Aktuelle Nachrichten
Irak am zweihundertundsechzigsten Tag nach Kriegsbeginn
Iraker werfen US-Truppen exzessive Gewalt vor +++ Blair: Sicherheitslage in Irak ist 'extrem
schwierig'. Erneut britische Beteiligung an der Invasion in Irak
verteidigt +++ USA wollen paramilitärische Truppe in Irak bilden
+++ Nach dem Anschlag im südirakischen Nassiriya bitten immer
mehr italienische Soldaten im Irak um vorzeitige Heimkehr +++
Japan billigt offenbar Entsendung von 1100 Soldaten nach Irak +++
US-Bevölkerung sieht Terrorgefahr durch Irakkrieg nicht vermindert
Do.04.12.03 - Nach einer Razzia der US-Truppen in einem nordirakischen Dorf haben die
Bewohner den Soldaten einen exzessiven Einsatz von Gewalt vorgeworfen.
Die Streitkräfte erklärten am Mittwoch, sie hätten in
Hawidscha, rund 250 Kilometer nördlich von Bagdad, 34
Verdächtige festgenommen und Dutzende Waffen beschlagnahmt.
"Diese Razzia war schon länger geplant", sagte
Militärsprecher Oberstleutnant Schafer in Kirkuk. "Wir kamen mit
einer Liste mit Namen von Leuten, die alliierte Truppen angegriffen
haben."
Einwohner beklagten, die US-Soldaten hätten willkürlich
geschossen. Der 22-jährige Alaa Hosein erklärte im
Krankenhaus von Kirkuk, er sei gemeinsam mit einem Cousin gerade von
den Feldern gekommen, als die Soldaten das Feuer eröffnet
hätten. Hosein erlitt einen Beinschuss, sein Cousin wurde in den
Kopf getroffen und schwer verletzt. "Sie kamen, um Ärger zu
machen, und nicht, um für Sicherheit zu sorgen", sagte Hosein.
Südlich von Kirkuk wurde nahe Samarra nach Militärangaben ein
Konvoi ziviler Wiederaufbauhelfer angegriffen. Zwei Menschen wurden
leicht verletzt, als entlang der Straße eine Bombe explodierte.
Am Dienstag war in der Region bei einem ähnlichen Vorfall ein
Soldat getötet worden. In der Ortschaft Nadschaf, 80 Kilometer
südlich von Bagdad, wurden am Mittwoch Soldaten aus Honduras mit
Granaten angegriffen. Es wurde niemand verletzt, wie die
Streitkräfte mitteilten.
In London räumte der britische Premierminister Tony Blair ein, die
Sicherheitslage in Irak sei "extrem schwierig". Die Soldaten leisteten
jedoch trotz der Terroranschläge viel für das irakische Volk,
daher müssten sie ihre Arbeit fortsetzen. Im November hatten die
alliierten Streitkräfte die schwersten Verluste seit Kriegsbeginn
erlitten. Mindestens 104 Soldaten wurden getötet, darunter 79
Amerikaner.
Blair verteidigte erneut die britische Beteiligung an der Invasion in
Irak. Der Angriff sei erfolgt, weil der jetzt gestürzte Staatschef
Saddam Hussein eine Gefahr dargestellt habe. Er sprach der spanischen
und der japanischen Regierung sein Beileid aus. Am vergangenen
Wochenende waren insgesamt neun Diplomaten aus beiden Ländern in
Irak ums Leben gekommen.
Die USA planen zur Bekämpfung des irakischen Widerstands offenbar
die Aufstellung einer paramilitärischen Truppe. Wie die
"Washington Post" berichtete, sollen dafür Kämpfer aus den
Reihen der fünf größten politischen Parteien Iraks
rekrutiert werden.
Das Anti-Terror-Bataillon solle 750 bis 850 Mann stark sein, die mit
den US-Streitkräften zusammen arbeiten würden, berichtete die
"Washington Post" unter Berufung auf irakische und US-Politiker.
Zunächst würden die Einheiten rund um die Hauptstadt Bagdad
eingesetzt. Die Kampftruppe solle mit leichten Waffen und Fahrzeugen
ausgestattet werden und eine mindestens einmonatige Ausbildung
durchlaufen.
Vertreter irakischer Parteien werteten die Pläne als
Eingeständnis der USA dafür, dass die gegenwärtige
Anzahl und Struktur der Sicherheitskräfte in Irak unzureichend
sei. Nach Angaben von US-Vertretern in Irak ist der Plan "noch nicht
endgültig", einem irakischen Vertreter zufolge ist er dagegen in
trockenen Tüchern.
Um "Verbrecher" aus der Regierungszeit von Saddam Hussein
strafrechtlich verfolgen zu können, solle die Bildung eines
Sondergerichts "beschleunigt" werden, kündigte der derzeitige
Vorsitzende des Regierungsrates an, der schiitische Politiker Abdel Asis
el Hakim. Zudem sollten "Milizen mit gut ausgebildeten Kadern" die
irakischen Polizeikräfte darin unterstützen, gegen
Anhänger "des alten Regimes" vorzugehen.
Die Sicherheitslage in Irak habe sich "dramatisch verschlechtert",
sagte der italienische Verteidigungsminister Antonio Martino vor dem
parlamentarischen Verteidigungsausschuss in Rom. Dennoch sei es "derzeit
unmöglich", sich aus dem Land zurückzuziehen, weil dadurch
"ein mörderisches Machtvakuum" entstehen würde.
Nach dem Anschlag im südirakischen Nassiriya, bei dem am 12.
November 19 Italiener ums Leben gekommen sind, bitten immer mehr im
Irak stationierende italienische Soldaten um vorzeitige Heimkehr.
"Immer mehr schwer gestresste Carabinieri (kasernierte Polizei, Anm.)
und Soldaten rufen uns an, weil sie nach Hause zurückkehren
wollen. Sie halten den Druck im Irak nicht aus, wo man täglich in
Lebensgefahr schwebt", betonte Antonio Savino, Sprecher der
Carabinieri-Gewerkschaft Unac. "Der Hilferuf der im Irak
stationierenden Italiener und ihrer Familienangehörigen zu Hause
nimmt bei uns kein Ende. Der Stress der italienischen Soldaten ist
enorm. Die Regierung soll einen sofortigen Rückzug unserer
Soldaten überprüfen, ehe andere Unschuldige ums Leben
kommen", sagte Savino. Rund 2.400 italienische Soldaten und Carabinieri
sind im Südirak im Einsatz.
Trotz des tödlichen Überfalls auf zwei südkoreanische
Ingenieure in Irak will Präsident Roh Moo Hyun wie geplant Truppen
in das Land schicken. Roh verwies am Mittwoch auf die Bedeutung guter
Beziehungen zu den USA in einer Zeit erhöhter Spannungen mit
Nordkorea. "Wir müssen die engen Beziehungen zu den USA
aufrechterhalten", sagte Roh nach Angaben seines Sprechers Yoon Tae
Young. "Jetzt ist die Zeit, da Washington die Kooperation am meisten
braucht." Im vergangenen Monat hatte Südkorea erklärt, es
wolle bis zu 3.000 Soldaten nach Irak schicken. Einzelheiten sind noch
nicht entschieden.
Nordkorea verurteilte am Mittwoch die geplante Stationierung
südkoreanischer Truppen in Irak. Die Soldaten würden dort
"Kanonenfutter für die US-Truppen", erklärte Pjöngjang
nach dem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur KCNA in einer
Stellungnahme.
Der japanische Regierungschef Junichiro Koizumi billigte die Entsendung
von 1100 Soldaten nach Irak. Koizumi sei der Auffassung, dass in der
Umgebung von Samawa im Süden Iraks ein "gewisser
Sicherheitsstandard" gegeben sei, berichtet die japanische Tageszeitung
"Yomiuri Shimbun". Noch vor Jahresende solle eine Luftwaffeneinheit
entsandt werden, der Anfang des Jahres Transporteinheiten folgen
sollten. Möglicherweise würden noch vor Ende Dezember auch
Bodentruppen entsandt werden.
70 Prozent der US-Bevölkerung sind einer Umfrage zufolge der
Ansicht, dass der Irakkrieg die "terroristische Bedrohung" nicht
entscheidend vermindert hat. Wie aus der am Mittwoch
veröffentlichten Erhebung der Universität von Maryland weiter
hervorgeht, sehen 75 Prozent der Befragten die Ergreifung von Osama bin
Laden und die Vernichtung seines El-Kaida-Netzwerks als wichtigstes
Ziel an. Für 21 Prozent ist dies hingegen die Festnahme des
entmachteten irakischen Präsidenten Saddam Hussein und die
Errichtung einer Demokratie in Irak. Laut einer Gallup-Umfrage von
April waren seinerzeit noch wesentlich weniger - nämlich 47
Prozent der Befragten - der Auffassung, der Irakkrieg habe die
Terrorgefahr nicht reduziert. Die US-Regierung bezeichnet Irak als
"Hauptfront im Anti-Terror-Kampf".
(Quellen: afp, ap)
Mit radikaler Überwachung und drakonischen Strafen hat die
US-Regierung unter Wissenschaftlern ein Klima der Angst geschaffen
Prominente Forscher fühlen sich an die McCarthy-Ära erinnert,
viele ihrer Kollegen wenden sich aus Angst vor den Behörden von
der Biowaffen-Forschung ab...
Mehr beim Spiegel unter:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,274896,00.html
'Amerikanischer Dissident' - 75 Jahre Noam Chomsky
Zum 75. Geburtstag des Sprachwissenschaftlers und "wohl wichtigsten
lebenden Intellektuellen" (New York Times) erschien bei telepolis
(03.12.03) eine Bilanz seines politischen Aktivismus sowie seiner
weniger bekannten sprachwissenschaftlichen Arbeit:
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/16191/1.html
«Der Irak ist ein Probelauf»
Frontline Interview mit Noam Chomsky
(Frontline Indien / ZNet 02.04.2003)
http://zmag.de/article/article.php?id=554
Noam Chomsky Archiv
Dieses Archiv beschränkt sich auf das politische Lebenswerk
Chomskys (Artikel, Vorträge, Interviews, Bücher, Videos ):
http://www.chomskyarchiv.de/
Zur Person :
Noam Chomsky - Anarchist, politischer Analytiker und Professor für
Linguistik und Philosophie am Massachusetts Institute of Technology
(MIT) in Cambridge/Mass.. - Noam Chomsky, geboren am 7. Dezember 1928
in Philadelphia, ist all das und oftmals sogar in dieser Reihenfolge.
Seine Vielseitigkeit, seine wissenschaftlichen und politischen
Publikationen und Vorträge machen ihn zu einem der am meisten
gelesenen und zitierten lebenden Publizisten. "Der einflussreichste
westliche Intellektuelle" hatte ihn nicht zu unrecht die New York Times
einst genannt, oder "den bekanntesten Dissidenten der Welt"....
Mehr unter:
http://www.chomsky.zmag.de/person.php
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IKRK-Präsident drängt auf Rechtsstaatlichkeit bei
Anti-Terror-Kampf
Do.04.12.03 - Der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK),
Jakob Kellenberger, hat im Zusammenhang mit dem weltweiten
Anti-Terror-Kampf die Einhaltung von Völkerrecht und
Rechtsstaatlichkeit angemahnt. Es sei notwendig, das richtige
Gleichgewicht "zwischen nationaler Sicherheit und menschlicher
Würde" zu finden, sagte Kellenberger am Mittwoch vor mehreren
hundert Delegierten auf der Internationalen Konferenz des Roten Kreuzes
und des Roten Halbmondes in Genf. Auch in einem für die Konferenz
vorbereiteten IKRK-Bericht wird davor gewarnt, im Zuge des Kampfs gegen
den Terrorismus die Normen des Völkerrechts aufzuweichen.
(Quelle: afp)
Schwarzer in Ohio starb an Folgen von Polizeigewalt
Sein Tod weckt Befürchtungen, dass es in Cincinnati wie schon vor
zweieinhalb Jahren zu Rassenunruhen kommen könnte
Do.04.12.03 - Der in Ohio nach einer Schlägerei mit weißen Polizisten ums
Leben gekommene Schwarze ist nach Angaben des zuständigen
Gerichtsmediziners an den direkten Folgen der Auseinandersetzung
gestorben. Der Gerichtsmediziner Carl Parrott sprach am Mittwoch von
einer «Tötung», was aber nicht bedeute, dass ein
Fehlverhalten der Polizei vorliege.
In dem von allen US-Fernsehsendern immer wieder gezeigten Polizeivideo
ist zu sehen, wie weiße Polizisten in Cincinnati mit
Schlagstöcken auf den schwergewichtigen Schwarzen Nathaniel Jones
einschlagen, auch als dieser vorübergehend zu Boden geht. Der 41-
jährige Mann hatte einen der Beamten zuvor angegriffen und zu
Boden geworfen. Kurz nachdem er überwältigt worden war, war
Jones gestorben. Sein Tod weckte Befürchtungen, dass es in
Cincinnati wie schon vor zweieinhalb Jahren zu Rassenunruhen kommen
könnte.
Nach Angaben des Gerichtsmediziners trugen mehrere Faktoren zum Tod des
Mannes bei. So sei Jones mit 180 Kilogramm stark übergewichtig
gewesen, habe ein vergrößertes Herz gehabt und unter Drogen
wie Kokain gestanden. Dies habe zusammen mit dem Stress durch die
Auseinandersetzung zu seinem Tode geführt. Doch er betonte:
«Ohne den Kampf wäre Mr. Jones zu diesem Zeitpunkt nicht
gestorben.»
Für Sonntag hat ein schwarzer Pfarrer zu einer Demonstration
aufgerufen. Der Mann sei von der Polizei «gefoltert»
worden, behaupteten die Geistlichen in einen Aufruf. Die Polizei
hält daran fest, dass die Beamten korrekt gehandelt hätten.
Bürgermeister Charlie Luken bemühte sich unterdessen,
zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln, um Ausschreitungen zu
vermeiden. Er lud Bürgerrechtsgruppen zu Gesprächen ein.
Befürchtete Ausschreitungen blieben zunächst aus. Nach einem
Bericht des «Cincinnati Enquirer» versammelten sich am
Dienstagabend nur ein Dutzend Menschen zu einer Protestaktion. Im April
2001 hatten es in Cincinnati tagelange Krawalle gegeben, nachdem
weiße Polizisten einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen
erschossen hatten.
(Quelle: dpa)
Rumsfeld zu Gesprächen mit Warlords in Nordafghanistan
ISAF-Kommandeur: Afghanistan-Einsatz weit über zehn Jahre
Do.04.12.03 - US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ist am heutigen Donnerstag in
der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif eingetroffen. Nach
Gesprächen mit Vertretern des örtlichen Regionalen
Wiederaufbauteams (PRT) unter britischer Führung wollte der
Pentagon-Chef mit den rivalisierenden Warlords Abdul Raschid Dostum und
Atta Mohammed zusammentreffen, deren Truppen sich zuletzt im Oktober
Auseinandersetzungen geliefert hatten. Im Laufe des Tages wollte
Rumsfeld in Kabul den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai sowie
die Führung der US-geführten Truppen und der
NATO-geführten Internationalen Schutztruppe für Afghanistan
(ISAF) treffen.
Der internationale Afghanistan-Einsatz wird nach Einschätzung des
deutschen Kommandeurs in Kabul "realistisch gesehen noch weit
länger als zehn Jahre dauern". In einem Gespräch mit der
"Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte der Kommandeur des deutschen
ISAF-Einsatzkontingents, Oberst Rudolf Retzer, mit einer dauerhaften
Stabilisierung des Landes sei erst zu rechnen, wenn die derzeit Sechs-,
Sieben- und Achtjährigen in dem Alter seien, dass sie zunehmend
die Verantwortung übernehmen könnten. "Das kann noch 14 Jahre
oder länger dauern."
Solange aber brauche das Land die Hilfe der internationalen
Gemeinschaft, sagte der Kommandeur der rund 1700 deutschen ISAF-
Soldaten. Retzer: "Die Elterngeneration hat 24 Jahre Krieg hinter sich
und kann kaum lesen und schreiben. Jetzt gehen die Mädchen und
Jungen wieder in die Schule und lernen etwas anderes als Krieg zu
führen." Obwohl diese Einschätzung auch in weiten Teilen der
politischen Gremien geteilt werde, habe der Bundestag das Mandat
für den ISAF-Einsatz erneut nur um ein Jahr verlängert. "Das
schränkt uns natürlich in unserem Handeln vor Ort sehr ein.
Wir würden unseren Stützpunkt Camp Warehouse zum Beispiel
ganz anderes ausbauen, hätten wir ein längeres Mandat. Mehr
Planungssicherheit wäre eine große Hilfe."
Zwar sei das Bedrohungspotenzial in Kabul durch mögliche
Anschläge unverändert hoch. Die ISAF habe aber Fortschritte
beim Aufbau afghanischer Sicherheitskräfte erzielt, betonte der
Kommandeur. Zudem sei die in den kommenden Wochen geplante
Verabschiedung einer Verfassung ein Schritt in die richtige Richtung.
Retzer: "Mit so großen Worten wie Demokratie muss man hier
allerdings vorsichtig sein. Wir können zufrieden sein, wenn wir in
fünf Jahren mehr Humanität und Normalität in Afghanistan
erreicht haben."
(Quellen: afp, dpa)
UNO braucht 2004 für Minenräumung 290 Millionen Dollar
Weltweit sterben jeden Tag etwa fünfzig Menschen durch Minen +++
In über achtzig Ländern Minen und Blindgänger
Do.04.12.03 - Die Vereinten Nationen und weitere Hilfsorganisationen brauchen im
kommenden Jahr 290 Millionen Dollar (knapp 240 Millionen Euro) für
die Beseitigung von Landminen in mehr als dreißig Ländern.
Mit der veranschlagten Summe sollten auch die Behandlung von
Minenopfern sowie entsprechende Aufklärungsprogramme finanziert
werden, hieß es in einem am Mittwoch am Sitz der UNO in New York
vorgestellten Bericht. Demnach sterben weltweit jeden Tag etwa
fünfzig Menschen durch Minen. Insgesamt seien über achtzig
Länder von Minen und Blindgängern betroffen
(Quelle: afp)
Nahost-Konflikt
UN-Vollversammlung kritisiert Israels Vorgehen in Jerusalem +++ EU
erwägt wegen Sperranlage Anrufung von Gerichtshof in Den Haag +++
Israelis und Palästinenser demonstrieren gemeinsam gegen
Siedlungsbau in Jerusalem +++ Angeblich Selbstmordanschlag auf
israelische Schule vereitelt +++ Israel baut Strassensperren im
Westjordanland ab
Do.04.12.03 - Die Vereinten Nationen haben Israel in mehreren Resolutionen wegen
seines Vorgehens in Jerusalem und auf den Golanhöhen kritisiert.
In einer der Resolutionen verurteilten 155 der 191 UN-Mitgliedsstaaten
die von Israel in Jerusalem eingeführten Gesetze und Verwaltung
als "illegal und deshalb null und nichtig". Resolutionen der
UN-Vollversammlung sind im Gegensatz zu denen des Weltsicherheitsrates
völkerrechtlich nicht bindend.
Die europäischen Staaten erwägen nach den Worten des
französischen Außenministers Dominique de Villepin die
Anrufung des Internationalen Gerichtshofs wegen der israelischen
Sperranlage im Westjordanland. "Wir fragen uns", ob der Internationale
Gerichtshof in dieser Frage zu einer Stellungnahme gebeten werden
sollte, sagte de Villepin am Mittwoch nach einem Treffen der EU-Staaten
mit den Mittelmeeranrainern in Neapel. Die Europäer prüften
gemeinsam die Möglichkeit einer neuen Initiative im Rahmen der
Vereinten Nationen.
Israelische und palästinensische Demonstranten haben am Mittwoch
gegen den Bau einer jüdischen Siedlung im Ostteil Jerusalems
protestiert. Mit Ölzweigen in den Händen blockierten rund 20
Aktivisten der israelischen Friedensorganisation Peace Now den Weg
eines Bulldozers. Dabei kam es zu Zusammenstössen mit der Polizei,
die versuchte, die Demonstranten zu vertreiben. Mindestens ein Mann
wurde in Handschellen abgeführt, ein anderer lag verletzt am Boden
und musste von Sanitätern weggetragen werden.
Einige Augenzeugen berichteten, der Verletzte sei von Polizisten
geschlagen worden. Andere sagte, er sei von dem Bulldozer
überrollt worden.
Die Polizei zog sich nach Einschreiten eines israelischen Abgeordneten
zurück. «Sie kommen mit Bulldozern statt
Verhandlungen», sagte Ran Cohen von der linksliberalen
Meretz-Partei. «Führt das zu Frieden? Das führt nur zum
Konflikt.»
Der Grundstein für das jüdische Wohngebiet Nof Sahaw -
Goldene Aussicht - wurde Anfang der Woche gelegt. Die Siedlung soll in
Dschabel Mukaber entstehen, einem arabischen Viertel, das Israel nach
dem Sechs-Tage-Krieg 1967 annektiert hatte. Der Komplex soll 550
Wohneinheiten, ein Hotel und mehrere Schulen umfassen. Nach Ansicht der
USA verstösst Israel mit diesem Bau gegen den offiziellen
Friedensplan, die so genannte Road Map.
Die israelischen Sicherheitskräfte haben offenbar einen neuen
Selbstmordanschlag vereitelt. Nach offiziellen Angaben nahmen Soldaten
am Mittwoch bei einer Razzia in einer Moschee in der Ortschaft Bardala
im Westjordanland zwei Palästinenser fest. Einer von ihnen soll
einen Bombengürtel getragen haben. Dore Gold, ein Berater von
Ministerpräsident Ariel Scharon, erklärte, es sei ein
Selbstmordanschlag auf eine Schule in der israelischen Stadt Jokneam
geplant gewesen. Nach der Festnahme hoben die Sicherheitsbehörden
einen Terroralarm für Nordisrael auf.
Israel hat am Mittwoch eine Strassensperre in der Nähe von
Ramallah im Westjordanland abgebaut. Wie Mustafa Easa, der
Verwaltungschef von Ramallah mitteilte, schnitt die Barrikade mehr als
zwei Jahre lang den Zugang zu 32 Ortschaften im Norden und Osten der
Stadt ab. "Israel hat diese Strassensperre als Geste des guten Willens
schon fünf Mal entfernt, aber leider immer wieder errichtet",
sagte Easa. "Wir hoffen, dass es diesmal das letzte Mal ist." In einer
Erklärung der Streitkräfte hiess es, auch in der Nähe
von Bethlehem und Hebron seien Strassensperren abgebaut worden. Den
Palästinensern solle damit wieder grössere Bewegungsfreiheit
gewährt werden.
(Quellen: dpa, afp, ap)
Genfer Nahost-Initiative fordert Unterstützung von den USA
Israel kritisiert internationale Unterstützung für Genfer
Friedensinitiative
Do.04.12.03 - Prominente Mitbegründer der Genfer Friedensinitiative für
Nahost haben sich am Mittwoch um die Unterstützung der Vereinigten
Staaten für ihr Projekt bemüht. Israels früherer
Justizminister Jossi Beilin vertrat in Washington die Auffassung, falls
die US-Regierung ihren Einfluss nicht geltend mache, werde es weder auf
israelischer noch auf palästinensischer Seite eine Änderung
geben. Sein palästinensischer Mitstreiter, der ehemalige
palästinensische Informationsminister Jassir Abed Rabbo, sagte,
alle Kräfte innerhalb der internationalen Gemeinschaft -
einschließlich der USA - müssten für den Baustopp der
israelischen Sperranlage und für einen Friedensplan eintreten.
Israel hat derweil die internationale Unterstützung für den
alternativen Genfer Nahost-Friedensplan heftig kritisiert. Die
Entscheidung von US-Aussenminister Colin Powell, mit den Initiatoren
des Dokuments zusammenzutreffen, sei kontraproduktiv, sagte ein Berater
des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon am Mittwoch.
Zuvor hatte Vizeministerpräsident Ehud Olmert das Treffen als
Fehler bezeichnet.
Der Genfer Plan gehe in eine ganz andere Richtung als die "Road Map",
sagte Scharons Berater Salman Schoval. Aussenminister Silvan Schalom
bezeichnete die Initiative am Dienstagabend in Neapel als Werk von
Oppositionspolitikern, die Scharons Regierung schwächen wollten.
Das am Montag in Genf vorgestellte Dokument sieht vor, dass Israel den
Gazastreifen ganz und das Westjordanland zu 98 Prozent räumt. Die
Palästinenser sollen im Gegenzug auf ein Rückkehrrecht
für Flüchtlinge verzichten. Ausgehandelt wurde der Plan vom
ehemaligen israelischen Justizminister Jossi Beilin und dem
früheren palästinensischen Kabinettsmitglied Jassir Abed
Rabbo.
Powell hatte am Dienstag in Tunis angekündigt, am Freitag mit
Beilin und Rabbo zusammentreffen zu wollen. Er unterwandere damit nicht
den offiziellen Friedensplan des Nahost-Quartetts, betonte Powell. Das
Weisse Haus erklärte am Mittwoch, das Treffen stehe dem Einsatz
der USA für die "Road Map" nicht entgegen. Fortschritte bei
Friedensverhandlungen müssten jedoch in einem offiziellen Rahmen
stattfinden, sagte Sprecher Scott McClellan.
(Quellen: afp, ap)
Der "Fahrplan" zum Nahost-Frieden (Nahost-Friedensplan / Road Map)
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv/k0305120.htm#030512_d
Genfer Abkommen:
http://www.miftah.org/Display.cfm?DocId=2575&CategoryId=7
Weitere Berichte und Hintergrundinformationen zur Genfer Friedensinitiative
im boa-Nachrichten-Arhciv unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0312010.htm#031201_e
Israel weist Angebot Syriens zu Friedensgesprächen zurück
Do.04.12.03 - Israel hat laut der Zeitung "Maariv" ein Angebot Syriens zur
Wiederaufnahme von Friedensgesprächen zurückgewiesen. Dem
Bericht zufolge rief Syrien Israel zur Einstellung der Flüge
über Südlibanon und zum Ende aller Militäraktionen
entlang seiner Nordgrenze auf. Im Gegenzug habe Damaskus zugesagt, dass
die Hisbollah-Miliz ihre Angriffe auf israelische Ziele einstelle.
Danach könnten Verhandlungen über ein Friedensabkommen
beginnen.
(Quelle: ap)
Nahost-Konflikt dominiert Europa-Mittelmeer-Konferenz
Kritik an palästinensischen Extremisten und israelischer
Hardliner-Politik +++ Parlamentarische Versammlung der EU-Mitglieder
und der Mittelmeer-Anrainerstaaten beschlossen +++ Gemeinsame
israelisch-arabische Bildungsprogramme und der Austausch von
Wissenschaftlern, Studenten und Künstlern vorgesehen
Do.04.12.03 - Mit harscher Kritik an palästinensischen Extremisten und
israelischer Hardliner-Politik haben die Euromed-Außenminister am
Mittwoch ihre Konferenz in Neapel beendet. Die EU und die arabischen
Delegierten übten heftige Kritik an dem von Israel im
Westjordanland errichten Sperrwall. Zum Ende des zweitägigen
Treffens wurde eine gemeinsame Parlamentarische Versammlung der
EU-Mitglieder und der Mittelmeer-Anrainerstaaten als Forum des Dialogs
zur Entschärfung des Nahost-Konflikts beschlossen.
Vorgesehen sind im Rahmen einer Europäisch-Mediterranen Stiftung
des weiteren gemeinsame israelisch-arabische Bildungsprogramme und der
Austausch von Wissenschaftlern, Studenten und Künstlern auf beiden
Seiten. EU-Außenkommissar Chris Patten sagte, Israel und seine
Nachbarn benötigten Unterstützung, damit der «Kampf der
Kulturen» keine sich selbst erfüllende Prophezeiung werde.
«Kultur und Identität sind der Kern von Konflikten, aber sie
können auch Brücken zur Überwindung dieser Konflikte
bieten», sagte Patten.
Patten forderte Israel zudem auf, Hilfslieferungen in
palästinensische Gebiete zu erleichtern. Die Lieferungen ins
Westjordanland und den Gazastreifen seien ein Fünftel teurer als
in jeden anderen Teil der Welt, erklärte der Außenkommissar.
In den vergangenen vier Jahren hat die EU die Palästinenser mit
fast einer Milliarde US-Dollar unterstützt.
In ihrer Abschlusserklärung forderten die Delegierten, der
palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kureia müsse
für ein Ende der Anschläge von Extremisten sorgen und die
Sicherheitskräfte unter einem Dach bündeln. An die Adresse
Israels hieß es, die drastische Verschlechterung der
humanitären Situation im Westjordanland und im Gazastreifen
fördere den Terrorismus. In eine Friedensvereinbarung für den
Nahen Osten müssten zudem Syrien und der Libanon integriert
werden, forderten die Delegierten weiter.
Der israelische Sperrwall dürfe nicht in palästinensisches
Gebiet hineinragen, erklärte der italienische Außenminister
Franco Frattini. Der palästinensische Außenminister Nabil
Schaath sprach von einer «Mauer der Apartheid» und forderte
die EU zu Sanktionen gegen Israel auf.
Mit vorsichtigen Worten wurde der alternative Friedensplan für den
Nahen Osten begrüßt. Der französische
Außenminister Dominique de Villepin erklärte, das so
genannte Genfer Dokument sei eine Ergänzung für die
«Road Map» und zeige, «dass Dialog zwischen Israelis
und Palästinensern immer noch möglich ist».
Die Europa-Mittelmeer-Partnerschaft wurde 1995 in Barcelona
beschlossen. An den regelmäßig stattfindenden
Euromed-Konferenzen nehmen neben den Mitgliedern der Europäischen
Union die zwölf Mittelmeer-Anrainer Ägypten, Algerien,
Jordanien, Libanon, Malta, Marokko, Syrien, Tunesien, die Türkei,
Zypern, Israel sowie die Palästinensische Autonomiebehörde
teil.
(Quelle: ap)
Forscher: Nahostkonflikt hat Antisemitismus in Europa angeheizt
Studie sieht zunehmenden Antisemitismus auch in Deutschland
Do.04.12.03 - In Europa hat der Antisemitismus im vergangenen Jahr deutlich
zugenommen, was zum großen Teil auf den Konflikt im Nahen Osten
zurückgeht. Dies geht aus der bislang unter Verschluss gehaltenen
Studie für die "Europäische Beobachtungsstelle für
Rassismus und Fremdenfeindlichkeit" (EUMC) hervor. Gewalt und
Vorurteile gingen zunehmend auch von arabischen Einwanderern aus,
heißt es in der am Mittwoch im Internet veröffentlichten
Untersuchung.
Juden und jüdische Einrichtungen würden in Deutschland und
anderen europäischen Staaten vor dem Hintergrund des
Nahost-Konflikts auch von jungen Muslimen und radikal-islamischen
Gruppen angegriffen.
Neben dem dänischen Sender TV2 und der Kopenhagener Zeitung
«Politiken» hatten der grüne Europa-Abgeordnete Daniel
Cohn-Bendit sowie der Dachverband jüdischer Organisationen in
Frankreich (Crif) die Studie in das Internet gestellt. Die
Wissenschaftler Juliane Wetzel und Werner Bergmann vom Zentrum für
Antisemitismusforschung der Technischen Universität (TU) Berlin
hatten die Studie im Auftrag der Europäischen Stelle zur
Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) in Wien
verfasst.
Die Wiener Stelle hatte eine Veröffentlichung abgesagt, weil nach
ihrer Darstellung der untersuchte Zeitraum zu kurz gewesen und
ergänzende Arbeiten notwendig seien. In der Debatte um diese
Entscheidung warfen Kritiker der EUMC vor, wegen des Vorwurfs massiv
antisemitischer Einstellungen unter arabischen Zuwanderern die
Veröffentlichung verhindert zu haben.
Zur Lage in Deutschland heißt es in der Studie, eine subtile Form
von Antisemitismus mische sich zunehmend in die Kritik am Staat Israel.
Als Beispiel wird die Israel-Kritik des gestorbenen FDP- Politikers
Jürgen Möllemann genannt. Mit der Verschärfung des
Nahost- Konflikts hätten in Deutschland antiisraelische
Demonstrationen zugenommen. Die Studie würdigt auch Beispiele
für den Kampf gegen Antisemitismus.
Zur Kritik der Wiener Auftraggeber sagte Bergmann in
«Politiken»: «Das war Ehrabschneidung. Man hat
unseren wissenschaftlichen Anstand in Zweifel gezogen.» Nach der
Ablieferung des Berichtes am 20. Februar habe sich die EUMC weder
schriftlich noch mündlich an die Autoren gewandt.
«Plötzlich hieß es einfach, die Qualität sei
nicht ausreichend. Man hat uns alles Mögliche in die Schuhe
geschoben und uns zu Sündenböcken gemacht.»
Im Zentrum der Untersuchung zu «Manifestationen von
Antisemitismus in der Europäischen Union» steht die Sammlung
von Informationen über antisemitische Äußerungen,
Vorfälle, Ausschreitungen oder andere Ereignisse zwischen dem 15.
Mai und dem 15. Juni 2002. Für zahlreiche EU-Länder, darunter
auch Deutschland, stellten die Autoren dabei eine erhebliche Steigerung
antisemitischer Aktivitäten gegenüber dem Jahr 2000 fest.
Zu den Hintergründen für diese Tendenz heißt es im Text
unter anderem: «Antisemitische Vorfälle im
Untersuchungszeitraum wurden vor allem entweder von Rechtsextremisten
oder radikalen Islamisten oder jungen Muslimen überwiegend
arabischer Herkunft begangen, die ihrerseits oft potenzielle Opfer von
Ausgrenzung und Rassismus sind.» Zur Kritik an der israelischen
Politik in den besetzten palästinensischen Gebieten meinen die
Autoren, sie mobilisiere «latent antisemitische Haltungen»,
die es in einigen europäischen Ländern bei einem
«großen Prozentsatz» der Bevölkerung gebe.
Als wichtiges Medium zur Ausbreitung antisemitischer Haltungen benennen
die Autoren der Studie das Internet, bei dem eine «rapide
wachsende» und zunehmende Verknüpfung rechtsradikaler
Inhalte mit denen radikaler Islamisten zu beobachten sei. «Bis
jetzt haben staatliche Organe der Ausbreitung antisemitischer
Propaganda über Europa in Arabisch durch Zeitungen, Audiokassetten
oder das Internet zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.»
(Quelle: dpa)
EU-Antisemitismus-Studie im Internet:
http://www.crif.org/index.php?menu=5&dossier=33&id_doss=2014
http://www.partisan.net/infopartisan/document/antisemitismusstudie.pdf
http://www.cohn-bendit.de/de/standpunkte/index.html
Medienvertreter in Ruanda wegen Völkermord verurteilt
UN-Kriegsverbrechertribunal: Der Leiter eines Radiosenders und der
Herausgeber einer Zeitung hätten die Macht der Medien
für die Zerstörung von Menschenrechten eingesetzt
Do.04.12.03 - Das UN-Kriegsverbrechertribunal für Ruanda hat am Mittwoch zwei
Medienvertreter zu lebenslanger Haft wegen Unterstützung des
Völkermordes in dem ostafrikanischen Land verurteilt. Es war die
erste solche Entscheidung eines internationalen Gerichtshofs seit der
Prozesse gegen die Propagandamaschinerie der Nazis in Nürnberg vor
rund 50 Jahren. Der Leiter eines Radiosenders und der Herausgeber einer
Zeitung seien sich der Wirkung ihrer Berichterstattung voll bewusst
gewesen, erklärten die drei Richter im benachbarten Tansania.
Statt ihren Einfluss auf die öffentliche Meinung für Frieden
und Demokratie zu nutzen, hätten sie die Macht der Medien für
die Zerstörung von Menschenrechten eingesetzt, sagte die
vorsitzende Richterin. Ein weiterer Mitarbeiter des Radiosenders wurde
zu 27 Haft verurteilt. Dem Völkermord in dem ostafrikanischen Land
vor neun Jahren fielen mehr als eine halbe Million Menschen zum Opfer,
die meisten von ihnen waren Angehörige des Volkes der Tutsi.
(Quelle: ap)
Prozessauftakt gegen ranghöchste Muslime vor UN-Tribunal
Do.04.12.03 - Vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag hat am Dienstag der
Prozess gegen die bislang ranghöchsten muslimischen Befehlshaber
begonnen. General Enver Hadzihasanovic kommandierte von 1992 bis 1995
das dritte Korps der muslimischen Streitkräfte in Mittelbosnien,
Amir Kubura war ein Brigadekommandeur.
Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen zahlreiche Vergehen vor: Sie sollen
für die Ermordung und das Quälen von Zivilpersonen und
Kriegsgefangenen sowie die Plünderung und Zerstörung von
Dörfern verantwortlich gewesen sein. Beiden drohen lebenslange
Haftstrafen. Hadzihasanovic und Kubura erklärten sich für
unschuldig, ihre Anwälte weigerten sich am Dienstag, ein
Eröffnungsplädoyer abzugeben.
Als Hauptverantwortliche für den Krieg im früheren
Jugoslawien und die Gräueltaten in dem Konflikt gelten Serben. Vor
diesem Hintergrund betonte UN-Ankläger Ekkehard Withopf die
Bedeutung des Prozesses gegen zwei ranghohe Muslime: «Dadurch
wird deutlich, dass alle Seiten - wenngleich in verschiedenen Gegenden
und in verschiedenem Ausmaß - Verbrechen gegen die Menschenrechte
begangen haben.»
Die meisten Opfer der beiden mutmaßlichen Kriegsverbrecher waren
nach Ansicht des Haager Tribunals Kroaten. Withopf beschrieb am
Dienstag exemplarisch einen Fall vom 20. Oktober 1993. Damals soll ein
serbischer Gefangener von einer unter Hadzihasanovic stehenden Einheit
enthauptet worden sein. Andere Gefangene sollen dann gezwungen worden
sein, den abgeschlagenen Kopf zu küssen, bevor der Tote begraben
wurde.
Wegen des Massakers in Srebrenica im Jahr 1995 verurteilte das Tribunal
unterdessen den ehemaligen serbischen Hauptmann Momir Nikolic zu 27
Jahren Haft. Nikolic gehörte der Bratunac-Brigade an, die an der
Ermordung von mindestens 7.000 Muslimen in der ostbosnischen Enklave
Srebrenica beteiligt war. Der 48-Jährige war damals zuständig
für die Gefangenen, die in Massenerschießungen getötet
wurden. Die Richter gingen mit dem Urteil über die Forderung der
Staatsanwaltschaft hinaus, die 15 bis 20 Jahre Haft beantragt hatte.
Die Staatsanwaltschaft hatte als mildernde Umstände gewertet, dass
sich Nikolic schuldig bekannt und gegen andere Angeklagte ausgesagt
habe.
(Quelle: ap)
Deutsches Gericht erlässt Haftbefehl gegen Argentiniens
Ex-Präsident
Dem ehemaligen Anführer der Militärjunta wird die Ermordung zweier Deutscher vorgeworfen
Do.04.12.03 - Das Amtsgericht Nürnberg hat gegen den früheren
argentinischen Staatspräsidenten Jorge Videla Haftbefehl wegen der
Ermordung zweier Deutscher erlassen. Dem 78-jährigen ehemaligen
Anführer der Militärjunta sowie zwei weiteren ehemaligen
hohen Militärs wird vorgeworfen, mittelbar an dem Mord an den
Studenten Elisabeth Käsemann und Klaus Zieschank beteiligt gewesen
zu sein, wie die Nürnberger Justiz am Mittwoch mitteilte. Ob ein
Auslieferungsantrag gestellt wird, war zunächst unklar.
Bei Videla sowie den ehemaligen Junta-Führern Emilio Massera und
Carlos Guillermo Mason bestehe der dringende Tatverdacht des Mordes in
mittelbarer Täterschaft, hieß es in der Mitteilung. Die
Opfer seien ermordet worden, um zu vertuschen, dass sie gefoltert
wurden. Videla war demnach von März 1976 bis Juli 1978
Oberkommandierender des Heeres und argentinischer Staatspräsident.
In dieser Zeit errichtete er laut Nürnberger Justiz gemeinsam mit
den beiden anderen Militärführern einen Repressionsapparat
«mit dem Ziel der systematischen Tötung politisch anders
Denkender». Die Herrschaft habe schließlich zur Tötung
der als «subversiv» eingestuften deutschen Studenten
geführt.
Die links gerichtete Studentin Käsemann war in der Nacht vom 8.
auf den 9. März 1977 von argentinischen Sicherheitskräften
entführt und anschließend in einer Kaserne gefangen gehalten
und gefoltert worden. Im Mai 1977 wurde die damals 30-Jährige aus
dem geheimen Haftzentrum El Vesubio in der Nähe von Buenos Aires
in den Ort Monte Grande gebracht, wo sie mit Schüssen in Genick
und Rücken getötet wurde. Ihre Leiche wurde wenige Wochen
später an die Eltern übergeben und in Tübingen bestattet.
Der damals 24-jährige Zieschank war am 26. März 1967 nahe
Buenos Aires festgenommen und anschließend einem Armeekommando
übergeben worden. Im Mai desselben Jahres war er nach Erkenntnis
der deutschen Justiz von argentinischen Sicherheitskräften
stranguliert worden. Auch er sei zuvor gefoltert worden, hieß es.
Die Leiche war demnach aus einem Militärflugzeug über dem
Meer abgeworfen und später gefunden worden.
Die Justiz ermittelt seit 1998 im Fall Käsemann, nachdem das
Nürnberger Menschenrechtszentrum Strafanzeige gestellt hatte. Der
Bundesgerichtshof hatte entschieden, dass die Nürnberger
Staatsanwaltschaft als einzige Behörde in Deutschland Fälle
bearbeitet, in denen zurzeit der argentinischen Militärdiktatur
deutschstämmige Personen verschwanden oder getötet wurden.
Derzeit wirft die Behörde in 14 Fällen 69 ehemaligen
Junta-Angehörigen Mord, Totschlag, Menschenraub und Geiselnahme
von 39 Opfern vor. Unter den 14 Opfern sind laut Justiz auch Nachkommen
aus Deutschland zwangsausgebürgerter jüdischer Emigranten.
(Quelle: ap)
Menschenrechtsgruppe: Folter in Türkei nimmt trotz Reformen zu
Mi.03.12.03 - Die Folter in der Türkei nimmt nach Erkenntnissen einer
türkischen Menschenrechtsgruppe trotz der EU-Reformen im Land zu.
In den ersten neun Monaten des Jahres seien 770 Fälle von Folter
und Misshandlung gezählt worden, rund 40 Prozent mehr als im
Vergleichszeitraum 2002, teilte der türkische Menschenrechtsverein
IHD am Dienstag mit. Besser sieht die Bilanz im Bereich
Meinungsfreiheit aus. Die Zahl von Prozessen, bei denen es um so
genannte Meinungsdelikte ging, sank von 2432 auf 1292.
(Quelle: afp)
Friedenspreisträgerin Schirin Ebadi an Rede in Teheran gehindert
Do.04.12.03 - Eine Gruppe konservativer Frauen hat am Mittwoch die diesjährige
iranische Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi an einer Rede
an einer Teheraner Frauen-Universität gehindert. Nach Angaben
einer Studentin riefen die etwa 60 Frauen, die Ebadi den Zugang zur
El-Sahra-Universität im Norden der iranischen Hauptstadt
versperrten, in Sprechchören «Schäm dich!
Heuchlerin!»
Ebadi wurde von reformorientierten Studenten beschützt, und die
herbeigerufene Polizei geleitete sie anschließend vom
Universitätsgelände. Der Menschenrechtsaktivistin und
Anwältin wurde im Oktober als erster Muslimin der
Friedensnobelpreis zuerkannt. Ebadi wird den Preis am 10. Dezember in
Oslo entgegennehmen
(Quelle: ap)
EU-Streit um Embryonenforschung weiter ungelöst
Die EU-Staaten haben ihre großen Differenzen bei der
Förderung der umstrittenen Embryonenforschung nicht ausräumen
können. Der Ministerrat konnte sich am Mittwoch in Brüssel
auf keinen Kompromiss verständigen. Die EU-Staaten sind in der
Frage tief gespalten zwischen Befürwortern einer liberalen
Regelung und solchen, die ethische Grundsätze festgeschrieben
wissen wollen.
Do.04.12.03 - Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn erklärte, es scheine
sich eine Einigung anzubahnen, die Forschung nicht zu fördern.
Hingegen betonte EU-Forschungskommissar Philippe Busquin, es gehe
darum, «eine qualitativ hoch stehende Forschung in Europa
zuzulassen».
Deutschland gehört zu den Mitgliedstaaten, die gemäß
ihrer nationalen Gesetzgebung die Forschung an Embryo-Stammzellen nur
unter strengen Auflagen zulassen wollen. Die Verhandlungen sollen nach
Angaben aus deutschen Regierungskreisen unter irischer
Präsidentschaft im nächsten Halbjahr fortgesetzt werden.
Busquin sagte dagegen, die irische Präsidentschaft werde das Thema
nicht wieder aufgreifen: «Es ist zu Ende.» Zum Jahresende
läuft ein Moratorium aus, nach dem keine EU-Mittel in die
Embryonenforschung fließen dürfen. Ohne Einigung im
Ministerrat kann die EU-Kommission dann weitgehend eigenständig
vorgehen. Busquin sagte, die Kommission werde «die Entwicklung
von menschlichen Stammzellen weiter prüfen». Dazu lägen
bereits Ausschreibungen vor. «Die Kommission wird versuchen,
weise damit umzugehen», sagte Busquin.
Bulmahn erklärte hierzu, sie erwarte nicht, dass nun
Forschungsgelder der EU für wissenschaftliche Projekte mit
Embryo-Stammzellen ausgezahlt würden. Der Ministerrat in
Brüssel habe sich darauf geeinigt, in den kommenden Monaten weiter
zu verhandeln. Ein konkreter Termin stehe noch nicht fest.
In Deutschland sind lediglich Arbeiten mit importierten Stammzellen
erlaubt, die vor dem 1. Januar 2002 aus Embryonen gewonnen wurden.
Busquins Vorschlag war wesentlich liberaler. Danach hätte es
keinen Stichtag für die Gewinnung von Stammzellen geben sollen,
sondern lediglich einen für die Entstehung der Embryonen. Busquin
wollte auch Arbeiten fördern, wenn die Stammzellen aus Embryonen
gewonnen wurden, die vor dem 27. Juni 2002 existierten.
In Deutschland stehen Arbeiten an menschlichen Embryonen unter Strafe.
Würde Busquins Haltung sich durchsetzen, könnten
Forschungsarbeiten vom deutschen Steuerzahler finanziert werden, die in
der Bundesrepublik verboten sind.
In einem Kompromissvorschlag Italiens sollte es nach deutschem Vorbild
einen Stichtag für die Existenz menschlicher Stammzellen geben.
Dem hatten neben Deutschland, Portugal und Italien auch Luxemburg und
Spanien zugestimmt. Österreich und Irland tendierten auch in diese
Richtung, gaben aber kein Votum ab. Für Busquins Vorschlag
sprachen sich Großbritannien, die Niederlande, Schweden,
Dänemark, Finnland, Griechenland, Frankreich und Belgien aus.
Der Rat habe sich zwar nicht auf eine Stichtagregelung einigen
können, es sei aber ein knappes Ergebnis gewesen, erklärte
Bulmahn. Es müsse eine Lösung gefunden werden, die die
ethischen Überzeugungen aller Mitgliedstaaten respektiere.
(Quelle: ap)
Europäische Union macht Zugeständnisse für
WTO-Runde
Do.04.12.03 - Knapp drei Monate nach dem Scheitern der Welthandelskonferenz im
mexikanischen Cancún hat die EU ein erstes Signal für einen
Fortgang der Verhandlungen gegeben. Sie sei bereit, ihre Forderungen in
der derzeit laufenden Verhandlungsrunde der Welthandelsorganisation
(WTO) zurückzuschrauben, hieß es in Brüssel nach einem
informellen Treffen der EU-Handelsminister. Mitte des Monats nehmen die
Staaten der WTO ihre Gespräche wieder in Genf auf.
Die EU bietet besonders bei den so genannten Themen von Singapur mehr
Flexibilität an. Die dazu gehörenden globalen
Investitionsregeln und Wettbewerbsvorschriften könnten laut der
neuen Linie der EU teilweise oder vollständig aus den
WTO-Verhandlungen augeklammert werden. Auch in der Agrarpolitik wollen
die Europäer flexibler auftreten, falls die anderen Partner
mitspielen. In Cancún war das Welthandelstreffen am Widerstand
einer Gruppe von Schwellenländern gescheitert. Diese verlangten,
die Singapur-Themen von der Tagesordnung zu streichen und mehr
Zugeständnisse der Industrieländer im Agrarbereich.
(Quelle: taz/dpa)
Verkauf der Hanauer Plutoniumfabrik nach China weiter umstritte
Nach den Grünen erstmals auch Kritik von Mitglied der SPD-Spitze
+++ Grüne Minister protestieren nicht gegen Atom-Deal
Do.04.12.03 - Der von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) geplante Verkauf der
Hanauer Plutoniumfabrik an China bleibt in der Berliner
Regierungskoalition umstritten. Nach Kritik aus den Reihen der
Grünen sprach sich erstmals auch ein Mitglied der SPD-Spitze gegen
einen Export der Atom-Technologie aus. Die stellvertretende
SPD-Vorsitzende Ute Vogt sagte dem «Mannheimer Morgen»,
wenn Deutschland aus der Kernenergie aussteige, könne es nicht
angehen, deren weltweiten Export zu unterstützen.
Der Bundeskanzler hatte sich bei seiner China-Reise mehrfach zustimmend
zu einem Verkauf der Hanauer Anlage an die Volksrepublik
geäußert. Außenminister Joschka Fischer signalisierte
nach Informationen des «Handelsblatts» schon im Vorfeld
seine Zustimmung. Auch Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) stimmt
dem Verkauf unter bestimmten Voraussetzungen zu.
Vogt kündigte an, darüber werde es «sicher eine Debatte
in der SPD geben». Zunächst müsse aber geprüft
werden, «was der Kanzler in China konkret zugesagt hat».
Die hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti erinnerte in der
«Berliner Zeitung» daran, dass auch viele Sozialdemokraten
gegen die Atomfabrik in Hanau protestiert hätten. Es sei
«hoch problematisch», die umstrittene Technologie nun
exportieren zu wollen. «Die Mehrheit der hessischen SPD ist
absolut dagegen.»
Nach Ansicht Strucks darf der umstrittene Verkauf nur dann erfolgen,
wenn Peking eine friedliche Nutzung der Plutonium-Anlage garantiert.
«Wenn unser Prüfverfahren positiv ausgeht, hätte ich
gegen den Verkauf der Anlage keine Bedenken», sagte der
Verteidigungsminister der in Hannover erscheinenden «Neuen
Presse».
Mit Blick auf die Kritik aus den Reihen der Grünen räumte
Struck ein, dass es sich um ein «hoch emotionales Thema»
handele. Er sehe aber kein Glaubwürdigkeitsproblem der
rot-grünen Bundesregierung. «Wir wissen, dass so ein
großes Land wie China bei der Energieversorgung einen eigenen
Kurs einschlägt.»
In der «Bild»-Zeitung warnte die Parlamentarische
Geschäftsführerin der Grünen, Irmingard Schewe-Gerigk:
«Es ist unverantwortlich, dass wir eine Anlage, die in
Deutschland richtigerweise nie in Betrieb genommen wurde, nach China
liefern wollen.»
Auch SPD-Fraktionsvize Michael Müller meldete Bedenken an. Er
sagte der Zeitung: «Sobald die Unterlagen vorliegen, werden wir
sie intensiv prüfen - auch im Zusammenhang mit unserem
Atomausstieg.»
Der entwicklungspolitische Sprecher der FDP im Bundestag, Markus
Löning, warnte ebenfalls vor einem Verkauf der Anlage an China.
Löning wies darauf hin, dass China aus Deutschland 300 Millionen
Euro Entwicklungshilfe jährlich bekomme. Der FDP-Politiker zu
«Bild»: «Ein Land, das für 50 Millionen die
Hanauer Fabrik und von Europa Waffen kaufen will, muss sich
entscheiden: Industrienation oder Entwicklungsland. Beides geht
nicht!»
Der Protest aus der Grünen-Fraktion gegen einen Export der Hanauer
Plutonium-Anlage nach China findet bei den grünen Ministern Joschka
Fischer und Jürgen Trittin keine öffentliche
Unterstützung. Das Bundesumweltministerium sei für den Antrag
der Firma Siemens nicht zuständig, sagte Trittins Sprecher in
Berlin. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes verwies auf das
laufende Prüfverfahren.
Trittins Sprecher sagte, das Bundesumweltministerium sei nicht für
Atomanlagen zuständig, die im Ausland errichtet oder betrieben
werden. Es gebe keine Aspekte nuklearer Sicherheit, die sein Haus zu
prüfen habe. Indes sei nicht auszuschließen, dass die Anlage
benutzt werden könne, um Plutonium für militärische
Zwecke zu gewinnen. "Die Bewertung dieses Proliferationsrisikos ist
nicht Aufgabe des Bundesumweltministeriums." Die AA-Sprecherin
bestätigte, dass ihr Haus am Prüfverfahren beteiligt sei,
wollte jedoch keine Einzelheiten nennen.
Außenminister Fischer hat laut «Handelsblatt» bereits
im Oktober intern grünes Licht für einen möglichen
Export der Hanauer Plutoniumfabrik gegeben. Das gehe aus einem Brief
seines Staatssekretärs Jürgen Chrobog hervor, der der Zeitung
vorliege. Danach habe der Siemens-Konzern als Eigentümer
«einen Anspruch auf Erteilung» der bereits Anfang 2003
angefragten Ausfuhrgenehmigung. Die von Kritikern hervorgehobene
Gefahr, dass die Anlage für nicht zivile Zwecke genutzt werden
könne, «besteht nicht», heißt es laut
«Handelsblatt» in dem Brief. Nur einer Förderung des
Exportprojekts mit Hermes-Bürgschaften werde das Auswärtige
Amt nicht zustimmen.
Vize-Regierungssprecher Hans-Herrmann Langguth betonte, das Ergebnis
der seit Februar laufenden Prüfung sei noch offen. Bundeskanzler
Gerhard Schröder (SPD) habe in China lediglich seine
gegenwärtige Position in dem Verfahren deutlich gemacht. Dies sei
noch keine Festlegung.
Nach Angaben einer Sprecherin des Wirtschaftsministeriums ist nicht der
Bundessicherheitsrat, sondern der Ausfuhrausschuss der Bundesregierung
für das Prüfverfahren zuständig, weil es sich bei der
Anlage um ein Dual-Use-Gut handelt, das sowohl zivil als auch
militärisch genutzt werden kann. Die stellvertretenden
Grünen-Fraktionsvorsitzenden Reinhard Loske und Winfried Nachtwei
verwiesen auf Artikel 7 des Außenwirtschaftsgesetzes. Demnach
könne der Export versagt werden, wenn eine Störung des
"friedlichen Zusammenlebens der Völker" droht.
Das Siemens-Werk im hessischen Hanau sollte plutoniumhaltige
Brennelemente für Atomkraftwerke herstellen. Es wurde 1991
fertiggestellt und vier Jahre später - noch vor der Inbetriebnahme
- aufgegeben. Eine Voranfrage von Siemens, die Anlage nach China
verkaufen zu dürfen, wird laut Langguth bereits seit Februar vom
Bundesausfuhramt geprüft.
(Quellen: dpa, ap)
Kabinett beschließt Rentengesetze
Do.04.12.03 - Mit der Einführung eines Nachhaltigkeitsfaktors und der
Besteuerung von Renten hat die Bundesregierung ihr Programm für
eine Stabilisierung der Rentenfinanzen auf den Weg gebracht. Die
Rentenbeiträge blieben weiter für die Beschäftigten
bezahlbar, gleichzeitig werde ein "guter und auskömmlicher
Ruhestand gesichert", sagte Sozialministerin Ulla Schmidt.
Finanzminister Hans Eichel betonte, es bestehe "für Rentner kein
Grund für Befürchtungen". Drei Viertel der Renten bleibe
weiter steuerfrei. Die Union warf Rot-Grün "Flickschusterei" vor.
Die gesetzliche Rente bleibe auch in Zukunft die wichtigste Säule
der Alterssicherung, sagte Schmidt. Mit dem Nachhaltigkeitsfaktor soll
ab 2005 das Missverhältnis zwischen der hohen Zahl der Rentner und
der abnehmenden Zahl der Beitragszahler berücksichtigt werden. Um
den Trend zur Frühverrentung zu stoppen, soll die Grenze für
den Renteneintritt nach Altersteilzeit oder wegen Arbeitslosigkeit von
60 auf 63 Jahre angehoben werden.
Schmidt betonte, dass der 1. Juli als Termin für die
Rentenanpassung beibehalten werde. Zunächst war vorgesehen
gewesen, die Anpassung auf Januar zu verschieben, was für 2005
aufgrund einer anderen Berechnungsgrundlage zu einer weiteren Nullrunde
geführt hätte. Die Schwankungsreserve, die gerade auf 20
Prozent einer Monatsausgabe reduziert wurde, soll bis 2009 auf 1,5
Monatsausgaben aufgestockt werden. Mit dem "Notgroschen" der
Rentenkasse sollen Einnahme- und Ausgabeschwankungen besser aufgefangen
werden.
Eichel sagte zur "nachgelagerten Besteuerung", mit dem neuen Gesetz
würden rund 3,3 der rund 14,2 Millionen steuerpflichtigen Rentner
steuerbelastet. Rentenbezüge bis zu einer Höhe von 18.900
Euro im Jahr oder 1575 Euro im Monat blieben unbelastet, wenn neben der
Rente keine Einkünfte erzielt würden.
Beschlossen wurden auch Vereinfachungen bei der Riester-Rente, die
bislang hinter den Erwartungen zurückblieb. Statt bisher elf soll
es nur noch fünf Kriterien für die Zulassung einer Anlageform
geben. Die bisherige Beschränkung auf Rentenversicherungen, Fonds-
und Banksparpläne entfällt. Außerdem muss künftig
nicht jedes Jahr neu der staatliche Zuschuss beantragt werden.
CSU-Landesgruppenchef Michael Glos warf der Regierung vor, sie
verunsichere mit ihrer Rentenpolitik die Betroffenen.
(Quelle: afp)
Kabinett beschließt Rentengesetze
Rentenniveau soll nochmals sinken
Do.04.12.03 - Mit weiteren Einschnitten bis 2030 will die Bundesregierung die
gesetzliche Rente auf Dauer wetterfest machen. Gleichzeitig will sie
schrittweise Beiträge zur Altersvorsorge steuerfrei stellen,
dafür aber Renten mit Abgaben belegen. Das Kabinett billigte am
Mittwoch entsprechende Gesetze für eine weitere große
Rentenreform, die im Frühjahr vom Parlament beschlossen werden
könnte. Die Union schloss eine Zustimmung nicht aus, stellte aber
Bedingungen.
Sozialministerin Ulla Schmidt sagte, drei Jahre wirtschaftliche
Stagnation hätten gezeigt, wie konjunkturanfällig das
Rentensystem sei. Die geplante Reform solle die Finanzbasis sichern:
«Damit machen wir die Rentenversicherung für die
Jüngeren bezahlbar und für die Älteren
verlässlicher.»
Das vom Kabinett beschlossene Paket umfasst zwei Gesetze - das von
Schmidt entworfene
«Rentenversicherungs-Nachhaltigkeitsgesetz», das das
Rentenniveau senkt, und das von Finanzminister Hans Eichel verfasste
«Alterseinkünftegesetz». Dieses regelt - wie vom
Bundesverfassungsgericht verlangt - ab 2005 die Rentenbesteuerung neu,
allerdings mit einer sehr langen Übergangsfrist bis 2040.
Außerdem soll es die Riester-Rente vereinfachen.
Kernpunkt von Schmidts Gesetz ist der so genannte
Nachhaltigkeitsfaktor. Er soll ausgleichen, dass immer mehr Menschen
Rente beziehen, aber immer weniger in die Versicherung einzahlen. Er
verringert in der Regel die jährliche Rentenanpassung. Gemeinsam
mit den bereits in der Riester-Rente beschlossenen Einschnitten sinkt
so das Rentenniveau bis 2030 von heute 48 auf etwa 40 Prozent des
Bruttolohns. Schmidt räumte ein, dass dann eine Sicherung des
Lebensstandards nur noch mit einer privaten Zusatzrente möglich
sein werde.
Im Gegenzug soll der Rentenbeitrag - heute liegt er bei 19,5 Prozent -
bis 2020 nicht über 20 und bis 2030 nicht über 22 Prozent
steigen, wie Schmidt betonte. Bis etwa 2009 kann der Beitrag aber auch
nicht sinken, weil die Rentenkassen zuerst eine hohe Rücklage von
1,5 Monatsausgaben aufbauen sollen.
Weiterer Punkt ist der Stopp des Trends zur Frührente. Statt
bisher mit 60 soll man ab 2008 auch bei Arbeitslosigkeit oder nach
Altersteilzeit frühestens mit 63 Jahren in vorgezogene Rente gehen
können. Bis zum Jahresende abgeschlossene Verträge über
Altersteilzeit sollen nicht betroffen sein. Akademikern wird ein
Studium nicht mehr mit drei Jahren bei der Rente gutgeschrieben.
Eichels «Alterseinkünftegesetz» sieht vor, dass ab
2005 gleichzeitig nach und nach die Besteuerung der Renten und die
Freistellung der Rentenbeiträge beginnt. 2040 sollen dies
abgeschlossen sein. Arbeitnehmer sollen dann bis zu 20.000 Euro
jährlich steuerfrei für gesetzliche oder private Leibrenten
zurücklegen dürfen. Das Steuerprivileg für
Kapitallebensversicherungen wird hingegen 2005 abgeschafft.
Der Beginn der Besteuerung trifft Eichel zufolge den
Durchschnittsrentner 2005 nicht. Bis zu einer Grenze von 18.900 Euro im
Jahr oder 1.575 Euro im Monat blieben Bezüge steuerfrei.
Die Union sieht bei dem Paket noch Diskussionsbedarf, wie
CDU-Sozialexperte Andreas Storm sagte. Vor allem aber fehlt ihr eine
«starke Familienkomponente». Diese sei Bedingung für
einen Rentenkonsens. Der Sozialverband VdK kritisierte das
Regierungspaket, weil es Rentner mit neuen Abschlägen nochmals zur
Kasse bitte.
(Quelle: ap)
Öffnungsklauseln in Tarifverträgen
Spitzengespräche zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern
gescheitert +++ DGB-Chef Sommer: Forderung nach Änderung der
gesetzlichen Regelungen des Tarifrechts zielt nur darauf ab, für
Millionen von Arbeitnehmern zu Lohnsenkungen und
Arbeitszeitverlängerungen zu kommen +++ Arbeitgeberpräsident
Dieter Hundt: Mit der Blockadehaltung der Gewerkschaften werde die
Tarifautonomie schwer beschädigt +++ Union macht Druck:
Steuerreform nur bei Tariföffnung
Do.04.12.03 - Die Spitzen von Gewerkschaften und Arbeitgebern haben sich nicht auf
Öffnungsklauseln in Tarifverträgen einigen können. Das
gaben die Verhandlungspartner am Mittwoch in Berlin bekannt.
Bundeskanzler Gerhard Schröder forderte die Tarifparteien aus
China aus auf, weiter nach einer Lösung zu suchen und die
Gespräche fortzuführen. Arbeitgeberpräsident Dieter
Hundt machte die Gewerkschaften für den Abbruch der Verhandlungen
verantwortlich.
DGB-Chef Michael Sommer erteilte Forderungen nach gesetzlichen
Änderungen des Tarifrechts eine entschiedene Absage. Schröder
hatte sich in dem Streit um die Tarifautonomie bislang stets hinter die
Gewerkschaften gestellt, von den Tarifpartnern aber mehr
Flexibilität verlangt. Die Union und die FDP fordern dagegen
gesetzliche Regelungen für eine Öffnung von
Tarifverträgen. Unionsfraktionsvize Friedrich Merz erklärte
nach dem Abbruch der Gespräche, jetzt sei der Gesetzgeber am Zug.
Schröder betonte im chinesischen Chengdu, es sei der beste Weg,
wenn es parallel zu den Verhandlungen im Vermittlungsausschuss
über die Reformvorhaben zu einer Einigung zwischen Arbeitgebern
und Gewerkschaften komme. «Ich glaube, dass die Tarifparteien
nach wie vor in der Verantwortung sind, eine Regelung zu
erreichen.»
SPD-Fraktionschef Franz Müntefering wies Meldungen zurück,
wonach seine Partei zu Zugeständnissen beim Kündigungsschutz
bereit ist, wenn die Tarifautonomie unangetastet bleibt. Im
Südwestrundfunk sagte er, zwar werde im und am Rande des
Vermittlungsausschusses «über alle denkbaren
Alternativen» geredet, doch könne er diesen Punkt nicht
bestätigen. Die «Welt» hatte berichtet, die SPD sei
bereit, den Schwellenwert für die Wirksamkeit des
Kündigungsschutzes in Betrieben heraufzusetzen, um im Gegenzug
gesetzliche Tariföffnungsklauseln zu verhindern.
DGB-Chef Sommer wehrte sich gegen den Vorwurf, die Gewerkschaften
hätten die Gespräche blockiert. «Wir brauchen keine
gesetzliche Änderung des Tarifvertragsrechts», sagte er im
Deutschlandfunk. Er vertrat die Ansicht, dass eine Änderung der
gesetzlichen Regelungen nur darauf abziele, für Millionen von
Arbeitnehmern zu Lohnsenkungen und Arbeitszeitverlängerungen zu
kommen. «Das ist der Punkt, der ist mit den Gewerkschaften nicht
zu machen», betonte Sommer.
Hundt bedauerte den Abbruch der Gespräche.
«Tarifvertragliche Öffnungsklauseln sind besser als
gesetzliche Regelungen», bekräftigte er. Mit der
Blockadehaltung der Gewerkschaften werde die Tarifautonomie in
Deutschland schwer beschädigt.
Die Union will derweil für ihre Zustimmung zur vorgezogenen
Steuerreform unbedingt Zugeständnisse bei einer Liberalisierung
des Tarifrechts durchsetzen. Bayerns Ministerpräsident Edmund
Stoiber (CSU) und sein hessischer Amtskollege Roland Koch (CDU)
äußerten sich nach dem Scheitern der Gespräche zwischen
Arbeitgebern und Gewerkschaften über Tariföffnungsklauseln
skeptisch, ob eine Einigung überhaupt noch möglich ist.
Koch sagte dem «Handelsblatt», die Regierung müsse
sich nun im Vermittlungsausschuss darauf einrichten, dass für die
Union der Kündigungsschutz, der Einstieg in niedrige Löhne
für Arbeitslose sowie gesetzliche Regelungen für betriebliche
Bündnisse einen «untrennbaren Zusammenhang»
darstellten.
Die Union hatte zuletzt Entgegenkommen signalisiert, falls die
Tarifpartner sich freiwillig auf mehr Flexibilität einigen. Union
und FDP forderten jetzt wieder, der Gesetzgeber müsse
einschreiten. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel sagte der
Nachrichtenagentur dpa in Mainz, gesetzliche Regelungen seien ohnehin
notwendig, weil eine freiwillige Vereinbarung der Tarifpartner nur eine
Absichtserklärung wäre. Es werde sich in den nächsten
Tagen noch zeigen, ob die Gespräche zwischen Gewerkschaften und
Arbeitgebern tatsächlich gescheitert sind.
SPD-Fraktionschef Franz Müntefering hatte sich zuvor gegen
Forderungen nach gesetzlichen Eingriffen in die Tarifhoheit gewandt.
Praxis sei, dass es in Betrieben bereits Sondervereinbarungen im
Einvernehmen mit den Tarifparteien gebe. «Das klappt in aller
Regel auch gut.»
Bei DaimlerChrysler in Sindelfingen beteiligten sich nach Angaben der
IG Metall am Mittwoch 12.000 Beschäftigte an einer Kundgebung
für den Erhalt der Tarifautonomie. Union und FDP dringen auf
gesetzliche Regelungen für die Schaffung von betrieblichen
Bündnissen. Die Gewerkschaften verweisen auf die Flexibilität
von Tarifverträgen, die bereits jetzt abweichende Regelungen in
wirtschaftlich schwierigen Situationen ermöglichen.
(Quelle: ap, dpa)
Sozialverbände wollen Arbeitgeber zu Senioren-Jobs verpflichten
Do.04.12.03 - Führende Sozialverbände haben die Bundesregierung
aufgefordert, die Arbeitgeber bei der Schaffung von Arbeitsplätzen
für ältere Menschen mehr in die Pflicht zu nehmen. Es
müssten Möglichkeiten geschaffen werden, dass Arbeitnehmer
überhaupt länger arbeiten können. Das sagte der
Geschäftsführer des Sozialverbandes VdK, Ulrich Laschet, der
«Berliner Zeitung». Das Kabinett hatte beschlossen, den
frühestmöglichen Altersrentenbeginn wegen Arbeitslosigkeit
oder nach Altersteilzeit auf 63 Jahre anzuheben.
(Quelle: dpa)
'Soziales Bündnis Niedersachsen' gegründet
Die Gewerkschaften und zwölf weiteren Organisationen in
Niedersachsen, darunter Studentenvertretungen, Jugend- und
Elternverbände und Attac, haben sich zu einem «Sozialen
Bündnis» zusammengeschlossen
Do.04.12.03 - Gegen die auf Bundes- und Landesebene geplanten extreme Einschnitte in
das Sozialsystem wolle das Bündnis langfristig Protest
organisieren, sagte der niedersächsische DGB-Vorsitzende Hartmut
Tölle am Mittwoch in Hannover. Die Hoffnung der Politiker, dass
mit dem Jahreswechsel die Aktion gegen Sozialabbau und Eingriffe in die
Tarifautonomie zu Ende seien, werde nicht aufgehen.
Das «Soziale Bündnis Niedersachsen» werde im kommenden
Jahr eine Kampagne unter dem Motto organisieren «Sozialabbau hat
eine Gesicht», sagte Tölle. Man werde die Täter und die
Opfer der Sparpolitik zeigen. Der CDU warf der Vorsitzende des DGB
Bezirks für Niedersachsen, Bremen und Sachsen-Anhalt vor, sich auf
ihrem Parteitag Leipzig entschieden zu haben, «das seit Bismarck
existierende deutsche Sozialsystem zu Grabe zu tragen».
(Quelle: ap)
Familien zahlten laut Studie 33 Milliarden Euro bei Steuer drauf
ifo-Institut: Notwendige Aufwendungen für Kinder seien bei der
Besteuerung nicht ausreichend berücksichtigt worden
Do.04.12.03 - Familien mit Kindern sind in der Vergangenheit laut einer Studie
steuerlich stark benachteiligt worden: Im Vergleich zu Kinderlosen
mussten Familien von 1990 bis 2002 rund 33 Milliarden Euro
«Kinderstrafsteuern» zahlen, wie es in einer am Mittwoch
veröffentlichten Untersuchung des Münchner ifo-Instituts
heißt. Die notwendigen Aufwendungen für Kinder seien bei der
Besteuerung nicht ausreichend berücksichtigt worden.
Als Berechnungsgrundlage zog das ifo-Institut heran, dass Familien mit
Kindern wegen des höheren Verbrauchs auch mehr Verbrauchssteuern
auf Strom, Brennstoffe und Benzin sowie Mehrwertsteuer zahlten. Das
eigentlich steuerfreie Existenzminimum der Kinder sei ungerechtfertigt
belastet worden.
Den Ergebnissen zufolge wurde die steuerliche Benachteiligung der
Familien durch die Einführung der Freibeträge für
Betreuung, Erziehung und Ausbildung beendet. Das ifo-Institut sprach
sich für weitere Maßnahmen zur Familienförderung aus,
etwa Betreuungsmöglichkeiten außerhalb und innerhalb des
Haushalts.
(Quelle: ap)
Die Arbeit nach der Arbeit
Für Familienmütter geht der Arbeitsstress erst nach dem Job
richtig los. Ändern könnten das in erster Linie die
Männer: Dies sind Ergebnisse der jüngsten Studie über
die Verwendung von Zeit, die seit Anfang der 90er Jahre alle zehn Jahre
vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden erarbeitet wird
Do.04.12.03 - Die Statistiker fanden heraus, dass die Belastung der Frauen durch die
Arbeit im Haushalt mit Partner und Kindern zwischen 16 und 20 Uhr am
höchsten ist. Die Mutter ist zu dem Zeitpunkt von ihren Job nach
Hause gekommen und sieht sich den Bergen von Wäsche, Geschirr und
anderen Aufgaben gegenüber. «Familienzeit - gutes Management
gefordert», sagte dazu Bundesfamilienministerin Renate Schmidt
bei der Vorstellung der Studie.
Gut ein Drittel der vier Stunden bis etwa zur «Tagesschau»
benötigt laut Statistik die nach Hause gekommene Mutter für
Hausarbeit. Das Abendessen liege für viele zwischen 18.00 und
20.00 Uhr. Erst danach beginne die Entspannung, wobei das Fernsehen bis
22.00 Uhr im Mittelpunkt stehe.
Ihre Männer arbeiten laut Studie meist Vollzeit, kommen
dementsprechend später nach Hause. So sei zwischen 17.00 und 18.00
Uhr noch rund ein Drittel und zwischen 19.00 und 20.00 Uhr immerhin
noch ein Anteil von zehn Prozent der Männer am Arbeitsplatz
anzutreffen.
Deutlich härter bildet die Studie den Alltag erwerbstätiger
allein erziehender Frauen mit Kindern unter 18 Jahren ab. Sie
arbeiteten fast zwei Stunden länger als Frauen in Paarbeziehungen,
weil sie häufiger einem Vollzeitjob nachgingen. Das verbleibende
Zeitkonto sei entsprechend knapp: eine Dreiviertelstunde weniger
für den Haushalt, eine Viertelstunde weniger für den
Nachwuchs und über eine halbe Stunde weniger für sich selbst.
Eine differenzierte Betrachtung setzt die Statistik dem gängigen
Urteil entgegen, dass die Freizeit von Kindern fast durchgängig
mit Fernsehen ausgefüllt sei. Kinder und Jugendliche zwischen zehn
und 18 Jahren wendeten ein Viertel der Zeit zwischen 16 und 19 Uhr
für Sport, Hobbys und Spielen auf, hieß es. Das sei mehr als
die Zeit vor dem Fernseher oder gar dem Computer, vor dem Jungen und
junge Männer laut Statistik an einem durchschnittlichen Arbeitstag
etwa doppelt so lange verbringen, als Mädchen und junge Frauen.
Nach 19.00 Uhr gleiche sich das Verhalten des Nachwuchses dem der
Erwachsenen an: Bis 21.00 Uhr fülle das Fernsehen ein Drittel der
Zeit aus und stehe damit im Vordergrund.
Mit dem Ruhestand ändert sich das Bild radikal. Die 60- bis
70-jährigen Alleinlebenden verbringen laut Studie mehr als drei
Viertel ihres Alltags allein. Wie in jüngeren Jahren pflegten
Frauen Sozialkontakte allerdings mehr, sie verbrächten eine
Dreiviertelstunde mehr als Männer in Gesellschaft.
Bei den über 70-jährigen Alleinlebenden seien die Männer
dagegen kontaktfreudiger. Ein Fünftel des Tages seien sie mit
Kindern, Bekannten, Verwandten oder einer Partnerin zusammen, Frauen
dagegen eine knappe halbe Stunde weniger.
(Quelle: ap)
Frauen werden immer noch unter Wert entlohnt
Do.04.12.03 - Ein Buchhalter verdient im Schnitt 3.698 Euro im Monat, eine
Buchhalterin 2.706 Euro. Ein Chemiker kriegt 5.079 Euro, eine
Chemikerin 3.849 Euro: Deutschlands Frauen sind in puncto Gehalt von
Gleichbehandlung noch immer weit entfernt, berichtet "Woman". Die
Gleichstellungsbeauftragten fordern gerechtere Tarifverträge
für Frauen. Typische Frauenberufe seien noch immer viel schlechter
bezahlt als gleichwertige Tätigkeiten von Männern,
erklärte die Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros
und Gleichstellungsstellen gestern. "Eine Frisörin kann sich kaum
selbst ernähren, ein Elektriker hingegen versorgt oft noch eine
Familie mit", sagte eine Sprecherin.
(Quelle: taz/)
OECD-Lehrerstudie: Wieder vernichtende Kritik an deutschen Schulen
Schulsystem in Deutschland ist veraltet, unflexibel und zersplittert
Do.04.12.03 - "Das heutige System deutscher Schulen gehört zu einem vergangenen
ökonomischen und gesellschaftlichen System." Zu diesem
vernichtenden Urteil über das deutsche Bildungswesen
sind OECD-Experten gekommen, die im Rahmen einer weltweiten
Lehrerstudie auch Schulen in Deutschland besuchten. Das berichtet die
"Zeit" (Ausgabe Nr. 50, 04.Dezember 2003).
In ihrem Protokoll kamen die Experten zu dem Ergebnis: Das deutsche
System sei unflexibel und zersplittert. Weder Lehrer noch Schulen
müssten darüber Rechenschaft ablegen, was sie leisten. Zwar
gebe es in Deutschland auch "hoch engagierte Kollegien" in der
Lehrerschaft. Aber selbst sie lähme ein "unflexibles System von
Verwaltung und Besoldung". In kaum einem anderen Staat sei auch der
Beamtenstatus der Lehrer so ausgeprägt wie in Deutschland.
Scharfe Kritik wird auch an der Lehrerausbildung geübt. Sie werde
"von Institutionen betrieben, die nicht miteinander kooperieren".
Vermisst wird pädagogische Qualifikation, die auch die
Kindergärten zum Teil des Bildungssystems macht. Reformen seien den
Bundesländern „im Alleingang überlassen". Vermisst wird
jegliche Abstimmung zwischen Erstausbildung und Weiterbildung. "Geballte
Ladung in der ersten und zweiten Phase (der Lehrausbildung) und dann
nichts mehr bis zur Pensionierung", heißt es in dem
Reiseprotokoll.
Die Experten erstellen derzeit im Auftrag der Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) einen weltweiten
Lehrervergleich. Das Angebot der OECD, auch das gesamte bundesdeutsche
Schulsystem von einer internationalen Expertengruppe auf den
Prüfstand stellen zu lassen, hatten die Kultusminister der 16
Bundesländer Anfang des Jahres verworfen. Bei dem weltweiten
Schultest PISA hatten die deutschen Schulen vor zwei Jahren miserable
Noten erhalten.
Unterdessen scheiterte am Mittwoch in Bonn die Absicht von
Kultusminister-Präsidentin Karin Wolff (Hessen/CDU), mit allen
Lehrer- und Elternorganisationen eine gemeinsame Erklärung zur
"Erziehungsverantwortung in Schule und Elternhaus" zu unterzeichnen. Der
Bundeselternrat (BER) als Vertretung von mehr als zwölf Mill.
Eltern sowie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) lehnten
die Unterzeichnung ab. Von den Formulierungen der Erklärung gehe
„keine Signalwirkung für einen Dialog an den Schulen auf
Augenhöhe aus". Die Rolle der Eltern werde zu sehr "von oben herab"
dargestellt, sagte BER-Vorsitzende Renate Hendricks der
Nachrichtenagentur dpa.
Unterzeichnet wurde dagegen das Papier vom Verband Bildung und
Erziehung, vom Philologenverband sowie von katholischen und
konservativen Elterngruppen.
(Quellen: dpa, ots, hb)
Wissenschaftler: Antirassistische Erziehung greift oft zu kurz
Do.04.12.03 - Antirassistische Erziehung in Schulbüchern greift nach einer am
Mittwoch veröffentlichten Studie der Ruhruniversität Bochum
häufig zu kurz. Die Wissenschaftler Leif Olav Mönter und
Arian Schiffer-Nasserie von der Fakultät für
Geowissenschaften kamen in ihrer Examensarbeit zu dem Schluss, dass die
vielfältigen Ansätze der Rassismusforschung im
Schulunterricht nicht ankommen.
Dort werbe man lediglich um das Verständnis des Einzelnen für
das Fremde, taufe die «Rasse» um in «Kultur»
und lasse den politischen Aspekt des Rassismus völlig außen
vor, kritisierten die Forscher. Dem «Aufstand der
Anständigen» und zahlreichen, langjährigen Initiativen
gerade an Schulen zum Trotz nimmt nach Angaben der Hochschule die Zahl
rassistischer Gewalttaten in Deutschland kaum ab. Dieses
Missverhältnis war der Anlass für einen genauen Blick auf die
theoretische Auseinandersetzung und den pädagogischen Umgang mit
dem Rassismus. Dabei kamen die beiden Wissenschaftler zu dem Schluss,
das die Schule das Problem verharmlost.
Bei ihrer Schulbuch-Untersuchung fanden die beiden Autoren heraus, dass
altbekannte Stereotypen teils ungewollt reproduziert werden. Auch eine
bedenkliche Verzerrung der Darstellung von Migranten findet sich auf
ihrer Mängelliste. Manche Themen fehlten in den
Unterrichtsmaterialien völlig, so etwa Formen des institutionellen
Rassismus. «Dabei bieten aktuelle Probleme wie die
EU-Außengrenze, illegale Flüchtlinge, Asylpolitik und
Abschiebepraxis genug Anlass dafür», kritisieren die Autoren.
(Quelle: ap)
Samstag, 13.12.2003 - 20 Uhr bis 2 Uhr früh
EXPERIMENTELLE MUSIK 2003
Das sechsstündige internationale Festival
der experimentellen Musik
mit
Das PHREN-Ensemble München: Carmen Nagel-Berninger,
Inge Salcher, George Augusta, Michael Steimer,
Michael Kopfermann
Gloria Franck, Yola Krebes, Anna-Maja Spiess
und Cornelius Hirsch, München
Heinz-Klaus Metzger, Berlin
Rainer Riehn, Berlin
Hans Rudolf Zeller, München
Aleks Kolkowski, London
Ignaz Schick, Berlin
Brendan Dougherty, Aaron Meicht, Philadelphia USA
Michael von Biel, Köln
Otfried Rautenbach, Harri Ansorge, Nicolas Young,
Heidelberg / Berlin
Luca Miti, Rom
Albert Mayr, Florenz
Edith Rom, Stephan Wunderlich, München
München, TU-Mensa, Arcisstraße 17
Information:
www.experimentelle-musik.info
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