Aktuelle Nachrichten
Irak am zweihundertfünfundachzigsten Tag nach Kriegsbeginn
Blutiges Wochenende im Irak - Angriffe auf Koalitionstruppen
reißen nicht ab +++ Zahl der US-Opfer im Irak offenbar drastisch
gestiegen +++ Japan zu Schuldenerlass für Irak bereit +++ Deutsche
nach wie vor mehrheitlich gegen Irak-Krieg
Mo.29.12.03 - Die Explosion einer am Straßenrand platzierten Bombe hat am
Sonntag in Bagdad einen US-Soldaten und zwei irakische Kinder
getötet. Erst am Vortag waren bei offenbar koordinierten
Anschlägen in der südirakischen Stadt Kerbela 19 Menschen
getötet und weit über 100 verletzt worden.
Ein US-Armeesprecher sagte, die Explosion habe sich am Vormittag in
einer Einkaufsstraße in dem Bagdader Stadtviertel Karada
ereignet. Zu dieser Zeit sind dort gewöhnlich zahlreiche Menschen
auf den Straßen. Der improvisierte Sprengsatz sei explodiert, als
ein Konvoi vorbeifuhr, sagte der Armeesprecher. 14 Menschen seien
verletzt worden, es sei aber unklar, wie schwer. Die Zahl der von
Freischärlern getöteten US-Soldaten stieg mit dem Anschlag
auf 211, seit die US-Regierung am 1. Mai die Hauptkampfhandlungen im
Irak für beendet erklärt hatte.
Im Kampf gegen irakische Untergrundkämpfer nahmen US-Soldaten nach
Armeeangaben bei nächtlichen Razzien zehn Menschen fest. Ein
US-Offizier sagte, die Festgenommenen hätten in der 60 Kilometer
nördlich der Hauptstadt Bagdad gelegenen Stadt Bakuba an
Demonstrationen für den gestürzten irakischen
Präsidenten Saddam Hussein teilgenommen. Eine Armeesprecherin
sagte, bei Razzien nördlich von Bagdad seien rund 300 Raketen
sichergestellt worden, wie sie für Anschläge in Bagdad
eingesetzt worden seien.
Zumindest in Saddams Heimatstadt Tikrit sei der Widerstand nach der
Festnahme des Ex-Präsidenten am 13. Dezember am Schwinden, sagte
US-Generalleutnant Steven Russell, dessen Truppen die nordirakische
Stadt patrouillieren. Mit Blick auf Freischärler, die fast
täglich Anschläge auf US-Truppen im Irak verüben, sagte
Russell: "Ihre Effektivität ist deutlich zurückgegangen." Es
sei unklar, wie stark die Aktivitäten koordiniert seien.
Bei der verheerenden Serie von Anschlägen in der irakischen Stadt
Kerbela sind mindestens 19 Menschen ums Leben gekommen. Weit mehr als
100 Menschen wurden verletzt, als am Samstag mehrere Attentäter in
der überwiegend von Schiiten bewohnten Stadt mit Autobomben,
Mörsern und Maschinengewehren zwei Militärstützpunkte
und das Rathaus angriffen.
Der arabische Fernsehsender El Dschasira sprach sogar von mehr als 100
verwundeten Koalitionssoldaten und 125 verletzten Irakern. Bei einer
Bombenexplosion in der Hauptstadt Bagdad starben am Sonntag zwei
irakische Kinder und ein US-Soldat, weitere 14 Menschen wurden
verletzt. Im nordirakischen Erbil töteten Unbekannte die drei
Leibwächter des Vize-Sicherheitschefs der Stadt.
Die Stadt Kerbela, die den Schiiten als heilig gilt, wurde kurz am
Samstag nach Mittag von mehreren schweren Explosionen erschüttert.
US- Militärsprecher General Mark Kimmitt sprach ebenso wie der
polnische General Andrzej Tyszkiewicz von drei Anschlägen. Das
polnische Verteidigungsministerium erklärte, zwei Fahrzeuge
hätten versucht, in eine logistische Basis des polnischen
Militärs einzudringen, eines in einen bulgarischen
Stützpunkt, ein weiteres habe ein Gebäude der örtlichen
irakischen Behörden zum Ziel gehabt. Nach anderen Berichten waren
auch eine Polizeistation und die Universität betroffen.
Die Autobomben waren nach Angaben des polnischen Fernsehsenders TVN 24
mit 400 bis 600 Kilogramm Sprengstoff präpariert. Aus dem
Verteidigungsministerium in Warschau verlautete, die Attentäter
hätten Fahrzeuge mit Spezialtanks benutzt, die mit Benzin und
Sprengstoff gefüllt gewesen seien.
Am Samstag war zunächst von mindestens 11 Toten die Rede gewesen.
Mehrere Verletzte erlagen später in Krankenhäusern ihren
schweren Verletzungen. Unter den Toten sind mindestens fünf
bulgarische Soldaten und zwei Ingenieure der thailändischen Armee
sowie mehrere irakische Polizisten. Nach Angaben des
Verteidigungsministeriums in Sofia wurden zudem mindestens 20
bulgarische Soldaten verletzt. Staatspräsident Georgi Parwanow und
die Regierung in Sofia sicherten die weitere Teilnahme des Balkanlandes
am Kampf gegen den Terror zu.
Wie viele der Verletzten am Sonntag noch in Kliniken in Bagdad und
Babylon behandelt wurden, war unklar. Die Angaben dazu gingen stark
auseinander. In polnischen Medienberichten war von mehr als 100
Verletzten die Rede, El Dschasira sprach dagegen von mehr als 225
Verletzten. Die "New York Times" berichtete unter Berufung auf die US-
Armee von insgesamt 37 verwundeten Koalitionssoldaten. Sie gehören
zu einer multinationalen Truppe aus 23 Staaten unter dem polnischem
Kommando, die im Irak fünf Provinzen mit überwiegend
schiitischer Bevölkerung kontrollieren.
Die Zahl der US-Opfer im Irak ist nach Angaben der "Washington Post"
drastisch gestiegen. Allein in den letzten vier Monaten habe sich die
Zahl der getöteten amerikanischen Soldaten im Vergleich zu den
vier Vormonaten verdoppelt, berichtete das Blatt am Sonntag. Auch die
Zahl der Verwundungen sei dramatisch gestiegen. Seit dem 1. September
seien 145 US-Soldaten getötet und mehr als 1200 verletzt worden.
Die Festnahme des früheren irakischen Präsidenten Saddam
Hussein habe nicht zu einem Rückgang der Gewalt geführt.
Die US-Truppen in Irak haben nach Militärangaben fünf Clans
ausgemacht, die für die anhaltenden Angriffe auf die
Streitkräfte verantwortlich sein sollen. Wie Oberstleutnant Steve
Russell mitteilte, leiten diese Familien Geld, Waffen und Befehle
weiter. Sie hätten die Angriffe nahe Tikrit, der Heimatstadt des
gestürzten Staatschefs Saddam Hussein und im so genannten
sunnitischen Dreieck koordiniert, sagte Russell.
Von den rund 250 Mitgliedern der Clans seien einige bereits in Haft,
tot oder nicht mehr im Land, sagte Russell am Wochenende. Weit
verzweigte Familienverhältnisse und damit vielfältige
Versteckmöglichkeiten erschwerten eine Festnahme der verbliebenen
Mitglieder, räumte Russell ein. Allerdings werde den
Aufständischen erfolgreich die finanzielle Unterstützung
abgegraben: Seit Juni hätten die US-Truppen insgesamt zehn
Millionen Dollar entdeckt und beschlagnahmt, sagte der Oberstleutnant.
Die japanische Regierung hat sich am (heutigen) Montag zu einem
umfangreichen Schuldenerlass für Irak bereit erklärt. Ein
Großteil der irakischen Verbindlichkeiten könne erlassen
werden, wenn weitere Mitglieder des Pariser Clubs der
Gläubigerstaaten zu einem Schritt bereit seien, erklärte das
Außenministeriums in Tokio.
Der US-Sondergesandte James Baker wirbt zurzeit in mehreren asiatischen
Staaten um Schuldenerleichterungen für Irak. Zuvor hatte er sich
bereits in Berlin, Paris, Rom, London und Moskau dafür eingesetzt
und dabei eine Reihe von Zugeständnissen erzielt.
Welchen Betrag Japan konkret erlassen werden sollte, teilte das
Außenministerium nicht mit. Irak schuldet Japan
schätzungsweise rund 7,76 Milliarden Dollar. Die Regierung in
Tokio hat Bagdad bereits Finanzhilfen von fünf Milliarden Dollar
zugesagt und will 1.000 Soldaten für humanitäre Einsätze
in Irak stationieren.
Die große Mehrheit der Deutschen hält den Krieg gegen Irak
auch nach der Festnahme von Ex-Diktator Saddam Hussein weiterhin
für einen Fehler. In einer Forsa-Umfrage für die "Bild am
Sonntag" bezeichneten 62 Prozent der Befragten den Feldzug als
"falsch". Nur 29 Prozent sagten, der Krieg sei "richtig" gewesen.
Am größten ist die Ablehnung des Irak-Krieges bei den
Anhängern der Grünen (83 Prozent) und der FDP (77 Prozent).
Bei der SPD (65 Prozent) und vor allem bei der CDU/CSU (51 Prozent)
fallen die Werte geringer aus; es überwiegt aber auch hier die
Ablehnung.
In der Befragung gaben zudem 55 Prozent an, die außenpolitische
Rolle Deutschlands in der Welt sei im vergangenen Jahr "wichtiger"
geworden. 33 Prozent sind dagegen der Ansicht, Deutschland sei in der
Welt politisch "unwichtiger" geworden. Zehn Prozent sehen keinen
Unterschied zum Jahr 2002. Vor allem die Anhänger von SPD (70
Prozent) und Grünen (79 Prozent) sagten, das Gewicht Deutschlands
habe zugenommen. Bei den Anhängern von Union (46 Prozent) und FDP
(58 Prozent) liegen die Werte erheblich niedriger.
Sehr ernst genommen wird in Deutschland weiterhin die Gefahr des
Terrorismus. 46 Prozent der Deutschen äußerten, die
Bedrohung Deutschlands durch Terror-Anschläge sei im vergangenen
Jahr "größer" geworden sei. 22 Prozent sagten dagegen, die
Gefahr sei geringer geworden, 30 Prozent gehen von einer
gleichbleibenden Gefährdungslage aus. Vor allem Anhänger der
CDU/CSU (53 Prozent) halten die Lage für brisanter als noch vor
einem Jahr.
(Quellen: dpa, ap, afp, rtr)
Die US-Regierung verspricht ein 'Wirtschaftswunder zwischen Euphrat und
Tigris' und setzt dabei auf ein klassisches neoliberales Konzept:
Radikalprivatisierung
Konzernen aus den USA, Großbritannien und den übrigen
Staaten der Kriegskoalition bieten sich im Irak fortan unbegrenzte
Möglichkeiten...
Mehr bei "Spiegel-Online" (26.12.03) unter:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,278961,00.html
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Nahost-Konflik
Israelische Soldaten erschießen offenbar drei Palästinenser
+++ Israelische Menschenrechtsorganisation fordert Öffnung des
Sperrwalls +++ Heftiger Streit in Israel um Schüsse auf
unbewaffnete Demonstranten +++ Scharon beauftragt General mit
Vorbereitung einseitiger Maßnahmen für mögliche Abkehr
vom Nahost-Friedensprozess
Mo.29.12.03 - Israelische Soldaten haben in der Nacht zum Montag nahe einer
jüdischen Siedlung im Gazastreifen offenbar drei
Palästinenser erschossen. Von Seiten der Armee hieß es,
bewaffnete Palästinenser seien bei der Siedlung Netzarim in der
Nähe der Stadt Gaza entdeckt worden. Sie hätten mit Granaten
angegriffen; die israelischen Soldaten hätten daraufhin das Feuer
eröffnet. Nach palästinensischen Angaben seien drei
Palästinenser getötet worden. Die Angaben sollten bei
Tageslicht überprüft werden, hieß es.
Eine israelische Menschenrechtsgruppe hat vor dem Obersten Gerichtshof
eine Öffnung des Sperrwalls im Westjordanland für
Palästinenser gefordert. Anwohner, die durch den Grenzzaun von
anderen palästinensischen Ortschaften abgeschnitten seien, sollten
sich frei bewegen können, forderte die in Jerusalem ansässige
Vereinigung für Bürgerrechte in Israel (ACRI). Die 47 Tore
seien für die rund 42.000 betroffenen Palästinenser im
Schnitt nur zwei oder drei Mal täglich für eine
Dreiviertelstunde geöffnet, sagte eine ACRI-Anwältin. Und an
israelischen Feiertagen blieben sie ganz geschlossen. Der Sperrwall,
von dem bislang etwa 150 Kilometer fertig gestellt sind, reicht in
einigen Abschnitten weit in palästinensische Gebiete hinein.
Israel betrachtet den Grenzzaun als Beitrag zum Schutz vor
Selbstmordanschlägen. Die Palästinenser sehen darin jedoch
eine Beschlagnahme von eigenem Land.
Schüsse israelischer Soldaten auf unbewaffnete Demonstranten an
der Sperranlage im Westjordanland haben eine heftige Kontroverse
ausgelöst. Verteidigungsminister Schaul Mofas ordnete
gründliche Ermittlungen an, nachdem ein israelischer Demonstranten
und eine Amerikanerin verletzt worden waren, wie der israelische
Rundfunk berichtete.
Der israelische Generalstabschef Mosche Jaalon besuchte einen
verletzten Demonstranten im Krankenhaus, sagte aber nach
Medienberichten: "Sie haben sich als Araber maskiert, sich unter
Palästinenser gemischt und die palästinensische Seite des
Zauns (...) illegal betreten." Rechtsgerichtete Politiker verteidigten
die Schüsse, während aus der Opposition scharfe Kritik kam.
Vor dem Verteidigungsministerium in Jerusalem versammelten sich am
Samstag mehrere hundert Demonstranten. "Ein Befehl auf Menschen zu
schießen, die nicht auf dich schießen, ist völlig
illegal", sagte der frühere Chef des israelischen
Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, Ami Ajalon.
Soldaten hatten am Freitag auf die Protestgruppe an der Sperranlage mit
scharfer Munition gefeuert, um die etwa 100 israelischen und
palästinensische Demonstranten von einer Beschädigung der
Anlage abzuhalten. Die Gruppe protestierte dagegen, dass
palästinensische Landwirte durch die Sperren von ihren Feldern
abgeschnitten werden.
Trotz der neuen Eskalation im Nahost-Konflikt will Ägypten seine
Vermittlung fortsetzen. Nach dem Jahreswechsel werde der
ägyptische Geheimdienstchef Omar Suleiman zu Gesprächen in
die Palästinensergebiete reisen, teilte der palästinensische
Außenminister Nabil Schaath am Sonntag mit. Suleiman gilt als
treibende Kraft und Vermittler der Verhandlungen mit radikalen und
gemäßigten Palästinenser-Gruppen.
Israel will einen Aufruf des syrischen Präsidenten Baschar el
Assad zu neuen Friedensverhandlungen "sorgfältig prüfen". Das
sagte der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon am Sonntag
während der wöchentlichen Kabinettssitzung in Jerusalem. Der
israelische Rundfunk meldete ferner, nach Scharons Angaben müsse
geprüft werden, ob mit dem syrischen Angebot nur der amerikanische
Druck auf Damaskus verringert werden solle.
Scharon hat derweil seine Pläne für eine mögliche Abkehr
vom Nahost-Friedensprozess vorangetrieben. Am Sonntag berief er General
Giora Eiland an die Spitze eines neuen nationalen Sicherheitsrats, der
so genannte einseitige Maßnahmen vorbereiten soll, wie das
Büro des Regierungschefs mitteilte. Der 51-Jährige werde
einem Team aus Vertretern der Ministerien für Verteidigung,
Äußeres und Justiz sowie der Armee und Sicherheitsdienste
vorstehen. Dieses werde einen "neuen Sicherheitseinsatz" vorbereiten,
sollte die "roadmap" scheitern.
(Quellen: afp, ap)
«Ich fürchte nur, wir haben nicht mehr viel Zeit...»
Ein Gespräch mit einem Piloten der israelischen Luftwaffe, der
sich zusammen mit anderen weigert, an "gezielten Tötungen" von
Palästinensern teilzunehmen.
Mehr bei telepolis (20.12.03) unter:
http://www.telepolis.de/deutsch/special/ost/16407/1.html
Erst vor ein Tagen haben 13 Soldaten einer Eliteeinheit in einem Brief
an Ministerpräsident Scharon bekannt gegeben, dass sie sich
weigern, weiter Dienst in den besetzten Gebieten zu leisten: "Wir haben
schon lange die Grenze überschritten zwischen Soldaten, die
für eine gerechte Sache kämpfen, und solchen, die andere
Menschen unterdrücken." Die Soldaten schlossen sich damit einer
wachsenden kritischen Bewegung im Militär an, zu der nicht nur die
27 Piloten, sondern auch einige frühere hohe Offiziere und
über 500 Reservisten der Armee gehören.
Mehr unter:
http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/
articles/A20118-2003Dec21.html
http://www.haaretzdaily.com/hasen/spages/374364.html
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0312220.htm#03122204
http://www.jungewelt.de/2003/12-24/007.php
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0312240.htm#031224_e
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Afghanistan: Ratsversammlung in Kabul feilt an Verfassung
Sechs Tote bei Anschlag am Kabuler Flughafen
Mo.29.12.03 - Die 502 Delegierten der Loja Dschirga genannten Ratsversammlung in
Afghanistan haben ihre abschließende Sitzung zur Annahme einer
Verfassung begonnen. Der Vermittlungsausschuss, der bereits seit
Samstagabend tagt, soll im Verlauf der Sitzung eine Kurzfassung des
ausgearbeiteten Textes präsentieren. Zur Annahme der Verfassung
genügt eine einfache Mehrheit. Ein Selbstmordattentäter
tötete indes in der Nähe des Flughafens der afghanischen
Hauptstadt Kabul fünf Geheimdienstmitarbeiter und sich selbst.
Nach Einschätzung einiger Delegierter könnte die
Schlussdebatte der Ratsversammlung zwei oder drei Tage dauern. Nach
Angaben aus dem Vermittlungsausschuss sieht der Verfassungsentwurf ein
Präsidialsystem mit einem gestärkten Zwei-Kammer-Parlament
vor. Trotzdem gebe es noch Konfliktpunkte, sagte Ausschussmitglied
Ayatullah Mohseni. Präsident Hamid Karsai plädiert für
die Schaffung eines Präsidialsystems mit einem starken Staatschef
an der Spitze und machte dies zur Bedingung, erneut für das Amt zu
kandidieren.
Einige Delegierte, darunter frühere Mudschahedin, wollen einen
Ministerpräsidenten oder ein starkes Parlament als Gegengewicht
zum Präsidenten einsetzen. Viele fürchten, ein
Präsidialsystem könne die ethnischen Probleme
verschärfen.
Ein Selbstmordattentäter hat in der Nähe des Flughafens der
afghanischen Hauptstadt Kabul fünf afghanische Polizisten mit in
den Tod gerissen. Wie der Polizeichef von Kabul mitteilte, hatten die
Mitarbeiter des Geheimdienstes der Polizei den Mann festgenommen, bevor
dieser die tödlichen Sprengsätze zündete. Der Anschlag
ereignete sich nur etwa 200 Meter vom Flughafen entfernt, wo hunderte
Soldaten der internationalen Afghanistan-Schutztruppe ISAF stationiert
sind.
Dem Polizeichef zufolge stellten die Beamten bei der Festnahme des
Attentäters einen Sprengsatz sicher. Als sie mit ihm in ein Auto
stiegen, brachte der Mann an seinem Körper versteckte weitere
Sprengsätze zur Explosion. Der Täter sei vermutlich kein
Afghane gewesen.
In einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur AFP bekannte sich ein
Taliban-Sprecher zu dem Selbstmordanschlag und warnte vor weiteren
Angriffen. Laut dem Taliban-Sprecher, der seinen Namen mit Abdul Samad
angab, war der Selbstmordattentäter ein 35-jähriger
Tschetschene. Der "Märtyrer" Abdullah sei von Komplizen begleitet
worden, welche den Anschlag überlebt hätten. Ziel des
Anschlags sei eigentlich der ISAF-Stützpunkt gewesen. Alternativ
dazu hätten ISAF-Patrouillen oder Fahrzeuge der ausländischen
Streitkräfte angegriffen werden sollen.
Samad zufolge befinden sich inzwischen etwa 60
Selbstmordattentäter in der Innenstadt von Kabul, um dort
Anschläge zu verüben. Ihre Ziele seien die ISAF, die
Koalitionstruppen, die Vereinten Nationen sowie Vertreter von
Nichtregierungsorganisationen und Afghanen, die für Ausländer
arbeiten. Die ISAF sorgt unter NATO-Kommando für die Sicherheit in
Kabul und Umgebung. Der Flughafen der Hauptstadt wird von der
internationalen Schutztruppe besonders stark bewacht.
Der Anschlag vom Sonntag war der erste Selbstmordanschlag in Kabul seit
Juni, als der Täter ein mit Sprengstoff präpariertes Auto in
ein deutsches ISAF-Fahrzeug lenkte und vier Bundeswehrsoldaten mit in
den Tod riss.
Nahe der pakistanischen Grenze fielen am Samstag sieben Menschen
Gefechten zwischen Sicherheitskräften und mutmaßlichen
El-Kaida-Kämpfern zum Opfer. Wie ein Militärsprecher
mitteilte, töteten Angreifer nahe der Stadt Chost einen
afghanischen Geheimdienstmitarbeiter, der mit einer Patrouille in einem
Wagen unterwegs war. Bei einem anschließenden Gefecht mit
afghanischen Soldaten und zu Hilfe geeilten US-Truppen seien sechs der
Kämpfer erschossen worden.
In den afghanischen Provinzen nahe der Grenze zu Pakistan kommt es
häufig zu Überfällen mutmaßlicher Taliban- und
El-Kaida-Kämpfer. Nach Angaben eines amerikanischen
Militärsprechers halten sich dort womöglich immer noch
hunderte Rebellen auf.
(Quellen: afp, ap)
Opferzahl in Iran steigt auf 20 000
Rettungskräfte suchen weiter nach Überlebenen
Mo.29.12.03 - Bei dem Erdbeben in Bam sind nach den Worten des iranischen
Innenministers Mussavi Lari wahrscheinlich doch mehr als 20 000
Menschen ums Leben gekommen. Mit dieser Bilanz korrigierte er die
bisher niedrigeren offiziellen Schätzungen. Rund 1000 Menschen
sollen lebend gerettet worden sein. Das Beben der Stärke 6,3 auf
der Richterskala hatte die Stadt Bam fast komplett zerstört.
Bislang sind 15 000 Leichen begraben worden. Es werden noch mehr Opfer
befürchtet. Bam wurde zudem von Nachbeben der Stärke 3,1 bis
5,3 erschüttert, was bei den Bewohnern Panik auslöste.
Rettungskräfte haben am Montag die Suche nach Überlebenden
des verheerenden Erdbebens im Südosten des Iran fortgesetzt, wobei
sie allerdings kaum noch Hoffnungen haben, nach vier Tagen Menschen
noch lebend bergen zu können.
Ein UNO-Vertreter, der die Sucheinsätze koordiniert, sagte, bis
Montagnacht werde man die Suche fortsetzen. Dann werde entschieden, ob
weitere Aktionen noch Sinn machten. "Nach fünf Tagen sind die
Chancen, noch jemand lebend zu finden, sehr gering."
Neben iranischen Rettungsteams sind etwa 600 ausländische
Spezialisten im Bergungseinsatz. Kälte, Regen und wiederholte
Nachbeben behindern ihre Arbeit. Kritik gab es an einer teilweisen
chaotischen Organisation, die die Einsätze noch erschwerte. "Es
gibt keine Organisation." Der Stärkere setze sich bei der
Verteilung der Hilfsgüter durch, sagte ein Helfer.
(Quellen: dpa, rtr)
Stichwort: Bam
Die Wüstenstadt Bam im Südosten Irans gilt als eine der
wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Landes. Der historische Teil
des Ortes in der Provinz Kerman wurde bereits im dritten
nachchristlichen Jahrhundert im Süden der legendären
Seidenstraße gegründet. Damit ist die Stadt am Rande der
Wüste Lut eine der ältesten des Landes. Die Altstadt war
vollständig aus roten Lehmziegeln erbaut worden und war seit ihrer
Eroberung durch afghanische Heere vor über 150 Jahren eine
Geisterstadt.
Das neue Bam wurde Ende des 18. Jahrhunderts wenige Kilometer entfernt
angelegt und hatte nach lokalen Angaben vor dem Erdbeben rund 90 000
Einwohner. Wichtigste Einnahmequellen sind Landwirtschaft und
Touristen, die auf den Spuren des alten Persiens wandeln.
Der aufwendig restaurierte alte Ortsteil Arg-e Bam wurde von einer
imposanten Zitadelle überragt. Auch sie wurde von dem Beben
getroffen und fast komplett zerstört. Wegen der Touristen ging es
den Einwohnern vor dem Erdbeben in der ansonsten armen Region relativ
gut - nun ist auch der wirtschaftliche Schaden für Bam sehr
groß.
(Quelle: dpa)
Spendenkonten für Erdbebenopfer
Das Bündnis der Hilfsorganisationen «Aktion Deutschland
Hilft» hat am Samstag zu Spenden für die Erdbebenopfer in
Iran aufgerufen. Zu den angeschlossenen Organisationen gehören Die
Johanniter, Malteser Hilfsdienst, Arbeiter-Samariter-Bund,
Arbeiter-Wohlfahrt, HELP - Hilfe zur Selbsthilfe, CARE,
Paritätischer Wohlfahrtsverband, ADRA und World Vision. Das
Spendenkonto lautet: Bank für Sozialwirtschaft (BLZ 370 205 00),
Kontonummer 10 20 30, Stichwort: Iran.
Weitere Spendemöglichkeiten:
Caritas International: Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe
(BLZ 660 205 00), Kontonummer 202, Stichwort: Iran Erdbeben
Diakonie Katastrophenhilfe: Postbank Stuttgart (BLZ 600 100 70),
Kontonummer 502 707, Stichwort: Iran Erdbeben
Deutsches Rotes Kreuz: Bank für Sozialwirtschaft (BLZ 370 205 00),
Kontonummer 41 41 41, Stichwort: Iran
UNICEF: Sozialbank Köln (BLZ 370 205 00), Kontonummer 300 000,
Stichwort: Erdbeben Iran
HELP: Dresdner Bank Bonn/Köln (BLZ 370 800 40), Kontonummer 4444,
Stichwort: Erdbebenhilfe Iran
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Zahl der Toten nach Gasunfall in China auf
mehr als 230 gestiegen
Mo.29.12.03 - Fast eine Woche nach dem verheerenden Gasunfall in China ist die Zahl
der Toten nach Regierungsangaben auf mindestens 233 gestiegen. Rund
20.000 Einwohner kehrten am Montag wieder in ihre Dörfer
zurück, wie das staatliche Fernsehen berichtete.
Rettungskräfte suchten noch immer nach weiteren Todesopfern. In
Dörfern nahe der Gasförderanlage vergruben Helfer tausende
verendete Haustiere.
Techniker hatten das am Dienstag aufgebrochene Gasleck im
Südwesten des Landes erst am Wochenende versiegeln können. Am
Sonntag waren daraufhin bereits mehrere Tausend Anwohner in ihre
Häuser zurückgekehrt. Rund 64.000 Menschen hatten die Region
nach Regierungsangaben verlassen müssen. Mehr als 9.000, darunter
viele Kinder, erlitten nach dem Unfall Vergiftungen und Verletzungen.
Fast alle wurden mittlerweile wieder aus Krankenhäusern entlassen.
(Quelle: ap)
Nach Sars-Verdachtsfall in China noch
38 Personen in Quarantäne
Mo.29.12.03 - Nach der Aufdeckung des ersten Verdachtsfalles der
lebensgefährlichen Lungenkrankheit Sars in diesem Winter in China
sind noch 38 Menschen in Quarantäne. Von den 42 Personen, die
Kontakt zu dem Patienten hatten, hätten bereits 4 die nötige
Inkubationszeit überschritten, berichtete der China News Service.
Keiner habe bislang Symptome entwickelt. Als Vorsichtsmaßnahme
haben Chinas Gesundheitsbehörden landesweit die
Gesundheitskontrollen an Flughäfen, Bahnhöfen oder
Busstationen verschärft.
(Quelle: dpa)
Konservativer Berger gewinnt Präsidentenwahl in Guatemala
Mo.29.12.03 - Der konservative Geschäftsmann und frühere Bürgermeister
von Guatemala-Stadt Oscar Berger (57) hat die Präsidentenwahl in
Guatemala gewonnen.
Der Oberste Wahlrat teilte am Sonntagabend nach Auszählung von 70
Prozent der Stimmbezirke mit, auf Berger seien 56 Prozent der Stimmen
entfallen. Der Vorsitzende des Wahlrates, Oscar Bolanos, sagte, der
Trend sei jetzt unumkehrbar.
Der für die politische Linke kandidierender Textilfabrikant Alvaro
Colom erhielt danach 44 Prozent der Stimmen.
(Quelle: rtr)
18 Flüchtlinge auf Nauru nach Hungerstreik im Krankenhaus
Mo.29.12.03 - Nach einem dreiwöchigen Hungerstreik geht es 18 Asylbewerbern in
einem australischen Flüchtlingslager so schlecht, dass sie
ärztlich behandelt werden müssen. Keiner von ihnen befindet
sich aber in lebensbedrohlichem Zustand, wie die Behörden am
Montag mitteilten. Inzwischen beteiligen sich 45 Menschen in dem Lager
auf der Pazifikinsel Nauru an dem Hungerstreik, die meisten von ihnen
Afghanen. Vier von ihnen haben sich die Lippen zugenäht.
Mit ihrer Aktion protestieren die Flüchtlinge gegen die Ablehnung
ihrer Asylanträge und gegen die Zustände in dem Lager auf
Nauru, einem unabhängigen Staat, der zwischen Australien und
Hawaii liegt. Die Regierung in Canberra hat die Asylanträge aller
191 Erwachsenen und 93 Kinder in dem Flüchtlingslager abgelehnt.
Sie erklärte sich vergangene Woche jedoch bereit, die Anträge
von mehr als 200 Afghanen erneut zu prüfen, wenn das
Flüchtlingshilfswerk UNHCR eine drastische Verschlechterung der
Sicherheitslage in ihrem Heimatland nachweisen könne.
(Quelle: ap)
Ultranationalisten gewinnen Parlamentswahl in Serbien
Mo.29.12.03 - Die extrem-nationalistische Serbische Radikale Partei (SRS) hat am
Sonntag die vorgezogenen Parlamentswahlen in Serbien gewonnen. Nach
übereinstimmenden, stabilen Hochrechnungen erreichte sie 82 der
250 Mandate im Parlament.
Trotz ihres Wahlsieges fehlen der Serbischen Radikalen Partei aber
notwendige Koalitionspartner für eine Regierungsmehrheit.
Vertreter der reformorientierten demokratischen Parteien im
zukünftigen Parlament haben sich schon am Sonntagabend gegen eine
Regierungsbildung mit der SRS des als Kriegsverbrecher angeklagten
Vojislav Seselj ausgesprochen.
Zweitstärkste politische Kraft mit 53 Mandaten wurde die national-
konservative Demokratische Partei Serbiens (DSS) des früheren
jugoslawischen Präsidenten Vojislav Kostunica. Den dritten Platz
belegt mit 37 Abgeordneten die bisher regierende Demokratische Partei
(DS) des im März ermordeten Ministerpräsidenten Zoran
Djindjic.
Die Fünf-Prozent-Klausel zum Einzug in die Volksvertretung
schafften die Expertenpartei G 17 Plus mit 34 Mandaten, die
monarchistische Koalition SPO-NS (23 Mandate) und die Sozialisten des
wegen Kriegsverbrechen vom UN-Tribunal angeklagten ehemaligen
jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic (21 Mandate).
Spitzenpolitiker der demokratischen Parteien haben unmittelbar nach
Bekanntwerden des Wahlergebnisses sich für baldige Gespräche
über eine Regierungsbildung ausgesprochen. Der angesehene
Belgrader Soziologe Vladimir Goati appellierte zuvor an diese Parteien,
trotz ihrer tiefen Zerstrittenheit gemeinsam die neue Regierung zu
bilden. Im anderen Fall drohten Neuwahlen mit einer weiteren
Radikalisierung der Wähler.
Milosevic und Seselj haben als Listenführer den formellen Einzug
ins Parlament geschafft. Doch selbst die Führungen ihrer Parteien
rechnen nicht damit, dass die beiden vom Haager UN-
Kriegsverbrechertribunal nach Belgrad entlassen werden. «Seselj
hat seinen Platz, wird aber kein Abgeordneter», sagte Tomislav
Nikolic, sein Stellvertreter.
Die meisten der 18 Mitglieder der bisher regierende Koalition DOS haben
den Einzug in die Volksvertretung nicht geschafft. Auch die ungarische
und albanische Volksgruppe werden im Parlament nicht vertreten sein.
Die Albaner im Süden Serbiens haben die Wahl boykottiert und die
Ungarn scheiterten an der Fünf-Prozent-Klausel.
(Quelle: dpa)
Italien: Parmalat-Gründer Tanzi in Mailand festgenommen
Mo.29.12.03 - Im Zuge der Ermittlungen wegen Bilanzfälschung beim insolventen
italienischen Lebensmittelkonzern Parmalat Finanziaria SpA ist
Firmengründer Calisto Tanzi festgenommen worden.
Der 65-Jährige sei auf Anordnung der Staatsanwaltschaft am Samstag
im Zentrum Mailands von der Finanzpolizei in Gewahrsam genommen worden,
hieß es in den Justizkreisen. Tanzi werde betrügerischer
Bankrott und Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen.
Allerdings sei noch nicht Anklage erhoben worden. Der medienscheue
Unternehmer hatte in diesem Monat den Chefposten bei Parmalat
geräumt. Ein italienisches Insolvenzgericht hatte wenige Stunden
vor seiner Festnahme den wichtigsten operativen Teil von Parmalat
für insolvent erklärt.
Parmalat hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, dass durch die Bank
of America bei einer Parmalat-Tochter auf den Kaiman-Inseln (Bonlat
Financing Corp) offenbar eine Bilanzfälschung in Höhe von
fast vier Milliarden Euro aufgedeckt worden sei. Nach Angaben aus
Justizkreisen beläuft sich das Loch in der Buchführung
mittlerweile auf sieben Milliarden Euro, Presseberichten zufolge sogar
auf bis zu zehn Milliarden Euro.
In Mailand und Parma ermittelt die Staatsanwaltschaft unter anderem
wegen des Vorwurfs des Betrugs und der Bilanzfälschung. Am
Mittwoch hatte die Polizei das Haus Tanzis durchsucht. Der
Firmengründer konnte jedoch nicht verhört werden, da er sich
im Ausland aufhielt. Tanzi hatte 1961 in der Nähe von Parma seine
erste Fabrik zum Pasteurisieren von Milch eröffnet und danach
durch umfangreiche Firmen-Übernahmen ein Firmen-Imperium
geschaffen.
Tanzi hat zwar die Unternehmensleitung abgegeben, doch kontrolliert
seine Familie über die Holdinggesellschaft Coloniale den Konzern
weiterhin. Das Unternehmen ist in etwa 30 Ländern tätig und
beschäftigt rund 35.000 Mitarbeiter. Im Rahmen der Untersuchungen
hat die Staatsanwaltschaft rund 20 gegenwärtige und frühere
Mitarbeiter sowie Wirtschaftsprüfer ins Visier genommen.
(Quelle: rtr)
Europäische Mars-Mission
Weiter kein Kontakt zum Lande-Roboter 'Beagle 2'
Mo.29.12.03 - Zum Mars-Roboter «Beagle 2» gibt es weiter keinen Kontakt.
Wie auf der Webseite des Projekts [http://mars.esa.int] am späten Sonntagabend
mitgeteilt wurde, gelang es auch in einem neuen Versuch nicht, mit der
US-Sonde «Odyssey» ein Signal von der Landeeinheit zu
empfangen.
Die Sonde soll in den nächsten Tagen noch vier Mal versuchen,
Signale vom Mars zu orten. Mehrere Versuche mit dem Lovell-Teleskop im
englischen Jodrell Bank schlugen ebenfalls fehl. Auch an der
Stanford-Universität im US-Bundesstaat Kalifornien nahmen
Wissenschaftler die Jagd nach einem Signal bislang vergeblich auf: Die
Technik des dortigen Teleskops funktionierte noch nicht wie
gewünscht.
Hoffnung setzen die Wissenschaftler auf den Anfang des neuen Jahres:
Vom 4. Januar an könnte dann auch der Orbiter
«Mars-Express», der den Roboter am 19. Dezember abgesetzt
hatte, Signale von «Beagle 2» empfangen. Nach Angaben eines
Sprechers der Europäischen Weltraumagentur (ESA) funktionieren die
Solarzellen des Landegeräts etwa sechs Monate lang.
Dass sich «Beagle 2» bisher nicht gemeldet hat, könnte
auch daran liegen, dass sich die eingebaute Uhr des Roboters durch die
hohen Temperatur-Unterschiede während seiner Reise verzogen hat.
Demnach hätte «Beagle 2» die Kontaktaufnahme bisher
sozusagen verschlafen. Der 70 Kilogramm schwere Roboter soll mit Hilfe
von Bodenproben rund ein Viertel der wissenschaftlichen Experimente der
Mars-Mission ermöglichen, die Mehrzahl wird via Radar vom
Mutterschiff aus unternommen.
Das ESA-Projekt ist die erste von drei derzeit laufenden Mars-
Projekten, für die Europäer und Amerikaner eine günstige
Planeten- Konstellation nutzen. Im Januar sollen zwei US-Sonden mit den
fahrbaren Landerobotern «Spirit» und
«Opportunity» den Mars erreichen. Seit 1960 hat es
zahlreiche Versuche - vor allem der Sowjetunion und der USA - gegeben,
den Nachbarplaneten der Erde mit Flugkörpern zu erreichen. Die
meisten schlugen fehl, erst 1976 gelang den USA die erste weiche
Landung einer Sonde auf dem Mars.
(Quelle: dpa)
Rau warnt die Politik vor zu viel Show und Klamauk
Mo.29.12.03 - Bundespräsident Johannes Rau hat die Politik vor zu viel Show und
Klamauk gewarnt. Er forderte am Sonntag stattdessen eine
Rückbesinnung auf parlamentarische Gepflogenheiten und «mehr
Strahlkraft» für den Bundestag. «Meine Sorge ist, dass
die Talkshows wichtiger werden als die Kommissionen. Und dass die
Parlamentarier nur noch das übernehmen, was in Kommissionen
erarbeitet worden ist.» Die Häufung der Wahlen im kommenden
Jahr nannte Rau «ein Unglück für die Demokratie».
Er betonte im ZDF: «14 Wahlen sind zu viel.»
Als bedenklich bewertete Rau, dass immer mehr Politiker in Fernseh- und
Zeitungsinterviews äußerten, «was im Parlament nicht
zur Sprache kommt». Nötig seien Parlamentsdebatten «in
einer Sprache, die die Menschen verstehen können». In seine
Kritik bezog der Bundespräsident den Vermittlungsausschuss
ausdrücklich nicht mit ein. Doch auch dieses Gremium habe
«früher anders getagt», nämlich vertraulich.
Dahin wolle er gerne wieder zurück.
Nach der Einigung im Vermittlungsausschuss über Steuersenkungen
und Reformprojekte setzt Rau auf ein stärkeres Miteinander von
Regierung und Opposition. «Ich hoffe, dass es mehr Gemeinsamkeit
gibt», sagte er in der ZDF-Sendung «Berlin direkt».
Allerdings warnte das Staatsoberhaupt vor übertriebenem
Reformeifer. Natürlich seien die jüngsten Beschlüsse
erst der Anfang gewesen. Jedoch: «Man darf den Menschen auch
nicht zu viel zumuten.»
Rau sprach sich für eine Föderalismus-Reform ohne Tabus aus.
Im Deutschlandradio sagte er, es habe sich in den vergangenen 50 Jahren
manches eingeschliffen, «was renovierungsbedürftig ist. Und
ich hoffe, dass man da ohne Scheuklappen jetzt in die Welt blickt und
ohne Wortverbote diskutiert.»
Rau machte deutlich, dass seiner Forderung, die Wahltermine zu
reduzieren, die Verfassung entgegenstehe. Er sei dagegen, die Wahlen
alle in der Mitte der Wahlperiode des Bundestages abzuhalten. Rau
plädierte erneut für die Direktwahl des
Bundespräsidenten. Auch solle das Staatsoberhaupt künftig
einmalig für sieben Jahre gekürt werden, weil sich dann
«mehr leisten lässt».
(Quelle: ap)
VdK will Verfassungsmäßigkeit des Rentner-Beitrags
prüfen
Mo.29.12.03 - Die Bundesregierung verstößt nach Ansicht des
Sozialverbandes VdK gegen die Verfassung, wenn sie ab 2004 den vollen
Beitragssatz der Kranken- und Pflegeversicherung auch auf die einmalige
Kapitalauszahlung einer Direktversicherung, einer Pensionskasse oder
eines berufsständischen Versorgungswerks erheben lässt. Laut
Chemnitzer «Freie Presse» (Montagausgabe) erklärte
VdK-Präsident Walter Hirrlinger: «Wir werden
überprüfen lassen, ob ein solches Vorgehen mit dem
Gleichbehandlungsgrundsatz zu vereinbaren ist.»
Hirrlinger verwies darauf, dass die Sozialbeiträge für die
Beschäftigten zur Hälfte von den Arbeitgebern entrichtet
würden, während die Senioren ab dem 1. Januar den vollen
Beitragssatz der Krankenversicherung zahlen müssten. Ab April
komme die Pflegeversicherung noch hinzu. Hirrlinger sagte, er erhalte
empörte Anrufe von Rentnern, die sich über das
«schamlose Abkassieren» durch die Regierung beklagten. Die
Verdoppelung der Beiträge führe zu einer drastischen
Reduzierung der Altersruhegelder, die viele nicht verkraften
könnten.
Hirrlinger meinte, die Botschaft sei: «Wer mehr hat, soll mehr
bekommen. Wer weniger hat, kann auch mehr sparen.» Die
großen Gewinner seien die Arbeitgeber, zu den Verlierern
zählten die chronisch kranken, behinderten und älteren
Menschen. Die Politikverdrossenheit bei den 20 Millionen Rentnern werde
drastisch zunehmen. Nur noch wenige von ihnen würden zur Wahl
gehen, denn die meisten wüssten nicht mehr, wem sie ihre Stimmen
geben sollten.
(Quelle: ap)
Ärztevertreter befürchten Gesundheitsgefährdung
durch Praxisgebühr
Mo.29.12.03 - Vertreter der Ärzteschaft befürchten, dass die ab
nächstem Jahr von gesetzlich versicherten Patienten zu zahlende
Praxisgebühr bei vielen Menschen zu einer schlechteren
Gesundheitsversorgung führen könnte. Laut der in Essen
erscheinenden «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung»
(Montagausgabe) erklärte der zweite Vorsitzende der
Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Leonhard Hansen, in einem
Interview: «Die Gefahr, dass Bürger mit geringem Einkommen
und niedriger Bildung schlechter versorgt werden als heute, halte ich
für recht hoch. Wir alle müssen daran arbeiten, dass das
nicht eintritt.»
Dem Blatt zufolge äußerte auch der Präsident der
Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, die Befürchtung,
dass «diese Bürger bei Erkrankungen viel zu spät einen
Arzt aufsuchen, um die Geldzahlung zu vermeiden.»
Hansen bedauerte, dass künftig regelmäßig Geld
über die Theke einer Arztpraxis gereicht werden müsse.
«Es gibt viele Patienten, da kommt man sich als Arzt schäbig
vor, zehn Euro nehmen zu müssen. Aber wir können nicht darauf
verzichten, weil uns sonst ein erheblicher Teil unseres Honorars
fehlt.» Das Geld werde mit dem Ärztehonorar der
Krankenkassen verrechnet. «Wir Ärzte haben von den zehn Euro
nichts - außer Kosten für den Zahlungsverkehr.»
Hansen lobte gleichwohl die von der Gesundheitsreform bewirkten
Strukturänderungen. «Da ist noch viel Musik drin, dass von
allen patientenorientierter gedacht wird», sagte er.
(Quelle: ap)
Barmer weist laut 'Tagesspiegel' Sozialhilfeempfänger
mit Tricks ab
Mo.29.12.03 - In der Barmer Ersatzkasse wird laut «Tagesspiegel» mit
immer neuen Tricks versucht, Sozialhilfeempfänger vom Beitritt
abzuhalten. Der Zeitung liegt ein Schreiben einer Geschäftsstelle
der Kasse vor, in dem ein Sozialhilfeempfänger aus Berlin darauf
hingewiesen wird, dass eine persönliche Betreuung für ihn nur
im sächsischen Zwickau möglich sei. Nach Presseberichten der
vergangene soll die Barmer ihre Mitarbeiter wegen der höheren
Kosten angewiesen haben, Sozialhilfeempfänger und Asylbewerber
abzuweisen.
(Quelle: dpa)
Bsirske befürwortet Debatte über Mindestlöhne
Im Gewerkschaftslager besteht derzeit keine einheitliche Meinung
über eine Einführung von Mindestlöhnen
Mo.29.12.03 - Nach der Verschärfung der Zumutbarkeitsregeln für
Langzeitarbeitslose hält ver.di-Chef Franke Bsirske eine breite
Diskussion über die Einführung von Mindestlöhnen in
Deutschland für notwendig. Ob Mindestlöhne gesetzlich oder
tariflich vereinbart würden, müsse noch erörtert werden,
sagte Bsirske am Sonntag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur
AP. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement forderte unterdessen die
Tarifparteien zur Lohnzurückhaltung auf, um Arbeitsplätze zu
erhalten und zu schaffen.
Im Gewerkschaftslager besteht derzeit keine einheitliche Meinung
über eine Einführung von Mindestlöhnen. Vor allem die
Industriegewerkschaften hatten auf die Tarifautonomie verwiesen und
sich dagegen ausgesprochen. Bsirske sagte, vor allem vor dem
Hintergrund von Stundenlöhnen von weniger als fünf Euro
müsse über Mindestlöhne gesprochen werden. Die
Vorschläge müssten aber die unterschiedlichen Situationen in
den Branchen berücksichtigen.
Mit der Sozialhilfe gebe es faktisch einen Mindestlohn in Deutschland.
Dieser liege aber deutlich unter dem Niveau, was in anderen
europäischen Ländern als Mindestlohn vereinbart worden sei.
In Branchen wie dem Gaststätten- oder Überwachungsgewerbe
würden zum Teil Löhne von 1.100 Euro brutto gezahlt. Das
seien Gehälter, von denen man nicht leben könne. «Da
muss gegengesteuert werden», forderte Bsirske.
Clement ermahnte die Tarifparteien in der «Welt am
Sonntag», «ein bisschen Maß zu halten bei allen
Wünschen, Forderungen und Erwartungen».
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt unterstützte Clements
Appell. Er sagte dem Blatt: «Wir stehen vor einer Nagelprobe in
der Tarifpolitik.» Die IG Metall müsse dringend notwendige
Signale für mehr Flexibilität in den Tarifverträgen bei
Arbeitszeitung und Entgelten setzen. Er forderte
«tarifvertragliche Öffnungsklauseln zur Erweiterung
betrieblicher Gestaltungsspielräume».
(Quelle: ap)
Liste der Arbeitsmarktreformen
Im Jahr 2003 brachte die Bundesregierung eine Reihe von Reformen zur
Modernisierung des Arbeitsmarktes auf den Weg. Die Gesetze Hartz III
und Hartz IV regeln zwei wichtige Komplexe: den Umbau der Bundesanstalt
für Arbeit und die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und
Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II für Langzeitarbeitslose.
Außerdem wird der Kündigungsschutz im kommenden Jahr und der
Meisterzwang im Handwerk gelockert. Bereits ab April gelten neue Regeln
für Minijobs.
- Hartz III
Die Bundesanstalt für Arbeit wird zur «Bundesagentur
für Arbeit» umgebaut. Durch neue Strukturen und
Vereinfachungen im Leistungsrecht soll sie sich auf ihre Hauptaufgabe,
die Vermittlung von Arbeitslosen, konzentrieren können. Als
zentrale Anlaufstelle für Betreuung und Vermittlung werden
flächendeckend Jobcenter eingeführt, die unter dem Dach der
Bundesagentur arbeiten. Die doppelte Zuständigkeit von Arbeits-
und Sozialamt wird abgeschafft.
Das Leistungs- und Förderrecht für die
Arbeitslosenversicherung wird vereinfacht. Rund 3.000 Stellen sollen
damit innerhalb der neuen Bundesagentur für die Vermittlung
umgelegt werden. Das Gesetz tritt zum 1. Januar 2004 in Kraft.
- Hartz IV
Kernpunkt ist die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum
neuen Arbeitslosengeld II. Damit soll das Nebeneinander von zwei
unterschiedlichen Systemen abgeschafft und erwerbsfähige
Sozialhilfeempfänger in die aktive Arbeitsvermittlung eingebunden
werden. Als erwerbsfähig gilt jeder, der mehr als drei Stunden pro
Tag arbeiten kann.
Mit der Zusammenlegung der Förderinstrumente ist ein intensives
Fallmanagement verbunden. Künftig soll ein Fallmanager nur noch 75
Arbeitsuchende betreuen.
Das Arbeitslosengeld II liegt auf Höhe der Sozialhilfe und
beträgt pauschal im Westen 345 Euro und im Osten 331 Euro
monatlich. Um finanzielle Härten abzufedern, soll bisherigen
Arbeitslosenhilfeempfängern ein auf zwei Jahre befristeter
Zuschlag gezahlt werden.
Die Kriterien, welche Arbeit als zumutbar gilt, werden verschärft.
Prinzipiell gilt jetzt jede legale Arbeit als zumutbar. Von den
Arbeitslosen wird mehr Eigeninitiative und Eigenverantwortlichkeit
verlangt. Wer Job-Angebote ausschlägt, muss erhebliche finanzielle
Kürzungen von bis zu 30 Prozent in Kauf nehmen. Jugendlichen
Arbeitslosen bis 25 Jahre kann die Unterstützung sogar ganz
gestrichen werden.
Die Dauer des Anspruchs auf Arbeitslosengeld wird grundsätzlich
auf zwölf Monate beschränkt. Arbeitnehmer ab dem 55.
Lebensjahr können Arbeitslosengeld für die Dauer von 18
Monaten beanspruchen. Durch eine Übergangsregelung gilt dies erst
ab dem 1. Februar 2006.
- Kündigungsschutz
Kündigungsschutz genießen neu eingestellte Mitarbeiter erst
in Betrieben mit mehr als zehn Beschäftigten. Für bestehende
Arbeitsverhältnisse ändert sich jedoch nichts. Bei
betriebsbedingten Kündigungen wird die Sozialauswahl auf
Betriebszugehörigkeit, Alter, Unterhaltspflichten und
Schwerbehinderung beschränkt, ohne Leistungsträger mit
einbeziehen zu müssen. Außerdem können gekündigte
Arbeitnehmer wählen, ob sie eine Kündigungsschutzklage
erheben oder stattdessen eine gesetzliche Abfindung in Höhe von
einem halben Monatsgehalt pro Beschäftigungsjahr annehmen. Dieses
Verfahren soll langwierige Prozesse vermeiden helfen.
Existenzgründer erhalten die Möglichkeit, befristete
Arbeitsverträge für die Dauer von vier Jahren
abzuschließen.
- Handwerksrecht
Mit der Neuordnung im Handwerksrecht können Arbeitnehmer einfache
Tätigkeiten künftig ohne Meisterprüfung ausüben.
Außerdem entfällt für 53 Handwerke der Meisterzwang.
Nach gültigem Handwerksrecht ist der Meisterbrief Voraussetzung
für die Eröffnung eines Betriebes. Künftig sollen nur
noch bei 41 Berufen, die mit gefährlichen Abläufen zu tun
haben oder die besonders viele Lehrlinge ausbilden, grundsätzlich
ein Meisterbrief zur Gründung eines eigenen Betriebs nötig
sein. Auch hier gelten Ausnahmen. So können sich Handwerker, die
sechs Jahre im Beruf und davon vier Jahre in leitender Position sind,
ebenfalls selbstständig machen.
- Minijobs
Seit dem 1. April 2003 gelten bereits die neuen Regelungen für
Minijobs. Die monatliche Verdienstgrenze für geringfügig
Beschäftigte wurde von 325 auf 400 Euro angehoben. Bis 800 Euro
müssen Arbeitgeber und Beschäftigte geringere Sozialabgaben
und Steuern entrichten. Insgesamt sind bislang 6,7 Millionen Minijobber
im gewerblichen und privaten Bereich gemeldet. Die Mehrheit von ihnen
sind Frauen.
Allerdings bewirkte der Boom bei den Minijobs keinen deutlichen
Rückgang der Arbeitslosigkeit. Auch im Kampf gegen die
Schwarzarbeit in Privathaushalten war die Ausweitung der Minijobs nicht
erfolgreich. Nach Angaben der Bundesknappschaft sind 98 Prozent alles
Haushaltshilfen schwarz beschäftigt.
(Quelle: ap)
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Wohl Nachspiel für Stolpe wegen Maut-Fristverlängerung
Opposition: Der Verkehrsminister verletzt mit seiner Entscheidung einen
Beschluss des Haushaltsausschusses des Bundestages +++ Starttermin
für den Beginn der Lkw-Maut steht weiter in den Sternen
Mo.29.12.03 - Die Opposition hat mit massiver Kritik auf die einmonatige
Fristverlängerung für die Verhandlungen über die
Einführung der Lkw-Maut reagiert. Der CDU/CSU-Finanzexperte
Dietrich Austermann drohte Verkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) am
Wochenende mit der Sperrung von Haushaltsgeldern, falls bis Mitte
Januar kein Verhandlungsergebnis mit dem Betreiberkonsortium Toll
Collect vorliegt. Der Starttermin für den Beginn der Lkw-Maut auf
deutschen Autobahnen steht weiter in den Sternen.
CDU und FDP erklärten am Wochenende, Stolpe verletze mit seiner
Entscheidung einen Beschluss des Haushaltsausschusses des Bundestages.
Er habe den Vertrag mit Toll Collect nicht gekündigt, obwohl der
Ausschuss dies verlangt habe, wenn das Unternehmen bis Jahresende
keinen konkreten Zeitplan für einen Start vorlege und
Ausgleichszahlungen an den Bund weiter nicht akzeptiere. Jürgen
Koppelin, FDP-Obmann im Ausschuss, forderte Stolpes Rücktritt.
Bereits zuvor hatte der CDU-Haushaltsexperte Dietrich Austermann
gesagt, man werde Stolpe gegebenenfalls zwingen, den Empfehlungen des
Parlaments zu folgen. Die Opposition wies aber darauf hin, dass eine
Kündigung mangels klarer Alternativen nicht unbedingt der beste
Ausweg sei.
Auch der Grünen-Verkehrsexperte Albert Schmidt sagte, der
Ausschuss werde sicher viele kritische Fragen an Stolpe haben. Schmidt
forderte für Toll Collect eine Strafe in Milliardenhöhe,
sollte auch der neue, noch zu vereinbarende Maut-Start platzen. Hinter
dem Unternehmen stehen die Deutsche Telekom, DaimlerChrysler und die
französische Cofiroute.
Stolpe hatte am Freitag die Frist für eine Vertragskündigung
durch den Bund bis Ende Januar verlängert, obwohl er vor
Weihnachten erklärt hatte, er werde den Ausschuss-Beschluss
befolgen. Zur Begründung für die nun verlängerte Frist
sagte er, das Konsortium habe sich auf seine Forderungen zubewegt. Ein
konkreter Start-Termin werde wohl Ende Januar genannt. Start sei dann
wohl im dritten Quartal 2004. Ursprünglich sollte die Maut Ende
August 2003 eingeführt werden. Dem Bund fehlen wegen der
Verzögerung bereits 620 Millionen Euro an Einnahmen. Für 2004
könnte sich die Summe auf zwei Milliarden Euro summieren.
Koppelin erklärte, Stolpe sei an den Ausschuss-Beschluss gebunden,
den Vertrag zum 31. Dezember zu kündigen, wenn es kein tragbares
Zeitkonzept gebe. Sollte Stolpe dies ignorieren, werde die FDP im
Bundestag die Abberufung des Ministers beantragen.
Der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Fraktion, Klaus Lippold,
sagte im NDR, in Stolpes Ministerium herrsche völlige Konzeptions-
und Planlosigkeit. Stolpe halte am Vertrag fest, weil er nicht wisse,
welche Alternativen er habe. Im Vergleich zur Zeit vor Weihnachten habe
sich Toll Collect nicht bewegt.
Austermann hatte schon unmittelbar nach Stolpes Entscheidung gesagt,
der Minister verstoße gegen die Parlaments-Aufforderung. Das
werde Konsequenzen in der Sitzung des Haushaltsausschusses am 14.
Januar haben. Bisher sei der Haushalt noch nicht rechtskräftig, so
dass man eventuell durch Sperren und andere Maßnahmen Stolpe
zwingen werde, den Empfehlungen zu folgen.
Schmidt sagte im Deutschlandfunk, Toll Collect habe zugestimmt, per
Schiedsgericht klären zu lassen, ob und wie weit man sich an
Ausgleichzahlungen an den Bund beteilige. Der Bund fordert, dass Toll
Collect die Maut-Einnahmeausfälle des Bundes von 156 Millionen
Euro pro Monat ersetzt. Das Unternehmen lehnt Schadenersatz-Zahlungen
ab und beruft sich darauf, dass der Vertrag 7,5 Millionen Euro Strafe
pro Monat vorsehe, die auch gezahlt werde. Toll Collect erklärte
aber, in einem neuen Vertrag deutlich höhere Strafen zu
akzeptieren, sollte auch der neue, noch zu benennende Starttermin
verfehlt werden. Denkbar sei ein Start der Maut im dritten Quartal 2004
oder später.
Schmidt sagte, das Parlament werde von Toll Collect keine unklaren
Versprechen mehr akzeptieren. "Wir wollen (...) belastbare,
verbindliche Zeitpläne. Das heißt Zeitpläne, die
bewehrt sind mit milliardenschweren Sanktionen." Er wisse aber nicht,
ob man den Toll-Collect-Zusagen trauen könne oder ob es "die
Verlängerung der alten Hinhaltetaktik" sei. Die Software für
die Maut-Erfassungsgeräte sei völlig unbrauchbar. Eine
Erneuerung dauere mindestens neun Monate. Als Alternativen böten
sich andere Anbieter oder die Wiedereinführung der Vignette an.
Nach "Spiegel"-Informationen ist unklar, wann Toll Collect das Datum
für den Start der LKW-Maut mitteilen kann.
Die beiden Elektronikspezialisten IBM und Siemens seien nach Angaben
der Telekom noch nicht in der Lage, ein endgültiges
Fertigstellungsdatum für eine neue Software-Version der so
genannten On Board Units zu nennen, meldete der «Spiegel»
unter Berufung auf ein neueres Schreiben der Telekom an Stolpe.
Den Angaben zufolge nennt die Telekom darin erstmals «konkrete
Zahlen». Falls die Maut-Anlagen nach Ablauf des neuen
Starttermins nicht funktionierten, wolle man die Ausfälle mit bis
zu 500 Millionen Euro jährlich ausgleichen. Die Frage der Haftung
für die bisherigen Einnahmeausfälle von 156 Millionen Euro
monatlich sollte hingegen in einem schnellen Schiedsgerichtsverfahren
gelöst werden.
(Quellen: ap, rtr)
Nummernschilderfassung rechtlich nicht gedeckt
Mo.29.12.03 - Die Pläne für die flächendeckende Erfassung
vorbeifahrender Autos auf wichtigen Straßenkreuzungen in
Deutschland sind auf Kritik gestoßen.
"Dies ist der Ausdruck einer allgemeinen Tendenz, personenbezogene
Daten schon im Vorfeld zu erfassen", sagte der deutsche
Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, dem Berliner
"Tagesspiegel".
Schaar sieht solche Erfassungssysteme nicht durch die
Strafprozessordnung gedeckt. Sie erlaube vielmehr derartige
Maßnahmen nur in Einzelfällen bei einem konkreten
Tatverdacht. Schaar sagte weiters, dass das Erfassen der Kennzeichen
"keinen allzu tiefen Eingriff" in die Rechte der Bürger bedeute,
wenn Daten, die nicht fahndungsrelevant seien, sofort wieder
gelöscht würden.
Das Problem sei aber, dass mit den Erfassungsgeräten und deren
Vernetzung eine "Infrastruktur aufgebaut wird, die weit tiefer gehende
Eingriffe ermöglicht". Dafür gebe es derzeit keine
Rechtsgrundlage in Deutschland, so Schaar weiter.
Der "Spiegel" hatte zuvor über Projekte in mehreren deutschen
Bundesländern berichtet, an Verkehrsknotenpunkten mit modernster
Kameratechnik die Kennzeichen aller vorbeifahrenden Autos zu scannen
und mit dem Fahndungscomputer im deutschen Bundeskriminalamt [BKA]
abzugleichen.
Bei der Überwachung sollen sämtliche Kennzeichen gefilmt und
anschließend Bilder digitalisiert werden um mit dem
Fahndungscomputer im BKA abgeglichen werden zu können. Ist das
Kennzeichen gefälscht, das Auto gestohlen oder der Fahrer zur
Fahndung ausgeschrieben, wird Alarm ausgelöst. Sicherheitsexperten
gehen laut "Spiegel" davon aus, dass der Einsatz der Kameras für
Fahndungszwecke von der Strafprozessordnung gedeckt sei. In Hessen sei
bereits eine entsprechende Änderung des Polizeigesetzes auf den
Weg gebracht worden.
Hessen, Bayern und Thüringen sollen die Erfassungstechnik bereits
erprobt haben. Niedersachsen und Baden-Württemberg prüfen
demnach zur Zeit, ob sie derart vernetzte Kamerasysteme ebenfalls
einsetzen wollen.
(Quelle: futurezone)
Gewerkschaften gegen Lockerung des Pressefusionsrechts
Mo.29.12.03 - Die Gewerkschaft ver.di und der Deutsche Journalisten-Verband (DJV)
haben sich energisch gegen eine Liberalisierung des Pressefusionsrechts
gewandt. Entsprechende Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums
seien «Neoliberalismus pur» sagte DJV-Sprecher Hendrik
Zörner der Nachrichtenagentur AP. Der stellvertretende
ver.di-Vorsitzende Frank Werneke kritisierte, mit der geplanten
Gesetzesnovelle würden kleinere Verlage «zum Abschuss
freigegeben». Die Pressevielfalt sei daher gefährdet.
Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) hat Medienberichten zufolge
einen Referentenentwurf fertig gestellt, wonach Zeitungsfusionen
künftig erst ab einem Gesamtumsatz von 50 Millionen Euro vom
Kartellamt genehmigt werden müssen. Bisher liegt die so genannte
Umsatzschwelle bei 25 Millionen Euro. Um publizistische Monopole zu
verhindern, sollen den Plänen zufolge Altverleger oder neutrale
Dritte mit 25 Prozent beteiligt bleiben können und die
Unabhängigkeit der Redaktion gesichert werden.
DJV-Sprecher Zörner sagte, der Entwurf begünstige
Großverlage, die nach einer Übernahme kleine
Lokalredaktionen zu Gunsten großer Zentralredaktionen
schließen könnten. Dies bedeute weiteren Arbeitsplatzabbau
und weniger Lesernähe. Er beklagte, dass es unter den deutschen
Zeitungen zu wenig Wettbewerb gebe. Der DJV-Sprecher verlangte von den
Verlagen mehr Mut, um die derzeitige Ertragskrise aus eigener Kraft
auch mit riskanten Mitteln zu meistern. Als Beispiel verwies er auf
London, wo gerade mehrere Zeitungen mit kleinformatigen Ausgaben neue
Leser gewännen.
Ver.di-Funktionär Werneke forderte im AP-Gespräch, statt
Fusionen zu erleichtern, solle der Staat die Presseförderung
verbessern. Das bisherige «Gießkannenprinzip», auf
Zeitungen nur den halben Mehrwertsteuersatz zu erheben, sollte durch
gezielte Unterstützung einzelner Titel ersetzt werden.
Clements Entwurf sei nicht geeignet, die Presse- und Meinungsvielfalt
zu erhalten, kritisierte Werneke. Weder lösten Fusionen die
bestehenden Strukturprobleme der Branche, noch könne ein
«Strohmannprinzip» die Unabhängigkeit eines
Verlagshauses nach der Übernahme sichern. Schon mit dem geltenden
Recht seien zahlreiche Fusionen möglich. «Bislang wurden
immer Lösungen gefunden, aber mit strengen Auflagen, die nun
wegfallen würden, sagte Werneke.
(Quelle: ap)
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