Aktuelle Nachrichten
Irak am zweihundertvierundsechzigsten Tag nach Kriegsbeginn
Erneut tödliche Übergriffe auf US-Soldaten, Polizisten und Zivilisten +++
USA skeptisch über eine
Eindämmung der Anschläge von Aufständischen +++
Rumsfeld erwägt Aufstockung der irakischen Sicherheitskräfte
+++ El Kaida verlegt angeblich Hauptaktivitäten nach Irak
+++ Indonesiens Außenminister: USA sitzen in Irak in der Patsche +++ Irak will
Golfkooperationsrat beitreten +++ Oberstleutnant der Streitkräfte
von Saddam Hussein diente als Informant für umstrittenen
Bericht der britischen Regierung über irakische
Massenvernichtungswaffen +++ Israelische Geheimdiensteinheiten haben
offenbar den Vereinigten Staaten heimlich bei der Vorbereitung des
Irak-Krieges geholfen
Mo.08.12.03 - Der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld will die
Ausbildung irakischer Sicherheitskräfte ausweiten. Nach einem
Truppenbesuch in Irak erklärte Rumsfeld am Sonntag, es sei unklar,
ob die bisher geplante Zahl von 220.000 Polizisten und anderen
Kräften ausreiche. Bisher sind 140.000 Iraker für diese
Aufgaben ausgebildet worden. Pessimistisch äußerten sich
Rumsfeld und der Oberbefehlshaber der US-Truppen in Irak, Ricardo
Sanchez, über eine Eindämmung der Anschläge von
Aufständischen.
Trotz verstärkter Militäreinsätze und Razzien der
US-Truppen bezweifelte Rumsfeld, dass der Rückgang der
Anschläge in den vergangenen zwei Wochen schon ein Wendepunkt sei.
"Es ist zu früh, um von einem Trend zu sprechen", sagte Rumsfeld.
Sanchez sagte, selbst wenn der gestürzte irakische Präsident
Saddam Hussein gefasst werden sollte, würde die Gewalt gegen die
Besatzungstruppen nicht aufhören. "Der Tod oder die Gefangennahme
Saddam Husseins wird das Ausmaß der Gewalt beeinflussen, sie aber
nicht beenden", sagte der US-Kommandeur. "Das wird nicht alle Probleme
lösen." Bis zur geplanten Einsetzung einer irakischen
Übergangsregierung am 30. Juni sei sogar mit einer erneuten
Zunahme von Anschlägen zu rechnen, sagte Sanchez.
Am Wochenende wurden bei Übergriffen in mehreren Landesteilen ein
US-Soldat, zwei irakische Polizisten und zwei Zivilisten getötet.
Erstmals wurde ein ungarischer Militärkonvoi in Irak angegriffen.
Zudem blockierte ein Anschlag auf einen Güterzug bei Samarra die
Eisenbahnstrecke zwischen Bagdad und Mossul. Sie werde voraussichtlich
fünf Tage lang außer Betrieb sein, teilte ein Bahnsprecher
am Sonntag mit. Es war der dritte Anschlag auf einen Güterzug in
sechs Wochen.
Der US-Soldat kam am Sonntag bei der Explosion einer am
Straßenrand versteckten Bombe in Mossul ums Leben; zwei weitere
Soldaten wurden dabei verletzt. Ebenfalls in Mossul wurde am Samstag
ein irakischer Polizist erschossen, der gerade erst seine Ausbildung
abgeschlossen hatte. Ein weiterer Polizist wurde bei einer
Schießerei während einer Beerdigung in Samarra nördlich
von Bagdad getötet. In der Hauptstadt kamen am Samstagabend zwei
Menschen bei der Explosion eines Lastwagens ums Leben, in der Nähe
fanden sich Granathülsen.
Ein irakisches Kind ist bei der Explosion eines Sprengsatzes in Bagdad
getötet worden. Der Sprengkörper sei von Unbekannten in einem
Abfallhaufen im Vorort Iskandarijah versteckt und mit Wasserkanistern
und Gemüseabfällen getarnt worden, erklärten die
US-geführten Besatzungstruppen. Sprengstoffexperten hätten
die Leiche des Zwölfjährigen gefunden.
In der Umgebung von Mossul nahmen die US-Truppen am Samstag 16 Personen
fest, von denen zehn an der Planung von Anschlägen gegen die
Koalitionstruppen beteiligt gewesen sein sollen. Weitere 14
Verdächtige wurden nach US-Angaben in der Nähe von Tikrit
festgenommen. Bei der Razzia sei Material beschlagnahmt worden, das zum
Bau von Bomben verwendet werden könnte.
Das Terrornetzwerk El Kaida will einem Pressebericht zufolge seine
Hauptaktivitäten von Afghanistan nach Irak verlegen. Wie das
US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" in seiner am Montag erscheinenden
Ausgabe berichtet, kündigten dies drei Gesandte von El-Kaida-Chef
Osama bin Laden vor Anhängern des flüchtigen
Taliban-Führers Mullah Mohammed Omar während eines Treffens
in Afghanistan an. Demnach fand das geheime Treffen kürzlich
während des islamischen Fastenmonats Ramadan statt. Mullah Omar
sei zudem darüber informiert worden, dass El Kaida seine
monatlichen finanziellen Beiträge von drei Millionen Dollar (rund
2,5 Millionen Euro) für afghanische Widerstandsgurppen halbieren
wolle. Mullah Omar habe bestürzt darauf reagiert.
Die USA sitzen nach Ansicht des indonesischen Außenministers
Hassan Wirayuda im Irak "in der Patsche". Und dies hätte die
Regierung von US-Präsident George W. Bush verhindern können,
wenn sie sich vor dem Einmarsch die Unterstützung der Vereinten
Nationen gesichert hätte. Weiter sagte Wirayuda, in dessen Land
weltweit die meisten Menschen islamischen Glaubens leben, der Krieg
habe - anders als von Washington behauptet - die Natur der Probleme
rund um den Globus nicht verändert.
Der Außenminister äußerte sich am Montag auf einer
internationalen Sicherheitskonferenz in der Hauptstadt Jakarta. "Wir
müssen nun alle mehrere Jahre die Konsequenzen des Krieges tragen"
sagte er weiter. Sollten die USA Irak verlassen, ohne eine intakte
politische Infrastruktur geschaffen zu haben, würde dies zu einem
"tödlichen Machtvakuum führen".
Irak will nach Angaben eines Mitglieds des Regierungsrates dem
Golfkooperationsrat (GCC) beitreten. Der sunnitische Politiker Ibrahim
el Dschaafari erklärte zwei Wochen vor einem Gipfeltreffen der
sechs GCC-Staaten, Irak habe Anspruch auf eine Mitgliedschaft, die auch
für die Golfregion von Vorteil wäre. Nach dem Einmarsch in
Kuwait 1990 rissen die Verbindungen Bagdads zu der Organisation ab.
Irak hatte zuvor als Nicht-Mitglied an einigen Veranstaltungen des GCC
teilgenommen. Dem Rat gehören Kuwait, Saudi-Arabien, Katar,
Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Oman an.
Die Quelle für die offenbar übertriebene Befürchtung
einer Bereitstellung irakischer Massenvernichtungswaffen innerhalb von
45 Minuten war nach einem britischen Zeitungsbericht ein Oberstleutnant
der Streitkräfte von Saddam Hussein mit Beziehungen zur Opposition
im Exil. Die britische Regierung veröffentlichte diese Information
im September 2002, um ihre Vorbereitungen auf einen Krieg gegen Irak zu
rechtfertigen.
Bei dem Informanten habe es sich um den ehemaligen Kommandeur einer
irakischen Flugabwehreinheit in der westirakischen Wüste
gehandelt, berichtete die Sonntagszeitung "Sunday Telegraph". Sie
veröffentlichte mit Rücksicht auf den persönlichen
Schutz des Informanten nur einen Teil von dessen Namen, el Dabbagh. Der
Mann mit Kontakten zur Exilorganisation INA gab dem Zeitungsbericht
zufolge an, dass Ende 2002 Kisten mit chemischen oder biologischen
Sprengköpfen an irakische Fronteinheiten ausgeliefert worden seien.
In einem Bericht des Rundfunksenders BBC wurde der Regierung von
Premierminister Tony Blair vorgeworfen, ihre Angaben über das
irakische Bedrohungspotenzial absichtlich aufgebauscht zu haben. Als
Quelle des BBC-Berichts nannte die Regierung den Militärberater
David Kelly, der daraufhin im Juli dieses Jahres Selbstmord beging.
Eine Untersuchungskommission zur Klärung der Affäre soll im
nächsten Jahr ihren Abschlussbericht vorlegen.
Israelische Geheimdiensteinheiten und Einsatzkommandos haben den
Vereinigten Staaten einem Bericht zufolge heimlich bei der Vorbereitung
des Irak-Krieges geholfen. Spezialeinheiten der US-Armee hätten im
Vorfeld des Krieges "eng" mit israelischen Geheimdienstlern
zusammengearbeitet, hieß es in einem Artikel des Journalisten
Seymour Hersh, der am Sonntag (Ortszeit) vorab veröffentlicht
wurde und der am 15. Dezember in der US-Zeitschrift "The New Yorker"
erscheinen soll, unter Berufung auf israelische und
US-Geheimdienstkreise. Hersh zufolge wollten die Regierungen der USA
und Israels ihre Zusammenarbeit geheim halten.
(Quellen: afp, ap)
Vorgehen der US-Justizbehörden gegen Terrorismus wenig effektiv
Mo.08.12.03 - Das US-Justizministerium hat nach den Anschlägen vom 11. September
2001 die Strafverfolgung im Zusammenhang mit Terrorismus drastisch
verschärft. Doch entgegen anders lautenden Behauptungen von
Justizminister John Ashcroft gab es dabei kaum Erfolge, wie eine neue
Studie belegt.
Nach Regierungsdokumenten, die das Clearinghaus der Syracuse University
auswertete und am Sonntag präsentierte, wurde in den vergangenen
beiden Jahren gegen 6.400 Personen wegen Terrorverdachts ermittelt.
Anklage wurde jedoch gegen weniger als ein Drittel erhoben, nur 879
wurden verurteilt, und im Durchschnitt zu lediglich 14 Tagen
Gefängnis. Fünf Verdächtige wurden seit den
Anschlägen auf das World Trade Center zu 20 Jahren Haft oder mehr
verurteilt, wie es in dem Bericht heißt.
US-Senator Charles Grassley, ranghohes Mitglied des Justizausschusses,
nannte den Bericht alarmierend. Er werfe Zweifel auf die
Erfolgsmeldungen des Justizministeriums beim Kampf gegen den
Terrorismus. Bei nahezu allen seinen Aussagen zur Anti-Terror-Kampagne
präsentierte Ashcroft bislang eine lange Liste mit Verhaftungen
und Verurteilungen, um die Effektivität seiner Behörde zu
belegen.
(Quelle: ap)
Waffenlobby der USA will Rundfunksender kaufen
Mo.08.12.03 - Die Schusswaffenlobby der USA plant für den
Präsidentschaftswahlkampf im nächsten Jahr eine massive
Kampagne und erwägt, dafür einen eigenen Radio- oder
Fernsehsender zu kaufen. Dazu würden bereits Gespräche mit
möglichen Geldgebern geführt, sagte der Vizepräsident
der National Rifle Association (NRA [http://www.nra.org/]), Wayne LaPierre, der
Nachrichtenagentur AP. In einem weiter gehenden Schritt strebt die NRA
sogar die Anerkennung als Medienorganisation an, um ihre Einstellung zu
den Kandidaten der Präsidentschaftswahl mit breiter Wirkung publik
zu machen.
Warum sollten Unternehmen wie Disney, Viacom oder Time-Warner
«ein exklusives Recht haben, Informationen in der
Öffentlichkeit zu verbreiten?» sagte LaPierre. Die NRA wolle
vor Gericht einen Antrag stellen, ebenfalls als Nachrichtenmedium
betrachtet zu werden. «Das ist juristisch nie ausgelotet
worden», sagte der Verbandsfunktionär. Schließlich
gebe die NRA mehrere Magazine heraus wie «American
Rifleman» und «American Hunter». Nach geltendem Recht
ist es der von den Schusswaffenherstellern finanzierten NRA jedoch
nicht erlaubt, Wahlkampfwerbung zu betreiben, in der bestimmte
Kandidaten genannt werden.
Die NRA ist mit vier Millionen Mitgliedern seit Jahren eine der
einflussreichsten Lobby-Organisationen in Washington. Sie hat
wiederholt Millionen von Dollars ausgegeben, um Kandidaten zu
unterstützen, die gegen schärfere Kontrollen des
Waffenhandels eintreten. Die Organisation vertritt die Auffassung, dass
jeder Amerikaner ein unantastbares Recht habe, Waffen zu tragen.
(Quelle: ap)
Afghanistan: Tod von neun Kindern durch US-Bomben
Verhältnis zwischen Amerikanern und der afghanischen
Bevölkerung erneut belastet +++ Annan warnt vor 'Anti-Terror-Kampf
auf Kosten Unschuldiger' +++ US-Militär: 'Wir wussten nicht, dass
Kinder in der Nähe waren'
Mo.08.12.03 - Nach dem Tod von neun afghanischen Kindern bei einem US-Bombenangriff
hat UN-Generalsekretär Kofi Annan davor gewarnt, den
Anti-Terror-Kampf auf Kosten Unschuldiger zu führen. Er sei
zutiefst erschüttert, erklärte ein UN-Sprecher im Namen des
Generalsekretärs in New York.
Der Tod der neun Kinder belastet erneut das Verhältnis zwischen
Amerikanern und der afghanischen Bevölkerung. Der Angriff bei
Ghasni, 160 Kilometer südwestlich der Hauptstadt, richtete sich
gegen den früheren Taliban-Kommandeur Mullah Wasir, wie der
US-Botschafter in Kabul, Zalmay Khalilzad, mitteilte. Ob dieser
getötet wurde, war am Tag nach dem Angriff unklar.
"Wir wussten nicht, dass Kinder in der Nähe waren", sagte der
amerikanische Major Christopher West auf dem US-Stützpunkt Bagram.
Dem Angriff seien intensive Erkundungen vorausgegangen. Der Gesuchte
sei beim Angriff des A-10-Kampfflugzeugs in seinem Versteck
getötet worden, sagte der Militärsprecher.
Hingegen erklärte der Sekretär des Gouverneurs von Ghasni,
Dschawaid Chan: "Die Amerikaner wollten Mullah Wasir bombardieren, aber
sie haben ein anderes Haus bombardiert." Wasir sei nicht getötet
worden. Der Angriff habe die Bevölkerung der Ortschaft Atla in
Angst und Schrecken versetzt. "Sie haben keine Ahnung, warum die
Amerikaner ihr Dorf bombardiert haben."
Der Tod von einfachen Einwohnern bei Einsätzen der 11.500 Soldaten
unter US-Befehl hat schon wiederholt für tiefen Unwillen in der
Bevölkerung gesorgt. Der schwerste Zwischenfall ereignete sich im
Juli 2002: Damals wurde in der an Ghasni angrenzenden Provinz Urusgan
ein Hochzeitsfest aus der Luft bombardiert; nach afghanischen Angaben
kamen 48 Menschen ums Leben und 117 wurden verletzt. Aber auch in
diesem Jahr gab es schon mehrfach Angriffe, bei denen nicht nur
versprengte Taliban- und El-Kaida-Kämpfer getötet wurden. Am
9. April wurde irrtümlich ein privates Wohnhaus bombardiert; elf
Menschen kamen ums Leben. Mindestens acht wurden am 31. Oktober beim
Angriff auf ein Haus in der Ostprovinz Nuristan getötet.
US-Botschafter Khalilzad sagte, er sei über den "tragischen
Verlust von unschuldigem Leben" zutiefst traurig. Dies habe er auch
Ministerpräsident Hamid Karsai in einem Telefongespräch
versichert. Und Major West betonte: "Wir folgen genauen Regeln für
den Kampfeinsatz, um solche Art von Zwischenfällen zu vermeiden,
wenn wir Terroristen angreifen, welche die Zukunft Afghanistans
bedrohen."
Unter dem Ende 2001 gestürzten Taliban-Regime war Wasid ein
örtlicher Kommandeur. Danach war er nicht als maßgebliche
Figur des Taliban-Widerstands hervorgetreten. Der örtliche Beamte
Ahmad Sia Masud sagte jedoch, Wasir habe am Freitag auf US-Hubschrauber
geschossen. Nach Angaben der US-Streitkräfte wurde der Gesuchte
mit dem Tod von zwei ausländischen Firmenvertretern in Verbindung
gebracht, die am Bau einer Straße mitwirkten.
Die traditionelle afghanische Ratsversammlung Loja Dschirga wird ihre
Beratungen über die künftige Verfassung möglicherweise
um einige Tage verschieben. Auf Grund logistischer Probleme sei es
möglich, dass die Versammlung nicht wie geplant am Mittwoch,
sondern ein bis vier Tage später beginnen könne, teilte der
Leiter der Verfassungskommission, Faruk Wardak, am Sonntag mit. Er
versicherte, dass die Vorbereitungen für die Versammlung fast
abgeschlossen seien. Auch die Wahl der Delegierten in den einzelnen
Landesteilen sei nahezu beendet. Etwa 200 der 500 Teilnehmer trafen
bereits in der afghanischen Hauptstadt ein und nahmen ihre
Vorgespräche zur Verfassungsdebatte auf, wie Wardak mitteilte.
(Quellen: afp, dpa, ap)
Zweite Petersberger Konferenz zu Afghanistan-Hilfe geplant
Mo.08.12.03 - Eine zweite Petersberger Konferenz zur Stabilisierung Afghanistans ist
für Anfang kommenden Jahres in Bonn geplant. Das hat die "Neue
Osnabrücker Zeitung" (Montagausgabe) im Gespräch mit dem
Wiederaufbauminister der afghanischen Übergangsregierung, Amin
Farhang, erfahren. Farhang erklärte, die Idee dazu sei aus Kreisen
der UN und der Bundesregierung gekommen. Ein genauer Termin müsse
aber noch geklärt werden.
Der Minister sagte, insbesondere die Hilfe der internationalen
Gemeinschaft in Höhe von rund 4,5 Milliarden Dollar für
fünf Jahre reiche nicht aus, um das nach 24 Jahren Krieg
zerstörte Afghanistan wieder aufzubauen. "Wir brauchen in den
kommenden fünf Jahren mindestens 30 Milliarden Dollar, um das Land
auf die eigenen Füße stellen zu können."
Scharfe Kritik übte Farhang am Teilrückzug der UN aus dem
Süden und Osten des Landes, wo in den vergangenen Wochen die
Anschläge zugenommen haben. "Sobald es knallt, was bei der
Kalaschnikow-Mentalität in diesem Land auch nicht verwundert,
laufen die UN-Mitarbeiter davon. Dabei sind sie doch da, um mit
für Sicherheit zu sorgen." Diese Mutlosigkeit sei bedenklich. "Wer
sich zurückzieht, überlässt den Extremisten das Feld und
hilft ihnen dabei, sich zu reorganisieren", argumentierte Farhang.
Bis auf die US-Armee und die Briten sei bislang keine Nation bereit,
Soldaten in diese Regionen zu entsenden. "Die Deutschen haben sich mit
ihrem neuen Einsatzort Kundus eine ziemlich sichere Region in
Afghanistan ausgesucht", meinte der Minister. Kritisch
äußerte er sich auch zur Entscheidung Deutschlands, nicht
gegen den florierenden Drogenanbau in Kundus und Umgebung vorzugehen:
Drogenhandel und Terrorismus könnten nicht voneinander getrennt
betrachtet werden. "Durch Wegschauen fördert man zudem Elemente,
die die Drogen bis nach Berlin, Paris und London schmuggeln."
Zugleich forderte der Minister die Bundesregierung auf, Abstand von
ihrer Überlegungen zu nehmen, ab kommenden Frühjahr
afghanische Flüchtlinge in ihre Heimat abzuschieben. Dadurch
würden sich die Probleme nur vergrößern.
(Quelle: ap)
Nahost-Konflikt
Palästinenser erzielen keine Einigung über Waffenstillstand
+++ Israels Armee nimmt in Tulkarem im Westjordanland 15
Palästinenser fest
Mo.08.12.03 - Die Verhandlungen über einen Waffenstillstand
palästinensischer Organisationen sind am Sonntag gescheitert. Der
palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kureia verließ
die Beratungen in Ägypten ohne ein entsprechendes Abkommen. Die
militanten Organisationen Hamas und Islamischer Dschihad hatten sich
lediglich zur Schonung von Zivilisten in Israel bereit erklärt.
Auf Angriffe auf israelische Soldaten und Siedler in den besetzten
Gebieten wollten sie nicht verzichten.
Einen solchen Waffenstillstand erklärten Regierung und Opposition
in Israel für inakzeptabel. "Israel kann nicht zwischen seinen
Bürgern und Soldaten differenzieren", sagte Ministerpräsident
Ariel Scharon. Ähnlich äußerte sich der
Oppositionspolitiker Jossi Beilin: "Wir können niemals
einwilligen, zwischen Blut und Blut zu differenzieren", sagte er im
israelischen Rundfunk.
Auch die Autonomiebehörde unter Kureia sowie die Fatah-Bewegung
des palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat hatten sich
für eine umfassende Waffenstillstandserklärung eingesetzt.
Dies lehnten Hamas und Islamischer Dschihad jedoch strikt ab: "Die
Hamas ist zu einem umfassenden Waffenstillstand nicht bereit", sagte
einer der Delegationsführer der Organisation, Mohammed Nasal. "Das
ist endgültig." Die militanten Organisationen weigerten sich
zudem, Kureia ein offizielles Mandat für Verhandlungen mit Israel
zu erteilen.
Die Beratungen von über einem Dutzend palästinensischer
Gruppen standen unter Schirmherrschaft Ägyptens. Der
ägyptische Geheimdienstchef Omar Suleiman wollte die Ergebnisse
der US-Regierung vorstellen, um den Nahost-Friedensprozess wieder in
Gang zu bringen.
Für Streit im israelischen Kabinett sorgte unterdessen der
Vorschlag von Vize-Ministerpräsident Ehud Olmert, Israel sollte
sich weitgehend aus den besetzten Gebieten zurückziehen und
einseitig eine Grenze festlegen. Der rechtsradikale Kabinettsminister
Avigdor Lieberman habe Ministerpräsident Ariel Scharon wegen der
Äußerungen seines Stellvertreters scharf angegriffen,
berichtete der israelische Rundfunk am Sonntag.
Scharon bezog zu Olmerts Vorschlägen nicht Stellung, wie aus
Kabinettskreisen verlautete. Allerdings hatte der
Ministerpräsident vor zwei Wochen erklärt, er erwäge
eine einseitige Grenzziehung und die Aufgabe einiger illegaler
Siedlungen auf palästinensischem Gebiet.
Über 1.200 Palästinenser demonstrierten am Sonntag im
Flüchtlingslager Rafah gegen einen alternativen Friedensplan, der
Anfang der Woche in Genf vorgestellt worden war. Danach sollen
palästinensische Flüchtlinge auf eine Rückkehr nach
Israel verzichten, wenn Israel sich im Gegenzug aus den besetzten
Gebieten zurückzieht.
Die israelische Armee hat bei einem Einsatz in Tulkarem im
nördlichen Westjordanland nach palästinensischen Angaben 15
Palästinenser festgenommen. Israelische Soldaten seien am
Sonntagabend mit etwa 20 Geländewagen nach Tulkarem eingedrungen,
teilten palästinensische Sicherheitskräfte mit. Im
Gazastreifen errichtete die Armee den Angaben zufolge nahe der
jüdischen Siedlung Nezarim und bei Chan Junis im Süden
mehrere Wachtürme.
(Quellen: ap, afp)
Iranischer Präsident Chatami ordnet Ermittlungen gegen Hardliner an
Mo.08.12.03 - Der iranische Präsident Mohammed Chatami hat zwei Minister seines
Kabinetts aufgefordert, gegen Schlägertrupps der konservativen
Reformgegner vorzugehen. Er reagierte damit am Sonntag auf einen
Zwischenfall in der Stadt Jasd vom Freitag, bei dem der Vorsitzende des
Parlamentsausschusses für Sicherheit und Außenpolitik
zusammengeschlagen wurde, als er auf einer Veranstaltung seiner
Reformpartei sprechen wollte.
Chatamis der konservativen Geistlichkeit nahe stehenden Gegenspieler
kontrollieren die Justiz und unterhalten so genannte Bürgerwehren,
die bei Demonstrationen Gewalt provozieren und ausüben. Chatami
forderte nun laut einer Meldung der amtlichen Nachrichtenagentur IRNA
Innenminister Abdolwahed Mussawi Lari und Geheimdienstminister Ali
Junessi auf, mit allen Mitteln den ungestörten Ablauf legaler
Versammlungen sicher zu stellen. «Zweitens darf keine Anstrengung
unterbleiben, jene zu identifizieren und konfrontieren, die jene
genehmigten Kundgebungen verbrecherisch angreifen», sagte Chatami
IRNA zufolge weiter.
Parlamentspräsident Mahdi Karrubi teilte im Parlament mit, dass
fünf Männer als Angreifer auf den in Jasd verletzten
Ausschussvorsitzenden Mohsen Mirdamadi festgenommen worden seien.
Chatami sagte, er werde im Hinblick auf die am 20. Februar anstehenden
Wahlen keine Angriffe wie auf Mirdamadi mehr hinnehmen. Bisher wurden
die Schläger von der von Konservativen beherrschten Justiz selten
belangt. Bei den Studentenprotesten im Juni wurden 4.000 Demonstranten,
kaum aber Schläger der konservativen Kräfte festgenommen. Die
der schiitischen Geistlichkeit nahe stehenden Konservativen
kontrollieren den Machtapparat, die Reformkräfte haben derzeit die
Mehrheit im Parlament.
(Quelle: ap)
Simbabwe aus Commonwealth ausgetreten
Mo.08.12.03 - Simbabwe ist am Sonntag aus dem Commonwealth ausgetreten.
Präsident Robert Mugabe zog damit die Konsequenz aus der
Entscheidung des Commonwealth-Gipfels in Nigeria, die Mitgliedschaft
des afrikanischen Landes weiter ruhen zu lassen. Grund der
Suspendierung ist die Weigerung von Mugabe, demokratische Reformen
durchzuführen. «Simbabwe hat sich mit sofortiger Wirkung aus
dem Commonwealth zurückgezogen», hieß es in einer
Erklärung des Präsidenten in Harare.
Der Streit um die Mitgliedschaft Simbabwes dominierte den
Commonwealth-Gipfel im nigerianischen Abuja. Während vor allem die
westlichen Staaten darauf bestanden, das Land nicht wieder in den
Verbund Großbritanniens und seiner früheren Kolonien
aufzunehmen, wollten acht afrikanische Regierungen die vor einem Jahr
verhängte Suspendierung aufheben. Mugabe hatte den Ausstieg aus
dem Verbund angedroht, sollte der Bann nicht beendet werden. Jede
Entscheidung zu Simbabwe, die nicht die volle Wiedereingliederung des
Landes bedeute, sei nicht akzeptabel, hieß es in der
Erklärung.
(Quelle: ap)
Rebellen in der Elfenbeinküste lassen gefangene Soldaten frei
Mo.08.12.03 - Als Geste des guten Willens haben die Rebellen in der
Elfenbeinküste 40 Regierungssoldaten freigelassen. Die
Männer, die vor einem Jahr gefangen genommen worden waren, wurden
am Sonntag in der von Rebellen kontrollierten Stadt Korhogo im Norden
des Landes an einen Regierungsvertreter übergeben.
Französische Friedenstruppen und Vertreter des Roten Kreuzes
überwachten die Übergabe.
Der Regierungsvertreter, Oberst Miezou Kadio, begrüßte die
Freilassung der Soldaten. Diese sei ein gutes Zeichen. Der Stabschef
der Rebellen, Oberst Soumaila Bakayaoko, erklärte, seine Gruppe
stehe zu ihrem Wort und habe die Soldaten wie zugesagt auf freien
Fuß gesetzt. Es war nicht klar, ob die Rebellen noch weitere
Menschen gefangen halten.
Vor dem Hintergrund neuer Spannungen war Regierungschef Seydou Diarra
am Samstag in die Rebellen-Hochburg Bouaké geflogen, um das
Abkommen für ein Allparteienkabinett zu erneuern. In einem Hotel
in Bouaké führte der Ministerpräsident Gespräche
mit Guillaume Soro, dessen Kämpfer seit September 2002 die
Hälfte des westafrikanischen Landes beherrschen. Über das
Ergebnis der Gespräche machten beide Seiten keine Angaben.
Nach dem Friedensabkommen im Januar, erzielt unter Vermittlung der
früheren Kolonialmacht Frankreich, wurde der Bürgerkrieg im
Juli offiziell für beendet erklärt. Die Rebellen
übernahmen in der damals gebildeten Regierung der nationalen
Einheit mehrere Ministerämter - Soro wurde Minister für
Telekommunikation. Im September zogen sich die Rebellen jedoch aus dem
Kabinett zurück und warfen Präsident Laurent Gbagbo vor, das
Friedensabkommen zu verletzen.
(Quelle: ap)
UN beginnen Entwaffnung der Bürgerkriegsparteien in Liberia
Mo.08.12.03 - In Liberia hat vier Monate nach der Unterzeichnung eines
Friedensabkommens die Entwaffnung der ehemaligen
Bürgerkriegsparteien begonnen. Über 1.000 Soldaten des
früheren Präsidenten Charles Taylor, darunter
zwölfjährige Kinder, übergaben am Sonntag ihre Waffen an
die UN-Friedenstruppen. Insgesamt wollen die UN 40.000 Kämpfer
entwaffnen, sowohl Anhänger Taylors als auch Rebellen.
«Dies ist Liberias letzte Chance. Liberia muss dem Krieg ein Ende
machen, sonst macht der Krieg Liberia ein Ende», sagte der
UN-Gesandte Jacques Klein. Das Friedensabkommen im August wurde durch
den Rücktritt Taylors nach einem eineinhalb Jahre währenden
Aufstand ermöglicht. Der im nigerianischen Exil lebende
Expräsident war selbst durch einen langjährigen
Bürgerkrieg an die Macht gekommen. 14 Jahre nahezu
ununterbrochener Kämpfe von 1989 bis 2003 kosteten rund 250.000
Liberianer das Leben.
(Quelle: ap)
Ex-Präsident Nicaraguas zu zwanzig Jahren Haft verurteilt
Mo.08.12.03 - Der frühere nicaraguanischen Präsident Arnoldo Aleman ist
wegen Geldwäsche und anderer Vergehen zu zwanzig Jahren Haft
verurteilt worden. Aleman war unter anderem angeklagt, während
seiner Amtszeit bis zum Januar 2002 mehr als 100 Millionen US-Dollar
öffentlicher Gelder für den Wahlkampf seiner Liberalen Partei
veruntreut zu haben. In der Urteilsbegründung vom Sonntag warf
Bundesrichterin Juana Mendez dem 57 Jahre alten Ex-Präsidenten
zudem die Bildung einer kriminellen Vereinigung sowie Wahlverletzungen
vor, die den Staat gefährdet hätten.
Aleman wurde das Recht entzogen, während der Haftstrafe für
den Kongress zu arbeiten, zudem muss er 10 Millionen Dollar Strafe
zahlen. Wegen der angeschlagenen Gesundheit darf Aleman die Strafe
wahrscheinlich unter Hausarrest auf seiner Ranch verbüßen.
Es war die erste Verurteilung eines früheren Staatsoberhauptes in
Nicaragua. Während der Urteilsverkündung ging die Polizei mit
Tränengas gegen steinewerfende Demonstranten vor dem
Gerichtsgebäude vor.
(Quelle: ap)
Fast absolute Mehrheit für Kreml-Partei in Russland
Mo.08.12.03 - Bei der russischen Parlamentswahl hat die Kreml-treue Partei "Einiges
Russland" Teilergebnissen zufolge fast die absolute Mehrheit erreicht.
Nach Auszählung von knapp 70 Prozent der Stimmen erhielt die von
Präsident Wladimir Putin unterstützte Partei 36,5 Prozent.
Zusammen mit den Direktmandaten entfallen demnach fast die Hälfte
der Parlamentssitze auf "Einiges Russland". Zweitstärkste Kraft
wurden mit 12,9 Prozent weit abgeschlagen die Kommunisten; die
liberalen Parteien "Jabloko" und "Union der rechten Kräfte" (SPS)
scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde.
Den Teilergebnissen zufolge erhielt die von Präsident Wladimir
Putin unterstützte Partei "Einiges Russland" 117 der 225 über
das Verhältniswahlrecht bestimmten Sitze in der Duma, wie die
Nachrichtenagentur Ria Nowosti berichtete. Von den anderen 225
Parlamentssitzen, die über Direktmandate in den Wahlkreisen
bestimmt werden, gewann die Partei einem Experten der Wahlkommission
zufolge zwischen 90 und 100.
Die Kommunisten, die im Vergleich zur Wahl 1999 fast die Hälfte
ihrer Stimmen einbüßten, erhielten den Teilergebnissen
zufolge 41 Sitze, die Liberaldemokratische Partei des
Ultranationalisten Wladimir Schirinowski kam auf 12,3 Prozent der
Stimmen, was 40 Sitzen entspricht. Die linksnationalistische Partei
Rodina lag mit 8,7 Prozent und 27 Sitzen auf Platz vier.
An dem Urnengang beteiligten sich nach Angaben vom Montagmorgen etwas
mehr als der Hälfte der 109 Millionen Wahlberechtigten. Bei der
letzten Parlamentswahl 1999 gaben 62 Prozent ihre Stimme ab.
Kommunistenchef Gennadi Sjuganow warf der russischen Führung
massive Fälschungen bei der Wahl vor. Diese "beschämende
Farce" habe "nichts mit Demokratie zu tun", sagte er. "Sie nehmen alle
an einem widerlichen Spektakel teil, das, warum auch immer, Wahl
genannt wird", betonte er demnach. Der Präsident der
Wahlkommission, Alexander Weschniakow, wies Vorwürfe des
Wahlbetrugs zurück.
Die CSU-Bundestagsabgeordnete Melanie Oßwald kritisierte die
mangelnde Ausgewogenheit in der öffentlichen Berichterstattung im
Vorfeld der Parlamentswahl. "Ein Wahlkampf wie in Russland ist in
Deutschland gar nicht vorstellbar", sagte Oßwald der "Financial
Times Deutschland". Die Politikerin war als Wahlbeobachterin des
Menschenrechtsausschusses des Bundestags nach Moskau gereist. Sie
warnte vor einem Trend zu einem "Einparteiensystem" in Russland. Die
Entwicklung der russischen Demokratie sei "sehr Besorgnis erregend".
(Quelle: ap)
Die Staatsduma (Parlament) spielt im politischen
Kräfteverhältnis in Russland eine eher untergeordnete Rolle.
Die Verfassung von 1993, mit der das Zwei-Kammern-Parlament
eingeführt wurde, gibt dem Präsidenten eine eindeutige
Vormachtstellung
Die 450 Duma-Abgeordneten haben kaum Einfluss auf die Bildung der
Regierung. Der Staatschef braucht lediglich ihre Zustimmung für
die Ernennung des Ministerpräsidenten. Die übrige
Regierungsmannschaft bestimmt er selbst. Lehnt die Duma drei Mal einen
Kandidaten des Kremls für den Kabinettsvorsitz ab, wird sie
aufgelöst.
Das Parlament kann zwar ein Amtsenthebungsverfahren gegen den
Präsidenten einleiten, die gesamte Prozedur ist jedoch wegen
zahlreicher juristischer Hürden so gut wie aussichtslos. Im Mai
1999 scheiterte die Duma mit einem Verfahren gegen den früheren
russischen Präsidenten Boris Jelzin schon in der ersten Abstimmung.
Die Duma hat jedoch eine starke Stellung in gesetzgeberischen Fragen.
Ein Veto des Präsidenten gegen ihre Gesetze können die
Abgeordneten mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit überstimmen. Die
Hälfte der Abgeordneten zieht über Parteilisten ins Parlament
ein, dabei gilt eine Hürde von fünf Prozent der Stimmen. Die
restlichen 225 Mandatsträger werden in Direktwahlkreisen
gewählt.
In der 1999 gewählten Duma war zuletzt die Kreml-treue Fraktion
Einheit mit 142 Abgeordneten stärkste Kraft. Die Fraktion der
oppositionellen Kommunistischen Partei Russlands (KPRF) zählte 83
Abgeordnete.
Die zweite Parlamentskammer ist der Föderationsrat als Vertretung
der 89 Regionen Russlands. Dem Rat gehören für jede Region
ein Vertreter der Verwaltung und ein Vertreter des örtlichen
Parlaments an.
(Quelle: dpa, 07.12.03)
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Berlin und Rom im EU-Verfassungsstreit nicht zu Kompromissen bereit
Mo.08.12.03 - Berlin und Rom sind im EU-Verfassungsstreit nicht zu Kompromissen auf
Kosten der Handlungsfähigkeit Europas bereit. Das ist das Ergebnis
einer Unterredung zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem
italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi am Sonntag in
Berlin. Damit ist eine Kernfrage in der Kontroverse vor allem mit
Spanien und Polen eine Woche vor der entscheidenden Sitzung des
Europäischen Rates in Brüssel ungelöst.
Die Unterredung mit Berlusconi, der auch EU-Ratspräsident ist, im
Kanzleramt dauerte eineinhalb Stunden. Schröder stellte Einigkeit
mit Italien fest, wonach beide Länder in den strittigen Fragen der
Stimmgewichtung und des Quorums «nicht beweglich» seien. Es
müsse beim Verfassungsentwurf des Konvents bleiben, der auch von
Frankreich nachhaltig verteidigt wird.
Schröder sagte, er und Berlusconi seien einig, dass die Kommission
so zusammengesetzt sein müsse, dass sie politisch führbar
bleibe. In der Frage der Stimmgewichtung müsse es dabei bleiben,
dass sie an die Bevölkerungszahl gekoppelt werde. Keinen Spielraum
gebe es auch bei der Bedingung, wonach in der erweiterten EU eine
Mehrheit dann zu Stande kommt, wenn 50 Prozent der Staaten mit 60
Prozent der EU-Bevölkerung mit einer Stimme sprechen.
Berlusconi fügte hinzu: «Wir wollen also nicht um jeden
Preis abschließen.» Herauskommen müsse ein
entscheidungs- und handlungsfähiges Europa.
Schröder würdigte die von Berlusconi geführte
EU-Präsidentschaft als «professionell und gut». Ohne
dessen Diplomatie hätten die «beachtlichen
Fortschritte» bei der Akzeptanz des Verfassungsentwurfs nicht
erzielt werden können. Unter anderem sei Einigkeit in der Frage
des europäischen Außenministers, den Vorsitz im Europarat,
der Kompetenzabgrenzung oder der Stärkung des Europäischen
Parlaments durch die Wahl des Kommissionspräsidenten erreicht
worden.
Schröder wollte sich nicht zu dem Motto «Nizza oder
Tod» von Verfassungsskeptikern äußern. Mit dem Motto
soll die Forderung nach einer Beibehaltung der bisherigen
Stimmgewichtung hervorgehoben werden, wonach Polen und Spanien jeweils
fast so viele Stimmen wie Deutschland hätten. Schröder sagte,
er neige nicht zum Pathos, sondern er erwarte einen Erfolg der
italienischen Präsidentschaft. Dabei müssten die aufgezeigten
Grenzen beachtet werden.
Berlusconi erinnerte daran, dass seitens der Verfassungsskeptiker
ursprünglich ein Forderungskatalog mit 100
Änderungswünschen vorgetragen worden sei. Nach der
Unterredung in Berlin sei er jetzt zu 55 Prozent optimistisch, dass die
Ziele noch erreicht werden könnten. Am Vortag hätten sich
sein Optimismus und sein Pessimismus mit je 50 Prozent die Waage
gehalten.
Der polnische Außenminister Wlodzimierz Cimoszewicz hatte am
Vortag in Warschau erklärt, es sei ein Mythos, dass Europa
zusammenbreche, wenn am kommenden Samstag in Brüssel keine
Lösung gefunden werde. Die Äußerung war als Hinweis
bewertet worden, dass verfassungskritische kleine Länder nicht
mehr von einer Einigung ausgehen.
Der entscheidende EU-Gipfel findet am 12. und 13. Dezember statt.
Vergangene Woche konnten sich bereits die Außenminister der bald
25 Mitgliedstaaten in Neapel wegen des von Polen angeführten
Widerstands gegen die Stimmverteilung nicht annähern.
Außenminister Joschka Fischer hatte vor einem Scheitern der
Verfassung gewarnt.
(Quelle: ap)
Schweden: Neonazis erhalten regelmässig Zulauf nach negativer
Medienberichterstattung
Mo.08.12.03 - Die negative Medienberichterstattung über die Rechtsradikalenszene
ist ein wichtiger Baustein in der Rekrutierungsarbeit schwedischer
Neonazis. Das behauptet der abgesprungene Rechtsextremist Johnny
Höglin in der Sonntagsausgabe der Tageszeitung "Dagens Nyheter".
Die Rechtsextremen würden absichtlich besonders "ekelhaftes
Propagandamaterial" produzieren, um damit "fette Schlagzeilen" zu
erreichen.
Nach jedem Artikel in einer Zeitung habe seine Neonazi-Gruppe neuen
Zulauf bekommen, schreibt Höglin. Auch bei der Berichterstattung
über eine angeblich im Aufbau befindliche "Neo-Nazi-Armee" im
Zusammenhang mit einer Polizeirazzia in Skövde vor zwei Wochen
hätten die Medien als "Beweise" für den geplanten Aufbau
bewaffneter Einheiten hauptsächlich vorgefertigtes
Propagandamaterial der Neonazis herangezogen.
Hinter dem Verhalten der Medien vermutet der ehemalige Neonazi entweder
eine "erstaunliche Naivität" indem die Intelligenz der Extremisten
stark unterschätzt würde, oder rein wirtschaftliches
Kalkül, weil sich Geschichten über gefährliche Neonazis
einfach gut verkaufen ließen. Höglin war nach der
Bekanntschaft mit dem Exiliraner und Hochschul-Lektor Mohsen Hakim aus
der Neonazi-Gruppe "E-Tuna NS" in Eskilstuna abgesprungen und tritt
seither aktiv für eine differenzierte Betrachtung des
Phänomens Rechtsextremismus auf. Insbesondere fordern Höglin
und Hakim, jugendliche Neonazis nicht zu dämonisieren und aus der
Gesellschaft auszuschließen. Das eigentliche Problem in den Augen
von Einwanderern sei nicht die unsachliche Propaganda der Neonazis,
sondern die "normalen" Vorurteile der Arbeitgeber, die eine Teilnahme
am gewöhnlichen Arbeitsleben verhinderten.
(Quelle: info.partisan.net [http://www.info.partisan.net/])
Deutschland
Export von Atomanlage laut Schröder nicht zu verhindern
Mo.08.12.03 - Bundeskanzler Gerhard Schröder hält den Export der Hanauer
Atomanlage nach China für nicht mehr aufzuhalten. Das Unternehmen
habe einen Rechtsanspruch darauf, sagte er am Sonntag in einem
Interview der ZDF-Sendung «Berlin direkt» nach einem
Gespräch mit Außenminister Joschka Fischer. Zu den
Einwänden der Grünen sagte der Kanzler: «In dieser
Frage haben sie nach meiner Bewertung keine politische
Entscheidungsmöglichkeit.»
Die Genehmigung des Exports könne nicht verweigert werden,
«jedenfalls dann, wenn diese Anlage nicht militärisch
genutzt wird», erklärte Schröder. «Die
chinesische Seite hat erklärt, dass das erstens objektiv gar nicht
geht, womit sie Recht hat, und zweitens auch nicht an eine
militärische Nutzung gedacht ist.»
Zu den Bedenken der Grünen sagte der Kanzler, in der Regierung
wisse man seit längerem, dass der Rechtsanspruch des Unternehmens
erfüllt werden müsse. «Was Finnland angeht, ist das
nicht entschieden. Da gibt es einen Antrag, der im Verfahren
ist», erklärte Schröder.
Nach Informationen des «Handelsblatts» hatte Schröder
mit Fischer heftig über den Export der Atomanlage gestritten. Dies
dementierten umgehend Regierungssprecher Bela Anda und der Sprecher des
Auswärtigen Amts, Walter Lindner.
Im ZDF hatte Fischer zuvor zur Vereinbarkeit des Exports mit dem
erklärten Atomausstieg gesagt: «Wenn Sie mich nach dem
politischen Sinn des Ganzen fragen, dann kann ich nur unterstreichen,
wir sind alle davon überzeugt, dass wir aus der Nutzung der
Atomenergie nicht nur aussteigen sollten, sondern dass wir das auch
umsetzen wollen.»
SPD-Fraktionschef Franz Müntefering sprach von
«künstlicher Aufregung» und stritt Koalitionsprobleme
ab. «Das ist im Wesentlichen eine Sache, die die Grünen
untereinander ausmachen müssen», sagte er im
Deutschlandfunk. Mit dem Abbau der Atomkraft in Deutschland sei nicht
die Aussage verbunden, Rot-Grün werde jetzt weltweit dafür
sorgen, dass kein anderes Land die Kernkraft nutzen könne.
Müntefering geht davon aus, dass das Exportgeschäft zu Stande
kommt. Es gebe aus Peking die Zusage, dass kein Plutonium produziert
und auch kein waffenfähiges Plutonium aufgearbeitet werde. Wenn
diese Bedingungen erfüllt würden, habe er nichts gegen den
Verkauf, sagte er im Deutschlandfunk.
Die Grünen-Abgeordneten Winfried Hermann und Michaele Hustedt
kündigten einen Parlamentsantrag an, um den Atomstreit vor den
Bundestag zu bringen. Hermann forderte die Minister der Grünen
auf, mit allem Nachdruck für ein Exportverbot einzutreten.
Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele sagte: «Wenn wir in
Deutschland die Nutzung der Kernenergie abschaffen wollen, dann
können wir sie nicht in andere Länder exportieren.»
Ähnlich äußerten sich SPD-Vorstandsmitglied Andrea
Nahles und der bayerische SPD-Fraktionsvorsitzende Franz Maget.
Am Samstag hatte es noch geheißen, die Bundesregierung wolle
eingehend prüfen, ob der Verkauf der Anlage nach dem
Außenwirtschaftsgesetz rechtens ist. Für den Fall, dass die
Bestimmungen des Gesetzes nicht verletzt werden, sah
Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) keine
Möglichkeit, den Verkauf zu verhindern.
Der Spitzenkandidat der deutschen Grünen für das
Europaparlament, Daniel Cohn-Bendit, kündigte indessen an, das
Geschäft auf EU-Ebene stoppen zu wollen. Er machte geltend, dass
ein Export der Brennelemente-Fabrik dem über China verhängten
Waffenembargo der Europäischen Union widerspräche. Der
CDU-Bundestagsabgeordnete Friedbert Pflüger begrüßte
dagegen das Exportgeschäft.
(Quelle: ap)
Experten: Hanau-Verkauf kann verhindert werden
Öko-Institut Darmstadt hält Plutoniumfabrik eindeutig
für militärisch nutzbar. Andere Forscher widersprechen ...
Mehr in der "tageszeitung" vom 06.12.03:
http://www.taz.de/pt/2003/12/06/a0087.nf/text
|
Regierung und Oppostion bei Finanzierung der Steuerreform
kompromissbereit
Mo.08.12.03 - Wenige Tage vor der entscheidenden Sitzung im Vermittlungsausschuss
zeigen sich Regierung und Opposition kompromissbereit. Sowohl Kanzler
Gerhard Schröder (SPD) als auch der bayerische
Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) signalisierten
Entgegenkommen im Streit um die Gegenfinanzierung einer vorgezogenen
Steuerreform. "Wir können uns natürlich darüber
unterhalten, die Gewichte zwischen Verschuldung,
Privatisierungserlösen und Subventionsabbau zu verschieben", sagte
Schröder dem Spiegel. Eine komplette Gegenfinanzierung der
Steuerreform lehnte der Kanzler aber ebenso ab wie eine 75-prozentige
Gegenfinanzierung, wie sie mehrere Ministerpräsidenten der Union
fordern.
Stoiber sagte, er sehe nach den Äußerungen Schröders
durchaus Chancen auf ein Vorziehen der Steuerreform. Zur bisherigen
Forderung der Union, nur 25 Prozent der Kosten über Schulden zu
finanzieren, sagte der CSU-Chef im ZDF, man müsse "eine kleine
Bandbreite haben bei den Verhandlungen, sonst machen ja Verhandlungen
keinen Sinn". Nun komme es darauf an, was die Regierung beim
Tarifvertragsrecht und beim Kündigungsschutz anbieten werde.
CDU-Chefin Merkel betonte gegenüber dem Spiegel, das Vorziehen der
Steuerreform werde "für sich genommen keinen
Beschäftigungseffekt entfalten". Daher habe sie eine "andere
Reihenfolge der Prioritäten" und verwies auf die von der Union
geforderte Reform des Arbeitsmarkts.
Die Union wies Berichte zurück, sie wolle die Verhandlungen
scheitern lassen. Dies sei "völliger Quatsch", erklärte der
Sprecher der hessischen Landesregierung am Samstag in Wiesbaden. Die
Berliner Zeitung hatte berichtet, Hessens Ministerpräsident Roland
Koch habe Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) im Beisein anderer
Koalitionspolitiker mitgeteilt, dass die Ministerpräsidenten und
die Spitze der Union einvernehmlich verabredet hätten, die
Verhandlungen platzen zu lassen. Auch CDU-Generalsekretär Laurenz
Meyer erklärte in Berlin, es gebe "keine Änderung unserer
Linie". Die entscheidende Runde im Vermittlungsverfahren beginnt am
kommenden Mittwoch und soll bis spätestens Weihnachten
abgeschlossen sein.
(Quelle: taz/afp)
Amnestie für Steuersünder tritt 2004 in Kraft
Mo.08.12.03 - Die Amnestie für reuige Steuersünder kann Anfang kommenden
Jahres starten. Darauf einigten sich Regierung und Union im
Vermittlungsverfahren grundsätzlich, wie die Frankfurter
Allgemeine Sonntagszeitung unter Berufung auf die Finanzexpertin der
Grünen, Christine Scheel, berichtete. Danach wird im Ausland
verstecktes Geld bei Rückführung nach Deutschland im Jahr
2004 mit einen Satz von 25 Prozent nachversteuert.
Scheel forderte auch eine rasche Einigung mit der Opposition in der
Frage der Zinsbesteuerung. Rot-Grün favorisiere zwar eine
Abgeltungssteuer. Wenn die CDU aber auf der von ihr in Leipzig
beschlossenen Quellensteuer von 25 Prozent bestehe, «dann
können wir darüber reden», sagte Scheel der Zeitung.
Die Quellensteuer könnte nach ihren Worten frühestens zum
1.Januar 2005 eingeführt werden und würde bedeuten, dass
pauschal 25 Prozent der Kapitalerträge an das Finanzamt
abgeführt werden, später aber mit der persönlichen
Steuerlast verrechnet werden.
(Quelle: ap)
Hamburger Koalition übersteht vorerst Konflikt um
Schill-Entmachtung
Mo.08.12.03 - Die Hamburger Regierungskoalition ist vorerst unbeschadet aus dem
Konflikt der Schill-Partei hervorgegangen. Die
Bürgerschaftsfraktion der Schill-Partei hat sich am Sonntag
einmütig hinter die Regierung gestellt. Der Bundesvorstand der
Partei hatte Ronald Schill am Samstag als Landesvorsitzenden abgesetzt.
Der 45-jährige Parteigründer nahm nicht an der Krisensitzung
der Fraktion teil. «Die Fraktion hat einstimmig beschlossen, dass
sie geschlossen zur Koalition steht», sagte deren Vorsitzender
Norbert Frühauf.
Der Bundesvorstand zog mit der Absetzung die Konsequenzen daraus, dass
Schill keine Zusage geben wollte, auf Diffamierungen politischer
Partner zu verzichten. Schill bezweifelte die Rechtmäßigkeit
des Votums des Bundesvorstands und kündigte Widerstand an. Er
wollte in der Hamburger Bürgerschaftsfraktion Unterstützer um
sich scharen. Wenn sich drei der 25 Abgeordneten auf seine Seite
stellten, wäre die Regierungskoalition von dieser Gruppe
abhängig und die Koalition am Ende. Die seit 2001 regierende
Koalition aus CDU, Schill-Partei und FDP hat in der 121-köpfigen
Bürgerschaft 64 Sitze, SPD und Grüne haben 57.
Schill hatte nach seiner Absetzung dem Bundesvorsitzenden und Hamburger
Bausenator Mario Mettbach den Kampf angesagt; Mettbach sei
«politisch tot», sagte der 45-Jährige. Mettbach
erklärte der «Bild»-Zeitung (Montagausgabe), Schill
könnte nicht Bundesvorsitzender der Partei Rechtsstaatliche
Offensive werden, falls der Bundesvorstand auf einem Parteitag gekippt
würde. Denn der Vorstand habe Schill für zwei Jahre verboten,
ein Parteiamt auszuüben. Rechtsmittel gegen die Beschlüsse
seien nicht möglich. Mettbach sagte, Schill sei aber noch
Ehrenvorsitzender der Partei, weil ein Parteitag ihm dieses Amt
verliehen habe.
Schill fand in der Bürgerschaftsfraktion keine Unterstützung.
In Abwesenheit von fünf Mitgliedern wurde beschlossen: «Die
Abgeordneten werden ihre Arbeit fortsetzen. Wir stehen beim Wähler
im Wort.»
In den Landesverbänden traf die Absetzung Schills auf Kritik, wie
die Tageszeitung «Die Welt» (Montagausgabe) erfuhr.
«Es gibt ein gravierendes Missverhältnis zwischen der
Entscheidung des geschäftsführenden Bundesvorstands und der
Meinung der Landesverbände», sagte der Bremer Landeschef Jan
Timke dem Blatt. Dem Bericht zufolge wollen die Landesverbände von
Mecklenburg Vorpommern, Schleswig-Holstein, Berlin, Sachsen-Anhalt und
Sachsen einen außerordentlichen Bundesparteitag beantragen und
Schill auffordern, erneut für den Bundesvorsitz zu kandidieren.
Bürgermeister Ole von Beust (CDU) hatte sich zuversichtlich
über die Zukunft der Regierung geäußert. «Ich
habe Signale bekommen, dass die Fraktion bis auf eine Person zur
Senatspolitik steht.» Bei der Premiere des Musicals «Tanz
der Vampire» sagte der gut gelaunte Beust am Sonntagnachmittag:
«Ich bin froh, dass das nicht 'Titanic' ist, sondern Tanz der
Vampire. Das passt auch besser.»
Die SPD forderte Neuwahlen. Der Landesvorsitzende Olaf Scholz, der auch
Generalsekretär der Bundes-SPD ist, erklärte, der Hamburger
Senat sei «fachlich, personell und moralisch am Ende. Der
Hamburger Bürgermeister ist ein Bürgermeister auf Abruf, der
nach wie vor allein von Ronald Schill abhängig ist.»
(Quelle: ap)
Walter Jens gerät im NSDAP-Streit weiter unter Druck
Mo.08.12.03 - Der Literaturwissenschaftler Walter Jens gerät im Streit um eine
mögliche NSDAP-Mitgliedschaft stärker unter Druck. «So
nachdrücklich ich immer betont habe, dass ich in der Hitlerjugend
war, so nachdrücklich habe ich immer gesagt: Ich war nicht in der
Partei. Es kann ein Irrtum sein», sagte Jens in einem Interview
der «Süddeutschen Zeitung».
Er räumte ein, «dass ich lange Jahre angepasst gesprochen
habe, wie zum Beispiel in meinem Abituraufsatz, den ich nicht mehr gern
lesen möchte». Auch habe er Worte wie «entartete
Literatur» gebraucht. Dem «Spiegel» liegen nach
eigenen Angaben zwei Karten der NSDAP- Mitgliederkartei vor, in der
Jens unter Nummer 9265911 erscheint.
Die Mitgliederkartei trage den Vermerk, dass der damalige Student im
Frühjahr 1943 von Hamburg nach Freiburg umzog. «Solche
Änderungsmeldungen kamen aber nur durch persönliche Abmeldung
des Parteigenossen zu Stande», sagte der Historiker Michael
Buddrus vom Münchner Institut für Zeitgeschichte dem Magazin.
Jens erklärte der «SZ»: «Ich glaube nicht, dass
sich die Wahrheit auf Karteikarten findet.»
Nach Angaben von Buddrus konnten sich NSDAP-Mitglieder nur mit einem
Abmeldeschein bei einer neuen Ortsgruppe anmelden. Automatische
Ummeldungen, etwa durch die Einwohnerbehörden, habe es nicht
gegeben. Daher müsse Jens zumindest 1943 von seiner
Parteimitgliedschaft gewusst haben. Jens selbst teilte dazu am Samstag
auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mit: «Nach bestem Wissen
und Gewissen kann ich mich nicht daran erinnern, mich dort jemals an-
oder abgemeldet zu haben.» Er sei aber interessiert an einer
Fotokopie der Unterlagen.
Buddrus, der mehr als 18 000 Partei-Mitgliedskarten ausgewertet hat,
hält es für ausgeschlossen, dass Jens durch eine Sammelliste
der Hitlerjugend (HJ) unwissentlich Mitglied der Partei wurde:
«Das Höchstalter für männliche Jugendliche in der
HJ war 18 Jahre; Jens hatte aber seine Aufnahme im Sommer 1942
beantragt, als er schon 19 Jahre alt war und der HJ gar nicht mehr
angehören konnte.»
Laut «Internationalem Germanistenlexikon 1800-1950» (Verlag
de Gruyter, Berlin) war Jens am 1. September 1942 in die NSDAP
aufgenommen worden. Der heute 80-jährige Ehrenpräsident der
Akademie der Künste beteuerte in den vergangenen Wochen mehrmals,
nichts von einer Parteimitgliedschaft gewusst zu haben. Es sei
höchstens denkbar, dass er als Mitglied der Hitler-Jugend
automatisch aufgenommen worden sei. Es sei fahrlässig, dass sich
der Herausgeber des «Germanistenlexikons», Christoph
König, auf ein einziges Gutachten - das von Buddrus - stütze.
(Quelle: dpa)
Britischer Künstler Grayson Perry erhält Turner-Preis
Mo.08.12.03 - Der britische Künstler und bekennende Transvestit Grayson Perry
ist mit dem diesjährigen Turner-Preis für
zeitgenössische Kunst ausgezeichnet worden. Perry nahm am Sonntag
in der Londoner Galerie Tate-Britain die mit 20.000 Pfund (35.000 Euro)
dotierte Auszeichnung entgegen. Der 43-Jährige gestaltet Vasen,
auf denen er sich mit den Themen Sexualität, Kindesmissbrauch und
Tod beschäftigt. Der Turner-Preis wird an britische Künstler
vergeben, die jünger als 50 Jahre sind und in den vorausgegangenen
zwölf Monaten ausgestellt haben. Vor Perry erhielten inzwischen
anerkannte Künstler wie Damien Hirst, Anthony Gormley und Chris
Ofili den Turner-Preis. Kritiker werfen den Veranstaltern vor, sich auf
Avantgarde zu Lasten konventioneller Formen zu konzentrieren.
(Quelle: ap)
UN-Menschenrechtserklärung als Basis für
Informationsgesellschaft
Mo.08.12.03 - Die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen soll
überall in der Welt die Grundlage für eine freie
Informationsgesellschaft sein. Dies soll auf dem von den Vereinten
Nationen für Mittwoch (10. Dezember) in Genf geplanten
dreitägigen Weltgipfel zur Informationsgesellschaft [http://www.itu.int/wsis/]
beschlossen werden.
Darin soll auch das Recht auf freie Meinungsäußerung
ausdrücklich erwähnt werden, wie Marc Furrer, Direktor des
Schweizer Bundesamtes für Kommunikation, am Sonntag in Genf
erklärte. Er sprach im Anschluss an eine weitere
Vorbereitungskonferenz des Gipfeltreffens, an der sich seit Freitag
Delegierte von 180 Staaten beteiligt hatten.
Furrer hatte der Konferenz einen Schweizer Kompromisstext für die
Themen Medien, Meinungsfreiheit und Netzsicherheit vorgelegt, der
angenommen wurde. So sollen in der beim Gipfeltreffen zu
verabschiedenden Abschlusserklärung die Unabhängigkeit und
Vielfalt der Medien sowie ein Aktionsplan gebilligt werden. Die
Delegierten einigten sich bei der Regulierung des Internet darauf, dass
der UN-Generalsekretär eine Arbeitsgruppe aus Vertretern von
Regierungen, der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft einberuft,
die bis 2005 Vorschläge für eine Lösung erarbeiten soll.
Bei der Netzsicherheit wird in der Abschlusserklärung die
Notwendigkeit einer Vertrauensbildung hervorgehoben. Der Gebrauch von
Informationen und Technologien für kriminelle und terroristische
Zwecke soll unter Wahrung der Menschenrechte verhindert werden. Nach
dem Aktionsplan soll bis 2015 mehr als die Hälfte der
Weltbevölkerung Zugang zu den Informationstechnologien (ICT) haben.
Strittig ist, ob weiterhin eine private Institution wie die
US-Organisation ICANN (Internet Corporation for Assignment of Names and
Numbers) oder eine internationale Organisation das World Wide Web
verwalten soll. Klar ist einzig, dass diese Aufgabe nicht von der in
Genf ansässigen Internationalen Telekommunikations-Union (ITU)
übernommen werden soll, die den ersten Teil der Gipfelkonferenz
zusammen mit der Schweiz organisiert.
Es werden rund 8000 Teilnehmer erwartet. Etwa 80 Staats- und
Regierungschefs haben sich in Genf angekündigt. Der zweite Teil
ist 2005 in Tunis geplant.
(Quelle: dpa)
Mehr zum Weltgipfel der Informationsgesellschaft bei heise-online unter:
http://www.heise.de/newsticker/data/mw-06.12.03-004/
Samstag, 13.12.2003 - 20 Uhr bis 2 Uhr früh
EXPERIMENTELLE MUSIK 2003
Das sechsstündige internationale Festival
der experimentellen Musik
mit
Das PHREN-Ensemble München: Carmen Nagel-Berninger,
Inge Salcher, George Augusta, Michael Steimer,
Michael Kopfermann
Gloria Franck, Yola Krebes, Anna-Maja Spiess
und Cornelius Hirsch, München
Heinz-Klaus Metzger, Berlin
Rainer Riehn, Berlin
Hans Rudolf Zeller, München
Aleks Kolkowski, London
Ignaz Schick, Berlin
Brendan Dougherty, Aaron Meicht, Philadelphia USA
Michael von Biel, Köln
Otfried Rautenbach, Harri Ansorge, Nicolas Young,
Heidelberg / Berlin
Luca Miti, Rom
Albert Mayr, Florenz
Edith Rom, Stephan Wunderlich, München
München, TU-Mensa, Arcisstraße 17
Information:
www.experimentelle-musik.info
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