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Irak am zweihundertachtundsechzigsten Tag nach Kriegsbegin
Human Rights Watch: Tod hunderter Zivilpersonen in Irak war vermeidbar.
Vor allem der 'unsinnige Einsatz von Splitterbomben" sei für
den Tod von Zivilisten verantwortlich gewesen. Amerikanische und
britische Truppen hätten fast 13.000 Streubomben zur Explosion
gebracht +++ Bush hält an Ausschluss der Kriegsgegner vom
Wiederaufbau Iraks fest. Aufforderung an Deutschland, Frankreich,
Russland und andere Kreditgeber, die irakischen Schulden zu erlassen
+++ US-Experten kritisieren begrenzte Vergabe von Irak-Verträgen
+++ Deutsche Wirtschaft sieht keine Benachteiligung in Irak +++
'Pentagon wirft der US-Firma Halliburton überhöhte Rechnungen
in Irak vor +++ Weiter Angriffe auf Besatzungstruppen in Irak +++
Hunderte Soldaten der neuen irakischen Armee quittieren Dienst +++ USA
bauen irakischen Geheimdienst auf
Fr.12.12.03 - Amerikanische und britische Truppen hätten nach Ansicht der
Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch [http://www.hrw.org] im
Irak-Krieg hunderte von Toten unter der irakischen
Zivilbevölkerung vermeiden können. Mehr als 1.000 Iraker
seien durch den Einsatz von Streubomben und ungenau geführte
Luftangriffe getötet oder verwundet worden, kritisierte die
Organisation in einem am heutigen Freitag veröffentlichten
Bericht. Die amerikanischen und britischen Truppen hätten
insgesamt fast 13.000 Streubomben mit zwei Millionen Sprengsätzen
eingesetzt, heißt es in der 147-seitigen Studie.
"Jeder Tod einer Zivilperson im Krieg ist eine schreckliche
Tragödie", sagte Kenneth Roth, Geschäftsführer von Human
Rights Watch. Allein bei einem Streubomben-Angriff auf die Stadt Hillah
am 31. März seien mindestens 33 Zivilpersonen getötet und 109
verletzt worden. Streubomben detonieren bereits vor ihrem Auftreffen und
versprengen ihren Inhalt über weite Gebiete.
Razzien von US-Truppen gegen ranghohe Iraker seien auf angezapfte
Telefonverbindungen und Geheimdiensthinweise zurückgegangen,
erklärte Human Rights Watch weiter. Die darauf beruhenden
Luftangriffe seien häufig ungenau gewesen und hätten
zahlreiche unbeteiligte Zivilpersonen das Leben gekostet. Bei einem
Angriff am 7. April, der offenbar Saddam Hussein gegolten habe und auf
einem abgehörten Satellitentelefongespräch beruht habe, seien
18 Menschen getötet worden. Drei Häuser in Bagdad wurden dem
Bericht zufolge dabei zerstört.
In Basra im Süden Iraks hätten britische Truppen es
versäumt, Waffen- und Munitionslager zu sichern, heißt es in
dem Bericht weiter. Zivilpersonen seien getötet und verletzt
worden, die Waffen in die Hände von Aufständischen gefallen.
Auf der anderen Seite hätten Iraker Zivilpersonen als menschliche
Schutzschilde benutzt und die Symbole neutraler Organisationen wie des
Roten Kreuzes missbraucht, kritisierte Human Rights Watch weiter. In
Moscheen und Krankenhäusern sei militärisches Material
deponiert worden, was internationales Recht verletze.
Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation führten ihre
Mitarbeiter vom 29. April bis 1. Juni in zehn irakischen Städten
mehr als 200 Interviews mit Opfern, Ärzten und Mitgliedern der
Streitkräfte. Eine vollständige Zahl der in Irak
getöteten Zivilpersonen wollte Human Rights Watch indes nicht
erheben.
Nach vorläufigen Angaben des irakischen Gesundheitsministeriums
vom Sommer wurden 1.764 Zivilisten getötet. Die Zählung sei
mittlerweile jedoch eingestellt worden, teilte ein Sprecher am Mittwoch
mit. Eine Erhebung der Nachrichtenagentur AP dokumentierte 3.240
Todesfälle zwischen 20. März und 20. April. Befragt wurde im
Mai und Juni etwa die Hälfte der irakischen Krankenhäuser; die
tatsächliche Zahl der Getöteten dürfte weitaus
höher liegen.
[Mehr unter: http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0311120.htm#031112_a]
Trotz harscher internationaler Kritik will US-Präsident George W.
Bush die Gegner des Irak-Krieges nicht an Projekten zum Wiederaufbau
des Landes beteiligen. Nur Firmen aus Ländern, die Truppen nach
Irak geschickt haben, sollten bei der Vergabe der Aufträge in
Höhe von insgesamt 18,6 Milliarden Dollar (15,2 Milliarden Euro)
berücksichtigt werden, bekräftigte Bush am Donnerstag.
Bundeskanzler Gerhard Schröder bezeichnete derartige
Einschränkungen als rückwärts gewandt.
Die EU-Kommission nannte die US-Vergabepraxis einen politischen Fehler.
Es sei eine «überflüssige und überhaupt nicht
hilfreiche» Entscheidung in einer Zeit, da die internationale
Gemeinschaft gemeinsam an der Stabilität und dem Wiederaufbau
Iraks arbeiten müsse, ließ EU-Außenkommissar Chris
Patten mitteilen. Die Kommission erwägt auch eine Einschaltung der
Welthandelsorganisation (WTO).
Bush sagte nach einer Kabinettssitzung in Washington, den
amerikanischen Steuerzahlern leuchte es ein, dass nur die Länder
vom Wiederaufbau Iraks profitieren sollten, die dort Soldaten
stationiert hätten. "Unsere Leute haben ihr Leben riskiert, die
verbündeten Soldaten haben ihr Leben riskiert, und deshalb wird
die Auftragsvergabe das widerspiegeln", sagte er.
Zugleich forderte Bush Deutschland, Frankreich, Russland und andere
Kreditgeber auf, die irakischen Schulden zu erlassen. "Dies wäre
ein bedeutender Beitrag, für den wir sehr dankbar wären",
sagte der US-Präsident, der zuvor mit Schröder, dem
französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac und dem
russischen Präsidenten Wladimir Putin telefoniert hatte.
Schröder sagte im Beisein von UN-Generalsekretär Kofi Annan
in Berlin, der Wiederaufbau Iraks sei die Aufgabe aller. Es sei wenig
sinnvoll, darüber zu diskutieren, wer teilnehmen könne und
wer nicht. Annan nannte die US-Entscheidung "unglücklich". Alles,
was unternommen werde, solle dem Ziel dienen, einen internationalen
Konsens wieder herzustellen. Ähnlich äußerte sich der
russische Außenminister Igor Iwanow: "Es dürfen keine
Schritte oder Aktivitäten zugelassen werden, die zu einer weiteren
Spaltung führen."
Der scheidende kanadische Ministerpräsidenten Jean Chretien sagte,
Bush habe in einem Abschiedstelefonat angedeutet, dass Kanada nicht von
Aufträgen für Wiederaufbauprojekte ausgeschlossen werde. Der
US-Präsident habe ihm versichert, er müsse sich "keine Sorgen
machen". Kanada schickte - ebenso wie Deutschland, Frankreich und
Russland - keine Truppen nach Irak.
Die deutsche Wirtschaft sieht die Benachteiligung von Firmen bei
Aufträgen für den Wiederaufbau Iraks durch die US-Regierung
gelassen. Entscheidend sei die Vergabe der Unteraufträge, die auch
künftig international ausgeschrieben würden, sagte Jochen
Münker, Nahost-Experte beim Industrie- und Handelskammertag
(DIHK), dem Berliner "Tagesspiegel" (Freitagsausgabe). Die
Unteraufträge machten den größten Teil des
Auftragsvolumens aus. So habe bei einer Ausschreibung im Mai der
US-Konzern Bechtel als Generalunternehmer 90 Prozent der Aufträge
an andere, auch ausländische Firmen, vergeben. Bei einer Umfrage
des Blattes hätten Sprecher großer deutscher Konzerne aus
der Bau-, Elektro- und Maschinenbaubranche erklärt, sie rechneten
weiter mit US-Aufträgen.
Auch in den USA gibt es wachsende Kritik an der Entscheidung
Washingtons, Kriegsgegner bei der Vergabe von Aufträgen zum Aufbau
des Iraks auszuschließen. Der Rüstungsexperte William
Hartung vom "World Policy Institute" in New York nannte diesen Schritt
rechtlich und diplomatisch fragwürdig. Außerdem drohe
dadurch eine "Preistreiberei" der US-Konzerne.
Unterdessen sorgt der US-Konzerns Halliburton für Wirbel im
Pentagon. Rechnungsprüfer des US-Verteidigungsministeriums werfen
der ehemaligen Firma von Vizepräsident Dick Cheney vor, von den
Streitkräften in Irak überteuerte Preise für Lieferungen
verlangt zu haben. Unklar war aber nach Angaben aus Pentagon-Kreisen,
ob es sich um Vorsatz gehandelt habe. So könnte Halliburton
für eine Benzinlieferung an das US-Heer seinem Subunternehmer -
Tochterfirma Kellogg, Brown & Root (KBR) - zu viel bezahlt haben
So verlautete aus dem Pentagon, es gebe keinen Grund zu der Annahme,
dass etwas anderes als "dumme Fehler" Halliburtons zu dem
überteuerten Benzinpreis von 61 Millionen Dollar geführt
hätten. Halliburton-Sprecherin Wendy Hall dementierte, dass ihre
Firma zu hohe Preise verlangt habe.
Bei der Benzinrechnung war den Rechnungsprüfern den
Pentagon-Kreisen zufolge aufgefallen, dass KBR 56,6 Millionen Gallonen
Benzin zu 2,27 Dollar die Gallone in Rechnung gestellt habe. In einem
anderen Kontrakt seien aber nur 1,18 Dollar pro Gallone verlangt
worden. Halliburton begründete den hohen Preis damit, dass der
Treibstoff in eine Kampfzone ausgeliefert werden musste. Der
demokratische Senator Frank Lautenberg forderte eine Senatsuntersuchung
zum Rechnungsprüfungsbericht des Pentagons.
Darin hieß es weiter das KBR, das neben Treibstoff auch warmes
Essen für US-Soldaten liefert, für einen Cafeteria-Service
ein Angebot unterbreitet habe, dass um 67 Millionen Dollar
überhöht gewesen sei. Das Pentagon habe abgelehnt. Man sei
besorgt wegen der Kontrakte, die ohne Wettbewerb für bis zu 15,6
Milliarden Dollar an KBR gingen, hieß es weiter. Haushaltschef
Dov Zakheim sagte, man werde keine Unangebrachtheiten und falschen
Rechnungsstellen mehr dulden.
Es sind nicht die ersten Vorwürfe der Preistreiberei gegen KBR. Im
vergangenen Jahr zahlte die Firma zwei Millionen Dollar Strafe wegen
überhöhter Preise für Wartung und Reparaturen im
kalifornischen Fort Ord. Das Rechnungsprüfungsamt des Kongresses
hatte ermittelt, dass KBR von 1997 bis 2000 dem Heer fragwürdige
Rechnungen für Lieferungen auf dem Balkan schickte. So sei
für eine Sperrholzplatte 85,98 Dollar verlangt worden, die 14,06
Dollar gekostet habe und einige Militärbüros seien laut
Rechnung bis zu vier Mal am Tag geputzt worden.
Cheney trat 2000 als Vorstandschef von Halliburton zurück, nachdem
er Vizepräsidentschaftskandidat von George W. Bush wurde. Der
frühere Verteidigungsminister leitete den Konzern seit 1995.
Im Irak gibt es weiter Angriffe auf die Besatzungtruppen. Bei
einem Selbstmordanschlag auf einen US-Stützpunkt in Ramadi, 100
Kilometer westlich von Bagdad, wurde am Donnerstag ein amerikanischer
Soldat getötet, 14 weitere erlitten Verletzungen. Die drei
Insassen des Möbeltransporters, der am Eingang des
Stützpunkts explodierte, kamen ebenfalls ums Leben. Es war der
erste Selbstmordanschlag auf eine US-Militäreinrichtung, bei dem
ein US- Soldat ums Leben kam. Bei einer ähnlichen Attacke am
Dienstag im nordirakischen Tall Afar wurden mehr als 30 US-Soldaten
verletzt.
In Bagdad wurden zwei Journalisten und zwei US-Soldaten beim Angriff
auf ein amerikanisches Militärfahrzeug verwundet. Nach
Militärangaben wurde der Geländewagen am Mittwochabend mit
einer Handgranate angegriffen. Bei den verletzten Journalisten handelt
es sich um einen Reporter und einen Fotografen des "Time Magazine".
Hunderte Soldaten der neu gegründeten irakischen Streitkräfte
haben ihren Dienst wieder quittiert. Wie ein Sprecher der
US-geführten Streitkräfte am Donnerstag in Bagdad mitteilte,
schieden von insgesamt 700 Soldaten des ersten Bataillons 300 aus. Sie
seien unzufrieden mit den Bedingungen beim Militär gewesen und den
Befehlen ihrer Vorgesetzten nicht gefolgt. Nach der Entmachtung des
irakischen Präsidenten Saddam Hussein im April haben die USA und
ihre Verbündeten mit dem Aufbau einer neuen irakischen Armee
begonnen.
Die USA bauen in Irak einen neuen Geheimdienst auf. Dessen vorrangige
Aufgabe solle es sein, Informationen im Kampf gegen den Terrorismus zu
liefern, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan,
am Donnerstag in Washington. Die Idee zum Aufbau des Geheimdienstes sei
schon vor einigen Monaten von einigen Irakern an die USA herangetragen
worden, sagte McClellan. "Wir helfen ihnen bei ihrem Anliegen." Dies
sei Teil der längerfristigen Bemühungen der USA, den Irakern
mehr Verantwortung für die Sicherheit ihres Landes zu geben.
Einzelheiten wollte er aber nicht nennen.
(Quelle: dpa, afp, ap)
Die US-Spezialeinheit 121 soll mit israelischer und irakischer Hilfe
auf die "Kopfjagd" nach Aufständischen gehen...
Nach einem Bericht der britischen Tageszeitung Guardian sollen
israelische Spezialisten in Fort Bragg im US-Bundesstaat North Carolina
amerikanische Spezialeinheiten für den Häuserkampf und die
Aufstandsbekämpfung ausbilden. Die amerikanische Zeitschrift The
New Yorker hatte vor vier Tagen ebenfalls von einer solchen
Zusammenarbeit berichtet. Israelische Kommandos sollen laut diesem
Bericht in Zukunft sogar im Geheimen als Ad-hoc-Berater eingesetzt
werden, wenn die Operationen der US-Sondereinheiten beginnen...
Die israelischen Berater sind offensichtlich ein Teil der neuen
Getting-tough-Politik von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Der
hatte stets für eine größere Rolle der Special Forces
plädiert. Bis Januar soll die so genannte Task Force 121,
bestehend aus Sondereinheiten der Armee, der Navy und des CIA zum
Einsatz bereit sein. Es sei Rumsfelds Sieg, dass das US-Militär
nun die Strategie der "Kopfjagd" übernommen habe, schreibt der New
Yorker und zitiert einen US-Geheimdienstler a. D.: "Wir können den
Krieg im Irak nur auf unkonventionelle Art gewinnen. Wir müssen
uns auf ihr Spiel einlassen. Guerilla gegen Guerilla. Terror gegen
Terror."
Aus der "tageszeitung" vom 12.12.03
Mehr unter:
http://www.taz.de/pt/2003/12/12/a0224.nf/text
http://www.telepolis.de/deutsch/special/irak/16272/1.html
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Nahost-Konflikt
Sieben Israelis in Nablus angeschossen +++ Scharon verteidigt
umstrittenen Sperrwall zum Westjordanland +++ Oberster Gerichtshof
setzt Räumung von jüdischer Siedlung aus +++ Nahost-Quartett
fordert von Palästinensern mehr Reformen
Fr.12.12.03 - Sieben Israelis sind am Freitagmorgen in Nablus beschossen und verletzt
worden, als sie eine zwischen Juden und Palästinensern umstrittene
Grabstätte in der grössten Stadt des Westjordanlands betreten
wollten. Die extremistischen Juden fuhren mit ihrem Auto in der
Nähe von Josephs Grab, als sie vermutlich von militanten
Palästinensern unter Feuer genommen wurden, berichteten
Rettungssanitäter und Militärsprecher. Soldaten kamen ihnen
zu Hilfe und evakuierten sie. Einer der Verwundeten war in kritischem
Zustand, hiess es weiter.
Einige Juden glauben, dass in Nablus der biblische Joseph begraben ist.
Palästinenser sagen dagegen, in dem umstrittenen Grab sei ein
Scheich bestattet. Seit Oktober 2000 haben israelische Truppen sich von
dem Ort zurückgezogen; die Stätte wurde von
Palästinensern geplündert und niedergebrannt. Die
Streitkräfte haben es Israelis untersagt, das Grab zu besuchen.
Juden von der Breslav-Sekte kommen aber dennoch öfters dorthin, um
dort zu beten.
Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hat erneut die
Errichtung der umstrittenen Sperranlage zum Westjordanland als
unabdingbar verteidigt. Der Zaun sei "nicht die Antwort auf alle
Probleme", sagte Scharon der "Bild"-Zeitung (Freitagsausgabe). Er sei
aber eine von "mehreren Maßnahmen, um Terroranschlägen
vorzubeugen". Palästinensische Selbstmordattentäter sollten
daran gehindert werden, "ihre Ziele in Jerusalem oder anderswo in
Israel zu erreichen". Seine Regierung beobachte bereits jetzt, dass
Terrorkommandos nicht mehr dort zuschlügen, wo der Zaun bereits
errichtet sei.
Das Oberste Gericht in Israel hat die von der Armee angeordnete
Räumung einer so genannten "wilden" jüdischen Siedlung im
nördlichen Westjordanland am Donnerstag vorübergehend
ausgesetzt. Es gab damit einem Einspruch von Siedlern statt und gab der
Armee zwei Wochen Zeit, sich dazu zu äußern. Die israelische
Gruppe Frieden jetzt hatte unlängst auf die Existenz von 103
jüdischen Siedlungen im Westjordanland verwiesen, von denen 56
seit dem Amtsantritt des iraelischen Regierungschefs Ariel Scharon im
März 2001 errichtet worden seien. Fünf von acht in den
vergangenen Monaten abgebauten Siedlungen seien mittlerweile wieder
hergestellt worden.
Die Reformbemühungen der palästinensischen
Autonomiebehörde müssen nach Ansicht des Nahost-Quartetts
verstärkt werden. Viele der Reformbemühungen seien in den
vergangenen vier Monaten nicht voran gekommen, heisst es in einer am
Donnerstag in Rom herausgegebenen Erklärung der für die
Bewertung der Reformen eingesetzten Arbeitsgruppe. Zu den
Schlüsselaufgaben gehörten unter anderem Reformen für
eine effiziente Marktwirtschaft sowie eine Fortsetzung der
Justizreform. Israel wurde aufgefordert, die Reformen stärker zu
unterstützen.
(Quellen: afp, ap)
Jedes sechste Kind lernt nicht Lesen und Schreiben
Mädchen bei Bildung weiter erheblich benachteiligt +++ UNICEF:
Bildung zum Kernpunkt der Entwicklungspolitik machen
Fr.12.12.03 - Im Zeitalter des Internet hat jedes sechste Kind auf der Welt nicht
einmal die Chance, Lesen und Schreiben zu lernen. 121 Millionen Kinder
im Grundschulalter gehen nicht zur Schule, weil ihre Familien zu arm
sind, weil die Schulen überfüllt oder zu weit entfernt sind,
heißt es in dem in Berlin vorgestellten Jahresbericht des
UN-Kinderhilfswerks UNICEF. Nach wie vor seien Mädchen bei der
Bildung benachteiligt: 65 Millionen von ihnen haben nicht die
Gelegenheit, in die Grundschule zu gehen.
Besonders Besorgnis erregend ist die Situation nach Einschätzung
der UNICEF im südlichen Afrika. Dort stieg die Zahl der nicht
eingeschulten Kinder in den vergangenen zehn Jahren sogar wieder an. Im
Jahr 2002 waren in Afrika südlich der Sahara 45 Millionen Kinder
im Grundschulalter nicht eingeschult, im Jahr 1990 waren es noch 41
Millionen. In afrikanischen Ländern wie Äthiopien, Guinea
oder Tansania besuchten maximal zehn Prozent aller Mädchen eine
weiterführende Schule.
Im weltweiten Vergleich kamen 2002 auf hundert eingeschulte Jungen 92
eingeschulte Mädchen. Im Jahr 1990 betrug das Verhältnis noch
hundert zu 86. Die Quote der Mädchen, die die Grundschule
erfolgreich abschließen, liegt bei 76 Prozent, die der Jungen bei
85 Prozent. In zwei Dritteln aller Entwicklungsländer sei die
Einschulungsrate für Mädchen im Verlauf der 90er Jahre
verbessert worden. Als positives Beispiel hebt die UNICEF Marokko
hervor: Waren hier 1997/1998 nur 44,6 Prozent der Mädchen
eingeschult, lag die Rate fünf Jahre später schon bei 82,2
Prozent.
Die UNICEF-Experten weisen in dem Jahresbericht darauf hin, dass sich
die Benachteiligung von Mädchen nicht nur an Zahlen ablesen
lässt. Oft würden Mädchen von den Lehrern ignoriert und
nicht aufgerufen. Schulbücher transportierten vielerorts ein
traditionelles und negatives Frauenbild, mit aktiven Jungen und
Männern sowie mit Frauen, deren Rolle auf die Kindererziehung
beschränkt ist.
Dabei habe "keine andere Investition so positive und weit reichende
Auswirkungen auf die Entwicklung einer Gesellschaft wie die
Förderung der Bildung für Mädchen", heißt es in
dem Bericht. "Die Kindersterblichkeit sinkt, je länger die
Mütter zur Schule gehen. Frauen mit Schulbildung heiraten meist
später, bekommen weniger Kinder und können diese besser
versorgen."
UNICEF forderte Politiker in aller Welt auf, Bildung zum Kernpunkt
ihrer Entwicklungspolitik zu machen. Dazu wären bis 2015 rund 60
Milliarden Dollar nötig. Dies sei wegen der vielen Nutzen für
die Gesellschaft eine "ideale Investition", betonte das
Kinderhilfswerk. Zum Vergleich weist es darauf hin, dass allein 2002
weltweit mehr als 800 Milliarden Dollar in Rüstung geflossen
seien.
(Quellen: afp, ap)
Japan will Zusammenarbeit mit ASEAN-Staaten verstärken
Die zehn ASEAN-Staaten - Malaysia, Thailand, Philippinen, Birma, Brunei, Indonesien,
Kambodscha, Laos, Singapur und Vietnam - stellen mit insgesamt 500 Millionen Einwohnern
17 Prozent der Weltbevölkerung
Fr.12.12.03 - Zum Auftakt des Japan-ASEAN-Gipfels haben sich die elf
Teilnehmerstaaten am Donnerstag für eine Stärkung des
gemeinsamen Handels und für mehr Zusammenarbeit in
Sicherheitsfragen ausgesprochen. Das zweitägige Treffen in Tokio
ist die erste Konferenz des Verbands Südostasiatischer Staaten
(ASEAN), die nicht in einem der ASEAN-Staaten stattfindet. Gastgeber
Japan ist nach den USA der zweitgrößte Handelspartner des
Verbands. Mit dem Gipfel will Tokio seinen politischen und
wirtschaftlichen Einfluss in der Region stärken.
Dazu scheint die japanische Regierung auch bereit, ihren eigenen Markt
stärker als bislang zu öffnen. Kurz vor der Eröffnung
des Gipfels bot Ministerpräsident Junichiro Koizumi drei
ASEAN-Staaten Verhandlungen über bilaterale Freihandelsabkommen
an. Die Verhandlungen mit Malaysia, Thailand und den Philippinen sollen
Anfang nächsten Jahres beginnen, wie die japanische Regierung
mitteilte.
Bislang hat Tokio nur mit Singapur ein Freihandelsabkommen geschlossen.
Der kleine Stadtstaat exportiert kaum landwirtschaftliche Produkte und
stellt somit keine Bedrohung für die einflussreiche japanische
Agrarlobby dar. Ein Freihandelsabkommen mit Thailand war bisher an
deren Widerspruch gescheitert.
Koizumi kündigte den Beitritt Japans zu einem Freundschafts- und
Kooperationsvertrag der ASEAN-Staaten aus dem Jahr 1976 an, den auch
China im Oktober unterzeichnet hatte. Der Nichtangriffspakt verurteilt
den Einsatz von Gewalt zwischen den Unterzeichnerstaaten. Zudem wollte
Koizumi den Kampf gegen den Terrorismus zur Sprache bringen.
Die zehn ASEAN-Staaten stellen mit insgesamt 500 Millionen Einwohnern
17 Prozent der Weltbevölkerung. Dem Verband gehören neben
Malaysia, Thailand und den Philippinen auch Birma, Brunei, Indonesien,
Kambodscha, Laos, Singapur und Vietnam an.
Vor dem Tagungsort protestierten ein paar Dutzend Menschen gegen die
Teilnahme der birmanischen Militärjunta. Die Demonstranten,
überwiegend Exil-Birmaner, forderten die Freilassung der
birmanischen Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi. Die
Friedensnobelpreisträgerin steht seit Ende Mai unter Hausarrest.
Es wurde erwartet, dass Koizumi am Rande des Gipfels mit dem
birmanischen Regierungschef General Khin Nyunt Gespräche über
Suu Kyi führen werde. Nach ihrer Verhaftung hatte Japan die
Zahlung von Entwicklungshilfe an Birma ausgesetzt.
(Quelle: ap)
Pensionsreform in Brasilien von Senat gebilligt
Fr.12.12.03 - In Brasilien sind zentrale Reformen verabschiedet oder auf den Weg
gebracht worden, mit denen Präsident Luiz Inazio Lula da Silva die
gigantische Staatsverschuldung der größten
lateinamerikanischen Volkswirtschaft in den Griff bekommen will. Der
Senat stimmte am Donnerstag der Reform des Pensionsrechts für den
Öffentlichen Dienst zu, für die eine Verfassungsänderung
und deshalb eine zweimalige Verabschiedung mit Dreifünftelmehrheit
nötig war. Zudem brachte er das erste von drei
Steuerreformgesetzen auf den Weg.
Die Pensionsreform für den Öffentlichen Dienst galt als
eindrucksvoller Sieg für den ehemaligen
Gewerkschaftsfunktionär, der vor einem Jahr als erster
linksgerichteter Politiker eine Präsidentenwahl gewann. Silvas
Vorgänger Fernando Enrique Cardoso hatte sich in zwei Amtszeiten
daran erfolglos versucht. Silva, der sich im Kongress auf keine
Mehrheit stützen kann, brachte sein Konzept in sieben Monaten
durch.
Mit der zum Jahresende erwarteten Unterschrift Silvas wird das am
Donnerstag mit 51 gegen 24 Stimmen verabschiedete Pensionsgesetz
rechtskräftig. Es hebt das Mindestalter für Pensionierungen
im öffentlichen Dienst von 55 auf 60 Jahre für Männer
und von 48 auf 55 Jahre für Frauen an. Künftigen staatlichen
Bediensteten wird die Pension auf 2.400 Real (680 Euro) im Monat
begrenzt. Zudem wird eine - äußerst umstrittene -
elfprozentige Steuer auf die meisten Pensionen erhoben. Andere Renten
werden aber bereits besteuert.
In den nächsten beiden Jahrzehnten sollen die öffentlichen
Pensionskassen so 50 Milliarden Real (14 Milliarden Euro) einsparen. In
diesem Jahre betrug ihr Defizit geschätzte 84 Milliarden Real (24
Milliarden Euro) und steigerte so auch die Gesamtverschuldung des
Staates von derzeit rund 720 Milliarden Real (204 Milliarden Euro).
Als linker Oppositionspolitiker hatte Silva in den 90er Jahren
Änderungen am Pensionssystem im öffentlichen Dienst
abgelehnt, nach seinem Amtsantritt vor einem Jahr eine Reform aber zu
einem seiner Schwerpunkte gemacht. Ohne eine Änderung stünden
die Pensionskassen vor dem Bankrott, warnte er. Eingesparte Mittel will
er in die Bekämpfung der Armut umleiten - ein Viertel der
Bevölkerung ist mittellos.
Mit seiner Steuerreform soll das sperrige Steuerrecht vereinfacht und
einige Sätze auch gesenkt werden. In erster Lesung wurde der erste
Abschnitt mit 63 gegen 4 Stimmen gebilligt.
Ein Politikwissenschaftler an der Universität von Brasilia, David
Fleischer, wertete dies als Zeichen, dass Silva auch seine Steuerreform
durch den Kongress bringt. Er könne sich damit vielleicht schon im
kommenden Jahr um andere dringende Probleme in der Agrarpolitik, dem
Justizsystem und Sozialreformen widmen, sagte er.
Silva hat im Wahlkampf versprochen, den Lebensstandard von 40 Millionen
Brasilianern zu verbessern, die täglich mit weniger als einem
Dollar auskommen müssen. Konservative Wirtschaftsexperten und
Investoren reagierten auf seinen Wahlsieg zunächst verschreckt.
Mit einer Serie umstrittener Zinserhöhungen stabilisierte Silva
aber die brasilianischen Finanzmärkte. In den ersten beiden
Quartalen glitt die Wirtschaft in eine Rezession, inzwischen erwarten
Investoren im kommenden Jahr ein Wachstum von drei Prozent.
(Quelle: ap)
Vor gut einem Jahr wurde der ehemalige Arbeiterführer Lula da
Silva zum brasilianischen Präsidenten gewählt
Vor allem die Ärmsten der Armen sehen in ihm nach wie vor die
große Hoffnung. Schließlich ist ihr Land, die immerhin
elftgrößte Industrienation der Erde, in einer Hinsicht
Weltspitze: Nirgendwo sonst sind die Güter derart ungleich
verteilt, gibt es eine so tiefe Kluft zwischen den extrem Reichen und
den Allerärmsten. Lula hat versprochen, gegen die Korruption
vorzugehen, die Macht der oligarchischen Gruppen einzudämmen und
für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Doch bei alledem will er
sich zugleich an die Auflagen des Internationalen Währungsfonds
halten...
Le Monde diplomatique (vom 12.12.03) versucht eine "Vorläufige
Bilanz nach einem Jahr Lula" zu ziehen:
http://www.taz.de/pt/2003/12/12/a0059.nf/text
http://www.taz.de/pt/2003/12/12/a0061.nf/text
http://www.taz.de/pt/2003/12/12/a0058.nf/text
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Kolumbien: Soldaten erschießen 24 rechte Milizionäre
Fr.12.12.03 - Kolumbianische Soldaten haben bei Kämpfen 24 rechtsgerichtete
Milizionäre getötet und 39 gefangen genommen. Es war der
größte Militäreinsatz gegen die Milizen seit Beginn der
Gespräche über eine Entwaffnung im Juli. Bei den Gefechten
rund 230 Kilometer südöstlich von Bogota seien am Mittwoch
auch Waffen und Munition sowie Funkgeräte beschlagnahmt worden,
teilte die Armee am Donnerstag mit. Die größte der rechten
Milizen, die Vereinigten Selbstverteidigungsstreitkräfte (AUC),
haben eine Waffenruhe ausgerufen. Einige Gruppen halten sich aber nicht
daran. Die AUC verfügt über rund 12.000 Kämpfer.
(Quelle: ap)
Menschenrechtsverbrechen in El Salvador: Vize-Verteidigungs-Minister angeklagt
Fr.12.12.03 - Opfer von Menschenrechtsverbrechen und ihre Angehörigen haben
einen ehemaligen Vize-Verteidigungsminister von El Salvador auf
Schadenersatz verklagt. Nicolas Carranza sei von 1979 bis 1981 für
die Nationalgarde und die nationale Polizei zuständig gewesen,
hieß es in der am Mittwoch veröffentlichten Klageschrift.
Diese Sicherheitsorgane hätten schwerste Gräueltaten
verübt. Kläger in dem Verfahren in Memphis sind auch drei
Kinder des Ehepaars Humberto und Guillermina Chavez, das im Juli 1980
ermordet worden war. Das Verfahren hatte der Rechtshilfeverein "Zentrum
für Gerechtigkeit und Rechenschaftspflicht" auf den Weg gebracht.
Der Verein hatte 2002 die Generäle José Guillermo
García und Carlos Eugenio Vides Casanova in Florida zur Zahlung
von 54 Millionen Dollar an Folteropfer aus El Salvador verurteilt
(Quelle: taz/epd)
Menschenhandel in Südosteuropa nimmt laut UN zu
Fr.12.12.03 - Der Menschenhandel in Südosteuropa nimmt nach Angaben der
Vereinten Nationen weiter zu. 90 Prozent der Prostituierten in Europa,
die nicht in ihren Heimatländern arbeiteten, seien Opfer von
Menschenhändlern geworden, heißt es in dem am Donnerstag in
Wien vorgestellten Bericht. Weniger als 20 Prozent der verschleppten
Frauen könnten aber nur als Opfer des Menschenhandels
identifiziert werden, sagte Barbara Limanowska, die den Bericht
für UNICEF, OSZE und das Flüchtlingshilfswerk UNHCR
erstellte. Ein Jahr zuvor seien es noch 35 Prozent gewesen. Nur bei
fünf Prozent habe man helfen können.
Die Studie, die den Zeitraum von November 2002 bis April 2003 erfasst,
machte keine Angaben zur Zahl der Personen, die dem Menschenhandel zum
Opfer fallen. Es werde jedoch vermutet, dass es sich bei 90 Prozent der
ausländischen Prostituierten um Verschleppungsopfer handle,
hieß es. Zehn bis 15 Prozent davon seien jünger als 18 Jahre.
Die Methoden der Menschenhändler würden immer brutaler und
ausgeklügelter, hieß es. Indem sie immer schneller ihre
Vorgehensweise änderten, könnten unabhängige
Organisationen und Polizei die Opfer nur schwer erreichen. Limanowska
sieht die geringe Aufklärungsquote auch in der schlechten
fachspezifischen Ausbildung der Polizei begründet.
Unabhängige und internationale Organisationen seien in diesem
Bereich besser ausgerüstet.
Die UNICEF-Beauftragte von Bosnien, Helena Eversole, rief dazu auf, das
Problem bei den Wurzeln zu packen. Beispielsweise indem man den
potenziellen Opfern eine Schulausbildung zusichere. «Gebildete
Mädchen - besonders die mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein -
sind weitaus weniger gefährdet, verschleppt zu werden»,
sagte Eversole. Als eine «moderne Form der Sklaverei»
bezeichnete Christian Strohal das Geschäft mit den Frauen. Der
Leiter des OSZE-Büros für demokratische Institutionen und
Menschenrechte sieht die Stabilität und Sicherheit
Südosteuropas durch den Menschenhandel bedroht.
Untersucht wurde die Lage in Albanien, Bosnien, Bulgarien, Kroatien,
Mazedonien, Moldavien, Rumänien sowie Serbien-Montenegro
einschließlich Kosovo.
(Quelle: ap)
Chancen auf Einigung über EU-Verfassung werden immmer geringer
Fr.12.12.03 - Die Chancen auf eine Einigung über eine europäische
Verfassung beim am heutigen Freitag beginnenden EU-Gipfel werden immer
geringer. Unmittelbar vor dem Gipfeltreffen haben führende EU-
Politiker auf die Möglichkeit eines Scheiterns hingewiesen.
Bundeskanzler Gerhard Schröder antwortete in den ARD-Tagesthemen
auf die Frage, ob die Verfassung platzen könne: «Das kann so
sein».
Der derzeitige EU-Ratsvorsitzende, Italiens Ministerpräsident
Silvio Berlusconi, zog die Möglichkeit eines Scheiterns ebenfalls
in Betracht. Es wäre ein Wunder, wenn die Regierungskonferenz
über die Verfassung noch unter der bis Ende des Jahres dauernden
italienischen Präsidentschaft zu Stande käme, sagte
Berlusconi. Noch nie sei eine Regierungskonferenz innerhalb einer der
nur sechs Monate dauernden EU-Präsidentschaften beendet worden.
EU-Kommissionspräsident Romano Prodi deutete die Möglichkeit
an, dass Entscheidungen in zentralen Punkten des EU-Verfassungsentwurfs
verschoben werden könnten. Ein solcher Schritt wäre
«eine Möglichkeit», sagte er am Vortag des Gipfels.
«Eine Verschiebung hätte natürlich keine katastrophalen
Folgen», sagte Prodi.
Besonders umstritten ist die Forderung Polens und Spaniens, bei
Abstimmungen im EU-Ministerrat den Vertrag von Nizza anzuwenden. Diese
beiden Länder hätten dadurch mehr Einfluss als nach dem
Verfassungsentwurf des EU-Konvents, auf dem Deutschland besteht.
Schröder konnte jedoch in einem Gespräch mit dem polnischen
Präsidenten Aleksander Kwasniewski in Berlin keine Annäherung
in dieser strittigen Frage erreichen.
(Quelle: dpa)
EU-Verfassungsgipfel in Brüssel
Worum gestritten wird erklärt die "tageszeitung" vom 12.12.03::
http://www.taz.de/pt/2003/12/12/a0241.nf/text
http://www.taz.de/pt/2003/12/12/a0236.nf/text
http://www.taz.de/pt/2003/12/12/a0238.nf/text
http://www.taz.de/pt/2003/12/12/a0239.nf/text
http://www.taz.de/pt/2003/12/12/a0240.nf/text
Kompromiss im Streit um EU-Militärpolitik zeichnet sich ab
Diplomaten: NATO soll in EU-Planungszelle vertreten sein
Fr.12.12.03 - Im Streit um die künftige EU-Militärpolitik zeichnet sich ein
Kompromiss mit der NATO ab. Nach Angaben aus diplomatischen Kreisen bei
der Allianz in Brüssel vom Donnerstag wird die NATO in der
vorgesehenen EU-Zelle zur Planung und Führung militärischer
Einsätze vertreten sein. Besonders die USA hatten sich bislang
dagegen gewehrt, dass die EU eine eigenen Planungszelle aufbaut, die
von der NATO unabhängige Einsätze führen kann.
Den Angaben zufolge soll die Vereinbarung von den EU-Staats- und
Regierungschefs bei ihrem am (heutigen) Freitag beginnenden Gipfel
besiegelt werden. Großbritannien, Frankreich und Deutschland
hatten sich bereits vor zwei Wochen darauf verständigt, im
Grundsatz eine eigene EU-Planungszelle aufzubauen. Dazu soll ein
bereits bei der EU bestehender Militärstab personell aufgestockt
werden. Im Gegenzug soll eine beim militärischen
NATO-Hauptquartier SHAPE zunächst vorübergehend eingerichtete
EU-Planungszelle zu einer permanenten Vertretung werden.
Die USA wie auch NATO-Generalsekretär George Robertson hatten sich
stets gegen unnötige Duplizierungen des Militärs beider
Organisationen gewandt. Der britische Premierminister Tony Blair stand
dazu in den vergangenen Tagen mehrmals in Kontakt mit US-Präsident
George W. Bush. Robertson sagte am Donnerstag in Brüssel, er
würde eine ständige Vertretung der NATO in der
EU-Planungszelle begrüßen.
(Quelle: ap)
Sevilla: Verletzte bei Demonstration für Lohnerhöhung
Fr.12.12.03 - Bei einer Demonstration von Werftarbeitern für höhere
Löhne ist es am Donnerstag in Sevilla zu schweren Ausschreitungen
gekommen. Die Bereitschaftspolizei ging mit Gummigeschossen gegen die
Demonstranten vor und verletzte 14 von ihnen, wie
Gewerkschaftsvertreter mitteilten. Zwei Arbeiter mussten im Krankenhaus
behandelt werden. Medienberichten zufolge bewarfen die Arbeiter die
Polizisten anschließend mit dicken Schrauben und Bolzen. Auch
mehrere Polizisten sollen verletzt worden sein. Nach
Gewerkschaftsangaben schossen die Polizisten ohne Vorwarnung auf die
rund 300 Demonstranten, die lediglich auf ihren Trillerpfeifen geblasen
hätten.
(Quelle: ap)
Frankreich: Experten empfehlen Verbot religiöser Zeichen an Schulen
Fr.12.12.03 - Demonstrative religiöse Zeichen wie moslemische Kopftücher,
große christliche Kreuze oder jüdische Kippas sollen nach
Ansicht einer Expertengruppe an Frankreichs öffentlichen Schulen
verboten werden. Die von Staatschef Jacques Chirac eingesetzte
Kommission forderte ein Gesetz, um die weltanschauliche
Unabhängigkeit des Staates strikt durchzusetzen. Zum höchsten
jüdischen Festtag Jom Kippur und zum moslemischen Opferfest
Aid-el-Kebir soll an den öffentlichen französischen Schulen
schulfrei gelten.
Die nach ihrem Vorsitzenden Bernard Stasi benannte Kommission
schlägt vor, nur noch "diskrete" religiöse Zeichen wie kleine
Kreuze und Davidsterne oder Fatima-Hände an den staatlichen
Schulen zu tolerieren.
Die 20 "Weisen" der Expertengruppe hatten seit fünf Monaten nach
einer Neuregelung gesucht. Der Streit entzündete sich vor allem
daran, dass zahlreiche Schülerinnen im Unterricht moslemische
Kopftücher tragen. In ihrem Abschlussbericht fordert die
Kommission von den staatlichen Bildungseinrichtungen auch einen
verstärkten Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus. In den
Schulen soll vermehrt Arabisch unterrichtet werden. Chirac will sich am
Mittwoch zu dem Bericht äußern, dessen Schlussfolgerungen
von zahlreichen Verbänden begrüßt wurden.
Das Tragen moslemischer Kopftücher wird bislang zum Teil
hingenommen, in anderen Fällen hart bestraft: In mehreren
Fällen wurden Mädchen von der Schule verwiesen, weil sie
nicht ohne die Kopfbedeckung zum Unterricht erscheinen wollten. Ein
Regierungs-Dekret aus dem Jahr 1989 schreibt vor, Schüler sollten
durch ihre Kleidung keine "Verbreitung religiösen Glaubens"
betreiben. Die konkrete Auslegung liegt in der Hand der Schulleitungen.
Die Pariser Regierung hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, die
Frage grundsätzlich zu lösen.
Seit der Trennung von Staat und Kirche im Jahr 1905 ist der
französische Staat grundsätzlich auf Neutralität in
Glaubensfragen festgelegt.
(Quelle: afp)
Juden in Belgien besorgt über zunehmenden Antisemitismus
Fr.12.12.03 - In Belgien haben sich jüdische Organisationen besorgt gezeigt
über die Zunahme antisemitischer Vorfälle seit 2000. Im
vergangenen Jahr seien 51 Zwischenfälle registriert worden,
berichtet die Zeitung "De Morgen" am Mittwoch. Im Jahr 2001 waren es
27. Davor wurden drei Vorfälle jährlich gemeldet, heißt
es mit Bezug auf staatliche "Zentrum für Chancengleichheit und
Rassismusbekämpfung" sowie das Forum jüdischer Organisationen.
Bei den Vorfällen handelt es sich den Angaben zufolge um
Anschläge auf Synagogen, körperliche Gewalt, Bedrohungen,
Beleidigungen sowie Verbreitung von Propagandamaterial mit dem
Hakenkreuz-Symbol. Hakenkreuz-Schmierereien wurden auch auf Koffern der
israelischen Fluglinie EL AL auf dem Brüsseler Flughafen Zaventem
entdeckt. Das alles erinnere stark an den Antisemitismus der 30er
Jahre, so Generalsekretärin Diane Keyser vom Forum jüdischer
Organisationen.
Zwischen der Zunahme antisemitischer Vorfälle und dem
Nahost-Konflikt besteht ihren Angaben zufolge ein deutlicher
Zusammenhang. Es sei unübersehbar, dass die umstrittene
"Arabisch-Europäische Liga" bestimmte antijüdische Aktionen
dirigiert habe, so Keyser.
Eine zunehmende Zahl von Beleidigungen von Juden in den vergangenen
Jahren verzeichnet ebenfalls Jacques Wenger, Leiter der Shomre Hadas
Gemeinde in Antwerpen. Auch in diesem Jahr sähen sich Juden
häufig Beleidigungen ausgesetzt. Diese seien nicht nur verletzend,
sondern auch Angst einflößend, da sie mit Gewaltdrohungen
verbunden seien. Deshalb seien Mitglieder der jüdischen Gemeinde
angehalten, nicht allein auf die Straße zu gehen und bestimmte
Viertel zu meiden. In Antwerpen leben rund 20.000 Juden.
(Quelle: apd)
Deutschland
Bundestag geschlossen gegen Antisemitismus
Thierse: Antisemitismus 'diffus in unserer Mitte' +++
Engagement jedes Einzelnen gefordert +++
Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und die Abwertung etwa von
Behinderten und Homosexuellen haben in diesem Jahr zugenommen
Fr.12.12.03 - Der Bundestag hat einhellig dazu aufgerufen, jede Form von
Antisemitismus entschlossen zu bekämpfen. «Antisemitisches
Denken, Reden und Handeln haben keinen Platz in Deutschland»,
heißt es in einer Erklärung, die das Parlament am Donnerstag
mit den Stimmen aller Fraktionen verabschiedete. Der Kampf gegen
Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung sei eine Sache der
gesamten Gesellschaft. «Dabei ist das Engagement jedes Einzelnen
gefordert.»
Der Antrag war nach den als antisemitisch gewerteten
Äußerungen des inzwischen aus der CDU/CSU-Fraktion
ausgeschlossenen Abgeordneten Martin Hohmann verfasst worden. In der
Debatte darüber spielte die Affäre aber nur am Rande eine
Rolle.
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse bezeichnete die
Äußerungen Hohmanns als «bestürzende
Abstrusitäten eines einzelnen Abgeordneten». Er wies aber
darauf hin, dass antisemitische Ressentiments weiterhin eine
«fatale Wirkung» in der Mitte der Gesellschaft
entwickelten, die «bis hinein in dieses hohe Haus»
reichten. «Gerade wir Deutschen dürfen niemals nachlassen,
antisemitische Vorurteile zurückzuweisen», betonte Thierse.
Der CDU-Abgeordnete Norbert Lammert wies auf die besondere
Verantwortung hin, die Deutschland angesichts des Holocausts im Kampf
gegen den Antisemitismus habe. «Die Erinnerung an das Geschehene
ist Teil unserer nationalen Identität», sagte er.
«Antisemitismus - wo immer er auftritt - ist nicht akzeptabel, in
Deutschland ist er unerträglich». Lammert rief dazu auf,
beim Kampf gegen den Antisemitismus auf Parteipolitik zu verzichten.
«In solchen Grundsatzfragen darf es keine vordergründige
Rivalität geben».
Der Grünen-Abgeordnete Volker Beck nannte die geschlossen
verabschiedete Erklärung ein «wichtiges Signal».
«Beim Thema Antisemitismus darf es kein Lavieren geben»,
betonte er. Der FDP-Abgeordnete Markus Löning nannte die
Bekämpfung des Antisemitismus einen «Kampf für die
Grundlagen unserer freiheitlichen Gesellschaft».
In der gemeinsamen Erklärung heißt es, der Bundestag
beobachte mit großer Sorge, dass antisemitische Ressentiments
nicht nur bei Randgruppen, sondern weit in die Gesellschaft hinein
spürbar seien. «Wer Stereotype und Versatzstücke
nationalsozialistischer Propaganda aufnimmt und neu zusammenfügt,
wer 'die Juden' sprachlich ausbürgert, indem er sie 'den
Deutschen' gegenüberstellt und sie damit zu Fremden im eigenen
Land macht, wer die Ermordung der europäischen Juden relativiert,
steht außerhalb der demokratischen Wertegemeinschaft.»
Es sei die Pflicht jedes einzelnen, antisemitisches Denken, Reden und
Handeln zu bekämpfen. «Wo nötig, muss Antisemitismus
mit allen Mitteln des demokratischen Rechtsstaates auch von Polizei und
Justiz bekämpft werden.»
Nach einer am Donnerstag in Berlin vorgestellten Studie der
Universität Bielefeld [http://www.uni-bielefeld.de/ikg]
haben Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und die Abwertung etwa von
Behinderten und Homosexuellen in diesem Jahr zugenommen. Bei der
Befragung von rund 2.700 Personen vertraten 9,5 Prozent die Auffassung,
Juden hätten in Deutschland zu viel Einfluss, im Vorjahr waren es
noch 6,9 Prozent.
(Quelle: ap)
Mit den Stimmen aller Fraktionen hat der Bundestag am Donnerstag (11.12.03)
folgende Erklärung zum Kampf gegen den Antisemitismus
verabschiedet:
«1. Der Deutsche Bundestag verurteilt jede Form des
Antisemitismus. Antisemitisches Denken, Reden und Handeln haben keinen
Platz in Deutschland.
2. Antisemitismus war der geistige Nährboden für die
beispiellose von Deutschland ausgegangene Verfolgung und Ermordung der
europäischen Juden. Wir haben die besondere Verantwortung, die
Erinnerung an den Holocaust und das Gedenken an die Opfer wachzuhalten.
Wir müssen uns auch künftig mit seinen Ursachen und Folgen
auseinander setzen und die Wiederholung einer solchen Entwicklung
ausschließen. Die Erinnerung an das Geschehene ist Teil unserer
nationalen Identität.
3. Wir dürfen uns niemals daran gewöhnen, dass in Deutschland
Jahrzehnte nach der Niederwerfung des Nationalsozialismus für
jüdische Bürger und ihre Einrichtungen noch immer ein
erhebliches Gefahrenrisiko besteht und beispielsweise die
Grundsteinlegung für das jüdische Gemeindezentrum in
München am 9. November 2003 nur unter schärfsten
Sicherheitsmaßnahmen stattfinden konnte.
4. Der Deutsche Bundestag beobachtet mit großer Sorge, dass
antisemitische Ressentiments nicht nur bei Randgruppen, sondern weit in
die Gesellschaft hinein spürbar sind. Wer Stereotype und
Versatzstücke nationalsozialistischer Propaganda aufnimmt und neu
zusammenfügt, wer 'die Juden' sprachlich ausbürger, indem er
sie 'den Deutschen' gegenüberstellt und sie damit zu Fremden im
eigenen Land macht, wer die Ermordung der europäischen Juden
relativiert, steht außerhalb der demokratischen Wertegemeinschaft.
5. Unsere Pflicht ist es, antisemitisches Denken, Reden und Handeln zu
bekämpfen. Dabei ist das Engagement jedes Einzelnen gefordert. Wir
wollen in Deutschland die Kultur der Verständigung und des
Verstehens ausbauen. Das friedliche Zusammenleben von Menschen
unterschiedlicher Religionszugehörigkeit muss so
selbstverständlich sein, dass Bürger jüdischen Glaubens
ohne Angst in Deutschland ihre Heimat haben. Kampf gegen
Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung von Minderheiten ist eine
Sache der gesamten Gesellschaft. Wo nötig, muss Antisemitismus mit
allen Mitteln des demokratischen Rechtsstaates auch von Polizei und
Justiz bekämpft werden.
6. Bildung und Erziehung müssen bei ihrer Aufklärungsarbeit
in Familie, Schule und Gesellschaft die Fähigkeit vermitteln,
Antisemitismus in seinen vielfältigen Erscheinungsformen zu
erkennen und ihm im Alltag entgegenzutreten. Der herausragende Beitrag,
den jüdische Bürger zur Entwicklung von Wirtschaft,
Wissenschaft und Kultur in Deutschland geleistet haben, muss
stärker ins Bewusstsein gerückt werden. Der Deutsche
Bundestag unterstützt alle Initiativen, die zur Vermittlung von
Wissen über die deutsch-jüdische Geschichte beitragen und
deutlich machen, dass jüdische Kultur ein bedeutender Teil unseres
Landes war und ist.
7. Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland lehnt
Antisemitismus entschieden ab. Sie weiß: Antisemitismus,
Rassismus und die Diskriminierung von Minderheiten vergiften das
gesellschaftliche Zusammenleben. Der Bundestag bekräftigt den
Appell des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vom 8.
Mai 1985:
'Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen
andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder
Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder
Weiß. Lernen Sie miteinander zu leben, nicht gegeneinander.
Lassen Sie uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer
wieder beherzigen und ein Beispiel geben. Ehren wir die Freiheit.
Arbeiten wir für den Frieden. Halten wir uns an das Recht. Dienen
wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit.'»
Quelle: ap
Der Antisemitismus ist die längstdauernde Obsession Europas...
... - er
hat den religiösen Kontext, in dem er entstanden ist, besser
überdauert als dieser selbst -, und kommt doch - auch
außerhalb europastämmiger Kulturen - immer wieder daher, als
wäre er gerade neu erfunden worden.
Der christliche Vorwurf des Gottesmordes steht nicht mehr im
Vordergrund antisemitischer Propaganda und ist doch alles andere als
vergessen. Gleichzeitig gelingt es dem Antisemitismus immer wieder,
sich als Element in aktuelle politische Diskussionen einzumischen, ein,
wie Sartre es formuliert hat, "Molekül, das sich mit beliebigen
anderen Molekülen verbinden kann, ohne sich selbst zu
verändern". Der Fall Hohmann war instruktiv. ...
Aus: Jan Philip Reemtsma - "Vom Nutzen eines Tabus", Le Monde
diplomatique (Nr. 7232 vom 12.12.2003, Seite 2,):
http://www.taz.de/pt/2003/12/12/a0020.nf/text
Jan Philip Reemtsma: Gründer und Vorstand des Hamburger Instituts
für Sozialforschung, Literaturwissenschaftler, Essayist. Zuletzt
erschien: "Warum Hagen Jung-Ortlieb erschlug" Stuttgart 2003. Bei dem
in Le Monde diplomatique veröffentlichten Text handelt es sich um
die Dankesrede zur Verleihung des Heinz-Galinski-Preises am 26.
November 2003.
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Bayerische Staatsregierung will Kopftuch an Schulen verbieten
Christliche und jüdische Glaubenssymbole bleiben erlaubt
Fr.12.12.03 - Die bayerische Staatsregierung will das Kopftuch für muslimische
Lehrerinnen im Unterricht verbieten. Der Ministerrat habe am Dienstag
eine Änderung des Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes beschlossen,
teilte die Staatskanzlei in München mit. Nach dem Beschluss der
Staatsregierung dürfen Kleidungsstücke im Unterricht nicht
getragen werden, wenn sie Ausdruck einer Haltung seien, die "mit den
verfassungsrechtlichen Grundwerten und Bildungszielen
einschließlich den christlich-abendländischen Bildungs- und
Kulturwerten nicht vereinbar ist".
Wie Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) erläuterte, sei das
Tragen eines Kopftuchs im Unterricht aus religiösen Gründen
nicht erlaubt, weil damit eine "mindere Stellung der Frau in
Gesellschaft, Staat und Familie" zum Ausdruck kommen könne.
Außerdem könne das Kopftuch mit der "fundamentalistischen
Stellungnahme" für ein Staatswesen verbunden werden, das im
Widerspruch zur freiheitlich- demokratischen Grundordnung stehe.
Die christlichen und jüdischen Glaubenssymbole sollen von der
Neuregelung des Gesetzes nicht erfasst werden. Denn diese Symbole
spiegelten die christlichen-abendländischen Kulturwerte wider. Die
Kirchen und jüdischen Gemeinden hielten sich außerdem
"vorbehaltlos" an Grundgesetz und Bayerische Verfassung, so die
Staatskanzlei. Der Gesetzentwurf geht jetzt zur weiteren Behandlung an
den Landtag. Die erste Lesung ist für Ende Januar vorgesehen.
(Quelle: epd)
Blick ins Archiv
Limbach warnt vor Kopftuchverbot an Schulen
Do.11.12.03 - Die Präsidentin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach, hat sich
gegen ein Kopftuchverbot an Schulen ausgesprochen. "Wir laufen
gegenwärtig Gefahr, dieses Kleidungsstück zu einem Fetisch zu
machen", sagte die frühere Präsidentin des
Bundesverfassungsgerichtes der Wochenzeitung "Jüdische Allgemeine"...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0312110.htm#03121122
Türkisch-stämmige Abgeordnete für Kopftuchverbot
Kopftuch werde von Islamisten als Kampfsymbol missbraucht. Frauen die
sich stark verhüllten, machten damit eine politische Aussage
Sa.06.12.03 - Drei muslimische Parlamentarierinnen des Berliner Abgeordnetenhauses
haben sich für das Kopftuchverbot im Staatsdienst ausgesprochen.
Es stimme nicht, dass die 2. und 3. Generation Musliminnen in
Deutschland das Kopftuch nur der Tradition zuliebe trügen, sagte
die frauenpolitische Sprecherin der PDS, Evrim Baba. Das Kopftuch werde
von Islamisten vielmehr als Kampfsymbol missbraucht...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0312060.htm#03120617
Politikerinnen warnen vor 'Lex Kopftuch'
Konkrete Schritte hin zu Kopftuchverbot bislang in vier Ländern
Di.02.12.03 - Prominente Vertreterinnen aus Politik und Gesellschaft haben sich
vehement gegen ein generelles Kopftuchverbot an deutschen Schulen
ausgesprochen. In einem in Berlin vorgestellten Aufruf, der von der
Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Marieluise Beck, und
Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) mitinitiiert
wurde, treten die Verfasserinnen für eine differenzierte Debatte
über das Thema ein. Beck sagte bei der Vorstellung des Aufrufs,
eine Ausgrenzung der Kopftuchträgerinnen würde nur den
Fundamentalisten in die Hände spielen.
Ein Kopftuchverbot würde nur die Stigmatisierung jener Frauen
vorantreiben, die es tragen, heißt es in dem "Aufruf wider eine
Lex Kopftuch"...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0312020.htm#03120223
Weitere Berichte und Hintergrundinformationen zur Kopftuch-Debatte unter:
http://www.boa-muenchen.org/k0312020.htm#031202ps
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Mehrere Festnahmen bei Razzia gegen 'Kalifatsstaat'
Fr.12.12.03 - Bei einem bundesweiten Schlag der Sicherheitsbehörden gegen
Anhänger des verbotenen "Kalifatsstaats" sind mehrere
Verdächtige festgenommen worden. Wie das Bundeskriminalamt (BKA)
weiter mitteilte, stieß die Polizei zudem in mehreren
durchsuchten Objekten auf Waffen. Bei der Razzia in 13
Bundesländern wurden umfangreiches islamistisches
Propagandamaterial sowie Computer und Mobiltelefone beschlagnahmt.
Die Polizei hatte am Morgen zeitgleich im gesamten Bundesgebiet mehr
als 1170 Wohnungen und Büros von mutmaßlichen Anhängern
des vor zwei Jahren verbotenen "Kalifatsstaats" überprüft.
Durchsucht wurde auch die Wohnung des Islamistenführers Metin
Kaplan in Köln. Die Bundesanwaltschaft wirft Kaplan vor, als
Rädelsführer den "organisatorischen und geistigen
Zusammenhalt" der verbotenen Organisation aufrecht zu erhalten.
Kaplans Anwältin Ingeborg Naumann wies diese Vorwürfe
zurück. Nach seiner Haftentlassung habe sich Kaplan vielmehr
"vollkommen in die Familie zurückgezogen", sagte die Kölner
Juristin im WDR. Der als "Kalif von Köln" bekannt gewordene Kaplan
hatte eine vierjährige Haftstrafe wegen Aufrufs zum Mord an einem
Rivalen verbüßt.
Der Terrorismusforscher Rolf Tophoven bezeichnete die Großrazzia
als "Präventivschlag gegen sich möglicherweise neu
etablierende Strukturen des 'Kalifatsstaats'". Den Durchsuchungen
lägen jedoch offenkundig auch konkrete Erkenntisse der
Sicherheitsbehörden zu Grunde, wonach Kaplan die Organisation
trotz des Verbotes unverändert von Köln aus leite.
Außerdem würden Zeitschriften der Vereinigung unter
geänderten Titeln weiter verbreitet.
So fiel der Polizei eine Zeitung in die Hände, mit dem Namen
Beklenen Asr-I Saadet. Übersetzt heißt das: Das erwartete
Jahrhundert der Glückseeligkeit. Dieses Blatt erhält den
Zusammenhalt des seit zwei Jahren verbotenen Islamistenvereins
aufrecht. In ihm stehen Sätze wie diese: "Wir werden jeden als
Feind betrachten, der sich der Scharia Allahs widersetzt." Oder: "Wir
werden jeden als Feind betrachten, der sagt, dass die Herrschaft 'beim
Volk' liegt."
Der Experte bezeichnete es als "die größte Gefahr, dass die
hier verbliebenen Anhänger des 'Kalifatsstaats' ein
militant-islamistisches Klima schaffen könnten". "In einem solchen
Klima könnte so manche gefährliche Pflanze aufgehen", warnte
der Leiter des Essener Instutits für Terrorismusforschung.
Die Mitglieder des 'Kalifstaates' vertreten eine besonders krasse Form
des Islamismus. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes strebt der
Verein die weltweite Herrschaft des Islam an und propagiert den
"Heiligen Krieg" zur Beseitigung des weltlichen türkischen Staates.
(Quellen: afp, sz)
Gericht lässt Terrorverdächtigen Mzoudi frei
Fr.12.12.03 - Im zweiten Hamburger Terrorprozess ist der Angeklagte völlig
unerwartet freigelassen worden: Nach 14 Monaten Haft verließ
Abdelghani Mzoudi am Donnerstag das Gericht als freier Mann. Der
Vorsitzende Richter Klaus Rühle hatte den Haftbefehl aufgehoben,
weil der 31-jährige Marokkaner laut einer vom Bundeskriminalamt
(BKA) beschafft anonymen Aussage nicht zur Hamburger Terrorzelle um den
Todespiloten Mohammed Atta gehörte. Generalbundesanwalt Kai Nehm
kritisierte das Urteil als unüberlegt.
Laut einem Schreiben des BKA an das Gericht hat eine
«Auskunftsperson» vergangenen November angegeben, dass
«die einzigen Personen, die als Mitglieder der 'Hamburger Zelle'
beschrieben werden könnten, Binalshibh, Mohammed Atta, Marwan
Alshehhi und Ziad Jarrah gewesen sein sollen». Die vier
«hätten zu keiner Zeit mit anderen» über
Terror-Pläne gesprochen, wird darin ein Zeuge zitiert.
Das Gericht stellte daraufhin fest, dass Mzoudi nicht mehr dringend
verdächtig sei und ordnete die sofortige Freilassung an. Richter
Klaus Rühle sagte, aus den Angaben ergebe sich «die
ernsthafte Möglichkeit, dass Mzoudi trotz seiner Einbindung in das
Umfeld der Hamburger Terrorzelle und trotz seines Aufenthalts in einem
El-Kaida-Ausbildungslager in Afghanistan bewusst von der
Anschlagsplanung ausgeschlossen wurde und damit die ihm zur Last
gelegten Unterstützungshandlungen nicht vorsätzlich erbracht
habe.
Die Bundesanwaltschaft legte Beschwerde ein, über die der
Bundesgerichtshof entscheiden muss. Generalbundesanwalt Kai Nehm
kritisierte die Entscheidung. Der Richter sei gut beraten gewesen, doch
vielleicht eine Nacht darüber zu schlafen und zu überlegen,
was wirklich in dieser Erklärung stehe, sagte Nehm am Abend in der
ARD. Laut einem vorab verbreiteten Interview des NDR-Magazins Panorama
teilte der Generalbundesanwalt die Auffassung des Gerichts, wonach die
Aussagen von dem in den USA inhaftierten Ramzi Binalshibh stammen. Er
gilt als zentrale Figur der Hamburger Terrorzelle, die die
Anschläge vom 11. September 2001 in den USA geplant hat.
Nehm bezweifelte demnach die Verwertbarkeit des BKA-Papiers. Die
Aussagen Binalshibhs seien durch amerikanische Ermittler unter nicht
nachvollziehbaren Bedingungen entstanden, wurde der Generalbundesanwalt
zitiert. Nehm äußerte sich zudem enttäuscht
darüber, dass Binalshibh für den Prozess als Zeuge nicht zur
Verfügung gestanden habe.
Auch Richter Rühle hatte kritisiert, dass die
«äußerst dürftige Mitteilung» des BKA viele
Fragen nach der Glaubwürdigkeit der Auskunftsperson aufwerfe. Es
gebe aber keine Möglichkeit, Binalshibhs Glaubwürdigkeit zu
überprüfen», weil dessen Vernehmung seitens der
US-Behörden verweigert wurde, sagte er. Im Fall Mzoudi gelte der
Rechtsgrundsatz «im Zweifel für den Angeklagten».
Sowohl Nehm als auch Mzoudis Anwälte wurden nach eigener Aussage
von der Entscheidung überrascht.
Nach der Entlassung Mzoudis kündigte der Anwalt Mounir El
Motassadeqs an, auch für seinen Mandanten die Freilassung zu
fordern. Motassadeq war im Februar ebenfalls vom Oberlandesgericht
Hamburg wegen Beihilfe zu den 3.066 Morden der Anschläge vom 11.
September 2001 zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Dagegen steht im
Januar eine Revisionsverhandlung vor dem Bundesgerichtshof an.
Der Prozess gegen Mzoudi wird am 18. Dezember fortgesetzt.
(Quelle: ap)
Poker um rot-grünes Reformpaket
Vermittlungsausschuss vertagt Gespräche
Fr.12.12.03 - Die Verhandlungen im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat
stecken fest. Die Teilnehmer von Koalition und Opposition gingen am
Abend ohne Annäherung in den entscheidenden Punkten auseinander.
Bereits am Freitag Morgen soll der Poker um das rot-grüne
Reformpaket im Bundesrat in Berlin weitergehen.
Ob dann ein Durchbruch im Streit über die Zusammenlegung von
Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe sowie zum Vorziehen der Steuerreform
gelingt, ist fraglich. Bewegung könnte spätestens am Sonntag
in die Verhandlungen kommen, wenn die Parteispitzen sich in die
Gespräche einschalten.
Nach Ende der Sitzung warfen sich Koalition und Opposition gegenseitig
vor, sich nicht bewegen zu wollen. Der Verhandlungsführer der SPD,
Wilhelm Schmidt, sprach von einer «Blockadehaltung» der
Union. Sein Kollege von der CDU/CSU, Volker Kauder, wies den Vorwurf
zurück und hielt SPD und Grünen vor, keine substanziell neuen
Vorschläge vorgelegt zu haben.
An dem geplanten Spitzentreffen am Sonntag wollen CDU-Chefin Angela
Merkel und der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber teilnehmen, verlautete am
Rande der Verhandlungen. Voraussetzung sei jedoch, dass es echte
Fortschritte bei der Finanzierung der Steuerentlastung gebe.
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) erklärte den ARD-
«Tagesthemen», er sei zu jeder Zeit an jedem Ort zu
Gesprächen mit den Parteivorsitzenden bereit.
Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) sprach sich
dagegen aus, dass sich die Spitzen von SPD und Union in die Arbeit des
Vermittlungsausschusses einschalten. In der ZDF-Sendung «Berlin
Mitte» sagte Althaus am Donnerstag: «Der
Vermittlungsausschuss muss die Arbeit machen. Natürlich
können die Parteivorsitzenden am Ende noch ein, zwei strittige
Fragen mit regeln, aber ich glaube nicht, dass die Sachfragen
außerhalb - das heißt bei den Parteispitzen - zu lösen
sind. Das ist schon Aufgabe des Vermittlungsausschusses.»
Die Vermittlungsverhandlungen waren nach ersten Erfolgen bei kleineren
Reformen praktisch zum Stillstand gekommen. Daran änderte auch ein
Auftritt von Finanzminister Hans Eichel (SPD) im Vermittlungsausschuss
nichts. Er sagte anschließend, seine Vorschlägen seien auf
Unionsseite auf wenig Akzeptanz gestoßen. Er habe einen
umfassenden Subventionsabbau - gestaffelt über mehrere Jahre -
angeboten. CDU-Vize Christian Wulff sagte der «Passauer Neuen
Presse» (Freitag), in der derzeitigen Gefechtslage sei eine
Zustimmung zum Vorziehen der Steuerreform nicht zu verantworten.
Unterdessen warnte der Unions-Nachwuchs vor zu großen
Zugeständnissen in den Verhandlungen über die Steuerreform.
Der Vorsitzende der Jungen Gruppe der Unions-Abgeordneten im Bundestag,
Günter Krings, sagte dem «Kölner Stadt-Anzeiger»
(Freitag): «Wenn die Neuverschuldung zu hoch wäre,
würden wir in der Fraktion eine lebhafte Debatte bekommen. Wir
müssen schon gucken, dass mit den Steuersenkungen von heute nicht
gleich die Steuererhöhungen von morgen mit beschlossen
werden.»
(Quelle: dpa)
Studenten aller Bundesländer ziehen beim Protest an einem Strang
GEW ruft Mitglieder zur Beteiligung an studentischen Aktionen auf
Fr.12.12.03 - Die seit Wochen in mehreren Bundesländern streikenden Studenten
wollen am Wochenende erstmals mit einer bundesweiten Aktion gegen
Studiengebühren und finanzielle Kürzungen im Hochschulbereich
auf die Straße gehen. Unter dem Motto "Ihr nehmt uns unsere
Zukunft" sind für Samstag in Berlin, Frankfurt am Main und Leipzig
Demonstrationen geplant, zu denen insgesamt über 50.000 Teilnehmer
erwartet werden. In Berlin ruft das "Bündnis gegen Bildungs- und
Sozialabbau", dem auch Gewerkschaften und soziale Initiativen
angehören, zu der Demonstration auf.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat ihre Mitglieder
zur Beteiligung an den Studentenprotesten am Wochenende aufgerufen.
Alle Beschäftigten in den Bildungseinrichtungen sollten sich
anschließen, forderte die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange am
Donnerstag in Frankfurt am Main. Die GEW lehne Studiengebühren
strikt ab. Wer sich durch ein Studium qualifizieren wolle, dürfe
nicht bestraft werden. Für kommenden Samstag sind Proteste in
Berlin, Frankfurt am Main und Leipzig angekündigt.
In Deutschland gebe es viel zu wenige Hochschulabsolventen. Doch
bereits heute müssten 70 Prozent der Studierenden arbeiten, um
Lebensunterhalt und Studium finanzieren zu können, mit steigender
Tendenz. Stange forderte die Rektoren und Präsidenten der
Hochschulen auf, «nicht neoliberalen Verheißungen zu
erliegen», sondern sich an die Seite der Studierenden zu stellen.
"Es ist eine Illusion zu glauben, dass Studiengebühren Lehre und
Forschung an den Hochschulen zu Gute kommen. Die Finanzminister der
Länder legen ihre Hand auf das Geld, um die Löcher in ihren
Haushalten zu stopfen", erklärte Stange. Bildung müsse vom
Kindergarten bis zur Weiterbildung als wichtiger Teil öffentlicher
Daseinsvorsorge anerkannt werden. «Der Weg in den
Gebührenstaat muss gestoppt werden», erklärte die
GEW-Vorsitzende.
(Quellen: afp, ap)
Seit Wochen gibt es in Berlin Gespräche und Diskussionsrunden von
Studierenden mit Betriebsräten und mit anderen gesellschaftlichen
Gruppen, die von Sozialkahlschlag betroffen sind
Studierende treffen sich mit den Betriebsräten von Siemens oder
Osram, Hunderte Studierende haben die Mahnwache der Gewerkschafter vor
der Zentrale der SPD besucht, die dort tagelang gegen die Zerschlagung
der Tarifautomie demonstriert haben, und die Forderungen
unterstützt. Seit Wochen ist das erst unlängst
gegründete Sozialforum Berlin bemüht, alle Kräfte, die
sich gegen die asoziale Regierungspolitik zu wehren beginnen, zu
bündeln und zu einer politischen Kraft in der Stadt werden zu
lassen. Das ist im Ansatz gelungen: Inzwischen gibt es das
»Bündnis gegen Bildungs-und Sozialabbau«, das sowohl
vom DGB Berlin/Brandenburg als auch von zahlreichen sozialen
Initiativen und Gruppen unterstützt wird....
Mehr in "junge Welt" vom 12.12.03:
http://www.jungewelt.de/2003/12-12/010.php
Konferenz über Provokation: Uni-Präsident kriegt Torte ins
Gesicht
Do.11.12.03 - Bei einem wissenschaftlichen Kolloquium über die "Kunst der
Provokation" hat der Präsident der ostfranzösischen
Universität Nancy 2 unfreiwillig als Demonstrationsobjekt
hergehalten: Uni-Präses Hubert Néry bekam zum Auftakt der
internationalen Konferenz am Mittwoch von zwei jungen Leuten eine
Sahnetorte ins Gesicht gedrückt. "Das war ein Auftakt nach
Maß für so ein 'interdisziplinäres' Kolloquium", freute
sich einer der Torten-Angreifer, William Guyot von der literarischen
Zeitschrift "Hermaphrodite", am Donnerstag. Der verdutzte
Uni-Präsident ertrug die Crèmetorte in seinem Gesicht mit
Fassung und lächelte sogar. An der geisteswissenschaftlichen
Hochschule Nancy 2 beraten Experten drei Tage lang über
Provokationen in Literatur, Kunst, Politik und Religion.
Quelle: afp
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Junge Deutsche fürchten Generationenkonflikt
Fr.12.12.03 - Die jungen Deutschen rechnen mit einem neuen Generationskonflikt. Wie
eine Infratest-Umfrage im Auftrag der Hamburger Wochenzeitung
«Die Zeit» unter 1.002 Deutschen ergab, glauben mehr als
die Hälfte der befragten 18- bis 29-Jährigen, dass
Ältere ihre Interessen in der Politik eher durchsetzen werden als
Jüngere. 60 Prozent davon glauben, dass sich daraus ein
Generationenkonflikt entwickelt.
Umgekehrt sieht es bei den älteren Befragten aus. Von den
über 60-Jährigen denkt nur ein Drittel, Ältere seien
durchsetzungsfähiger als Jüngere.
Ein Viertel der jungen Deutschen glaubt, dass sie bis zum Alter von 70
Jahren arbeiten müssen. Fast jeder Zweite von ihnen rechnet damit,
dass er frühestens ab dem 65. Lebensjahr in Rente gehen kann. Quer
durch alle Befragten werden Menschen über 55 Jahre als genauso
leistungsfähig am Arbeitsplatz angesehen wie jüngere
Arbeitnehmer.
(Quelle: ap)
Bundesbürger sehen eigene Zukunft pessimistisch
Zunehmendes rechtspopulistische Potenzial in der Bevölkerung +++
Angst vor Arbeitslosigkeit +++ Aggressivität und 'Ruppigkeit' vor
allem gegen soziale Minderheiten
Fr.12.12.03 - Viele Bundesbürger sehen die eigene Zukunft immer pessimistischer
und fühlen sich zunehmend ausgegrenzt. Nach einer am Donnerstag in
Berlin vorgestellten Studie der Universität Bielefeld wird diese
Einstellung von Aggressivität und «Ruppigkeit»
begleitet, die sich vor allem gegen soziale Minderheiten richtet.
Nach der Untersuchung zur «Gruppenbezogenen
Menschenfeindlichkeit» sind Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus
und die Abwertung etwa von Behinderten und Homosexuellen in diesem Jahr
im Vergleich zu 2002 gestiegen, während sich Rassismus und
Fremdenfeindlichkeit nicht verstärkt haben. Die Erhebung des
Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung
der Universität Bielefeld ist vom Sozialforschungsinstitut NFO
Infratest in München im Zeitraum 21. Mai bis 29.Juni 2003 bei
2.722 Personen durchgeführt worden. Sie wurde vergangenen Jahr zu
ersten Mal erstellt. Das Projekt wird unter anderem von der
Volkswagen-Stiftung unterstützt.
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sprach auf der
Pressekonferenz von einer «tiefen Reformverunsicherung» in
der Bevölkerung, die in diesem Stimmungsbild deutlich werde. Zwar
bestehe die Einsicht in die Notwendigkeit von Reformen, aber sie werde
begleitet von einer tiefen Verunsicherung, was die eigene Zukunft
angehe.
Nach der Studie schätzten etwa 37,9 Prozent der Befragten ihre
wirtschaftliche Situation in fünf Jahren schlechter ein als heute,
vergangenen Jahr waren es 23,8 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit in
diesem Zweitraum arbeitslos zu werden, halten 18,8 Prozent für
eher wahrscheinlich, 8,1 Prozent für sehr wahrscheinlich. 2002
ergaben sich Werte von 15,4 und 6,9 Prozent.
Ebenso zugenommen hat das Gefühl vieler Bürger, keinen
Einfluss auf politische Entscheidungen zu haben. 42 Prozent gaben an,
keine Einflussmöglichkeiten zu sehen, 2002 waren es 31,9 Prozent.
Fast unverändert 25 Prozent glauben, dass dies «eher»
so ist. Auch das Gefühl von mangelnder Gerechtigkeit hat demnach
zugenommen. 63,4 Prozent stimmten der Aussage zu, dass die Reichen
immer reicher und die Armen immer ärmer werden. 2002 waren es 53
Prozent. 49,2 Prozent sehen immer mehr Menschen an den Rand
gedrängt. 2002 waren es 40,4 Prozent. Mehr Menschen als vor einem
Jahr stimmten zudem Aussagen zu, dass in Deutschland zu viele
Ausländer lebten, Juden zu viel Einfluss hätten und
Obdachlose in den Städten unangenehm seien.
Zugenommen hat der Studie zufolge das rechtspopulistische Potenzial in
der Bevölkerung: Mehr als 25 Prozent der Bevölkerung
müssten dazu gerechnet werden, 2002 waren es 19,6 Prozent.
«Eine Zunahme bei den potenziellen Nichtwählern als auch bei
rechtspopulistisch Anfälligen ist erkennbar und deutet nicht auf
eine politisch integrierende und wachsende liberale demokratische
Entwicklung hin», heißt es in der Studie.
Der wissenschaftliche Leiter der Studie, Wilhelm Heitmeyer, stellte
zudem einen Zusammenhang zu den jüngsten als antisemitisch und
fremdenfeindlich empfundenen Äußerungen von Politikern her,
die diese Stimmung in der Bevölkerung gegen Schwächere und
soziale Minderheiten ausnutzten. Gleichwohl gebe es in der Politik zwar
antisemitische Äußerungen, aber keinen «klassischen
Antisemitismus». Thierse meinte, es gebe bei den Deutschen eine
«diffuse Gefühlslage», die abrufbar sei. Eine typisch
deutsche Ausländerfeindlichkeit gebe es aber nicht. Vielmehr seien
die Deutschen bei der «europäischen Normalität»
angekommen.
(Quelle: ap)
Mehr unter:
http://www.uni-bielefeld.de/ikg
Medienfreiheit zunehmend gefährdet
Fr.12.12.03 - Presse- und Meinungsfreiheit sind nach Ansicht des Medienbeauftragten
der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa,
Freimut Duve, zunehmend gefährdet. Die Lage habe sich in den
vergangenen sechs Jahren drastisch verschlechtert, sagte Duve am
Donnerstag in einer Rede vor dem Ständigen Rat der OSZE in Wien.
Die Offenheit einiger der 55 OSZE-Mitgliedstaaten in den 90er Jahren
sei einer «Selbstzensur und ständigen Angst vor
Unterdrückung» gewichen. Meinungs- und Pressefreiheit seien
inzwischen Randthemen.
Besonders besorgt zeigte sich Duve über das neue italienische
Mediengesetz, das nach Ansicht von Kritikern vor allem den Interessen
von Ministerpräsident Silvio Berlusconi entgegenkommt. In Russland
fehle es an der Unabhängigkeit von Medien, vor der Parlamentswahl
am Wochenende hätten viele Wähler umfangreiche und
weitergehende Informationen vermisst.
Nach den Anschlägen vom 11. September hätten viele Staaten
andere Prioritäten gesetzt, sagte Duve. Dies sei auf der einen
Seite verständlich, einige Regierungen versuchten jedoch, die
Terrorangst für ihre eigenen Interessen zu missbrauchen.
Regierungen und Unternehmen versuchten, Journalisten indirekt zu
drangsalieren, unliebsame Medienvertreter würden aus
fadenscheinigen Gründen inhaftiert.
Duves Rede vor dem Ständigen Rat der OSZE war seine letzte als
Medienbeauftragter. Er hatte dieses Amt 1997 angetreten.
(Quelle: ap)
USA sind mit Verlauf des Weltinformationsgipfels zufrieden
Fr.12.12.03 - Die Teilnehmer des Weltinformationsgipfels werden die strittigen Themen
an Arbeitsgruppen verweisen und erst im Jahr 2005 beim nächsten
Gipfel in Tunis wieder aufgreifen. Das sagte der Abteilungsdirektor
für Wissenschaftspolitik im Weißen Haus, John Marburger, am
Donnerstag in Genf. Dies dürfe aber nicht als Rückschritt
gewertet werden, sagte Marburger am zweiten Tag der Konferenz, die am
Freitag zu Ende geht. «Der Konsens, bestimmte Dinge nicht zu tun,
ist ein sehr positiver Schritt.»
«Wir wissen jetzt, welche Hausaufgaben wir vor Tunis machen
müssen», sagte Marburger. Seinen Angaben zufolge werden die
Gipfelteilnehmer am Freitag unter anderem eine Arbeitsgruppe einsetzen,
die klären soll, wem die Kontrolle des Internets künftig
obliegen soll. Meinungsverschiedenheiten bestehen in der Frage, ob
weiter eine private amerikanische Organisation oder stattdessen eine
UN-Behörde zuständig sein sollte.
Die rund 10.000 Delegierten, darunter mehr als 50 Staats- und
Regierungschefs, setzten am zweiten Tag des Gipfels die Diskussion
über das Recht auf freie Meinungsäußerung fort. Viele
forderten erneut eine Überwindung der Informationskluft zwischen
reichen und armen Ländern. Der irische Ministerpräsident
Bertie Ahern betonte, eine globale Gesellschaft müsse allen
Menschen die Nutzung der Informationstechnologie ermöglichen. Dazu
sei jedoch unter anderem ein Schuldenerlass notwendig. Armut beruhe auf
Isolation, und diese wiederum auf fehlender Information und
Kommunikation, sagte der salvadorianische Vizeministerpräsident
Eduardo Calix.
Auf dem Gipfel soll eine Entschließung verabschiedet werden, die
die Teilnehmer verpflichtet, Informationstechnologien für Ziele
wie den Kampf gegen Armut, Aids und Kindersterblichkeit zu nutzen.
Schulen, öffentliche Bibliotheken und Gesundheitszentren in armen
Staaten sollen bis zum Jahr 2015 Zugang zum Internet haben.
Der Weltinformationsgipfel geht zurück auf einen ersten Vorschlag
der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) im Jahr 1998. Drei Jahre
später beschloss die UN-Vollversammlung die Einberufung der
Konferenz.
(Quelle: ap)
UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft:
http://www.itu.int/wsis/index.html
In der Geschichte des Begriffs Informationsgesellschaft wimmelt es von
Vieldeutigkeiten
Und ihr 1995 von den G-7-Staaten aus der Taufe gehobener
Abkömmling namens "Globale Informationsgesellschaft" ist ein
ebenso schwammiges Konstrukt. Kritisches Denken hat die ideologischen
Bedingtheiten des Informationsbegriffs schon vor Zeiten aufgedeckt und
die unkontrollierbaren Sinneffekte analysiert, die aus der Verwechslung
von Information mit Wissen hervorgehen.
Information ist Sache des Ingenieurs. Er muss herausfinden, mit welcher
Kodierung sich eine telegrafische Nachricht vom Sender an den
Empfänger möglichst schnell und möglichst
kostengünstig übermitteln lässt. Von Bedeutung ist
ausschließlich der Übertragungsweg. Sinnproduktion steht
nicht auf dem Programm. Information ist ein von Kultur und
Gedächtnis losgelöstes Etwas. Sie "rennt hinter der
Aktualität her", wie der Historiker Fernand Braudel einmal
formulierte. Die ihr innewohnende Zeitlichkeit steht in krassem
Gegensatz zu der Zeit, die für die Erarbeitung von Wissen
erforderlich ist. In seiner Mechanik ist dieses Schema des
Kommunikationsprozesses wesensgleich mit dem linearen
Fortschrittsdenken. Innovationen verbreiten sich von oben nach unten,
vom Zentrum in die Peripherie.
Diese instrumentelle Sichtweise macht erklärlich, weshalb ein
technologisch orientierter Dachverband wie die ITU zum Gastgeber einer
Konferenz über die Zukunft "der Information" und ihrer Netze
avanciert und weshalb die Welthandelsorganisation (WTO) die Kultur
unter der Rubrik Dienstleistungen einordnen und sich auch für
diesen Bereich zuständig erklären kann. Des Weiteren wird
deutlich, weshalb in Zusammenhang mit der Informationsgesellschaft -
dem Paradigma der postindustriellen Zukunft - schon seit den
1950er-Jahren gern vom Ende der Ideologien geredet wird. Auch
räumt der kritische Intellektuelle im Zuge dieser Entwicklung
angeblich seinen Platz und überlässt ihn dem
entscheidungsorientierten "positiven" Intellektuellen.
Selbst die Unesco tendiert neuerdings dazu, den lange Zeit bevorzugten
Begriff "Informationsgesellschaft" durch "Wissensgesellschaft" zu
ersetzen. So lässt sich die Frage der Technologien organisch mit
dem Thema "kulturelle Vielfalt" verbinden, das, wie auf der
jüngsten Unesco-Vollversammlung in Paris im Oktober dieses Jahres
beschlossen, Gegenstand einer Internationalen Konvention werden soll.
Den Begriff Informationsgesellschaft zu hinterfragen ist und bleibt
eine wichtige Aufgabe. Sie kann jedoch nur Orientierungspunkte setzen
im Kampf um die Worte, gegen die Zweckentfremdung der Sprache, gegen
globalisierende Neologismen, die sich Tag für Tag in den
Sprachgebrauch einschleichen, ohne dass die Menschen je die Zeit
hätten, sie methodisch anzuzweifeln und den Ort zu identifizieren,
von dem aus ihre Erfinder sprechen....
Aus: Armand Mattelart - "Die Demokratisierung des Wissens",
Le Monde diplomatique (Nr. 7232 vom 12.12.2003, Seite 23)
Mehr unter:
http://www.taz.de/pt/2003/12/12/a0071.nf/text
Armand Mattelart: Professor an der Universität Paris-VIII, Autor von
"Kleine Geschichte der Informationsgesellschaft", Berlin (Avinus) 2003.
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Samstag, 13.12.2003 - 20 Uhr bis 2 Uhr früh
EXPERIMENTELLE MUSIK 2003
Das sechsstündige internationale Festival
der experimentellen Musik
mit
Das PHREN-Ensemble München: Carmen Nagel-Berninger,
Inge Salcher, George Augusta, Michael Steimer,
Michael Kopfermann
Gloria Franck, Yola Krebes, Anna-Maja Spiess
und Cornelius Hirsch, München
Heinz-Klaus Metzger, Berlin
Rainer Riehn, Berlin
Hans Rudolf Zeller, München
Aleks Kolkowski, London
Ignaz Schick, Berlin
Brendan Dougherty, Aaron Meicht, Philadelphia USA
Michael von Biel, Köln
Otfried Rautenbach, Harri Ansorge, Nicolas Young,
Heidelberg / Berlin
Luca Miti, Rom
Albert Mayr, Florenz
Edith Rom, Stephan Wunderlich, München
München, TU-Mensa, Arcisstraße 17
Information:
www.experimentelle-musik.info
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