaftlern durch die Behörden
der USA beklagt. Schuld daran sei die Anti-Terrorismus-Politik der
Regierung von Präsident George W. Bush, meinte Agre nach
brasilianischen Medienberichten am Rande eines Biophysik-Kongresses in
Rio de Janeiro.
Agre nannte als Beispiel den Fall des Wissenschaftlers Thomas Butler,
der den Verlust von krankheitserregenden Mikroben gemeldet habe und
daraufhin von den Behörden angezeigt worden sei. Er werde nun des
illegalen Transports von Mikroben beschuldigt. "Die Botschaft an die
jungen Wissenschaftler ist: Untersucht keine ansteckenden Krankheiten,
die Millionen Menschen in armen Ländern töten, weil ihr
hinter Gittern landen könntet", sagte Arge.
Der Chemie-Nobelpreisgewinner räumte ein, dass
Sicherheitsmaßnahmen nötig seien. "Ich ziehe auf dem
Flughafen meine Schuhe und sogar meine Hosen aus. Aber ich weigere
mich, in ständiger Angst zu leben", sagte er.
Peter Agre von der Johns Hopkins University School of Medicine in
Baltimore (USA) hatte den Nobelpreis in Chemie für Entdeckungen
bezüglich der Wasserkanäle in Zellmembranen bekommen.
(Quelle: dpa)
Nahost-Konflikt
Drei Palästinenser bei Gefecht mit israelischen Soldaten
getötet +++ EU 'tief besorgt' über Lage im Nahen Osten
Sa.18.10.03 - Bei einem Feuergefecht mit israelischen Soldaten sind am Samstagmorgen
nach palästinensischen Angaben im Süden des Gazastreifens
drei Palästinenser getötet worden, darunter ein
Feldkommandeur der militanten Hamas. Zehn weitere Palästinenser
wurden verletzt, wie palästinensische Krankenhausärzte
mitteilten. Eine israelische Militärsprecherin sagte, sie gehe den
Berichten nach, wollte sich aber sonst nicht weiter äußern.
Eine Gruppe Bewaffneter wollte nach Angaben von Augenzeugen in ein
Gebäude eindringen, das von israelischen Soldaten als
behelfsmäßiger Außenposten genutzt wird. Israelische
Scharfschützen, die auf dem Dach postiert gewesen seien,
hätten die Gruppe dann unter Feuer genommen.
Die Europäische Union hat sich zur jüngsten Entwicklung im
Nahen Osten "tief besorgt" geäussert. Die Bemühungen beider
Seiten, die Chance auf einen dauerhaften Frieden zu ergreifen, seien
unzureichend, hiess es im Entwurf der Abschlusserklärung, die der
EU-Gipfel am Freitag in Brüssel verabschieden wollte.
Angesichts der jüngsten Terroranschläge müsse die
Palästinensische Autonomiebehörde "ihre Entschlossenheit,
extremistische Gewalt zu bekämpfen, konkret unter Beweis stellen",
hiess es in dem Entwurf weiter. Besorgt äusserte sich der Gipfel
zugleich über den von Israel an der Grenze zu den
palästinensischen Gebieten gebauten Sicherheitszaun. "Für die
Palästinenser würde der Zaun zu weiteren humanitären und
wirtschaftlichen Problemen führen."
(Quelle: ap)
OIC-Gipfel
OIC-Staaten bekunden Entschlossenheit im Anti-Terror-Kampf +++ Keine
offizielle Entschuldigung Malaysias für antisemitische Rede
Mahathirs
Sa.18.10.03 - Zum Abschluss ihres Gipfeltreffen haben die Mitgliedsstaaten der
Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) ihre Entschlossenheit im
Kampf gegen den Terrorismus bekundet. Die islamischen Staaten wollten
zu "multilateralen Anstrengungen gegen diese Plage" beitragen,
hieß es am Freitag in der Gipfel-Abschlusserklärung im
malaysischen Putrajaya. Dies gelte auch für "Staatsterrorismus",
womit das israelische Vorgehen gegen die Palästinenser gemeint
war. Bei der Terrorismus-Bekämpfung dürfe es jedoch weder
"doppelte Standards" noch einen Zusammenhang mit einer bestimmten
Religion oder Kultur geben. Zudem müsse in einer Konvention der
Unterschied zwischen Terrorismus und legitimem Freiheitskampf
festgelegt werden.
Nach scharfer Kritik an antisemitischen Äußerungen von
Ministerpräsident Mahathir Mohamad während dessen
Eröffnungsrede beim OIC-Gipfel hat sich die malaysische Regierung
am Freitag um Schadensbegrenzung bemüht und von einem
Missverständnis gesprochen. Es sei nicht die Absicht Mahathirs
gewesen, Juden zu beleidigen, sagte Außenminister Syed Hamid
Albar der Nachrichtenagentur AP. Eine offizielle Entschuldigung gab es
indes nicht.
Zur Eröffnung des Gipfeltreffens der Organisation der Islamischen
Konferenz (OIC) hatte Mahathir am Donnerstag erklärt, die Muslime
würden sich von "ein paar Millionen Juden" nicht unterkriegen
lassen. "Heute regieren die Juden die Welt durch andere, die für
sie kämpfen und sterben", sagte er. 1,3 Milliarden Muslime seien
jedoch unschlagbar, solange sie untereinander einig seien. Seine Rede
wurde von den anwesenden Regierungschefs mit starkem Beifall bedacht.
"Die zivilisierte Welt kennt die Ergebnisse, die solche
gewalttätigen Reden hervorrufen können, aus der
Vergangenheit", hieß es in einer Erklärung des israelischen
Außenministeriums. Die Rede sei "eine Entweihung des Gedenkens an
sechs Millionen Opfer des Antisemitismus", erklärte das
Außenamt in Erinnerung an den Holocaust.
Das Auswärtige Amt in Berlin protestierte "auf das Schärfste"
gegen die Äußerungen Mahathirs und bestellte den
malaysischen Geschäftsträger ein. Das amerikanische
Außenministerium sprach ebenfalls von beleidigenden und
aufhetzenden Äußerungen.
Der malaysische Außenminister äußerte lediglich sein
Bedauern über ein Missverständnis: "Es tut mir Leid, dass sie
das Ganze falsch verstanden haben." Es sei nicht die Absicht des
Ministerpräsidenten gewesen, eine Kontroverse auszulösen.
Syed Hamid zufolge wollte Mahathir nur die derzeitige Gemütslage
der Muslime zum Ausdruck bringen. Man habe aber nichts gegen Juden.
Auch von den bei der Rede anwesenden Staats- und Regierungschefs gab es
keine Kritik an den Worten des malaysischen Ministerpräsidenten.
"Die Rede hat die Aufgaben, vor denen die islamischen Staaten stehen,
korrekt zusammengefasst", sagte der afghanische Präsident Hamid
Karsai. Er habe nichts Antisemitisches herausgehört. Sein
iranischer Kollege Mohammad Chatami sprach gar von einer "brillanten,
sehr logischen Rede". Antisemitismus sei nur ein Produkt des Westens.
(Quellen: afp, ap)
Verborgene Armut
Bangkok versteckt Slum vor Teilnehmern des asiatisch-pazifischen Gipfels
Sa.18.10.03 - Ein riesiges Transparent mit dem Bild des großen
Königspalasts in Bangkok soll einen Slum in der
thailändischen Hauptstadt vor den Augen der Teilnehmer des
Apec-Gipfels verbergen. Das 360 Meter lange und 10 Meter hohe Banner
wurde am Donnerstag installiert. Ziel ist es, das Landschaftsbild in
der Region Tha Tien zu verbessern, sagte ein Verwaltungssprecher. Die
Bewohner des Slums hätten nichts gegen die kosmetische
Maßnahme gehabt, sondern sie im Gegenteil unterstützt. In
Bangkok findet seit gestern der Gipfel des Asien-Pazifik-Forums statt.
Die thailändische Hauptstadt wurde für den Apec-Gipfel
umfassend verschönert. Streunende Hunde, Bettler und Obdachlose
wurden aus der Stadt geworfen.
(Quelle: ap)
Bolivianischer Präsident stürzt über Aufstand der Armen
Ursachen des Konflikts im ärmsten Land Südamerikas reichen
tief +++ Mehrheit der Bevölkerung ist indianischer Abstimmung und
arm sowie wirtschaftlich ausgegrenzt - Ergebnis einer strikt
neoliberalen Politik
Sa.18.10.03 - Mehr als drei Wochen lang revoltierten die Armen in Bolivien gegen die
herrschende Elite. Der Zorn der indianischen Bergarbeiter und Bauern
richtete sich gegen eine Politik der Marktwirtschaft, die es nicht
geschafft hat, die Kluft zwischen Reichen und Armen zu verringern. Am
Freitag gab Präsident Gonzalo Sanchez de Lozada dem Druck der
Straße nach und erklärte seinen Rücktritt.
Auslöser der Protestbewegung war die Absicht des Präsidenten,
Erdgas in die USA und nach Mexiko zu exportieren.
Dazu sollte für fünf Milliarden Dollar eine Pipeline gebaut
werden - voraussichtlich durch Chile, dessen Territorium Bolivien vom
Pazifik abschließt. "Sie sagen, das Projekt wird Bolivien dabei
helfen, Millionen von Dollar zu verdienen", sagt der 22-jährige
Eisverkäufer Pablo Sanchez in La Paz. "Aber wer sagt, dass ich
jemals etwas davon haben werde?"
Die Ursachen des Konflikts im ärmsten Land Südamerikas
reichen aber tiefer als die Erdgasdebatte, die der Präsident noch
am Mittwoch mit der Ankündigung einer Volksabstimmung zu beruhigen
hoffte. "Die Mehrheit der Bevölkerung, indianischer Abstimmung und
arm, ist wirtschaftlich ausgegrenzt worden", sagt die Bolivien-Expertin
Donna Lee Van Cott. "Sie haben es satt zu warten und sie sind hoch
motiviert."
Geboren am 1. Juli 1930 in Cochabamba, studierte Sanchez de Lozada in
Chicago Philosophie und englische Literatur. Danach brachte es der
Diplomatensohn als Geschäftsmann zum Millionär - mit Firmen
in der Film-, Erdöl- und Bergbaubranche. 1979 wurde Sanchez de
Lozada nach dem Ende der Herrschaft von Hugo Banzer für die
rechtsliberale Partei MNR ins Parlament gewählt. 1985 folgte die
Berufung als Planungsminister in die Regierung von Victor Paz
Estenssoro. Während seiner ersten Amtszeit als Präsident, von
1993 bis 1997, setzte er die unter Paz Estenssoro eingeleitete strikt
neoliberale Politik fort und privatisierte eine Reihe von
Staatsunternehmen. Im vergangenen Jahr wurde er noch einmal ins
höchste Staatsamt gewählt - mit nur 22 Prozent der Stimmen.
Bei Beginn seiner zweiten Amtszeit im August 2002 kündigte der
inzwischen 73-Jährige die Fortsetzung marktwirtschaftlicher
Reformen an, stieß aber bald auf heftigen Widerstand.
Mit seiner jüngsten Austeritätspolitik - einem strikten
Sparkurs bei öffentlichen Ausgaben - hat er Gewerkschaften und
Bergarbeiter gegen sich aufgebracht. Die Koka-Bauern sind empört
über sein Programm gegen den Anbau der rauschmittelhaltigen
Pflanze. Diese dient als Ausgangsstoff zur Produktion von Kokain, wird
aber von den Indianern traditionell auch als Mittel verwendet, um das
Hungergefühl zu dämpfen.
Schon im Februar kam es über die Proteste gegen die
Austeritätspolitik zu zweitägigen Unruhen, bei denen 31
Menschen ums Leben kamen. Damals kam es im Konflikt um
Preiserhöhungen und Gehaltskürzungen auch zu
Zusammenstößen zwischen streikenden Polizisten und Soldaten.
Sanchez de Lozada musste sich in einem Krankenwagen aus dem belagerten
Präsidentenpalast in Sicherheit bringen. Danach sagte er einen
Verzicht auf Steuererhöhungen zu, konnte die Gemüter aber nur
kurze Zeit beruhigen.
Im September brach der Streit um die Erdgasexporte auf.
Straßenblockaden legten das über La Paz gelegene El Alto
lahm - und schnürten damit weite Teile der Millionenstadt ab. Am
Mittwoch näherten sich der Aufstand dem Präsidentenpalast.
Regierungsgegner begannen damit, die Straßen der Umgebung mit
Zementblöcken zu blockieren. Zum Schutz des Palastes zogen Panzer
und Truppen auf.
Noch vor wenigen Tagen versicherte der Präsident, dass ein
Rücktritt für ihn nicht in Frage komme. Es dürfe nicht
zugelassen werden, dass "anarcho-syndikalistische Gruppen einen
demokratisch gewählten Präsidenten stürzen". Zuletzt
aber stellten sich nicht nur die Anführer der Aufstandsbewegung
von unten, sondern auch führende Köpfe der politischen Elite
gegen Sanchez de Lozada.
(Quelle: ap)
Armutsproblem ausgeblendet
Verelendung und Hunger nehmen weltweit zu. Das Interesse an
Lösungen nicht
Mit gleich zwei internationalen Aktionstagen wurde am Donnerstag und am
gestrigen Freitag auf die weltweiten Armutsprobleme aufmerksam gemacht.
Das Echo indes war gering: Weder der "Welternährungstag"
(Donnerstag), noch der "Internationals Tag der Armut" (Freitag) fanden
in der Presse größere Aufmerksamkeit.
Im UN-Hauptquartier in New York hatten vor nur drei Jahren noch
optimistische Prognosen dominiert. Während des
"Millennium-Gipfels" wurde im Taumel der allgemeinen Euphorie damals
sogar das Ziel beschlossen, die weltweite Armut bis zum Jahr 2015 zu
halbieren. Während die entsprechenden Statistiken der
Welternährungsorganisation im Jahr 2001 tatsächlich
rückläufige Tendenzen aufwiesen, stieg die Zahl armer
Menschen zum Jahr 2002 wieder auf 850 Millionen...
Nach Ansicht von Armin Paasch, dem Sprecher der
Menschenrechtsorganisation FIAN, liegt das Problem in den "fehlenden
strukturellen Maßnahmen". So seien die Exportblockaden der
wohlhabenden Industriestaaten beim WTO-Treffen im mexikanischen
Cancún vor wenigen Wochen wieder einmal "erfolgreich verteidigt"
worden. "Solange keine Abkehr von dieser protektionistischen Politik in
den nördlichen Staaten stattfindet, wird der wachsende Hunger und
die Armut im Süden nicht zu bekämpfen sein", urteilt Paasch.
Verfehlungen seien aber auch in den Entwicklungsländern zu
beobachten, in denen Teile der Oberschichten ihre Interessen gegen das
Allgemeinwohl brutal durchsetzten. Zusammen mit anderen FIAN-Aktivisten
hatte Paasch am Donnerstag daher zum Protest vor der kolumbianischen
Botschaft in Berlin aufgerufen. Als Paramilitärs verkleidet
machten die Aktivisten auf die massiven Vertreibungen von Bauern und
indigenen Kolumbianern in den ländlichen Gebieten
aufmerksam....("junge Welt" vom 18.10.03)
http://www.jungewelt.de/2003/10-18/008.php
Blick ins Archiv
Weltbank-Präsident kritisiert hohe Rüstungsausgaben +++
Wolfensohn fordert Abbau des Armutsgefälles auf der Erde
Mi.24.09.03 - Mit scharfer Kritik an den weltweiten Rüstungsausgaben hat
Weltbankpräsident James Wolfensohn am Dienstag die Jahrestagung
seiner Institution und des Internationalen Währungsfonds (IWF) in
Dubai eröffnet. Die Industrieländer gäben jährlich
hunderte Milliarden Dollar mehr für Verteidigung sowie zur
Subventionierung ihrer Landwirtschaft aus als für die
Entwicklungszusammenarbeit...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0309240.htm#03092402
Zweideutigkeiten in den offiziellen
Armutsstatistiken der Weltbank
Eigentlich müsste es relativ einfach sein, festzustellen, ob die
Armut auf dieser Welt in den letzten zehn und zwanzig Jahren
angestiegen, gesunken oder annähernd gleich geblieben ist. Fragt
man die Weltbank und den Internationalen Währungsfond (IWF), dann
ist die Antwort eine erstaunliche: Sie wissen es nicht...
Mehr bei telepolis (22.09.03) unter:
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/15682/1.html
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Prominente Frauenrechtlerin in Kolumbien erschossen
Rechtsgerichte Milizionäre unter Verdacht +++
Bürgerrechtsorganisationen erhalten immer wieder Drohungen dieser
paramilitärischen Gruppe
Sa.18.10.03 - Mutmaßliche rechtsgerichtete Milizionäre haben eine
prominente kolumbianische Frauenrechtlerin getötet. Wie eine
Sprecherin der Feministischen Volksorganisation (OFP) am Freitag
mitteilte, verschleppten bewaffnete Männer die 40-jährige
Esperanza Amaris am Abend zuvor aus ihrem Haus in der Hafenstadt
Barrancabermeja im Norden Kolumbiens und erschossen sie. Augenzeugen
identifizierten die Täter als Mitglieder einer örtlichen
paramilitärischen Gruppe.
Amaris war die Leiterin der Frauenorganisation in der Stadt. Die OFP
ist eine der aktivsten regierungsunabhängigen Organisationen in
der Region. Sie errichtet unter anderem Schulen und betreibt
Krankenhäuser. Wie viele andere Bürgerechtsgruppen
erhält auch die OFP immer wieder Drohungen rechter Milizen. In
jüngster Zeit kämpften die Milizen mit linken Rebellen um die
Vorherrschaft in Teilen Barrancabermejas.
(Quelle: ap)
Europäischer Gipfel in Brüssel
Großbritannien blockiert weiterhin den Aufbau einer EU-weiten
militärischen Führung +++ EU hält an Planung eigener
Militär-Fähigkeiten fest +++ Milliardenschweres
Investitionsprogramm auf den Weg. gebracht +++ Bundeskanzler
Schröder wurde am zweiten Gipfeltag vom französischen
Präsidenten Jacques Chirac vertreten
Sa.18.10.03 - Die EU-Staaten wollen den Aufbau eigener militärischer Strukturen
vorantreiben, ohne dabei die NATO zu schwächen. Dies wurde auf dem
EU-Gipfel in Brüssel deutlich, der am Freitag zu Ende ging. Der
französische Staatspräsident Jacques Chirac sagte: "Wir sind
entschlossen weiterzumachen." Der britische Premierminister Tony Blair
schränkte ein: "Wir brauchen natürlich eine starke
europäische Verteidigung. Aber nichts darf die
Verteidigungsgarantien der NATO in Gefahr bringen."
Die Pläne Deutschlands, Frankreichs, Belgiens und Luxemburgs, ein
eigenes EU-Hauptquartier zur Planung und Führung
militärischer Einsätze aufzubauen, haben in den USA Argwohn
hervorgerufen. Mitte der Woche hatte dies der US-Botschafter bei der
NATO, Nicholas Burnes, im Kreis seiner Brüsseler Kollegen erneut
deutlich gemacht und betont, die EU-Pläne stellten eine Gefahr
für Allianz dar.
Blair, engster Verbündeter Washingtons in Europa, betonte: "Jeder
wird am Ende akzeptieren, dass die Verteidigungsgarantien in der NATO
wurzeln." Für Großbritannien sei eine enge Anbindung an
Europa aber genau so wichtig wie die Verbundenheit zu den USA. Darin
sehe er keine Widersprüche. In der EU-Verteidigungspolitik gehe es
darum, einsatzfähig zu sein, wenn sich die NATO beziehungsweise
die USA nicht engagieren wollten.
Blair, Schröder und Chriac hatten sich am 20. September in Berlin
ausdrücklich für EU-eigene militärische
Kommandostrukturen ausgesprochen. In Brüssel sagte Blair jetzt
nach einem erneuten Treffen mit Schröder, Chirac und Belgiens
Premier Guy Verhofstadt am Rande des Giipfels er könne sich nun
höchstens militärische Planungskapazitäten für die
EU vorstellen, die in NATO-Strukturen eingebunden seien. "Ich werde die
NATO niemals aufs Spiel setzen", sagte er.
Auch der italienische Ministerpräsident und amtierende
EU-Ratsvorsitzende Silvio Berlusconi sagte: "50 Jahre war die NATO die
Basis unserer kollektiven Verteidigung, und das sollte auch so
bleiben." Aus deutschen Regierungskreisen verlautete, es gehe nicht
darum, dies zu ändern. Vielmehr müsse die EU eigene
Strukturen für Einsätze aufbauen, die sie ohne die NATO und
auch ohne Rückgriff auf Strukturen der Allianz führe.
Chirac sagte, er werde ungeachtet der ablehnenden Haltung Blairs die
gemeinsame Verteidigungsinitiative mit Deutschland, Belgien und
Luxemburg vorantreiben. Mit der britischen Ablehnung sei die Initiative
nicht beendet. "Wir setzen die Diskussion fort." Ähnlich wurde in
deutschen Regierungskreisen argumentiert. Die internen Gespräche
sollen in der kommenden Wochen fortgesetzt werden.
Zur Ankurbelung der Konjunktur brachte der EU-Gipfel ein
milliardenschwereren Investitionsprogramm auf den Weg. "Da die Lage
weiterhin labil ist, muss ein Zeichen des Vertrauens in das
Wirtschaftspotenzial der Europäischen Union gesetzt werden»,
erklärten die Chefs. Eine zusätzliche Belastung der Haushalte
soll es aber nicht geben. Konkrete Beschlüsse will der EU-Gipfel
im Dezember fassen.
Die Forderung der EU-Kommission, die Kofinanzierung der Mitgliedstaaten
bei grenzüberschreitenden Verkehrsprojekten von derzeit zehn auf
30 Prozent zu erhöhen, wurde in die Gipfelerklärung nicht mit
aufgenommen. Besonders Deutschland hatte sich dagegen gewehrt, weil
dies eine zusätzliche Belastung des Haushalts nach sich gezogen
hätte. Jetzt wird lediglich geprüft, "ob in einigen
besonderen Fällen eine Erhöhung des Kofinanzierungsanteils
der Gemeinschaft möglich ist".
Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde am zweiten Gipfeltag in
Brüssel vom französischen Präsidenten Jacques Chirac
vertreten, um an der Abstimmung im Bundestag teilzunehmen. Chirac
äußerte sich im Anschluss zufrieden mit der Zusammenarbeit.
(Quellen: ap, dpa)
Bundestag beschließt umfangreiches Reformpaket
Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, Umorganisation der
Bundesanstalt für Arbeit, Vorziehen der Steuerreform,
Erhöhung der Tabaksteuer und Reform der Gewerbesteuer
Sa.18.10.03 - Mit fast geschlossener Mehrheit hat Rot-Grün im Bundestag lange
umstrittene Reformgesetze verabschiedet. Das Parlament beschloss unter
anderem die Bei den namentlichen Abstimmungen lagen die Mehrheiten klar
über der «Kanzlermehrheit». Vielen Gesetzen muss noch
der unionsdominierte Bundesrat zustimmen.
Nach wochenlangem Ringen brachte die rot-grüne Koalition gegen die
Stimmen der Opposition ihre Arbeitsmarktreform über die erste
parlamentarische Hürde. Damit wurde ein Umbau der Bundesanstalt
für Arbeit sowie die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und
Sozialhilfe beschlossen.
Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte seine politische Existenz von
einer eigenen Mehrheit abhängig gemacht. Die Koalition stimmte dem
Gesetz nahezu geschlossen zu. Der Grünen-Abgeordnete Werner Schulz
enthielt sich.
Die Steuerlast von Bürgern und Mittelstand soll nach dem Willen
des Bundestages kommendes Jahr um etwa 22 Milliarden Euro sinken. Das
Parlament beschloss mit rot-grüner Mehrheit, die Steuerreformstufe
2005 auf 2004 vorzuziehen und gemeinsam mit dem zweiten
Entlastungsschritt in Kraft zu setzen. Die finanziellen Erleichterungen
werden allerdings durch Belastungen an anderer Stelle zu einem
erheblichen Teil gleich wieder aufgezehrt. Der Beschluss beinhaltet
auch die Halbierung der Pendlerpauschale, Einschnitte für Rentner
sowie die Abschaffung der Eigenheimzulage.
Union und FDP sind zwar für die Steuersenkungen, halten aber
Eichels Konzept der Regierung zur Gegenfinanzierung für
unseriös. Sie kritisieren, dass Rot-Grün nach dem Prinzip
"linke Tasche rein, rechte Tasche raus" verfahre.
Bei der Gemeindefinanzreform werden die Kommunen nach Regierungsangaben
kommendes Jahr um insgesamt 4,5 Milliarden Euro entlastet. Ab 2005
liegt der Betrag bei jährlich 5,5 Milliarden Euro. Der Bundesrat
muss dem Gesetz aber noch zustimmen. Das gilt als unwahrscheinlich,
weil die Union die rot-grünen Pläne scharf kritisiert -
insbesondere die Einbeziehung der 700.000 Freiberufler in die
Gewerbesteuer, die künftig Gemeindewirtschaftsteuer heißen
soll.
Ab dem kommenden Jahr soll zudem die Tabaksteuer um insgesamt einen
Euro je Packung im Rahmen der Gesundheitsreform erhöht werden. Mit
den Einnahmen daraus will Gesundheitsministerin Ulla Schmidt
versicherungsfremde Leistungen der Krankenkassen finanzieren.
Dafür sind im Gesundheitsreformgesetz für 2004 eine Milliarde
Euro aus der Tabaksteuer eingeplant, für 2005 rund 2,5 Milliarden
und ab 2006 dann 4,2 Milliarden.
Auch eine Amnestie für Steuersünder ist beschlossene Sache.
Vom 1. Januar 2004 bis zum 31. März 2005 sollen reuige Bürger
die "Brücke zur Steuerehrlichkeit» nutzen und straffrei
Schwarzgeld nachversteuern können. Wer in einer
«strafbefreienden Erklärung" sein in den Jahren 1993 bis
2001 illegal zur Seite gebrachtes Geld offenbart, muss es
nachträglich versteuern. Das Finanzministerium rechnet dadurch mit
zusätzlichen Einnahmen von fünf Milliarden Euro. Der
Bundesrat muss zustimmen.
(Quellen: ap)
Bundestag und Bundesrat haben am Freitag in Berlin wichtige
Entscheidungen zu den anstehenden Reformprojekten getroffen. Die
Beschlüsse des Bundestags bedürfen abgesehen von der
Erhöhung der Tabaksteuer alle der Zustimmung durch den Bundesrat.
Im folgenden die beschlossenen Gesetzesvorhaben:
Entscheidungen des Bundestags
Arbeitsmarkt
Das sogenannte Hartz-III-Gesetz regelt den Umbau der Bundesanstalt
für Arbeit (BA) zur künftigen Bundesagentur, mit der auch
3000 zusätzliche Jobvermittler aus dem bisherigen Personal
gewonnen werden sollen. Bei "Hartz IV" geht es um die Zusammenlegung
von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu einem neuen Arbeitslosengeld II,
das in etwa auf dem Niveau der bisherigen Sozialhilfe angesiedelt wird.
Steuerreform
Mit den Haushaltsbegleitgesetz 2004 wird das Vorziehen der für
1005 vorgesehenen nächsten Stufe der Steuerreform auf 2004
geregelt. Mit der Steurrreform sollen Bürger und Unternehmen um
21,8 Milliarden Euro entlastet werden. Zur Gegenfinanzierung soll unter
anderem die Eigenheimzulage und die Wohnungsbauprämie von 2004 an
wegfallen, die Entfernungspauschale wird reduziert. Ferner ist
vorgesehen, den Bundeszuschuss zur Rentenversicherung um zwei
Milliarden Euro zu kürzen.
Tabaksteuer
Das Änderungsgesetz zur Tabaksteuer sieht eine allmähliche
Erhöhung der Zigarettenpreise um 4,5 Cent bis Juli 2005 vor.
Zigaretteneinfuhren aus den osteuropäischen EU-Staaten, die im
kommenden Jahr der Union beitreten, bleiben für eine
Übergangsfrist bis mindestens 2007 von zusätzlichen Abgaben
verschont.
Steueramnestie
Das Gesetz zur Förderung der Steuerehrlichkeit soll
Steuersündern ermöglichen, ihr am deutschen Fiskus vorbei ins
Ausland geschleuste Geld befristet straffrei zurückzuholen. Nicht
angegebenes Schwarzgeld und Zinsen sollen pauschal nachversichert
werden. Anzugeben sind die zwischen 1993 und 2001 ohne Kenntnis des
Fiskus erzielten Einnahmen.
Gewerbesteuer
Durch die Gewerbesteuerreform müssen künftig auch
Freiberufler und Selbstständige eine so genannte
Gemeindewirtschaftssteuer entrichten. Zugleich wird den Kommunen ein
höherer Anteil an der Umsatzststeuer eingeräumt, um die
Haushalte zu stabilisieren und weniger konjunkturabhängig zu
machen.
Entscheidungen des Bundesrats
Gesundheitsreform
Der zwischen Regierung und Union ausgehandelte Kompromiss ist
endgültig beschlossen. Der unions-dominierte Bundesrat billigte
mit großer Mehrheit das vom Bundestag bereits im September
verabschiedete Reformgesetz. Damit sollen die Beitragssätze der
gesetzlichen Krankenkasse von heute durchschnittlich 14,4 auf 13,6
Prozent im nächsten Jahr und auf fast 12 Prozent im Jahr 2006
gesenkt werden. Allerdings kommen auf die Versicherten auch höhere
Zuzahlungen zu
Arbeitsmarkt
Zur von der Bundesregierung angestrebten Kürzung beim
Arbeitslosengeld und zur Lockerung des Kündigungsschutzes rief der
Bundesrat den vermittlungsausschuss an. Ziel ist die Aufhebung des
entsprechenden Bundestagsbeschlusses, welcher der Unions-Mehrheit im
Bundesrat zu weit geht. Zu einem weiteren Teil der vorgesehenen
Arbeitsmarktreform brachte die Länderkammer einen von Hessen
vorgelegten Entwurf eines "Existenzgrundlagengesetzes" beim
Bundestag ein. Danach sollen Arbeitslosen-und Sozialhilfe auf
Sozialhilfeniveau zusammengeführt und die Kommunen für alle
Beratungs-, Vermittlungs, und Leistungaufgaben zuständig sein. Die
vom Bundestag verabschiedete Regelung sieht dagegen vor, dass die
Bundesanstalt für Arbeit diese Aufgaben wahrnehmen soll.
Handwerk
Mit einem von mehreren Unions-Ländern vorgelegten Entwurf für
eine Novelle der Handwerksordnung soll einer von den Antragsstellern
befürchteten "Aushöhlung" des Meisterprinzips begegnet
werden. Kriterien für die Pflicht zum Meisterbrief als
Voraussetzung für eine Betriebsführung sollen neben den
Gefahren eines Berufs auch der Ausbildungsbeitrag sowie der
Verbraucherschutz sein. Existenzgründungen im Handwerk sollen
unter anderem durch die Abschaffung des Inhaberprinzips erleichtert
werden.
Mietrecht
Mit der Änderung im Mietrecht solle es den Stadtstaaten Berlin,
Hamburg und Bremen ermöglicht werden, das so genannte
Zweckentfremdungsverbot lediglich auf einzelne Stadtteile zu
beschränken. Mit dem Zweckentfremdungsverbot wird die gewerbliche
Nutzung von Mietwohnungen untersagt.
Sportanlagen
Im Umsatzsteuergesetz soll die Ende 2003 auslaufende
Übergangsregelung für Betreiber von Alt-Sportanlagen um zwei
Jahre verlängert werden. Ziel ist es, eine Benachteiligung dieser
Betreiber aufgrund einer Entscheidung des Bundesfinanzhofes von 2001 zu
verhindern.
(Quelle: ddp)
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Bsirske: Hartz-Gesetze toppen Kohl-Politik
Sa.18.10.03 - Ver.di-Chef Frank Bsirske sieht keine grundlegenden Unterschiede mehr
zwischen der Sozialpolitik der rot-grünen Koalition und deren
Vorgängerregierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl. "Was die
Grundausrichtung in sozial- und steuerpolitischen Fragen angeht, haben
wir ... unverkennbar eine Übernahme von Grundkonzepten aus der
Kohl-Zeit", sagte der Gewerkschaftsvorsitzende nach der Verabschiedung
der Arbeitsmarkt-Gesetze der "Berliner Zeitung" (Samstagausgabe).
Kohl habe 1982 unter dem Motto "Leistung muss sich wieder lohnen" ein
Programm der Umverteilung, der Deregulierung und der Privatisierung
aufgelegt, sagte Bsirske. "Mit der Agenda 2010 wird die Politik von
Kohl ja noch getoppt!" Mit "kollektiver Entsicherung" solle
Beschäftigung angereizt und über die Entlastung der Firmen
mehr Stellen geschaffen werden. "Das waren auch Grundpfade der
Kohl-Ära. Die werden heute weiter beschritten, obwohl es für
die Beschäftigungsentwicklung, für das Wachstum und bei der
Haushaltskonsolidierung nichts gebracht, sondern eher die Lage
verschärft hat", sagte Bsirske.
(Quelle: ap)
«Armut per Gesetz»
Der Sozialabbau marschiert. Im streng bewachten Bundestag wurde
(gestern) u.a. «Hartz 4» beschlossen - Die Angst vorm Volk
war offensichtlich
Fünf Mannschaftswagen der Polizei waren vor dem Berliner
Reichstagsgebäude aufgefahren, um die protestierenden Massen von
ihren Vertretern fernzuhalten. Das Areal um den Sitz des Deutschen
Bundestages war mit rot-weißen Sperrgittern so weiträumig
abgesperrt, daß keiner nahe genug herankommen konnte, um den
Abgeordneten Transparente vor die Nase zu halten oder womöglich
mit faulem Obst zu werfen. Allerdings war das Volk zu Hause geblieben,
als sich die Parlamentarier anschickten, einen weiteren Stein aus der
Ruine des deutschen Sozialstaates herauszubrechen. Lediglich ein
verlorenes Häuflein näherte sich dem Parlamentsgebäude
aus Richtung Brandenburger Tor. Etwa 15 Aufrechte, über ihren
Köpfen die Fahnen der Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt schwingend,
wollte offenbar ihren Unmut zu "Hartz 4" kundtun. Doch daraus wurde
nichts. Schnell war die Polizei zu Stelle: "Hier dürfen Sie nicht,
Sie müssen vor das Brandenburger Tor gehen", wurde den
Gewerkschaftern kategorisch mitgeteilt. Prompt machten die Vertreter
der Arbeiterklasse kehrt und bauten sich 100 Meter weiter entfernt auf.
Aber auch drei einzelne Demonstranten mit umgehängten Plakaten
wurden gezwungen, diese abzuhängen oder ebenfalls vor das
Brandenburger Tor zu ziehen. Auf den Plakaten stand: "SPD bringt Kinder
in Armut" oder "Stoppt Agenda 2010". Das war offenbar eine zu
große Zumutung für die ankommenden Abgeordneten.... ("junge
Welt" vom 18.10.03)
Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2003/10-18/index.php
«Soll ich jetzt Straße fegen?»
Wie gebannt verfolgt die Magdeburgerin Rosemarie V. Abend für
Abend im Fernsehen Nachrichtensendungen und Diskussionen. Hartz-Gesetze
III und IV, Arbeitslosengeld I und II, Krankenversicherung und
Rentenbeiträge gehören zu den aktuellen Schlagworten,
für die sich auch die 50-Jährige interessiert. Und wenn das
Fernsehgerät längst ausgeschaltet ist, grübelt die Frau
weiter.
Denn das, worüber sich die Politiker jetzt streiten, trifft
Rosemarie V. mit aller Wucht. «Ich denke mit Schrecken an das
Jahresende. Denn ab dem neuen Jahr bin ich arbeitslos», berichtet
die geschiedene Frau. Dann wird sie sich einreihen in das große
Heer der Arbeitslosen in Sachsen-Anhalt, in dem die Quote seit Jahren
bei rund 20 Prozent liegt.
Schon zu DDR-Zeiten gehörte die Arbeit zum Leben von Rosemarie V..
Sie lernte als junge Frau erst den Beruf einer Konditorin, dann den
einer Handelskauffrau. Kurz vor der Wende setzte sie sich erneut auf
die Schulbank und wurde nach einem Fernstudium schließlich
Betriebswirtin.
Doch das Unternehmen, für das sie sich weiterqualifiziert hatte,
ging Pleite wie so viele Betriebe in Ostdeutschland. Rosemarie V. gab
nicht auf, versuchte ihr Glück im fernen Spanien mit einem eigenen
Lokal und scheiterte. Zurück in Magdeburg wagte sie einen
Neuanfang. Bei einer staatlich geförderten Weiterbildung vertiefte
sie ihre Kenntnisse in der Betriebswirtschaft und erlernte den Umgang
mit dem Computer.
Das neue Wissen nutzte zunächst wenig. Rosemarie V. «fiel in
die Arbeitslosigkeit und damit in ein tiefes Loch», wie sie sich
selbst erinnert. Aufgefangen wurde sie damals durch die
Bildungsvereinigung Arbeit und Leben, die unter anderem Schülern
bei der Planung des Lebenswegs hilft und in Landgemeinden
Computerschulungen organisiert. «Ich mache hier gemeinsam mit
anderen alles, von der Projektplanung bis zur Abrechnung»,
berichtet die attraktive Frau. Selbstbewusst sei sie dadurch geworden,
habe das richtige Auftreten gelernt und viel Spaß mit den
Kollegen.
Doch nach nunmehr drei Jahren ist der Job, eine ABM-Stelle, zum 31.
Dezember weg, «ausgelaufen», wie es im Amtsdeutsch
heißt. «Arbeit gibt es noch genug, doch keinen, der sie
bezahlt», sagte Frau V.. Und eine neue Stelle ist nicht in Sicht,
weiß die 50-Jährige, die sich bereits in mehreren
Unternehmen vorgestellt hat. «Die Chefs sind zumeist jung und
wollen ein jungen Team», hat Frau V. inzwischen gelernt.
«Dass ich Erfahrungen habe und mit meinen erwachsenen Kindern
unabhängig bin, zählt nicht.»
Rosemarie V. verdient derzeit 980 Euro netto, 380 Euro gehen für
die Miete der kleinen Zwei-Raum-Wohnung im Magdeburger Süden
drauf. Ab Januar kommt dann nach den Hartz-Gesetzen für ein Jahr
das so genannte Arbeitslosengeld I und anschließend das
Arbeitslosengeld II, das Arbeitslosen- und Sozialhilfe ersetzt, wie
Rosemarie V. im Fernsehen erfuhr. Dann bekommt sie als allein Stehende
die Erstattung der Wohnkosten, also Miete und Heizung für
«angemessenen Wohnraum», und einen Regelsatz, der in
Ostdeutschland monatlich bei 331 Euro (345 Euro im Westen) liegt. Das
Geld muss für Kleidung, Essen und Sonstiges reichen. Die
Arbeitslosenhilfe, die sich nach dem bisher verdienten Lohn richtet,
ist damit abgeschafft, was besonders für Menschen mit einem
bislang hohen Einkommen eine deutliche Verschlechterung bedeutet.
Alle künftigen Regelungen, etwa zu Sparguthaben und
Lebensversicherungen, betreffen Frau V. nicht. «Wovon sollte ich
sparen oder anlegen?», fragt sie. Grundsätzlich haben
Empfänger des Arbeitslosengeldes II einen Beitrag von 200 Euro pro
Lebensjahr an Vermögen frei sowie einen weiteren Freibetrag von
200 Euro für Geldanlagen, die erst im Ruhestand ausgezahlt werden,
wie etwa Lebensversicherungen.
Dass Empfänger des Arbeitslosengeldes II jede Arbeit akzeptieren
müssen, die nach «ortsüblichem Tarif» bezahlt
wird, treibt Rosemarie V. um: «Ich habe studiert. Soll ich jetzt
Straße fegen?» Zudem möchte sie im Raum Magdeburg
bleiben, «wo meine beiden Söhne und meine Enkeltochter, die
mein ganzes Leben sind», wohnen.
Überhaupt die Kinder: Beide sind am Bau beschäftigt, einer
Branche, die besonders in Ostdeutschland von der Krise gebeutelt ist.
«Die Jungs arbeiten bei Wind und Wetter hart, um ihre Familien
durchzubringen.» Wenn sie, wie es einige Politiker planen, nun
auch noch für ihre Mutter aufkommen müssen... - Frau V.
kommen bei diesen Gedanken die Tränen. «Wissen die Politiker
eigentlich, wie es den Menschen tatsächlich geht?».
(Quelle: ap)
Die großen Verlierer der Reform des Arbeitslosengelds sind
Familien mit Kindern
Am deutlichsten werden die Arbeitslosenhilfe-Empfänger die
Gesetzesreform zu spüren bekommen: Bislang bekamen diejenigen,
deren Arbeitslosengeld auslief, mehr als die Hälfte ihres
vorherigen Netto-Einkommens. Im Durchschnitt waren das in München
613 Euro. Davon mussten allerdings auch Miete und Heizung bezahlt
werden.
Das neue Arbeitslosengeld II orientiert sich nicht mehr am
früheren Gehalt, sondern an der Bedürftigkeit. Das
heißt: Ein Arbeitsloser, dessen Arbeitslosengeld-Anspruch
ausläuft – für die meisten nach einem Jahr – rutscht beim
Einkommen auf Sozialhilfe-Niveau. Die Grundpauschale liegt hier bei 345
Euro, zuzüglich angemessener Miet- und Heizkosten. Da gleichzeitig
die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld für Ältere
eingeschränkt wird, trifft das Sozialhilfeniveau schneller auch
diejenigen zwischen 45 und 55 Jahren.
Einschnitte spüren aber auch die bisherigen
Sozialhilfe-Empfänger. Diejenigen, die länger als drei
Stunden pro Tag arbeiten können – das sind nach Angaben der Stadt
zusammen mit den in ihren Haushalten lebenden Angehörigen etwa
45.000 Menschen –, bekommen ebenfalls das Arbeitslosengeld II.
Vor allem für Familien mit Kindern wird das bedeuten, dass sie
erheblich weniger Geld in der Haushaltskasse haben werden als bisher
mit der Sozialhilfe. Sie sind die Verlierer der Reform.
Der Münchner Sozialreferent Friedrich Graffe bezeichnet deshalb
das Arbeitslosengeld II als "nicht armutsfest". Woher diejenigen
künftig ihren Unterhalt bekommen, die nicht arbeitsfähig
sind, steht noch nicht fest.
Musterrechnungen:
Arbeitslos 1: Die vierköpfige Familie
Kinder und ihre arbeitslosen Eltern sind die Verlierer der Reform –
zumindest in München, wo die Sozialhilfe wegen der hohen
Lebenshaltungskosten über dem Landes- und Bundesdurchschnitt
liegt. In der Höhe der Sozialhilfe werden regionale Unterschiede
berücksichtigt, die Höhe des Arbeitslosengeldes II aber wird
bundesweit einheitlich festgelegt. Nach einer Musterrechnung des
städtischen Amtes für Soziale Sicherung auf der Basis des
Gesetzentwurfs der Bundesregierung wird eine vierköpfige
Münchner Familie, die bisher Sozialhilfe bezieht und künftig
Arbeitslosengeld II erhält, deutlich weniger Geld in der Tasche
haben. Die Musterfamilie – Mutter und Vater arbeitslos, die Kinder
sieben und zwölf Jahre alt – bekommt nach den Berechnungen, in
denen auch das Kindergeld berücksichtigt ist, im Monat 81,50 Euro
weniger. Der Familie verbleiben, die Miete abgezogen, 1036 Euro.
Arbeitslos 2 - Mutter und zwei Kinder
Nicht besser als Familien ergeht es Alleinerziehenden nach der Reform.
Eine allein erziehende Mutter, die arbeitslos ist und zwei Kinder im
Alter von vier und 14 Jahren hat, muss mit 61,15 Euro weniger im Monat
auskommen.
In der Musterrechnung des Amtes für Soziale Sicherung ist das
Kindergeld bereits berücksichtigt. Die angemessenen Miet- und
Heizungskosten werden im Rahmen des Arbeitslosengelds II ebenso
übernommen wie von der Sozialhilfe.
Die Miete abgezogen, verbleiben dem 3-Personen-Haushalt somit nur noch
948,75 Euro zum Leben – für Essen, Kleidung und
Wohnungseinrichtung. Bisher bezahlte einmalige Leistungen wie etwa zur
Taufe oder Einschulung gibt es nicht mehr.
Arbeitslos 3 - Der Single ohne Job
Kaum finanzielle Einbußen.
Arbeitslose Singles, die künftig Arbeitslosengeld II statt
Sozialhilfe erhalten, müssen kaum mit finanziellen Einbußen
rechnen. Neben den Miet- und Heizkosten bekommen sie dann monatlich 345
Euro Arbeitslosengeld II – das entspricht der bisher bezahlten Summe
aus Sozialhilferegelsatz (316 Euro) und Pauschale (29 Euro) für
Bekleidung und andere Ausgaben.
(Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 15.10.03)
|
Scholz will Mindesttarife auf Sozialhilfeniveau akzeptieren
Sa.18.10.03 - SPD-Generalsekretär Olaf Scholz will der Union im Streit um die
Hartz-Reformen entgegen kommen. Er könne Mindestlöhne auf dem
Niveau der Sozialhilfe akzeptieren, sagte Scholz der "Berliner
Zeitung". Niemand in Deutschland dürfe gezwungen werden, für
unvertretbar niedrige Löhne zu arbeiten. Wer in Vollzeit arbeite,
müsse davon auch leben können. Der Sozialhilfesatz werde
dafür für allein Stehende "in etwa der Maßstab" sein.
(Quelle: dpa)
Engelen-Kefer setzt auf Gespräche mit der Regierung
Sa.18.10.03 - Trotz der von den Gewerkschaften angedrohten Proteste gegen die
rot-grünen Arbeitsmarktreformen setzt die stellvertretende
DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer weiter auf Gespräche mit der
Regierung für mögliche Änderungen. Laut "Thüringer
Allgemeine" (Samstagausgabe) sagte die Engelen-Kefer, bei den
Einschnitten für Arbeitnehmer und Arbeitslose seien "schon einige
Giftzähne gezogen" worden. Die Entwürfe seien jedoch "ein
PR-Konzept, das die tatsächliche soziale Schieflage
verbirg"».
Die Gewerkschaften seien gemeinsam der Ansicht, dass die geplanten
Reformen eher Arbeitsplätze kosten und keine neuen bringen
würden, sagte Engelen-Kefer. Es sei bisher auch gemeinsame Linie,
dass man in Gesprächen Korrekturen erreichen solle. Was
herauskomme, hänge auch stark von den Unionsparteien ab. Es werde
schwierig werden, wenn die Opposition über den Bundesrat versuche,
bereits erfolgte Korrekturen rückgängig zu machen und
obendrein noch ihre Vorstellungen zur Aufweichung der Tarifautonomie
durchzusetzen. Dem Vermittlungsausschuss werde eine entscheidende Rolle
zukommen. Auch wenn Kompromisse notwendig seien, dürfe "am Ende
keine CDU-Politik herauskommen".
(Quelle: ap)
Eichel: Finanzlage wird noch dramatischer
Sa.18.10.03 - Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) hat eine Verschärfung der
Haushaltslage in Bund, Ländern und Gemeinden angedeutet.
Eichel sprach am Freitag kurz vor der Bundestagsabstimmung über
ein Paket von Steueränderungen von einer dramatischen Kassenlage
auch in den sozialen Sicherungssystemen. "Wahr ist auch, dass sie (die
Etatlage) nach der Steuerschätzung (im November) noch einmal
schwieriger werden wird."
(Quelle: rtr)
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