Aktuelle Nachrichten
Irak am zweihunderteinundsechzigsten Tag nach Kriegsbeginn
USA und Verbündete drängen NATO zu größerer Rolle
im Irak +++ US-Außenminister Colin Powell: Kein einziges
NATO-Mitglied habe sich gegen stärkeres Engagement der
Allianz im Irak ausgesprochen - Auch nicht die Kriegsgegner
Deutschland und Frankreich +++ Deutscher Außenminister Joschka
Fischer widerspricht den US-Forderungen nur indirekt
Fr.05.12.03 - Die USA und wichtige Bündnispartner drängen die NATO zu einer
größeren Rolle im Irak. US-Außenminister Colin Powell
sagte am Donnerstag beim Treffen mit seinen NATO-Kollegen in
Brüssel, zwar stünden noch keine Entscheidungen an, doch habe
er keinen Widerspruch gegen ein stärkeres Engagement der Allianz
gehört.
Auch NATO-Generalsekretär George Robertson sagte, das Bündnis
werde sich in Zukunft damit beschäftigen; aber "im Moment
konzentriert sich die NATO auf Afghanistan". Powell und Robertson gehen
davon aus, dass beim nächsten Gipfeltreffen des Bündnisses
Ende Juni in Istanbul die Irak-Frage konkreter behandelt wird.
Powell zeigte sich zufrieden, dass er aus der Runde keinen Widerspruch
gehört habe. "Nicht ein einziges Mitglied hat sich dagegen
ausgesprochen", sagte er und erwähnte ausdrücklich auch die
Kriegsgegner Deutschland und Frankreich. Außenminister Joschka
Fischer widersprach den US-Forderungen nur indirekt vor Journalisten:
"Worum es geht, ist, dass wir möglichst schnell eine
Souveränitätsübertragung auf eine legitime irakische
Regierung brauchen und den Wiederaufbau einer irakischen Sicherheit.
Ansonsten werden die Probleme dort zunehmend sehr schwer."
Fischer forderte erneut eine stärkere Rolle der Vereinten Nationen
in diesem Prozess. Sein belgischer Kollege Louis Michel, ebenfalls ein
entschiedener Gegner des Irak-Krieges, bemängelte, dass diese
Voraussetzung noch nicht gegeben sei. Michel bestätigte, dass er
selbst sowie Fischer und der französische Außenminister
Dominique de Villepin zum Thema Irak in der Sitzung nicht gesprochen
hätten.
Dem Vernehmen nach fordern vor allem Spanien und Polen mehr
Aktivität der NATO im Irak. Sie wünschen, dass das
hauptsächlich von ihnen gestellte Kontingent in einer der
Sicherheitszonen von der NATO abgelöst wird. Der italienische
Außenminister Franco Frattini sagte, es sei Zeit, mittelfristig
eine stärkere Beteiligung der NATO zu erwägen. Derzeit
unterstützt die NATO Polen logistisch.
Auch der irakische Außenminister Hoschjar Sebari hat sich
für einen stärkeren Einsatz der NATO in seinem Land
ausgesprochen. Der von den Vereinigten Staaten nach der Entmachtung von
Präsident Saddam Hussein eingesetzte Minister sagte dem
US-Nachrichtensender CNN am Donnerstag, er begrüße "alle
internationalen Anstrengungen" zur Unterstützung Iraks. Diese
könnten in der derzeitigen "Übergangsperiode" nützlich
sein. Auf mittlere oder längere Sicht müsse die Verantwortung
für Sicherheitsfragen allerdings den Irakern übertragen
werden, fügte der Politiker der Demokratischen Partei Kurdistans
(KDP) hinzu. Zu der Forderung der schiitischen Geistlichkeit, im
kommenden Juni Parlamentswahlen abzuhalten, sagte Sebari, seiner
Meinung nach lasse sich das verwirklichen.
Unterdessen nahmen US-Einheiten westlich von Bagdad 13 Verdächtige
gefangen, unter ihnen sechs mutmaßliche islamische Extremisten.
Wie ein Militärsprecher am Donnerstag in Bagdad mitteilte, fanden
die Soldaten bei den Männern, die am Mittwoch in der Ortschaft
Nasir Wa el Salam, festgenommen wurden, Schusswaffen, Munition,
Militäruniformen, Falschgeld und Material für den Bau von
Sprengfallen.
Außerdem nahmen US-Soldaten am Mittwoch im westirakischen
Falludscha einen ehemaligen General der Republikanischen Garden fest,
der von den Amerikanern verdächtigt wird, "indirekten Kontakt" zum
untergetauchten Ex-Präsidenten Saddam Hussein zu haben. Er soll
auch Angriffe gegen Amerikaner organisiert haben.
(Quellen: dpa, afp)
Update Fr.07.12.03 - Mit Bundesverteidigungsminister Peter Struck und
Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (beide SPD) haben sich
am Freitag zwei führende deutsche Regierungsvertreter
öffentlich gegen einen möglichen Nato-Einsatz im Irak
ausgesprochen
Er sehe für das Bündnis dort „keine Rolle", sagte Struck bei
einem Besuch in der Kosovo-Hauptstadt Pristina. Mit scharfen Worten
kritisierte Wieczorek-Zeul das Vorhaben: Die USA würden derzeit
entgegen ihren öffentlichen Bekundungen daran arbeiten, die
Besatzungsverwaltung noch stärker zu dominieren, sagte die
stellvertretende SPD-Vorsitzende der Süddeutschen Zeitung.
Sie wies darauf hin, dass die USA zwei neue amerikanische
Stellvertreter des Obersten Zivilverwalters Paul Bremer ernannt
hätten. „Angesichts dieses Verhaltens empfinde ich es als eine
Zumutung, die Nato für ein Engagement im Irak ins Spiel zu
bringen." Der Irak brauche endlich eine von den Irakern akzeptierte
Übergangsregierung, statt „noch mehr Soldaten, die nur als
Anhängsel der amerikanischen Besatzungsmacht verstanden
würden", forderte Wieczorek-Zeul. Eine Entsendung von Nato-Truppen
sei deshalb „völlig undenkbar".
Nato-Generalsekretär George Robertson hatte am Donnerstag bei der
Herbsttagung der Nato-Außenminister angedeutet, das Bündnis
werde spätestens im Juni 2004 ein verstärktes Engagement im
Irak beschließen.
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 07.12.03
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Powell gegen unabhängige Militärstrukturen der EU
Fr.05.12.03 - US-Außenminister Colin Powell hat sich erneut gegen EU-eigene
Militärstrukturen ausgesprochen, die die NATO unterlaufen
könnten. «Die USA können keine unabhängigen
EU-Strukturen akzeptieren, die die NATO-Fähigkeiten
duplizieren», sagte Powell bei Beratungen der
NATO-Außenminister am Donnerstag in Brüssel. Auch der
amtierende EU-Ratspräsident und italienische Außenminister
Franco Frattini sagte, eine Duplizierung bestehender NATO-Strukturen
dürfe es schon allein aus finanziellen Gründen nicht geben.
«Wir unterstützen eine eigene Planung nicht, die eine
Duplizierung der NATO wäre», sagte Frattini nach einem
Treffen der NATO-Minister mit ihren EU-Kollegen aus Schweden, Finnland,
Österreich und Irland, die der Allianz nicht angehören.
Gleichwohl müsse die EU eine Vereinbarung zur Verteidigungspolitik
treffen, die sich in der geplanten europäischen Verfassung
niederschlage.
Grundlage biete dafür ein Vorschlag, den die italienische
Ratspräsidentschaft am vergangenen Wochenende den
EU-Außenministern in Neapel vorgelegt habe. Was das Ziel
betreffe, habe es in Neapel eine Einigung gegeben, sagte Frattini.
«Und zusammen finden wir eine Lösung.» Auch
NATO-Generalsekretär George Robertson sagte, eine Duplizierung
dürfe es nicht geben.
Die EU-Staaten hatten sich vergangenes Wochenende weitgehend darauf
verständigt, dass ein bereits bei der EU bestehender
Militärstab in Brüssel aufgestockt werden soll, damit dieser
auch operative Aufgaben übernehmen kann. Zugleich soll aber auch
eine im militärischen NATO-Hauptquartier SHAPE bestehende
EU-Planungszelle permanent eingerichtet werden. Festgeklopft werden
soll die Vereinbarung auf dem EU-Gipfel Ende nächster Woche in
Brüssel.
Bundesaußenminister Joschka Fischer betonte, die zunächst
von Großbritannien, Frankreich und Deutschland getroffene
Vereinbarung bedeute «eine Stärkung der europäischen
Säule, aber keinesfalls eine Schwächung der NATO».
Powell sagte, die USA unterstützten die Stärkung des
europäischen Pfeilers und glaubten auch an eine Europäische
Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Es müsse aber noch
geklärt werden, wie die EU autonome militärische Missionen
führen könne.
Nach einem bereits bestehenden Abkommen kann die EU militärische
Einsätze führen, indem sie auf Strukturen der NATO
zurückgreift. Dies geschieht derzeit beim EU-geführten
Einsatz in Mazedonien. Robertson sagte, die NATO sei bereit, auf
Grundlage dieser Vereinbarung auch das SFOR-Mandat in Bosnien Ende
nächsten Jahres an die EU abzugeben.
Die EU strebt aber auch von der NATO unabhängige Einsätze an
und will diese unabhängig führen können. Das vorgesehene
EU-Hauptquartier sorgt in den USA dabei für besondere
Verärgerung. Powell sagte, er vertraue darauf, dass schon bald
eine Lösung gefunden werde. Der britische Premierminister Tony
Blair wollte das Thema in einem Telefongespräch mit
US-Präsident George W. Bush ansprechen. Ein Termin dafür
stand zunächst aber nicht fest.
(Quelle: ap)
Mehr zum Thema im boa-Nachrichten-Archiv unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0312020.htm#031202_k
Nahost-Konflikt
Zwölf Palästinenser aus dem Westjordanland ausgewiesen +++
Südafrikas Präsident Mbeki bezeichnet israelische Sperranlage
als 'Apartheidsmauer' +++ Israel deutet Zurückhaltung der Armee im
Falle einer Waffenruhe an
Fr.05.12.03 - Die israelischen Behörden haben zwölf Palästinenser aus
dem Westjordanland ausgewiesen. Soldaten brachten sie in der Nacht zum
Freitag in den Gazastreifen, wie ein Sprecher der
palästinensischen Sicherheitskräfte sowie das Militär
mitteilten. Zuvor hatte das Oberste Gericht in Israel die
Einsprüche der Betroffenen gegen ihre Ausweisung
zurückgewiesen.
Die Palästinenser wurden nach Militärangaben in drei Gruppen
zur Grenze gebracht. Der Ausweisungsbeschluss gelte für zwei
Jahre, hiess es. Aus Kreisen der Streitkräfte verlautete, acht der
Ausgewiesenen seien Mitglieder der Organisation Hamas und vier des
Islamischen Dschihad.
Ausweisungen werden in der Regel damit begründet, dass
terroristische Aktivitäten verhindert werden sollen.
Menschenrechtsorganisationen haben das Vorgehen schon häufig
kritisiert.
Der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki hat der
israelischen Regierung eine Apartheidspolitik vorgeworfen. Die
israelische Sperranlage entlang des Westjordanlandes habe "nichts mit
Schutz oder Sicherheit zu tun", erklärt Mbeki am Donnerstag im
Regierungssitz Pretoria. "Sie sollte als das erkannt werden, was sie
ist, eine Apartheidsmauer - und sie sollte aufgelöst werden, wie
es die Apardheid werden musste." Die Sperranlage sei nur dazu da,
"Araber und Juden voneinander zu trennen", kritisierte der Staatschef.
Kurz vor den Beratungen palästinensischer Gruppen über eine
mögliche Waffenruhe hat Israel Bereitschaft zu militärischer
Zurückhaltung in den Autonomiegebieten signalisiert. Israel
könne die Intensität seiner Militäraktionen
einschränken, falls sich die Palästinenser auf eine
Waffenruhe einigten und keine Anschläge in Vorbereitung seien,
sagte der stellvertretende Verteidigungsminister Seev Boim am
Donnerstag im staatlichen Rundfunk. Mit Blick auf den
palästinensischen Ministerpräsidenten Ahmed Kureia fügte
er hinzu: "Wir müssen Abu Alaa eine Chance geben." Die Chance
einer Einigung auf eine Waffenruhe schätze er jedoch als gering
ein.
(Quelle: ap, afp)
Bush zeigt verhaltene Zustimmung zum Genfer Friedensplan
Fr.05.12.03 - US-Präsident George W. Bush hat am Donnerstag verhaltene
Zustimmung zum inoffiziellen Genfer Friedensplan für den Nahen
Osten geäußert. Die Initiative sei sinnvoll, wenn sie sich
an den Grundsätzen seines Vorschlags orientiere und
Terrorbekämpfung, die Gewährleistung von Sicherheit und die
Bildung eines demokratischen palästinensischen Staates vorsehe,
sagte Bush während eines Treffens mit dem jordanischen König
Abdullah II. in Washington.
Abdullah erklärte, trotz zahlreicher Schwierigkeiten hätten
sich alle Seiten um Gespräche zwischen dem palästinensischen
Ministerpräsidenten Ahmed Kureia und israelischen Vertretern
bemüht. Er hoffe auf «einige kleine Schritte» in
Richtung auf eine weitere Entwicklung, sagte Abdullah.
US-Außenminister Colin Powell und der stellvertretende
Verteidigungsminister Paul Wolfowitz wollten am (heutigen) Freitag mit
den Initiatoren des Genfer Plans zusammentreffen. Er sieht sieht eine
fast vollständige Räumung des Gazastreifens und des
Westjordanlands durch Israel vor. Die Palästinenser sollen im
Gegenzug auf ein Rückkehrrecht für Flüchtlinge
verzichten.
(Quelle: ap)
Genfer Abkommen:
http://www.miftah.org/Display.cfm?DocId=2575&CategoryId=7
Weitere Berichte und Hintergrundinformationen zur Genfer Friedensinitiative
im boa-Nachrichten-Arhciv unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0312010.htm#031201_e
Der "Fahrplan" zum Nahost-Frieden (Nahost-Friedensplan / Road Map)
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv/k0305120.htm#030512_d
Interpol fahndet nach Liberias Exdiktator Taylor
UN-Tribunal in Sierra Leone legt ihm Kriegsverbrechen zur Las
Fr.05.12.03 - Der ehemalige liberianische Präsident Charles Taylor steht seit
Donnerstag auf der Interpol-Fahndungsliste. Taylor werde wegen
Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht, heißt es auf der
Web-Site von Interpol [http://www.interpol.int].
Im Juni hatte ein UN-Tribunal in Sierra Leone Anklage gegen Taylor
erhoben. Ihm werden Kriegsverbrechen zur Last gelegt.
Der 55-jährige Taylor verließ Liberia auf internationalen
Druck hin im August, nachdem Rebellen die Hauptstadt Monrovia besetzt
hatten. Er ging nach Nigeria ins Exil. Eine nigerianische
Regierungssprecherin erklärte am Donnerstag, Präsident
Olusegun Obasanjo werde nicht zulassen, dass Nigeria
«eingeschüchtert werde», um Taylor auszuliefern.
Taylor ist nicht der erste Staatschef, der von Interpol gesucht wird.
Auch der peruanische Expräsident Alberto Fujimori steht auf der
Fahndungsliste, nachdem er Ende 2000 nach seinem Sturz wegen eines
Korruptionsskandals nach Japan geflüchtet war.
(Quelle: ap)
Organschmugglerring in Südafrika und Brasielien ausgehoben
Fr.05.12.03 - Bei einem Schlag gegen weltweit operierende Organschmuggler sind in
Brasilien und Südafrika mehr als ein Dutzend Männer
festgenommen worden. Sie stehen im Verdacht, arme Brasilianer mit Geld
zum Organspenden nach Südafrika gelockt zu haben. Südafrikas
Polizei geht davon aus, dass das Schmuggelnetzwerk weiter verbreitet
ist als bisher ersichtlich und schließt weitere Festnahmen nicht
aus. "Wir haben Mitglieder überall auf der Welt im Visier", sagte
eine Polizeisprecherin gestern. Auch Fahnder sind in die kriminellen
Machenschaften verstrickt.
Begonnen hatte die Aktion gegen die Gangster im Nordosten Brasiliens.
Dort wurden elf Männer festgenommen, unter ihnen ein
Polizeioffizier. Zuvor war in der südafrikanischen Hafenstadt
Durban die Festnahme zweier Männer israelischer Abstammung
gemeldet worden. Einem von ihnen soll unmittelbar zuvor eine neue Niere
eingepflanzt worden sein. Die südafrikanische Polizei
bestätigte Kontakte zur brasilianischen Polizei via Interpol.
Demnach haben die südafrikanischen Behörden schon vor Monaten
einen Tipp erhalten und eigene Ermittlungen angestellt. Sie gehen davon
aus, dass das Netzwerk bereits seit mehr als einem Jahr aktiv war.
Ähnliche Vermutungen gibt es auch in Brasilien. "Im Rahmen des
illegalen Handels mit Organen wurden allein hier in Recife nach unseren
Erkenntnissen mindestens 30 Operationen durchgeführt",
erklärte Polizeichef Wilson Damazio. Die Zahl der illegal
gehandelten Organe könne aber deutlich höher liegen. Mit
Hilfe Südafrikas wolle man in Brasilien herausfinden, in welchen
Kliniken solche Operationen durchgeführt worden seien, wer die
Verantwortlichen seien und wie die internationale Verbindung zustande
kam.
(Quelle: taz/dpa)
19 Tote bei Selbstmordanschlag in russischem Zug
Fr.05.12.03 - Eine Explosion in einem Pendlerzug in Südrussland am Morgen ist
von einer Selbstmordattentäterin ausgelöst worden. Dies
meldete die russische Nachrichtenagentur Itar Tass unter Berufung auf
das Innenministerium. Die Zahl der Toten erhöhte sich auf
mindestens 19. Mindestens 50 weitere Menschen seien verletzt worden,
teilten Vertreter des Katastrophenschutzministeriums zuvor mit.
Der Zug war unterwegs in Richtung Mineralnije Wodi in der Region
Stawropol, die an die abtrünnige Kaukasusrepublik Tschetschenien
grenzt. Durch die Wucht der Detonation wenige Kilometer vor der Stadt
Essentuki sei ein Waggon zerstört worden. Anfang September war ein
Sprengstoffanschlag auf einen Pendlerzug in der Region verübt
worden. Dabei wurden sechs Menschen getötet und 32 weitere
verletzt.
(Quelle: afp)
USA heben Strafzölle auf Stahlimporte auf
Fr.05.12.03 - Die USA haben die Strafzölle auf Stahlimporte aufgehoben und damit
in letzter Minute einen drohenden Handelskrieg mit der EU und Japan
abgewendet. Die USA hatten seit März 2002 Stahlimporte mit
Schutzzöllen bis zu 30 Prozent belegt, was von der
Welthandelsorganisation WTO für illegal erklärt wurde. Die EU
kündigte daraufhin milliardenschwere Strafmaßnahmen an. In
Washington hieß es offiziell, die Entscheidung sei keine Reaktion
darauf. Vielmehr habe sich die amerikanische Stahlindustrie inzwischen
ausreichend modernisiert und sei damit wieder wettbewerbsfähig.
(Quelle: br-Radionachrichten)
Kompromisssuche zur EU-Verfassung voll im Gange
Fr.05.12.03 - Das Europäische Parlament will mit einem Kompromiss zum
Abstimmungssystem die stockenden Verhandlungen über die
EU-Verfassung aus der Sackgasse führen. Gleichzeitig
äußerte sich der amtierende EU-Ratspräsident, Italiens
Ministerpräsident Silvio Berlusconi, zuversichtlich, dass es in
der kommenden Woche beim EU-Gipfel in Brüssel trotz noch
bestehender Meinungsverschiedenheiten doch noch zu einem
Kompromisspaket kommt.
Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel sagte nach einem Spitzentreffen der
Europäischen Volkspartei (EVP) in Paris: «Niemand hat den
Eindruck vermittelt, dass er entschlossen ist, die Verfassung scheitern
zu lassen.» Merkel unterstützt im Streit um die
künftige Stimmengewichtung in der EU die Haltung der
Bundesregierung. «Die jetzt vorgeschlagene Stimmengewichtung im
EU-Ministerrat ist vernünftig und richtig.» Jede
Veränderung des Quorums wäre «schädlich und bringt
Europa nicht voran», sagte sie.
An dem Treffen auf Einladung des französischen
Ministerpräsidenten Jean Pierre Raffarin nahmen alle konservativen
und christdemokratischen Partei- und Regierungschefs Europas teil.
Dabei war auch der spanische Regierungschef José Maria Aznar,
dessen Land zusammen mit Polen derzeit vor allem eine Einigung
blockiert. Beide Länder lehnen die im Verfassungsentwurf die
für Abstimmungen vorgesehene doppelte Mehrheit der Staaten und der
Bevölkerung ab.
Dazu schlugen die Abgeordneten des EU-Parlaments in Brüssel vor,
bei Beibehaltung des Prinzips der doppelten Mehrheiten die
Mehrheitsschwellen für die Abstimmungen zu verändern. Sie
liegen nach dem Konvententwurf bei der einfachen Mehrheit der Staaten,
die 60 Prozent der Bevölkerung repräsentieren müssen.
Würden diese Zahlen heraufgesetzt, blieben die
Blockademöglichkeiten für Staaten wie Polen und Spanien
weitgehend erhalten. Das Parlament forderte in seinem Vorschlag zur
Nutzung dieses Spielraums auf. Die Blockade- Schwelle verglichen mit
den Festlegungen des EU-Vertrages von Nizza müsse aber
herabgesetzt werden.
Bundesaußenminister Joschka Fischer warnte unterdessen erneut vor
dem Scheitern der EU-Verfassung und den gravierenden Folgen eines
solchen Misserfolgs. «Wenn wir unsere internen Probleme nicht
lösen, werden wir für unsere internen Reibungsverluste einen
sehr hohen Preis bezahlen», sagte Fischer der «Financial
Times Deutschland (Donnerstag-Ausgabe). Für den Fall des
Scheiterns sagte der Außenminister den Zerfall der EU in ein
Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten voraus.
(Quelle: dpa)
EU-Votum über Genfood: Berlin will sich enthalten
Fr.05.12.03 - Im Streit um die EU-weite Zulassung von genmanipulierten Lebensmitteln
will Berlin sich enthalten. Zunächst müssten sich die
Ressorts noch untereinander abstimmen, begründete
Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne) am Donnerstag in
Brüssel die abwartende Haltung der Bundesregierung. Bei einer
Abstimmung am kommenden Montag werde sich Deutschland voraussichtlich
enthalten. Vertreter der 15 EU-Staaten wollen dann im ständigen
Lebensmittelausschuss entscheiden, ob erstmals seit fünf Jahren
ein genmanipulierter Mais zugelassen wird.
Grundlage für die Entscheidung in Brüssel sind neue
EU-Vorschriften über die Kennzeichnung und die
Rückverfolgbarkeit von Gentech-Pflanzen, die Anfang November in
Kraft traten. Damit endete ein seit 1998 geltendes De-facto-Verbot
für den Import gentechnisch manipulierter Pflanzen. Künast
ließ erkennen, dass noch nicht alle Zweifel über die
Sicherheit genmanipulierter Organismen ausgeräumt seien: "Wir
haben noch jede Menge Erfahrungen zu machen", sagte sie bei einer
Konferenz zur Risikowahrnehmung von Verbrauchern in Brüssel.
EU-Verbraucherkommissar David Byrne betonte dagegen: "Alle
wissenschaftlichen Tests zu genveränderten Lebensmitteln zeigen,
dass sie genauso sicher sind wie herkömmliche Lebensmittel." Die
Entscheidung dürfe daher nicht allein von der Einstellung der
Verbraucher abhängig gemacht werden. Umfragen zufolge ist eine
Mehrheit der europäischen Bürger gegen den Anbau und die
Vermarktung von Gen-Lebensmitteln.
(Quelle: afp)
Holland wird voraussichtlich gegen Euro-Stabilitätspakts
verstoßen
Fr.05.12.03 - Auch die Niederlande, die bisher zu den schärfsten Kritikern
deutscher Defizitvergehen zählten, werden im kommenden Jahr
voraussichtlich gegen die Drei-Prozent-Obergrenze des
Euro-Stabilitätspakts verstoßen. Das regierungsamtliche
Planungsbüro (CPB) in Den Haag erwartet im Jahr 2004 ein
Haushaltsdefizit von 3,25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).
Rückläufige Steuereinnahmen und höhere Ausgaben im
Gesundheitssektor seien dafür verantwortlich, stellte das
Büro gestern in seiner jüngsten Konjunkturprognose fest.
Dabei hatte der niederländische Finanzminister Gerrit Zalm das
Überschreiten der Euro-Stabilitätsnorm durch Deutschland und
Frankreich scharf kritisiert - und zu Strafen gegen die "Sünder"
aufgerufen. Die Haltung der EU-Kommission und der Mehrheit der anderen
Finanzminister gegenüber Deutschland und Frankreich bezeichnete er
als "völlig unzureichend". Seine Drohung, eventuell juristische
Schritte auf europäischer Ebene einzuleiten, ließ er dann
aber doch fallen.
(Quelle: taz/dpa)
Triptichon des neoliberalen Verfalls Europas
Es geht um die Niederlande - Holland - ein zentrales Mitglied der EU.
Die EU ist ein supranationaler Staat mit einer Wirtschaftkraft
vergleichbar der der USA. Das Besondere an Holland: Es besitzt das
liberalste Euthanasiegesetz der Welt. Und Holland hat ein kaputtes
Gesundheitssystem - eine gefährliche Kombination. Mitte Oktober
stand im ‘Spiegel’: “... gibt es alte Menschen in Holland, die
vorsichtigerweise einen Zettel bei sich haben, auf dem steht: “Maak mij
niet dood, dokter!” ...“Weil das (Euthanasie-)Gesetz in der Praxis kaum
kontrolliert wird, können Ärzte... Leben beenden, wenn sie
meinen, dass die Verlängerung zu teuer wird.” (‘Süßes
Gift des Lohnverzichts’, ‘Der Spiegel’ 43/2003)
Wie gesagt, Holland ist ein zentrales Mitglied der EU - eines der
reichsten Länder der Welt. Leider ist die holländische
Wirtschaft in schweres Fahrwasser geraten. Die Probleme begannen Anfang
der 80ger Jahre, als die holländische Regierung die Sozialpartner
zum ‘Vertrag von Wassenaar’ überredete: Lohnzurückhaltung
plus teilweise Aushebelung des Kündigungsschutzes...
Aus: Andrea Noll - "Triptichon des neoliberalen Verfalls Europas -
'Maak mij niet dood, dokter!' ",
ZNet 30.11.03
Mehr unter:
http://zmag.de/artikel.php?id=924
http://www.zmag.org/sustainers/content/2003-11/30noll.cfm
|
Neues Gesetz ermöglicht Berlusconi Ausbau seines Medienimperiums
Fr.05.12.03 - Der italienische Senat hat am Dienstag einer umstrittenen
Mediengesetzreform zugestimmt, die unter anderem den Besitz von
Medienkonzernen neu regelt. Nachdem das Unterhaus bereits im Oktober
zugestimmt hatte, steht dem In-Kraft-Treten des Gesetztes nichts mehr
im Wege. Nach Meinung von Beobachtern wird von der Neuregelung
besonders das Medienimperium von Regierungschef Silvio Berlusconi
profitieren. Die Opposition sprach daher von einem
maßgeschneiderten Gesetz.
In dem mit 155 zu 128 Stimmen angenommenen Entwurf werden die Sparten
Print, Rundfunk, Musik, Internet, Filme und Verlagswesen
zusammengelegt. Es würde Berlusconis Mediaset-Imperium erlauben,
die Werbeerlöse um eine Milliarde Euro zu erhöhen, ohne eine
Grenze zu überschreiten, wonach Einzelpersonen nicht mehr als 20
Prozent des Marktes kontrollieren dürfen. Unterstützer des
Ministerpräsidenten hielten den Kritikern entgegen, durch die
Reform werde die italienische Medienlandschaft im internationalen
Vergleich wettbewerbsfähiger. Ein Aspekt des Gesetzespaketes ist
die Privatisierung das Staatssenders RAI.
(Quelle: ap)
Mehr zum Thema in der "tageszeitung" vom 05.12.03:
http://www.taz.de/pt/2003/12/05/a0129.nf/text
Silvio Berlusconi
So viel Macht hatte noch nie jemand in einer europäischen
Demokratie
Ministerpräsident Silvio Berlusconi, 67, gebietet in Italien de
facto über das gesamte Fernsehen, aber auch über andere
Medien. Der Selfmade-Man, der in der Jugend als Unterhalter auf
Kreuzfahrtschiffen arbeitete und später mit Bauprojekten in
Mailand groß wurde, hat seine wichtigsten Aktivitäten im
TV-Konzern Mediaset gebündelt, zu dem die Privatsender Italia Uno,
Retequattro und Canale 5 gehören. Auch bei der
noch-öffentlichen Konkurrenz Rai mischt er mit. Zum Reich der
Berlusconi-Familie zählen der Verlag Mondadori, die Zeitung Il
Giornale und der Fußballklub AC Milan. In Prozessen kamen
Mafia-Verbindungen zur Sprache, ohne dass Berlusconi letztinstanzlich
verurteilt wurde.
(Quelle: sz)
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Zufluchtstätte für verfolgte Journalisten in Paris
Fr.05.12.03 - In ihrer Heimat verfolgte Journalisten können in Paris Aufnahme
finden. Bürgermeister Bertrand Delanoë eröffnete am
Donnerstag das «Maison des Journalistes», das bis zu 15
Medienvertretern für jeweils sechs Monate Zuflucht bietet. Von
dort aus könnten sie ihre Arbeit fortsetzen und sich um ihre
Anerkennung als Asylbewerber kümmern, sagte der Präsident von
Reporter ohne Grenzen (RSF), Robert Ménard. Derzeit seien
bereits 15 aus Afrika und Asien geflüchtete Kollegen
untergebracht. Die Stadt Paris stellte das Gebäude im Süden
der französischen Hauptstadt zur Verfügung und steuerte
124.000 Euro zur Renovierung bei. An der Finanzierung des von
Mitarbeitern des staatlichen Rundfunks Radio France initiierten
Projekts beteiligen sich auch RSF, verschiedene Medienorganisationen
und die EU.
(Quelle: ap)
Greenpeace-Protest gegen neuen Atomreaktor in der Normandie
Fr.05.12.03 - Aus Protest gegen den Bau neuer Atomkraftwerke sind
Greenpeace-Aktivisten am Donnerstag auf das Gelände des AKW Penly
in der Normandie eingedrungen. Wie die Präfektur berichtete,
kletterten einige Umweltschützer auf das Dach des
Reaktorgebäudes und den Schornstein. Greenpeace erklärte, der
Energiekonzern EDF wolle in Penly bei Dieppe einen Europäischen
Druckwasserreaktor EPR (European Pressurized Water Reactor) errichten.
Dieser Reaktortyp sei aber nicht, wie von der Atomlobby behauptet
werde, eine technische Neuentwicklung, sondern veraltet und unsicher.
Die französische Regierung will Anfang nächsten Jahres
entscheiden, ob ein Prototyp des vom deutsch-französischen
Gemeinschaftsunternehmen Framatome entwickelten EPR gebaut werden soll.
(Quelle: ap)
Deutschland
Anhaltende Kritik an Schröders Atomdeal mit China
Umweltpolitiker der Grünen: Es gibt niemanden in der
Grünen-Fraktion, der die Haltung des Kanzlers nicht kritisch sehe
+++ Fischer gerät unter Druck - Der Grünen-Politiker soll
bereits im Oktober seine Zustimmung für die Ausfuhr der Anlage
signalisiert haben +++ Regierungskreise: Verkauf kann rechtlich kaum
gestoppt werden
Fr.05.12.03 - In der rot-grünen Koalition reißt die Kritik an dem von
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) befürworteten Verkauf
der Hanauer Plutonium-Fabrik an China nicht ab.
Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) sagte der
«Berliner Zeitung», es sei zu prüfen, ob der geplante
Export unter die Vorschrift des Außenwirtschaftsgesetzes falle.
Danach könnten Exportgeschäfte beschränkt werden, um
eine Störung des friedlichen Zusammenlebens der Völker zu
verhüten. Atomrechtlich gebe es keine Handhabe, den Verkauf zu
stoppen. «Wenn es eine rechtliche Chance gibt, den Verkauf zu
verhindern, sollte man sie nutzen.»
Der grüne Umweltpolitiker Winfried Hermann sagte der
«Stuttgarter Zeitung»: «Es ist Sprengstoff für
die Koalition.» Es gebe niemanden in der Grünen-Fraktion,
der die Haltung des Kanzlers nicht kritisch sehe. «Niemand
versteht den Kanzler.» In der Chemnitzer «Freien
Presse» kündigte Hermann an, den beabsichtigten Verkauf zum
Thema im Bundestag zu machen.
Nach einem Bericht der Tageszeitung «Die Welt» plant
Rot-Grün ein Treffen der Koalitionsspitzen zu dem umstrittenen
Geschäft. Auch die «Berliner Zeitung» meldet, eine
Koalitionsrunde beim Kanzler am kommenden Montag sei nicht
ausgeschlossen. Ein Sprecher des Bundespresseamtes sagte am
Donnerstagabend: «Ein solches Treffen ist nicht vorgesehen.»
Rebecca Harms, Spitzenkandidatin der Grünen bei der Europawahl im
kommenden Jahr, sagte der Berliner «tageszeitung»:
«Diese Anlage zu exportieren, ist nicht vertretbar.» Es
habe gute Gründe gegeben, die Anlage nicht nach Russland zu
exportieren. «Diese Gründe gelten genauso für den
Export nach China.» Das Geschäft mit Russland war
gescheitert, weil die Bundesregierung keine staatliche
Hermesbürgschaft gewährt hatte.
Grünen-Chefin Angelika Beer erwartet, dass die Möglichkeit
der militärischen Nutzung ausgeschlossen wird. «Dieser Punkt
muss geklärt werden, bevor irgendwelche Entscheidungen fallen, und
ich glaube auch, dass er zu klären ist», sagte sie am
Donnerstag im NDR.
SPD-Fraktionsvize Michael Müller sieht kaum noch
Möglichkeiten, den Export zu verhindern. «Ich glaube nicht,
dass wir etwas dagegen in der Hand haben», sagte er der
Chemnitzer «Freien Presse». Wenn es überhaupt
Rechtsmittel gebe, seien sie sehr begrenzt.
Wegen des möglichen Verkaufs der Hanauer Plutonium-Anlage nach
China gerät Bundesaußenminister Joschka Fischer unter Druck.
Nach Informationen des «Handelsblatts» soll der
Grünen-Politiker bereits im Oktober seine Zustimmung für die
Ausfuhr der Anlage signalisiert haben. Der Grünen-Abgeordnete
Winfried Hermann forderte Aufklärung von Fischer und
Umweltminister Jürgen Trittin. Hessens SPD-Chefin Andrea Ypsilanti
forderte in der «Welt»: «Wenn Fischer den
möglichen Export wirklich schon im Oktober versprochen hat, dann
muss er dazu Stellung beziehen».Fischer selbst erklärte, das
entsprechende Prüfverfahren sei noch nicht abgeschlossen.
Für ihn persönlich sei ein Verkauf der Anlage an China
«eine bittere Entscheidung», sagte Fischer am Donnerstag am
Rande eines Treffens der NATO-Außenminister in Brüssel. Bei
dem Antrag Chinas handele es sich aber um ein rechtsförmiges
Verfahren. Die Bundesregierung sei dabei «ans Gesetz
gebunden». Es sei jetzt wichtig sicherzustellen, dass China die
Plutoniumanlage militärisch nicht nutzen werde.
Das «Handelsblatt» beruft sich auf einen ihm vorliegenden
Brief von Fischers Staatssekretär Jürgen Chrobog. Danach habe
Siemens einen Anspruch auf Erteilung der bereits Anfang 2003
angefragten Ausfuhrgenehmigung. Auch die «Berliner Zeitung»
zitierte Regierungskreise, wonach ein Verkauf rechtlich kaum gestoppt
werden könne.
Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag,
Reinhard Loske, lehnte eine Stellungnahme ab und verwies auf das
laufende Prüfverfahren. Dagegen erklärte Hermann der
«Sächsischen Zeitung» (Freitagausgabe), es sei falsch,
sich nicht zu dem Thema zu äußern, selbst wenn man glaube,
den Export nicht verhindern zu können. Er erwarte, dass die
Fraktion «eindeutig und kritisch» gegen den Verkauf
Stellung beziehe.
Auch FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper forderte Fischer auf,
«endlich sein Schweigen zu brechen über die ungeheuerliche
Verknüpfung von Waffen- und Atomgeschäften mit China, wie sie
Bundeskanzler Schröder in Peking eingefädelt hat».
Sollte Fischer tatsächlich grünes Licht für eine
Initiative zur Aufhebung des Waffenembargos gegenüber China
gegeben haben, verlören die Grünen endgültig
«ihren selbst gebastelten Heiligenschein».
Auch in der SPD regt sich Widerstand gegen einen Verkauf der Fabrik.
Die stellvertretende Parteivorsitzende Ute Vogt sagte dem
«Mannheimer Morgen», es könne nicht angehen,
«dass wir aus der Atomenergie aussteigen und gegebenenfalls deren
weltweiten Export unterstützen». Zunächst müsse
man sich aber genauer darüber informieren, «was der Kanzler
in China konkret zugesagt hat».
Der SPD-Fraktionsvorsitzende Franz Müntefering warnte
Atomkraftgegner in den Regierungsparteien vor einer voreiligen
Ablehnung des Geschäftes. «Wenn ein deutsches Unternehmen
einen Teil seines Eigentums ins Ausland verkaufen will, muss man gute
Gründe haben, um es zu verhindern», sagte Müntefering
am Donnerstag in Düsseldorf. Mit der Anlage könne weder
Plutonium produziert, noch waffenfähiges Plutonium aufgearbeitet
werden.
Bundesverteidigungsminister Peter Struck erklärte der in Hannover
erscheinenden «Neuen Presse», der Verkauf solle nur
erfolgen, wenn Peking eine friedliche Nutzung der Anlage garantiere.
«Wenn unser Prüfverfahren positiv ausgeht, hätte ich
gegen den Verkauf der Anlage keine Bedenken», sagte der
SPD-Politiker. Angesichts der Kritik aus den Reihen der Grünen
räumte Struck ein, dass es sich um ein «hochemotionales
Thema» handele. Er sehe aber kein Glaubwürdigkeitsproblem
der rot-grünen Bundesregierung.
(Quellen: dpa, ap)
Atomarer Wiedergänger auf Fischers Schreibtisch
Vor mehr als zehn Jahren sorgte der Grünen-Politiker in Hessen
für das Aus der Plutoniumfabrik in Hanau
Fr.05.12.03 - Es gibt nur wenige Themen, die über Jahre und Jahrzehnte immer
wieder auf dem Schreibtisch von Joschka Fischer gelandet sind. Die
ehemalige Hanauer Plutoniumfabrik, deren Anlagen jetzt nach China
exportiert werden sollen, gehört dazu. Vor mehr als zehn Jahren
sorgte der Grünen-Politiker in Hessen für das atomare Aus in
Hanau. Nun ist er wieder mit dem Export der umstrittenen Technik
befasst.
In der kommenden Woche jährt sich der Tag wieder einmal: Am 12.
Dezember 1985 wurde Fischer im hessischen Landtag zum bundesweit ersten
Umweltminister der Grünen vereidigt. Damals war das umfangreiche
und stark gesicherte Areal im Hanauer Stadtteil Wolfgang das
Herzstück der bundesdeutschen Atomindustrie.
Hier wurde der Brennstoff gefertigt für alle deutschen Atommeiler:
Brennelemente für Leichtwasserreaktoren, für
Hochtemperaturreaktoren und für den Schnellen Brüter. Die in
Wiesbaden regierende SPD unter Ministerpräsident Holger
Börner setzte auf den konsequenten Ausbau der Atomtechnik. Im
südhessischen Biblis sollte das Atomkraftwerk Biblis C entstehen,
in Nordhessen eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage gebaut werden und
in Hanau eine neue Fabrik für plutoniumhaltige Mischoxide
entstehen. Für die hessischen Grünen damals wie heute eine
Horrorvorstellung.
Bundesweite Beachtung fand das Tauziehen um die hessische Atomindustrie
mit einem Schlag nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Fischer
war kaum 100 Tage im Amt, da wuchs der Erwartungsdruck auf die in
Wiesbaden mitregierenden Grünen gewaltig an. Hier waren sie nun
erstmals in der Regierungsbeteiligung, die atomkritischen Grünen.
Nun sollten sie einmal zeigen, wie man den Atomausstieg bewerkstelligt.
Doch Fischers Handlungsspielraum blieb gering. Denn bei Bildung der
ersten rot-grünen Wiesbadener Koalition war die Verantwortung
für die Hanauer Betriebe im Ressort des atomfreundlichen
Wirtschaftsministers Ulrich Steger (SPD) geblieben. Tatenlos mussten
die Grünen zusehen, wie Börner im Landtag erklärte, die
hessischen Atomanlagen seien sicher, und Steger die Genehmigung
für die Hanauer Plutoniumfabrik weiter vorantrieb.
Der Streit zwischen den Regierungspartner eskalierte, als Börner
Anfang Februar 1987 entschied, die umstrittene Anlage trotz massiven
Widerstands der Grünen zu genehmigen. Auf einer
Landesmitgliederversammlung am erklärte Fischer daraufhin, dies
sei seine letzte Rede als hessischer Umweltminister. Eine Tag
später wurde er von Börner entlassen. Die erste
rot-grüne Landeskoalition in Deutschland war zerbrochen.
Es folgte die vierjährige Ära Walter Wallmann in Wiesbaden.
Die CDU/FDP-Regierung erließ für die Hanauer Fabrik
insgesamt sechs Teilgenehmigungen. Errichtung und Ausrüstung des
riesigen, bunkerähnlichen Gebäudes schritten rasch voran.
Doch 1991 verlor Wallmann überraschend die Wahl, und es kam unter
Hans Eichel und Fischer zur Neuauflage von Rot-Grün in Wiesbaden.
Nun allerdings drehte sich der Wind für die Atomindustrie in
Hessen deutlich. Die einst so atomfreundliche hessische SPD hatte in
den Oppositionsjahren einen kernenergiekritischen Kurs eingeschlagen.
Fischer erhielt als Umweltminister auch die Zuständigkeit für
die Atompolitik.
Kaum mehr als zwei Monate im Amt, schlug der Grünen-Politiker zu.
Nachdem 1991 bei einem Zwischenfall im Lager für radioaktive
Stoffe in Hanau eine Transportfolie aufgerissen und eine kleine Menge
Plutonium ausgetreten war, verbot Fischer umgehend sämtliche
Transporte aus dem Spaltstofflager. Damit war die seit den 70er Jahren
bestehende Altanlage für plutonium- und uranhaltige Mischoxide
(MOX) lahm gelegt. Ein fast dreijähriger Betriebsstillstand folgte
mit Verlusten für das Betreiberunternehmen Siemens von rund 120
Millionen Mark pro Jahr.
Nun wollte sich Siemens ganz auf die fast fertig gestellte Neuanlage
konzentrieren, doch auch hier verhinderte eine Verzögerungstaktik
- der «ausstiegsorientierte Gesetzesvollzug» - von Fischers
Ministerium die endgültige Inbetriebnahme. 1995 entschieden
Siemens und die deutschen Stromkonzerne daher, auch die rund 1,1
Milliarden Mark teure Neuanlage aufzugeben und die MOX-Fertigung ins
Ausland zu verlagern.
Den mittlerweile in die Bundespolitik gewechselten Fischer aber
verfolgte das Schicksal der Hanauer Anlage weiter. Im Sommer 2000
äußerte Russland Interesse, das Innenleben der Hanauer
Fabrik zu übernehmen, um das Plutonium aus seinen verschrotteten
Atomraketen in MOX-Brennelemente verwandeln zu können. Schon
damals plädierte Bundeskanzler Gerhard Schröder für den
Export.
Und ebenso wie heute erhob sich ein Sturm der Empörung bei den
Grünen. Aus verschiedenen Gründen verlief das Geschäft
damals im Sande. Doch nun stehen die Chancen für Siemens, die
alten Maschinen aus Hanau noch loszuwerden offenbar gut wie noch nie,
wenn das Fischer unterstehende Bundesausfuhramt tatsächlich seine
Zustimmung erteilt.
(Quelle: ap)
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Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Kasachstan ausgebaut
Fr.05.12.03 - Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Kasachstan soll in den
nächsten drei Jahren verdoppelt werden. Dieses Ziel gab
Bundeskanzler Gerhard Schröder am Donnerstag nach einem Treffen
mit Präsident Nursultan Nasarbajew in der kasachischen Hauptstadt
Astana aus. Deutsche Unternehmen erhielten während des
Kanzler-Besuchs den Zuschlag für Aufträge im Wert von 550
Millionen Euro.
Schröder und Nasarbajew verständigten sich auch auf eine
stärkere Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Drogenhandels.
Die Innenminister seien damit beauftragt worden, sich in dieser Frage
enger abzustimmen, sagte der Kanzler.
Nasarbajew betonte, dass sein Land den Kampf gegen den Terrorismus
weiter «mit allen möglichen Kräften»
unterstützen werde. Kasachstan hatte sich nach den Anschlägen
vom 11. September 2001 der internationalen Anti-Terror-Koalition
angeschlossen. Der Kanzler lobte die stabilisierende Rolle, die
Kasachstan in der unruhigen Region Zentralasien spiele.
Der Besuch Schröders ist der erste eines Bundeskanzlers in
Kasachstan seit der Unabhängigkeitserklärung der
früheren Sowjetrepublik 1991. In Anwesenheit des Kanzlers und
Nasarbajews wurden Regierungsabkommen zur Gestaltung der
wirtschaftlichen Zusammenarbeit und zur Ausbildung von
Führungskräften unterzeichnet.
Unter den insgesamt sechs Unternehmensvereinbarungen sind drei des
Siemens-Konzerns, bei denen es um die Erneuerung eines Kohlekraftwerks,
um Telekommunikationstechnik und ein Betriebsleitsystem für die
staatliche Eisenbahn geht. MAN TAKRAF will eine Kohleförderanlage
liefern, Ferrostaal Kompressionsstationen für eine Gaspipeline.
Bei einem Vertrag der Commerzbank geht es um einen Kreditrahmen von 70
Millionen Euro für deutsche Exporte.
Noch nicht unterschriftsreif ist ein EADS-Projekt zur
Luftraumüberwachung mit einem Wert von einer Milliarde Euro. Dabei
gebe es noch «leichten Nachverhandlungsbedarf», hieß
es in Regierungskreisen.
Deutschland ist der drittwichtigste Handelspartner für Kasachstan.
Die deutschen Exporte betrugen im vergangenen Jahr 630 Millionen Euro,
die Einfuhren lagen bei knapp 1,2 Milliarden. Die wichtigsten
Exportgüter Kasachstans sind Öl und Erdgas.
Schröder nannte die Verdoppelung des Handelsvolumens ein
«ehrgeiziges Ziel», das nur erreicht werden könne,
wenn der Austausch neben dem Rohstoffbereich auch bei der
Hochtechnologie und bei Dienstleistungen ausgebaut werde.
Neben den wirtschaftlichen Beziehungen soll es beim Besuch
Schröders auch um die Situation der knapp 300.000 Angehörigen
der deutschstämmigen Minderheit in Kasachstan gehen. Nach der
Wende wanderten jährlich Zehntausende nach Deutschland aus,
insgesamt kamen rund 800.000 Aussiedler aus Kasachstan.
Die Bundesregierung setzt sich seit Jahren dafür ein, die
Bedingungen für den Verbleib der deutschstämmigen
Minderheiten in Osteuropa zu verbessern. Mit Kasachstan war dazu 1996
ein bilaterales Abkommen abgeschlossen worden. Am (heutigen) Freitag
will Schröder zum Abschluss seines Besuchs Gespräche mit
Vertretern der deutschen Minderheit führen. Zudem ist die
Teilnahme an einem Wirtschaftsforum geplant. Anschließend reist
Schröder nach Berlin zurück. Vor Kasachstan hatte der Kanzler
für drei Tage China besucht.
(Quelle: ap)
4 184 500: Arbeitslosenzahl erneut gestiegen
Fr.05.12.03 - Die Arbeitslosigkeit in Deutschland hat den höchsten
November-Stand seit sechs Jahren erreicht. Einen noch stärkeren
Anstieg verhinderten nur die verschärfte Überprüfung der
Arbeitsbereitschaft Erwerbsloser und eine starke Zunahme der Ich-AGs.
Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit (BA) erhöhte sich
die Zahl der Erwerbslosen zum Beginn der kalten Jahreszeit um 32 700
auf 4 184 500. Vor zwölf Monaten hatten die Arbeitsämter 158
700 Arbeitslose weniger registriert. Die Arbeitslosenquote verharrte
bei 10 Prozent.
Der BA-Vorstandsvorsitzende Florian Gerster sprach gleichwohl von einer
günstigen Entwicklung im November und machte dafür
hauptsächlich die «Neuausrichtung der
Arbeitsmarktpolitik» verantwortlich. Dazu gehöre neben der
verstärkten «Aktivierung von Arbeitslosen» auch die
«Aktualisierung der Bewerberstände», sagte der
BA-Chef. Dagegen hätten die von der wirtschaftlichen Belebung
ausgehenden Impulse den Arbeitsmarkt noch nicht erreicht.
Saisonbereinigt nahm die Arbeitslosigkeit im November um 18 000 auf
4,363 Millionen ab. Seit Ende April sei die um jahreszeitliche
Sondereffekte bereinigte Zahl um 75 000 gesunken, sagte Gerster.
Experten sehen auch darin vor allem die Auswirkungen des erhöhten
Drucks der Arbeitsämter auf Arbeitslose als Folge neuer Gesetze.
Die Bundesanstalt räumte ein, dass trotz der anders lautenden
Signale der jüngsten Arbeitsmarktzahlen viele Firmen weiterhin
Arbeitsplätze abbauten. So weist die jüngste
Erwerbstätigen-Statistik - der statistische Spiegel der
Arbeitslosenstatistik - für September einen Rückgang der
sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 182 000 auf 38,41
Millionen aus. Einer weiterhin steigenden Zahl von Arbeitslos-Meldungen
im Vergleich zum Vorjahr stehe eine deutlich sinkende Zahl freier
Stellen gegenüber.
Als problematisch werteten Arbeitsmarkt-Experten unterdessen die
Tatsache, dass sich im November 352 000 Männer und Frauen bei den
Arbeitsämtern abmeldeten, ohne eine neue Stelle gefunden zu haben.
Das waren 86 000 oder 32,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Bank- Analysten
hatten in den vergangenen Tagen betont, dass dies die Aussagekraft der
Arbeitslosenstatistik mindere. Würde man diese Gruppe
hinzurechnen, läge die Zahl der Arbeitslosen im November bei mehr
als 4,5 Millionen.
Gerster verteidigte die verstärkte Bereinigung der Statistik mit
den gesetzlichen Anforderungen. Danach dürften nur diejenigen als
arbeitslos geführt werden, die «von jetzt auf heute eine
Arbeit aufnehmen könnten». In anderen Ländern sei die
Praxis sogar weitaus strenger. So müssten sich Arbeitslose in
Großbritannien alle 14 Tage bei ihrem Arbeitsamt melden; in
Deutschland sei dies in der Regel alle drei Monate der Fall. Wer dann
einen Arbeitsamtstermin versäume, sei offenbar nicht ernsthaft an
einer Arbeit interessiert, sagte BA- Vorstandsmitglied Heinrich Alt.
Besonders schwierig ist die Lage weiterhin am ostdeutschen
Arbeitsmarkt. «Leider ist die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland
immer noch doppelt so hoch wie im Westen», bedauerte Alt. In
Westdeutschland wurden Ende November 2 665 800 Arbeitslose registriert.
Das waren 27 800 mehr als im Oktober und 145 500 mehr als vor einem
Jahr. In Ostdeutschland stieg die Zahl der Erwerbslosen um 4900 auf 1
518 700 (plus 13 200). Die Arbeitslosenquote lag im Osten bei 17,4
Prozent, die im Westen bei 8,1 Prozent.
Unterschiedlich bewerteten derweil Regierung und Opposition die
jüngsten Arbeitsmarktzahlen. Bundesarbeitsminister Wolfgang
Clement (SPD) wertete die Daten als Beleg dafür, dass die Wirkung
der Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung an Dynamik gewinne.
Trotzdem sei die Konjunktur noch zu schwach, um zusätzliche
Arbeitsplätze zu schaffen. Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der
SPD-Bundestagsfraktion, Klaus Brandner, sieht bereits «erste
Vorboten einer konjunkturellen Besserung».
CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer wertete die neuesten
Arbeitsmarktdaten dagegen als «statistische Taschenspielereien,
die nur mühsam kaschieren, dass unter Schröder Stagnation
herrscht». Statt teurer PR-Gags aus Nürnberg brauche
Deutschland Reformen. Johannes Singhammer von der CSU warf
Bundesregierung und Bundesanstalt «Statistik-Kosmetik» vor:
Die BA haben einfach die Zählweise verändert. Dadurch seien
seit April rund 1,3 Millionen Menschen aus der Statistik
hinausgedrängt worden. Auch FDP und DGB sehen noch keine Wende am
Arbeitsmarkt.
(Quelle: dpa)
Gewerkschaften fordern Umsteuern bei Arbeitsmarktpolitik
Dringend notwendig seien Investitionen der Kommunen in die Infrastruktur
Fr.05.12.03 - Vor dem Hintergrund der anhaltenden Beschäftigungskrise fordern
die Gewerkschaften ein Umsteuern bei der Arbeitsmarktpolitik und
höhere Investitionen des Staates. «Vor allem in den
Wintermonaten stehen der Baubranche harte Zeiten und eine vermutlich
stark steigende Arbeitslosigkeit bevor - deshalb sollte der Staat seine
Nachfrage deutlich ausweiten», sagte Klaus Wiesehügel,
Vorsitzender der Gewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU), dem
«Tagesspiegel» (Freitagausgabe).
Dringend notwendig seien Investitionen der Kommunen in die
Infrastruktur. «Das würde der stark von der Krise
betroffenen Bauwirtschaft helfen», sagte Wiesehügel.
«Vor diesem Hintergrund sollte sich die Bundesregierung gut
überlegen, ob sie sich das Vorziehen der Steuerreform leisten
kann.»
Auch Ursula Engelen-Kefer, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen
Gewerkschafts-Bundes (DGB), verlangte eine andere Politik beim Kampf
gegen die Arbeitslosigkeit. «In der Arbeitsmarktpolitik werden zu
einseitige Akzente gesetzt», sagte sie dem
«Tagesspiegel». Langzeitarbeitslose wie Ältere,
Behinderte, gering Qualifizierte und allein Erziehende müssten
besser in den Arbeitsmarkt integriert werden. Ihr Anteil an den
Arbeitslosen steige derzeit am stärksten.
Statt Einarbeitungszuschüssen und kurzfristigen
Trainingsmaßnahmen, die derzeit ausgeweitet würden, seien
Beschäftigungshilfen für diesen Personenkreis sinnvoller.
«Auch wenn es ein bisschen besser wird mit der Konjunktur,
können wir diese Zielgruppen nicht ohne besondere Anstrengungen in
den Arbeitsmarkt eingliedern», sagte Engelen-Kefer. Dazu
müssten lediglich 600 Millionen Euro im Haushalt der Bundesanstalt
für Arbeit umgeschichtet werden.
(Quelle: ap)
Chancen auf Steuersenkungen sind drastisch gesunken
Hoffnungen auf zusätzliche Steuerentlastungen von fast 16
Milliarden Euro im kommenden Jahr haben einen heftigen Dämpfer
erhalten. Eine Woche vor der entscheidenden Verhandlungsrunde im
Vermittlungsausschuss sanken die Chancen für das Vorziehen der
Steuerreformstufe 2005 auf 2004 drastisch. Der Arbeitsgruppe
«Steuern», die den Weg für einen umfassenden
Kompromiss ebnen sollte, gelang auch in ihrer letzten Sitzung am
Donnerstag in Berlin kein Durchbruch
Fr.05.12.03 - Koalition und Opposition verfehlten das Ziel, sich auf eine Empfehlung
für den Vermittlungsausschuss zu verständigen, der
nächsten Mittwoch über die Steuersenkungen entscheidet. Der
hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) drohte offen mit dem
Scheitern der Verhandlungen. Einen Konsens «um des lieben
Friedens Willen» komme nicht in Frage, meinte er. Zu den
Einigungschancen sagte er: «Das Fenster schließt sich im
Augenblick.» Mitunter sei es besser, auf Kompromisse zu
verzichten, die mehr schadeten als nützten.
Finanzminister Hans Eichel (SPD) forderte die Union zum Einlenken auf.
«Im Moment ist im Vermittlungsverfahren noch keine Bewegung zu
erkennen.» Er hoffe, dass es sich nur um den «üblichen
Stellungskrieg» kurz vor einer Entscheidung handele. Ein Verzicht
auf die Steuerentlastung wäre ein herber Rückschlag für
die Konjunktur. «Wir sind für alle Gespräche offen. Wir
wollen den Erfolg», betonte Eichel
In der Arbeitsgruppe «Steuern» habe es «keine
erkennbare Bewegung» gegeben, erklärten mehrere Mitglieder.
Aus dem Gremium verlautete zudem, auch in den SPD-Ländern gebe es
Bedenken wegen der hohen Kosten. Sie würden aber trotzdem
mitziehen, «wenn es zum Schwur kommt».
Bei der Gegenfinanzierung des Vorziehens der 2005-Stufe und der
Gemeindefinanzreform kam es zu keiner Annäherung. Die Koalition
lehnte die CDU/CSU-Forderung nach einer milliardenschweren Soforthilfe
für die Kommunen ab, weil dies nichts mit einer Strukturreform zu
tun habe.
«Die Union versucht, die Preise hochzutreiben», sagte
SPD-Finanzexperte Joachim Poß. Sie habe Angst, dass die Leute
merken, wie stark die Entlastung sei. Bei einem Vorziehen der
2005-Stufe würden acht Millionen Geringverdiener überhaupt
keine Steuern mehr zahlen. Grünen-Finanzsprecherin Christine
Scheel warf der Union vor, von Anfang an geplant zu haben, «das
Vorziehen der Steuerreform zu beerdigen».
Die Steuer-Arbeitsgruppe einigte sich lediglich auf Grundzüge
für die von Eichel geplante Amnestie für reuige
Steuersünder. Sie soll zum Jahreswechsel starten und der
Staatskasse fünf Milliarden Euro bringen, was die Union weiterhin
bezweifelt. Im Ringen um die Tabaksteuererhöhung zeichnet sich ab,
dass die Erhöhung - ein Euro in drei Schritten - nicht so hoch
ausfällt.
Es könne eine Menge Einigungen geben, sagte Koch. Er nannte die
Handwerksordnung, die Neuregelung der staatlichen Hilfen für
Arbeitslose, den Subventionsabbau und «andere steuerrechtliche
Änderungen». Rot-Grün müsse zentrale Forderungen
der Union erfüllen. Sie bestehe auf Änderungen im Tarifrecht,
um Bündnisse für Arbeit zu ermöglichen. «Ich will
keine Gewerkschaften kaputt machen und keine Dumpinglöhne.»
Es gehe um die Bildung von «Schicksalsgemeinschaften» zur
Rettung von Arbeitsplätzen.
(Quelle: ap)
Kultusminister einigen sich erstmals auf bundesweite Bildungsstandards
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft : Die von den
Kultusministerkonferenz vorgelegten Standards erfüllen nicht den
Anspruch, das Schulwesen zu verbessern
Fr.05.12.03 - Als Konsequenz aus dem deutschen PISA-Debakel haben die Kultusminister
für alle Schulen gültige Bildungsstandards beschlossen. Sie
geben vor, was ein Schüler künftig im jeweiligen Fach am Ende
der Klasse beherrschen muss. Zugleich sollen sie die Vergleichbarkeit
der Schulabschlüsse sichern.
Wie die Kultusminister-Präsidentin Karin Wolff (Hessen/CDU) am
Donnerstagabend nach dem Treffen in Bonn mitteilte, sollen die neuen
Standards zu Beginn des Schuljahres 2004/2005 verbindlich werden.
Nach der Vereinbarung über den Mittleren Bildungsabschluss (Klasse
zehn) in Deutsch, Mathematik und erster Fremdsprache sollen im
nächsten Jahr für weitere Fächer Vorgaben folgen.
Für Deutsch wird vorgeschrieben, dass die Schüler sich
konstruktiv an einem Gespräch beteiligen, sich durch Fragen
Informationen beschaffen sowie eine eigene Meinung in freier Rede
vertreten können. Texte wie ein Lebenslauf seien «in gut
lesbarer handschriftlicher Form» abzufassen und sinnvoll zu
strukturieren. Zum Standard gehört auch das Nutzen von
Textverarbeitungsprogrammen.
Für alle Fächer werden Beispielaufgaben vorgegeben. In
Mathematik gehören neben dem sicheren Beherrschen der
Rechengesetze auch Überschlagrechnen, Algorithmen und geometrische
Konstruktionen zum Standard-Programm. In der ersten Fremdsprache -
überwiegend Englisch - sollen sich die Schüler sowohl in
«alltags- wie berufsbezogenen Themen» verständigen
können.
Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) sprach von einem
«wichtigen Schritt nach vorn». Notwendig wäre
allerdings in der Schulpolitik eine «wirkliche
Richtungsänderung». Die Bundeselternrats-Vorsitzende Renate
Hendricks bezeichnete nationale Schulstandards als «absolut
unverzichtbar».
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht derweil in
nationalen Bildungsstandards keinen "Qualitätssprung" für das
Schulsystem und fordert ein Gesamtkonzept, wie sich Schule in
Deutschland verändern soll. Die von den Kultusministerkonferenz
(KMK) vorgelegten Standards erfüllten nicht den Anspruch, das
Schulwesen zu verbessern, erklärte die GEW-Vorsitzende Eva-Maria
Stange in Frankfurt am Main.
Ob sich der Schulalltag positiv verändere, stehe und falle mit der
"Akzeptanz der Qualität der Standards" bei Lehrern, Schülern
und Eltern, erklärte Stange. Dies setze "klare Ziele und ein
erkennbares Gesamtkonzept" voraus. "Beides fehlt bisher", kritisierte
die GEW-Chefin. Bildungsstandards müssten deutlich sichtbar in ein
Gesamtkonzept der Qualitätsentwicklung von Schule eingebettet sein.
"Davon sind wir noch meilenweit entfernt."
Stange forderte, sich über Parteigrenzen hinweg auf grundlegende
nationale Bildungsziele zu verständigen. Das Schulsystem müsse
auf den Prüfstand, nicht die individuelle Leistung von
Schülern. Die KMK habe mit "der übereilten Vorlage ihrer
Standards den zweiten vor dem ersten Schritt getan".
Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz sagte der in Halle
erscheinenden «Mitteldeutschen Zeitung»: «Der
Beschluss hat für Deutschland fast schon eine historische
Dimension.» Es zeige sich, dass die KMK doch
länderübergreifend Maßstäbe setzen können. Es
sei der Einstieg in die Vereinheitlichung und Vereinfachung der 16
Schulsysteme in Deutschland, «ohne deren Vielfalt und
Eigenständigkeit zu nivellieren».
(Quellen: dpa, afp)
Neue OECD-Kritik am deutschen Schulsystem zurückgewiesen
Fr.05.12.03 - Der Deutsche Lehrerverband hat die bekannt gewordenen ersten
Einschätzungen einer internationalen Lehrerstudie der OECD in
scharfer Form kritisiert. "Wenn das Ergebnis solcher Studien ist, dass
die OECD kübelweise Beschimpfungen über Deutschlands Schulen
und Lehrer ausschüttet, sind solche Studien nicht das Papier wert,
auf dem sie gedruckt werden", erklärte Verbandspräsident
Josef Kraus am Donnerstag in Bonn. Die Studie könne nicht als
seriös gelten, weil die Datenerhebung in wissenschaflich
untragbarer Weise zustande gekommen sei. In Deutschland sei ein Zustand
erreicht, "wo das Schlechtreden von Schule und Lehrerberuf zum Kern des
Bildungsproblems wurde."
«Tendenziös» und eine «falsche
Wasserstandsmeldung». Mit diesen Worten hat sich auch die
Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Karin Wolff, gegen die
neue Kritik internationaler Bildungsexperten am deutschen Schulsystem
gewandt. Vor Erscheinen des offiziellen OECD-Berichtes im Frühjahr
2004 seien «seriöse Aussagen» über die Bewertung
des Lehrerberufs in Deutschland nicht möglich»,
erklärte die hessische CDU-Kultusministerin in Bonn.
Die Wochenzeitung "Die Zeit" berichtet in ihrer neuen Ausgabe, dass
Deutschland in der Studie schlecht abschneiden dürfte. Im
Protokoll einer Expertenreise durch deutsche Schulen heiße es,
das heutige System deutscher Schulen gehöre zu einem "vergangenen
ökonomischen und gesellschaftlichen System".
(Quellen: dpa, afp)
Blick ins Archiv
OECD-Lehrerstudie: Wieder vernichtende Kritik an deutschen Schulen
Schulsystem in Deutschland ist veraltet, unflexibel und zersplittert
Do.04.12.03 - "Das heutige System deutscher Schulen gehört zu einem vergangenen
ökonomischen und gesellschaftlichen System." Zu diesem
vernichtenden Urteil über das deutsche Bildungswesen
sind OECD-Experten gekommen, die im Rahmen einer weltweiten
Lehrerstudie auch Schulen in Deutschland besuchten. Das berichtet die
"Zeit" (Ausgabe Nr. 50, 04.Dezember 2003).
In ihrem Protokoll kamen die Experten zu dem Ergebnis: Das deutsche
System sei unflexibel und zersplittert. Weder Lehrer noch Schulen
müssten darüber Rechenschaft ablegen, was sie leisten. Zwar
gebe es in Deutschland auch "hoch engagierte Kollegien" in der
Lehrerschaft. Aber selbst sie lähme ein "unflexibles System von
Verwaltung und Besoldung". In kaum einem anderen Staat sei auch der
Beamtenstatus der Lehrer so ausgeprägt wie in Deutschland....
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0312040.htm#03120426
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Mehr als zwei Millionen Studenten in Deutschland
Fr.05.12.03 - Die Zahl der Studenten hat in Deutschland erstmals die
Zwei-Millionen-Marke überschritten. An den Hochschulen schrieben
sich zum Wintersemester fast 2,026 Millionen Studenten ein, wie das
Statistische Bundesamt auf Grundlage vorläufiger Ergebnisse in
Wiesbaden mitteilte. Dies seien fast 87.000 oder 4,5 Prozent mehr als
im Vorjahr. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD)
begrüßte den neuen Rekordstand.
Im Wintersemester studieren 1,438 Millionen Frauen und Männer an
Universitäten, 555.000 an Fach- oder Verwaltungsfachhochschulen
und 32.000 an Kunsthochschulen. Der Anteil der Frauen blieb im
Vorjahresvergleich unverändert bei 47,4 Prozent. In den Vorjahren
war ihr Anteil kontinuierlich gestiegen. Auch die Zahl der
Studienanfänger erreichte im Studienjahr 2003/2004, zu dem Sommer-
und Wintersemester zählen, mit rund 385.000 einen neuen
Höchststand. Die Anfängerquote, also der Anteil der Studenten
an der gleichaltrigen Bevölkerung, stieg von 37,1 auf 39,6 Prozent.
Bulmahn zeigte sich erfreut über die steigenden Studentenzahlen.
"Wir brauchen in Deutschland immer mehr gut ausgebildete
Fachkräfte, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu
können", erklärte die Bildungsministerin in Berlin. Jetzt
gehe es darum, die Studienbedingungen zu verbessern und vor allem die
hohe Studienabbrecherquote zu verringern. Sie warnte die Länder
eindringlich davor, gerade im Bildungsbereich Mittel zu kürzen.
Bulmahn zeigte Verständnis für die Studentenproteste in
mehreren Bundesländern. Es sei immer gut, wenn sich Menschen
für ihre Rechte einsetzten.
Der Präsident des Deutschen Studentenwerks, Hans-Dieter Rinkens,
bezeichnete die neue Rekordmarke als ein "deutliches Handlungssignal
für die Politik". Er forderte Bund und Länder auf, die
geplanten Sparvorhaben an den Universitäten und im Bildungsbereich
aufzugeben. "Diese Pläne sind absurd. Endlich bewegen wir uns auf
eine höhere Akademikerzahl zu, und jetzt soll dieser Erfolg durch
massive Einschränkungen in der Lehre wieder zunichte gemacht
werden", kritisierte Rinkens.
(Quelle: afp)
Deutsche Unis im Dilemma
Die Bedingungen sind katastrophal, aber der Andrang ist
größer als je zuvor
Fr.05.12.03 - Seit Donnerstag ist einmal wieder
amtlich, dass die deutschen Universitäten in einem Dilemma
stecken. Der Präsident des Statistischen Bundesamtes [http://www.destatis.de/],
Johannes Hahlen, verkündete in Berlin die gute Nachricht, dass
erstmals mehr als zwei Millionen Studenten an den Hochschulen hier zu
Lande eingeschrieben sind. Die schlechte Nachricht war, dass die
Betreuungssituation sich weiter verschlechtert hat - auf einen
Professor kommen ungefähr 54 Studenten.
Die Gründe für die Studi-Schwemme liegen auf der Hand. Noch
immer beenden geburtenstarke Jahrgänge die Schule - und immer
häufiger mit Abitur. Die Ausweitung der Hochschulreife ist
politisch gewollt, weil Deutschland bei der Abiturientenquote mit knapp
unter 40 Prozent im internationalen Vergleich schlecht dasteht. Der
Arbeitsmarkt liefert den Absolventen darüber hinaus Anreiz, die
eigene Ausbildung im Hochschulsektor zu suchen, denn Akademiker werden
wieder verstärkt gesucht. Vor allem Naturwissenschaften liegen im
Trend, wie das Statistische Bundesamt feststellt.
Dass die deutschen Hochschulen überfüllt und unterfinanziert
sind, ist seit langem kein Geheimnis. Doch mit der allerorts miserablen
Haushaltslage verschärft sich das Problem. Während Studenten
angesichts geplanter Kürzungen auf die Barrikaden gehen, fragen
sich Experten, ob es in Zukunft einen Weg aus der deutschen
Bildungsmisere geben wird.
Die Bundesregierung verweist darauf, dass der Bund die
Hochschulausgaben seit 1998 um 23 Prozent gesteigert habe und die
Länder ihre Ausgaben um 13 Prozent. Die Hochschulrektorenkonferenz
[http://www.hrk.de/]
verweist dagegen auf «seit Jahren stagnierende Ausgaben».
Dieser Streit ist Experten zufolge müßig - stattdessen
müsse der Anteil der Hochschulausgaben an der Wirtschaftsleistung
betrachtet werden. Hier diagnostiziert Statistikamts-Chef Hahlen eine
Steigerung von 1,3 Prozent 1993 auf nunmehr immerhin 1,4 Prozent.
Experten sehen aber auch diese Zahl skeptisch: «Rechnet man die
Ausgaben für Universitätskliniken heraus, liegt Deutschland
weiter bei etwa 1,0 Prozent und deutlich unter dem Durchschnitt der
Industriestaaten», erklärt Helmut Klein vom Institut der
deutschen Wirtschaft.
Bleibt die Frage, mit welchem Geld die Hochschulen aufgepäppelt
werden sollen. Studenten und die Bundesregierung wehren sich derzeit
heftig gegen Forderungen der Länder nach Studiengebühren. Die
Kritiker verweisen gerne auf Nordeuropa, wo das Studium auch nichts
kostet, die Universitäten aber längst nicht so voll sind.
Doch um skandinavische Verhältnisse zu erreichen, müsste der
Staat seine Bildungsausgaben deutlich steigern, wie Frank Ziegele vom
Centrum für Hochschulentwicklung (CHE [http://www.che.de/]), das unter anderem von der
Rektorenkonferenz getragen wird, sagt. Eine Aussicht, die angesichts
leerer Kassen in Bund und Ländern nicht besonders realistisch
erscheint.
Befürworter von Studiengebühren vergleichen dagegen das von
Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn durchgesetzte
Gebühren-Verbot mit einem Arbeitsverbot für
Sozialhilfeempfänger, denen gleichzeitig die Stütze
gekürzt wird. Auch Ziegele findet das im Hochschulrahmengesetz
festgelegt Verbot kontraproduktiv. Damit würden nur
«sinnlose Systeme» wie Gebühren für
Langzeitstudenten befördert, kritisiert er. Denn erstens seien die
Einnahmen vergleichsweise gering, zweitens werde Hochschulen damit der
«absurde Anreiz» gegeben, Studenten möglichst lange zu
behalten, argumentiert er. Schuld an dem Bummelstudium seien eher die
Unis als die Studierenden.
Der CHE-Experte hofft, dass das Bundesverfassungsgericht bei der 2004
geplanten Verhandlung mehrerer Länder-Klagen das
Gebührenverbot kippen wird. Eine Studiengebühr müsse
natürlich sozialverträglich, also im Paket mit
Darlehenslösungen kommen, betont Ziegele.
Trotz allem ist Studieren in Deutschland offenbar weiter attraktiv -
die Zahl der ausländischen Studenten stieg laut Statistikamt im
Wintersemester 2002/2003 auf mehr als 227.000, was einem Anstieg von 84
Prozent binnen zehn Jahren entspricht. Experten machen dafür auch
finanzielle Gründe verantwortlich. So sei das Studium in
Großbritannien oder Australien wesentlich teurer, sagt Christoph
Heine vom Hochschul-Informationssystem in Hannover. Zudem hätten
Restriktionen in den USA nach den Anschlägen vom 11. September
2001 Studenten aus muslimischen Ländern «umgeleitet»,
sagt er.
Quelle: ap)
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Studentenproteste vor Arbeitgeber-Kongress
Fr.05.12.03 - Die Berliner Studenten haben ihren Protest gegen
Millionen-Kürzungen in den Etats der Universitäten am
Donnerstag vor die Jahrestagung der Arbeitgeberverbände getragen.
Wie die Polizei mitteilte, versammelten sich in der Mittagszeit rund
300 Personen vor dem Tagungshotel des «Deutschen Arbeitgebertages
2003». Polizisten hinderten einige Protestanten mit Pfefferspray
daran, in das Hotel zu gelangen. Ein Mann wurde wegen Widerstandes
gegen Vollstreckungsbeamte und schweren Landfriedensbruchs festgenommen.
Anschließend seien die Protestanten weiter zum Sitz des
Regierenden Bürgermeisters, dem Roten Rathaus, gezogen. Auch hier
habe die Polizei verhindert, dass jemand in das Gebäude eindringen
konnte.
Bereits am Dienstagabend hatten Studenten das Rote Rathaus kurzzeitig
besetzt. Die Berliner Studenten sind vor rund drei Wochen in Streik
gegen die Kürzungspläne des Senats getreten. Bislang waren
ihre Aktionen weitgehend friedlich.
Zu den Demonstranten gehörten auch Angehörige der Gruppe
«Berlin umsonst», die sich gegen steigende
Nahverkehrs-Tarife, steigende Schwimmbad-Eintrittspreise und
Ähnliches wendet. 500 Menschen hätten vor der
Arbeitgeber-Tagung protestiert, teilte die Initiative mit. Sie
beteilige sich an den Studentenprotesten unter dem Motto «Bildung
für alle - und zwar umsonst», teilte die Gruppe mit.
(Quelle: ap)
Die Studenten sind die Nachhut des sozialen Aufbegehrens ...
.. sagt Herr Tino Bargel in einem taz-Interview vom 05.12.03. Das
jetzige Aufbegehren sei keine Bewegung, "sondern eher eine
Interessenvertretung. Die Studierenden wehren sich gegen
Sparbeschlüsse und gegen Studiengebühren. Es geht also um die
studentische Position im Verteilungskampf...Es gibt keine
übergreifende soziale Idee. Die Studis, die jetzt auf der
Straße sind, wollen keine Ungleichheiten abschaffen oder etwa die
Machtverhältnisse in der Wirtschaft umgestalten...
Mehr unter:
http://www.taz.de/pt/2003/12/05/a0115.nf/text
Tino Barge ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der AG
Hochschulforschung. Sie erstellt seit 1983 den "Studierendensurvey"
über die Studiensituation und die studentischen Orientierungen.
(taz)
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Suhrkamp-Stiftungsräte treten zurück
Fr.05.12.03 - Der Frankfurter Suhrkamp Verlag kommt nicht zur Ruhe: Nachdem in der
vergangenen Woche Verlagsleiter Günter Berg das Handtuch geworfen
hatte, tritt nun auch der hochkarätig besetzte Stiftungsrat
geschlossen zurück. In einer am Mittwoch von Jürgen Habermas,
Hans Magnus Enzensberger, Alexander Kluge, Adolf Muschg und Wolf Singer
verbreiteten Erklärung heißt es zur Begründung, das
Gremium habe zu wenig Einfluss auf die Entscheidungen über die
Leitungsstruktur im Verlag, als dass er für die Auswirkungen
dieser Beschlüsse noch länger Verantwortung übernehmen
könne.
Die Witwe von Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, Ulla
Berkéwicz, hatte Ende Oktober verkündet, dass sie
künftig anstelle von Günter Berg als Verlagsleiterin agieren
werde. Außerdem wurde die zuvor zweiköpfige
Verlagsgeschäftsführung mit ihr selbst und Rainer Weiss
erweitert. Berg hatte daraufhin den Verlag verlassen. Der Stiftungsrat
habe sich mit «schwerwiegenden Entscheidungen konfrontiert»
gesehen, «die ohne unsere Mitwirkung und entgegen unserem Rat
gefallen sind», heißt es in der Erklärung.
«Für die Folgen einer Entwicklung, auf die wir im Rahmen der
eng beschränkten Befugnisse des Stiftungsrates keinen Einfluss
haben, können wir keine Verantwortung übernehmen.»
Daher wollen die Stiftungsräte ihr Mandat nur noch bis zur
Regelung der Nachfolge, spätestens bis 1. März 2004,
weiterführen. Die Nachfolger bestimmt laut Satzung Ulla
Berkéwicz als Vorsitzende des Stiftungsrats. Erst nach ihrem Tod
greift eine Regelung, wonach die Stiftungsräte selbst ihre
Nachfolger benennen. Wie die fünf langjährigen
Suhrkamp-Autoren weiter mitteilten, berührt ihr Rücktritt
nicht die Loyalität, die sie dem Verlag gegenüber nach wie
vor empfänden. Auf Wunsch stünden sie den Beteiligten auch
künftig für Ratschläge zur Verfügung.
Der Stiftungsrat hatte sich im Juni 2002, wenige Monate vor dem Tod
Siegfried Unselds, konstituiert. Er ist das geschäftsführende
Organ der im April 2002 noch von Verleger Unseld gegründeten
Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung. Seine Aufgabe ist laut
Satzung, «Kontinuität, Ruf und literarischen Anspruch der
Suhrkamp/ Insel-Gruppe zu wahren, zu fördern und
ungeschmälert zu erhalten». Die Familienstiftung war an die
Stelle Unselds als Gesellschafter getreten. Unseld hatte der Stiftung
seine Verlagsanteile von 51 Prozent und - nach Verzicht
Berkéwiczs auf ihr Pflichtteil - sein Privatvermögen
vermacht.
(Quelle: dpa)
Nur zehn Prozent der Weltbevölkerung nutzen das Internet
Fr.05.12.03 - Nur zehn Prozent der Weltbevölkerung nutzen das Internet. In den
Industrieländern sind es rund 44 Prozent, wie aus dem am
Donnerstag in Genf veröffentlichten Jahresbericht der
Internationalen Telekommunikationsunion (ITU) hervor geht. Diesen
«digitalen Graben» zu schließen ist die Aufgabe eines
Weltinformationsgipfels der Vereinten Nationen ( WSIS [http://www.itu.int/wsis/])
, der in der kommenden Woche (10. bis 12. Dezember) in Genf beginnt.
Nur 650 Millionen Menschen auf der Welt haben einen Internetanschluss.
Das Haupthindernis für den Internetzugang sei immer weniger die
Infrastruktur, sondern der Preis und auch die Bildung, sagte Michael
Minges, einer der Autoren des Berichts. So hätten beispielsweise
in Südafrika 96 Prozent der Bevölkerung theoretisch Zugang zu
Handys. Wegen des hohen Preises verfüge aber nur ein Drittel der
Bevölkerung über ein Mobiltelefon.
Etwa 95 Prozent der Weltbevölkerung hätten von der
Infrastruktur her Zugang zu Radio, 89 Prozent zu Fernsehen und 81
Prozent zu Festnetz- oder Mobiltelefon. Viele Menschen lebten zudem in
der Nähe eines Internet-Cafés. In Mexiko sind das 70
Prozent der Bevölkerung, aber nur zehn Prozent nutzten auch das
Internet.
Um den digitalen Graben zwischen reichen und armen Ländern zu
überwinden, seien auch standardisierte Statistiken nötig,
schreiben die Autoren. Es bestehe eine enge Verbindung zwischen dem
digitalen und dem statistischen Graben, sagte Minges. 60 Prozent aller
Untersuchungen über Internetnutzer würden in
Industrieländern gemacht.
(Quelle: dpa)
Samstag, 13.12.2003 - 20 Uhr bis 2 Uhr früh
EXPERIMENTELLE MUSIK 2003
Das sechsstündige internationale Festival
der experimentellen Musik
mit
Das PHREN-Ensemble München: Carmen Nagel-Berninger,
Inge Salcher, George Augusta, Michael Steimer,
Michael Kopfermann
Gloria Franck, Yola Krebes, Anna-Maja Spiess
und Cornelius Hirsch, München
Heinz-Klaus Metzger, Berlin
Rainer Riehn, Berlin
Hans Rudolf Zeller, München
Aleks Kolkowski, London
Ignaz Schick, Berlin
Brendan Dougherty, Aaron Meicht, Philadelphia USA
Michael von Biel, Köln
Otfried Rautenbach, Harri Ansorge, Nicolas Young,
Heidelberg / Berlin
Luca Miti, Rom
Albert Mayr, Florenz
Edith Rom, Stephan Wunderlich, München
München, TU-Mensa, Arcisstraße 17
Information:
www.experimentelle-musik.info
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