Aktuelle Nachrichten
Irak am dreihundertundvierten Tag nach Kriegsbeginn
Schiitenführer droht Besatzungsmächten mit Boykott irakischer
Übergangsregierung, falls Ruf nach baldiger Direktwahl
ignoriert wird +++ US-Zivilverwalter erklärt
Gesprächsbereitschaft im Streit über Machtübergabe +++
Bremer bemüht sich angeblich um stärkeres Engagement der UN
im Irak +++
Türkei fordert von USA härteres Vorgehen gegen Kurden im Irak
+++ US-General räumt Anstieg der Selbstmordrate bei Soldaten im
Irak ein +++ Vorwürfe über Misshandlung von Gefangenen in
Irak werden untersucht +++ US-Konzern Halliburton erhält von
US-Armee Milliardenauftrag zum Wiederaufbau der Ölindustrie im
Süden Iraks
Sa.17.01.04 - Der einflussreichste Schiitenführer in Irak hat den USA mit einem
Boykott der geplanten Übergangsregierung gedroht, um seiner
Forderung nach allgemeinen Wahlen Nachdruck zu verleihen. Sollte
Washington den Ruf nach einer baldigen Wahl ignorieren, könnte
Großayatollah Ali el Husseini el Sistani eine so genannte Fatwa
aussprechen, erklärte ein Vertreter des Klerikers in Kuwait.
In einer Fatwa könnte El Sistani den gläubigen Schiiten
verbieten, die Übergangsregierung zu unterstützen, sagte
Mohammed Bakir el Mehri am Donnerstag im Fernsehsender Abu Dhabi.
Ayatollah el Sistani hatte bereits im Juni in einer Fatwa gefordert,
die Iraker, die an der Ausarbeitung einer neuen Verfassung
mitarbeiteten, sollten frei gewählt statt von den USA oder dem
Regierungsrat eingesetzt werden. Washington hatte daraufhin eine
Beschleunigung der Machtübergabe beschlossen. Eine Parlamentswahl
ist jedoch erst für das Jahr 2005 vorgesehen.
In einem Brief an US-Präsident George W. Bush und den britischen
Premierminister Tony Blair bekräftigte ein Vertrauter El Sistanis
die Forderung nach einer Direktwahl, für die am Donnerstag auch
zehntausende Menschen in Basra auf die Straße gegangen waren. Den
Irakern sollte erlaubt werden, ihre Vertreter direkt zu wählen,
betonte Ali Abdel Hakim el Safi. Die "übereilte Vereinbarung"
über die vorgezogene Machtübergabe solle offenbar die
Wahlkampfchancen Bushs erhöhen, schrieb El Safi. Ein
Koalitionssprecher bestätigte den Eingang des Briefes in Basra.
US-Zivilverwalter Paul Bremer hat nach Gesprächen in Washington
seine Gesprächsbereitschaft über die Art des geplanten
Machttransfers an eine irakische Regierung signalisiert. Er betonte
aber am Freitag in Washington zugleich, dass er sich am 1. Juli in sein
Privatleben zurückziehen werde und dass bis zum 30. Juni keine
allgemeinen Wahlen in Irak organisiert werden könnten.
Bremer erklärte nach Konsultationen mit Präsident George W.
Bush, der Nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und
Außenminister Colin Powell, er respektiere Großayatollah
Ali el Husseini el Sistani und stimme zu, dass demokratische
Institutionen in Irak geschaffen werden müssten. Eine Wahl vor dem
1. Juli sei aber nicht machbar. Es werde aber über Teilwahlen und
Versammlungen als Kompromiss nachgedacht. Bremer kündigte an, er
werde den Rat von UN-Generalsekretär Kofi Annan zum Machttransfer
suchen, den er am kommenden Montag in New York treffen werde.
Das Weiße Haus hatte zuvor bereits zugesagt, Änderungs- und
Verbesserungsvorschläge für die Machtübergabe zu
prüfen. Die US-Regierung halte aber am Rahmen der Vereinbarung
fest, die eine über Regionalausschüsse ernannte und
eingesetzte Übergangsregierung zum 1. Juli vorsieht, sagte
Sprecher Scott McClellan. Regierungsvertreter erklärten,
Washington prüfe Möglichkeiten, die irakischen Wähler
stärker einzubinden.
Bremer will am kommenden Montag an einem Treffen von UN-
Generalsekretär Kofi Annan mit Vertretern des provisorischen
irakischen Regierungsrates und Großbritanniens in New York
teilnehmen. Die "New York Times" berichtete, der US-Verwalter wolle
dabei Annan nachdrücklich zu einem stärkeren Engagement im
Irak aufrufen. Die UN hatten sich im vergangenen Herbst nach einem
Selbstmordanschlag gegen ihr Hauptquartier in Bagdad mit 23 Toten aus
dem Irak zurückgezogen.
Die Gewalt in Irak hielt unterdessen an. In Bagdad wurde am
Donnerstagabend ein Flugzeug mit dem georgischen Verteidigungsminister
David Tewsadse an Bord beschossen. Verletzt wurde niemand. Tewsadse
hatte zwei Tage die georgischen Soldaten in Irak besucht. 70 sind unter
US-Kommando in Tikrit stationiert, im Februar sollen 300 weitere folgen.
Bei der Explosion einer Bombe am Straßenrand wurde in Bagdad ein
Junge getötet, drei weitere Kinder wurden verletzt. Zwei weitere
Sprengsätze wurden nach US-Militärangaben im
Verteidigungsministerium entschärft. Zuvor war ein dem Ministerium
gegenüberliegendes Krankenhaus teilweise evakuiert worden.
Nach einem Anschlag auf eine Hochspannungsleitung sind am Freitagabend
weite Teile der nordirakischen Stadt Kirkuk von der Stromversorgung
abgeschnitten worden. Ein explodierter Sprengsatz habe einen Mast
zerstört, dadurch sei die Versorgung aus einem Kraftwerk in der
rund einhundert Kilometer entfernten Stadt Baidschi unterbrochen
worden, sagte der Chef des örtlichen Stromversorgers. Etwa 80
Prozent der Kirkuks seien wenige Stunden nach der Explosion in
Dunkelheit versunken. Es war demnach bereits der 18. Anschlag gegen
Hochspannungsleitungen in der Region seit Anfang Mai.
Das türkische Militär hat von den US-Streitkräften ein
härteres Vorgehen gegen kurdische PKK-Rebellen im Nordirak
verlangt.
"Gegenwärtig entspricht der Kampf der USA gegen die PKK nicht
unseren Erwartungen", sagte am Freitag General Ilker Basbug, das
zweithöchste Mitglied im Generalstab. "Wir erwarten, dass der
bewaffnete Teil der Terrorgruppe ausgelöscht wird, dass die
Terroristen sich ergeben oder gezwungen werden, sich zu ergeben." Im
Nordirak sollen sich kurdische Rebellengruppen verstecken, die seit den
80er Jahren in der Türkei für einen unabhängigen Staat
kämpfen. Dabei sind mehr als 30.000 Menschen ums Leben gekommen.
Die Gefechte sind seit der Festnahme des PKK-Chefs Abdullah Öcalan
1999 abgeflaut.
Basbug warnte zudem davor, als neue Regierungsform im Irak eine
Föderation entlang den Siedlungsgebieten der ethnischen Gruppen
wie Kurden oder Schiiten aufzubauen. Die Zukunft wäre dann "sehr
schwierig und blutig", sagte er. Die Türkei hat ein
militärisches Eingreifen angekündigt, sollten die Kurden im
Nordirak einen eigenen Staat ausrufen. Wie Syrien befürchtet die
Türkei, dass bereits eine Teilautonomie dort bei ihrer eigenen
kurdischen Minderheit Begehrlichkeiten wecken könnte. Die USA
haben erklärt, die künftige Struktur des Iraks müsse von
den Irakern selbst bestimmt werden.
Die Kurden siedeln in Gebieten in der Türkei, Syrien, dem Irak und
dem Iran. Allein in der Türkei leben rund zwölf Millionen
Kurden.
Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon äußerte sein
Bedauern über den Tod eines Soldaten, der wegen mangelnder
Sicherheitsausrüstung der britischen Truppen ums Leben kam. Der
33-Jährige wurde im März südlich von Basra erschossen,
nachdem er auf Befehl seine schusssichere Weste einem Kameraden
geliehen hatte. Die vorhandenen Sicherheitswesten reichten damals nicht
für alle in Irak stationierten Soldaten.
Der Befehlshaber der US-Bodentruppen im Irak, General Ricardo Sanchez,
räumte am Freitag vor der Presse in Bagdad einen Anstieg der
Selbstmordrate unter den im Irak stationierten amerikanischen Soldaten
ein. Seit Kriegsbeginn im März 2003 haben sich nach US-
Medienberichten 21 Mitglieder der US-Streitkräfte im Irak das
Leben genommen.
Die US-Streitkräfte gehen Vorwürfen über die
Misshandlung von Gefangenen in Internierungslagern der
Besatzungstruppen in Irak nach. Eine entsprechende Untersuchung habe
der Oberbefehlshaber der US-Truppen, Generalleutnant Ricardo Sanchez,
angeordnet, hieß es am Freitag in einer Mittelung der
Streitkräfte. Zum Umfang der angeblichen Misshandlungen wurden
keine Angaben gemacht. Die Veröffentlichung konkreter
Informationen könnte die Untersuchungen behindern, hieß es
in der Erklärung.
Vor wenigen Tagen wurden drei Reservisten der US-Streitkräfte
wegen der Misshandlung von Gefangenen im südirakischen Lager Bukka
von ihren Aufgaben entbunden.
Die frühere Firma von US-Vizepräsident Dick Cheney,
Halliburton, hat von der US-Armee einen Auftrag im Volumen von 1,2
Milliarden US-Dollar (960 Millionen Euro) zum Wiederaufbau der
Ölindustrie im Süden Iraks erhalten. Das Unternehmen bekam
den Zuschlag für den über zwei Jahre laufenden Vertrag in
einer offenen Ausschreibung. Der Auftrag für Nordirak im Umfang
von 800 Millionen Dollar ging an ein Joint-Venture der kalifornischen
Parsons Corp. und der australischen Worley Group.
Gegen Halliburton, das bereits seit Monaten im Auftrag der Regierung in
Irak tätig ist, wird zurzeit wegen Betrugsverdachts ermittelt.
Rechnungsprüfer des Pentagon hatten herausgefunden, dass die
Halliburton-Tochterfirma KBR mehr als 60 Millionen Dollar (rund 48
Millionen Euro) zu viel für Benzin-Lieferungen an die Armee in
Irak verlangt haben könnte. Möglicherweise habe aber
Halliburton selbst seinem Subunternehmer zu viel bezahlt.
(Quellen: afp, ap, rtr)
Jordanische Anwälte verlangen die Freilassung Saddam Husseins
Da die Invasion in Irak völkerrechtswidrig gewesen sei, so die
jordanische Anwaltsvereinigung, sei auch der Widerstand legitim ...
Mehr bei telepolis (16.01.04) :
http://www.telepolis.de/deutsch/special/irak/16546/1.html
Libyen ... Irak ... „nicht-tödliche" Chemiewaffen ...
TBC-Bakterium gefährlicher gemacht ... Pockenchimären ...
Milzbrand- u. Mehrfachimpfungen unter Beschuss ...
Mehr im aktuellen Biowaffen-Telegramm (Nr. 24) des Sunshine-Projects:
http://www.linkeseite.de/Texte/2004/januar/16-8.htm
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Nahost-Konflikt
Israel droht wieder mit gezielter Tötung militanter
Palästinenser-Führer +++ Israels Regierung erwägt
offenbar, den umstrittenen Verlauf der Sperranlage zum Westjordanland
zu ändern +++ Israelische Soldaten demostrieren gegen den
Militärdienst in den besetzten Palästinensergebieten +++
'Breaking the Ice': Israelisch-palästinensischer Friedensexpedition gelingt in der
Antarktis die Erstbesteigung eines Berges
Sa.17.01.04 - Nach dem jüngsten Selbstmordanschlag erwägt die israelische
Regierung die Wiederaufnahme so genannter gezielter Tötungen
militanter Palästinenser-Führer. Der stellvertretende
Verteidigungsminister Sejev Boim drohte in einem Interview am
Donnerstagabend gezielt dem Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin mit
dem Tod. Hintergrund der Überlegung seien Berichte, nach denen der
Gründer und geistliche Führer der Hamas, Scheich Ahmed
Jassin, den Anschlag einer 22- jährigen Palästinenserin
persönlich gebilligt habe, berichtete die israelische Zeitung
"Haaretz" am Freitag.
Die Mutter zweier Kinder hatte sich am Mittwoch an einem
Grenzübergang nach Israel in die Luft gesprengt und vier Israelis
mit in den Tod gerissen.
Boim sagte in einem Interview mit dem Militärrundfunk: "Scheich
Ahmed Jassin ist für den Tod bestimmt". Später schwächte
er die Aussage jedoch ab und erklärte, es sei noch keine
Entscheidung dazu getroffen worden. Auch ranghohe Sicherheitsbeamte
erklärten, Jassin sei bei einer Besprechung im
Verteidigungsministerium nicht als Ziel hervorgehoben worden. Die
Wiederaufnahme der gezielten Angriffe gegen Hamas-Führer sei
jedoch wahrscheinlich.
Jassin, der im September nur knapp einem israelischen Bombenangriff
entkommen war, reagierte äusserlich gelassen auf die Drohung und
zeigte sich am Freitag in der Öffentlichkeit. Hamas werde sich
"dem Druck nicht beugen", sagte er beim Besuch einer Moschee in Gaza.
Er sei an der Planung von Anschlägen in Israel nicht
persönlich beteiligt.
Aus israelischen Sicherheitskreisen verlautete dagegen, Jassin habe den
Selbstmordanschlag vom Mittwoch genehmigt, der neben der Täterin
vier Israelis das Leben kostete. Jassin habe eigens ein Edikt erlassen,
das Frauen Bombenanschläge erlaube.
Die Streitkräfte waren zuletzt im Oktober mit gezielten
Luftangriffen gegen Hamas-Mitglieder vorgegangen. Der
Selbstmordanschlag habe der "so genannten Ruhezeit" ein Ende gesetzt,
sagte der israelische Luftwaffenkommandeur Dan Halutz.
Unterdessen prüft die Regierung offenbar, den umstrittenen Verlauf
der Sperranlage zum Westjordanland zu ändern.
Nach scharfer Kritik an der Sperranlage zum Westjordanland wird
Justizminister Josef Lapid nach Angaben seines Sprechers dem Kabinett
am Montag einen alternativen Verlauf vorschlagen. Hintergrund ist
offenbar eine für den 23. Februar geplante Anhörung vor dem
Internationalen Gerichtshof in Den Haag, der auf Antrag der UN zu der
Sperranlage Stellung nehmen soll. Lapid hatte am 5. Januar
erklärt, der bislang geplante Verlauf, der von der international
anerkannten Grünen Linie zwischen Israel und dem Westjordanland
abweicht, schade dem Ansehen Israels.
Nach Angaben des israelischen Aussenministeriums erwägt die
Regierung ausserdem, die Sperranlage statt als "Sicherheitszaun"
künftig als "Terror-Präventions-Zaun" zu bezeichnen. Die
Palästinenser sprechen von einer "Mauer". Tatsächlich besteht
die Anlage, die zu etwa einem Drittel fertig gestellt ist,
überwiegend aus Drahtzaun, der allerdings durch Gräben und
elektronische Sensoren verstärkt ist. Rund 13 Kilometer bestehen
nach israelischen Angaben aus siebeneinhalb Meter hohen Betonplatten.
Unterdessen demonstrierten mehrere Dutzend israelische Soldaten an der
Grenze zum Gazastreifen gegen den Militärdienst in den besetzten
Palästinensergebieten. Am Kissufim-Kontrollpunkt appellierten sie
an ihre Kameraden, sich ihrer Verweigererbewegung anzuschließen.
Bewohner aus dem jüdischen Siedlungsblock Gusch Katif im
Gazastreifen veranstalteten eine Gegendemonstration. Nach zahlreichen
gezielten Angriffen auf militante Palästinenser hatte eine Gruppe
von 27 Kampfpiloten hatte im vergangenen Herbst die Teilnahme an
Einsätzen dieser Art verweigert. Im Dezember folgten ihnen 13
Elitesoldaten.
Mehr zum Thema 'Kriegsdienstverweigerung in Israel' unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401140.htm#040114_b
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401090.htm#040109_
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401050.htm#04010507
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401050.htm#040105xc
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0309290.htm#030929_c
Einer israelisch-palästinensischen Friedensexpedition gelang in
der Antarktis die Erstbesteigung eines Berges. Die acht Teilnehmer
tauften ihn in der Nacht zum Freitag "Berg der israelisch-
palästinensischen Freundschaft". "Wir haben bewiesen, dass
Palästinenser und Israelis mit Respekt und Vertrauen
zusammenarbeiten können", erklärten die Expeditionsteilnehmer
nach Bezwingung des etwa 1000 Meter hohen Gipfels. Die Gruppe aus vier
Israelis und vier Palästinensern war von Chile aus zu der Mission
"Breaking the Ice" (Das Eis brechen) gestartet.
Nach dem Tod des von einem israelischen Soldaten angeschossenen
britischen Friedensaktivisten Tom Hurndall hat die Londoner Polizei
eigene Ermittlungen aufgenommen. Dies geschehe auf Veranlassung eines
Untersuchungsrichters, teilte ein Polizeisprecher am Freitag mit.
Hurndall war am Mittwoch nach neun Monaten im Koma gestorben. Der
verantwortliche Soldat ist in Israel wegen Totschlags angeklagt,
Hurndalls Familie wirft ihm Mord vor.
(Quellen: ap, dpa)
Israel soll illegalen Organhandel finanziert haben
Sa.17.01.04 - Die israelische Regierung ist angeblich in einen groß angelegten
illegalen Handel mit Organen verstrickt. Wie die brasilianische
Tageszeitung "O Globo" berichtete, sagte ein ehemaliger israelischer
Offizier vor einem brasilianischen Gericht aus, Israel habe über
seine Gesundheitsbehörden Organtransplantationen im Ausland
finanziert. Die Regierung sei über den Handel mit Organen für
Israelis im Bilde und bezahle "für alle Transaktionen mittels vier
Gesundheitsplänen", sagte Geldaya Tauber Gady demnach aus.
Wegen religiöser Einwände vor allem ultra-orthodoxer Juden
finden sich für Organtransplantationen in Israel kaum Spender.
Patienten, die auf ein Spenderorgan angewiesen sind, müssen
deshalb meist ins Ausland reisen.
Gady wird beschuldigt, einem illegalen Ring von Organhändlern
anzugehören, der in mindestens acht Staaten aktiv ist. Er habe
lediglich hilfsbedürftige Menschen unterstützen wollen, sagte
er dem Zeitungsbericht zufolge. Menschen, die ihre Nieren verkauften,
seien in Not und lebten in elenden Verhältnissen. Ein israelischer
Regierungsvertreter habe ihm den Kontakt zu einem Mittelsmann in
Brasilien vermittelt, dem Ex-Polizeihauptmann Ivan Bonifacio da Silva.
Da Silva war ebenfalls in der nordostbrasilianischen Stadt Recife
festgenommen worden. Am Mittwoch sagte er vor einem parlamentarischen
Untersuchungsausschuss des Bundesstaats Pernambuco aus, der
Organhändlerring sei in mindestens acht Staaten aktiv. So
würden Patienten aus Israel, Iran oder den USA in der
südafrikanischen Stadt Durban Organe von Spendern aus Brasilien,
Russland oder Rumänien eingepflanzt.
Die Spender wurden Zeugenaussagen vor Gericht zufolge nach Durban
geflogen, wo ihnen die Organe entnommen wurden. Sie sollen dafür
im Schnitt 10.000 Dollar (7900 Euro) erhalten haben. Die Spenderorgane
sollen dann für bis zu 120.000 Dollar an die Organempfänger
verkauft worden sein. Die brasilianische Polizei hat nach eigenen
Angaben mindestens 22 solcher Spender ermittelt, die alle in
Armenvierteln um Recife leben. Nach brasilianischem Recht ist der
Handel mit Organen noch Lebender verboten.
(Quelle: afp)
Musikvideo löst in Afghanistan hitzige Debatte aus - Afghanisches
Fernsehen zeigt keine Sängerinnen mehr
Sa.17.01.04 - In Afghanistan macht die Ausstrahlung eines alten Musikvideos Furore.
Der Grund: Die Sängerin war eine afghanische Frau, noch dazu
unverschleiert, wenn auch mit Kopftuch. Der Auftritt der beliebten
Popsängerin Salma dauerte nur wenige Minuten. Sehen konnten ihn
nur die wenigen Afghanen, die einen Fernseher ihr eigen nennen und zum
entscheidenden Zeitpunkt Strom hatten. Dennoch löste das Video im
Post-Taliban-Afghanistan eine hitzige Debatte über Kultur, Moral
und Religion aus.
«So etwas habe ich seit der kommunistischen Zeit nicht mehr
gesehen», sagt ein 25-Jähriger Imbissbudenbesitzer in Kabul,
in der Erinnerung an den großen Augenblick schwelgend. «Wir
sind alle aufgesprungen, haben uns um den Bildschirm versammelt und den
Ton aufgedreht.»
Im sowjetisch besetzten Afghanistan der 80er Jahre waren Auftritte von
Musikerinnen ein ganz normaler Teil des Fernsehprogramms - einige
trugen sogar kurze Röcke. Schließlich bemühte sich
Moskau, die afghanische Stammesgesellschaft ins Industriezeitalter zu
katapultieren. Doch nach dem Abzug der sowjetischen Truppen und der
Machtübernahme islamistischer Warlords war es mit der Emanzipation
der Frauen vorbei. Unter den Taliban, die 1996 die Hauptstadt Kabul
eroberten, wurden Fernsehen und Musik komplett verboten. Nur zu
religiösen Anlässen durfte noch musiziert werden.
Während Musik zumindest in Kabul heute wieder zum Alltag
gehört, geht die Ausstrahlung von Salmas Video einflussreichen
Konservativen entschieden zu weit. «Dieser Fehler sollte sich
nicht wiederholen», sagt Fasel Ahmed Manawi, Richter am Obersten
Gerichtshof des Landes. «Die Verfassung verbietet Dinge, die dem
Islam widersprechen.»
Als Reaktion hat das nationale Fernsehen zugesagt, in nächster
Zeit keine Bilder von Sängerinnen mehr auszustrahlen. Der
Programmdirektor von Kabul TV, Asisullah Arjanfar, sagte, die
"derzeitigen Bedingungen" seien dafür noch nicht reif.
Die für Frauenfragen zuständige Ministerin Habiba Sorabi
kritisierte die Einmischung des Obersten Gerichts. Die ausgestrahlten
Bilder seien weder "gegen die afghanische Kultur gerichtet" noch
"anti-islamisch" gewesen. Es müssten im Gegenteil mehr solche
Bilder gezeigt werden. Es gebe eine Regierung, und diese habe über
derartige Themen zu entscheiden. Die Frauenrechtlerin Soraja Parlika
wies darauf hin, dass die Große Ratsversammlung (Loja Dschirga)
erst kürzlich eine Verfassung verabschiedet habe, in der die
Gleichberechtigung von Männer und Frauen festgeschrieben sei. Der
Vorstoß des Gerichts verstoße gegen die Menschenrechte und
gegen die Verfassung.
Das Oberste Gericht wird von ultrakonservativen früheren
Mudschahedin beherrscht, die in den 80er Jahren gegen die sowjetischen
Truppen in Afghanistan kämpften und 1992 die linksgerichtete
Regierung Nadschibullah stürzten. Seitdem waren Bilder von
singenden und tanzenden Frauen gemäß der strengen Auslegung
der Scharia, des islamischen Rechts, verboten.
Die ultrafundamentalistischen Taliban gingen nach ihrer Machtergreifung
1996 noch weiter und verboten Fernseher. Erst unter der Regierung von
Hamid Karsai wurden ab Anfang 2002 wieder Fernsehsendungen produziert.
Frauen auf dem Bildschirm sind aber nach wie vor selten. Die große
Mehrheit der afghanischen Frauen trägt immer noch die Burka, einen
Schleier, der ihren ganzen Körper verhüllt und nur in
Augenhöhe einen vergitterten Ausschnitt offen lässt.
Tatsächlich enthält die kürzlich von der großen
Ratsversammlung Loja Dschirga verabschiedete Verfassung einen Artikel,
demzufolge afghanische Gesetze den «Vorgaben» des Islams
nicht zuwiderlaufen dürfen. Westliche Menschenrechtsgruppen
fürchten, dass diese unbestimmte Formulierung eine Hintertür
für die Einführung der Scharia, des islamischen Rechts,
öffnet.
Wer sich heute das afghanische Fernsehprogramm anschaut, gewinnt
allerdings den Eindruck, dass die Konservativen den Kampf schon
verloren haben: Schon vor der Ausstrahlung des umstrittenen Musikvideos
nahm das staatliche Fernsehen indische Filme ins Programm, in denen es
vor tanzenden, unverschleierten jungen Frauen nur so wimmelt. Der
Auftritt einer einheimischen Sängerin war trotzdem eine
Revolution, aber eben nicht die erste.
Hinter den Programmänderungen soll das vergleichsweise
fortschrittliche Ministerium für Kultur stecken, das nach heftigem
Streit mit den Fernsehdirektoren erst vor einem Monat einen neuen
Senderchef installierte. Künftig sollen häufiger auch
Sängerinnen gezeigt werden, sagt der Programmdirektor der
Auslandsabteilung, Abduk Rahman Pandschiri: «Das ist doch ganz
normal - der Mann ist ohne Frau unvollständig. Wie können wir
sie vom Bildschirm fern halten?» Natürlich müsse man
die Reaktion der Zuschauer abwarten, schränkt er ein. «Aber
hoffentlich wird es ein regulärer Teil des Programms.»
Das hofft auch Imbissbudenbesitzer und Fernsehzuschauer Nasari. Musik
gehe den Obersten Gerichtshof nichts an, findet er. Doch schon eine
kurze Straßenumfrage in Kabul zeigt, dass die neue Freiheit nicht
nur von konservativen Richtern abgelehnt wird. Drei Kommandeure der
einflussreichen Nordallianz, die den USA beim Sturz der Taliban half,
geben auf Anfrage das ganze Meinungsspektrum zu dieser Frage wieder:
Der erste hat mit Musikerinnen kein Problem, der zweite will sie nur
verschleiert im Fernsehen auftreten lassen, der dritte
schließlich ist für ein striktes Verbot. «Gott und der
Prophet haben gesagt, dass Frauen nicht singen sollten»,
erklärt er.
(Quellen: ap, afp)
Iranische Abgeordnete kündigen jetzt Hungerstreik an
Sa.17.01.04 - Nach sechs Tagen Sitzstreik im Parlament in Teheran haben die
reformorientierten Abgeordneten am Freitag eine Verschärfung ihrer
Protestaktion gegen den Ausschluss von Reformern bei der Wahl im
Februar angekündigt. Sie wollen am heutigen Samstag mit einem
Hungerstreik beginnen, wie Parlamentsvizepräsident Mohammed Resa
Chatami in einer Pressekonferenz im Parlamentsgebäude sagte.
«Wir sind bereit, jeden Preis für die Verteidigung freier
Wahlen zu bezahlen», sagte Chatami. «Ohne freie Wahlen hat
die Demokratie keine Bedeutung.» Chatami, ein Bruder von
Präsident Mohammed Chatami, ist einer von rund 3.000 Kandidaten -
darunter 80 amtierende Abgeordnete -, die vom konservativen
Wächterrat von der Parlamentswahl am 20. Februar ausgeschlossen
worden sind. Die Abgeordneten wollen ihren Protest erst beenden, wenn
alle Bewerber zugelassen würden.
Vermittlungsbemühungen seitens des geistlichen Oberhaupts in Iran,
Ayatollah Ali Chamenei, blieben bislang erfolglos. Chamenei hatte den
von ihm ernannten Wächterrat am Mittwoch aufgefordert, dessen
Entscheidung über die Disqualifizierung der Kandidaten noch einmal
zu überprüfen. Chamenei forderte laut Medienberichten,
derzeitige Abgeordnete müssten als Bewerber zugelassen werden,
wenn ihrer Kandidatur nichts Grundsätzliches entgegen stehe.
Für eine Zulassung neuer Bewerber müsse eine nachvollziehbare
Qualifikation ausreichen.
Die Disqualifikationsentscheidung des Wächterrates hatte neben
Kritik der USA und der EU auch Rücktrittsdrohungen der Regierung
von Präsident Chatami hervorgerufen. Für die Parlamentswahl
haben rund 8.200 Bewerber ihre Registrierung beantragt.
(Quelle: ap)
Zahl der Erdbeben-Toten im Iran könnte auf 45.000 steigen
Sa.17.01.04 - Mindestens 41.000 Menschen sind nach offiziellen Angaben bei dem
jüngsten schweren Erdbeben im Süden des Irans ums Leben
gekommen. Die Zahl der Todesopfer könne aber noch steigen,
möglicherweise bis auf 45.000, sagte ein Berater des
Religionsführers Ajatollah Ali Chamenei am Freitag der amtlichen
Nachrichtenagentur Irna.
Das Beben erschütterte am 26. Dezember die Stadt Bam und deren
Umgebung. Fast alle der aus Lehmziegeln gebauten Häuser
stürzten ein und begruben die Bewohner unter sich. Auf Grund der
Bauweise gab es kaum Hohlräume, in denen man überleben konnte.
(Quelle: rtr)
Frankreich will 6.240 Mann starke UN-Truppe für die
Elfenbeinküste
Sa.17.01.04 - Frankreich hat dem Weltsicherheitsrat einen Resolutionsentwurf zur
Stationierung einer 6.240 Mann starken Friedenstruppe für die
Elfenbeinküste vorgelegt. Der Umfang der Truppe entspricht den
Vorstellungen von UN-Generalsekretär Kofi Annan. Die USA meldeten
dagegen am Freitag Vorbehalte an. Früher seien weit geringere
Zahlen im Gespräch gewesen, sagte der amerikanische UN-Botschafter
John Negroponte in New York. Deshalb werde man den Antrag genau
prüfen.
Annan forderte den Weltsicherheitsrat vor einer Woche auf, der Mission
zuzustimmen, wenn die Konfliktparteien in dem westafrikanischen Land
umgehend Fortschritte auf dem Weg zum Frieden vorweisen könnten.
Die Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (ECOWAS), die
derzeit 1.200 Soldaten in der Elfenbeinküste stellt, hat die UN um
die Übernahme des Mandats gebeten.
Die westafrikanischen Truppen seien bereits an ihre Grenzen
gestoßen, erklärte Annan in seinem Bericht. Bitten um
internationale finanzielle Unterstützung seien weitgehend
ungehört verhallt. Die UN-Truppe würde an der Seite einer
4.000 Soldaten starken Truppe aus Frankreich stationiert werden, die
den vereinbarten Waffenstillstand überwacht. Bisher haben die
Vereinten Nationen lediglich rund 70 Militärbeobachter in die
Elfenbeinküste geschickt.
Der Bürgerkrieg begann am 19. September 2002 nach einem
gescheiterten Umsturzversuch und endete offiziell im Juli 2003. Trotz
des vor einem Jahr vereinbarten Friedensvertrages halten die Spannungen
an. Die frühere französische Kolonie ist faktisch zwischen
dem von Rebellen kontrollierten Norden und dem von der Regierung
kontrollierten Süden geteilt.
(Quelle: ap)
Zahl der Kindersoldaten in Afrika drastisch gestiegen
Sa.17.01.04 - Die Zahl der Kindersoldaten ist in mehreren afrikanischen Ländern
drastisch angestiegen. Im Kampf gegen ihren Einsatz habe es
"bemerkenswert wenig Fortschritte" gegeben, heißt es in einem
Bericht der "Koalition gegen den Einsatz von Kindersoldaten", der in
New York vorgestellt wurde. Vor allem im Kongo wurden Kinder zu
schrecklichen Grausamkeiten gezwungen und sexueller Sklaverei
ausgesetzt.
In 18 Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas werden nach
Angaben der Koalition Kindersoldaten eingesetzt. Obwohl die
Vereinten Nationen die Verantwortlichen eindeutig identifiziert
hätten, würden weiterhin Kindersoldaten in diesen Staaten
rekrutiert und zum Kämpfen gezwungen, sagte die Vorsitzende der
Koalition, Jo Becker.
In dem 50-seitigen Bericht der Gruppe, die von Human Rights Watch und
Amnesty International ins Leben gerufen wurde, fordern die Verfasser
UNO-Generalsekretär Kofi Annan auf, jährlich eine Liste mit
denjenigen Organisationen zu veröffentlichen, die Kindersoldaten
rekrutieren und einsetzen. Ein UN-Sondergesandter solle versuchen,
diese Praxis einzudämmen. Am Dienstag soll sich der
UN-Sicherheitsrat in New York mit dem Problem befassen.
Auf dem afrikanischen Kontinent werden Kindersoldaten dem Bericht
zufolge vor allem in der Demokratischen Republik Kongo, Angola,
Burundi, in Elfenbeinküste, Liberia, Ruanda, Sierra Leone, Sudan
und Uganda eingesetzt. Weitere betroffene Länder sind demnach
Afghanistan, Indonesien, Birma, Nepal, die Philippinen, Sri Lanka,
Kolumbien sowie Israel und die Palästinensergebiete.
(Quellen: dpa, afp)
Mehr zum Thema 'Kindersoldaten' unter:
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/16561/1.html
http://www.child-soldiers.org
http://www.taz.de/pt/2004/01/17/a0159.nf/text
http://www.taz.de/pt/2004/01/17/a0158.nf/text
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0311090.htm#03110909
http://home/t-online.de/home/boa-archiv1/k0308140.htm#03081406
Argentiniens Militär betrieb lange nach Ende der Diktatur
Folterzentrum
Regierung ordnet Untersuchung an +++ Menschenrechtsgruppen
fordern vollständige Aufklärung
Sa.17.01.04 - Das argentinische Militär hat nach Angaben der Regierung auch
lange nach dem Ende der Diktatur (1976-1983) noch ein Folterzentrum
betrieben. Es lägen "erschütternde" Fotos von Folterszenen in
einer Kaserne in der Provinz Córdoba von 1986 vor, teilte das
Verteidigungsministerium mit. Täter und Opfer seien
Militärangehörige gewesen, die zum größten Teil
bereits identifiziert seien. Das Folterlager habe von 1965 an bis zum
Ende der Wehrpflicht 1994 existiert, berichteten die argentinischen
Medien gestern. Präsident Néstor Kirchner habe eine
Untersuchung angeordnet.
Auf den Fotos, die das Verteidigungsministerium für echt halte,
seien gefesselte und fast nackte Opfer mit verbundenen Augen zu sehen,
die von anderen Soldaten gequält werden. Es habe sich
offensichtlich um einen Teil der "Ausbildung" von Spezialeinheiten
gehandelt, der "Gefangenenlager" genannt wurde, sagte
Verteidigungsminister José Pampuro. Einige Opfer seien mit
Elektroschocks gequält worden oder hätten mehrere Tage in
einem Schlammloch aushalten müssen.
Dies sei ein völlig normaler Teil der Ausbildung von
Spezialeinheiten gewesen, wie es ihn in vielen Streitkräften der
Welt gebe, berichtete die Zeitung Clarín unter Berufung auf die
Streitkräfte. Es habe sich damals nicht um Straftaten gehandelt.
Vertreter von Menschenrechtsgruppen forderten bei einem Treffen mit
Pampuro jedoch die vollständige Aufklärung der Vorgänge
und die Bestrafung der Vorgesetzten. Es müsse auch die Schuld der
damaligen Präsidenten Raúl Alfonsín (1983-1989) und
Carlos Menem (ab 1989) geprüft werden. Die Folterszenen
würden die "Nazi-Ausbildung" der Militärs offen legen, sagte
die Vorsitzende der Vereinigung von Angehörigen von Diktaturopfern
"Mütter der Plaza de Mayo", Hebe de Bonafini.
Argentiniens Militärs waren während der Diktatur für
besonders grausame Foltermethoden berüchtigt. Nach
Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen töteten sie bis
1983 etwa 30.000 ihrer Opfer. Auch der Polizei werden von
Menschenrechtsgruppen selbst heute noch Foltermethoden bei der
Vernehmung von Festgenommenen vorgeworfen.
(Quelle: dpa/taz)
4. Weltsozialforum in Bombay eröffnet
Scharfe Kritik an USA +++ Appelle gegen Krieg, Unterdrückung und
Armut
Sa.17.01.04 - Mit scharfer Kritik an der Politik der USA und Aufrufen gegen
Krieg, Unterdrückung und Armut hat in der indischen
Finanzmetropole Bombay das vierte Weltsozialforum begonnen. Unter dem
Applaus der bis zu 100 000 Globalisierungskritiker rief die
preisgekrönte indische Schriftstellerin Arundhati Roy am Freitag
dazu auf, zwei US-Konzerne zu bestimmen und «dicht zu
machen», die am Irak-Krieg profitiert hätten. Angesichts des
Strebens der US- Regierung um weltweite Vorherrschaft müsse das
Weltsozialforum erwägen, «sich im Krieg zu befinden».
Die iranische Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi forderte,
der Kampf gegen den "Terrorismus" müsse auf das internationale
Recht gegründet sein. Die USA und einige andere Staaten
hätten "unter dem Deckmantel der Rechtmäßigkeit eine
massive Verletzung der Menschenrechte entfesselt". Das sechstägige
Treffen von Globalisierungskritikern startete mit einem Friedenskonzert
einer pakistanischen Rockband.
Nach den Kriegen in Irak und Afghanistan seien "tausende Geiseln"
genommen worden, ohne dass ihnen ein rechtmäßiger Prozess
gemacht werde, sagte Ebadi. Sie rief die Vereinten Nationen auf, dem
Recht weltweit Geltung zu verschaffen, insbesondere in den
Palästinensergebieten und in Tschetschenien. Ebadi verwies
außerdem darauf, dass heute weltweit 54 Länder ärmer
als 1990 seien. 2,8 Milliarden Menschen müssten mit weniger als
zwei US-Dollar am Tag überleben. Die streitbare Juristin gab mit
ihrer Rede den Ton an, der den Eröffnungstag bestimmte. Auch
Spruchbänder vor dem Tagungsort bekundeten Missfallen an der
US-Regierung.
Ebenso kritische Worte fand die indische Schriftstellerin Arundhati
Roy, die den USA Imperialismus vorwarf. "Wenn wir gegen Imperialismus
sind, dann dürfen wir nicht nur den Widerstand in Irak
unterstützen; dann müssen wir der Widerstand in Irak werden",
sagte die Globalisierungskritikerin unter starkem Beifall. Roy rief zum
Boykott von zwei nicht namentlich genannten US-Firmen auf, die "von der
Zerstörung Iraks profitiert" hätten. "Wir
veröffentlichen eine Liste aller ihrer Büros auf der ganzen
Welt. Wir veröffentlichen eine Liste eines jeden Projekts auf der
ganzen Welt, das sie betreiben, und wir machen sie dicht."
Der Exil-Iraker Amir al Rekabi äußerte die Hoffnung, das
Weltsozialforum werde seinem Volk helfen, das unter der "amerikanischen
Kriegspolitik" leide.
Der palästinensische Friedensaktivist Mustafa Barghouti rief dazu
auf, das Unrecht in den von Israel besetzten Gebieten zu stoppen.
Israelis und Palästinenser müssten in Frieden leben.
Der britische Labour-Abgeordnete Jeremy Corbin würdigte einen
neuen Geist der Solidarität zwischen dem Norden und Süden
gegen die Mächtigen. Eine Welt in Frieden könne nur durch
soziale Gerechtigkeit rund um den Globus erreicht werden, sagte der
Politiker, der ein führendes Mitglied der britischen
Anti-Kriegs-Bewegung ist.
Unmittelbar vor der Eröffnung waren mehr als 1500 Angehörige
der untersten indischen Kaste tanzend und singend in das Forum
eingezogen, um gegen ihre in der traditionellen indischen
Stammesgesellschaft verwurzelte Entrechtung zu protestieren. Indiens
Kastensystem unterscheidet vier große Bevölkerungsgruppen.
Unterhalb der vierten und niedersten Kaste gibt es noch eine Gruppe,
die kein Ansehen genießt. Früher wurden deren
Angehörige "Unberührbare" genannt; heute heißen sie
"Dalits" (etwa: "in Stücke gebrochen").
Zu dem Treffen werden bis zu 100.00 Globalisierungskritiker aus rund
130 Ländern erwartet, darunter Mitglieder von Gewerkschaften,
Bauerngruppen, Frauenintiativen, Glaubensgemeinschaften und
Umweltorganisationen. Das Motto des Weltsozialforums lautet "Eine andere
Welt ist möglich". In mehr als 1.200 Veranstaltungen stehen bis
kommenden Mittwoch die Themen Globalisierung, Neoliberalismus,
Welthandel, Armut, Krieg und Frieden, Rassismus, religiöse
Intoleranz und die Unterdrückung von Frauen im Mittelpunkt.
Zusätzlich zu 78.000 bereits angemeldeten Teilnehmern schrieben
sich den Organisatoren zufolge zuletzt noch weitere 22.000 Menschen
für das Forum ein. Unter den Teilnehmern seien rund 30 000 Dalit,
die in Indien teils bis heute als unberührbar diskriminiert
werden. Dem indischen Organisationskomitee gehören dem
globalisierungskritischen Netzwerk Attac zufolge 216 Organisationen an.
. Aus Deutschland sind rund 250 Globalisierungskritiker angereist.
An dem Forum will neben Roy und Ebadi auch der US-amerikanische
Ökonomie-Nobelpreisträger und Ex-Vizepräsident der
Weltbank, Joseph Stiglitz, teilnehmen. Auf dem Tagungsgelände in
Bombay tanzten, musizierten und demonstrierten am Freitag Gruppen aus
verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Anliegen. Ihre
Ziele reichten von Entschuldung für die Dritte Welt, fairen
Welthandel, globalem Frieden und Stärkung von Frauen- und
Kinderrechten bis hin zur Unterstützung männlicher
Prostituierter.
Das 2001 in Porto Alegre (Brasilien) gegründete Weltsozialforum
versteht sich als Treffpunkt sozialer Bewegungen, nicht als
Organisation mit festen Strukturen. Das Forum entstand als Gegengipfel
zum Weltwirtschaftsforum in Davos, wo Regierungschefs und Topmanager
zusammentreffen.
Das Weltsozialforum tagt zum ersten Mal in Asien. Zu seinen Prinzipien
gehören Toleranz, Demokratie, Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit.
Ein Bündnis "anti-imperialistischer" Gruppen, vorwiegend aus
Indien, hat parallel zu einer Gegenveranstaltung aufgerufen, bei der
militante Gruppen nicht ausgeschlossen sind. Ziel sei eine "wirklich
sozialistische Weltordnung", erklärte das Bündnis "Mumbai
Restistance" (Bombay Widerstand) [http://mumbairesistance.org/]. Für den Kampf gegen die
Globalisierung und Aggressionskriege müssten alle Kräfte
vereint werden, unabhängig von der Form ihres Kampfes.
(Quellen: epd, dpa, afp)
Mehr unter:
http://www.wsfindia.org
http://www.forumsocialmundial.org
http://india.indymedia.org
http://www.taz.de/pt/2004/01/15/a0242.nf/text
Warum Mumbai Resistance 2004?:
http://india.indymedia.org/en/2003/11/8257.shtml
Rund 4.700 Soldaten beim Weltwirtschaftsforum von Davos im Einsatz
Sa.17.01.04 - Für die Sicherheit beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in der
kommenden Woche in Davos setzt die Schweiz rund 4.700 Soldaten ein. Wie
die Streitkräfte am Freitag in Chur mitteilten, sollen sie vor
allem die Infrastruktur am Rande des Tagungszentrums schützen
sowie Polizei und Rettungsdienste entlasten. Zur Verfügung
gestellt werden dabei auch zwei Sanitätszüge der
Streitkräfte. Der Einsatz soll bereits am Sonntag beginnen und bis
zum 27. Januar andauern.
(Quelle: ap)
Aktionen und Demos gegen WEF 04:
http://www.linkeseite.de/Texte/2004/januar/16-7.htm
Türkei: Gericht lehnt Freilassung inhaftierter kurdischer Politikerin ab
Sa.17.01.04 - Ein türkisches Gericht hat am Freitag die Freilassung der seit
1994 inhaftierten kurdischen Politikerin Leyla Zana abgelehnt. Zuvor
hatte das Europaparlament die ehemalige Abgeordnete der prokurdischen
Partei DEP zur Verleihung des Sacharow-Preises für
Meinungsfreiheit nach Brüssel eingeladen. Das EU-Parlament hoffte,
damit die türkischen Behörden zur Freilassung Zanas zu
bewegen.
Das EU-Parlament zeichnete im vergangenen Jahr UN-Generalsekretär
Kofi Annan mit dem Menschenrechtspreis aus. Die feierliche
Übergabe findet am 29. Januar statt. Zana selbst wurde der Preis
1995 zugesprochen, konnte ihn aber nie entgegennehmen, weil sie bereits
seit 1994 inhaftiert ist.
Derzeit läuft in der Türkei eine Neuauflage des Prozesses
gegen Zana und drei weitere ehemalige kurdische Abgeordnete. Am Freitag
fand in Ankara die zehnte Anhörung in dem neuen Prozess statt. Zu
Beginn der Sitzung übergab die die britische Europaabgeordnete
Emma Nicholson die Einladung zur Verleihung des Sacharow-Preises an
Zanas Anwalt Yusuf Alatas. Das Gericht wandte sich jedoch gegen eine
Freilassung Zanas und vertagte sich anschließend bis zum 24.
Februar. Einige Anhänger und Familienangehörige Zanas
protestierten im Gerichtssaal mit Klatschen gegen die Entscheidung,
woraufhin Richter Orhan Karadeniz die Polizei zur Wiederherstellung der
Ordnung rief. Polizisten notierten dann die Namen der Protestierenden.
Die 42-Jährige Zana war zusammen mit den drei anderen kurdischen
Politikern 1994 wegen Kollaboration mit der verbotenen Kurdischen
Arbeiterpartei (PKK) zu 15 Jahren Haft verurteilt. Der Europäische
Gerichtshof für Menschenrechte hatte dieses Urteil als
unrechtmäßig kritisiert. Westliche Menschenrechtsgruppen
haben sich wiederholt für die vier eingesetzt. Insbesondere Zana
galt lange Zeit wegen ihres gewaltfreien Kampfes als
Hoffnungsträgerin für eine politische Lösung des
Kurdenkonflikts. Ihre Verhaftung und Verurteilung wurde von der EU und
den USA als Angriff auf die Meinungsfreiheit kritisiert. Ein Angebot
der türkischen Regierung, aus Gesundheitsgründen aus der Haft
entlassen zu werden, lehnte Zana 1997 ab.
Die Menschenrechtsfrage spielt eine wichtige Rolle bei möglichen
Gesprächen der Türkei mit der Europäischen Union
über eine Aufnahme in die EU. Am Freitag beendete
EU-Kommissionspräsident Romano Prodi zweitägige
Gespräche in der Türkei. Er bescheinigte ihr dabei Erfolge
auf dem Reformweg, mahnte aber zugleich die Umsetzung bereits
beschlossener Reformen an.
(Quelle: ap)
Mindestens 16 Flüchtlinge ertrinken vor Kanaren
Sa.17.01.04 - Bei der Überfahrt zu den Kanarischen Inseln sind mindestens 16
Flüchtlinge aus Nordafrika ertrunken. Ihr Boot sei in Richtung der
Insel Fuerteventura unterwegs gewesen, als es kenterte, teilten die
spanischen Polizeibehörden mit. Am Morgen hatten Polizisten nach
eigenen Angaben zunächst vier Leichen geborgen und dann im
Tagesverlauf zwölf weitere entdeckt. Neun Menschen überlebten
das Unglück und wurden vorläufig in Gewahrsam genommen. Ihren
Angaben zufolge waren mehr als 30 Menschen an Bord des Bootes.
(Quelle: ap)
Deutscher Finanzminiter Eichel will EU-Stabilitätspakt weiterhin
nicht ändern
Sa.17.01.04 - Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) lehnt im Gegensatz zur
EU-Kommission und anderen Kritikern eine Änderung des
Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspaktes weiter
kategorisch ab.
"Unsererseits sehen wir keine Veranlassung, in irgendeiner Form den
Stabilitätspakt zu ergänzen, zu variieren oder sonst uns
weitergehend damit zu befassen", sagte ein Sprecher Eichels am Freitag
in Berlin. "Der Stabilitätspakt ist gut, richtig und wichtig." Er
biete auch hinreichend Spielraum für Flexibilität. Dagegen
plädierte EU-Agrarkommissar Franz Fischler für eine
Änderung zu Gunsten einer größeren Flexibilität.
Die starre Defizit-Obergrenze von drei Prozent des
Bruttoinlandsprodukts eines Staates sollte in beide Richtungen
abgeändert werden. In Abschwungphasen sollten die Regierungen die
Drei-Prozent-Hürde überschreiten dürfen. "Dafür
müssen sie aber in Zeiten des Aufschwungs strikter vorgehen und
unter Umständen Budgetüberschüsse einfordern", sagte
Fischler.
Der Europäische Stabilitäts- und Wachstumspakt und etwaige
Änderungen daran sind seit mehreren Monaten in der Diskussion.
Dabei geht es auch um die Frage, wie verbindlich die Defizit-Grenze
ist. Der Rat der EU-Finanzminister hatte Ende vergangenen Jahres die
von der EU-Kommission eingeleiteten Defizitverfahren gegen Deutschland
und Frankreich wegen dauerhafter Überschreitungen dieser Grenze
gestoppt. Die EU-Kommission will nun vor dem Europäischen
Gerichtshof klagen, um Klarheit über die Auslegung des Paktes zu
schaffen.
Trotz des Streits in dieser Frage beharrt Eichel auf seiner Position,
dass der Stabilitätspakt nicht geändert werden sollte. Das
Ministerium sehe weiterhin keinen Anlass dazu, sagte der Sprecher. Es
sei aber das gute Recht der Kommission und anderer, über diese
Frage zu diskutieren. Diese Diskussion werde in die Erörterungen
der EU-Finanzminister, die Anfang kommender Woche wieder
zusammentreffen, einfließen.
EU-Haushaltskommissarin Michaele Schreyer sagte der Zeitung "Die Welt"
(Samstagausgabe), mit der Klage wolle die Kommission "Rechtssicherheit
über die Verfahrensschritte beim Stabilitätspakt" erreichen.
"Gleichzeitig arbeitet die Kommission an einer Änderung des
Stabilitätspaktes. In Zukunft muss der Pakt besser durchsetzbar
sein. Auch die Kommission muss künftig mehr Durchsetzungskraft
erhalten", sagte Schreyer.
Auch Fischler plädierte für Änderungen. Er sprach sich
im "Handelsblatt" zudem dafür aus, nicht mehr alle
Euro-Länder in jeder Situation bei der Bewertung ihrer
Staatsdefizite gleich zu behandeln. Zu überlegen sei darüber
hinaus, ob man jede Budgetausgabe, egal ob konsumptive oder produktive,
gleich bewerten sollte.
EU-Regionalkommissar Michel Barnier vertritt der Zeitung zufolge
ähnliche Positionen wie Fischler. EU-Präsident Romano Prodi
hatte schon im Dezember eine Reform des Stabilitätspaktes
gefordert. Er verlangte eine neue Balance zwischen stabilen
Staatsfinanzen und der Wachstumspolitik. Der französische
Finanzminister Francis Mer hatte ein "effektiveres" Instrument zur
Gewährleistung der Stabilität in der Europäischen Union
(EU) gefordert, das den Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit
Rechnung tragen müsse.
(Quelle: rtr)
Brüssel reagiert zurückhaltend auf deutsche Bildungsinitiative
Sa.17.01.04 - Die EU-Kommission hat zurückhaltend auf die Bildungs- und
Innovationsoffensive der Bundesregierung reagiert. Bildungskommissarin
Viviane Reding warnte vor einer falschen Schwerpunktsetzung und rief
Deutschland zur Verbesserung des Schulsystems auf. Eine
Bildungsoffensive dürfe nicht nur bei den Universitäten
ansetzen, sagte Reding der «Bild am Sonntag». «In
kaum einem Land ist so viel über die Pisa-Studie debattiert worden
wie in Deutschland. Passiert ist allerdings nicht genug.»
(Quelle: dpa)
Gesundheitsministerium hält Versorgung chronisch Kranker für
unzureichend
Sa.17.01.04 - Das Bundesgesundheitsministerium hält die Versorgung von chronisch
Kranken in Deutschland für unzureichend. Das berichtet die Zeitung
«Die Welt» (Samstagsausgabe) unter Berufung auf ein
internes Schreiben des Ministeriums, das dem Blatt vorliegt.
«Insgesamt gesehen ist die Versorgung von chronischen
Schmerzpatienten in Deutschland nicht überall optimal»,
heißt es demnach in dem Schreiben. Viele Patienten seien zu wenig
informiert, es fehlten außerdem interdisziplinäre
Schmerzzentren.
Laut dem Schreiben leiden fünf bis acht Millionen Menschen in
Deutschland unter chronischen Schmerzen. Die volkswirtschaftlichen
Kosten, die durch chronische Schmerzen entstehen, belaufen sich auf bis
zu 28,7 Milliarden Euro heißt es in dem Schreiben. Davon machten
etwa 11,7 bis 15,5 Milliarden Euro direkte Kosten der Behandlung,
Rehabilitation, Medikamente und Ähnliches aus. Hinzu kämen
8,8 bis 13,2 Milliarden Euro indirekte Kosten wie vorzeitige Berentung
oder Arbeitsunfähigkeit.
(Quelle: ap)
Anlaufschwierigkeiten bei der Gesundheitsreform - Ärzte und
Krankenkassen weisen Kritik zurück
Sa.17.01.04 - Im Streit um die Anlaufschwierigkeiten bei der Gesundheitsreform haben
Ärzte und Krankenkassen erneut der Politik die Schuld gegeben. Der
Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Manfred
Richter-Reichhelm, erklärte am Freitag in Berlin, die Reform
enthalte handwerkliche Fehler. Ärzte und Kassen seien dafür
nicht verantwortlich. Jetzt nötige Überarbeitungen, wie bei
den Richtlinien der Chronikerdefinition, beruhten auf
Änderungswünschen des Bundesgesundheitsministeriums.
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hatte zuvor der
Selbstverwaltung der Ärzte und Kassen die Schuld an den
Unklarheiten gegeben. Die Kriterien für chronisch Kranke seien zu
eng gefasst gewesen und müssten nun nachgebessert werden, sagte
die SPD-Politikerin am Donnerstagabend im ZDF.
Der «Gemeinsame Bundesausschuss» der Selbstverwaltung
betonte, man habe entsprechende Richtlinien schon im November
beschlossen und am 1. Dezember nach Berlin geleitet. Erst am 19.
Dezember habe das Ministerium seine Einwände geltend gemacht. Die
eindringlichen Bitten der Selbstverwaltung, die Richtlinien nicht zu
blockieren, sondern lediglich eine Ergänzung zu verlangen, seien
abschlägig beschieden worden, kritisierte der Bundesausschuss.
Schmidt sagte, sie hoffe, dass der Bundesausschuss kommende Woche
endgültig klären werde, wer zur Gruppe der chronisch Kranken
zähle. Der Vorsitzende des Ausschusses, Rainer Hess, sagte im NDR,
man werde hoffentlich noch im Laufe der nächsten Woche
entscheiden. Er könne als letzten Termin nur den 27. Januar
nennen, fügte Hess hinzu. Den Vorwurf, der Ausschuss habe zu lange
gewartet, wies er zurück.
Richter-Reichhelm kritisierte, einige Politiker wollten der
Selbstverwaltung den «Schwarzen Peter» zuschieben. Dabei
sei es nur dem schellen Handeln von Ärzten und Krankenkassen zu
verdanken, dass es überhaupt Ausführungsbestimmungen zur
Praxisgebühr gebe. Die Selbstverwaltung habe dafür nur vier
Wochen Zeit gehabt, da die am 1. Januar in Kraft getretene Reform erst
Mitte November veröffentlicht worden war, betonte der KBV-Chef.
Zugleich versprach Schmidt erneut sinkende Kassenbeiträge. Bereits
Millionen von Versicherten seien entlastet worden, weitere Kassen
würden in den nächsten Monaten folgen. Regierungsberater Karl
Lauterbach sagte dem «Hamburger Abendblatt», er halte eine
Senkung auf 13,6 Prozent für möglich. Die
Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel,
ergänzte im TV-Sender XXP, die Höhe der Beitragssenkungen
werde aber auch von der konjunkturellen Entwicklung abhängen.
In Sachsen planen Kassenärzte eine Unterschriftenaktion gegen die
Praxisgebühr. Ärztevertreter Klaus Heckemann sagte der
«Sächsischen Zeitung», dass sich auch Ärzte in
Thüringen der am Montag beginnenden Aktion anschließen
wollen. Einer Emnid-Umfrage im Auftrag der «Bildwoche»
zufolge will jeder fünfte Kassenpatient (21 Prozent) wegen der
Gebühr von zehn Euro künftig seltener zum Arzt gehen.
(Quelle: ap)
Juristen der Caritas und der Diakonie beklagen systematische
Verweigerung von Sozialleistungen
Armen, chronisch kranken, behinderten oder pflegebedürftigen
Menschen werden von Sozialämtern und anderen
Sozialleistungsträgern in vielen Fällen ihre Rechte
vorenthalten. Das ist das Fazit einer Erklärung von 39 Justitiaren
der Caritas und des Diakonischen Werkes, die am Donnerstag in der in
Freiburg erscheinenden Zeitschrift neue caritas veröffentlicht
wurde. Dem Ansehen des Sozialsystems und des Rechtsstaates werde
»schwerster Schaden« zugefügt, »wenn
Sozialbehörden den Bruch von Gesetzen betreiben dürfen, ohne
dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden«, heißt es
dort weiter.
An einer Reihe von Beispielen zeigen die Verfasser der Erklärung,
daß bei Kranken- und Pflegekassen, bei Jugend- und
Sozialämtern gesetzlich zustehende Leistungen oftmals in
rechtswidriger Weise verweigert werden...
Mehr in "junge Welt" vom 17.01.04:
Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2004/01-17/011.php
Gesundheitsreform: Kollateralschäden werden billigend in Kauf
genommen!
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Sozialhilfeinitiativen hat in einer
Pressemitteilung die Kollateralschäden der Gesundheitsreform
aufgelistet:
http://www.linkeseite.de/Texte/2004/januar/14-4.htm
|
Politbarometer: SPD bleibt auf Rekordtief
Sa.17.01.04 - Die Sozialdemokraten kommen auch nach Beginn der Innovations-Offensive
von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nicht aus dem
Umfragetief. Wenn an diesem Sonntag Bundestagswahl wäre, käme
die SPD laut ZDF-«Politbarometer» nur auf 28 Prozent. Das
entspricht dem Ergebnis von Dezember 2003 - dem schlechtesten Wert seit
Beginn der Befragungen im Jahr 1977.
Ein noch miserableres Ergebnis ermittelte am Freitag Infratest dimap im
Auftrag des ARD- «Morgenmagazins». Danach würden sogar
nur 26 Prozent der Deutschen die SPD wählen. Die Union könnte
sich dagegen erneut über ein gutes Wahlergebnis freuen. Sowohl in
der ARD als auch im ZDF prognostizieren ihr die Meinungsforscher 48
Prozent.
Die Grünen kämen laut der Befragung der Mannheimer
Forschungsgruppe Wahlen für das «Politbarometer»
unverändert auf zehn Prozent, die FDP auf fünf und die PDS
auf vier Prozent. Infratest dimap ermittelte für die Grünen
elf Prozent, für die FDP sieben und für die PDS fünf
Prozent. Im Vergleich zur ARD-Umfrage im Dezember 2003 verliert die
Union einen Prozentpunkt. FDP und PDS gewinnen je einen. SPD und
Grüne sind unverändert.
Die politische Stimmung ist nach ZDF-Angaben trotz Weihnachtspause und
Jahreswechsel unverändert geblieben: Die SPD bleibt im Januar mit
23 Prozent bei ihrem niedrigen Dezember-Wert. Auch die CDU und CSU
blieben konstant bei 52 Prozent, die Grünen erreichten erneut 11,
die FDP 5 Prozent. Lediglich die PDS verbesserte sich geringfügig
auf 5 Prozent.
Trotz Versprechungen der Politiker rechnet die Mehrheit der Menschen in
Deutschland nicht mit finanziellen Entlastungen durch die Anfang des
Jahres wirksam gewordenen Reformen. Der ZDF-Umfrage zufolge erwarten 54
Prozent bei einer Gesamtbilanz von Steuer- und Gesundheitsreform sogar
eher zusätzliche Belastungen. Nur 4 Prozent gehen eher von
Entlastungen aus.
Für die nächste Steuerreform hält es eine klare Mehrheit
von 73 Prozent laut «Politbarometer» für wichtiger,
dass das Steuersystem einfacher wird. Lediglich 22 Prozent seien der
Meinung, dass eine weitere Steuerentlastung im Vordergrund stehen soll.
Bei dieser Frage seien sich die Anhänger aller Parteien einig -
wie auch bei der Frage der Bekämpfung der Schwarzarbeit im
Privathaushalt. 68 Prozent der Befragten sprachen sich danach gegen
Pläne von Finanzminister Hans Eichel (SPD) aus, schwarz arbeitende
Putzfrauen oder Babysitter künftig strafrechtlich verfolgen zu
wollen. Lediglich 30 Prozent unterstützen die geplante
Änderungen.
Die Noten für die nach Meinung der Befragten zehn wichtigsten
Politiker in Deutschland haben sich laut «Politbarometer»
durchweg verschlechtert, manche sogar deutlich. Außenminister
Joschka Fischer (Grüne) führe die Liste zwar nach wie vor an.
Auf der Skala von minus fünf bis plus fünf habe er jedoch im
Vergleich zum Dezember 0,2 Punkte auf 1,4 verloren. Danach folgt
deutlich verschlechtert, aber weiter auf Platz zwei, die CDU-Partei-
und Fraktionsvorsitzende Angela Merkel mit 0,3 (Dez.: 0,8) vor dem
ebenfalls klar verschlechterten CDU-Fraktionsvize Friedrich Merz mit
0,2 (Dez.: 0,6). Bundeskanzler Schröder landete mit minus 0,4
(Dez.: minus 0,1) auf dem sechsten Platz. Dramatisch verloren habe
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), die mit nur noch minus 1,7
(Dez.: minus 0,8) auf den letzten Platz verwiesen wurde.
Die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen befragte laut ZDF vom 12. bis
15. Januar telefonisch 1305 Wahlberechtigte. Die Fehlertoleranz bei den
großen Parteien beträgt 2,7 Punkte, bei den kleineren 1,4.
Infratest dimap befragte laut ARD am 13. und 14. Januar 1000
Bundesbürger.
(Quelle: dpa)
Weniger Zuwanderer nach Deutschland - Keine Einigung im
Zuwanderungsstreit
Sa.17.01.04 - Im jahrelangen Streit um das Zuwanderungsgesetz ist weiterhin keine
Einigung in Sicht. Auch nach der fünften Vermittlungsrunde ist ein
Scheitern des zentralen rot-grünen Reformprojekts nicht
ausgeschlossen. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), der am Freitag
in Berlin die niedrigsten Asylbewerberzahlen seit 1984 vorlegte, hofft
noch auf einen Konsens mit der Union.
Während beim humanitären Flüchtlingsrecht und der
Integration eine Einigung möglich erscheint, lehnen CDU und CSU
die vorgesehenen Regeln für die Zuwanderung in den Arbeitsmarkt,
das Herzstück des Gesetzes, kategorisch ab.
Schily gab sich dennoch optimistisch. Er sei überzeugt, dass die
Union «ihre bisherige Blockadehaltung» aufgeben und der
Modernisierung des Ausländerrechtes zustimmen werde. «Die
positive Entwicklung wird die laufenden Verhandlungen zum
Zuwanderungsgesetz sicherlich erleichtern», sagte Schily bei der
Vorlage der Asylbewerberzahlen.
Die Migrationsbeauftragte der Regierung, Marieluise Beck (Grüne),
betonte: «Es gibt überhaupt keinen Anlass zur aufgeregten
Diskussion um die Zuwanderung nach Deutschland.» Beck legte
ebenfalls am Freitag den Migrationsbericht der Regierung vor. Danach
nimmt die Zuwanderung nach Deutschland seit drei Jahren kontinuierlich
ab.
Nach der Asylstatistik wurden 2003 nur noch 50 563 Anträge
gestellt - mehr als 20 000 oder knapp 29 Prozent weniger als im
Vorjahr. 1992 hatten sich noch 438 000 Menschen in Deutschland um Asyl
beworben. Damit setzte sich im vergangenen Jahr nach den Worten Schilys
«ein Trend kontinuierlich rückläufiger Bewerberzahlen
fort, der im Jahr 1993 mit dem Asylkompromiss seinen Ausgang
nahm». Die Anerkennungsquote verharrte mit 1,7 Prozent weiter auf
einem sehr niedrigen Niveau.
Im Ringen um einen Zuwanderungskompromiss vertagte sich die
Arbeitsgruppe des Vermittlungsausschusses auf den 27. Februar.
«Ende Februar, Anfang März wird klar sein, ob es ein
Ergebnis gibt oder nicht», sagte der innenpolitische Sprecher der
SPD- Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, der dpa. Er sprach
von schwierigen, aber ertragreichen Gesprächen. Der
Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker
Beck, bewertete die Gespräche als «sehr sehr
schwierig».
In dem wichtigsten Punkt des Gesetzes, der Zuwanderung in den
Arbeitsmarkt, liegen die Positionen nach wie vor weit auseinander. Bei
der Arbeitsmigration will sich die Union auf keinen Kompromiss
einlassen und beharrt darauf, den 1973 eingeführten Anwerbestopp
beizubehalten. Die Koalition und die FDP wollen dagegen in
Überstimmung mit Wirtschaftsverbänden und den Gewerkschaften
das komplizierte Ausländerrecht vereinfachen und die Zuwanderung
am Arbeitsmarkt orientieren. Das im Gesetz vorgesehen Punkteverfahren
für die Zuwanderung in den Arbeitsmarkt will die Union
herausstreichen.
Mit Blick auf die neuesten Zahlen des Migrationsberichts sagte
Marieluise Beck, Deutschland sei nicht nur ein Einwanderungsland,
sondern auch ein Auswanderungsland. Seit 1999 kamen zwar jährlich
mehr als 800 000 Menschen - darunter 650 000 bis 685 000 Ausländer
- nach Deutschland, zugleich zogen aber deutlich mehr als 600 000 weg.
Rechnet man Zu- und Fortzüge gegeneinander auf, blieben 2001 knapp
273 000 Migranten in Deutschland. 2002 lag die Zahl bei 219 000, 2003
voraussichtlich noch niedriger. Im ersten Halbjahr lag der
Wanderungssaldo bei 85 000.
Ungesichert ist, wie sich die Osterweiterung der Europäischen
Union (EU) auswirken wird. Wissenschaftler rechnen nicht mit
gravierenden Zuzugszahlen. Die Schätzungen schwanken zwischen 14
000 und 300 000 jährlich, sagte der am Migrationsbericht
beteiligte Bamberger Migrationsforscher Friedrich Heckmann. Allerdings
deuteten neuere Prognosen auf niedrigere Werte. Die innerhalb der EU
geltende Freizügigkeit für Arbeitsmigranten wird für die
neuen Mitglieder erst nach einer Übergangszeit von spätestens
sieben Jahren gelten. Nach Heckmanns Vermutung könnte es sogar
sein, dass nach 2010 weniger Zuwanderer kommen als in Deutschland
benötigt.
(Quelle: dpa)
Stichwort: Zuwanderungsgesetz
Sa.17.01.04 - In den Verhandlungen des Vermittlungsausschusses über die
Neuregelung der Zuwanderung nach Deutschland geht es um einen
Gesetzentwurf, auf den sich die rot-grüne Koalition bereits vor
zwei Jahren verständigt hat. Im März 2002 war er zwar von
Bundestag und Bundesrat verabschiedet worden, im Dezember kippte das
Bundesverfassungsgericht das Gesetz allerdings aus formalen
Gründen. Die Bundesregierung brachte den ursprünglichen
Entwurf daraufhin in unveränderter Form erneut auf den
parlamentarischen Weg.
Hier die wichtigsten Eckpunkte:
ZIELSETZUNG:
Als Ziel wird in Paragraf 1 die «Steuerung und Begrenzung des
Zuzugs von Ausländern in die Bundesrepublik Deutschland»
definiert. Das Gesetz ermögliche und gestalte Zuwanderung
«unter Berücksichtigung der Integrationsfähigkeit sowie
der wirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Interessen».
Zugleich diene es der Erfüllung der humanitären
Verpflichtungen Deutschlands.
AUFENTHALTSTITEL:
Kernstück des Zuwanderungsgesetzes ist eine umfassende Neuregelung
des Ausländerrechts. Die Zahl der Aufenthaltstitel soll von
fünf auf zwei reduziert werden. Künftig soll es nur noch die
(befristete) Aufenthaltserlaubnis und die (unbefristete)
Niederlassungserlaubnis geben. Die Duldung soll abgeschafft werden. Die
250.000 geduldeten Ausländer erhalten die Chance auf eine
Aufenthaltserlaubnis.
ARBEITSMIGRATION:
Der Zuzug von Fachkräften soll erleichtert werden. Die Anwerbung
ausländischer Arbeitskräfte darf von der Bundesanstalt
für Arbeit aber nur genehmigt werden, wenn sich keine nachteiligen
Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt ergeben. Ausländischen
Studienabsolventen wird nach Zustimmung der Arbeitsverwaltung die
Arbeitsaufnahme ermöglicht.
ASYL:
Geschlechtsspezifisch und nichtstaatlich Verfolgte sollen
Abschiebeschutz erhalten. Die Sozialleistungen für Asylbewerber
sollen eingeschränkt werden: Nach der jetzigen Regelung erhalten
ausreisepflichtige Personen und Asylbewerber nach drei Jahren
Leistungen nach dem Sozialhilfegesetz. Künftig sollen diese
Personen für die gesamte Dauer des Asylverfahrens Leistungen nach
dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten. Damit soll der Anreiz
vermieden werden, die Asylverfahren und die Beendigung des Aufenthalts
zu verzögern.
AUSREISEPFLICHT:
Der Entwurf sieht vor, die Bewegungsfreiheit von ausreisepflichtigen
Personen zu beschränken. Sie sollen verpflichtet werden
können, in einem Ausreiseheim zu wohnen. Ziel ist es, die
Bereitschaft zur freiwilligen Ausreise zu fördern.
FAMILIENZUSAMMENFÜHRUNG:
Das Nachzugsalter für ausländische Kinder soll von 16 auf
zwölf Jahre gesenkt werden. Ausnahmen sind unter
Berücksichtigung des Kindeswohls, der familiären Situation
und der Sprachkenntnisse möglich. Für Kinder, die im
Familienverbund einreisen, soll die Grenze grundsätzlich bei 18
Jahren liegen.
HÄRTEFALLREGELUNG:
Die Länder sollen das Recht erhalten, abweichend von den sonstigen
Regelungen Aufenthaltstitel zu erteilen, wenn dies durch
«dringende humanitäre oder persönliche
Gründe» gerechtfertigt ist.
INTEGRATION:
Ausländer, die sich dauerhaft im Bundesgebiet aufhalten, sollen
das Recht und teilweise auch die Pflicht zur Teilnahme an
Integrationskursen erhalten, in denen neben Sprache auch Kenntnisse
über die deutsche Rechtsordnung, Gesellschaft und Kultur
vermittelt werden sollen. Die Kosten sollen zwischen Bund und
Ländern geteilt werden, aber auch ein «angemessener
Kostenbeitrag» der Teilnehmer ist vorgesehen.
(Quelle: ap)
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Leipziger Studenten sorgen für Eklat im Landtag
Sa.17.01.04 - Studenten der Leipziger Universität haben am Freitag im
sächsischen Landtag eine Unterbrechung der aktuellen Debatte
über die Hochschulpolitik erzwungen. Die zwölf jungen
Männer und Frauen waren auf der Besuchertribüne des Landtages
und wurden von Landtagspräsident Erich Iltgen (CDU) zur Ordnung
gerufen, nachdem sie zwei Mal während der Rede von
Wissenschaftsminister Matthias Rößler (CDU) applaudiert
hatten. Als das nichts half, unterbrach Iltgen die Sitzung, woraufhin
die Abgeordneten den Plenarsaal verließen.
Mit ihrer Aktion wollten die Studenten auf die Bildungsmisere an den
sächsischen Hochschulen aufmerksam machen. Gegen Mittag wurden sie
von der Polizei von der Besuchertribüne geholt. Sie mussten ihre
Personalien angeben und verließen anschließend den Landtag.
Nach Angaben eines Parlamentssprechers wird geprüft, ob
Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs erstattet werden kann. Die
Studenten waren Gäste der PDS-Landtagsabgeordneten Heike Werner,
die hochschulpolitische Sprecherin ihrer Fraktion ist.
Die 25 Jahre alte Ethnologiestudentin Maria Hetzer aus Leipzig
rechtfertigte die Aktion im Landtag damit, dass «wir in einer
Demokratie leben und nicht einfach heruntergebuttert werden
können». Mit Hinweis auf Rößler betonte sie,
«dass wir ihn in Leipzig nicht sehen». Also müsse man
zu ihm kommen.
Zeitgleich zu der Aktion im Landtag protestierten vor dem Parlament
rund 5.000 Studenten aus Dresden und Leipzig gegen drohende
Studiengebühren und gegen die Auswirkungen von
Stellenkürzungen an den Universitäten. Sprecher machten
darauf aufmerksam, dass nicht nur an den Hochschulen selbst gespart
werde, sondern auch bei den Studentenwerken. Patrick Thom,
stellvertretender Vorsitzender im Verwaltungsrat des Studentenwerkes
Dresden, sagte, in diesem Jahr gebe es insgesamt nur noch acht
Millionen Euro. Das sei ein Drittel weniger als noch vor zwei Jahren.
Der Vorsitzende der PDS-Landtagsfraktion, Peter Porsch, wies darauf
hin, dass alleine zwischen 1994 und 1999 rund 1.000 Stellen an den
sächsischen Universitäten gestrichen worden seien. Bis Ende
des Jahres 2004 seien es weitere 415 Stellen und bis 2008 kämen
noch einmal 300 Stellen hinzu. Die Studenten seien die Betroffenen, und
die Gesellschaft müsse diese Entwicklung ausbaden. «Deshalb
stehen die Studenten heute vor der Tür», sagte Porsch.
Der hochschulpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Cornelius
Weiss, sagte, dass sich die Stellenkürzungen schon jetzt negativ
auf die Universitäten auswirkten. So sei es an der
Universität Leipzig gängige Praxis, dass die Plätze
für wichtige Seminare ausgelost würden. Wer nicht
berücksichtigt werde, müsse unter Umständen ein ganzes
Jahr lang warten. Dies bestätigte auch der Sprecher der
Universität Leipzig, Volker Schulte, für die
Geisteswissenschaften. Die Universität habe rund 30.000 Studenten,
könne aber aus personellen und räumlichen Gründen im
Durchschnitt nur 25.000 verkraften.
(Quelle: ap)
Demonstranten wollen Sicherheitskonferenz belagern
Sa.17.01.04 - Ein Bündnis linker Gruppen hat zu massiven Protesten gegen die 40.
Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik aufgerufen. Am 6.
und 7. Februar würden mehrere tausend Demonstranten zu
Kundgebungen gegen «das Treffen der Weltkriegselite»
erwartet, teilte das Aktionsbündnis am Freitag in München
mit. Mit einer geschlossenen Menschenkette wollten die Demonstranten
den Tagungsort, den Bayerischen Hof, umzingeln, sagte Mitinitiator
Claus Schreer.
Zu der Sicherheitskonferenz werden US-Verteidigungsminister Donald
Rumsfeld, Bundesverteidigungsminister Peter Struck sowie weitere
Außen- und Verteidigungsminister und Militärvertreter aus
aller Welt erwartet. Schreer sagte, Rumsfeld nehme auf der
Weltrangliste der Kriegsverbrecher einen der Spitzenplätze ein.
Und da Struck die Bundeswehr weltweit einsetzen wolle, seien keine
großen Unterschiede zu erkennen.
Auf Flugblättern forderte das Bündnis: «Die
Kriegsplaner dürfen nicht durchkommen!» Auf einem Plakat
hieß es: «M - Eine Stadt sucht ihre Mörder».
Zudem behauptete das Bündnis, bei der Sicherheitskonferenz
würden «Kriegskoalitionen für völkerrechtswidrige
Angriffskriege geschmiedet» und «die militärische
Absicherung der globalen Ausbeutung und die Ausplünderung des
Planeten» geplant. Der Aufruf wurde von Attac, DKP, PDS, sowie
den Gewerkschaften ver.di und GEW unterzeichnet.
(Quelle: ap)
Mehr unter:
http://www.linkeseite.de/Texte/2004/januar/06-7.htm
http://www.no-nato.de
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