Aktuelle Nachrichten
Irak am dreihundertundneunten Tag nach Kriegsbeginn
Schiiten in Irak demonstrieren erneut für baldige Wahlen -
Großbritannien unterstützt die Forderung der Schiiten +++
UN-Generalsekretär Annan schließt UN-Einsatz in Irak nicht
grundsätzlich aus, beharrt aber vor Irak-Einsatz auf
Unabhängigkeit und Neutralität der UNO +++
US-Außenminister Powell: Annäherung mit Paris und Berlin in
Irak-Frage +++ Deutschland bleibt von Irak-Aufträgen
ausgeschlossen +++ Weltbank und IWF wollen nur legitimer Regierung im
Irak helfen +++ USA wollen NATO als Ordnungsmacht im Nahen Osten
einsetzen
Do.22.01.04 - In Irak haben erneut mehrere tausend Schiiten für baldige
allgemeine Wahlen demonstriert. Die irakische Bevölkerung habe das
Recht, ihr Regierungssystem und ihre Verfassung selbst zu bestimmen,
sagte ein Vertreter des einflussreichen Schiitenführers
Großayatollah Ali Sistani bei dem Protestzug in der
südirakischen Stadt Samawa.
"Demokratie - Hoffnung für uns alle" und "Wir stehen alle hinter
Sistani, und wir wollen keinen anderen", riefen die Demonstranten in
Samawa. Bereits in den vergangenen Tagen hatte es in der Hauptstadt
Bagdad sowie in den heiligen Städten Kerbela und Nadschaf
Massendemonstrationen gegen den Zeitplan der Vereinigten Staaten und des
irakischen Regierungsrates gegeben, der allgemeine Wahlen erst für
kommendes Jahr vorsieht.
Großbritannien unterstützt die Forderung der Schiiten, wie
die britische Tageszeitung "Guardian" unter Berufung auf
Regierungsmitarbeiter in London berichtete. Auch die USA stünden
kurz davor, dem Druck der wochenlangen Proteste nachzugeben. Im
Gespräch sei ein Wahlgang noch vor der angestrebten
Machtübergabe an irakische Institutionen zur Jahresmitte.
Nach dem Willen des jetzigen Regierungsrats und der US-Zivilverwaltung
soll die irakische Übergangsregierung von einer provisorischen
Versammlung gewählt werden und ihre Arbeit am 1. Juli aufnehmen.
UN-Generalsekretär Kofi Annan schließt derweil einen Einsatz
der Vereinten Nationen in Irak nicht grundsätzlich aus. Zugleich
betonte er jedoch am Mittwoch in einer Sondersendung von "Sabine
Christiansen" in der ARD, die UN werde sich nur dann einschalten, wenn
ihre Unabhängigkeit gewahrt werde und die Organisation ein eigenes
unabhängiges und neutrales Urteil fällen könne.
"In den Gesprächen, die ich am Montag mit den Amerikanern und mit
dem Regierungsrat geführt habe, habe ich deutlich gesagt, dass,
wenn wir uns tatsächlich in dieser Phase in den Irak einschalten,
wir auf unserer Unabhängigkeit und Neutralität bestehen
müssen", wird er in einer Vorabmeldung zitiert. Außerdem
müssten beide Seiten das Urteil der Organisation akzeptieren. "Wir
können nur etwas bewirken, wenn wir von der einen und der anderen
Gruppe als unabhängig angesehen werden."
Nach einem Treffen mit Bundesaußenminister Joschka Fischer
(Grüne) in Bühl bei Baden-Baden
sagte Annan, noch sei über den Termin für die Entsendung
eines Expertenteams nicht entschieden. Er hoffe jedoch, dass das Team
noch vor Ende Juni reisen könne.
US-Außenminister Colin Powell sieht in der Irak-Frage "nach einer
Phase der Irritation" eine Annäherung zwischen den USA und den
Kriegsgegnern Deutschland und Frankreich. Es gehe "mit den Franzosen
und mit den Deutschen" voran, und alle, die gegen den Krieg gewesen
seien, prüften, wie sie den USA am besten beim Wiederaufbau Iraks
helfen könnten, sagte Powell. "Bei diesem Thema sind wir alle
einig. Niemand will jetzt, dass wir das in Irak nicht schaffen." Powell
zeigte sich optimistisch, dass sich bis Jahresende alle 26 NATO-Partner
an der Stabilisierung Iraks beteiligen würden.
"Die Franzosen sind ein stolzes Volk, das sehr feste Meinungen hat, und
manchmal haben sie mich wirklich verärgert", sagte Powell in dem
Radiointerview. Aber auch er habe die Franzosen vermutlich manchmal
gereizt. Trotzdem habe er "sehr gute Beziehungen" zu seinem
französischen Kollegen Dominique de Villepin, mit dem er sehr
direkt und offen sprechen könne.
Von den Bündnispartnern hätten bereits 18 Truppen in Irak
stationiert, sagte Powell weiter. Selbst wenn dies aber noch "kein
Bündnis mit allen 26" Partnern sei, hätten damit immerhin 18
NATO-Staaten ausgedrückt: "Amerika, wir stehen dir bei". Alle
weiteren Bündnispartner würden nicht lange auf sich warten
lassen. "Sie werden dazustoßen, während wir die NATO im
Laufe des Jahres einbinden wollen, damit sie einen Teil der
Verantwortung in Irak übernimmt", sagte der US-Außenminister.
Insbesondere die NATO-Mitglieder Deutschland und Frankreich hatten den
US-geführten Feldzug in Irak entschieden abgelehnt.
Deutschland bleibt von der Liste der Länder, die sich um
Generalaufträge für den Wiederaufbau des Iraks bewerben
können, weiterhin ausgeschlossen. Dies berichtete der amtierende
Bundesratspräsident, der thüringische Ministerpräsident
Dieter Althaus (CDU), am Mittwoch nach Gesprächen mit
Regierungsvertretern in Washington. Er könne die Argumente der
US-Regierung nachvollziehen, glaube aber dass Deutschland
wirtschaftlich wie humanitär Wichtiges zur Stabilisierung des Irak
beitragen könne, betonte Althaus.
Der CDU-Politiker sagte, er habe bei seinen Gesprächen im
Außenministerium, mit Handelsminister Donald Evans sowie mit
Senatoren und Abgeordneten den großen Wunsch der Amerikaner
gespürt, die transatlantischen Beziehungen weiter auszubauen und
zu intensivieren. Daran könnten auch manche Differenzen der
jüngsten Vergangenheit nichts ändern. Notwendig sei weiterhin
ein intensiver Dialog zwischen Europa und den USA. Es dürfe keinen
Zweifel an der Bedeutung des Bündnisses und der NATO für
beide Seiten geben.
Der Irak kann erst nach Bildung einer legitimen Regierung auf
Finanzhilfen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank
rechnen. Weltbank-Präsident James Wolfensohn schloss in Moskau
nicht aus, dass die beiden Finanzinstitutionen dann von Juni 2004 an
Gelder gewähren könnten. Mögliche Summen nannte er
nicht. Zum Abschluss eines zweitägigen Besuchs in Moskau forderte
Wolfensohn zugleich Russland auf, bei einer Entschuldung des Iraks zu
helfen. Der Irak schuldet Russland etwa acht Milliarden US-Dollar.
In der nordirakischen Stadt Mossul wurden am Mittwoch zehn Menschen
durch die Explosion eines Sprengsatzes verletzt. Sechs Iraker, mehrere
US-Soldaten und ein türkischer Lastwagenfahrer hätten
Verletzungen erlitten, als auf einer Straße "eine Bombe"
explodiert sei, sagte ein Polizist. Ein Sprecher der US-Armee in Bagdad
sagte, drei US-Soldaten seien dabei verletzt worden.
In Japan forderte die Opposition Ministerpräsident Junichiro
Koizumi wegen der umstrittenen Entsendung japanischer Truppen nach Irak
zum Rücktritt auf. Japanische Verteidigungskräfte "in ein
Schlachtfeld" zu schicken heiße "auf dem Grundsatz der Verfassung
herumzutrampeln", sagte Oppositionschef Naoto Kan vor dem Parlament in
Tokio.
Die USA planen einem Zeitungsbericht zufolge den Einsatz der NATO als
Ordnungsmacht in der gesamten Region des Nahen Ostens und
Zentralasiens. Die US-Regierung sei zu der Auffassung gelangt, dass
eine Stabilisierung Iraks auch durch eine verstärkte
Zusammenarbeit mit den Anrainer-Staaten erreicht werden könne,
berichtete die "Financial Times Deutschland" (Donnerstagausgabe) unter
Berufung auf Brüsseler NATO-Diplomaten. Zum kommenden NATO-Gipfel
im Juni in Istanbul wollten die USA und die Türkei daher auch
Vertreter von mindestens sechs Mittelmeer-Staaten, darunter Israel und
Ägypten, einladen.
(Quellen: ap, afp, dpa)
Bush verteidigt Präventivkrieg und Irak-Invasion
In einer Rede zur Lage der Nation verteidigte US-Präsident George
W.Bush am Dienstagabend (Ortszeit) vor beiden Häusern des
Kongresses seine Politik des Präventivkrieges und der
Irak-Invasion.
Die Rede findet sich auf der Homepage des Weißen Hauses in der
englischen Orginalfassung:
http://www.whitehouse.gov/news/releases/2004/01/20040120-7.html
Weltsozialforum in Bombay
Aufruf zu weltweiten Protesten gegen Irak-Besetzung +++ Organisatoren
des WSF üben harsche Kritik an der Rede zur Lage der Nation von
US-Präsident George W. Bush +++ Bis zu 120 000 Teilnehmer aus 151
Ländern beim vierten Weltsozialforum +++ Zum Abschluss des
Weltsozialforums ziehen 30.000 Globalisierungskritiker durch Bomba
Do.22.01.04 - Zum Abschluss des bislang größten Weltsozialforums haben
Globalisierungskritiker und Friedensgruppen in Bombay zu weltweiten
Protesten gegen die Besetzung des Iraks aufgerufen. Die Demonstrationen
sollen am 20. März stattfinden, dem ersten Jahrestag des
US-Angriffs.
Eine entsprechende Erklärung wurde am Dienstag auf einer
"Versammlung der Sozialen Bewegungen" beim Weltsozialforum in Bombay
vorgestellt.
In dem Dokument wird ein Ende der Besetzung des Iraks durch die USA,
Großbritannien und ihre Verbündeten gefordert. Zugleich wird
das Recht auf Selbstbestimmung des irakischen Volkes betont.
Am 15. März 2003 hatten Friedensinitiativen auf allen Kontinenten
die erste "Globale Demonstration" gegen den drohenden Krieg
organisiert.
In der Erklärung von Bombay werden neoliberale Globalisierung,
Imperialismus und Militarismus verurteilt. Sie soll über das
Internet [http://www.movsoc.org/]
verbreitet werden. Ein Redner kündigte zusätzlich eine
Boykottkampagne ("Boicot Bush") gegen Großkonzerne an, die von
Initiativen in 40 Ländern geplant werde.
Die in Hongkong geplante Welthandelskonferenz soll ebenfalls von
Protestaktionen begleitet werden. Das britische Hilfswerk Oxfam mahnte
Gerechtigkeit im Welthandel an. "Die reiche Welt verlangt von der armen
Welt, die Subventionen abzuschaffen, gibt aber selbst den eigenen Bauern
weiter Milliarden Dollar an Hilfen", kritisierte Oxfam-Sprecher Samar
Verma. Tausende indischer Bauern verlören ihre Existenz, weil sie
gegen subventionierte Baumwoll-Importe nicht konkurrieren könnten.
Organisatoren des Weltsozialforums übten derweil harsche Kritik an
der Rede zur Lage der Nation von US-Präsident George W. Bush. "Nur
eine Diktatur kann sagen, sie könne jedes Land angreifen, ohne
jemanden zu fragen", sagte der italienische Arzt Vittorio Agnoletto vom
internationalen WSF-Organisationskomitee. "USA raus aus dem Irak - das
war die vorherrschende Stimmung auf dem Forum", sagte Minar Pimple vom
indischen Organisationskomitee.
Nach Angaben der Organisatoren kamen bis zu 120 000
Globalisierungskritiker aus 151 Ländern zum vierten
Weltsozialforum (WSF), so viele wie nie zuvor.
Das Treffen in der indischen Finanzmetropole endete am Mittwoch mit
einer Großdemonstration. Angeführt von tibetischen
Mönchen mit Trommeln wand sich der Protestzug von rund 30.000
Globalisierungskritikern aus aller Welt durch die Innenstadt von
Bombay. Die Demonstranten verursachten einen riesigen Autostau. Der
frühere südafrikanische Präsident Nelson Mandela wandte
sich per Videobotschaft an die Menge. Er würdigte die
Bemühungen der Globalisierungskritiker im Kampf für mehr
soziale Gerechtigkeit und "eine bessere Welt". "Ich glaube fest daran,
dass eine solche Welt möglich ist", sagte er in Anspielung auf das
Motto des Forums, "Eine andere Welt ist möglich".
Die Teilnehmer der Abschlussdemonstration zogen ein unterschiedliches
Resümee: "Es war eine großartige Erfahrung", sagte Luciano
Pitzais, Rechtsberater einer niederländischen Firma. "Die
großen Redner waren nicht so hilfreich", befand Troy David aus
Straßburg. "Sie haben sich über alles beschwert, ohne
Lösungen aufzuzeigen."
Auf rund 1200 Veranstaltungen hatten Globalisierungskritiker sechs Tage
lang Strategien unter anderem gegen globale Armut, Unterdrückung,
Fundamentalismus, Krieg und ungerechten Welthandel diskutiert.
Das globalisierungskritische Netzwerk Attac zog eine positive Bilanz
des Welssozialforums. Das Treffen von rund 100.000 Menschen aus 130
Ländern sei ein großer Erfolg, sagte Christophe Aguiton von
Attac-Frankreich. Die Bewegung gegen die Globalisierung wachse.
Sven Giegold von Attac-Deutschland zeigte sich beeindruckt von den
Basisinitiativen der Frauen, Ureinwohner und Dalits (Kastenlosen) in
Indien. Der Umzug von Porto Alegre (Brasilien), wo das Treffen bisher
stattfand, habe funktioniert: "Das Weltsozialforum ist in Indien
angekommen."
Auch der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) und "Brot für die
Welt" sprachen von einem Erfolg. "Hier werden die sozialen
Auseinandersetzungen der Gegenwart sichtbar, etwa um Wasser, Handel,
Internationaler Währungsfonds und Menschenrechte", sagte der
stellvertretende EED-Vorstandsvorsitzende Wilfried Steen.
Für Reinhard Koppe von "Brot für die Welt" hat das
fünftägige Treffen zu einer "Globalisierung von unten" und zu
einer Stärkung der weltweiten Zusammenarbeit der Zivilgesellschaft
beigetragen. Zentrale Forderung sei die Globalisierung der
Menschenrechte.
Nach Angaben der Organisatoren kamen die meisten Delegierten des Forums
aus Asien und Afrika. Das Weltsozialforum 2005 findet - wie bereits die
ersten drei Treffen - wieder in Porto Alegre statt. Die Organisatoren in
Bombay sprachen sich für ein WSF erstmals in Afrika oder wieder an
einem Ort in Asien aus.
Das weltweit größte Treffen von Globalisierungskritikern war
im Jahr 2001 als Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum im
schweizerischen Davos gegründet worden. Diese wurde am am Mittwoch
mit mehr als 2000 Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft
eröffnet.
(Quellen: afp, dpa, epd, ap)
Mehr Informationen zum Weltsozilaforum (WSF) unter:
http://www.wsfindia.org
http://www.forumsocialmundial.org
http://india.indymedia.org
http://www.taz.de/pt/2004/01/15/a0242.nf/text
Webblog vom Weltsozialforum:
http://newstandardnews.net/wsfblog/
Berichte zum WSF im boa-Nachrichten.Archiv:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401210.htm#04012108
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401200.htm#04012009
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401200.htm#040120rk
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401190.htm#04011901
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401190.htm#040119_a
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401180.htm#04011811
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401180.htm#040118ew
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401170.htm#04011709
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401160.htm#04011609
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401160.htm#040116ws
Rede der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy
auf dem 4. Weltsozialforum in Mumbai (Bombay):
http://www.jungewelt.de/2004/01-20/003.php
Absage an militanten Widerstand: Friedensorganisation DFG-VK distanziert sich von den
Äußerungen der Globalisierungskritikerin Arundhati Roy:
http://www.linkeseite.de/Texte/2004/januar/19-5.htm
Alternativforum "Mumbai Resistance" :
http://mumbairesistance.org/
Microsoft und Coca-Cola von Weltsozialforum verbannt
Do.22.01.04 - Beim Weltsozialforum in Bombay versuchten die Veranstalter Produkte und
Werbung von Großkonzernen aus dem sechstägigen Treffen zu
verbannen.
So wurde beispielsweise Microsoft von den Rechnern verbannt.
Stattdessen setzen die Veranstalter auf das Open-Source-Betriebssystem
Linux.
Auch Spenden von Weltkonzernen lehnten die Organisatoren ab.
Andernfalls könne nicht ernsthaft über Globalisierungsthemen
diskutiert werden, so ein Sprecher des Forums.
Vergeblich versuchten hingegen die WSF-Organisatoren, Produkte und
Werbung von Großkonzernen aus dem sechstägigen Treffen ganz
zu verbannen. Während Coca-Cola und Pepsi beispielsweise auf dem
Messegelände in Bombay nicht erhältlich waren, wurde ein
Mineralwasser, Parle International, angeboten, das von einer indischen
Tochtergesellschaft des Getränkemultis hergestellt wird. "Wir
wissen, dass einige Marken von Coca-Cola hier in Erscheinung treten",
sagt der Sprecher des Forums, Gautam Mody. "Es ging nicht anders." An
den Veranstaltungsorten würden jedoch keine Marken beworben oder
ausgestellt. "Da waren wir ziemlich deutlich."
(Quellen: heise-online, afp)
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Weltwirtschaftsforum in Davos eröffnet
Irans Präsident Mohammed Chatami spricht sich bei der
Eröffnung der fünftägigen Konferenz für die
Lösung von Konflikten durch Verhandlungen aus +++
Großbritanniens Außenminister Straw ruft UN zum Engagement
in Irak auf +++ US-Präsident Bill Clinton äußert
Respekt für Globalisierungskritiker +++ Sitzblockade von
WEF-Gegnern am Flughafen Zürich-Kloten
Do.22.01.04 - Im schweizerischen Davos hat das Weltwirtschaftsforum (WEF) mit mehr
als 2000 Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft begonnen.
Großbritannien hat die Vereinten Nationen zum Auftakt des WEF zu
einer Rückkehr nach Irak aufgefordert. Ein neues UN-Engagement
könne bei der Einsetzung einer Übergangsregierung bis zum 1.
Juli helfen und Spannungen mit den Schiiten abbauen, sagte der
britische Außenminister Jack Straw. Kritik am Irak-Krieg wehrte
er ab. "Hätten wir die Hände in den Schoß gelegt,
wäre die Welt heute ein unsicherer Ort", sagte Straw.
Der iranische Präsident Mohammed Chatami sprach sich bei der
Eröffnung der fünftägigen Konferenz für die
Lösung von Konflikten durch Verhandlungen aus. Er sagte mit Blick
auf das Motto des 34. WEF, "Partnerschaft für Frieden und
Wohlstand", beide Ziele seien nur durch einen aufrichtigen Dialog zu
erreichen. Der Schweizer Bundespräsident Joseph Deiss
kündigte an, er werde einen neuen Anlauf starten, um die
festgefahrenen Verhandlungen der Welthandelsorganisation WTO wieder in
Gang zu bringen.
Am WEF nehmen rund 2.100 Politiker, Wirtschaftsführer und
Wissenschaftler aus aller Welt teil. Neben Vertretern zahlreicher
Weltkonzerne werden unter anderem UN-Generalsekretär Kofi Annan
und US-Vizepräsident Dick Cheney in Davos erwartet. Der
amerikanische Zivilverwalter in Irak, Paul Bremer, sagte kurzfristig
ab, wie die Veranstalter am Mittwoch mitteilten. Bremer war für
(den morgigen) Donnerstag als Teilnehmer einer Diskussionsveranstaltung
mit dem Titel «Nächste Schritte für Irak»
angekündigt.
Nachdem das Forum im vergangenen Jahr vom drohenden Ausbruch des
Krieges überschattet worden war, soll die Demokratisierung Iraks
ein Schwerpunkt der diesjährigen Gespräche sein. «Die
Wiederherstellung von Sicherheit und die Bildung einer Regierung in
Irak stellen sich als größere Herausforderung dar als
vorausgesehen», heißt es in einer Erklärung der
WEF-Organisatoren. Am Rande des Forums sind zahlreiche informelle
Treffen geplant, darunter ein Gespräch des israelischen
Außenministers Silvan Schalom mit seinem palästinensischen
Kollegen Nabil Schaath.
Aus Protest gegen das Weltwirtschaftsforum legten mehrere hundert zum
Teil vermummte Demonstranten am Nachmittag den Verkehr am Flughafen
Zürich-Kloten lahm. Mit einer Sitzblockade versperrten sie etwa
eine Stunde lang die Zufahrt zur Autobahn in Richtung Zürich. Die
mit einem massiven Aufgebot vor Ort präsente Polizei trug die
Demonstranten einzeln von der Fahrbahn. Ein Demonstrant wurde bei der
Aktion leicht verletzt, zwei weitere wurden vorübergehend
festgenommen.
Die frühere UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary
Robinson, eröffnete derweil die fünfte Konferenz
«Public Eye on Davos». Die Veranstaltung versteht sich als
globalisierungskritischer Kontrapunkt zum Weltwirtschaftsforum und
widmet sich in diesem Jahr dem Thema Unternehmensverantwortung.
Robinson plädierte dafür, auf eine «strikte und
disziplinierte Art» darauf hinzuarbeiten, die Verantwortung von
Unternehmen sicherzustellen.
Respekt für die Globalisierungskritiker äußerte der
frühere US-Präsident Bill Clinton, der in Davos als Redner
auftrat. «Ein Großteil ihrer Anliegen ist
berechtigt», sagte er. «Aber sie wollen uns in eine Zeit
zurückbefördern, die es nie gab. Sie wollen eine Reise
zurück, die nicht erfolgreich sein kann.»
(Quellen: afp, ap)
Weltwirtschaftsforum (WEF):
Ofizielle Homepage:
http://www.weforum.org/
Alternative Informationen zum WEF:
http://www.nadir.org/nadir/
aktuell/schwerpunkte/wef_davos.html
Konferenz 'Public Eye on Davos' eröffnet
Unternehmensverantwortung ist das zentrale Thema dieser
globalisierungskritischen Veranstaltung
Do.22.01.04 - Die frühere UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary
Robinson, hat am Mittwoch die fünfte Konferenz «Public Eye
on Davos» eröffnet. Die Veranstaltung versteht sich als
globalisierungskritischer Kontrapunkt zum Weltwirtschaftsforum (WEF)
und widmet sich in diesem Jahr dem Thema Unternehmensverantwortung.
Robinson plädierte dafür, auf eine «strikte und
disziplinierte Art» darauf hinzuarbeiten, die Verantwortung von
Unternehmen sicherzustellen. Sie erwähnte die Bedeutung der
UN-Menschenrechtsnormen für transnationale Unternehmen. Der
Internationale Unternehmerverband sei dagegen, dass diese Normen
verabschiedet würden - und zwar wegen einer grundsätzlichen
Abneigung gegen eine Regulierung vor allem im Rahmen der Vereinten
Nationen.
Matthias Herfeldt von der Gruppierung Erklärung von Bern
kritisierte zum Auftakt das diesjährige WEF-Motto
«Partnerschaft für Sicherheit und Wohlstand». Damit
werde unterstellt, es sei Aufgabe der Regierungen, die großen
Unternehmen als Partner zu behandeln. Dabei müssten demokratisch
gewählte Politikerinnen und Politiker Regeln und Gesetze
aufstellen, nach denen sich die Unternehmen im Interesse des
Gemeinwohls zu richten hätten.
«Public Eye on Davos» wird dieses Jahr bereits zum
fünften Mal von der Erklärung von Bern und Pro Natura
durchgeführt. Die dreitägige Konferenz richtet sich nach
eigenen Angaben gegen eine neoliberale Globalisierung, die
maßgeblich von den WEF-Mitgliedern, den großen
transnationalen Konzernen, vorangetrieben werde.
(Quelle: ap)
Public Eye on Davos:
http://www.publiceyeondavos.ch
Chatami sieht kaum Chancen für Annäherung zwischen Iran und
USA
Do.22.01.04 - Der iranische Präsident Mohammed Chatami sieht offenbar kaum
Chancen für die Wiederaufnahme eines politischen Dialogs mit den
USA. Obwohl er sich am Mittwoch in einer Rede zur Eröffnung des
Weltwirtschaftsforums in Davos für die Lösung von Konflikten
durch Verhandlungen aussprach, lehnte er ein Gespräch mit
Vertretern der US-Regierung indirekt ab.
Auf die Frage, ob er mit dem in Davos erwarteten
US-Vizepräsidenten Dick Cheney zusammentreffen werde, sagte
Chatami auf einer Pressekonferenz: «Ich meinte einen Dialog
zwischen Kulturen und Gesellschaften, zwischen Gelehrten.» Wenn
sich die Beziehungen auf dieser Ebene erst einmal verbessert
hätten, «dann können wir auch einen politischen Dialog
führen», sagte der iranische Präsident. Den Vorwurf,
Iran habe von Nordkorea Material zur Herstellung von Atomwaffen
erhalten, wies Chatami zurück.
Die staatliche iranische Fluggesellschaft appellierte unterdessen an
die US-Regierung, die Lieferung von Ersatzteilen für Flugzeuge
nach Iran zu ermöglichen. Die amerikanische Luftfahrtindustrie
darf wegen der vor 25 Jahren verhängten Handelssanktionen gegen
Teheran keine Geschäfte mit Iran machen. In den vergangenen Jahren
sind in Iran hunderte von Menschen bei Abstürzen von Flugzeugen
ums Leben gekommen.
Eine Aufhebung der Handelssperre für die Luftfahrtindustrie
würde «das Leben unschuldiger Passagiere
schützen», sagte der stellvertretende Direktor der
iranischen Fluggesellschaft, Mahmud Mehranpur. Nach der Entsendung
amerikanischer Rettungshelfer in das Erdbebengebiet um die Stadt Bam
hoffe er, dass die USA zu einer weiteren «humanitären
Geste» bereit seien. Mehranpur versicherte, Iran würde im
Falle einer Aufhebung der Sanktionen Flugzeuge des amerikanischen
Herstellers Boeing kaufen.
(Quelle: ap)
Zusammenstöße zwischen Reformern und Islamisten in Iran
Islamisten versuchten Protestversammlung von Reformbefürwortern zu
verhindern +++ Im Konflikt um den Ausschluss von Kandidaten von der
iranischen Parlamentswahl erklären Minister und
Vizepräsidenten ihren Rücktritt +++ UN-Generalsekretär
Annan hofft auf freie und faire Wahlen in Iran
Do.22.01.04 - Im Vorfeld der Parlamentswahlen ist es in Iran zu
Zusammenstößen zwischen Reformern und konservativen
Islamisten gekommen, berichtete die iranische Nachrichtenagentur IRNA
am heutigen Donnerstag. 200 Islamisten versuchten in der westiranischen
Stadt Hamadan eine Protestversammlung von Reformbefürwortern zu
verhindern.
Die Demonstranten wollten dagegen protestieren, dass der vom
konservativen Klerus beherrschte Wächterrat über 3000
Reformkandidaten von der Wahl ausgeschlossen hatte. Vier Demonstranten
wurden verletzt. Die Wahlen sollen am 20. Februar stattfinden.
Mehrere reformorientierte Minister haben aus Protest gegen den
Kandidaten-Ausschluss ihren Rücktritt erklärt. Das
teilte Vizepräsident Mohammed Ali Abtahi am Mittwoch in Teheran
mit. «Einige Minister und einige Vizepräsidenten sind
zurückgetreten», sagte er. «Sie warten jetzt
natürlich ab, wie sich die Dinge entwickeln werden.» Auf die
Frage, ob auch er zurückgetreten sei, lächelte Abtahi,
antwortete aber nicht.
Die Rücktritte müssen von Präsident Mohammed Chatami
angenommen werden, der zum Weltwirtschaftsforum nach Davos gereist ist.
Im Schweizer Fernsehen SFDRS sagte Chatami, er wolle weiterhin dem Volk
dienen und seine Pflicht erfüllen. Er sei überzeugt, dass
Reformen der richtige Weg seien und hoffe auf freie Wahlen. Chatami
hatte in der Auseinandersetzung mit den konservativen geistlichen
Kräften des einflussreichen Wächterrats selbst mit
Rücktritt gedroht.
Der Ausschluss von Kandidaten widerspreche der Demokratie, sagte
Abtahi. Die Methoden der Hardliner gefährdeten die islamische
Demokratie und schadeten der Wahlbeteiligung. In den vergangenen Tagen
habe sich ein Komitee des Präsidenten um eine Lösung der
Krise bemüht, aber kaum Erfolge erzielt.
Abtahis Erklärung erfolgte einen Tag, nachdem der Wächterrat
die Wiederzulassung von 200 der 3.000 zuvor für die Parlamentswahl
disqualifizierte Kandidaten bekannt gegeben hatte. Der geistliche
Führer Ali Chamenei hatte angesichts eines Sitzstreiks im
Parlament die Überprüfung der Kandidatenliste angeordnet, von
der auch 80 derzeitige Abgeordnete gestrichen worden waren.
Reformpolitiker bezeichneten die Entscheidung des Wächterrats vom
Dienstag als unzureichend.
Innenminister Abdolwahed Mussawi präsentierte dem Parlament am
Mittwoch einen Bericht, in dem es hieß, die Konservativen wollten
sich mindestens 180 der 290 Sitze und so eine Mehrheit sichern.
In Iran gibt es seit längerem eine Auseinandersetzung zwischen der
reformorientierten Regierung und der sie stützenden
Parlamentsmehrheit einerseits und konservativen Geistlichen
andererseits, die nach wie vor zentrale Schaltstellen der Macht wie den
einflussreichen Wächterrat kontrollieren.
UN-Generalsekretär Kofi Annan hofft auf freie und faire Wahlen in
Iran. «Wir beobachten die Situation in Iran sehr genau»,
sagte Annan am Mittwoch nach einem Treffen mit
Bundesaußenminister Joschka Fischer in der Nähe von
Baden-Baden. «Ich hoffe, dass sie einen Weg finden werden, ihre
Differenzen beizulegen und dass freie und faire Wahlen stattfinden
können.» Fischer pflichtete der Einschätzung des
UN-Generalsekretärs bei. Dem UN-Generalsekretär wird am Abend
in Baden-Baden der Deutsche Medienpreis verliehen.
(Quelle: afp, ap)
US-Experte sieht keine Anzeichen für Atombombenbau in Nordkorea -
IISS: Nordkoreas Rüstung schwieriger einzuschätzen als bei
Irak
Do.22.01.04 - Zweifel an Nordkoreas Fähigkeit zum Bau einer Atombombe: Bei einem
Besuch in Nordkorea habe er keine Hinweise darauf gesehen, dass das
kommunistische Land zum Bau einer solchen Bombe in der Lage ist. Das
erklärte der frühere Leiter des US- Atomlabors in Los Alamos,
Siegfried Hecker, in Washington. Das Land könne aber
wahrscheinlich das für den Bau einer Bombe nötige Plutonium
herstellen. Nordkorea hatte vor einem Jahr seinen Atomreaktor
sowjetischer Bauart in Yongbyon wieder angefahren.
Eine genaue Einschätzung des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms
ist nach Ansicht des namhaften Internationalen Instituts für
Strategische Studien (IISS) noch schwieriger als bei Irak. Zwar sei es
"glaubhaft", dass die Regierung in Pjöngjang bereits vor den
Kontrollen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) 1992
genügend Plutonium für "eine, vielleicht sogar zwei
Kernwaffen" gehabt habe, sagte IISS-Leiter John Chipman bei der
Vorstellung eines Nordkorea-Berichts am Mittwoch am Sitz des Instituts
in London. Aber den Rüstungsstand genau zu beurteilen, sei aus
verschiedenen Gründen "noch schwieriger als in Saddam Husseins
Irak". Egal wie groß das "Atominventar" des kommunistisch
regierten Landes derzeit sei, habe es aber "offensichtlich" die Mittel,
zumindest künftig genügend spaltbares Material für
Atomwaffen herzustellen, betonte Chipman.
(Quellen: dpa, afp)
Oppositioneller Arbeiterführer in Kambodscha ermordet
Do.22.01.04 - Ein prominenter kambodschanischer Arbeiterführer ist am heutigen
Donnerstag in der Hauptstadt Phnom Penh auf offener Straße
erschossen worden. Zwei Attentäter hätten Chea Vichea aus
nächster Nähe in die Brust geschossen, berichtete ein
Augenzeuge. Vichea war Vorsitzender der Freien Arbeitergewerkschaft
Kambodschas und stand der größten Oppositionspartei nahe.
Mindestens drei Mitglieder dieser Partei sind in den vergangenen Wochen
Attentaten zum Opfer gefallen.
Der Direktor des privaten Kambodschanischen Zentrums für
Menschenrechte, Kem Sokha, bezeichnete das Attentat als «Akt der
Barbarei». Vichea sei ein sehr mutiger Aktivist gewesen.
Während Streiks in Textilfabriken habe er sich zuweilen hitzige
Streitereien mit den kambodschanischen Sicherheitskräften
geliefert.
(Quelle: ap)
Kanadischer Farmer bietet Gentechnikkonzern die Stirn
Do.22.01.04 - Ein Prozess vor dem Obersten Gericht in Kanada um genmanipulierten Raps
zeigt, auf welche Probleme mittelfristig auch deutsche Landwirte nach
der geplanten Freigabe des Anbaus gentechnisch veränderter
Pflanzen stoßen könnten: Der Agrarkonzern Monsanto verklagte
den Farmer Percy Schmeiser aus der Prärieprovinz Saskatchewan,
weil Kontrolleure des Unternehmens auf seinen Äckern 1997 Genraps
entdeckt hatten. Die fällige Gebühr von 15 Dollar (9,30 Euro)
pro 0,4 Hektar hatte er jedoch nicht bezahlt.
Der 73-jährige Landwirt hat erklärt, der Monsanto-Raps habe
sich auf seinen 560 Hektar ohne sein Wissen oder Zutun ausgebreitet. Er
vermutet, dass der Raps über Pollenflug, Tiere oder unzureichend
gesicherte Transportfahrzeuge auf seine Felder gelangt sein
könnte. Auf fünf Nachbarfarmen wurde der Monsanto-Raps
ausgesät, insgesamt bauen in Kanada rund 30.000 Landwirte den
Genraps an. Seit 1996 wurde dort etwa die Hälfte der
Rapsanbaufläche auf das Monsanto-Produkt umgestellt, das gegen das
von der Firma patentierte Unkrautvernichtungsmittel Roundup immun ist.
Schmeiser macht geltend, dass die Verunreinigung der Ernte seine
jahrzehntelange Arbeit an der Verbesserung seines Saatguts zunichte
gemacht habe. Daher habe Monsanto kein Anrecht darauf, dass er für
den Raps eine Gebühr zahle.
Im herkömmlichen Anbau reservieren Landwirte einen Teil ihrer
Ernte für die Aussaat im kommenden Jahr. Verträge mit
Gentechnikfirmen sehen jedoch vor, dass die Bauern jedes Jahr frisches
Saatgut bei den Unternehmen kaufen. Überprüft wird dies von
Kontrolleuren der Konzerne. Aktivisten aus dem Lager der
Gentechnikgegner zufolge verklagte Monsanto in den USA seit 1997
insgesamt 90 Landwirte wegen Saatgutdiebstahls. Nach einem Bericht des
Rundfunksenders CBC richtete Monsanto darüber hinaus eine Hotline
ein, bei der Landwirte Kollegen melden können, von denen sie
vermuten, dass sie Genraps ohne Zahlung der Gebühr anbauen.
Über einen solchen Tipp sei das Unternehmen auch auf Schmeiser
aufmerksam geworden.
Laut Monsanto befand sich derart viel genveränderter Raps auf
Schmeisers Feldern, dass eine ungewollte Ausbreitung nicht
glaubwürdig sei. «Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass
der Anbau kein Zufall war», sagt Monsanto-Sprecherin Trish
Jordan. In zwei Vorinstanzen unterlag der Farmer, am Dienstag
verhandelte nun das Oberste Gericht in Ottawa in einer
mehrstündigen Anhörung über den Fall. Beobachter halten
es für möglich, dass die Richter Schmeisers Argumenten folgen
könnten. Denn vor rund einem Jahr lehnten sie den Antrag der
Harvard-Universität auf Erteilung eines Patents auf die so
genannte Genmaus ab - im Gegensatz zu den zuständigen Stellen in
den USA und Europa. Höhere Lebensformen könnten nicht
patentiert werden, erklärte das Gericht.
Unterstützt wird Schmeiser auch von der Regierung der Provinz
Ontario. Die Vertreterin Ontarios, Sara Blake, sagte am Dienstag vor
Gericht, Genpatente könnten die Forschung zu genetisch bedingten
Krankheiten behindern und die Kosten für medizinische Gentests in
die Höhe treiben. Darüber hinaus hat Schmeiser die
Unterstützung des Sierra Clubs und der Verbraucherorganisation
Council of Canadians. Deren Vorsitzende Maude Barlow erklärte, der
Fall habe Signalwirkung. «Wenn wir verlieren sollten, macht das
sehr, sehr deutlich, dass Regierungen nicht mehr ihre eigenen Gesetze
machen und ihre Landwirte schützen können.»
Auch auf dem Weltsozialforum in Bombay war der Fall Schmeiser ein
Thema. Kritiker befürchten von der Ausbreitung genveränderten
Saatguts gerade in Entwicklungsländern negative Auswirkungen
für Landwirte. Denn auch diejenigen Kleinbauern, die lediglich
für den Eigenbedarf anbauen, müssen die jährliche
Gebühr entrichten.
Monsanto pocht dagegen auf den Schutz seines geistigen Eigentums. Nach
Forschungs- und Entwicklungsausgaben von 500 Millionen US-Dollar
verkaufte der Konzern im vergangenen Jahr Gensaatgut für mehr als
1,6 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro). «Wir haben ziemlich
viel in diese Technologie investiert und erwarten, dass sich die Leute
an die Regeln halten, und wir erwarten einen Gewinn», sagt
Anwältin Jordan. Und Monsanto-Vertreter Robert Hughes sagte am
Dienstag, es handele sich schlicht um einen Fall von wissentlicher
Patentrechtsverletzung.
Schmeiser, ein früherer konservativer Abgeordneter des
Provinzparlaments von Saskatchewan und Exbürgermeister der 600
Einwohner zählenden Ortschaft Bruno, geht es dagegen um mehr:
«Wer kann Leben patentieren, und wer besitzt Leben, egal, ob
Samen, Pflanzen, Tiere?» erklärte er. Und sein Anwalt Terry
Zakreski argumentiert, dass auch Pflanzen, wie Mäuse, höhere
Lebensformen mit der Fähigkeit zu Wachstum und Fortpflanzung und
daher nicht patentierbar seien. Die Gegenseite räumte ein, dass
Monsanto zwar keinen Patentanspruch auf die Rapspflanze erhebt, das
umstrittene Gen aber in jeder Zelle der Pflanze zu finden sei.
Eine außergerichtliche Einigung hat Schmeiser abgelehnt, trotz
Anwaltskosten und drohender Strafzahlungen an Monsanto in Höhe von
mehreren hunderttausend Dollar. Das Urteil des Obersten Gerichts wird
im späten Frühjahr erwartet.
(Quelle: ap)
Blick ins Archiv:
Die Uckermark bleibt sauber
Bauern im nördlichen Brandenburg schaffen per Selbstverpflichtung
die größte gentechnikfreie Region Deutschlands....
Mehr in der "tageszeitung" vom 13.01.04:
http://www.taz.de/pt/2004/01/13/a0157.nf/text
Weitere Informationen zum Thema "gentechnisch veränderte Planzen" unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0312090.htm#031209_i
Russland
Putin entlässt Menschenrechtsbeauftragten für Tschetschenien
Do.22.01.04 - Der russische Präsident Wladimir Putin hat am Mittwoch seinen
Menschenrechtsbeauftragten für Tschetschenien, Abdul-Chakim
Sultygow, entlassen. Die Nachrichtenagentur ITAR-Tass meldete, Putin
sei zu der Ansicht gelangt, dass der im Oktober zum tschetschenischen
Präsidenten gewählte Achmad Kadyrow verantwortlich für
die Lage der Menschenrechte in seiner Republik sei. Sultigow war im
vergangenen Jahr in die Schlagzeilen gekommen, als er
Menschenrechtsgruppen «moralischen Terror» vorgeworfen und
vorgeschlagen hatte, gegen sie wegen möglicher Verbindungen zu
internationalen Terrorgruppen zu ermitteln.
(Quelle: ap)
Türkei will mit Hochdruck an Lösung der Zypern-Frage arbeiten
Do.22.01.04 - Die Türkei arbeitet nach Worten von Ministerpräsident Recep
Tayyip Erdogan mit Hochdruck an einer Lösung der Zypernfrage. Die
Regierung in Ankara werde sich bis «bis zur letzten Minute»
bemühen, noch vor dem 1. Mai ein Abkommen über die
Wiedervereinigung der geteilten Insel zu erreichen, sagte Erdogan der
Nachrichtenagentur AP. «Wir werden eine Lösung erreichen,
wenn die andere Seite es auch will», sagte Erdogan und
kündigte an, das Thema auch bei seinem Treffen mit
US-Präsident George W. Bush in der nächsten Woche
anzusprechen.
Am 1. Mai tritt der von griechischen Zyprern bewohnte Süden der EU
bei. Der türkische Außenminister Abdullah Gül hatte am
Mittwoch auf einer einer gemeinsamen Pressekonferenz mit
Bundesaußenminister Joschka Fischer angekündigt, den von
UN-Generalsekretär Kofi Annan vorgeschlagenen Plan zur
Wiedervereinigung Zyperns als Empfehlung und Grundlage weiterer
Gespräche zu akzeptieren. Aber auch die Verhandlungen über
die EU-Mitgliedschaft der Türkei müssten sofort beginnen,
forderte Gül.
Fischer, der am (heutigen) Donnerstag seinen Türkei-Besuch
abschließt, lobte auf der Pressekonferenz die von der Türkei
eingeleiteten Reformen als «beeindruckend», mahnte zugleich
aber größere Anstrengungen bei der konkreten Umsetzung an.
Die EU will Ende des Jahres über die Aufnahme von
Beitrittsverhandlungen mit der Türkei entscheiden.
(Quelle: ap)
Deutschland
Steuerreform: Union verzichtet auf eigenen Gesetzentwurf
Do.22.01.04 - CDU und CSU wollen nach Informationen von «Spiegel Online»
vorläufig keinen eigenen Gesetzentwurf für eine große
Steuerreform vorlegen. Stattdessen wollten sich die Parteien auf ihrer
gemeinsamen Präsidiumssitzung im März lediglich auf Eckpunkte
verständigen, hieß es unter Berufung auf
Äußerungen aus dem Umfeld der CDU-Parteivorsitzenden Angela
Merkel. Es werde keinen Gesetzentwurf für dieses Jahr mehr geben,
zitiert «Spiegel Online» einen Informanten.
Ziel sei es, nach der gemeinsamen Präsidiumssitzung vom 7.
März «gemeinsame Eckpunkte» von CDU und CSU zu
präsentieren. In den vergangenen Tagen hatten
Äußerungen aus der Union für Verwirrung gesorgt.
Interviewaussagen Merkels waren dahingehend interpretiert worden, dass
sie eine Verwirklichung der großen Steuerreform zusammen mit der
Regierung nicht mehr anstrebt. Diesen Eindruck hatte Merkel zuletzt zu
korrigieren versucht.
Bereits vor der Präsidiumssitzung beider Parteien soll sich
allerdings die Bundestagsfraktion in der Steuerfrage auf einen
gemeinsamen Kurs verständigen. Hintergrund ist die für Anfang
Februar vorgesehene Bundestagsdebatte über den Gesetzentwurf der
FDP- Bundestagsfraktion zur großen Steuerreform.
Innerhalb von CDU und CSU laufen bereits Absprachen zwischen dem
Steuerexperten und Fraktionsvize Friedrich Merz (CDU) und dem
bayerischen Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU) über eine
Verständigung im internen Steuerstreit. Beide hatten bis zuletzt
an unterschiedlichen Steuerkonzepten festgehalten. Nach einem Bericht
des Berliner «Tagesspiegel» hat ein erster Kontakt von Merz
und Faltlhauser keine Lösung aufgezeigt.
Das Modell von Merz sieht einen Stufentarif mit Sätzen von 12, 24
und 36 Prozent sowie die Abschaffung fast aller Vergünstigungen
vor. Die CSU will dagegen einen Eingangs- und Spitzensteuersatz von 13
beziehungsweise 39 Prozent. Im CSU-Modell steigt der Steuersatz mit
wachsendem Einkommen allmählich an. Steuervergünstigungen wie
die Pendlerpauschale will die CSU - im Gegensatz zu Merz - beibehalten.
Zuletzt hatte CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer eine schrittweise
Umsetzung des Merz-Modells angedeutet. Das Grundprinzip einer radikalen
Vereinfachung des Steuerrechts will Meyer jedoch beibehalten.
Der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder,
kritisierte den Kurs der Parteispitze in der Steuerdiskussion.
«Ich weiß nicht, warum die CDU ihre Positionen nicht
couragierter vertritt. Die Basis ist jedenfalls einigermaßen
verunsichert», sagte Mißfelder der «Märkischen
Allgemeinen». Es müsse klar erkennbar sein, dass die Union
grundlegende Reformen wolle. «Da kann man nicht an einem Tag
Hü sagen und am nächsten Hott.»
(Quelle: dpa)
Wirtschaftsethiker Hengsbach erklärt Agenda 2010 für
gescheitert
Do.22.01.04 - Der katholische Wirtschaftsethiker Friedhelm Hengsbach hat die Agenda
2010 für gescheitert erklärt. «Es ist bereits absehbar,
dass sie ihre Ziele nicht erreicht», sagte der Frankfurter
Jesuitenpater dem «Badischen Tagblatt» (Donnerstagausgabe).
Die Agenda sei keine Reform, sondern eine entwürdigende
Reform-Inszenierung. Hengsbach forderte, die «weltanschaulichen
Prämissen der gegenwärtigen Politik» umzukehren. Mit
der Ideologie der Wirtschaftsliberalen lasse sich kein Wachstum
erzeugen.
Kürzungen im unteren Bereich des Arbeitsmarkts führten nicht
zu mehr Beschäftigung, kritisierte Hengsbach. Es sei eine
«gigantische Fehldiagnose», die Arbeitslosen für ihr
Schicksal und für die derzeitige wirtschaftliche Krise
verantwortlich zu machen. Die Bundesregierung habe dem Druck der
«Führungskräfte in der Wirtschaft» nachgegeben,
argumentierte er. Als Alternative schlug er vor, neue
Arbeitsplätze mit einer Kombination öffentlicher und privater
Investitionen zu schaffen. «Ohne staatliche Ausgaben in diesen
Bereichen werden auch die privaten Investitionen nicht kommen»,
sagte er der Zeitung zufolge.
Hengsbach bezweifelte, ob die SPD «das diffuse Gebilde der Neuen
Mitte auf Dauer halten kann». Die Zustimmung bei den
Stammwählern breche bereits ein. Allerdings sehe er in der Partei
derzeit keine Alternative zu Gerhard Schröder.
Hengsbach ist Leiter des Oswald von Nell-Breuning-Instituts an der
katholischen Hochschule Sankt Georgen [http://www.st-georgen.uni-frankfurt.de/nbi/index.htm]
(Quelle: ap)
Bayern: Kürzungen bei Asylbewerbern Hauptteil der
Sozial-Einsparungen
Do.22.01.04 - Das bayerische Sozialministerium will die Sparvorgaben der
Staatsregierung in Höhe von 161 Millionen Euro bei einem
Gesamtetat von 1,818 Milliarden Euro in erster Linie bei der Betreuung
von Asylbewerbern, durch Kürzung des Landeserziehungsgeldes
für die ersten beiden Kinder, Kürzung des Blindengeldes und
Kürzung von Investitionsförderung in verschiedenen Bereichen
(psychisch kranke Straftäter, Landesbehindertenplan, Jugendhilfe,
Familienhilfe) realisieren. Die Leistungen für Familien sollen
"möglichst geschont", für die Kinderbetreuung "weiterhin
ausgebaut" werden, sagte Sozialministerin Christa Stewens (CSU) am
Montag vor der Presse in München. Die Kürzungen bei
Asylbewerbern (rund 60 Millionen von ursprünglich angesetzten rund
172 Millionen im Nachtragshaushalt 2004) seien möglich, weil durch
Rückgang der Flüchtlingszahlen nach Deutschland
"rückläufiger Bedarf" bestehe.
Haushaltsstellen, die komplett von Kürzungen ausgenommen wurden,
sind: Kinderbetreuungseinrichtungen, Landeserziehungsgeld für
dritte und weitere Kinder, Schwangerenberatung, Erziehungsberatung,
Ehrenamtliches Engagement in der Erziehungshilfe, berufsbezogene
Jugendsozialarbeit, Jugendsozialarbeit an Schulen, erzieherischer und
gesetzlicher Jugendschutz, Bayerisches Jugendwerk, Landesnetzwerk
Bürgerschaftliches Engagement, Dienste der Offenen
Behindertenarbeit, Fachdienste Frühförderstellen und
Heilpädagogische Tagesstätten und Heime für behinderte
Jugendliche nach dem Schul-Finanzierungsgesetz. Stewens sprach sich
für "einen strikten Spar- und Konsolidierungskurs in den kommenden
Jahren" aus.
Das Sozialministerium will das Bestreben bayerischer
Krankenhäuser, sich auf dem internationalen Gesundheitsmarkt zu
positionieren, "intensiv unterstützen". Das rechne sich auch
für die deutschen Patienten, da die vorhandenen Kapazitäten
besser ausgenutzt würden. Christa Stewens sprach sich für den
Erhalt des Zivildienstes und einen weiteren Ausbau der
Qualitätssicherung in der Pflege aus. Man sei ein gutes Stück
voran gekommen. So erreichten 90 Prozent der Heime die Fachkraftquote.
Mit Blick auf den EU-Beitritt osteuropäischer Länder wies die
Ministerin auf das 100 Millionen Euro starke
"Ertüchtigungsprogramm Ostbayern" der Staatsregierung hin, das vor
kleine und mittlere Unternehmen stärken und strukturelle
Schwächen ausgleichen soll. Von Bund und EU werde ein
stärkeres Engagement zur Förderung der Grenzregionen
erwartet.
(Quelle: epd)
Hessen: 30.000 Schüler und Lehrer protestierten gegen
Kürzungen
Do.22.01.04 - Gegen von der Landesregierung beschlossene Mittelkürzungen
für Privatschulen haben am Mittwoch Schüler und Lehrer vor
dem Landtag in Düsseldorf protestiert. Die Polizei gab die
Teilnehmerzahl mit rund 30.000 an. Der Bundesverband Deutscher
Privatschulen erklärte, die von der Regierung vorgesehene
Erhöhung der Eigenleistung der freien Träger von sechs auf
7,5 Prozent würde eine tatsächliche Erhöhung der
Trägerleistung und damit der Elternbeiträge um bis zu 25
Prozent bedeuten.
Dagegen betonte Schulministerin Ute Schäfer in der
Haushaltsdebatte des Landtags, dass die Erhöhung des Eigenanteils
auf das Jahr 2005 beschränkt bleiben solle. Die Anhebung solle die
öffentlichen Kassen in einer äußerst schwierigen Phase
um 15 Millionen Euro entlasten, erklärte Schäfer. Von Sparen
im engeren Sinne könne jedoch keine Rede sein. Immerhin steige der
Haushaltsansatz des Landes für die so genannten Ersatzschulen von
939 Millionen Euro im Jahr 2003 auf 962 Millionen Euro im Jahr 2005.
(Quelle: ap)
DGB lehnt Rentenalter 67 weiter ab
Do.22.01.04 - Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) lehnt eine Anhebung des
Rentenalters auf 67 Jahre weiter strikt ab. Darüber seien sich die
DGB-Spitze und die Vertreter der Einzelgewerkschaften am Mittwoch bei
einer Klausurtagung einig gewesen, erklärte DGB-Sprecherin Marion
Knappe in Berlin auf Anfrage. Nach ihren Angaben ist der
Gewerkschaftsbund aber ähnlich wie die rot-grüne
Bundesregierung damit einverstanden, das faktische Eintrittsalter in
die Rente wieder stärker dem offiziellen anzunähern.
Von einer Kehrtwende des DGB in Richtung Verlängerung der
Lebensarbeitszeit könne aber keine Rede sein, betonte die
Sprecherin. Sie bezog sich auf eine Meldung der «Hannoverschen
Allgemeinen Zeitung», die aus einem Positionspapier des
Gewerkschaftsbunds zitiert hatte. Danach solle die bisher vom DGB
strikt abgelehnte Verlängerung der Lebensarbeitszeit
«mittel- und langfristig nicht tabu bleiben». Knappe
betonte, dieses aus einem Arbeitskreis stammende Diskussionspapier gebe
nicht die geltende Beschlusslage des Gewerkschaftsbunds wieder.
Es werde zwar alles ohne Tabus diskutiert, die Zielrichtung einer
Ablehnung des Rentenalters 67 sei aber auf der Klausurtagung
ausdrücklich bekräftigt worden. Und auch für die
Anhebung des faktischen Rentenalters müssten erst einmal die
Voraussetzungen geschaffen werden. Viele Betriebe beschäftigten ja
heute schon kaum noch über 55-Jährige, kritisierte die
DGB-Sprecherin. Bei der Weiterbildung unter dem Stichwort lebenslanges
Lernen und der Gestaltung der Arbeitsplätze seien hier auch die
Betriebe gefordert.
Dem Zeitungsbericht zufolge ist in dem Diskussionspapier auch davon die
Rede, dass der DGB von seiner negativen Einstellung zur privaten
kapitalgedeckten Zusatzrente abrücken könnte. Sie solle nun
als betriebliche Altersvorsorge «am besten verpflichtend für
alle» werden, zitiert die «Hannoversche Allgemeine».
Knappe betonte aber, Vorrang müssten weiterhin tarifvertragliche
Lösungen haben. Wenn nach ein paar Jahren Bilanz gezogen werden
könne, was diese gebracht hätten, wären verpflichtende
Betriebsrenten womöglich eine der Überlegungen, fügte
die DGB-Sprecherin hinzu.
(Quelle: ap)
In Deutschland wird wieder länger gearbeitet
Do.22.01.04 - Durchschnittlich kamen die Erwerbstätigen 2003 auf 1.445
Arbeitsstunden - zwei Stunden oder 0,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Es
ist der erste Anstieg seit 1992. Ausschlaggebend war der gesunkene
Krankenstand und ein Anstieg der Nebenerwerbstätigkeit, so das
Statistische Bundesamt.
(Quelle: ap/taz)
Siemens übertrifft dank Telekom-Sparten Gewinnprognosen
Do.22.01.04 - Der Technologiekonzern Siemens hat vor allem dank des anziehenden
Telekommunikationsgeschäfts im ersten Geschäftsquartal
2003/04 den Gewinn deutlich stärker gesteigert als von
Branchenexperten erwartet.
Das operative Ergebnis habe auf 1,361 Milliarden Euro zugelegt von
1,097 Milliarden Euro ein Jahr zuvor, teilte Siemens am Donnerstag in
München mit. Von Reuters befragte Analysten hatten im Durchschnitt
1,165 Milliarden Euro erwartet. Den Konzernumsatz für den Zeitraum
Oktober bis Dezember nannte Siemens mit 18,33 (Vorjahr: 18,84)
Milliarden Euro, den Überschuss mit 726 (521) Millionen Euro.
Größter Ertragsbringer sei zwar die seit Jahren starke
Medizintechnik gewesen, die größte Ergebnissteigerung habe
jedoch die vor Jahresfrist noch defizitäre Netzwerksparte ICN
erreicht.
Siemens-Chef Heinrich von Pierer bekräftigte seine im Herbst
gemachte Prognose eines prozentual zweistelligen Anstieges beim
Jahresüberschuss für das gesamte Geschäftsjahr. Dabei
dürften sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen allerdings
nicht wieder verschlechtern, fügte er in einer Stellungnahme vor
Beginn der Hauptversammlung hinzu.
Die beiden Telekommunikationssparten ICN (Netzwerke) und ICM
(Mobilfunk) profitierten offenbar vom aufgehellten Branchenklima und
erzielten deutliche Verbesserungen beim operativen Ergebnis. ICN
schloss das erste Geschäftsquartal mit einem Gewinn von 51 (minus
151) Millionen Euro ab, ICM steigerte den operativen Gewinn auf 123
(59) Millionen Euro. Beide Sparten übertrafen die Schätzungen
der Analysten damit deutlich.
ICM habe außerdem mit 15,2 Millionen verkauften Handys einen
neuen Absatzrekord aufgestellt, teilte Siemens mit. Damit dürfte
der Konzern als viertgrößter Handyhersteller der Welt
näher zu den drei führenden Anbietern Nokia, Motorola und
Samsungaufgerückt sein.
Den im laufenden zweiten Quartal verbuchten Gewinn aus dem
jüngsten Verkauf von Anteilen am Chiphersteller Infineon nannte
Siemens mit 800 Millionen Euro einschließlich Steuereffekten.
Bisher hatte Siemens einen Buchgewinn in der Größenordnung
von 600 Millionen Euro genannt.
(Quelle: rtr)
Mannesmann-Prozess beginnt mit Antrag gegen das Gericht
Im holzgetäfelten Gerichtssaal gaben sich die Angeklagten
demonstrativ gelassen +++ Verteidiger von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann scheitern mit dem
Versuch, den spektakulären Prozess um die
millionenschweren Abfindungen bei der Mannesmann-Übernahme bereits
am ersten Tag platzen zu lassen
Do.22.01.04 - Ackermanns Anwälte monierten am Mittwoch schwere Formfehler, da
das Verfahren aus ihrer Sicht unzulässig gezielt an die 14.
Strafkammer des Düsseldorfer Landsgerichts vergeben worden sei.
Richterin Brigitte Koppenhöfer wies den so genannten
Besetzungseinwand jedoch ab. Am Donnerstag werden sich damit die
Angeklagten erstmals zur Sache äußern - allein der ehemalige
Mannesmann-Chef Klaus Esser kündigte eine fünfstündige
Erklärung an. Zum Prozessauftakt gaben sich Ackermann, Esser und
die übrigen Angeklagten - darunter auch Ex-IG-Metall-Chef Klaus
Zwickel - betont gelassen. Die Staatsanwaltschaft, die den Angeklagten
Untreue oder Beihilfe dazu vorwirft, bekräftigte in ihrer
Anklageschrift, die Abfindungen an Mannesmann-Manager seien
überhöht gewesen und unrechtmäßig gewährt
worden.
Hintergrund des spektakulärsten Wirtschaftsprozesses in
Deutschland sind die millionenschweren Abfindungen an
Mannesmann-Führungskräfte im Zuge der Übernahme des
Traditionsunternehmens durch den britischen Mobilfunkkonzern Vodafone
vor vier Jahren. Die Mannesmann-Führung hatte sich lange gegen die
bis dahin größte Übernahme der Industriegeschichte
gewehrt, dann aber doch zugestimmt.
Allein Esser hatte einschließlich Pensionszahlungen seinerzeit
ein Paket von gut 30 Millionen Euro erhalten. Er will als einziger der
sechs Angeklagten schon am Donnerstag bei seiner ersten Einlassung zur
Sache auch Fragen des Gerichts beantworten. Ackermann - im Gegensatz zu
Esser der schweren Untreue und nicht nur der Beihilfe angeklagt - wird
seinen ersten Auftritt wohl erst in der nächsten Woche haben. "Da
komm' ich Morgen nicht dran", mutmaßte er nach der
Ankündigung Essers.
Die übrigen vier Angeklagten sind der frühere IG Metall-Chef
Zwickel, der ehemalige Mannesmann-Personalvorstand Dieter Droste, der
frühere Aufsichtsrat Jürgen Ladberg sowie Ex-AR-Chef Joachim
Funk. Die Angaben zur Person nutzte Funk als einziger dazu, erneut
seine Unschuld zu beteuern. "Das Verfahren wird die Vorwürfe
widerlegen." Ackermann und Zwickel gehörten seinerzeit dem
Präsidium des Aufsichtsrates an, das über die Prämien
befunden hatte. Sie selbst hatten keine Zahlungen erhalten.
Verteidiger Kempf ließ keinen Zweifel daran, dass Ackermann ein
schnelles Ende des Verfahrens wünsche: "Jeder Weg, so schnell wie
möglich: The fastest way out is the best." Vor Beginn des
Prozesses räumte Kempf erstmals einen Flüchtigkeitsfehler
seines Mandanten ein. Dieser sei dann aber im Nachhinein korrigiert
worden. Im Vorfeld des Prozesses hatte der Ackermann-Verteidiger zudem
wiederholt eine Einstellung des Verfahrens gegen Auflagen und
Geldbuße als denkbar bezeichnet.
Richterin Koppenhöfer begründete die Ablehnung des Antrags
der Ackermann-Verteidigung damit, das Verfahren sei nicht gezielt,
sondern ordnungsgemäß der Kammer zugewiesen worden.
Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft ihren Vorwurf der Untreue
bekräftigt, der in einem besonders schweren Fall mit bis zu zehn
Jahren Haft belegt werden kann. "Alleiniger Grund für die
Prämien war die Zustimmung zur freundlichen Übernahme von
Mannesmann durch Vodafone", sagte Staatsanwalt Johannes Puls bei
Verlesung der Anklageschrift im Saal L111 des Landgerichts. Er
bezifferte den Schaden zu Lasten von Aktionären und Unternehmen
durch "Anerkennungsprämien" an ehemalige Mannesmann-Manager und
"ungerechtfertigt überhöhte Pensionen" auf maximal 111
Millionen Mark (rund 57 Millionen Euro). Richterin Koppenhöfer
betonte, den von der Staatsanwaltschaft erhobenen Vorwurf der
Käuflichkeit gegen Esser teile die Kammer nicht.
Ackermann beteuerte unmittelbar nach Betreten des Gerichts seine
Unschuld und bekräftigte sein Unverständnis über den
Prozess. "Das ist das einzige Land, wo die, die Werte schaffen,
dafür vor Gericht kommen." Staatsanwalt Puls warf dem
55-jährigen Schweizer allerdings vor, auch er habe damals gewusst,
dass die Zahlungen in ihrer Höhe rechtswidrig gewesen seien. Der
Bankchef hatte einen Rücktritt wegen des Verfahrens stets
ausgeschlossen. In dem auf zunächst knapp sechs Monate angesetzten
Prozess muss die größte deutsche Bank zwei Tage in der Woche
auf ihren ersten Angestellten verzichtet. In ihrer Düsseldorfer
Zentrale hat die Bank für die Dauer des Verfahrens daher eigens
ein Büro für Ackermann eingerichtet.
Esser erklärte, er habe sich sehr korrekt verhalten. Dies solle
das Gericht jetzt feststellen. Er strebe keinen Antrag auf Einstellung
des Verfahrens an, ergänzte er.
Im holzgetäfelten Gerichtssaal gaben sich die Angeklagten
demonstrativ gelassen. Ackermann, der umringt von seinen Anwälten
und Leibwächtern in das Gericht kam und wie üblich in die
Kameras lächelte, begrüßte Zwickel mit Handschlag und
wechselte einige Worte mit dem früheren
Mannesmann-Aufsichtsratschef Funk. Vor dem Gerichtssaal drängten
sich Dutzende Journalisten und zahlreiche Kamerateams.
(Quelle: rtr)
Blick ins Archiv:
Landgericht ließ Anklage in Mannesmann-Affäre zu
Vorstandschef der deutschen Bank muss vor Gericht
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0309200.htm#03092008
Fresssen oder gefressen werden: Die Vodafone-Mannesmann-Fusion
Größte Wirtschaftstransaktion der Geschichte
http://www.boa-muenchen.org/boa-kuenstlerkooperative/feindl01.htm
Zentralrat der Juden beendet Mitarbeit bei Gedenkstätten-Stiftung
Do.22.01.04 - Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat mit sofortiger Wirkung die
Mitarbeit an der Stiftung Sächsischer Gedenkstätten beendet.
Die Neugestaltung der Gedenkstättenarbeit der sächsischen
Landesregierung sei nicht länger hinnehmbar, begründete der
Vizepräsident des Zentralrats und Gedenkstättenbeauftragte
Salomon Korn den Entschluss, wie die Organisation in Berlin mitteilte.
Fundamentale Unterschiede zwischen den Nazi-Verbrechen und denen der
kommunistischen Willkürherrschaft drohten «eingeebnet»
zu werden.
Das im vergangenen Jahr vom sächsischen Landtag verabschiedete
Gesetz zur Errichtung der Stiftung habe wichtige Fragen unbeantwortet
gelassen, kritisierte Korn der Mitteilung zufolge weiter. Angebote der
kritischen und konstruktiven Auseinandersetzung über «die
sich abzeichnende Analogisierung und Relativierung von NS-Verbrechen
gegenüber denen des Stalinismus und der Staatssicherheit der
DDR» seien bis zuletzt mit einem von der Landesregierung
verordneten Neubeginn der Gedenkstättenarbeit vom Tisch gewischt
worden.
Korn führte weiter aus, dieser so genannte Neubeginn berge die
Gefahr, dass die Vertreter der unterschiedlichen Opferverbände im
Stiftungsrat zwangsvereinigt würden. Dadurch würden
fundamentale Unterschiede zwischen den NS-Verbrechen mit
europäischer Dimension und denen der Willkürherrschaft des
Kommunismus in Ostdeutschland mit nationaler Dimension einander
angeglichen.
Der Geschäftsführer der Stiftung, Norbert Haase, sagte in
einer ersten Reaktion, eine Relativierung von NS-Verbrechen sei in der
Stiftung «nicht zu konstatieren». Sollte es
tatsächlich derartige Befürchtungen geben, so müsste in
den Gremien darüber gesprochen werden. Er könne nicht
erkennen, dass die Aussagen des Zentralrates etwas mit der konkreten
Arbeit der Stiftung zu tun hätten. Offenbar gebe es aber
großen Gesprächsbedarf zwischen dem Zentralrat und der
Landesregierung. Den Beschluss zur Beendigung der Mitarbeit in der
Stiftung habe er mit Bedauern zur Kenntnis genommen und hoffe, dass das
letzte Wort in dieser Angelegenheit nicht gesprochen sei.
Das sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kunst teilte
unterdessen in Dresden mit, dass es aus seiner Sicht keinerlei Anlass
für die Entscheidung des Zentralrates gebe. Sie komme vor dem
Hintergrund von dessen konstruktiver Mitwirkung und der des
Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden zudem völlig
überraschend. Die Bewahrung des Gedenkens an die Opfer beider
Diktaturen sei Teil demokratischer Erinnerungskultur. «Das
Ministerium lädt den Zentralrat der Juden ausdrücklich zur
weiteren Mitarbeit ein», hieß es.
Der Vizepräsident des Zentralrats hatte weiter angemerkt,
geschichtspolitisch werde durch die Konzeption der sächsischen
Landesregierung die Zeit nach 1945 einer Waagschalen-Mentalität
ausgesetzt - mit den nationalsozialistischen Verbrechen in der einen
und den kommunistischen in der anderen Waagschale. Dies bedeute in der
Konsequenz die Aufkündigung des 1999 errungenen Konsenses zur
Gedenkstättenarbeit in Deutschland, kritisierte Korn. Das Konzept
der sächsischen Landesregierung habe möglicherweise auch
bundespolitische Signalwirkung in der Gedenkstättenforschung
«hinsichtlich einer Re-Nationalisierung des Gedenkens».
(Quelle: ap)
Mehr Information (PDF-Datei) unter:
http://www.zentralratdjuden.de/
down/PM_Saechsische_Gedenkstaetten.pdf
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