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+++ Do.30.10.03,
12:45 Nachrichten-Archiv Aktuelle
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Irak am zweihundertfünfundzwanzigsten Tag nach
Kriegsbeginn
Rund 13.000
Iraker starben in Irak-Krieg +++ Nach Beendigung der
Hauptkampfhandlungen mehr US-Soldaten getötet als zu Kriegszeiten
+++ Pentagon-Geheimbüro schickte überzogene Irak-Berichte ans
Weiße Haus +++ US-Geheimdienste sollen Anti-Terror-Kampf in Irak
verstärken +++ US-amerikanischer Ölkonzern Halliburton bessert
Geschäftszahlen mit Irak-Aufträgen auf +++ Weltbank: Irak
Auslandsschulden erlassen
Do.30.10.03 - Die
Zahl der während der Hauptkampfhandlungen im Irak-Krieg
getöteten Iraker ist nach einer US-Studie fast hundert Mal
höher als die der getöteten US-Soldaten. Zwischen dem 19.
März und dem 30. April wurden rund 13.000 Iraker getötet,
unter ihnen 4300 Zivilisten, wie aus einer in Washington
veröffentlichten Studie der unabhängigen Gesellschaft "Projekt
für Verteidigungsalternativen" hervorgeht.
Die Executive Summary [http://www.comw.org/pda/0310rm8exsum.html]
und der komplette Text des Berichtes [http://www.comw.org/pda/0310rm8.html]
liegen als HTML-Version vor.
Die Opferzahlen in der Studie basieren auf Kampfberichten der US-Armee,
Presseberichten von den Schlachtfeldern und Untersuchungen irakischer
Krankenhäuser. Auf irakischer Seite seien während der
Hauptkampfhandlungen "zwischen 11.000 und 15.000 Kombattanten und
Nicht-Kombattanten" getötet worden, heißt es in der Studie
weiter. Rund 30 Prozent der Todesopfer - zwischen 3200 und 4300 - seien
Zivilisten.
Die Zahl getöteter Iraker, die nicht an den Kämpfen beteiligt
waren, ist danach genauso hoch oder höher als beim Golfkrieg 1991,
obwohl die US-Armee wegen des technischen Fortschritts eine höhere
Zielgenauigkeit hervorgehoben habe. Während des Golfkrieges vor
zwölf Jahren kamen der Studie zufolge rund 3500 irakische
Zivilisten und zwischen 20.000 und 26.000 Soldaten ums Leben.
Das US-Verteidigungsministerium lehnt die Veröffentlichung von
Opferzahlen der Gegenseite wie schon im Irak-Krieg von 1991 ab.
Vergangene Woche hatte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch
(HRW) die US-Armee scharf dafür kritisiert, dass sie keine Angaben
über getötete Zivilisten in Irak mache. Der HRW-Direktor
für den Nahen Osten, Joe Stork, nannte es "wirklich unglaublich",
dass die Armee keine eigene Statistik über diese Opfer führe.
Es sei eine "Tragödie", dass US-Soldaten so viele Zivilisten
getötet hätten.
Im Nordirak sind derweil erneut zwei weitere US-Soldaten getötet
worden. Unter ihrem Fahrzeug sei ein Sprengsatz explodiert, teilte die
Armee am Mittwoch mit. Damit sind seit dem offiziell erklärten Ende
der Hauptkampfhandlungen im Irak Anfang Mai mehr US-Soldaten durch
feindliche Angriffe getötet worden als zuvor während des
Irak-Kriegs.
Die Soldaten seien mit ihrem Fahrzeug am Vorabend rund 120 Kilometer
nördlich von Bagdad auf den Sprengsatz gefahren, teilte ein
Sprecher der 4. US-Infanterie-Division in der irakischen Hauptstadt mit.
Ein weiterer Soldat sei verletzt worden.
Die Zahl der nach dem Krieg durch Feindeinwirkung getöteten
US-Soldaten stieg mit dem Angriff im Nordirak auf 116. Während der
Hauptkampfhandlungen waren 115 US-Soldaten gefallen. Sie endeten mit
einer Erklärung von US-Präsident George W. Bush am 1. Mai.
Wegen der seither fast täglichen Angriffe und Anschläge auf
die Armee und der hohen Kosten des Irak-Einsatzes steht Bush
innenpolitisch stark unter Druck.
Die US-Regierung lastet die Taten Anhängern des gestürzten
irakischen Präsidenten Saddam Hussein und Kämpfern an, die
Verbindungen zur El-Kaida-Organisation des Moslem-Extremisten Osama bin
Laden haben sollen.
Ein geheimes Büro im amerikanischen Verteidigungsministerium soll
vor dem Irakkrieg überzogene Meldungen über Saddam Husseins
Waffenarsenale gezielt ans Weiße Haus geschickt haben. Die
Wochenzeitung "Zeit" berichtete unter Berufung auf Zeugen aus
US-Behörden am Mittwoch vorab, dass unter der Regie von
Vizepräsident Dick Cheney systematisch aufgebauschte Berichte
angefertigt wurden.
Im so genannten "Office of Special Plans" des Pentagons seien seit
August 2002 sämtliche Dossiers über Irak mit vorgefertigten
Textbausteinen versehen worden, berichtet eine ehemalige Mitarbeiterin
des Ministeriums. Darin habe es unter anderem geheißen, Saddam
Hussein arbeite mit Osama bin Laden zusammen und habe Kontakt zu den
Attentätern des 11. Septembers.
Die Berichte des Spezialbüros seien nicht, wie sonst üblich,
anderen US-Nachrichtendiensten zur Prüfung vorgelegt worden,
sondern direkt im Weißen Haus gelandet. Hauptquelle der
Pentagon-Abteilung waren irakische Überläufer, die selbst ein
Interesse am Sturz Saddam Husseins hatten, wie die Zeitung berichtet.
Geheimdienstler der Central Intelligence Agency (CIA), welche die
Dossiers des Spezialbüros für falsch hielten, seien unter
Druck gesetzt worden, politisch konforme Einschätzungen zu
verfassen, berichteten mehrere ehemalige Mitarbeiter der Behörde.
Andere US-Nachrichtendienste, wie die des Außen- und
Energieministeriums, hatten den Schreckensmeldungen aus dem
Rumsfeld-Ministerium zwar ausdrücklich widersprochen, ihre
Darstellungen gingen jedoch nicht in die Gesamtanalyse über Irak
ein. Auf Grundlage dieser Gesamtanalyse hatte der US-Kongress dem Krieg
zugestimmt.
Die US-Regierung erwägt laut Medienberichten, den
Anti-Terror-Kampf in Irak auf Kosten der Suche nach
Massenvernichtungswaffen zu verstärken. US-Verteidigungsminister
Donald Rumsfeld lasse derzeit Pläne ausarbeiten,
Geheimdienstpersonal von der Suche nach ABC-Waffen abzuziehen und
stattdessen im Kampf gegen irakische Guerilla-Kämpfer zu nutzen,
berichtete die "New York Times" am Mittwoch. Widerstand gegen die
Pläne komme aber vom Auslandsgeheimdienst CIA, der die Suche nach
angeblichen verbotenen irakischen Waffen für ebenfalls wichtig
halte.
US-Regierungsaufträge in Irak haben unterdessen die
Geschäftsbilanz des bis vor drei Jahren von Vizepräsident Dick
Cheney geleiteten Ölkonzerns Halliburton deutlich aufgebessert.
Der Nettogewinn der Konzerntochter Kellogg, Brown and Root (KBR) habe
sich im abgelaufenen Vierteljahr auf 49 Millionen Dollar (42 Millionen
Euro) mehr als vervierfacht, teilte der Ölfeldausrüster am
Mittwoch im texanischen Houston mit. Die Regierungsaufträge in
Irak hätten den Umsatz der Ingenieur- und Bausparte um 80 Prozent
auf 2,3 Milliarden Dollar erhöht.
Dem Irak sollten nach Ansicht der Weltbank mindestens zwei Drittel
seiner 120 Milliarden Dollar Auslandsschulden erlassen werden, um dem
Land einen vernünftigen Wiederaufbau zu ermöglichen.
Rund 40 Milliarden Dollar schulde der Irak den Ländern des so
genannten Pariser Clubs von Geberländern, sagte Weltbank-Chef James
Wolfensohn am Mittwoch in Washington. 80 Milliarden Dollar schulde das
Land anderen Ländern, darunter Golfstaaten und Staaten der
früheren Sowjetunion. Jugoslawien seien nach dem Sturz von
Präsident Slobodan Milosevic zwei Drittel der Schulden erlassen
worden. Beim Irak müsse es "mindestens so viel werden, um dem Land
eine reale Chance zu geben, ins innere Gleichgewicht zu kommen."
Die bei der Irak-Geberkonferenz in der vergangenen Woche zugesagten 13
Milliarden Dollar Aufbauhilfe bezeichnete Wolfensohn als guten Start.
Weitere 20 Milliarden haben die USA zugesagt.
(Quellen: ap,
rtr, afp)
Die Gesellschaft "Projekt für
Verteidigungsalternativen" behauptet, während des Irak-Krieges im
März und April seien rund 13.000 Iraker getötet worden, unter
ihnen 4.300 Zivilisten. Die Zahlen der in Washington präsentierten
Studie basieren angeblich auf Kampfberichten der US-Armee,
Presseberichten von den Schlachtfeldern und Untersuchungen irakischer
Krankenhäuser. Die Zahlen sind offensichtlich deutlich nach unten
"geschönt":
Anfang
Oktober schrieb der Oberstleutnant der Bundeswehr Jürgen Rose in
der Berliner Wochenzeitung Freitag, nach bisherigen Erkenntnissen
unabhängiger Forscher, denen "erstmals Einblick in die
Zielunterlagen des Pentagon" gewährt worden sei, belaufe sich die
Zahl der Opfer bei "Zivilisten auf mindestens 10.000 und bei Soldaten
auf 60.000. Irakischen Studien zufolge sind die Opferzahlen noch
höher: Laut Mohammed Al-Obaidi, Koordinator der sowohl gegen das
Baath-Regime als auch gegen die US-Invasion eingestellten Irakischen
Freiheitspartei, kam eine von Hunderten von Mitgliedern seiner Partei
in den Dörfern und Städten des Irak durchgeführte
umfassende Befragung zu dem Ergebnis, daß vom 20. März bis
Mitte Juni mehr als 37.000 Zivilisten getötet wurden. Die
Korrektheit der Zahlen vorausgesetzt, dürfte der weitaus
größte Teil dieser Opfer während der intensiven Phase
der Kampfhandlungen vom 20. März bis Mitte April ums Leben
gekommen sein. Das US-Verteidigungsministerium lehnt eine
Veröffentlichung von Opferzahlen kategorisch ab.
Aus: "junge Welt" vom 30.10.03
http://www.jungewelt.de/2003/10-30/005.php
US-Politiker fürchten zweites Vietnam
...
Angesichts der hitziger werdenden Irak-Debatte haben amerikanische
Politiker erstmals ein bislang streng gehütetes Tabu geknackt: Sie
verglichen die Lage am Golf mit dem Vietnam-Krieg. „Ich sehe eine
Parallele, wenn ich die Informationen der Regierung den Fakten
gegenüberstelle", sagte der republikanische Senator John McCain,
ein hoch dekorierter Vietnam-Veteran. McCain kritisierte damit
Präsident Bush, der die Politik seiner Regierung auch nach der
blutigen Anschlagsserie vom Montag als Erfolg verkauft hatte: „Je mehr
Fortschritte wir am Boden erzielen, desto mehr werden diese Killer
reagieren."
Auch die Opposition verschärfte ihre Angriffe gegen Bush. So
fühlte sich der demokratische Präsidentschaftskandidat John
Kerry, ebenfalls ein Vietnam-Veteran, an die Beschwichtigungen von
Lyndon B. Johnson erinnert. Kerry stellte Bushs Logik offen in Frage:
„Glaubt der Präsident denn wirklich, dass sich
Selbstmordattentäter Sprengstoff umschnallen, weil wir den Irakern
Strom und Jobs bringen?"
Selbst Militärexperten reden mittlerweile ungeschminkt über
das frühere Tabu-Wort. „Die Überlegungen in der US-Regierung,
bei der Bekämpfung des Gegners die eigene technische
Überlegenheit auszuspielen, erinnert stark an Vietnam", unterstrich
Gebhard Schweigler vom Nation War College in Washington, einer
Elite-Universität für zukünftige Generäle. Der
ehemalige Luftwaffen-Oberst Sam Gardiner verglich die jüngsten
Anschläge zu Beginn des Fastenmonats Ramadan mit der Tet-Offensive
in Vietnam 1968. „Wie damals nutzten die ‚bad guys" einen
religiösen Feiertag, um ihre Stärke zu demonstrieren", betonte
Gardiner...
Quelle:
"Handeslblatt" vom 29.10.03
Es soll künftig mehr Strassensperren und mehr
Kontrollpunkte geben, Iraker sollen verstärkt in die
Geheimdienstarbeit der Streitkräfte vor Ort einbezogen werden:
Angesichts der zunehmenden Eskalation der Gewalt in Irak wollen die USA
ihr Vorgehen dort gründlich umstrukturieren. Ein interner Bericht
der Streitkräfte stellt deren Kompetenz dafür allerdings
deutlich in Frage.
Amerikanische
Geheimdienstspezialisten sind demnach auf ihre Arbeit in dem arabischen
Land schlecht vorbereitet, ihnen fehlen grundlegende Fähigkeiten
und Kenntnisse. Dass bisher kaum Erfolge im Kampf gegen Attentäter
verbucht werden konnte, liegt dem Bericht des Weiterbildungszentrums
des Heeres, des Center for Army Lessons Learned (CALL), jedoch nicht an
den US-Mitarbeitern allein. Ihnen fehle die nötige
Unterstützung durch Iraker vor Ort.
Mehr Informationen seien notwendig, um Anschläge von vornherein zu
verhindern, betonte US-Präsident George W. Bush am Dienstag.
Bereits seit Monaten versuchen Kommandeure in Irak auf der Suche nach
Attentätern, ihren Zugang zu Informationsquellen zu verbessern.
Dabei bauen sie vor allem auf die Mitarbeit von Irakern, die als
Einheimische mit Sprache und Kultur des Landes vertraut sind. Es werde
immer wichtiger, dass die Iraker eine aktive Rolle übernähmen
«beim Kampf der wenigen, die versuchen, die Hoffnungen so vieler
zu zerstören», sagte Bush.
Noch immer wisse man nicht, wer hinter den Anschlägen stecke, die
mittlerweile regelmässig die Hauptstadt Bagdad erschüttern,
räumten die Streitkräfte ein. Dabei sind allein 130.000
US-Soldaten in Irak stationiert, dazu kommen 22.000 weitere
Koalitionstruppen, mehr als 80.000 irakische Sicherheitskräfte
sowie Dutzende Mitarbeiter der Bundespolizei FBI.
Noch kein konkret Verdächtiger konnte bislang festgenommen werden.
Lediglich am Montag wurde ein Mann mit einem syrischen Pass
aufgegriffen. Er habe versucht, eine Autobombe in Bagdad zu zünden,
teilte ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums am Dienstag mit.
Der CALL-Bericht fällt ein vernichtendes Urteil über die
Geheimdienstspezialisten. Sie «schienen nicht auf taktische
Einsätze vorbereitet zu sein» und hätten häufig nur
geringe Kenntnisse, was ihre geheimdienstlichen Anweisungen betreffe,
und «wenige bis keine analytischen Fähigkeiten»,
heisst es in dem Bericht. Anfang Juni war eine vierköpfige
Delegation des Weiterbildungszentrums zwei Wochen lang bei Einheiten
vor Ort, vergangene Woche wurde der Bericht auf der Internetseite des
Heeres veröffentlicht.
Satelliten und Aufklärungsdrohnen behielten Bagdad zwar aus der
Luft im Auge, könnten aber nicht mit den Menschen reden und so
einzelne Attentäter aufspüren, fasste James Clapper, ein
ranghoher Mitarbeiter des militärischen Geheimdienstes, ein
weiteres Problem zusammen. CALL zufolge mangelt es vor allem an
fähigen Dolmetschern. So fehle vielen Übersetzern der
notwendige Spezialwortschatz für ihre Arbeit bei Streitkräften
und Geheimdienstlern - sie könnten gerade einmal «den
sprachlichen Unterschied zwischen burro (Esel) und burrito (ein
Gericht) erklären».
(Quelle:
ap, 20.10.03)
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Sozialistische Internationale fordert neue Weltordnung
Unilaterale
Politik der USA verurteilt
Do.30.10.03 - Die
Sozialistische Internationale (SI) hat zum Abschluss ihrer
dreitägigen Tagung in Sao Paulo am Mittwoch eine neue Weltordnung
gefordert. Zugleich verurteilte sie die unilaterale Politik der
Vereinigten Staaten.
Die von den 600 Delegierten linker Parteien aus der ganzen Welt
verabschiedete "Erklärung von Sao Paulo" setzt sich kritisch mit
der Globalisierung auseinander. Sie begünstige die reichen
Ländern und große Unternehmen zum Schaden der armen
Länder auf dem Globus. Ohne den US-Präsidenten George W. Bush
direkt beim Namen zu nennen, spricht die Erklärung "von dem Versuch
Neokonservativer, alle Formen des globalen Regierens zu beseitigen, die
Rolle der Vereinten Nationen zu minimieren, die multilateralen
Institutionen zu schwächen, den Unilateralismus und die Weihung
des Marktes zu fördern und anderen den Willen der Mächtigen
aufzuzwingen, um über die Zukunft der Menschheit zu bestimmen".
Der Unilateralismus der USA mache es schwer, die neue Weltordnung zu
etablieren, die die Sozialistische Internationale anstrebe, sagte der
Präsident der SI, Antonio Guterres, der Nachrichtenagentur AP.
"Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine neue Vision, und wir brauchen
auch heute eine neue Vision." Mit der derzeitigen US-Regierung sei ein
Dialog über diese neue Vision nur schwer zu führen, sagte
Guterres weiter. Dennoch müsse man mit den USA sprechen. Die USA
müssten in die Lösung der drängenden Probleme der Welt
einbezogen werden.
Mit einem Aufruf zur Reform der Vereinten Nationen hatte der
brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da Silva am Montag die
Tagung der Sozialistischen Internationale eröffnet. "Der einzige
Krieg, den wir führen sollten, ist der gegen Hunger und
Ungleichheit", sagte Silva. "Dieser Krieg ist es wert, ihn zu
führen." Weiter erklärte er, die Länder müssten
Handelshemmnisse wie Agrarsubventionen abbauen.
(Quelle: ap)
Zahl der Toten des Anschlags auf World Trade Center weiter
verringert
Do.30.10.03 - Die
offizielle Zahl der Toten des Terrorangriffs auf das New Yorker World
Trade Center am 11. September 2001 ist erneut nach unten korrigiert
worden. Die Behörden strichen am Mittwoch 40 Personen von der
Liste, deren Tod nicht bestätigt werden konnte. Damit steht die
offizielle Zahl der Toten nun bei 2.752. Im allgemeinen Chaos
unmittelbar nach dem Anschlag standen auf der Liste bis zu 6.700
Personen. Im Laufe der Ermittlungen der Behörden konnte die Zahl
immer weiter abgebaut werden. Seit September 2002 lag die offizielle
Zahl der Toten bei 2.792.
(Quelle: ap)
USA wollen mit EU weltweite Biometrie-Standards setzen
Do.30.10.03 - Die
USA wollen nach den Worten von Heimatschutz-Minister Tom Ridge mit der
EU weltweit einheitliche Standards für biometrische Daten in
Pässen und Visa erreichen.
Nach einem Treffen mit deutschen Iinnenminister Otto Schily (SPD) sagte
Ridge am Mittwoch in Berlin: "Wir suchen nach einem einzigen
internationalen Standard. Wenn ein gemeinsamer Standard von USA und
Europäischer Union (EU) entwickelt werden kann (...), würde
das auch zu einer starken internationalen Einigung führen." Schily
äußerte sich ähnlich und fügte zur Begründung
hinzu: "Weil wir gemeinsam der Überzeugung sind: Wenn die
verschiedenen Staaten mit unterschiedlichen Standards arbeiten, dann
wird das zu Verwirrung führen und den Reiseverkehr weltweit
erheblich erschweren." Details des geplanten Standards für die
bislang umstrittenen biometrischen Verfahren wie Fingerabdrücke und
Gesichtserkennung nannten die Minister nicht.
Mit der Verwendung biometrischer Daten soll die Einreise illegaler
Einwanderer oder von Extremisten mit möglichen Anschlagsplänen
verhindert werden. Die Informationen über Fingerabdrücke,
Merkmale des Gesichts oder der Iris können technisch in
Pässen, Visa und Aufenthaltsgenehmigungen gespeichert und beim
Grenzübertritt abgefragt werden. Strittig ist, ob mit der
Speicherung der Daten gegen Datenschutzrechte der Bürger
verstoßen wird. Die EU strebt die Verwendung von
Fingerabdrücken zunächst in Visa und Aufenthaltsgenehmigungen,
in einem zweiten Schritt auch in Pässen an. Die USA wollen ab
Januar an Flughäfen Fotos und Fingerabdrücke von Einreisenden
zur Identitätskontrolle speichern.
Ridge und Schily sprachen nach eigener Aussage auch über die
strittige Frage, welche Daten ihrer Passagiere die Fluggesellschaften
den Behörden mitteilen müssen. Einzelheiten nannten sie nicht.
Die USA wollen mit einer entsprechenden Regelung ebenfalls die Einreise
von Extremisten verhindern. Auch nachdem die USA ihren
ursprünglichen Fragenkatalog bereits reduziert haben, nannte
EU-Kommissar Frits Bolkestein die geplante US-Regelung in der
vergangenen Woche weiterhin überzogen.
(Quelle: rtr)
Schily hilft seinem Freund aus USA
Innenminister
Otto Schily verspricht dem obersten US-Heimatschützer Tom Ridge
noch mehr Anstrengungen Deutschlands im Kampf gegen den Terror.
Biometrische Daten im Pass und Austausch von Passagierlisten sollen
"so bald wie möglich" kommen
Mehr unter:
http://www.taz.de/pt/2003/10/30/a0115.nf/text
Das
deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat
vor kurzem für seine Studie BioFace die Erkennungsleistung von
vier Gesichtserkennungssystemen verglichen. Die Ergebnisse der Tests
sind insgesamt vernichtend. Die Tester stellten fest, "dass den
Systemen keine eindeutige Trennung der Matches von den Non-Matches
gelang". Die aufgezeichneten biometrischen Merkmale mancher
Testpersonen glichen sich so stark, dass die Tester von "beinah
biometrischen Zwillingen" sprechen.
Quelle:
heise-online, 29.10.03
http://www.heise.de/newsticker/data/anw-29.10.03-006/
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Nahost-Konflikt
Nach
wochenlanger Welle der Gewalt: Palästinenser und Israelis suchen
Weg zur Entspannung
Do.30.10.03 -
Palästinenser und Israelis haben am Mittwoch nach einer
wochenlangen Welle der Gewalt neue Ansätze für eine
Entspannung signalisiert. Während die israelische Armee wieder
Palästinenser aus dem Westjordanland zu Arbeitsplätzen nach
Israel lassen wollte, stimmten radikale Palästinenserorganisationen
Gesprächen mit Ministerpräsident Ahmed Kureia über eine
Waffenruhe zu.
Trotzdem gab es erneut tödliche Zwischenfälle. Israelische
Soldaten erschossen am Sperrzaun um den Gazastreifen einen
Palästinenser, wie das Armeeradio berichtete. Bei Dschenin im
Westjordanland wurde ein israelisches Ehepaar in seinem Auto
angeschossen.
Kureia sagte in Ramallah, die radikalen Gruppen Hamas und Islamischer
Dschihad hätten sein Gesprächsangebot für eine Waffenruhe
im Konflikt mit Israel begrüßt. Er werde deswegen zu
Unterredungen in den Gazastreifen fahren, sagte Kureia einen Tag
nachdem er einen Auftrag von Palästinenserpräsident Jassir
Arafat zur Bildung einer neuen Regierung angenommen hatte. Ein Berater
von Arafat äußerte sich aber skeptisch, ob der israelische
Ministerpräsident Ariel Scharon einer Waffenruhe zustimmen werde,
nachdem die USA bisher offensichtlich keinen Druck ausgeübt
hätten.
Die israelische Armee erklärte, sie wolle es 4000
palästinensischen Händlern erlauben, das Westjordanland
für Geschäfte zu verlassen. Etwa 1500 Arbeiter sollten wieder
Tätigkeiten in einem Industriegebiet nördlich von Jerusalem
aufnehmen können. Zudem sollte der öffentliche Nahverkehr
zwischen Städten im Westjordanland wieder erlaubt werden. Israel
hatte nach dem Selbstmordanschlag einer Palästinenserin in einem
Restaurant in Haifa am 4. Oktober scharfe Reisebeschränkungen
für das Westjordanland erlassen, die in der Erntezeit
zusätzliche Folgen für palästinensische Landwirte hatten.
Die in Israel regierende Likud-Partei von Ministerpräsident Ariel
Scharon hat sich bei den Kommunalwahlen behauptet. Nach am Mittwoch
veröffentlichten Ergebnissen blieb ein erwarteter Dämpfer bei
den Wahlen vom Dienstag aus. Die Beteiligung war mit 41 Prozent aber auf
einem historischen Tiefststand. "Insgesamt hat der Likud seine Macht
überzeugend erhalten und große Fortschritte erreicht",
erklärte Scharon. Die oppositionelle Arbeitspartei wird jedoch
weiter die Bürgermeister in Tel Aviv und in der
südisraelischen Stadt Berscheba stellen. In Jerusalem und Haifa war
nicht gewählt worden. Zeitungskommentatoren erklärten das
Wahlergebnis wegen der niedrigen Beteiligung zu einem "Sieg der
Apathie".
(Quelle: dpa)
Zehntausende von Frauen in Kongo Opfer von sexueller Gewalt
Do.30.10.03 -
Zehntausende von Frauen sind im kongolesischen Bürgerkrieg Opfer
von sexueller Gewalt geworden. Der jetzt nach fünf Jahren mit der
Bildung einer Übergangsregierung beendete Krieg habe vor allem
für Frauen schwerste Konsequenzen gehabt, sagte die UN-Beraterin
für Frauenfragen, Amy Smythe, am Mittwoch auf einer Konferenz der
Vereinten Nationen in New York. Anlass war der dritte Jahrestag einer
UN-Resolution, in der eine stärkere Einbeziehung von Frauen in
Friedensverhandlungen gefordert wurde. Der für Friedensmissionen
zuständige stellvertretende UN-Generalsekretär Jean-Marie
Guehenno rief die Mitgliedsstaaten dazu auf, bei der Bereitstellung von
Kontingenten für Friedenstruppen mehr als bisher auch Frauen zu
berücksichtigen. Bislang gebe es unter den mit Polizeiaufgaben
betrauten UN-Kräften nur einen Frauenanteil von vier Prozent.
(Quelle: ap)
Streit um deutsches Massaker in Afrika vor 100 Jahren kocht
hoch
Do.30.10.03 - Die
Gespenster der Vergangenheit sind hartnäckig: Rechtzeitig zum
Jahrestag des Massakers im früheren Deutsch-Südwestafrika, dem
heutigen Namibia, an Hereros und Namas vor fast 100 Jahren, kommen die
Forderungen nach deutschen Entschädigungen wieder hoch.
Außenminister Joschka Fischer, der dem Land am Mittwoch einen
Besuch abstattete, bekannte sich zur Verantwortung Deutschlands für
seine Kolonialgeschichte. Zu "Geiseln der Geschichte" werde man aber
nicht.
Die gebürtige Namibierin Erika von Weitersheim zeigte im Hinblick
auf die 2004 geplanten Erinnerungsveranstaltungen unter dem Motto
"Getrennte Vergangenheit - gemeinsame Zukunft" einen neuen Weg auf. Er
wird auch von der Deutschen Evangelischen-Lutherischen Kirche (DELK) in
Namibia unterstützt: Erstmals sollen alle Opfergruppen gemeinsam
des Kolonialkrieges gedenken, dem nach Schätzungen bis zu 70.000
oder gar 80.000 Hereros und Namas zum Opfer fielen.
Bisher gab es, wenn überhaupt, nach Gruppen getrennte Feiern, oft
ohne, dass man voneinander wusste. Koordinator des neuen Ansatzes ist
der DELK-Bischof Reinhard Keding. Er sagt: "Die Regierung Namibias
sandte Signale aus, dass sie sich auch beteiligen will."
Der Aufstand gegen die deutschen Kolonialherren begann im Januar 1904.
Das Massaker am Waterberg dauerte vom 10. bis 12. August 1904. Die
Schutztruppe vertrieb die unterlegenen Hereros in die wasserlose
Kalahari, wo sie elend verdursteten. Auch der Befehl des
Schutztruppen-Kommandeurs von Throta, "keine Gefangenen" zu machen, wird
als Beleg für die Absicht herangezogen, die Hereros zu vernichten.
Den Namas erging es nicht viel besser, obwohl sie mit überlegener
Guerillataktik die Deutschen fast drei Jahre in Schach halten konnten.
Das damalige Blutbad sorgte seinerzeit sogar für
Entrüstungsstürme im Berliner Reichstag.
Kaiser Wilhelm II. ließ zu seinem Geburtstag am 27. Januar 1912
mitten in der Hauptstadt Windhuk das Bronzedenkmal "Der Reiter"
errichten, um der 1.700 getöteten deutschen Soldaten zu gedenken.
Und heute, 13 Jahre nach der Unabhängigkeit Namibias, gehört
der Großteil des damals von den Hereros beschlagnahmten Landes
weiterhin deutschen oder weißen Farmern.
Der Herero-Vertreter Rudolph Honzonge will zwar keine Sonderrechte
für sein Volk. Aber er will dennoch Entschädigungen: "Die
Bundesregierung sollte handeln, bevor der Topf überkocht," sagte
er. Es müsse eine "wirtschaftliche Wiederaussöhnung" geben. Ob
er damit Geld meine, wurde er gefragt: "Ein großes Ja!"
antwortete er.
Der Sekretär des Häuptlingsrats des Volkes der Damara, Moses
!Omeb, hob einen anderen Aspekt hervor: Bisher kenne man die eigene
Geschichte nur aus Aufzeichnungen von anderer Seite. Die Ureinwohner
müssten selbst in die Lage versetzt werden, ihre eigene Geschichte
zu erforschen. Auch das sollte Ergebnis von Entschädigungen sein,
sagte !Omeb.
Die "tragischen Teile" der gemeinsamen Geschichte dürfen nach den
Worten Fischers nicht vergessen und nicht verdrängt werden.
Deutschland stehe zu seiner besonderen Verantwortung für Namibia,
zu der sich der Bundestag 1989 bekannte. Deutschland, weltweit
größter Geber in Namibia, unterstützt auch die
anstehende weitere Landreform technisch und juristisch, damit es nicht
zu einem "Desaster wie in Simbabwe" kommt.
["Zunehmende Unterdrückung in Simbabwe": http://home.t-online.de/home/boa-archiv1/k0310260.htm#03102606]
Das südliche Afrika muss nach den Worten Fischers zum
Stabilitätsanker für den gesamten von Krisen
geschüttelten Kontinent werden. Afrika bleibt daher bis auf
weiteres im deutschen Blickfeld: Im Januar wird Bundeskanzler Gerhard
Schröder und im März Bundespräsident Johannes Rau
erwartet. Namibia gehört jedoch nicht zu den Reisezielen.
(Quelle: ap)
Über 450 Flüchtlingeaus Afrika in Italien
aufgegriffen
Do.30.10.03 - Auf
der Mittelmeerinsel Lampedusa vor Tunesien haben die italienischen
Behörden erneut mehrere hundert Flüchtlinge aufgegriffen. Im
Laufe von 24 Stunden hätten mehr als 450 Menschen versucht,
heimlich an Land zu gehen, teilte die italienische Armee mit. Die
meisten von ihnen stammten aus afrikanischen Staaten, rund 50 Frauen und
ein gutes Dutzend Kinder kämen aus Somalia und Eritrea. Am Morgen
sei 25 Kilometer vor der Küste ein weiteres Flüchtlingsboot
gesichtet worden.
Eine erste Gruppe von 172 Flüchtlingen aus Ostafrika sei am
Dienstagnachmittag an Land gegangen, teilte die Armee weiter mit. Die
Menschen seien auf einem zwölf Meter langen Boot zusammengepfercht
gewesen. In der Nacht zum Mittwoch habe die Küstenwache weitere 125
Menschen aufgegriffen, vor allem Männer aus mehreren afrikanischen
Staaten. Neun von ihnen, bei denen es sich um mutmaßliche
Schlepper handelte, seien der Polizei übergeben worden. Eine
dritte Gruppe von mehr als 150 Flüchtlingen verschiedener
Nationalitäten sei von der Polizei direkt am Strand entdeckt
worden.
Von Tunesien und Libyen aus starten immer wieder Boote mit
afrikanischen Flüchtlingen in Richtung Italien. Bei ihren
verzweifelten Versuchen, über italienische Mittelmeerinseln in die
EU zu kommen, sterben immer wieder Menschen beim Untergang von Booten
oder an Erschöpfung.
(Quelle: afp)
Blick ins Archiv
Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer
Möglicherweise
mehr als 80 Tote bei Überfahrt eines Flüchtlingsbootes von
Afrika nach Italien +++ Italiens Innenminister: 'Schreckliche
Tragödie, die auf dem Gewissen Europas lastet'
Mi.22.10.03
- Bei einem Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer zwischen Afrika
und Italien sind möglicherweise mehr als 80 Menschen ums Leben
gekommen. Die italienische Küstenwache entdeckte an Bord eines
Flüchtlingsbootes die Leichen von 13 Afrikanern. Sie seien bei der
Überfahrt an den Folgen von Hunger, Wassermangel und Kälte
gestorben...
Mehr
unter:
http://home.t-online.de/home/boa-archiv1/k0310220.htm#03102205
|
EU-Kommission will Rechte der Bürger in Umweltpolitik
stärken
Do.30.10.03 - Bei
umweltpolitischen Entscheidungen sollen die Europäer nach dem
Willen der Brüsseler Kommission stärkere Rechte erhalten. Die
EU-Kommission legte am Dienstag in Brüssel ein Gesetzespaket vor,
das den Bürgern und Organisationen unter anderem den Zugang zu
Umweltinformationen aller EU-Organe und -Gremien rechtlich garantieren
soll. Auch die Beteilungsrechte an umweltpolitischen Entscheidungen
sowie die Anrufung von Gerichten bei Umweltkonflikten soll damit
verbessert werden.
Die Bürger hätten Anspruch, Auskunft über den Zustand
der Umwelt zu erhalten, erklärte die zuständige Kommissarin
Margot Wallström. Auch hätten sie ein Recht, sich an
Entscheidungen zu beteiligen, die Folgen für ihre Gesundheit und
Lebensqualität haben. Eine gut informierte und aktive
Öffentlichkeit bedeute wirksamere Umweltvorschriften und eine
bessere Durchsetzung der Vorschriften.
Hintergrund des Kommissionsvorschlages ist das Übereinkommen von
Arhus von 1998. Mit diesem internationalen Abkommen sind grundlegende
Regeln zur Förderung der Bürgerbeteiligung in
Umweltangelegenheiten festgelegt. Erst fünf der 15 EU-Staaten haben
das Abkommen ratifiziert.
(Quelle: epd)
Geteiltes Echo auf EU-Vorschläge zur Chemiepolitik
Entwurf
für strengeres EU-Chemikalienrecht stößt auf heftige
Kritik der Wirtschaft +++ Grünen-Umweltpolitikerin Hiltrud Breye:
Kommission ist vor den Interessen der Industrie eingeknickt
Do.30.10.03 - Der
von der EU-Kommission beschlossene Entwurf für ein strengeres
EU-Chemikalienrecht ist bei der Wirtschaft auf heftige Kritik, bei der
Bundesregierung dagegen auf ein vorsichtig positives Echo gestoßen.
Regierungssprecher Bela Anda begrüßte am Mittwoch in Berlin,
dass wesentliche Bedenken, die Deutschland gemeinsam mit Frankreich und
Großbritannien geäußert hatte, offenbar aufgenommen
worden seien. Vertreter der deutschen Industrie kritisierten die
EU-Pläne jedoch als Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit
Deutschlands. Umweltkommissarin Margot Wallström und
Industriekommissar Erkki Liikanen verteidigten ihre Pläne als
ausgewogenen Kompromiss zwischen Umwelt- und Gesundheitsschutz sowie
wirtschaftlichen Interessen.
Die Pläne der Europäischen Union (EU) sehen eine
nachträgliche Registrierung Tausender Chemikalien vor, die bereits
auf dem Markt sind. Zugleich hebt der Vorschlag die Schwelle für
die Registrierung neu entwickelter Chemikalien an, die erst bei
größeren Produktionsmengen als derzeit getestet und
registriert werden müssten. Die Behörde erwartet direkte
Kosten für die Industrie von bis zu 5,2 Milliarden Euro in den
kommenden zehn Jahren.
Wallström sagte, die Pläne sollten für einen besseren
Gesundheitsschutz vor unerwünschten Nebenwirkungen von Chemikalien
sorgen, die zu Allergien und schweren Krebserkrankungen führten.
Die Industrie hat eine frühere Version der Vorschläge
für eine Registrierung Tausender Chemikalien als zu teuer und
innovationsfeindlich kritisiert. Deutschland, Frankreich und
Großbritannien hatten daher gemeinsam dagegen protestiert.
Daraufhin waren die Vorschläge abgemildert worden.
Regierungssprecher Anda erklärte, der Bundesregierung liege der
verabschiedete Entwurf zwar noch nicht vor, doch gehe sie davon aus,
dass wesentliche deutsche Bedenken berücksichtigt worden seien. In
deutschen Regierungskreisen waren die neuen Vorschläge als besser
als der Ursprungsentwurf, aber immer noch nicht ausreichend bezeichnet
worden. Umweltstaatssekretär Rainer Baake sagte, es sei Zeit zu
handeln. Im ZDF bekräftigte Baake nach Angaben des Senders aber
auch die unterschiedlichen Auffassungen zwischen der Bundesregierung und
der EU-Kommission.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) kritisierte, die
Kommission habe ein kompliziertes Regelungspaket vorgelegt, das die
Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie stark
einschränke. Zudem sei das vorgeschlagene Registrierverfahren zu
teuer. Die Chemikalienpolitik drohe zur Wachstums- und Innovationsbremse
werden. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) forderte
Korrekturen. Gerade viele Firmen des Mittelstands würden massiv
belastet.
Massive Lobby-Anstrengungen der Industrie sowohl bei den Regierungen
als auch im Parlament könnten das Gesetzgebungsverfahren in die
Länge ziehen. Die Staats- und Regierungschefs der EU hatten bereits
ein Zeichen ihrer Prioritäten gesetzt, indem sie die
endgültige Entscheidung im Rat den Wirtschafts- statt den
Umweltministern übertrugen. Im Europa-Parlament wird der Vorschlag
allerdings wahrscheinlich federführend vom Umweltausschuss beraten
werden.
Die Grünen-Umweltpolitikerin Hiltrud Breyer warf der Kommission
vor, vor den Interessen der Industrie eingeknickt zu sein. Die CDU
kritisierte dagegen, die Kommission plane einen bürokratischen
Datenfriedhof. "Statt weniger Bürokratie soll nun eine gigantische
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Tester und Kontrolleure
entstehen", erklärte der umweltpolitische Sprecher der
EVP-Fraktion, Karl-Heinz Florenz (CDU).
(Quelle: ap)
«Interessen einer Branche haben gesiegt»
Edda
Müller, Deutschlands oberste Verbraucherschützerin, wirft
Rot-Grün vor, dem Druck der Chemieindustrie nachgegeben zu haben.
Jetzt müsse Renate Künast aktiv werden, die
EU-Chemikalienrichtlinie könne noch verbessert werden..
Mehr in der heutigen Ausgabe der "tageszeitung" (30.10.03):
http://www.taz.de/pt/2003/10/30/a0180.nf/text
Blick ins Archiv
EU
will geplante Chemie-Richtlinie angeblich entschärfen
Mi.08.10.03
- Die finanzielle Belastung der Unternehmen bei dem von der
EU-Kommission geplanten Registrierungs- und Zulassungssystem für
chemische Stoffe wird einem Zeitungsbericht zufolge wesentlich geringer
ausfallen als ursprünglich geplant.
Die Kosten der Richtlinien lägen jetzt am unteren Rand der
ursprünglichen Spanne, beziehungsweise könnten diese sogar
unterschreiten, sagte EU-Industriekommissar Erkki Liikanen ...
Mehr
unter
http://home.t-online.de/home/boa-archiv1/k0310080.htm#03100805
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Deutschland und Frankreich hemmen Aufschwung
Währungskommissar
Solbes macht vor allem Unsicherheiten wegen des Irak-Krieges für
schwache Wirtschaftsentwicklung verantwortlich. Die Krise in der
Bundesrepublik ist laut Solbes durch die deutsche Wiedervereinigung
mitverursacht
Do.30.10.03 -
Deutschland und Frankreich bremsen den Aufschwung in der Eurozone. Die
beiden größten Volkswirtschaften der EU werden 2004 nicht in
vollem Umfang von der Erholung profitieren. Das sagte die EU-Kommission
in Brüssel in ihrem Herbstgutachten voraus. Sollte die
Bundesregierung ihre Politik nicht ändern, wäre Deutschland
2005 sogar das Schlusslich beim Wachstum in der Eurozone.
Damit beide Volkswirtschaften ihre volle Leistungsfähigkeit
ausschöpfen könnten, müssten Berlin und Paris konsequent
die Reformen der Sozialsysteme abschließen. Die Kommission
hält auch für 2005 - dann zum vierten Mal in Folge - einen
Verstoß Deutschlands und Frankreichs gegen den
Stabilitätspakt für möglich.
Währungskommissar Pedro Solbes mahnte die EU-Staaten, angesichts
der weltweit anziehenden Konjunktur nicht die Chance zu verspielen, ihre
Volkswirtschaften dauerhaft auf Stärke zu trimmen. Solbes erwartet
für die Eurozone 2004 und 2005 ein Wachstum von 1,8 Prozent
beziehungsweise 2,3 Prozent.
"Diese Prognose zeigt deutlich, dass (...) Europas Wachstumspotenzial
gering bleibt und mehr Strukturreformen nötig sind", sagte Solbes.
"Unsere größte Herausforderung in diesem Aufschwung wird
sein, unser Wachstumspotenzial zu vergrößern." Für die
USA geht das Gutachten 2004 von 3,8 Prozent Wachstum aus.
Das Jahr 2003 hat die Kommission abgeschrieben. Sie erwartet nur noch
ein Plus von 0,4 Prozent, nachdem sie im Frühjahrsgutachten noch 1
Prozent Wachstum geschätzt hatte. Solbes machte vor allem die
Unsicherheiten wegen des Irak-Krieges für die schwache Entwicklung
verantwortlich.
Solbes gestand der Bundesregierung zu, weiter mit den wirtschaftlichen
Folgen der deutschen Vereinigung kämpfen zu müssen. Die
deutsche Wirtschaft wächst nach den Berechnungen 2004 um 1,6
Prozent und 2005 um 1,8 Prozent, sollte sich die derzeitigen politischen
Rahmenbedingungen nicht ändern. Die bis 2005 weiter steigende
Arbeitslosigkeit dämpfe den Konsum und die angespannte
Haushaltslage bremse staatliche Investitionen, heißt es in dem
Gutachten. Nach dreijähriger Stagnation mit geringen Investitionen
der Unternehmen fehle es der deutschen Wirtschaft nun an
Kapazitäten, um voll vom Aufschwung zu profitieren.
Zudem ist die Kommission noch nicht davon überzeugt, dass die sich
abzeichnende günstigere Stimmung von Dauer ist. "Es kann nicht
ausgeschlossen werden, dass - wie 2002 - die Verbesserung des
Geschäftsklimas nur eine Erwartungsblase ist, der keine wirkliche
Verbesserung der Situation folgt." Etwas besser sieht die Kommission die
wirtschaftliche Entwicklung in Frankreich. Für 2004 wird eine
Wachstumsrate von 1,7 Prozent und für 2005 von 2,3 Prozent
angenommen. Risiken seien im kommenden Jahr eine gedämpfte
Inlandsnachfrage angesichts der hohen Arbeitslosigkeit.
Die Kommission sieht die öffentliche Verschuldung in Deutschland
und Frankreich unverändert düster. Solbes ist aber auch
über die Entwicklung in Italien und Portugal besorgt. Die beiden
Staaten werden nach den Schätzungen 2004 und 2005 sehr nah an die
im Stabilitätspakt erlaubte Defizitgrenze von 3 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) herankommen oder sie übertreffen. Der
Kommissar wies erneut alle Forderungen zurück, den
Stabilitätspakt aufzuweichen.
Deutschland wird nach den Berechnungen 2004 ein Defizit von 3,9 Prozent
und 2005 möglicherweise von 3,4 Prozent haben. Für dieses Jahr
geht die Kommission von 4,2 Prozent aus. Selbst wenn die
Bundesregierung ihre Reformen durchbrächte, sieht die Behörde
für 2004 ein Etatdefizit von 3,25 Prozent. Frankreich steht nach
den Schätzungen nicht besser da. Für 2003 lautet die
Defizitprognose 4,2 Prozent. Für 2004 und 2005 geht die Kommission
von 3,8 beziehungsweise 3,6 Prozent aus.
(Quelle: dpa)
Deutscher Streit um vorgezogene Steuersenkungen
Arbeitgeber
machen Druck auf die Unionsspitze, die Steuersenkungen im Bundesrat zu
billigen
Do.30.10.03 - Im
Streit um die vorgezogene Steuerreform wächst der Druck auf die
Skeptiker in der Union, dem Projekt im Bundesrat zuzustimmen.
Arbeitgeberpräsident Hundt und mehrere Unternehmenschefs warnten
die Union vor einer Blockade. Laut Süddeutscher Zeitung von gestern
ist die Wirtschaft bereits fest darauf eingestellt, dass es zum
Vorziehen der Steuerreform kommt. Auch innerhalb der Union nahm die
Kritik an denjenigen zu, die eine vorgezogene Steuerreform ablehnen.
Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) sprach
gestern in der Bild-Zeitung von Bedenkenträgern und Zauderern. Die
Mittelstandsvereinigung von CDU und CSU rief ebenfalls zur Zustimmung
auf.
(Quelle: taz/afp)
Bund gibt 2003 fast 38 Milliarden Euro für Zinsen aus
Do.30.10.03 - Der
Bund muss wegen der Rekordneuverschuldung dieses Jahr 37,9 Milliarden
Euro für Zinsen ausgeben. Diesen Betrag veröffentlichte das
Finanzministerium am Mittwoch anlässlich der Verabschiedung des
Nachtragshaushaltes im Kabinett. Die Regierung ermächtigte
Finanzminister Hans Eichel, 2003 Kredite über 43,4 Milliarden Euro
aufzunehmen - der höchste Wert in der Geschichte der
Bundesrepublik. Ursprünglich sollte die Neuverschuldung 18,9
Milliarden betragen.
Eichel machte für die Entwicklung riesige Steuerausfälle und
Ausgaben zur Bewältigung der Massenarbeitslosigkeit verantwortlich.
Der bisherige Spitzenwert bei der Neuverschuldung wurde mit 40
Milliarden Euro 1996 unter Finanzminister Theo Waigel (CSU) erzielt.
Formal ist der Haushalt 2003 verfassungswidrig, weil die
Neuverschuldung weit über den Investitionen liegt, die 26,7
Milliarden Euro betragen. Um den Nachtragshaushalt dennoch durch den
Bundestag zu bekommen, erklärte die Regierung die Störung des
gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts. Die Ausgaben des Bundes klettern
auf 260,2 Milliarden Euro. Geplant waren 248,2 Milliarden Euro.
(Quelle: ap)
Angst der Deutschen vor dem finanziellen Abstieg nimmt zu
Wachsende
Bereitschaft zur Eigenvorsorge
Do.30.10.03 -
Immer mehr Deutsche sorgen sich nach einer Umfrage des Deutschen
Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) um ihre finanzielle Lage.
"Fast ein Drittel der Befragten erwartet eine Verschlechterung der
eigenen wirtschaftlichen Situation", sagte DSGV-Präsident Dietrich
Hoppenstedt bei der Vorstellung der Umfrage am Mittwoch in Berlin. Nur
18 Prozent rechneten mit einer Verbesserung. Noch vor zwei Jahren
hätten 29 Prozent der Befragten mit einer Verbesserung und 18
Prozent mit einer Verschlechterung ihrer Lage gerechnet. Ihre aktuelle
finanzielle Situation beurteilen der Studie zufolge etwa 40 Prozent als
gut oder sehr gut. 15 Prozent gaben dagegen an, dass ihre Lage schlecht
oder sehr schlecht einzuschätzen sei. Weitere 43 Prozent der
Befragten kommen mit ihren Einkommen zurecht. Die Angst vor dem Abstieg
sei weit verbreitet und reiche tief in die Mitte der Gesellschaft
herein, sagte Hoppenstedt. Aus diesem Grund steige auch die Sparquote.
Generell wächst nach DSGV-Angaben die Bereitschaft zu mehr
Eigenvorsorge. Drei viertel der Bevölkerung habe Lebensrisiken
bereits privat abgesichert. Bei den 30- bis 39-jährigen sei die
Sparneigung am weitesten verbreitet. 87 Prozent der Angehörigen
dieser Altersgruppe legten für später etwas beiseite. Bei der
Kranken-, Renten und Pflegeversicherung ist der Umfrage zufolge eine
Mehrheit der Deutschen für eine zunehmende Eigenvorsorge. Bei der
Arbeitslosenversicherung seien dagegen nur 42 Prozent für ein
größere Eigenvorsorge. Der Rente mit 67 geben die Befragten
keine Chance. 86 Prozent hielten das spätere Eintrittsalter
für unrealistisch oder nicht notwendig.
(Quelle: rtr)
Justizministerin stellt Konsens bei Embryo-Forschung in Frage
Zypries: Recht
auf Leben muss abgewogen werden - Künstlich befruchtete Eizellen
verfügen nicht über Menschenwürde im Sinne des
Grundgesetzes +++ Stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion,
Maria Böhmer: Damit werden Embryonen "vom Menschen zu Material"
Do.30.10.03 -
Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) hat knapp anderthalb
Jahre nach der Grundsatzentscheidung des Bundestages zur Forschung mit
Zellen künstlicher erzeugter Embryos den Konsens in Frage gestellt.
Sie frage sich, ob die im so genannten Stammzellgesetz festgelegten
Regeln für die aktuelle Grundlagenforschung noch ausreichend seien,
hieß es in einem am Mittwoch veröffentlichten Text für
eine Rede, die Zypries am Nachmittag in der Berliner
Humboldt-Universität hielt. Sie verwies darauf, dass das
Stammzellgesetz Möglichkeiten eröffne, die Forscher nutzen
sollten. "Regierung und Gesetzgeber werden dann zu prüfen haben, ob
eine Lockerung des Stammzellgesetzes erforderlich ist", sagte sie. Bei
Opposition und Koalition stieß der Vorstoß auf Kritik.
Im April 2002 hatte der Bundestag das Stammzellgesetz verabschiedet,
mit dem die Einfuhr embryonaler Stammzellen unter Auflagen zugelassen
wurde. Demnach dürfen zu Forschungszwecken nur Stammzellen aus
Zellkulturen eingeführt werden, die vor dem 1. Januar 2002
existiert haben. Verwendet werden dürfen nur Stammzellen, die aus
künstlich erzeugten Embryos gewonnen werden, die ursprünglich
für eine Schwangerschaft gedacht waren.
Grundlage für das Gesetz war eine Grundsatzentscheidung des
Bundestages vom Januar 2002. Damals hatte das Parlament nach
mehrstündiger, mit großem Ernst geführter Debatte
beschlossen, dass embryonale Stammzellen nur unter strengen Auflagen
importiert werden dürfen. Das Verbot der Herstellung dieser Zellen
in Deutschland blieb bestehen. Gegner der Stammzellforschung
befürchten, dass mit ihr eine Auswahl menschlichen Lebens
vorbereitet wird. Die Befürworter weisen darauf hin, dass die
Forschung zur Abwehr lebensbedrohender Erkrankungen nötig ist.
In ihrer Rede ging Zypries von dem Grundsatz aus, dass die im
Grundgesetz verankerte Würde des Menschen über dem Recht auf
Leben steht. Sie kam dann zu dem Schluss, dass künstlich
befruchtete Eizellen, die in Labors gezüchtet würden, noch
nicht über Menschenwürde im Sinne des Grundgesetzes
verfügen, sondern nur die Perspektive haben, diese zu entwickeln.
"Die lediglich abstrakte Möglichkeit, sich in diesem Sinne weiter
zu entwickeln, reicht meines Erachtens für die Zuerkennung von
Menschenwürde nicht aus." Weiter sagte Zypries: "Das Recht auf
Leben lässt also einen Spielraum für Abwägungen mit den
Grundrechten der Eltern und der Forscher." Einen sofortigen
Regelungsbedarf sah Zypries nicht. "Im Moment haben wir ein
Stammzellgesetz, was meiner Meinung nach ausreichend ist", sagte sie
Reuters-TV vor Beginn ihrer Rede.
Die Sprecherin des Justizministeriums sagte zur Menschenwürde,
diese gelte, wenn die Zelle sich "eigenständig, natürlich
entwickeln kann zum Embryo, der dann zu einem Menschen wird." Der
Vorsitzende der Enquete-Kommission des Bundestages "Ethik und Recht der
modernen Medizin", Rene Röspel (SPD), wies diese Auslegung
zurück: "Für mich trägt dieses Argument der
eigenständigen Entwicklung nicht." Es sei nicht begrenzbar, ab wann
sich ein Mensch eigenständig entwickeln könne. Für ihn
beginne die Würde des Menschen mit der Verschmelzung von Ei- und
Samenzelle. Der stellvertretende Grünen-Fraktionschef Reinhard
Loske sagte: "Das Stammzellgesetz ist ein gutes Gesetz und keineswegs
novellierungsbedürftig." Die Regierung sollte die Rechtslage und
den Willen des Parlaments endlich akzeptieren.
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte bereits früher
gesagt, er befürchte, die Chancen der Biotechnologie könnten
wegen der geltenden Gesetze nicht genutzt werden. Regierungssprecher
Bela Anda sagte am Mittwoch, aus Sicht Schröders sollte der
Bundestag darüber diskutieren, ob die Grenzen für die
Forschung richtig gesetzt worden seien.
Die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Maria Böhmer
(CDU), sagte, im Reagenzglas gezeugten Embryonen die Menschenwürde
abzusprechen, sei nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Böhmer
kritisierte, damit würden Embryonen "vom Menschen zu Material".
Dies sei weder mit dem Grundgesetz noch dem Embryonenschutzgesetz
vereinbar. Auch die Grünen-Politikerinnen Katrin
Göring-Eckardt und Christa Nickels meldeten im Berliner
"Tagesspiegel" (Donnerstagausgabe) Bedenken an. Ebenso trat die Deutsche
Bischofskonferenz der Auffassung von Zypries entgegen. Die
Menschenwürde müsse zu jedem Zeitpunkt menschlichen Lebens
anerkannt werden, hieß es.
Der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, Thomas
Rachel (CDU), erklärte, Deutschland stehe am Scheideweg einer
verheerenden Biopolitik, die bereit sei, willkürlich über
menschliches Leben zu verfügen. Das Gesundheitsministerium in
Bayern teilte mit, die Menschenwürde auch für Embryos
außerhalb des Mutterleibes stehe nicht zur Verfügung. Die
Katholische Kirche erklärte, es bestehe die Gefahr einer Absenkung
der Schutzstandards in der Bio- und Gentechnik. Die Menschenwürde
müsse zu jedem Zeitpunkt menschlichen Lebens gelten.
In ihrer Rede sprach sich Zypries auch dafür aus, das Verbot der
Präimplantationsdiagnostik (PID) zu erhalten. Die Entscheidung,
welches menschliche Leben sich fortentwickeln dürfe, habe man sich
aus guten Gründen nicht zugetraut. Skeptisch äußerte sie
sich auch zum so genannten therapeutischen Klonen. Damit setzte sie
sich von der Linie des Kanzlers ab. "Der Bundeskanzler hat immer
deutlich gemacht, dass er therapeutisches Klonen unter bestimmten
Voraussetzungen für ethisch vertretbar hält", sagte Anda. Neue
Regeln strebt Zypries bei anonymen Samenspenden an. Nach ihrer Meinung
muss ein damit gezeugtes Kind die Möglichkeit haben, die eigene
Abstammung kennen zu lernen. Allerdings sollten die Samenspender nicht
den gesetzlichen Vaterpflichten unterliegen.
(Quellen: rtr,
ap)
«Die Beweislast hat der Embryo»
Süddeutsche
Zeitung: "Justizministerin Brigitte
Zypries hat gesagt, die Menschenwürde sei schützenswert, man
müsse aber diskutieren, wo sie beginne. So genannte
überzählige, im Reagenzglas gezeugte Embryonen,
besäßen deshalb keinen vollen Lebensschutz, weshalb man mit
embryonalen Stammzellen forschen Könne. Ein nachvollziehbares
Argument?"
Ethik-Professor Dietmar Mieth: "Nein. Denn die Justizministerin kehrt
gewissermaßen die Beweislast um: Wenn man dem Embryo
Menschenwürde von Anfang an zuspricht, dann muss die Forschung
beweisen, warum sie einen Embryo zu Forschungszwecken töten darf -
da sind die Hürden sehr hoch. Wenn aber Forschungsfreiheit und das
Lebensrecht des Embryos zwei gleichrangige Rechte sind, dann muss
irgendwann der Embryo beweisen, warum er nicht getötet werden soll
- und dann wird es problematisch."
(Aus: Süddeutsche Zeitung vom 30.10.03)
Mieth ist Ethik-Professor an der katholisch-theologischen Fakultät
der Universität Tübingen. Er ist unter anderem Mitglied der
Enquete-Kommission "Ethik und Recht der modernen Medizin" des Deutschen
Bundestags.
Gesetz
zur Sicherstellung des Embryonenschutzes im Zusammenhang mit Einfuhr
und Verwendung menschlicher embryonaler Stammzellen (Stammzellgesetz -
StZG)
http://212.87.35.103/gesetze/Gesetzestexte_pdf/Stammzellgesetz.pdf
Das
Embryonen-Schutzgesetz:
http://www.bba.de/gentech/eschg.htm
Die
Bioethik-Konvention des Europarats:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/zme/Europarat.htm#dt
Blick ins Archiv
Hintergrund:
Deutsche Forscher und Embryonale Stammzellen
Mit
Stammzellen vom Menschen wollen Mediziner in Zukunft schwere
Krankheiten heilen und die Funktion verschlissener Organe
wiederherstellen. Embryonale Stammzellen sind noch nicht auf eine
bestimmte Funktion spezialisiert. Sie werden vor allem aus Embryonen
gewonnen, die bei einer künstlichen Befruchtung entstehen und nicht
mehr für eine Schwangerschaft benötigt werden.
In Deutschland dürfen Wissenschaftler zwar keine Stammzellen aus
menschlichen Embryonen gewinnen, wohl aber in Ausnahmefällen
für «hochrangige Forschungsziele» importieren. Das
entsprechende Gesetz (Stammzellgesetz) wurde am 25. April 2002 im
Bundestag verabschiedet. Demnach dürfen nur vor dem 1. Januar 2002
durch künstliche Befruchtung gewonnene und in Labors in Kulturen
gelagerte Stammzellen importiert werden. Damit wollte der Bundestag
sicherstellen, dass keine weiteren Embryonen eigens für die
Forschung in Deutschland zerstört werden...
Mehr
unter:
http://home.t-online.de/home/boa-archiv1/k0307100.htm#030710_k
Angeheizte Debatte:
Justizministerin
Däubler-Gmelin bezweifelt Nutzen der Stammzellenforschung
Argumente
für die Forschung mit embryonalen Stammzellen seien wenig
überzeugend, so Däubler-Gmelin in einem Interview.
Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) heizte die
Gentechnikdebatte mit Äußerungen an, wonach ein Importverbot
für embryonale Stammzellen gegen das Grundrecht der
Forschungsfreiheit verstoße.
Mo.11.06.01 - In der Diskussion über die Gentechnik hat sich jetzt
auch Justizministerin Däubler-Gmelin zu Wort gemeldet. In einem
Interview sagte Däubler-Gmelin, die Argumente für die
Forschung mit embryonalen Stammzellen seien wenig überzeugend.
Ihrer Ansicht nach wird die Notwendigkeit dieser Forschungsmethode
nicht klar begründet. Zugleich kündigte sie an, führende
Verfassungsrechtler in ihr Ministerium einzuladen. Mit ihnen will sie
klären, ob die so genannte Präimplantations-Diagnostik mit
dem Grundgesetz vereinbar ist. Bei dieser Methode werden künstlich
befruchtete Eizellen auf genetische Schäden untersucht, bevor sie
in den Mutterleib eingepflanzt werden.
Däubler-Gmelin hatte in den vergangenen Wochen mehrmals deutlich
gemacht, dass ihrer Ansicht nach das Bundesverfassungsgericht den
Beginn menschlichen Lebens mit der Verschmelzung von Samenzelle und Ei
festgelegt habe. Dadurch würden sowohl die PID wie auch eine
Forschung an embryonalen Stammzellen (ES) ausgeschlossen....
Mehr
unter:
http://home.t-online.de/home/boa-muenchen/n0106110.htm##0106110
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mehr Kurznachrichten...
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