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+++ Di.30.12.03,
12:00 Nachrichten-Archiv Aktuelle
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Irak am zweihundertsechsundachzigsten Tag nach Kriegsbeginn
Sunnitische
Stammesführer bilden Versöhnungskomitee +++ Drei Iraker bei
Razzia getötet +++ Irak will Beziehungen zu Kuweit verbessern +++
Saddam Hussein soll Aussagen über Milliarden im Ausland gemacht
haben +++ China will Irak möglicherweise Schulden erlassen
Di.30.12.03 - Im
"sunnitischen Dreieck" nördlich von Bagdad formiert sich erstmals
eine Ablehnungsfront gegen die nahezu täglichen Anschläge von
Aufständischen. Elf sunnitische Stammesälteste haben in
Tikrit, der Heimatstadt des gestürzten Staatschefs Saddam Hussein,
ein Versöhnungskomitee gebildet, wie Scheich Sabah Mahmud, der
Führer des Sada-Stammes am Montag mitteilte.
"Es ist Zeit, dass wir unseren Streit überwinden und auf die
Zukunft schauen", sagte Mahmud. Die Anwesenheit von US-Truppen
müsse als Tatsache akzeptiert werden. "Gebt den Amerikanern eine
Chance", habe er seinen Leuten gesagt. Das Versöhnungskomitee
bemühe sich um Gespräche mit den Rebellen, damit diese ihren
bewaffneten Widerstand einstellen.
"Das ist erst ein Anfang", sagte der Stammesführer bei einem
Treffen mit sieben Geistlichen und einem US-Offizier im Gebäude der
Provinzregierung von Tikrit. Solche Treffen gibt es seit Sommer.
Anfangs waren die Sunniten noch nicht zur Zusammenarbeit mit den
Amerikanern bereit - statt dessen beklagten sie sich bei diesen Treffen
nur über Verhaftungen, Razzien, Ausgehverbote und andere
Einschränkungen. Die Bildung eines Versöhnungskomitees
markiert nun eine neue Offenheit von zumindest einigen sunnitischen
Persönlichkeiten gegenüber den Amerikanern.
Die Sunniten haben Irak seit Jahrhunderten regiert. Mit dem Sturz und
der Gefangennahme von Saddam Hussein haben sie ihre politische und
gesellschaftliche Vormachtstellung verloren. Da sie nur etwa 20 Prozent
der Bevölkerung von 25 Millionen bilden, wird die schiitische
Mehrheit im Zuge des politischen Prozesses zur Bildung neuer
Regierungsstrukturen einen weit größeren Einfluss haben als
bisher.
Während sich die unter Saddam Hussein lange Zeit
unterdrückten Schiiten auf eine Übernahme der politischen
Verantwortung vorbereiten, scheint bei den Sunniten ganz allmählich
ein Umdenken einzusetzen. Ein Teil von ihnen sieht ein, dass sie nur
dann eine Rolle bei der Gestaltung der künftigen
Regierungsstrukturen spielen können, wenn sie mit der
amerikanischen Besatzungsmacht zusammenarbeiten.
Oberstleuntant Steve Russel, der Vertreter der US-Streitkräfte bei
den Treffen mit den Sunniten in Tikrit begrüßt die Bildung
des Versöhnungskomitees. Seine Vorgesetzten beim Zentralkommando
der Streitkräfte in Bagdad seien überrascht von der
Entwicklung, erklärt Russell.
Die Sunniten erwarten natürlich auch Gegenleistungen - schon
allein, damit sie in der eigenen Bevölkerung nicht ihr Gesicht
verlieren. Ganz oben auf der Wunschliste steht die Feilassung von 248
Personen, die unter dem Verdacht stehen, in Anschläge auf
Koalitionstruppen verwickelt zu sein. "Jeder weiß, dass wir uns
mit den Amerikanern treffen", erklärt Scheich Mahmud el Nada vom
einflussreichen Nassari-Stamm im nahe gelegenen Dorf Uja, wo Saddam
Hussein geboren wurde. "Sie fragen uns, was wir erreicht haben und ob
wir über die Gefangenen gesprochen haben. Jetzt geht es um unsere
Glaubwürdigkeit und um unsere Ehre."
Der irakische Beauftragte für Militärfragen in der Provinz,
Brigadegeneral Abdullah el Dschaburi, sieht den Schlüssel zur
Beendigung des Aufstands in einer wirksamen Verbesserung des allgemeinen
Lebensstandards. "Dann werden die Leute einsehen, dass dies keine
Besatzungstruppen sind. Sie werden ihre Ansichten ändern."
Derweil gerieten US-Soldaten bei einer Razzia in Nordirak in ein
Feuergefecht und töteten drei Iraker, zwei US-Soldaten wurden
verletzt. Die mutmaßlichen Rebellen hätten das Feuer
eröffnet, als Soldaten ihr Haus umstellten, sagte ein
Militärsprecher am Montag in Mossul. In dem Haus seien Waffen und
irakisches Geld im Wert von 30.000 Dollar gefunden worden. Die Bewohner
wurden verdächtigt, der Gruppe Ansar-el-Islam anzugehören, der
Verbindungen zu El Kaida nachgesagt werden.
Die US-Truppen haben nach eigenen Angaben fünf Clans
identifiziert, die für die Angriffe im sunnitischen Dreieck
verantwortlich sein sollen. Ein Militärsprecher sagte, von den rund
250 Mitgliedern der Clans seien einige bereits in Haft, tot oder nicht
mehr im Land.
Nach dem gewaltsamen Tod von zwei thailändischen Soldaten in Irak
kündigte die Regierung in Bangkok eine Verstärkung ihrer
Truppen an. Zum Schutz der überwiegend mit humanitären
Aufgaben betrauten Einheiten sollen 30 weitere Kampfsoldaten nach Irak
entsandt werden. Die beiden Soldaten waren am Samstag bei einer blutigen
Anschlagsserie in Kerbela ums Leben gekommen, bei der insgesamt 19
Menschen getötet wurden, darunter auch fünf bulgarische
Soldaten. Der bulgarische Verteidigungsminister Nikolai Swinarow traf
am Montag in Kerbela ein, um ihre Särge nach Bulgarien zu geleiten.
Nach mehreren europäischen Staaten und Japan erwägt nun auch
China einen Schuldenerlass für Irak. Ministerpräsident Wen
Jiabao sagte am Montag nach einem Treffen mit dem US-Sondergesandten
James Baker, dies geschehe aus Sorge um das Wohl der Bevölkerung.
Peking verstehe die Schwierigkeiten beim Wiederaufbau des Landes,
erklärte Wen nach einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur
Xinhua. In den staatlichen chinesischen Medien hieß es, Irak habe
China vor dem Golfkrieg von 1990 etwa 1,1 Milliarden Dollar geschuldet.
Aktuelle Zahlen wurden nicht bekannt. Baker hatte zuvor mit der
japanischen Regierung verhandelt. Das Außenministerium in Tokio
erklärte am Montag, ein Großteil der irakischen
Verbindlichkeiten könne in Absprache mit anderen
Gläubigerstaaten erlassen werden.
13 Jahre nach dem Angriff Saddam Husseins auf Kuwait will Irak die
Beziehungen zu dem Nachbarland mit einem Abkommen verbessern.
Außenminister Hoschjar Sebari sagte bei einem Besuch in Kuwait in
einem Zeitungsinterview, Irak werde die von den UN festgelegten
Reparationszahlungen für den Angriff leisten. Auch das Schicksal
von 605 wahrscheinlich nach Irak verschleppten Kuwaitern solle
untersucht werden.
Saddam Hussein hat nach Angaben eines Mitglieds des irakischen
Verwaltungsrats eingeräumt, vor seinem Sturz Milliarden Dollar ins
Ausland geschafft zu haben. Der Exmachthaber habe im Verhör die
Namen von Personen genannt, die über den Verbleib des Geldes
Bescheid wüssten, zitierte die in London erscheinende Zeitung
"Asharq al Awsat" am Montag Ratsmitglied Ijad Allawi. Der Zeitung "Al
Hayat" sagte Allawi, Spezialisten in der Schweiz, Deutschland, Japan und
anderen Ländern seien beauftragt, nach den schätzungsweise 40
Milliarden Dollar zu suchen.
Die irakische Polizei gab unterdessen die Festnahme von vier
Ausländern in Kirkuk bekannt. Zwei Ägypter, ein Afghane und
ein Iraner mit falschen Pässen seien am Sonntagabend im
Zusammenhang mit Anschlägen verhaftet worden, sagte Polizeichef
Saad el Ubaidi. Wie er weiter erklärte, wurde in der Nacht zu
Montag ein Polizist vor dem Sitz einer Organisation erschossen, die mit
der US-Zivilverwaltung zusammenarbeitet. Bei einem Angriff südlich
von Bagdad wurden am Sonntag die beiden irakischen Wachmänner eines
britischen Ingenieurs getötet, wie ein Koalitionssprecher
mitteilte.
(Quelle: ap)
Desinformation und Wahrnehmungsprobleme: Die
US-Öffentlichkeit und der Krieg im Irak
Eine der
rätselhaftesten Fragen, die sich Kirchenführer in den USA
stellen, lautet: Warum haben die meisten Gläubigen, die in den
Kirchenbänken sitzen, das einseitige Vorgehen der USA im Irak
unterstützt, während es doch von fast allen großen
Denominationen des Landes öffentlich abgelehnt wird? Was hat die
Mehrheit der Bürger, einschließlich der Kirchenmitglieder,
veranlasst, diesen Krieg zu unterstützen?
Die jüngste Studie zu diesem Thema unter dem Titel
"Misperceptions, the Media and the Iraq War" wurde Anfang Oktober
veröffentlicht und zwar im Rahmen des "Program on International
Policy Attitudes". Dieses Programm wird getragen vom "Center on Policy
Attitudes" und vom "Center for International and Security Studies" der
Universität von Maryland. Die Forscher fragten, "ob die
durchschnittlichen Amerikaner die Informationen über den Irak und
den Krieg 'falsch wahrnehmen'", und die Antwort lautete ja.
Zwischen Januar und September 2003 führten die Forscher sieben
Umfragen zum Konflikt im Irak durch. Daraus zogen sie den Schluss, dass
"ein bedeutender Teil der Öffentlichkeit vieles falsch wahrnimmt,
zum Teil auf Grund von nachweislich falschen Tatsachenbehauptungen...
Dies hat eine zentrale Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung
der Zustimmung zu der Entscheidung gespielt, in den Krieg zu ziehen." ...
Was Sorge bereitet ist, dass die Nachrichten einen großen
Einfluss auf alle Bürger haben, dass die Medien in beachtlichem
Maße Fehleinschätzungen in Fragen von großer
öffentlicher Bedeutung fördern und dass diese
Fehleinschätzungen einer bestimmten ideologischen Linie zu folgen
scheinen, nämlich der Auffassung, dass der Krieg im Irak
gerechtfertigt ist.
Was wir hier wahrnehmen, ist das unvermeidliche Ergebnis der
Deregulierung des Rundfunksystems. Während das Kommunikationsgesetz
die Förderung der Bedürfnisse und Interessen der Gemeinschaft
in den Mittelpunkt stellte, ist es den Sendern jetzt schlicht und
einfach erlaubt, Programme auszustrahlen, die den wirtschaftlichen und
ideologischen Bedürfnissen der Besitzer entsprechen, was zum
Ergebnis hat, dass die internationalen Nachrichten notwendigerweise
einseitig und verzerrt sind.
Fox News ist dafür ein herausragendes Beispiel. Fox News ist im
Besitz des in Australien geborenen Rupert Murdoch und hat den
Freibeuter-Rundfunk auf ein neues Niveau gebracht, während die
Regulierungsbehörde FCC in zunehmendem Maße klein bei gibt
unter dem Druck der multinationalen Medienkonzerne. Murdoch nimmt
regelmäßig Einfluss auf die Nachrichtensendungen, damit sie
seinen politischen Vorstellungen entsprechen, ebenso auf die
Berichterstattung der Druckmedien seines Konzerns. So hat er eine
entscheidende Rolle dabei gespielt, um die Bürger dieses Landes zu
überzeugen, gegen den Irak in den Krieg zu ziehen...
Die Deregulierung begann unter Ronald Reagan im Jahre 1980, und in den
letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Machtverteilung stetig zu Gunsten
der Besitzer der Medien und zu Lasten der Öffentlichkeit
verschoben....
Es ist, einfach ausgedrückt, eine unheilige Allianz. Die Regierung
wird weiterhin die Interessen der Rundfunkindustrie vertreten,
während umgekehrt die Rundfunkanbieter weiterhin die
Öffentlichkeit irreführen. Wenn es hier um einen
gewöhnlichen Industriesektor ginge, sagen wir die Deregulierung im
Bereich der Luftfahrt oder der Elektrizitätsversorgung, wäre
das Problem schon ernst genug. Aber es geht hier um Informationen, um
die lebenswichtige Frage, wie Bürger Ideen austauschen und sich
Meinungen bilden, und deshalb ist eine Re-Regulierung des
Rundfunkbereichs von größter Bedeutung, um eine
Ausgewogenheit in der Vermittlung von Nachrichten und Informationen zu
erreichen...
Das demokratische Experiment kann nicht lange unter Bedingungen
überleben, unter denen die Bürger - mit Billigung des Staates
- systematisch falsch informiert werden.
Aus: William F. Fore - "Desinformation und Wahrnehmungsprobleme: Die
US-Öffentlichkeit und der Krieg im Irak",
Entwicklungspolitik-Online.
Mehr unter:
http://www.epo.de/specials/irak_usmedien.html
http://www.wacc.org.uk/modules.php?
name=News&file=article&sid=270
William
F. Fore, bekannter US-Medienwissenschaftler und früherer
Präsident der Weltvereinigung für christliche Kommunikation
(WACC).
Krieg und Internet
Netzdialoge,
serbische und irakische Tagebücher, Bloggerwars und
Mikrojournalismus
Inwieweit tatsächlich von einer sich in Netzdialogen
manifestierenden neuen Meinungsmacht gesprochen werden kann und
inwiefern diese beim Durchbrechen der auch für demokratische
Staatenlenker immer selbstverständlicher werdenden Propaganda
helfen können, hat Stefan Krempl ausführlich in mehreren
Kommunikationsanalysen untersucht. Krempl analysiert sowohl
die Thematisierung des Kosovo-Kriegs, der vielfach als "erster Konflikt
im Internet-Zeitalter" beschrieben wurde, als auch des Irak-Kriegs,
während dessen Verlauf das Netz für viele Nutzer bereits zur
festen Informationsquelle geworden war...
Mehr bei telepolis (30.12.03) unter:
http://www.telepolis.de/deutsch/special/med/16380/1.html
Von
Stefan Krempl ist soeben das Telepolis-Buch "Krieg und Internet: Ausweg
aus der Propaganda?" im Verlag Heinz Heise erschienen. Der Autor hat zu
Themen rund um das Buch das Weblog Der Spindoktor eingerichtet:
http://www.spindoktor.de/
Protest gegen die Kampagne '10 Euro für den
irakischen Widerstand'
Keine
Woche im Irak vergeht, wo nicht Unschuldige von den
Maschinengewehrsalven und Bomben dieser „Widerstandsgruppen" zerfetzt
werden. Kein Tag vergeht, an dem Frauen sich durch die Aktivitäten
dieses „Widerstands" sich immer weniger auf die Strassen trauen
können. Aus den Reihen dieses „Widerstands" kamen Morde an
Arbeiteraktivisten, Vergewaltigungen und Verschleppungen von Frauen als
„politisches" Mittel. Der „Widerstand", welcher hier von
europäischen Gruppen und Einzelpersonen finanziell unterstützt
werden soll, steht für das nationalistisch-völkische und/oder
politisch-islamische Lager, er steht für Reaktion, Brutalität
und Unterdrückung, aber er steht nicht auf der Seite von Freiheit
und Emanzipation, er kämpft nicht für die Sache der Menschen-
und Frauenrechte, er kämpft nicht für die Sache der einfachen
Menschen, der Arbeiter und Erwerbslosen....
Quelle:
info.partisan.net [http://www.info.partisan.net]
Mehr
unter:
http://asia.groups.yahoo.com/group/infopartisan/message/5640
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Nahost-Konflikt
Israelische
Armee rückt erneut in Nablus ein +++ Israels Armee ordnet
Räumung illegaler jüdischer Außenposten an +++
Palästinenser: Angekündigter Abriss von Siedlungen Propaganda
+++ Jüdische Siedler drohen mit Widerstand gegen Räumung von
Außenposten
Di.30.12.03 -
Einen Tag nach ihrem Rückzug ist die israelische Armee am Dienstag
erneut in Nablus im Westjordanland eingerückt. Wie aus
palästinenischen Sicherheitskreisen verlautete, fuhren die Soldaten
mit rund dreißig Jeeps und vier Panzern in Nablus ein. Bei
Schusswechseln mit Palästinensern wurde niemand verletzt. Erst am
Montag hatte sich die Armee aus Nablus und dem benachbarten
Flüchtlingslager Balata zurückgezogen. Sie war Ende
vergangener Woche dort eingerückt, um nach eigenen Angaben nach
radikalen Palästinensern zu suchen, die an der Planung von
Anschlägen beteiligt gewesen sein sollen. Am ersten
Weihnachtsfeiertag hatte sich ein Selbstmordattentäter in der
Nähe von Tel Aviv in die Luft gesprengt und dabei vier Israelis mit
in den Tod gerissen. Er stammte aus einem Dorf bei Nablus.
Gegen den Widerstand jüdischer Siedler hat die israelische
Armeeführung die Räumung von vier illegalen Außenposten
im Westjordanland angeordnet. Das zentrale Armeekommando folgte damit
einem Beschluss von Ministerpräsident Ariel Scharon.
Die palästinensische Autonomiebehörde hat die
Räumungs-Ankündigung Israels als Medienpropaganda bezeichnet
und die Räumung aller seit 2001 errichteten Außenposten
gefordert. Nach dem Friedensplan des Nahostquartetts müsse Israel
alle seit 2001 gebauten Siedlungen abreißen, sagte der
palästinensische Chefunterhändler Sajeb Erakat am Montag in
Ramallah. Deren Zahl belaufe sich zur Zeit auf 108.
Jüdische Siedler im Westjordanland haben am Montag ihren
Widerstand gegen die angekündigte Räumung
angekündigt. Die Bewohner der Siedlung Ginnot Arieh
nördlich von Jerusalem kündigten an, vor dem Obersten
Gerichtshof gegen den Räumungsbeschluss zu klagen. "Der Siedlerrat
wird tausende Menschen hierher bringen, und wir werden uns nicht
bewegen", sagte Siedlersprecher Oren Brund im israelischen Rundfunk. "Es
wird einen Zusammenstoß geben, aber keine gewaltsame
Konfrontation."
Ginnot Arieh ist als einziger der betroffenen vier Außenposten
bewohnt, dort leben zehn Familien. Mindestens einer der übrigen
Außenposten wurde bereits einmal geräumt und
anschließend wieder aufgebaut. Die größte der ohne
Genehmigung errichteten Siedlungen, Migron bei Ramallah mit 43 Familien,
ist von Scharons Anordnung nicht betroffen.
Der israelische Justizminister Tommy Lapid bezeichnete die geplante
Räumung als ermutigend, forderte jedoch zugleich weitere
Evakuierungen. Die Außenposten dienten keinem Zweck und belasteten
die Beziehungen Israels zu den USA und Europa, sagte er im Rundfunk.
Der Road Map zufolge muss Israel insgesamt mehr als 100
Außenposten im Westjordanland räumen.
Die Sicherheitsbehörden in Jerusalem erklärten am Montag, es
gebe Hinweise auf einen geplanten «nicht-konventionellen»
Angriff, möglicherweise auf heilige Stätten,
Kindergärten, Wohn- oder Krankenhäuser. Die Polizei sei
angewiesen worden, sich auf drei mögliche Szenarien vorzubereiten:
auf zeitgleiche Selbstmordanschläge auf dem Luft-, dem See- oder
dem Landweg.
Der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kureia wurde
am Montag zu einem Besuch in Saudi-Arabien erwartet, wo er um
Unterstützung für den Nahost-Friedensprozess werben wollte. Es
ist seine erste Reise in die Golfregion seit seinem Amtsantritt im
Oktober.
(Quellen: dpa,
afp, ap)
1,7 Million Schüler streiken in Israel
Di.30.12.03 - Die
israelischen Kommunen haben einen Streik in fast allen Schulen und
Kindergärten des Landes begonnen. Etwa 1,7 Million Schüler
wurden über die Medien aufgefordert, zu Hause zu bleiben.
Hintergrund des Streiks ist eine Entscheidung der Regierung, das
Erziehungsbudget der Kommunen um umgerechnet 100 Million Euro zu
kürzen. Die Kommunen in Israel finanzieren unter anderem
Schulbusse, Wächter und Hausmeister für die öffentlichen
Schulen und Kindergärten.
(Quelle: dpa)
Syrien drängt Sicherheitsrat zu Verbot von Atomwaffen
im Nahen Osten
Di.30.12.03 -
Diplomaten bei den Vereinten Nationen haben am Montag über den
syrischen Vorschlag beraten, den Nahen Osten zu einer atomwaffenfreien
Zone zu erklären. Allerdings zeichnete sich keine Mehrheit für
den Resolutionsentwurf im Weltsicherheitsrat ab. Lediglich sechs der 15
Ratsmitglieder äusserten in informellen Gesprächen
Unterstützung für die Initiative, wie aus Diplomatenkreisen
verlautete. Bedenken meldeten demnach unter anderem die USA,
Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Bulgarien und Pakistan an.
Beobachter bei den Vereinten Nationen werten den Entwurf als
anti-israelische Initiative.
(Quelle: ap)
USA wollen eigenen Atom-Inspektoren nach Libyen schicken
Di.30.12.03 - Die
USA wollen eigene Inspektoren nach Libyen schicken, um den
angekündigten Verzicht Tripolis' auf Massenvernichtungswaffen zu
kontrollieren. Ein erstes Team soll im Januar in das nordafrikanische
Land reisen und von britischen Experten begleitet werden. Nach Ansicht
des amerikanischen und britischen Geheimdienstes besitzt Libyen elf
Nuklearanlagen, wie ein ranghoher Regierungsvertreter am Montag in
Washington mitteilte.
IAEA-Generaldirektor Mohamed ElBaradei hatte zuvor nach einem ersten
Kontrollbesuch in Tripolis erklärt, er habe vier solche Betriebe
besichtigt. Die Inspektoren seien bislang nur auf ein rudimentäres
Atomprogramm gestoßen.
Der libysche Staatschef Muammar el Gaddafi bekräftigte unterdessen
seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Atombehörde.
IAEA-Sprecher Mark Gwozdecky sagte, Gaddafi habe während eines
45minütigen Gesprächs mit ElBaradei erneut erklärt, er
wolle alle Programme zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen
aufgeben. «Er sprach viel über seine Hoffnungen, dass Libyen
eines Tages zu den etablierten Staaten gehört», sagte
Gwozdecky.
(Quelle: ap)
Pakistan: Parlament billigt Sonderrechte für Musharraf
Di.30.12.03 - Das
pakistanische Parlament hat Präsident Pervez Musharraf die
erweiterten Machtbefugnisse genehmigt, die er sich bislang selbst
zugestanden hatte. Im Gegenzug erklärte sich Musharraf bereit, bis
Ende 2004 das Oberkommando über die Streitkräfte abzugeben.
Regierungsanhänger lobten die am Montag gebilligte Vereinbarung als
Sieg für die Demokratie in Pakistan. Die Opposition sprach von
einer Verschleierung der Tatsache, dass die Militärherrschaft noch
nicht beendet sei.
Dem Verfassungszusatz war ein langer Machtkampf zwischen dem westlich
orientierten Musharraf und der islamischen Koalition Mutahida
Majlis-e-Amal (MMA) vorausgegangen. Diese hatte die Arbeit des
Parlaments monatelang blockiert. Sie wandte sich insbesondere gegen das
Recht des Staatsoberhaupts, den Ministerpräsidenten zu entlassen
und das Parlament aufzulösen. Dem Kompromiss zufolge muss der
Präsident nun mit dem Regierungschef über solche Pläne
beraten und sie sich vom Obersten Gericht genehmigen lassen.
Musharraf kam 1999 mit einem Putsch an die Macht. Im Sommer 2002
sicherte er sich in einem Referendum weitere fünf Jahre im Amt auf
der Basis der von ihm festgelegten Machtbefugnisse. Im Oktober desselben
Jahres fanden Parlamentswahlen statt, bei denen seine Partei PML-Q eine
knappe Mehrheit errang. Für wichtige Abstimmungen mit einer
vorgeschriebenen Zwei-Drittel-Mehrheit ist sie aber auf die
Unterstützung der MMA angewiesen.
(Quelle: ap)
Oberster Vatikan-Vertreter in Burundi ermordet
Di.30.12.03 - Im
zentralafrikanischen Burundi ist der oberste Vertreter des Vatikan von
Bewaffneten ermordet worden. Der Apostolische Nuntius Michael Courtney
sei seinen Verletzungen erlegen, teilten Krankenhausmitarbeiter in der
Hauptstadt Bujumbura mit. Den Angaben zufolge wurde der gebürtige
Ire nahe der Ortschaft Minago überfallen, rund 40 Kilometer
südlich von Bujumbura. Im Süden Kameruns töteten
Unbekannte einen deutschen Missionar.
Die burundische Armee machte die Rebellengruppe FLN für die Tat
verantwortlich. Die Rebellen wiesen die Anschuldigungen jedoch
zurück und bezichtigten ihrerseits die Armee. Der Vatikan
bestätigte die Ermordung Courtneys. Der stellvertretende Sprecher
Ciro Benedetti sagte, er sei "zutiefst besorgt und entsetzt".
Im Süden Kameruns töteten Unbekannte einen deutschen
Missionar. Die Leiche des 68-Jährigen, der der Priesterkongregation
der Claretiner angehörte, wurde nach Angaben der Polizei am ersten
Weihnachtstag unweit seiner Wohnung in Akono nahe der Hauptstadt Jaunde
gefunden. Der Pater sei gefesselt gewesen und habe Verletzungen am Kopf
gehabt. Zudem sei ihm eine große Summe Geld gestohlen worden. Im
westafrikanischen Kamerun waren in den vergangenen Jahren mehrere
Mitglieder religiöser Gemeinschaften ermordet worden.
(Quelle: afp)
Deutsche Staatsministerin befürwortet Bundeswehreinsatz
in Sudan
Di.30.12.03 -
Deutsche Soldaten und zivile Fachleute sollen einem Zeitungsbericht
zufolge bereits bald an einer UN-Friedensmission in Sudan teilnehmen.
Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Kerstin Müller, sagte
der «Berliner Zeitung» (Dienstagausgabe): «Ich werde
mich dafür einsetzen, dass wir uns in irgendeiner Form daran
beteiligen, wenn die UN ein entsprechendes Mandat
beschließen.» Wahrscheinlich würden in erster Linie
zivile Fachleute eingesetzt, wurde die Grünen-Politikerin zitiert.
Es solle aber geprüft werden, inwieweit Deutschland «im
kleinen Rahmen auch am militärischen Teil» der Mission
mitwirken könne.
(Quelle: ap)
Zapatisten kämpfen weiter für Rechte der
Ureinwohner
Subcomandante
Marcos: 'Jahrelang haben wir die Leute im Schießen ausgebildet,
aber es war viel wichtiger, den Krieg der Worte zu gewinnen'
Di.30.12.03 - Am
Neujahrstag 1994 drangen maskierte Männer in die Rathäuser
von sechs Ortschaften des südmexikanischen Staates Chiapas ein.
"Wir haben genug", lautete ihre Parole. Zentrum des Aufstands der
Zapatistischen Befreiungsarmee (EZLN) war die frühere
Regionalhauptstadt San Cristobal de las Casas. Zehn Jahre später
kann die überwiegend indianische Bevölkerung im nach wie vor
ärmsten Staat Mexikos auf einige Errungenschaften
zurückblicken. Doch die meisten Forderungen blieben unerfüllt.
Zweifellos gelang es den Zapatisten mit ihrer Revolte, auf das Elend
der Ureinwohner hinzuweisen. Diese waren von den Behörden in der
entfernten Hauptstadt so sehr ignoriert worden, dass nicht einmal
bemerkt wurde, wie die Zapatisten im Dschungel tausende Guerilleros
ausbildeten. Zehn Jahre nach ihrer Gründung am 17. November 1984
verfügte die Organisation nach eigenen Angaben über 4.500
Kämpfer und 2.000 Reservisten. Und diese schworen Anfang 1994, bis
nach Mexiko-Stadt vorzudringen.
Die maskierten Rebellen wurden allerdings schnell wieder in den
Dschungel zurückgedrängt. Mit ihrer schlechten Ausrüstung
waren sie den Soldaten nicht gewachsen. Bei einigen getöteten
Zapatisten wurden lediglich Gewehrattrappen aus Holz gefunden. Doch
gerade diese Schwäche entpuppte sich als die Stärke der
Aufständischen: Die Sympathie der Öffentlichkeit für die
in Armut lebenden Landarbeiter stieg - sowohl in Mexiko als auch in
anderen Ländern.
Die Zapatisten wurden eine Inspiration für Freiheitsbewegungen in
aller Welt. Das Bild ihres vermummten Anführers Subcomandante
Marcos wurde fast so berühmt wie das Konterfei von Che Guevara. Der
Sohn eines Möbelladenbesitzers aus dem Nordwesten Mexikos, der
nicht indianischer Abstammung ist, erkannte schnell, worauf es bei
dieser Revolte ankam. «Jahrelang haben wir die Leute im
Schießen ausgebildet, aber es war viel wichtiger, den Krieg der
Worte zu gewinnen», sagte er unlängst in einem seiner
Kommuniqués.
Zwölf Tage nach Beginn des Aufstands erklärte die
mexikanische Regierung einen Waffenstillstand. Ein Blutbad hätte
sie vor der Bevölkerung nicht rechtfertigen können. Den
Kämpfen waren knapp 150 Menschen zum Opfer gefallen, was angesichts
des Aufgebots von Rebellen und Soldaten gering erscheint. Ein Jahr
später - im Februar 1995 - startete die Armee eine Offensive, um
Subcomandante Marcos zu fangen. Als dies nicht gelang, erklärte
sie sich zu Verhandlungen bereit.
Der Freude über den Etappensieg folgte allerdings bald die
Ernüchterung. 1996 wurde ein Abkommen unterzeichnet, das so
allgemein ausgelegt war, dass beide Seiten ihm zustimmen konnten. Doch
später erklärte die Regierung, sie könne nicht zulassen,
dass einzelne Gruppen die Autorität des Staates aushöhlten.
Die Zapatisten fühlten sich verraten.
Die darauf folgende Phase des politischen Stillstands war von
gelegentlicher Gewalt gekennzeichnet. Der schwerste Zwischenfall
ereignete sich im Dezember 1997, als regierungsnahe Milizen ein Massaker
unter Gottesdienstbesuchern in der Ortschaft Acteal anrichteten. 45
Menschen wurden getötet, Polizisten und Soldaten in der Nähe
schritten nicht ein.
Mit der Wahl von Vicente Fox zum Präsidenten endete 2000 die
Jahrzehnte lange Herrschaft der Partei der Institutionalisierten
Revolution (PRI) in Mexiko. Der politische Neubeginn markierte auch eine
neue Phase in den Kontakten der Regierung zu den Zapatisten. Doch ein
Gesetzentwurf über die Rechte der indianischen Ureinwohner wurde
vom Parlament verwässert, so dass sich die Zapatisten abermals
verraten fühlten und weitere Gespräche ablehnten.
Stattdessen widmeten sie sich wieder verstärkt der praktischen
Hilfe für die arme Landbevölkerung. Dazu gehörte auch die
Aneignung von tausenden Hektar Ackerland. Um einen neuen Aufstand zu
vermeiden, unternahm die Regierung nur wenig dagegen - sehr zum
Leidwesen der Großgrundbesitzer. Allerdings wurden mancherorts
auch indianische Bauern enteignet, die nicht auf Seiten der Zapatisten
standen und dagegen protestierten, dass diese das Gesetz in die eigene
Hand nehmen wollten.
Letztlich stellen die Zapatisten in Chiapas eine Minderheit dar, wenn
auch eine beachtlich große. Welche Gegenden sie genau
kontrollieren, lässt sich nicht feststellen. Aber sie sind
entschlossen, ihren Kampf gegen die Behörden weiterzuführen,
wie Comandante Omar unlängst betonte: «Sie haben uns bislang
nicht in den Griff bekommen, und wir bleiben weiter hier, auch wenn sie
das nicht mögen.»
(Quelle: ap)
Mehr zum Thema in
der "tageszeitung" vom 29.12.03:
http://www.taz.de/pt/2003/12/29/a0141.nf/text
http://www.taz.de/pt/2003/12/29/a0139.nf/text
http://www.taz.de/pt/2003/12/29/a0138.nf/text
http://www.taz.de/pt/2003/12/29/a0146.nf/text
Russland: Putin wirbt für strategische Reformen
Di.30.12.03 - Der
russische Präsident Wladimir Putin hat bei der ersten Sitzung des
neugewählten Parlaments in Moskau für "strategische Reformen"
geworben. Nur so könnten die Wirtschaft wachsen und der
Lebensstandard steigen, sagte Putin in seiner ersten Rede vor der Duma
seit seiner Wahl im März 2000. Die Abgeordneten wählten den
ehemaligen Innenminister Boris Gryslow zum neuen
Parlamentspräsidenten.
Der Chef der Kreml-treuen Partei Einiges Russland war in der
vergangenen Woche von seinem Ministeramt zurückgetreten, um den
Dumavorsitz zu übernehmen. Acht der elf gewählten
Vize-Präsidenten der Duma gehören ebenfalls der Kreml-treuen
Partei an.
Einiges Russland verfügt nach der Aufnahme einst unabhängiger
Politiker über 300 der 450 Sitze im russischen Unterhaus. Mit
dieser Zwei-Drittel-Mehrheit kann die Partei auch
Verfassungsänderungen durchsetzen. Putin lobte denn auch das
"konstruktive Parlament": "Ich hoffe auf engste Zusammenarbeit mit allen
Abgeordneten", sagte der Präsident weiter.
(Quelle: afp)
Parlamentswahlen in Serbien laut OSZE 'frei und fair'
Di.30.12.03 - Die
vorgezogenen Parlamentswahlen in Serbien sind nach Überzeugung der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
«frei und fair» verlaufen. Das Wahlergebnis habe jedoch
einen Rechtsruck gebracht. Das berichtete der OSZE-Beobachter und
SPD-Bundestagsabgeordnete Gert Weisskirchen in Belgrad. Sieger der
gestrigen Parlamentswahl ist nach vorläufigem Ergebnis die
ultranationalistische Serbische Radikale Partei. Zweitstärkste
Partei wurde die nationalkonservative Demokratische Partei Serbiens.
(Quelle: dpa)
Zypern: Denktasch beauftragt proeuropäischen Politiker
mit Regierungsbildung
Di.30.12.03 -
Zwei Wochen nach der Parlamentswahl im türkisch besetzten Teil
Zyperns hat Volksgruppenführer Rauf Denktasch den Vorsitzenden der
proeuropäischen Türkisch-Republikanischen Partei am Montag mit
der Regierungsbildung beauftragt. Die Wahl hatte mit einem Patt
zwischen den Befürwortern eines Beitritts zur EU und dessen Gegnern
geendet. Beobachter schätzen die Chance auf eine erfolgreiche
Regierungsbildung als gering ein. Sollte sie bis Anfang Februar nicht
gelungen sein, muss neu gewählt werden.
Die Türkisch-Republikanische Partei von Mehmet Ali Talat und die
mit ihr verbündete Bewegung für Frieden und Demokratie
unterstützen beide einen UN-Friedensplan zur Wiedervereinigung der
geteilten Insel und damit den Beitritt zur Europäischen Union.
Talat hat erklärt, eine Koalition sei mit jeder Partei
möglich, vorausgesetzt, sie unterstütze den UN-Plan.
«Unser Ziel ist, so bald wie möglich die Regierung zu
bilden», sagte Talat am Montag nach einem Treffen mit Denktasch.
Dieser war zuvor drei Mal mit den Vorsitzenden der vier im Parlament
vertretenen Parteien zusammengetroffen.
Die bisher regierende Demokratische Partei und die mit ihr
verbündete Partei der Nationalen Einheit, die Denktasch
unterstützen, hatten als Block der EU-Gegner ebenfalls die
Hälfte der 50 Parlamentssitze gewonnen. Denktasch fordert weiter
zwei unabhängige Staaten auf der Insel. Der türkische Teil
wird international nur von der Türkei anerkannt, die 40.000
Soldaten in Nordzypern stationiert hat. Falls es nicht zu einer
Wiedervereinigung kommt, tritt im Mai nur der griechische Teil zusammen
mit neun weiteren Staaten der EU bei.
(Quelle: ap)
Briefbomben an Europol und EZB
Di.30.12.03 -
Nach dem versuchten Paketbombenanschlag auf
EU-Kommissionspräsident Romano Prodi ist auch an die
europäische Polizeibehörde Europol eine Briefbombe geschickt
worden. An den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB),
Jean-Claude Trichet, ging am Montag möglicherweise ebenfalls ein
solcher Sprengsatz.
Eine Sprecherin der niederländischen Staatsanwaltschaft
erklärte, Experten der Armee hätten die Briefbombe
entschärft. Es bestehe «wahrscheinlich» ein
Zusammenhang zu dem Anschlagsversuch auf Prodi.
Der Brief an Trichet wurde nach Polizeiangaben in Bologna aufgegeben,
wohin auch die Sendung an Prodi von Samstag adressiert war. Ob es sich
tatsächlich um einen Sprengsatz handelte, sollte bis (zum heutigen)
Dienstag geklärt werden.
Die italienische Polizei verdächtigt im Zusammenhang mit der
Briefbombensendung an auf Prodi eine Extremistengruppe, die sich laut
einem Bericht der Nachrichtenagentur ANSA zu einem Anschlag am 21.
Dezember bekannt hatte. Damals wurde Prodis Haus von einer Explosion
erschüttert.
(Quelle: ap)
Deutschland
Bundesregierung kündigt weitere Reformen für 2004
an
Di.30.12.03 - Die
Bundesregierung plant nach Umsetzung des Kompromisses zur Agenda 2010
auch für das kommende Jahr weitgehende Reformen. «Es ist
ohne Frage so, dass wir in diesem Jahr einen großen Schritt im
Reformprozess nach vorn gekommen sind und diesen Schwung wollen wir
auch mit in das neue Jahr nehmen», sagte der stellvertretende
Regierungssprecher Thomas Steg am Montag in Berlin. Der Reformprozess
sei mit dem Vermittlungsverfahren längst nicht abgeschlossen.
Ein Schwerpunkt solle im Bereich Innovation, Forschung und Entwicklung
liegen, betonte Steg. Des Weiteren wolle man die
Betreuungsmöglichkeiten ausbauen und die Situation von Familien und
Frauen verbessern. Darüber hinaus seien weitere Maßnahmen
geplant, um die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest zu machen.
In der Debatte über Steuervereinfachungen habe Bundeskanzler
Gerhard Schröder bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert,
sagte Steg. Dieses Thema werde aber erst relevant, wenn die Opposition
in dieser Frage eine einheitliche Linie habe.
(Quelle: ap)
Politiker dämpfen Erwartungen an große
Steuerreform
Di.30.12.03 -
Politiker von CSU und SPD haben vor zu hohen Erwartungen an eine
große Steuerreform gewarnt. CSU-Landesgruppenchef Michael Glos
sagte der «Leipziger Volkszeitung» (Dienstagausgabe),
weitere große Steuersenkungen seien derzeit nicht möglich,
weil kaum auf weitere Steuereinnahmen verzichtet werden könne. Ob
es 2005 zu einer radikalen Steuervereinfachung komme, liege «zu
allererst an der Bundesregierung und den sie tragenden Parteien»,
fügte er demnach hinzu.
Der nordrhein-westfälische Finanzminister Jochen Dieckmann sagte
der «Rheinischen Post» (Dienstagausgabe), ein einfacheres
Steuerrecht sei nicht zwingend gerechter. Es gelte die alte Formel,
wonach gerechtes Steuerrecht kompliziert sei, einfaches Steuerrecht sei
ungerecht, wurde der SPD-Politiker zitiert. Weitere Steuersenkungen
schloss auch Dieckmann aus. Der Spielraum sei ausgereizt, sagte der
demnach.
(Quelle: ap)
Peffekoven macht Politik für Steuerflucht verantwortlich
Di.30.12.03 - Der
frühere Wirtschaftsweise Rolf Peffekoven hat die Politik für
die Steuerflucht von Gutverdienern verantwortlich gemacht.
«Wieder einmal werden Bürger und Unternehmen an den Pranger
gestellt, obwohl dorthin die Politiker gehören», schrieb
Peffekoven im «Tagesspiegel» (Dienstagausgabe).
«Ursache ist in allen Fällen die nach wie vor zu hohe
Steuerbelastung in Deutschland.» Die einzige Lösung sei eine
Steuerreform, die die Belastung senke und gleichzeitig
Vergünstigungen abbaue. Nur so seien Steuervermeidung und
-hinterziehung in den Griff zu bekommen.
Bundeskanzler Gerhard Schröder und andere prominente
Koalitionspolitiker hatten heftige Kritik an reichen Deutschen
geübt, die zur Umgehung des deutschen Fiskus ins Ausland ziehen.
Peffekoven ist derzeit Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des
Bundesfinanzministeriums.
(Quelle: ap)
Gewerkschaften machen sich für
Ausbildungsplatzabgabe stark
Herkömmlichee Appelle und Selbstverpflichtungen hätten nichts
gebracht +++ Derzeit bilden nur knapp 30 Prozent aller Unternehmen aus
Di.30.12.03 - Mit
Beginn des neuen Jahres wollen die Gewerkschaften ihren Druck für
Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe verstärken. Die
Erfahrungen der vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass die
herkömmlichen Appelle und Selbstverpflichtungen nichts
brächten, betonte ver.di-Chef Frank Bsirske am Montag im
Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. Der DGB-Vorsitzende Michael
Sommer sagte: «Ich nehme die SPD beim Wort, dass bis Februar ein
Gesetzentwurf vorliegt.»
Auch IG-Metall-Chef Jürgen Peters bezeichnete im Gespräch mit
AP eine Ausbildungsabgabe als «absolut notwendig» und
kritisierte die Bundesregierung, die trotz zahlreicher gebrochener
Versprechen viel zu lange Geduld mit den Unternehmensverbänden
gehabt habe.
Peters wies aber zugleich daraufhin, dass eine Abgabe nur die
finanzielle Grundlage bilden könne. Mehr Ausbildungsplätze
müssten dann in den Betrieben bereitgestellt werden. «Die
Abgabe selbst schafft noch keine Ausbildungsplätze», sagte
er. In der Metall- und Elektroindustrie sei ein Fonds auf Branchenebene
denkbar, aus dem Ausbildungsplätze finanziert werden könnten.
«Es bedarf aber einer gesetzlichen Basis, um da tätig zu
werden», betonte Peters.
Sommer plädierte für tarifvertragliche Lösungen oder
Branchenvereinbarungen, die Vorrang haben sollten. Ansonsten wäre
eine regionale Finanzierung, nach Branchen aufgefächert, über
die Berufsgenossenschaften denkbar. «Ich werde alles daran setzen,
den Druck aufrecht zu erhalten», kündigte Sommer an.
Bsirske sprach die Befürchtung aus, dass so lange mit gesetzlichen
Regelungen für eine Ausbildungsplatzabgabe gewartet werde, bis die
Zahl der Schulabgänger weiter zurückgehe und dann keine
verpflichtenden Maßnahmen für mehr Lehrstellen nötig
seien.
Nach dem SPD-Konzept für eine Ausbildungsplatzabgabe soll ein von
der Wirtschaft finanzierter Fonds geschaffen werden. Jeweils zum Ende
des Monats September soll die Höhe der Umlage nach der Anzahl der
fehlenden Ausbildungsplätze festgelegt werden. In den Fonds sollen
Unternehmen einzahlen, die nicht oder unzureichend ausbilden. Aufgabe
ist es, vorrangig betriebliche Lehrstellen zu schaffen.
Derzeit bilden nur knapp 30 Prozent aller Unternehmen aus. Weniger als
die Hälfte aller angebotenen Lehrstellen sind betrieblich. In
einigen Tarifverträgen, wie beispielsweise in der Bauwirtschaft,
haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaften auf ein Umlagesystem geeinigt.
Ver.di-Chef Bsirske will im kommenden Jahr auch die Vereinbarkeit von
Familie und Beruf in den Vordergrund der gewerkschaftlichen
Aktivitäten rücken. Im europäischen Vergleich zeige sich
deutlich, dass Länder mit einer hohen Frauenerwerbsquote insgesamt
eine bessere Wachstums- und Beschäftigungssituation hätten.
Deshalb sei es kein Zufall, dass selbst Unternehmerverbände auf die
Notwendigkeit eines Ausbaus von Kinderbetreuungsmöglichkeiten
hinwiesen.
In Bayern gebe es Krippenplätze für rund 1,4 Prozent der
Unterdreijährigen, in in Dänemark hingegen für etwa 50
Prozent dieser Altersgruppe. «Das macht deutlich, dass unbedingt
etwas passieren muss», betonte er. Auch bei den hohen
Integrationserfolgen bei Migranten in den skandinavischen Ländern
habe das Betreuungsangebot im frühkindlichen Alter einen
großen Einfluss.
(Quelle: ap)
Jeder dritte Rekrut kommt aus der Arbeitslosigkeit
Zahl der
Kriegsdienstverweigerer gestiegen
Di.30.12.03 -
Fast jeder dritte Rekrut der Bundeswehr kommt aus der Arbeitslosigkeit
in den Grundwehrdienst. Dies teilte das Verteidigungsministerium am
Montag in Berlin mit. Unter den 25.300 jungen Männern, die am 5.
Januar ihren Dienst bei der Bundeswehr antreten, seien 8.000 arbeitslose
Wehrpflichtige, die auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin eingezogen
würden.
Rund 2.400 Rekruten haben sich nach Angaben des Ministeriums freiwillig
zu einem längeren Wehrdienst verpflichtet, um an
Auslandseinsätzen teilnehmen zu können. Rund 62 Prozent der
Eingezogenen (15.700) würden ihren Dienst beim Heer leisten, 14
Prozent (3.500) bei der Luftwaffe und drei Prozent (800) bei der Marine.
Die übrigen dienten bei der Streitkräftebasis und im
Sanitätsdienst.
Die Zahl der Kriegsdienstverweigerer unter den tauglichen
Wehrpflichtigen ist einem Zeitungsbericht zufolge 2003 gestiegen. Nach
vorläufigen Erhebungen verweigerten in diesem Jahr rund 170.000
Personen den Kriegsdienst, berichtete «Westdeutsche Allgemeine
Zeitung» (Dienstagausgabe) unter Berufung auf das
Verteidigungsministerium. Zwar seien das insgesamt weniger als in den
Vorjahren (2002: 189.600), wegen neuen Einberufungsregeln seien aber im
April mit einem Federstrich 160.000 Menschen aus der Wehrdienstpflicht
gefallen, scheibt die Zeitung.
Das Blatt zitierte den Geschäftsführer der Zentralstelle
für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer, Peter Tobiassen,
mit den Worten, dass der Irak-Krieg einen erheblichen Anteil am Anstieg
der Verweigererzahlen habe.
(Quelle: ap)
Arbeitgeber für mehr Druck auf Erwerbslose
Di.30.12.03 -
Erwerbslose sollen nach dem Willen von Arbeitgeberpräsident Dieter
Hundt künftig volle Sozialleistungen dann erhalten, wenn sie sich
um Beschäftigung bemüht haben. Bei nicht kooperativem
Verhalten sollten Arbeits- und Sozialämter die Betroffenen mit
Sanktionen belegen, sagte Hundt in einem Interview der Chemnitzer
«Freien Presse» (Dienstagausgabe). Es sei unumgänglich,
Arbeitslose stärker zu fordern, wurde er zitiert.
Hundt sprach sich zudem nachdrücklich für den Aufbau eines
Niedriglohnbereichs aus, und kündigte ein umfassendes Konzept dazu
an. Das Kernproblem bleibe die hohe Erwerbslosigkeit von gering
qualifizierten, während nach wie vor viele Stellen für
einfache Tätigkeiten nicht oder nur schwer zu besetzen seien, sagte
er der Zeitung.
Die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes
(DGB), Ursula Engelen-Kefer, lehnte dies dagegen strikt ab. Damit
ließen sich die Probleme auf dem Arbeitsmarkt nicht lösen,
sagte Engelen-Kefer der gleichen Zeitung. Im Osten gebe es bereits in
vielen Branchen Niedriglohnjobs bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit.
Den Arbeitgebern gehe es mehr darum, die Löhne systematisch zu
senken, wurde die Gewerkschafterin zitiert.
(Quelle: ap)
Niedrigster Krankenstand seit 1970
Di.30.12.03 - Der
Krankenstand in den Betrieben ist im Jahr 2003 auf den tiefsten Stand
seit Einführung der Lohnfortzahlung im Jahr 1970 gefallen.
Gegenüber 2002 sanken die krankheitsbedingten Fehlzeiten erneut um
zehn Prozent und fielen auf einen Jahresdurchschnitt von 3,61 Prozent
der Sollarbeitszeit.
Dies geht aus einer am Montag in Berlin veröffentlichten Statistik
des Bundesgesundheitsministeriums hervor. Die durchschnittliche Fehlzeit
ging damit auf neun Tage zurück. Nur in drei Monaten des Jahres
lagen die Krankenstände über den Vergleichswerten von 2002.
In den übrigen neun Monaten wurden Fehlzeiten registriert, die
teilweise bis zu 29 Prozent unter dem Vorjahreswert lagen. Im
Jahresdurchschnitt lag der Krankenstand erstmals unter der
Vier-Prozent-Grenze. In den drei Jahrzehnten zuvor schwankten die
Fehlzeiten zwischen 4,4 und 5,7 Prozent.
Einen wesentlichen Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland gab es
2003 nicht mehr. Differenzen gab es jedoch zwischen den
Krankenkassenarten. Die Betriebskrankenkassen erreichten mit einem
Krankenstand von 2,78 Prozent den niedrigsten Wert. See-Krankenkasse und
Bundesknappschaft lagen mit 5,6 und 5,2 an der Spitze
(Quelle: dpa)
Angeblich kein Kernkraftwerk gegen Flugzeugabsturz immun
Di.30.12.03 -
Keiner der 19 deutschen Atomkraftwerks-Reaktoren ist ausreichend gegen
die Folgen eines Flugzeugabsturzes gesichert, wie die
«Süddeutsche Zeitung» (Dienstagausgabe) unter Berufung
auf eine Studie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit berichtet.
Dem Blatt zufolge hatte Bundesumweltminister Jürgen Trittin das
Gutachten kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 bestellt,
bei denen Terroristen Verkehrsflugzeuge ins World Trade Center in New
York und ins US-Verteidigungsministerium in Washington gesteuert hatten.
Die Studie werde unter Verschluss gehalten, heißt es. Die
Experten hätten einen Flugsimulator der Technischen
Universität Berlin benutzt. Fünf Kernkraftwerkstypen seien
genauer analysiert, die Erkenntnisse dann auf die übrigen 14
Reaktoren übertragen worden.
Dem Bericht zufolge könnte überall eine Katastrophe wie jene
von Tschernobyl eintreten. Die Betonhüllen von sieben modernen
Druckwasserreaktoren könnten zwar dem Aufprall eines
Verkehrsflugzeugs standhalten, jedoch wären als Folge der
Erschütterungen schwere Zerstörungen im Inneren möglich.
Bei den drei neueren Siedewasserreaktoren (Kraftwerk Krümmel sowie
Gundremmingen B und C) würde ein größeres
Verkehrsflugzeug sogar die Betonhülle durchschlagen, heißt
es. Bei den neun weiteren älteren Reaktoren würde schon der
Aufprall eines kleinen Verkehrsflugzeugs eine Katastrophe auslösen.
(Quelle: ap)
Stolpe hat Rückendeckung des Kanzlers bei
Maut-Verhandlungen
Dem Bund
entgehen durch die gescheiterte Einführung der LKW-Maut zum 31.
August monatlich rund 156 Millionen Euro
Di.30.12.03 - Bei
den Verhandlungen um den Start der Lkw-Maut hat Bundesverkehrsminister
Manfred Stolpe die volle Rückendeckung von Kanzler Gerhard
Schröder. Dies erklärte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg
am Montag in Berlin. Stolpe verteidigte die Verlängerung der Frist
für die Mautbetreiber gegen die Kritik der Opposition. Sein
Sprecher Felix Stenschke erklärte, das Konsortium Toll Collect sei
von «fundamentalen Positionen» abgerückt. Das gebe
Anlass zu Optimismus.
Steg sagte, Stolpe habe stets engen Kontakt zum Kanzler gehalten. Die
Verhandlungsschritte seien abgestimmt und besprochen worden. Insofern
habe der Minister die volle Unterstützung und auch das Vertrauen
des Kanzlers.
Stenschke rechtfertigte die nochmalige «Gnadenfrist»
Stolpes für das Konsortium bis zum 31. Januar damit, dass nach dem
Austausch des Managements in den letzten Wochen neue Chancen auf die
Nennung eines festen Termins für die Maut-Einführung und einen
«vernünftigen» Interessenausgleich gegeben seien. Eine
von der Telekom, einem der Konsorten, genannte Summe «reicht
jedoch bei weitem nicht aus». Dem Bund entgehen durch die
gescheiterte Einführung der Gebühr zum 31. August monatlich
rund 156 Millionen Euro. Bislang hat er gut 1,3 Milliarden Euro an
unterschiedlichen Haftungs- und Schadenersatzforderungen geltend
gemacht.
Stolpe sagte im Inforadio, Toll Collect habe zugesagt, spätestens
bis 31. Januar einen verbindlichen Termin für die Einführung
zu nennen. Sollte es dann zu weiteren Verzögerungen kommen,
müsse das Konsortium deutlich höhere Vertragsstrafen zahlen
als bislang vereinbart.
Falls sich das Konsortium nicht in der Lage sehe, das System in
akzeptabler Zeit einzuführen, müsse man sich nach anderen
Partnern umsehen, sagte Stolpe weiter. Dies würde allerdings eine
weitere Verzögerung von 20 bis 24 Monaten bedeuten.
Der Automobil Club ADAC kritisierte, dass immer noch kein Termin
für die Maut-Einführung feststehe. Die Verlängerungsfrist
bewirke lediglich eine weitere Verzögerung und höhere
Einnahmeausfälle. Im Straßenbau fehlten bereits jetzt
über 600 Millionen Euro, die über die Mautgebühren
hätten eingenommen werden sollen. Die Frage des Schadenersatzes
dürfe nicht von der Tagesordnung genommen werden.
Der FDP-Politiker Rainer Brüderle warf Stolpe in der Chemnitzer
«Freien Presse» vor, die Lösung des Maut-Problems
weiter zu verschleppen. Der FDP-Haushaltspolitiker Jürgen Koppelin
verlangte im Südwestrundfunk den Rücktritt des Ministers,
falls dieser die neue Fristverlängerung nicht plausibel machen
könne. Das Haushaltsausschuss des Bundestages habe eine letzte
Frist bis Jahresende 2003 gesetzt. Stolpe habe diese Frist
eigenmächtig um vier Wochen verlängert. Die Parlamentarier
würden sich ein solches Verhalten nicht bieten lassen.
SPP-Fraktionsvize Ludwig Stiegler erklärte hingegen, Stolpe habe
«die kaufmännisch und verkehrspolitisch einzig
vernünftige Entscheidung» getroffen.
(Quelle: ap)
Umweltschützer betrachten 2003 mit gemischten
Gefühlen
Lob für
Dosenpfand, schwefelfreie Kraftstoffe und Dieselrußfilter +++
Naturschutzbund kritisiert rot-grüne Verkehrspolitik
Di.30.12.03 -
Umwelt- und Naturschützer betrachten die Umweltpolitik 2003
zwiespältig. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) lobte Dosenpfand,
schwefelfreie Kraftstoffe und Dieselrußfilter. Das Jahr habe klare
Verbesserungen gebracht, erklärte DUH-Geschäftsführer
Jürgen Resch am Montag in Radolfzell. Der Naturschutzbund NABU
kritisierte in Bonn die Straßenausbaupläne von
Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe und die «energiepolitischen
Ausfälle» von Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement.
Resch betonte: «Seit Januar 2003 haben wir in Deutschland die
saubersten (schwefelfreisten) Kraftstoffe der Welt.» Die
Umstellung auf Benzin und Diesel ohne Schwefel erspare der Umwelt
jährlich 100.000 Tonnen Schwefeldioxid.
Die Einführung des Pflichtpfandes auf Einwegverpackungen für
Getränke habe dazu geführt, dass fast zwei Milliarden Dosen
und PET-Flaschen eingespart worden seien, hieß es weiter. Die bis
auf 50,2 Prozent abgesackte Mehrwegquote betrage nun wieder rund 61
Prozent im Jahresdurchschnitt. Von dem Mehrwegboom profitierten kleine
und mittelständische Betriebe und nicht zuletzt die Umwelt. Das
Dosenpfand bewirke eine Verringerung des Ausstoßes an
klimaschädigenden Gasen um eine Menge, die mindestens 450.000
Tonnen Kohlendioxid entspreche. Hinzu komme eine wahrscheinliche
Verringerung der Zahl weggeworfener Einweg-Getränkeverpackungen um
über 90 Prozent.
Die 2002 gestartete Initiative «Kein Diesel ohne Filter»
habe den grundsätzlichen Widerstand der deutschen
Automobilindustrie gebrochen, meinte Resch weiter. Alle Hersteller
hätten auf der Automobilausstellung IAA angekündigt, dass sie
dem Beispiel von Peugeot und Citroën folgen und erste Modelle mit
Partikelfilter ausstatten würden. Allerdings weigerten sich VW, BMW
und DaimlerChrysler weiter, sämtliche Dieselmotoren ohne Aufpreis
mit Rußfilter auszustatten. Deshalb werde man die Kampagne 2004
intensivieren.
Resch rief die Autohersteller auch auf, wieder mehr in
umweltfreundliche Technik und weniger in «PS-Monster» zu
investieren. VW-Chef Bernd Pischetsrieder und seine Kollegen sollten
«ihre 1.001 PS starken und 406 km/h schnellen
Altmänner-Fantasien» einmotten.
Der NABU kritisierte ein großes Leistungsgefälle zwischen
Bundesministerien im Hinblick auf die Umwelt. NABU-Präsident Olaf
Tschimpke rügte, der gegenwärtige Bundesverkehrswegeplan sei
wieder «eine Wunschliste für Neubauprojekte».
Ökologische Einsicht sei von Stolpe kaum zu erwarten, allenfalls
die Wirtschaftsmisere könne den Ausbau des Straßennetzes
stoppen. Das Maut-Debakel behindere die überfällige
Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene.
Ein Fortschritt sei die Mitte Dezember vom Kabinett verabschiedete
Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, hieß es. Ein peinlicher
Fehltritt sei der Widerstand, den Clement (SPD) gegen die Novelle und
gegen Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) geleistet habe.
Auch die Fortschreibung der Steinkohlesubventionen sei mehr als
ärgerlich.
Der EU-Kompromiss über die Agrarreform ermögliche einen
Kurswechsel in der EU, lobte der NABU. Hervorzuheben seien besonders die
Umschichtung von Agrarmitteln in die Förderung des ländlichen
Raums und die Einführung der an Umweltauflagen gebundenen
Prämien.
(Quelle: ap)
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