Aktuelle Nachrichten
Irak am zweihundertundfünfzehnten Tag nach Kriegsbeginn
Saddam Hussein ruft angeblich zu Heiligem Krieg auf +++ Chef des
irakischen Regierungsrates: Zerschlagung der alten Polizei- und
Armeehierarchie hat Sicherheitsvakuum geschaffen +++ Zwei US-Soldaten
bei Raketenangriff nahe Tikrit getötet +++ USA wollen offenbar
Truppen in Irak reduzieren +++ Zeitung: Japan will im Dezember Truppen
nach Irak entsenden +++ Pakistan und Saudi-Arabien: Truppen nur auf
Wunsch Iraks
Mo.19.10.03 - In Irak ist erneut ein angeblicher Brief des entmachteten Staatschefs
Saddam Hussein aufgetaucht. In dem Mitte Oktober von Unbekannten in
Tikrit in Umlauf gebrachten Schreiben werden die irakischen
Stammesführer zum Heiligen Krieg gegen die Besatzungsmächte
und zum Kampf gegen Kollaborateure aufgerufen. Indes forderte der
irakische Regierungsrat die USA auf, die irakischen Armee- und
Polizeikräfte mindestens bis zur mittleren Hierarchieebene wieder
einzusetzen.
Der Nachrichtenagentur AFP liegt seit Sonntag eine Kopie des
maschinengeschriebenen und auf den 9. Oktober datierten Briefs vor.
Neben den Auforderungen zum Widerstand findet sich demnach auch ein
Aufruf zum Protest gegen die Besatzung am 15. Oktober in dem Schreiben.
An diesem Tag hatten Anhänger Saddam Husseins in der Hauptstadt
Bagdad die Jahrestage der Volkabstimmungen zur Präsidentschaft
1995 und 2002 mit Freundenschüssen gefeiert.
Der Brief schließt mit den Worten "Allah Akbar" ("Gott ist
groß") und "Es lebe Irak. Es lebe das freie arabische
Palästina". Er trägt das irakische Staatswappen und einen
handschriftlichen Namenszug, der der Unterschrift Saddam Husseins
ähnelt. Zuletzt hatte der arabische Fernsehsender El Dschasira
Mitte August eigenen Angaben zufolge einen handschriftlichen Brief von
Saddam Hussein erhalten.
Der Chef des irakischen Regierungsrates, Ijad el Allawi, forderte die
USA auf, die irakischen Armee- und Polizeikräfte mindestens bis
zur mittleren Hierarchieebene wieder einzusetzen. In einem Interview
mit der "New York Times" sagte Allawi, in den Monaten nach dem Sturz
des Ex-Präsidenten Saddam Hussein sei der Jubel in Unsicherheit
und Chaos umgeschlagen. Die Zerschlagung der alten Polizei- und
Armeehierarchie sei gut gemeint gewesen, aber sie habe ein
Sicherheitsvakuum geschaffen, in dem sich Kriminelle und Terroristen
ausbreiten könnten.
Ein Mitglied des irakischen Regierungsrates, Mohsen Abdel Hamid,
äußerte sich in Dubai zuversichtlich, dass der
Verfassungsgebungs- und Wahlprozess in Irak noch vor Ende 2004
abgeschlossen sein könnte. Der UN-Sicherheitsrat hatte am
vergangenen Donnerstag eine neue Irak-Resolution verabschiedet. In der
Resolution 1511 wird unter anderem der 15. Dezember als Termin für
die Vorlage eines Zeitplans für die Ausarbeitung einer Verfassung
und Wahlen in Irak genannt.
Im Nordirak sind US-Angaben zufolge zwei US-Soldaten getötet
worden, als ihre Patrouille nahe der Stadt Kirkuk angegriffen wurde.
Eine Armeesprecherin sagte am Sonntag, die Angreifer hätten
leichte Waffen und Granatwerfer eingesetzt. Ein Soldat sei bei dem
Angriff am Samstagabend verwundet worden. Die Angreifer seien
entkommen. Seit US-Präsident George W. Bush am 1. Mai die
Hauptkampfhandlungen im Irak für beendet erklärte, sind damit
103 US-Soldaten von Besatzungsgegnern getötet worden. Die USA
machen für die beinahe täglichen Angriffe auf ihre Truppen
Anhänger des gestürzten irakischen Präsidenten Saddam
Hussein und ausländische Extremisten verantwortlich.
In Falludscha, rund 60 Kilometer westlich von Bagdad, wurde am Sonntag
ein US-Militärkonvoi beschossen. Ein Reuters-Fotograf berichtete,
offenbar habe eine Rakete einen Lastwagen getroffen, der Munition
transportierte. Der Lastwagen explodierte, es gab ein Feuergefecht
zwischen den Angreifen und den US-Soldaten. Ein US-Militärsprecher
äußerte sich zunächst nicht zu dem Zwischenfall.
Das US-Militär will seine Truppenstärke in Irak bis Mitte
2005 auf rund ein Drittel reduzieren. Ein entsprechender Plan werde
derzeit im Pentagon vorbereitet, sei aber noch nicht von
US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gebilligt worden, berichtete
die "Washington Post" unter Berufung auf Militärvertreter. Demnach
wollen die USA bereits im zweiten Quartal 2004 mit dem Abzug eines
Teils ihrer derzeit 130.000 Soldaten beginnen.
Nach Informationen der "Washington Post" sollen Mitte des kommenden
Jahres weniger als 100.000 Soldaten in dem Golfstaat stationiert
bleiben. Ab Sommer 2005 sollten dann nur noch etwa 40.000 Soldaten in
Irak sein. Dies sei "eine auf Jahre durchhaltbare Größe",
die auch das Militär insgesamt nicht zu sehr belaste, sagte ein
Pentagon-Vertreter der Zeitung.
Die "Washington Post" berichtete weiter, die britischen und US-Truppen
sollten sich auch aus wichtigen irakischen Städten wie Mossul im
Norden und Basra im Süden zurückziehen. Zudem werde die
Ablösung des derzeitigen US-Oberbefehlshabers in Irak, Ricardo
Sanchez, für das kommende Jahr geplant.
Der Chef des dritten Armeekorps in Fort Hood im US-Bundesstaat Texas,
General Thomas Metz, solle in den kommenden Wochen Sanchez als
Vize-Oberbefehlshaber zur Seite gestellt werden. Metz solle dann
zunächst für die militärische Führung
zuständig sein, während Sanchez die politische Verantwortung
trage.
Nach wochenlangem Aufschub will Japan sich einem Zeitungsbericht
zufolge ab Dezember mit Soldaten und militärischem Gerät am
Wiederaufbau Iraks beteiligen. Die Regierung wolle drei
Transportflugzeuge bereitstellen und zunächst rund 150 Soldaten in
Kuwait stationieren, damit die US-geführten Besatzungstruppen in
Irak von dort aus mit Vorräten versorgt werden können,
berichtete die japanische Zeitung "Yomiuri Shimbun" am Sonntag unter
Berufung auf Regierungskreise. In den Maschinen vom Typ C-130 sollen
demnach Lebensmittel, Bekleidung und weitere Verpflegung sowie
möglicherweise auch Waffen und Munition nach Bagdad und Basra
geflogen worden. Eine Einheit aus 150 Soldaten solle in Basra und
Nassirijah Lager errichten, hieß es weiter.
Pakistan und Saudi-Arabien wollen indes nur auf ausdrücklichen
Wunsch des irakischen Volkes und der islamischen Welt Truppen in das
Land entsenden. Ein entsprechender Wunsch sei bisher aus Irak nicht an
sie herangetragen worden, betonten die Außenminister von
Islamabad und Riad, Khurscheed Mahmud Kasuri und Prinz Saud el Faisal,
am Sonntag in Islamabad. Zuvor hatte der türkische
Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mitgeteilt, ein Einsatz
türkischer Truppen in Irak hänge davon ab, ob sie dort auch
willkommen sind. Er reagierte damit auf die Kritik an der vom Parlament
in Ankara am 7. Oktober gebilligten Truppenstationierung: Der irakische
Regierungsrat und insbesondere die nordirakischen Kurden lehnen
Soldaten aus dem Nachbarland entschieden ab, und selbst die USA
zögern laut Medienberichten inzwischen, ob sie auf einer Umsetzung
der Stationierungspläne bestehen sollen.
(Quellen: afp, rtr)
«Das schnelle Geld lockt: Konzerne der USA und Großbritanniens
drängen in den Irak»
Vor der Gefahr, daß im Irak der US-amerikanische
"Markt-Fundamentalismus" durchgesetzt wird, hat letzte Woche selbst der
von der Besatzungsmacht eingesetzte irakische Handelsminister Ali
Abdul-Amir Allawi gewarnt. In einem Interview in der New York Times am
Rande des Ost-Asien-Wirtschaftsgipfels vergangene Woche in Singapur
erinnerte er an die verheerenden Folgen der wirtschaftlichen
"Schocktherapie« in Osteuropa, die durch die zu schnelle
Einführung der "freien Marktwirtschaft" verursacht worden waren.
Eine ähnlich schnelle Umstrukturierung des Iraks würde "die
Lehren der Geschichte ignorieren". Zumal heute in etwa 200 staatlichen
irakischen Betrieben noch etwa 500000 Arbeiter beschäftigt seien,
von denen der größte Teil ihren Job verlieren würde.
Unter Berufung auf das von den US-Besatzern eingesetzte irakische
"Arbeitsministerium" berichtete eine japanische Nachrichtenagentur zum
Wochenende, daß die Arbeitslosigkeit in Irak derzeit auf 70
Prozent geschätzt werde. Demnach wären gegenwärtig
zwölf Millionen Iraker ohne Job. Wer Glück hat, der bekommt
für einen Tag Schinderei auf dem Bau umgerechnet gerade einmal
zwei Euro. Davon haben die Mitglieder des US-Kongresses, die – just von
einer Stippvisite im Irak zurück – vergangene Woche im Pentagon
vor der Presse von den Fortschritten im Irak schwärmten, nichts
erwähnt. Wie sich herausstellte, hatte der amerikanische Prokonsul
in Bagdad, Paul Bremer, der Delegation lediglich die neuen,
florierenden Shops in den sicheren Straßen gezeigt, wo man jetzt
so gut wie alle westlichen Waren kaufen kann.
Durch die Herabsetzung des Einfuhrzolls für Waren auf fünf
Prozent ist der Schutz der irakischen Wirtschaft gegen die
übermächtigen internationalen Konzerne so gut wie
weggefallen. Zugleich wird die geplante Eliminierung aller Subventionen
viele lebenswichtige Güter für die Iraker unerschwinglich
machen. Beides könnte in der Bevölkerung zu negativen
Reaktionen gegen ausländische Unternehmen und andauernder
politischer Instabilität führen, warnte
Marionettenhandelsminister Allawi seine amerikanischen Herren. Bei
denen stößt das Plädoyer des irakischen "Ministers"
für einen behutsamen Wandel jedoch auf taube Ohren, denn die
US-amerikanischen und britischen Konzerne drängen. Sie haben Geld,
sehr viel leicht zu verdienendes Geld gerochen. Insbesondere jetzt, da
der US-Kongreß inzwischen über 20 Milliarden Dollar
Wiederaufbauhilfe als Spenden und Kredite zugesagt hat. Diese Summe
soll bei der sogenannten Geberkonferenz in Madrid diese Woche noch um
weitere Milliarden aufgestockt werden...
Aus: Rainer Rupp - "Große Abzocke" , "junge Welt" vom 20.10.03
Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2003/10-20/008.php
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Nahost-Konflikt
Israel mobilisiert Reservisten +++ Seit 10.Oktober tötete Israels
Armee nach palästinensischen Angaben 15 Palästinenser,
darunter zwei Kinder +++ Tausende Studenten protestieren in Kairo gegen
Israel und die USA +++ Drei israelische Soldaten bei Angriff im
Westjordanland getötet
Mo.20.10.03 - Die israelische Armee hat am Sonntag mehrere Hundert Reservisten
einberufen, um ihre Truppen im Westjordanland und im Gaza-Streifen nach
den jüngsten gewaltsamen Zwischenfällen zu verstärken.
Militante Palästinenser haben am Sonntag eine israelische
Armee-Patrouille im Westjordanland angegriffen und drei Soldaten
getötet. Ein vierter Soldat wurde nach Informationen aus
israelischen Sicherheitskreisen verletzt. Der Überfall war der
schwerste Angriff auf israelische Truppen im Westjordanland seit
Februar vergangenen Jahres.
Die Angreifer attackierten in der palästinensischen Ortschaft Ein
Jabrud bei Ramallah einen Trupp Soldaten, der dort zu Fuß
unterwegs war. Zu dem Überfall bekannten sich die
El-Aksa-Brigaden, die mit der Fatah-Bewegung von Jassir Arafat in
Verbindung stehen. "Eine Gruppe unserer Kämpfer hat eine
israelische Patrouille in Ein Jabrud angegriffen", sagte ein Sprecher
der Organisation der Nachrichtenagentur AP.
Die Angreifer konnten offenbar entkommen. Über die Ortschaft Ein
Jabrud wurde ein Ausgehverbot verhängt, und Soldaten begannen nach
einem Bericht des israelischen Rundfunks mit einer Razzia. Das
israelische Fernsehen gab die Einschätzung wieder, dass auch ein
militärischer Vorstoß nach Ramallah zu erwarten sei. Dort
hat die palästinensische Autonomieverwaltung ihren Sitz.
Vom Gazastreifen aus schossen Palästinenser zuvor acht selbst
gebaute Raketen auf israelisches Territorium ab. Dabei wurde niemand
verletzt. Drei der Kassam-Raketen landeten in der Stadt Sderot in der
Negev-Wüste, fünf weitere auf offenem Feld.
Israelische Soldaten befinden sich bereits seit Tagen in
Flüchtlingslagern im Süden des Gaza-Streifens. Nach
Armeeangaben suchen sie nach geheimen Tunneln, durch die die
Palästinenser Waffen aus Ägypten einschmuggeln. Seit dem 10.
Oktober töteten sie bei diesem Einsatz nach palästinensischen
Angaben 15 Palästinenser, darunter zwei Kinder. Nach Angaben der
Vereinten Nationen (UNO) zerstörten die Soldaten zudem mehr als
110 Häuser. Auch am Samstag sprengten die Soldaten nach Berichten
von Augenzeugen zwei Häuser.
Nach viertägigem Einsatz zogen sich die Truppen am Sonntag aus dem
Flüchtlingslager Brasil zurück. Am Samstag hatten Soldaten
das Feuer auf eine Gruppe bewaffneter Palästinenser eröffnet,
die Sprengsätze an einer Straße der Region versteckten.
Dabei wurden zwei Hamas-Mitglieder erschossen, unter ihnen der
örtliche Kommandeur Tarik Abu Hussein. Außerdem wurde eine
28-jährige Frau tödlich getroffen, die nach Angaben von
Verwandten Verletzte bergen wollte.
Die Hamas kündigte umgehend Vergeltung an. "Tel Aviv wird
erzittern ... alle unsere Körper sind tickende Bomben", riefen
Palästinenser während der Beisetzung der getöteten
Hamas-Mitglieder.
Nach Informationen aus israelischen Regierungskreisen wurden zehn
Bataillone einberufen, um die Truppen von Wehrpflichtigen zu
verstärken, die wegen reduzierter Verteidigungsausgaben
verkleinert worden waren. Anfangs war von fünf Bataillonen die
Rede. Über die genaue Anzahl der einberufenen Reservisten gab es
keine Angaben. "Wir sehen uns mit einer neuen Terrorwelle
konfrontiert", begründete ein Armeesprecher die Aktion.
Der palästinensischen Unterhändler Saeb Erekat kritisiert die
Entscheidung mit den Worten: "Diese Aktion entspricht der
täglichen Eskalation durch die israelische Armee." Sie sei ein
Hinweis darauf, dass die israelische Regierung ihre Aggression,
fortsetze.
Hilfe bei der Vermittlung eines Waffenstillstands erhoffen sich jetzt
offenbar Fatah-Abgeordnete in den USA. Der Parlamentarier Hatem Abdel
Kader sagte in Ramallah, er folge mit zwei seiner Kollegen einer
Einladung demokratischer Abgeordneter des US-Kongresses. Ziel der
Gespräch in den USA sei es, Garantien für einen
Waffenstillstand in den Palästinenser- Gebieten zu erhalten.
Denkbar seien internationale Beobachter.
Seit Beginn des Aufstandes der Palästinenser gegen die
Besatzungstruppen und für einen eigenen Staat vor gut drei Jahren
sind mehr als 2180 Palästinenser und etwa 830 Israelis
getötet worden. Die meisten der Israelis starben bei
Selbstmordanschlägen palästinensischer Extremisten in Israel,
von denen viele von der Hamas verübt wurden.
In der ägyptischen Hauptstadt Kairo haben am Sonntag mehrere
tausend Studenten gegen Israel und die USA demonstriert. Auf dem Campus
der Universität von Kairo kritisierten rund 4.000 Menschen das
israelische Vorgehen in den palästinensischen Autonomiegebieten.
Sie verurteilten den israelischen Angriff auf ein mutmaßliches
Terroristenlager in Syrien am 5. Oktober.
"Syrien, Irak, Palästina, wer ist als nächstes dran?", riefen
die Studenten, zumeist Mitglieder islamischer Gruppen. Sie verbrannten
amerikanische und israelische Flaggen. Die Polizei hatte das
Universitätsgelände abgeriegelt, die Studenten konnten ihren
Protest daher nicht auf die Straßen der Hauptstadt tragen. Zu
Zusammenstößen kam es nicht. Weitere 1.000 Studenten
demonstrierten auf dem Campus der El-Ashar-Universität, mehrere
hundert versammelten sich auf dem Gelände der
Ain-Schams-Universität. Die Proteste dauern bereits seit einer
Woche an. Im vergangenen Monat hatten die Aktionen sich auch gegen die
ägyptische Regierung gerichtet.
(Quellen: rtr, ap)
Regierungsunabhängige palästinensisch-israelische Friedensinitiative
Israelischer Botschafter kritisiert Schweizer Vermittlertätigkeit
Mo.20.10.03 - Der neue israelische Botschafter in Bern hat die schweizerische
Vermittlertätigkeit im Nahostkonflikt als unzulässig
bezeichnet. Man habe über die wichtigsten Interessen des Staates
Israel gesprochen, ohne dessen Regierung überhaupt zu informieren,
sagte Aviv Shir-On in einem Interview der "SonntagsZeitung".
Shir-On bezeichnete die logistische Hilfe der Schweiz zur Ausarbeitung
eines Abkommens zwischen israelischen und palästinensischen
Politikern und Intellektuellen als unzulässig. Wenn über die
wichtigsten Interessen eines Landes gesprochen werde, dann freue sich
keine Regierung, wenn sie weder einbezogen noch informiert sei. Auch
die schweizerische Regierung würde so reagieren, sagte Shir-On.
Die israelische Regierung habe erst durch die Medien von den
Gesprächen erfahren. Offiziell sei er erst am vergangenen Mittwoch
vom Eidgenössischen Departement für Auswärtige
Angelegenheiten (EDA) informiert worden.
Shir-On bezeichnete das Gespräch vom Mittwoch als freundlich, wie
es zwischen zwei Staaten üblich sei. Er habe dem Chef der für
Israel zuständigen Politischen Abteilung II der Politischen
Direktion des EDA, Paul Fivat, und dem diplomatischen Berater von
Aussenministerin Micheline Calmy-Rey, Urs Ziswiler, gesagt, dass die so
genannte Road Map der für die israelische Regierung einzig
gültige Plan sei. Zudem seien andere als die offiziellen
Verhandlungskanäle weder akzeptabel noch verpflichtend. An der
für den November geplanten Unterzeichnung des Abkommens in Genf
werde er voraussichtlich nicht teilnehmen.
Weiter prüfe die Regierung die ganze Angelegenheit jetzt genau. Er
hoffe, dass die guten Beziehungen zwischen der Schweiz und Israel durch
diesen Vorfall nicht beeinträchtigt würden. Weiter betonte
Shir-On, dass ein Besuch von Calmy-Rey Israel freue würde. Der
israelische Aussenminister Silvan Schalom hatte Mitte August bei seinem
Besuch in Bern eine Gegeneinladung ausgesprochen. Ein Termin oder ein
Programm ist aber noch nicht ausgearbeitet worden.
(Quelle: ap)
Blick ins Archiv
Inoffizielle Friedensinitiative zur Lösung des Nahostkonflikts -
Israelisch-palästinensische Gruppe legt 'Genfer Abkommen' vor
Die Schweiz wurde zum jüngsten Ziel israelischer Angriffe –
natürlich nicht mit Bomben und Raketen, sondern mit diplomatischen
Noten. Grund dafür ist die schweizerische Unterstützung
für eine inoffizielle israelisch-palästinensische Initiative
zur friedlichen Lösung des Nahostkonflikts. Die Tatsache,
daß die Schweiz für die Beratungen in Genf den Tagungsort
sowie auch Geld zur Verfügung stellt, habe die israelische
Regierung "sehr verärgert", sagte der Sprecher des israelischen
Außenministeriums Jonathan Peled am Mittwoch. Unerwähnt
blieb, daß auch Großbritannien, Japan, Norwegen und
Schweden zur Finanzierung dieser Friedensinitiative beitragen.
Die in Genf vorgestellte »neue Straßenkarte« zum
Frieden im Nahen Osten besteht aus einem 50 Seiten langen Dokument, das
inzwischen unter dem Namen "Genfer Abkommen" bekannt ist. ...
Mehr unter:
hhtp://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0310170.htm#031017_b
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UNICEF: Hohe Müttersterblichkeit in Afrika bekämpfen
Von den weltweit 529.000 Todesfällen entfallen fast die
Hälfte auf afrikanische Länder südlich der Sahara
Mo.20.10.03 - Frauen im südlichen Afrika tragen nach einer Studie des
Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) weltweit das
höchste Risiko, an den Folgen einer Schwangerschaft oder bei der
Geburt ihres Kindes zu sterben.
Von den weltweit 529.000 Todesfällen entfielen fast die
Hälfte auf afrikanische Länder südlich der Sahara,
teilte Unicef am Montag zu den Ergebnissen der gemeinsam mit der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Bevölkerungsfonds der
Vereinten Nationen (Unfpa) erstellten Studie mit. In diesen
Ländern überlebe eine von 16 Schwangeren die Geburt ihres
Kindes nicht. In Deutschland liege dieses Risiko bei eins zu 8000. Die
meisten Todesfälle wären vermeidbar, wenn die Frauen
während Schwangerschaft und Geburt von ausgebildeten Hebammen
bereut würden, erklärte Unicef.
Im weltweiten Durchschnitt liegt die Müttersterblichkeit den
Angaben zufolge bei 400 pro 100.000 Geburten. In Afrika betrage die
Rate allerdings 830.
(Quelle: rtr)
US-Präsident deutet Entgegenkommen im Atomstreit mit Nordkorea an
Bush: USA haben keinerlei Absicht, in Nordkorea einzumarschieren
Mo.20.10.03 - Im Atomstreit mit Nordkorea hat US-Präsident George W. Bush
erstmals Bereitschaft signalisiert, der Regierung in Pjöngjang
etwas entgegen zu kommen. Die USA sowie China und andere Staaten
könnten Nordkorea als Gegenleistung für einen Verzicht auf
ein eigenes Atomprogramm schriftliche Sicherheitsgarantien zukommen
lassen, sagte Bush am Sonntag am Rande des APEC-Gipfels in Bangkok.
Einen formellen Nichtangriffspakt, wie von Pjöngjang gefordert,
lehnte er jedoch weiterhin ab.
Der Atomstreit mit Nordkorea ist eines der Themen bei dem am (heutigen)
Montag beginnenden Gipfeltreffen der Asiatisch-Pazifischen
Wirtschaftsgemeinschaft (APEC). Bush führte über den Konflikt
bereits Gespräche mit dem thailändischen
Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra und wollte später mit
südkoreanischen Regierungschef Roh Moo Hyun zusammentreffen. Der
US-Präsident wiederholte frühere Erklärungen, die USA
hätten keinerlei Absicht, in Nordkorea einzumarschieren. Deshalb
sei auch kein entsprechender Vertrag notwendig. Über andere Formen
einer Sicherheitsgarantie lasse sich jedoch reden.
Nordkorea erklärte, der APEC-Gipfel sei nicht das geeignete Forum
für eine Erörterung des Atomstreits. Der Konflikt könne
nur in direkten Gesprächen zwischen Pjöngjang und Washington
beigelegt werden. Dies lehnen die USA jedoch ab.
(Quelle: ap)
Iran lädt Außenminister aus Berlin, Paris und London ein
Teheran strebt 'konstruktiven Dialog' zur Lösung des Konfliktes um
iranisches Atomprogramm an +++ Großveranstaltung in Dortmund :
20.000 Iraner fordern Regimewechsel in ihrer Heimat
Mo.20.10.03 - Nach einer gemeinsamen Initiative von Deutschland, Frankreich und
Großbritannien zur Lösung des Konfliktes um das iranische
Atomprogramm hat die Regierung in Teheran die Außenminister der
drei Länder nach Iran eingeladen. Teheran habe sich zu einem
"konstruktiven Dialog" entschlossen, da die Außenminister der
drei Staaten sich in einem gemeinsamen Brief an Iran zu einer
Zusammenarbeit "geneigt" gezeigt hätten, sagte der iranische
Außenamtssprecher Hamid Resa Asefi am Sonntag. Es gebe bereits
seit mehreren Tagen Gespräche, die in den kommenden Tagen
möglicherweise "eine höhere Ebene" erreichen könnten.
"Deshalb haben wir die drei Außenminister nach Iran eingeladen,
damit sie ihre Ansichten erläutern können."
Rund 20.000 Iraner haben auf einer Großveranstaltung in Dortmund
Demokratie und Menschenrechte für ihre Heimat gefordert. Die
Präsidentin des Nationalen Widerstandsrates Iran, Maryam Radjavi,
forderte am Samstagabend in einer von einem Sprecher verlesenen Rede
ein Referendum unter der Aufsicht der Vereinten Nationen mit dem Ziel
eines Regimewechsels. Außerdem rief sie die iranische
Bevölkerung auf, die vom Mullah-Regime angekündigten
Parlamentswahlen 2004 zu boykottieren.
US-Senator Sam Brownback von den Republikanern sprach sich in einer
Live-Schaltung ebenfalls für ein Referendum aus: "Die nahezu
einstimmige Mehrheit des iranischen Volkes hat nach einem solchen
Referendum verlangt." Er versicherte den Anwesenden in Dortmund, dass
man in den USA zu ihnen und ihrem tapferen Kampf für einen freien
Iran stehe. Rund um die Ansprachen zahlreicher Gäste gestalteten
internationale Musiker die Benefiz-Veranstaltung.
(Quellen: ap, afp)
Boliviens neuer Präsident Mesa stellt Kabinett vor
Regierungsmannschaft besteht größtenteils aus
parteiunabhängigen Experten +++ In La Paz herrschte am Sonntag
Ruhe +++ Panzer und Soldaten kehrten in die Kasernen zurück
Mo.20.10.03 - Zwei Tage nach seiner Ernennung hat der neue bolivianische
Staatspräsident Carlos Mesa am Sonntagabend in La Paz sein
Kabinett vorgestellt. Die 15-köpfige Regierungsmannschaft besteht
größtenteils aus parteiunabhängigen Experten. Neu
geschaffen wurden die Ministerien für indianische Angelegenheiten
und für die Beteiligung des Volkes an der Politik. Außerdem
wurde ein Anti- Korruptionsbeauftragter des Präsidenten berufen.
Justo Seoane wird Minister für indianische Angelegenheiten. Juan
Siles del Valle wird Außenminister und Gonzalo Arredondo
Verteidigungsminister. Mesa ernannte Javier Cuevas zum
Landwirtschaftsminister. Guadalupe Cajías wurde zum Anti-
Korruptionsbeauftragten ernannt. Der Regierung gehören entgegen
ersten Ankündigungen doch Parteienvertreter an. Mesa sagte, obwohl
er ein Kabinett ohne Parteienvertreter bevorzugt hatte, habe er
eingesehen, dass die Parteien "für die Demokratie notwendig"
seien. Zugleich rief er die Partein auf, in der derzeitigen Krise ihre
Ziele zu überdenken.
Der 50 Jahre alte Mesa war zum neuen Staatspräsidenten ernannt
worden, nachdem sein Vorgänger Gonzalo Sánchez de Lozada am
Freitag nach wochenlangen Unruhen zurückgetreten und in die USA
geflogen war. Mesa, ein in weiten Teilen der Gesellschaft respektierter
Journalist und Medienunternehmer, hatte der Bevölkerung in seiner
Antrittsrede Neuwahlen versprochen. Außerdem kündigte er die
Bildung einer verfassungsgebenden Versammlung, die Revision
umstrittener Kraftstoffgesetze sowie eine Untersuchung der blutigen
Unruhen mit bis zu 80 Toten an.
In La Paz herrschte am Sonntag Ruhe. Zehntausende Indios, vor allem
Minenarbeiter und Koka-Bauer, die zu den Protesten aus dem Hinterland
nach La Paz marschiert waren, zogen am Wochenende wieder ab. Auch die
Panzer und Soldaten kehrten in die Kasernen zurück.
Die Oppositionsführer versprachen Mesa unterdessen ihre
Unterstützung. Diese sei aber nicht bedingungslos, meinte der
Abgeordnete und Koka-Bauern-Chef Evo Morales. Wenn die Versprechen
nicht eingehalten würden, werde es neue Proteste geben, warnte er.
Das erste Ziel, der Rücktritt des "Schlächters" Lozada, sei
erreicht worden. Bauernführer Felipe Quispe bezeichnete Mesa als
"Diener der Gringos" und sagte voraus, dass er ebenfalls stürzen
werde. Auch Quispe warnte vor neuen Indio-Aufständen.
(Quelle: dpa)
Landarbeiter und Mittelschichten erreichen gemeinsam den Rücktritt
von Präsident Sánchez de Lozada. Doch nur die einen sind
damit schon am Ziel...
Mehr in der heutigen Ausgabe der "tageszeitung" (20.10.03) unter:
http://www.taz.de/pt/2003/10/20/a0086.nf/text
Der gestürzte Sanchez de Lozada ist ein besonders treuer Vertreter
des neoliberalen Modells, in dem der Markt alles regelt. Das hat ihn
schwer reich gemacht und sein Land bitter arm, und so wurde sein Fall
zu einer obszönen Parabel auf die sozialen Spannungen einer
vielfach vergessenen Region.
Auf den Konten des Bergbau-Unternehmers
Sanchez de Lozada lagern Hunderte Millionen Dollar, mehr als die
Hälfte der acht Millionen Bolivianer muss mit zwei Dollar pro Tag
auskommen. Schon während seiner ersten Amtszeit hatte er den Trend
verstärkt – Privatisierungen holten ausländische Investoren
ins Land, halfen aber nur einer Minderheit. Der indianischen Mehrheit
gilt Sanchez de Lozada als Fratze der weißen Oligarchie, einer
Elite der Macht, von der sie sich seit Jahrhunderten ausgebeutet
fühlt...
Für weite Teile der Bevölkerung sind die internationalen
Finanzmärkte, der Währungsfonds, das amerikanische
Außenministerium und seine Statthalter Feinde, die den sinkenden
Lebensstandard der Massen zu verantworten haben.Vereinfacht lässt
sich das als Ablehnung der Globalisierung ausdrücken. Dagegen
erhebt sich in Bolivien keine Guerilla, sondern unter Leitung zweier
Indio-Führer ein Heer der Unzufriedenen, denen es auch an Bildung
mangelt und die sich nicht repräsentiert fühlen. Die Revolte
der Basis breitet sich vor allem in den indianisch geprägten
Andenstaaten aus...
Süddeutsche Zeitung vom 20.10.03
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Johannes Paul II. sprach Mutter Teresa selig
Mo.20.10.03 - Papst Johannes Paul II. hat am Sonntag auf dem Petersplatz in Rom die
Ordensfrau und Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa von
Kalkutta selig gesprochen. Der schwer kranke Kirchenführer sprach
die wenigen Worte der Proklamation mit vergleichsweise fester Stimme.
Hunderttausend Gläubige aus aller Welt waren zu der
farbenprächtigen Zeremonie mit indischen Musikern und
Tänzerinnen nach Rom gekommen.
(Quelle: dpa)
«Heilige Wölfin im Schafspelz»
Die vielgepriesene Meinungs- und Pressefreiheit nützt herzlich
wenig, wenn es kaum Zeitungen und Journalisten gibt, die kritisch und
unabhängig recherchieren und berichten (können). Am Beispiel
der selig gesprochenen Mutter Teresa zeigt ein Telepolis-Artikel
anschaulich auf, wie gewollte Desinformation funktioniert und welche
manipulative Gewalt von ihr ausgeht. Der Orden von Mutter Teresa
habe mit dem Mythos der "Medienheiligen" Millionen verdient,
berichtet das Netzmagazin Telepolis. Nicht nur das: Sie sei radikale Abtreibungs- und
Verhütungsgegnerin und alles andere als bemüht gewesen, ihren
Armen eine angemessene medizinische Versorgung zu gewähren. Ihr
vertraulicher Umgang mit der haitischen Junta und Geld, das aus
schmutzigen Geschäften stamme, mache das sehr gut vorstellbar....
(Quelle: ralphs [http://krit.de/ralphs/])
Mehr unter:
Mehr bei telepolis unter:
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/15888/1.html
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Verfassungsreferendum in Rumänien nimmt 50-Prozent-Hürde
Nur 54,4 Prozent beteiligten sich an der Volksabstimmung
Mo.20.10.03 - Die Volksabstimmung über eine neue Verfassung in Rumänien hat
die erforderliche Mindestbeteiligung von 50 Prozent mit einiger
Mühe noch erreicht. Der Leiter der staatlichen Wahlkommission,
Constantin Furtuna, teilte am Sonntagabend mit, dass sich 54,4 Prozent
der rund 18 Millionen Stimmberechtigten an dem Referendum beteiligt
hätten. Das Ergebnis wird in den nächsten Tagen erwartet;
dabei gilt eine breite Mehrheit für den Verfassungsentwurf als
wahrscheinlich.
Nach einer äußerst geringen Beteiligung am ersten der beiden
Abstimmungstage kam die Regierung von Ministerpräsident Adrian
Nastase am Sonntagmorgen zu einer Krisensitzung zusammen. Beamte
versuchten, über Lautsprecher und mit Hausbesuchen, die
Bürger zur Stimmabgabe zu bewegen.
Die neue Verfassung soll den Wunsch Rumäniens nach Aufnahme in die
Europäische Union unterstützen. Der Entwurf für das
Grundgesetz schreibt das Recht auf Privatbesitz fest, ermöglicht
Ausländern den Erwerb von Immobilien und schafft die Wehrpflicht
ab. Die zurzeit gültige Verfassung wurden 1991 angenommen, zwei
Jahre nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes unter Nicolae
Ceausescu.
(Quelle: ap)
Hoher Wahlsieg für Rechtskonservative in der Schweiz
Wahlkommentatoren: Bürger verpassten bürgerlichen Parteien
Denkzettel. Wähler habe auch das linke Lager gestärkt, um
einen Sozialabbau zu verhindern +++ Rot-grünes Lager gewann
Mandate hinzu
Mo.20.10.03 - Aus den Parlamentswahlen in der Schweiz ist die
rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) als deutlicher
Sieger hervorgegangen. Nach dem am frühen Montagmorgen
veröffentlichten Endergebnis konnte sie im 200 Abgeordnete
umfassenden Nationalrat um 11 Sitze auf 55 zulegen und wird damit auch
stärkste Fraktion im Parlament.
Dennoch blieb der von Wahlforschern befürchtete Rechtsruck in der
Schweiz aus: Auch das rot-grüne Lager gewann sieben Mandate hinzu.
Die Sozialdemokraten verbesserten sich um 2 Sitze auf 53 und die
Grünen um 4 Sitze auf 13. Große Verlierer sind die Parteien
der bürgerlichen Mitte. Christ- und Freidemokraten verloren
jeweils 7 Mandate.
Rund 4,7 Millionen Wahlberechtigte waren am Sonntag aufgerufen, die 200
Abgeordneten für den Nationalrat sowie eine neue Vertretung
für die 26 Kantone zu bestimmen.
Nach ihrem Wahlsieg stellte die SVP die seit 1959 geltende
Regierungsform in Frage. Danach verfügten die Sozialdemokraten, die
Anzeige
Christdemokraten und Freidemokraten jeweils über zwei der sieben
Ministerämter in einer Koalitionsregierung.
SVP-Präsident Ueli Maurer verlangte, dass seine Partei einen
zweiten Ministerposten erhält. Dieser solle mit Parteifinanzier
und Chemie-Unternehmer Christoph Blocher besetzt werden. Sollten die
anderen Parteien diese Forderungen nicht erfüllen, wolle die SVP
in die Opposition gehen, drohte Maurer. Den weit gehend ruhigen
Wahlkampf hatten die Themen Arbeitslosigkeit, Renten, Europa- und
Asylpolitik beherrscht.
Die SVP gewann überraschend sechs zusätzliche Mandate in der
französischsprachigen Westschweiz. Dort war sie erstmals bei
Parlamentswahlen angetreten. Auch im traditionell roten Genf verbuchte
die SVP auf Kosten der bürgerlichen Parteien Stimmengewinne und
eroberte ein Mandat. In der Schweiz wählt jeder der 26 Voll- und
Halbkantone nur seine Abgeordneten für das Parlament und die
Kantonsvertretung.
Wahlkommentatoren führten das gute Abschneiden der
rechtskonservativen SVP vor allem auf Protestwähler zurück,
die den bürgerlichen Parteien einen Denkzettel verpasst
hätten. Die Rechtskonservativen hätten vor allem mit den
Themen Sicherheit, Finanzen und Asylpolitik punkten können.
Angesichts der Probleme um die weitere Finanzierung des Sozialstaates
hätten viele Wähler auch das linke Lager gestärkt, um
einen Sozialabbau zu verhindern.
(Quelle: dpa)
Deutschland:
SPD und Grüne beschließen Einschnitte bei Rentnern
2004 keine Rentenerhöhung +++ Einsparungen sollen
Milliardendefizit in den Rentenkassen ausgleichen +++ Zusätzliche
Belastungen der Rentner bei der Pflegeversicherung +++ Verschiebung der
Rentenauszahlung an Neurentner +++ Sozialministerin räumt ein,
dass die Rentenbeschlüsse de facto einer Rentenkürzung
gleichkommen +++ Gewerkschaften haben nach Notoperation der
Regierung 'Bauchschmerzen'
Mo.20.10.03 - Die rot-grüne Regierung will das
Milliardendefizit in den Rentenkassen vor allem über Einschnitte
bei den Rentnern abbauen; die Beiträge sollen dagegen bei 19,5
Prozent stabil bleiben. SPD und Grüne einigten sich unter anderem
auf eine Nullrunde für Rentner. "Es kann 2004 keine Erhöhung
geben", sagte Kanzler Gerhard Schröder (SPD). Außerdem
müssen Rentner künftig den gesamten Beitrag zur
Pflegeversicherung selbst zahlen; die Auszahlung von Neurenten wird auf
das Monatsende verschoben. Die Union will laut CDU-Chefin Angela Merkel
"Rentenkürzungen nicht mitmachen".
Weitere Milliarden sollen durch das erneute Absenken der Rücklage
der Rentenkassen gespart werden. Mit den Maßnahmen würden
exakt die acht Milliarden Euro ausgeglichen, die der
Renten-Schätzerkreis als Defizit für das kommende Jahr
errechnet habe, sagte Schröder nach der Rentenklausur. Ohne diese
Schritte wäre der Beitrag auf 20,3 Prozent gestiegen, sagte
Schröder.
Der Kanzler betonte, dass die Rente nicht gekürzt werde.
Allerdings räumte er ein, dass die zusätzlichen Belastungen
bei der Pflegeversicherung Wirkungen habe, "die die gleichen sind".
Bisher zahlten Rentner die Hälfte des Beitrags zur
Pflegeversicherung, die andere Hälfte zahlte die
Rentenversicherung. Künftig soll der Beitrag von 1,7 Prozent
alleine von den Rentnern gezahlt werden.
Außenminister Joschka Fischer (Grüne) sagte, die
Maßnahmen würden von seiner Partei "rückhaltlos"
unterstützt. An der Klausur nahmen das Bundeskabinett sowie die
Partei- und Fraktionsspitzen von SPD und Grünen teil.
Schröder appellierte an die Opposition, die Maßnahmen zu
unterstützen. Merkel übte allerdings scharfe Kritik. Zum
ersten Mal seien Kürzungen für Rentner beschlossen worden,
sagte sie. "Wir wären nie in eine solche Lage gekommen", sagte
Merkel unter Verweis auf den demografischen Faktor, den die
Unionsregierung bereits vor fünf Jahren eingeführt und
Rot-Grün wieder rückgängig gemacht habe.
Außerdem bekräftigte Rot-Grün, künftig die Renten
zu besteuern, die Beiträge zur Rentenversicherung aber steuerfrei
zu stellen. Zudem soll die Riester-Rente vereinfacht werden.
Außerdem wird der Nachhaltigkeitsfaktor wieder eingeführt.
Zur Diskussion um die Rente mit 67 sagte er, das gesetzliche
Renteneintrittsalter müsse derzeit nicht steigen. Wichtig sei, dass
das tatsächliche Eintrittsalter ab 2006 bei 63 Jahren liege.
Der Sozialverband VdK hat scharfe Kritik am Renten-Notprogramm der
rot-grünen Koalition geübt. Noch nie in der Geschichte der
Bundesrepublik seien die Rentner so dreist zur Kasse gebeten worden,
sagte Verbandspräsident Walter Hirrlinger der Chemnitzer "Freien
Presse" (Montagausgabe). Zusammen mit den Belastungen durch die
Gesundheitsreform bedeuteten die neuerlichen Einschnitte erhebliche
Einkommensverluste für die Senioren. Sie seien die "Melkkühe
der Nation".
Hirrlinger sagte, er erwarte, dass die rund 20 Millionen Rentner es der
Bundesregierung bei Wahlen heimzahlen würden. "Sie haben nur eine
Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen, und das ist der
Stimmzettel", betonte der Verbandschef. Dazu gebe es im kommenden Jahr
genügend Gelegenheit. Noch nie seien Verunsicherung und
Zukunftsangst bei den Senioren so groß gewesen wie in der
rot-grünen Regierungszeit, beklagte Hirrlinger.
Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) verteidigte die Beschlüsse zur
Sanierung der Rentenkasse. "Es geht nicht anders", sagte sie am
Sonntagabend in der ARD-Sendung "Sabine Christiansen". "Wenn wir heute
keine Maßnahmen unternommen hätten, um wirklich dafür zu
sorgen, dass wieder mehr Wachstum und Beschäftigung entsteht, dann
werden die Probleme immer größer", sagte Schmidt. Es sei
"schwierig, gerecht zu sein in jedem Einzelfall." Die Sozialministerin
räumte ein, dass die Beschlüsse de facto einer
Rentenkürzung gleichkämen.
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU)
äußerte Verständnis für die Rentenpolitik der
Koalition. "Die jetzt getroffenen Maßnahmen sind wahrscheinlich
unabwendbar", sagte Böhmer der "Financial Times Deutschland". Die
schlechte Lage der Rentenkasse habe sich die Regierung aber selbst
zuzuschreiben, weil sie 1998 den demographischen Faktor abgeschafft habe.
Böhmer zeigte sich offen für Verhandlungen über die
Verschiebung der Rentenauszahlung an Neurentner und eine
Entbürokratisierung der Riester-Rente. Die Verschiebung der
Auszahlung auf das Monatsende ist die einzige der kurzfristigen
Maßnahmen zur Deckung des Acht-Milliarden-Lochs in der
Rentenkasse, bei der der Bundesrat ein Einspruchsrecht hat.
Die Rentenbeschlüsse der Bundesregierung müssen nach Ansicht
des DGB-Vorsitzenden Michael Sommer "auf jeden Fall die letzte
Notoperation dieser Art" sein. Die Beschlüsse bereiteten den
Gewerkschaften "allergrößte Bauchschmerzen", sagte Sommer
laut "Neue Osnabrücker Zeitung" (Montagausgabe) in einem Interview.
Es werde schon im nächsten Jahr - für das die Regierung eine
Nullrunde für die Rentner vorgesehen hat - zu einer faktischen
Rentenkürzung kommen, weil die Rentner dann den vollen Beitrag zur
Pflegeversicherung zahlen müssten. Im Jahr 2005 werde es dann
wegen des neuen demographischen Faktors eine Nullrunde geben.
Spätestens bei einem stärkeren Ansteigen der Inflationsrate
wäre dies für Millionen Rentner ein zu tiefer Einschnitt,
meinte Sommer. "Für diesen Fall fordere ich Nachverhandlungen, um
die Einschnitte für Rentner sozial verträglicher zu machen."
Positiv bewerte er den Verzicht auf eine Erhöhung des
Renteneintrittsalters auf 67 Jahre und auf eine Anhebung des
Beitragssatzes. Stabile Beiträge seien ein gutes Signal für
die Arbeitnehmer, die bei der Gesundheitsreform kräftig draufzahlen
müssten.
Auch die Absenkung der Schwankungsreserve auf 20 Prozent akzeptiere der
DGB, sagte Sommer. So würden Beitragssteigerungen oder noch tiefere
Einschnitte verhindert. Die Rücklage müsse aber in Zeiten des
Aufschwungs wieder aufgefüllt werden. Sommer regte an, solche
"Puffer" auch für die Staatskassen anzulegen.
(Quellen: afp, ap)
Der gestrige Tag ist ein tiefer Einschnitt in der deutschen
Sozialgeschichte. Zum ersten Mal seit Bestehen der Bundesrepublik
werden die Renten über einen längeren Zeitraum nicht nur
nicht erhöht, sondern wahrscheinlich sogar gesenkt - zunächst
durch den vollen Beitrag zur Pflegeversicherung, anschließend
durch den ab 2005 neu eingeführten "Nachhaltigkeitsfaktor"...
"tageszeitung" vom 20.10.03:
http://www.taz.de/pt/2003/10/20/a0014.nf/text
Rente ist Eigentum und so besonders geschützt
Auf den ersten Blick ist die rechtliche Position der Rentner und
derer, die es werden wollen, gut. Denn die Rentenanwartschaften sind in
Deutschland als Eigentum grundrechtlich geschützt. Das steht nicht
im Grundgesetz, ist aber seit 1980 ständige Rechtsprechung des
Bundesverfassungsgerichts. Damit wird berücksichtigt, dass die
Alterssicherung heute in der Regel nicht durch privates
Sachvermögen erfolgt, sondern durch den Arbeitslohn und die daran
anknüpfenden Sozialbeiträge. Wenn der Staat aber, so der
Schluss, die eigene Vorsorgekraft der Versicherten abschöpft, muss
er auch die daraus entstehenden Ansprüche grundrechtlich
schützen.
Das heißt nun aber nicht, dass der Gesetzgeber eine einmal
eingeschlagene Rentenpolitik nie wieder verändern könnte.
Entgegen weit verbreiteter Vorurteile ist das Grundrecht auf Eigentum
im Grundgesetz nur relativ schwach geschützt. Sein Inhalt und
seine Schranken können vom Gesetzgeber im Rahmen der
Verhältnismäßigkeit relativ frei definiert werden, vor
allem wenn das Eigentum Sozialbezug hat....
Mehr in der heutigen Ausgabe der "tageszeitung" (20.10.03):
http://www.taz.de/pt/2003/10/20/a0071.nf/text
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Attac macht mobil gegen 'Sozialkahlschlag' der Regierung
Motto: "Genug für alle" - Der gesellschaftliche Reichtum ist
groß genug um ein menschenwürdiges Leben für alle zu
ermöglichen
Mo.20.10.03 - Das globalisierungskritische Netzwerk Attac [http://www.attac.de] macht mobil gegen die
Arbeitsmarktpolitik und Sozialreformen der rot-grünen
Bundesregierung: Zum Start einer Kampagne gegen "Sozial-Kahlschlag"
ruft Attac seine rund 13.000 Mitglieder zur Teilnahme an der
Demonstration gegen Sozialabbau am 1. November in Berlin auf [http://www.demo-gegen-sozialabbau.de]. Das
beschlossen am Wochenende rund 350 Mitglieder aus rund 150 regionalen
Gruppen bei ihrer Bundesversammlung, dem Attac-Ratschlag, in Aachen.
Peter Wahl vom Attac-Koordinierungskreis sagte, die "Agenda 2010" von
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sei erst der Auftakt zu einem
gesellschaftspolitischen Systemwechsel. "Hinter der derzeitigen Politik
steht ein Menschenbild von sozialer Kälte und
Ellbogengesellschaft", sagte Wahl. Unter dem Motto "Genug für
alle!" wolle Attac verdeutlichen, dass der gesellschaftliche Reichtum
groß genug ist, um ein menschenwürdiges Leben für alle
zu ermöglichen.
Als zweiten Schwerpunkt wird Attac im nächsten Jahr das Thema
Weltwirtschaft intensiv verfolgen. "Nach dem Scheitern der
WTO-Verhandlungen in Cancun muss dieses neoliberale Projekt weiter
delegitimiert werden", sagte Timm Zwickel von Attacs WTO-AG. Mit einer
Rundreise durch Deutschland soll am Beispiel von gentechnisch
veränderten Lebensmitteln gezeigt werden, wie die WTO ins Leben
der Menschen eingreift. Zwickel sagte: "Obwohl 80 Prozent der
Bevölkerung gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel sind,
will uns die WTO zwingen, diese zu essen."
Parallel zur praktischen Arbeit vor Ort arbeite eine Arbeitsgruppe an
einem Entwurf für eine alternative Weltwirtschaftsordnung. "WTO,
IWF und Weltbank haben keine Zukunft. Darum ist es nötig, jetzt
konkrete Alternativen zu entwickeln", sagte Zwickel.
(Quelle: ap)
Weitere Berichte zum Thema unter:
http://www.taz.de/pt/2003/10/20/a0077.nf/text
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/konf/15892/1.html
http://www.jungewelt.de/2003/10-20/010.php
Blick ins Archiv
In Deutschland wächst die Kluft zwischen Arm und Reich
...Ordnet man die Bevölkerung nach ihrem
Nettovermögen (Bruttovermögen minus Schulden), verfügt
das obere Fünftel über 62,6 Prozent des gesamten Reichtums
der Haushalte. Das unterste Fünftel besitzt, außer
Gebrauchsgegenständen wie Auto, Möbeln oder Kleidern,
überhaupt kein Vermögen.
In Wirklichkeit dürften die Unterschiede noch größer
sein. Gerade die Reichen und Superreichen werden von den Statistikern
bei Umfragen nur unzureichend erfasst. Um so aufschlussreicher sind die
Daten, die das Investmenthaus Merrill Lynch zusammen mit einem
Beratungsunternehmen im German Wealth Report vorgelegt hat: Etwa ein
Viertel des gesamten deutschen Privatvermögens ist auf 365 000
Personen oder 0,5 Prozent der Bevölkerung konzentriert...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/../boa-archiv1/k0309200.htm#030920_w
Insgesamt beträgt das Nettovermögen in Deutschland mehr als
4,2 Billionen Euro.
Quelle: taz vom 03.09.03:
http://www.taz.de/pt/2002/09/03/a0044.nf/text.name,askH1NOb5.n,0
Gemeinsam besitzen alle Millionäre der Welt derzeit 27,2 Billionen
Dollar.
Quelle: taz vom 26.006.03:
http://www.taz.de/pt/2003/06/26/a0096.nf/text
Genug für alle
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Ver.di-Kongress mit Angriffen auf Regierung eröffnet
Bsirske : Arbeits- und Sozialreformen stehen in scharfem Kontrast zu
den Wahlaussagen von SPD und Grünen +++ Sommer: Geplante
Sozialreformen sind 'staatlich verordnete Lohnverkürzungen' +++
Vizekanzler Joschka Fischer: Reformen sind alternativlos
Mo.20.10.03 - Mit scharfen Angriffen auf die Bundesregierung ist der erste
Bundeskongress der Gewerkschaft ver.di [http://www.verdi.de] am Sonntag in Berlin
eröffnet worden. Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer warf der
Koalition vor, mit den geplanten Sozialreformen "staatlich verordnete
Lohnverkürzung" zu betreiben. Gewerkschaftschef Frank Bsirske
bezichtigte die Bundesregierung in einem Interview mit der
Nachrichtenagentur AP des Wortbruchs. Vizekanzler Joschka Fischer
verteidigte die Reformen als alternativlos.
Sommer sagte, die anstehenden Reformen würden das Land tief
greifend verändern, vor allem negativ. Soziale Leistungen
würden gekappt und die Folgen der Massenarbeitslosigkeit
müssten nur die kleinen Leute bezahlen. Unter dem Beifall der
Delegierten verlangte Sommer erneut eine Ausbildungsabgabe und warnte
eindringlich vor Einschnitten in die Tarifautonomie. Zugleich wies
Sommer die Forderungen von CDU und FDP nach längeren Arbeitszeiten
und geringeren Löhnen zurück. "Wir brauchen Reformen, aber es
muss dabei sozial gerecht zugehen", forderte der DGB-Vorsitzende.
Bsirske sagte in einem AP-Interview, die Arbeits- und Sozialreformen
stünden in scharfem Kontrast zu den Wahlaussagen von SPD und
Grünen. Im Wahlprogramm der SPD stehe, dass ein Absinken des
Arbeitslosengeldes auf Sozialhilfeniveau nicht in Frage komme. "Das
genaue Gegenteil ist jetzt passiert", kritisierte der
Gewerkschaftschef. Positiv bewertete Bsirske die Bemühungen der
Bundesregierung, jedem Bewerber einen Ausbildungsplatz zur
Verfügung zu stellen.
Fischer sagte, die von der Bundesregierung geplanten
Arbeitsmarktreformen würden die Vermittlung von Arbeitslosen
verbessern. Er sei vom deutschen Sozialstaat zutiefst überzeugt.
Zu den geplanten Reformen gebe es aber angesichts der alternden
Gesellschaft keine Alternative, sagte der Grünen-Politiker unter
erbosten Zwischenrufen und Pfiffen der Funktionäre. Ansonsten
würden sich die "Privatisierungs-Strategen" durchsetzen und immer
mehr Unternehmenssitze ins Ausland verlegt werden.
Zur Tarifautonomie sagte Fischer, Bundeswirtschaftminister Wolfgang
Clement wolle den Flächentarifvertrag nicht aufbrechen. Der Union
und der FDP warf Fischer vor, bei der Gesundheitsreform nötige
Einschnitte bei den Ärzten, den Kassen und der Pharmaindustrie
verhindert zu haben, und verlangte erneut die Einführung einer
Bürgerversicherung.
Der Kongress mit über 1.000 Delegierten ist der erste seit der
ver.di-Gründung aus fünf Einzelgewerkschaften im März
2001. Der Vorsitzende der mit knapp 2,7 Millionen Mitgliedern
größten deutschen Gewerkschaft zog eine positive Bilanz.
"Wir mischen uns weiter ein", sagte Bsirske der AP. Der
Gewerkschaftschef forderte einen Ausbau des Dienstleistungssektors und
die Stärkung von öffentlichen Investition auf der Basis einen
gerechten Besteuerung.
Bsirske soll am Dienstag wiedergewählt werden, er tritt ohne
Gegenkandidaten an. In den weit mehr als 1.000 Anträgen zu dem
Kongress wird unter anderem ein umfassendes öffentliches
Investitionsprogramm gefordert, von dem sich ver.di 500.000 neue
Arbeitsplätze erhofft. Zudem wird die Wiedereinführung der
Vermögensteuer sowie eine Erbschaftsteuer verlangt. Auf dem
Gewerkschaftstag wird auch eine scharfe Auseinandersetzung über
den vom ver.di-Vorstand geforderten strikten Sparkurs im eigenen Haus
erwartet.
(Quelle: ap)
Weiterer Bericht zum Thema unter:
http://www.jungewelt.de/2003/10-20/011.php
Unions-Differenzen über Oppositionsstrategie und Reformen
Innerparteiliche Debatte über Renten- und Gesundheitsreform
weitet sich aus +++ Stoiber abermals auf Distanz zu Vorschlägen
der Herzog-Kommission
Mo.20.10.03 - In der Union gibt es neue Differenzen über die grundsätzliche
Oppositionsstrategie und die Reaktion auf die jüngsten
Reformgesetze der Regierung. Auch die innerparteiliche Debatte über
die langfristigen Reformen bei Rente und Gesundheit weitet sich immer
mehr aus.
CSU-Chef Edmund Stoiber ging am Sonntag abermals auf Distanz zu den
Vorschlägen der Herzog-Kommission zum Gesundheitswesen, die von der
CDU-Vorsitzenden Angela Merkel verteidigt werden. Er will nach
dpa-Informationen am 17. November Eckpunkte für ein
CSU-Gesundheitskonzept präsentieren.
Trotz der Forderungen des hessischen Ministerpräsidenten Roland
Koch (CDU) nach mehr Härte gegen Rot-Grün machten Stoiber und
Merkel deutlich, dass sie an ihrem Kurs festhalten wollen, für
Kompromisse mit der Regierung unter Bedingungen offen zu sein. Stoiber
sagte am Sonntag beim Deutschlandtag der Jungen Union (JU) in Cottbus:
"Wir können keine Obstruktionspolitik betreiben." Merkel hatte am
Samstag erklärt: "Die Leute wollen nicht, dass die Union eine
Position bezieht, das Land vor die Wand zu fahren." Die
Parteivorsitzenden begrüßten zugleich den Vorschlag von
FDP-Chef Gudio Westerwelle, der zur Koordinierung der Oppositionslagers
einen "Reformgipfel"» von Union und FDP ins Gespräch gebracht
hatte.
Stoiber skizzierte bei dem JU-Treffen erstmals seine Überlegungen
für eine Gesundheitsreform innerhalb des bestehenden Systems. Im
Gegensatz zu Merkel will er an den Stellschrauben des bisherigen
beitragsfinanzierten Systems drehen, um die Krankenversicherung
zukunftsfähig zu machen. Auch weitere Leistungsausgrenzungen - etwa
die gesamte Zahnbehandlung - hält Stoiber für möglich.
Merkel verteidigte am Samstag dagegen das Prämienmodell von Alt-
Bundespräsident Roman Herzog mit gleichen Beiträgen für
alle und einem steuerfinanzierten Ausgleich für finanziell
Schwache. Sie zeigte sich überzeugt, dass sich CDU und CSU am Ende
auf ein Gesamtkonzept einigen werden. Niedersachsens CDA-Chef Max
Matthiesen sagte nach einem Bund-Länder-Treffen der
Sozialausschüsse in Hannover der Nachrichtenagentur dpa: "Wenn Frau
Merkel das Konzept eins zu eins umsetzen will, gefährdet sie ihre
Kanzlerkandidatur."
Der Vorsitzende des Unions-Nachwuchses, Philipp Mißfelder,
kündigte für den CDU-Parteitag Anfang Dezember in Leipzig
einen Antrag an, der den grundsätzlichen Umbau des Rentensystems
vorsieht. Nach einem Beschluss der JU soll eine steuerfinanzierte
Grundrente mit einer kapitalgedeckten Zusatzversorgung ergänzt
werden. Der Systemwechsel in der Rente war von der Herzog-Kommission
noch verworfen worden. Merkel zeigte sich für die Debatte
darüber offen.
Unterschiedliche Standpunkte zeigten sich auch in Aussagen über
die Unions-Haltung im Bundesrat zu den am Freitag im Bundestag
verabschiedeten Reformgesetzen. Koch sprach sich im Magazin "Focus"
dafür aus, die von Rot-Grün in den Hartz-Gesetzen
ausgeschlossene Unterhaltspflicht von Familienangehörigen für
Arbeitslose wieder in das Gesetzespaket aufzunehmen. Thüringens
Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) sagte dagegen: "Ich sehe
nicht, dass wir daran etwas ändern sollten." Stoiber machte klar,
die entschärften Zumutbarkeitskriterien im Bundesrat müssten
gekippt werden.
(Quelle: dpa)
Erstmals seit zehn Jahren droht Nullwachstum
Bundesregierung sieht derzeit ein Wachstum von 0,75 Prozent
Mo.20.10.03 - Erstmals seit zehn Jahren droht der deutschen Wirtschaft 2003 ein
Nullwachstum. Nach einem "Spiegel"-Bericht haben die sechs
führenden Wirtschaftsinstitute ihre Konjunkturprognose für
dieses Jahr von 0,5 Prozent auf null reduziert. Für kommendes Jahr
sehen die Forscher dem am Wochenende veröffentlichen Bericht
zufolge dagegen weiterhin ein Wachstum von 1,8 Prozent. Ihre Prognosen
wollen die Institute am kommenden Dienstag in ihrem Herbstgutachten
veröffentlichen.
Die Bundesregierung sieht derzeit ein Wachstum von 0,75 Prozent in
diesem und 2,0 Prozent im nächsten Jahr. Am kommenden Donnerstag
will Wirtschaftsminister Wolfgang Clement seine Herbstprognose vorlegen.
Zuletzt war die deutsche Wirtschaft vor zehn Jahren nicht gewachsen.
1993 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt nach Berechnungen des
Statistischen Bundesamts sogar um 1,1 Prozent.
(Quelle: ap)
Allianz pro Schiene kritisiert Subventionsabbau
Ein Viertel des gesamten Subventionsabbaus sei im Schienenverkehr
vorgesehen. Mittel für Straßenverkehr und Flugverkehr
würden unangetastet bleiben
Mo.20.10.03 - Der von den Ministerpräsidenten von Hessen und
Nordrhein-Westfalen, Roland Koch (CDU) und Peer Steinbrück (SPD),
vorgeschlagene Subventionsabbau gefährdet nach Angaben der Allianz
pro Schiene massiv den Nahverkehr. Würden die
Koch-Steinbrück-Pläne realisiert, müsste jeder 6. Zug im
Nahverkehr gestrichen werden, erklärte das Umwelt- und
Verbraucherbündnis in Berlin.
Von den Kürzungen wären allein im Schienennahverkehr
täglich über 650.000 Fahrgäste betroffen. Die Allianz
pro Schiene kritisierte die "eklatante Schieflage" des
Koch-Steinbrück-Papiers: Ein Viertel des gesamten
Subventionsabbaus sei im Schienenverkehr vorgesehen. Dagegen
würden Mittel für Straßenverkehr und Flugverkehr
unangetastet bleiben.
Koch und Steinbrück hatten Ende September ihre Pläne für
einen umfassenden Subventionsabbau vorgestellt. Demnach sollen in den
kommenden drei Jahren Finanzhilfen und Steuerprivilegien im Umfang von
15,8 Milliarden Euro gestrichen werden. Mit wenigen Ausnahmen sollen
die Subventionen nach der Rasenmähermethode von 2004 bis 2006
jedes Jahr um vier Prozent, also insgesamt um zwölf Prozent
abgeschmolzen werden.
(Quelle: afp)
Gentechnik-Gesetz wohl Ende November im Kabinett
Förderzweck und Haftungsfragen bleiben stark umstritten
Mo.20.10.03 - Das umstrittene Gentechnik-Gesetz soll nach Angaben des
Verbraucherministeriums im November das Bundeskabinett passieren.
Er sei zuversichtlich, dass das Kabinett das Gesetz Ende November
beschließen werde, sagte der Referatsleiter für Bio- und
Gentechnik im Verbraucherministerium, Wolfgang Koehler, auf einer
Fachtagung am Freitag in Berlin. Bis zur Sommerpause 2004 könne
das Gesetzgebungsverfahren abgeschlossen sein. Koehler hob jedoch
zugleich hervor, dass die Hauptstreitpunkte zwischen den Ressorts immer
noch nicht ausgeräumt seien: "Es ist heute kein Geheimnis, dass
alles bis auf die Überschriften der Paragrafen umstritten ist."
Das Gentechnik-Gesetz soll den Anbau gentechnisch veränderter
Pflanzen und Organismen (GVO) in Deutschland regeln. Zentrale Frage
ist, wie die Koexistenz von GVO-freien Pflanzen gewährleistet
werden kann. In der EU gilt seit 1998 ein De-Facto-Verbot für GVO.
Das Verbot soll nun jedoch durch Neuregelungen aufgehoben werden. In
Deutschland sollte das Gesetz ursprünglich bereits im August das
Kabinett passieren. Koehler zufolge hat die EU-Kommission Deutschland
und zehn weitere Mitgliedstaaten wegen der Verzögerung verklagt.
Koehler sagte, besonders kontrovers diskutiert werde weiterhin der
Förderzweck von Gentechnik, der in der alten Fassung des Gesetzes
festgeschrieben ist. Das federführende Verbraucherministerium will
den staatlichen Förderauftrag aus der Novelle streichen. "Es ist
nicht Sinn und Zweck dieses Gesetzes, Gentechnik zu
fördern", sagte Koehler. Das Forschungsministerium vertritt jedoch
die Gegenposition.
Koehler betonte, auch Haftungsfragen bei einem Eintrag von GVO in
gentechnikfreie Produkte seien ein "außerordentlich schwieriger"
Punkt zwischen den Ressorts. Das Verbraucherministeriums halte es nicht
für ausreichend, sich nur auf geltendes Recht zu verlassen. Es
müssten neue Haftungsregeln festgelegt werden. Das Ministerium
hält bislang an dem Verursacherprinzip fest, dass GVO-Anbauer
für eventuelle Schäden aufkommen sollen, wenn ihre
Gen-Pflanzen auf GVO-freie Flächen übergreifen und anderen
Anbauern dadurch Einbußen verursachen.
Koehler sagte, man sei sich mit dem Justizministerium einig, dass der
Begriff der wesentlichen Beeinträchtigung weit gefasst werden
könne. Schäden seien dann ausgleichbar. Der Geschädigte
müsse den GVO-Eintrag nachweisen. "Auch das ist sicher eine hoch
umstrittene Regelung."
Die deutsche Biotech-Branche, zu der Branchenriesen wie Bayer
CropScience und BASF zählen, dringt seit langem auf eine Zulassung
des GVO-Anbaus. Die Branche hält die geltenden zivilrechtlichen
Haftungsregeln für die Koexistenz für ausreichend.
Deutschland könnte mit dem Streit um Haftungsregeln den Anschluss
an die internationale Entwicklung zu verlieren, heißt es in der
Branche. Außerhalb der EU steigt der GVO-Anbau stark an. Derzeit
werden 60 Millionen Hektar GVO-Pflanzen angebaut, davon rund die
Hälfte in den USA.
(Quelle: rtr)
Blick ins Archiv:
Richtlinien zum Anbau von Gen-Getreide werden oft nicht eingehalten
Do.11.09.03 - Die Richtlinien zum Anbau von gentechnisch verändertem Getreide
werden nach einer Untersuchung des US-Landwirtschaftsministeriums von
fast 20 Prozent der Bauern nicht eingehalten...
Mehr unter:
http://home.t-onlline.de/home/boa-archiv1/k0309110.htm#03091110
Gentechnik: Bayer verweigert Haftung für Genpflanzen
Sa.12.07.03 - Heftige Kritik an der Haltung des Saatgutherstellers Bayer CropScience
äußern australische Bauern. Das Network of Concerned Farmers
(NFC) [http://www.non-gm-farmers.com]
fordert in einem offenen Brief von Bayer die Übernahme aller
Folgekosten, die sich aus dem Anbau gentechnisch veränderter
Pflanzen ergeben.
Bisher waren gentechnisch veränderte Nahrungsmittel in der
australischen Landwirtschaft verboten...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0307120.htm#03071213
«Initiative warnt vor Gen-Saatgut»
150 deutsche Verbände von Umweltschützern, Verbrauchern und
Lebensmittelerzeugern haben eine Postkartenaktion zum Schutz von
Saatgut vor gentechnischer Verunreinigung gestartet. Unter dem Druck
von 400.000 geplanten Zuschriften solle sich Kanzler Schröder in
der EU für ein Reinheitsgebot für Samen einsetzen, fordert
das Bündnis "Save our Seeds"[http://www.saveourseeds.org]. Hintergrund der Kampagne sind
Pläne der Europäischen Kommission, bis zu 0,7 Prozent
Verunreinigungen bei herkömmlichem Saatgut zu tolerieren, ohne
dass dies gekennzeichnet werden müsste. Der
Grünen-Europaabgeordnete und Landwirt Friedrich Wilhelm Graefe zu
Baringdorf warnte, Landwirte könnten keine wirklich
gentechnikfreien Produkte mehr liefern. (Quelle: epd/taz, 26.09.03)
Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2003/09-26/016.php
|
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