Aktuelle Nachrichten
Irak am dreihundertundfünfzehnten Tag nach Kriegsbeginn
Bush nennt Krieg gegen Irak ungeachtet der fehlenden
Massenvernichtungswaffen weiter gerechtfertigt +++ Angriffe gegen die
Besatzungstruppen in Irak dauern an - Mehr als ein Dutzend
Amerikaner und Iraker bei Anschlägen getötet +++
UN-Generalsekretär Annan bringt multinationale Irak-Truppe ins
Gespräch - UNO-Team soll im Irak die Möglichkeit freier
Wahlen noch in diesem Jahr prüfen
Mi.28.01.04 - US-Präsident George W. Bush hat den Krieg gegen Irak ungeachtet
der bislang fehlenden Hinweise auf Massenvernichtungswaffen am Dienstag
noch einmal verteidigt. "Ich habe keinen Zweifel, dass Saddam Hussein
eine große Gefahr für Amerika und die Welt war", sagte Bush.
"Und ich sage das auf Grund der Geheimdienstinformationen, die ich vor
der Entscheidung zum Krieg gegen Irak hatte, und ich sage das nachdem,
was ich heute weiß. Die Welt ist besser dran ohne ihn."
Bush und seine Mitarbeiter halten inzwischen nicht mehr an ihrer
Aussage fest, dass sie überzeugt sind, dass in Irak noch
Massenvernichtungswaffen gefunden werden. Das Vorhandensein dieser
Waffen wurde immer als Kriegsgrund genannt. Der jetzt
zurückgetreten Leiter der US-Expertengruppe zur Suche nach
Massenvernichtungswaffen, David Kay, sagte am Sonntag nach
neunmonatiger Suche: "Ich glaube nicht, dass sie existieren." Vor
wenigen Tagen hatte bereits US-Außenminister Colin Powell
eingeräumt, es sei "eine offene Frage", ob es
Massenvernichtungswaffen im Irak gebe. Bush erklärte nun, er
wolle, dass die Experten ihre Arbeit beendeten, dann sollten daraus
Schlüsse gezogen werden.
Noch vor einem Jahr, am 22. Januar 2003, hatte Bush erklärt: "Der
irakische Diktator hat Massenvernichtungswaffen." Und vor dem Angriff
auf Irak im März erklärte er: "Geheimdienstinformationen
dieser und anderer Regierungen lassen keinen Zweifel daran, dass das
irakische Regime weiter einige der tödlichsten Waffen, die je
entwickelt wurden, besitzt und verbirgt."
Bush erklärte nun am Dienstag, es gehe darum, aus Irak ein freies
und demokratisches Land zu machen. Das sei auch wichtig für die
langfristige Stabilität und den Frieden auf der Welt. Und auf
diesem Weg gebe es auch große Fortschritte.
Die Gewalt gegen die Besatzungstruppen in Irak hielt unterdessen weiter
an. Wieder wurden mehr als ein Dutzend Amerikaner und Iraker bei
Anschlägen getötet.
Bei einem Bombenanschlag auf ein Hotel in der Innenstadt von Bagdad
sind am (heutigen) Mittwoch mindestens drei Menschen getötet und
vier verletzt worden. Die irakische Polizei erklärte, eine
Autobombe sei vor dem Hotel El Schahin explodiert. Davor standen drei
ausgebrannte Fahrzeuge, etwas weiter weg noch ein viertes teilweise
ausgebranntes Auto. Die Fassade des dreistöckigen Gebäudes
wurde bei der Explosion zerstört. Nach Polizeiangaben war es noch
nicht klar, ob es sich um einen Selbstmordanschlag handelte.
Das Hotel liegt im Stadtteil Karadah in der Nähe der früheren
US-Botschaft und einer Polizeiwache. Die Feuerwehr war im Einsatz.
US-Truppen riegelten das Gebiet ab.
Bei der Explosion eines Sprengsatzes südlich von Bagdad starben am
Dinstagabend drei US-Soldaten. Zuvor waren westlich der Hauptstadt drei
US-Soldaten und zwei irakische Polizisten einem Bombenanschlag zum
Opfer gefallen. Außerhalb von Bagdad wurden zwei irakische
Mitarbeiter des US-Nachrichtensenders CNN erschossen.
UNO-Generalsekretär Kofi Annan hat derweil die Stationierung einer
multinationalen Truppe mit einem Mandat der Vereinten Nationen im Irak
ins Gespräch gebracht. Bei einem Besuch in Paris kündigte
Annan am Dienstag außerdem an, ein UNO-Team solle im Irak die
Möglichkeit freier Wahlen noch in diesem Jahr prüfen.
Der UNO-Generalsekretär erklärte nach einem Gespräch mit
dem französischen Präsidenten Jacques Chirac, eine
Stationierung von UNO-Friedenstruppen im Irak sei eine riesige Aufgabe.
"Ich glaube nicht, dass sich die Frage nach der Entsendung von
Blauhelmen im Moment stellt." Vorstellbar sei jedoch, dass eine vom
UNO-Sicherheitsrat autorisierte multinationale Truppe für mehr
Stabilität im Irak sorgen könnte, wo derzeit von den USA
geführte Besatzungstruppen stationiert sind.
Nach den Worten Annans soll eine Expertengruppe der Vereinten Nationen
im Irak die Möglichkeit vorgezogener Wahlen sondieren, sobald die
US-Zivilverwaltung für die Sicherheit der UNO-Mitarbeiter
garantieren kann. Wann das Team in den Irak reisen soll, konnte Annan
noch nicht sagen.
Die Schiiten - rund 60 Prozent der 26 Millionen Iraker - verlangen seit
Wochen ein Vorziehen der Wahlen auf Mitte des Jahres. Nach den
Plänen der USA sollen sie erst 2005 stattfinden. Die USA erhoffen
sich von der Einbeziehung der UNO eine größere Akzeptanz
ihrer Bemühungen um einen politischen Neuaufbau des Landes bei der
Bevölkerung. Dabei setzen sie auch darauf, dass die Vereinten
Nationen mäßigend auf den einflussreichen schiitischen
Geistlichen Ajatollah Ali el Sistani einwirkt.
Nach Angaben von Vertrauten soll sich Sistani am Montag bereits mit
einer nicht näher bezeichneten Gruppe von Irakern getroffen haben,
von denen es heißt, sie würden wahrscheinlich in
Gespräche mit einem UNO-Team einbezogen. Die UNO hatte ihre
ausländischen Mitarbeiter aus dem Irak abgezogen, nachdem im
August bei einem Anschlag auf ihr Hauptquartier in Bagdad 22 Menschen
getötet worden waren.
"Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Vereinten Nationen eine
konstruktive Rolle dabei spielen können, aus der Sackgasse im Irak
herauszukommen", sagte Annan in Paris. Das Expertenteam solle im Irak
nach Möglichkeiten suchen, die Einsetzung einer provisorischen
Regierung voranzubringen. Derzeit untersuchen zwei UNO-Experten die
Sicherheitslage im Irak.
Der Irak war auch Thema eines Treffens von US-Vizepräsident Dick
Cheney mit Papst Johannes Paul II. in Rom. Das Oberhaupt der
römisch-katholischen Kirche forderte von seinem Besucher, die USA
sollten an der Sicherung des Friedens arbeiten und dabei die
Zusammenarbeit mit anderen Staaten suchen. "In einer durch Konflikte,
Ungerechtigkeit und Teilung bestimmten Welt ... ermutige ich sie und
ihre Mitbürger, zu Hause und außerhalb ihres Landes für
internationale Kooperation und Solidarität im Dienste des Friedens
zu arbeiten", sagte der Papst. Die Beziehung zwischen den USA und dem
Vatikan sind durch den Irak-Krieg deutlich belastet worden, da der
Papst eine Invasion in dem Land strikt abgelehnt hatte.
Die USA lehnten lange eine entscheidende Rolle der UNO beim politischen
Wiederaufbau des Irak ab, weil die Vereinten Nationen und ihr
Generalsekretär den Irak-Krieg ebenfalls scharf kritisiert hatte.
Wegen des anhaltenden Widerstands vieler Iraker gegen die Besatzung
haben die USA diese Haltung offenbar gelockert. Bislang planten die
USA, eine Übergangsregierung aus Vertretern der Regionen zu
installieren und direkte allgemeine Wahlen erst im kommenden Jahr
stattfinden zu lassen. Vorgezogene Wahlen haben die Vereinigten Staaten
bisher mit dem Argument abgelehnt, eine Erstellung der
Wählerverzeichnisse und die Organisation der Wahlen seien unter
den derzeitigen Sicherheitsbedingungen nicht bis Juni zu schaffen. Auch
UNO-Vertreter hatten zuletzt bezweifelt, dass Wahlen in diesem Jahr
schon möglich seien.
(Quellen: ap, rtr)
US-Vorwahl der Demokraten
Kerry gewinnt deutlich in New Hampshire vor Dean
Mi.28.01.04 - Senator John Kerry hat auch die traditionell erste Vorwahl (Primary)
der Demokraten im US-Staat New Hampshire deutlich gewonnen. Er lag
wieder klar vor dem früheren Gouverneur von Vermont, Howard Dean,
der noch zu Beginn des Jahres als Favorit galt. Kerry hatte in der
vergangenen Woche schon überraschend die Abstimmung auf den ersten
Parteiversammlungen (Caucuses) im Staat Iowa gewonnen. Das Ergebnis aus
New Hampshire hat eine wichtige Signalfunktion für die weitere
Suche der Demokraten nach dem Herausforderer für US-Präsident
Georg W. Bush bei der Wahl im November.
Nach Auszählung von 87 Prozent der Wahlkreise führte Kerry
klar mit 39 Prozent vor Dean mit 26 Prozent. Im Rennen um Platz drei
lag der ehemalige NATO-General Wesley Clark mit 13 Prozent knapp vor
Senator John Edwards mit zwölf Prozent. Senator Joe Lieberman lag
mit neun Prozent nur auf Platz fünf, womit wohl seine weitere
Kandidatur zur Debatte steht. Rund 200.000 Wähler beteiligten sich
an der Wahl. Das ist ein Rekord für New Hampshire. Die Beteiligung
lag noch deutlich höher als 1992, als dort Paul Tsongas den
Gouverneur von Arkansas, Bill Clinton, besiegte, den späteren
Präsidenten.
"Das ist ein großer Sieg, eine große Wende", sagte Kerry
der Nachrichtenagentur AP. "Wir waren Monate lang abgeschrieben. Aber
wir haben den Menschen unsere Entschlossenheit gezeigt, Präsident
Bush zu besiegen." Kerry rief die Demokraten auf, sich ihm
anzuschließen, um Bush zu besiegen und «die Wirtschaft der
Privilegien» zu beenden. Er versprach, er wolle "die Armut von
Millionen verringern, statt die Steuern für Millionäre".
Dean, der als erklärter Gegner des Irak-Kriegs in New Hampshire zu
Jahresbeginn noch mit 25 Prozent Vorsprung geführt hatte, lag nach
den Caucuses in Iowa wieder genau so weit hinter Kerry zurück.
Zuletzt hatte er nur noch auf ein solides Ergebnis gehofft. Er zeigte
sich mit dem jetzigen Ergebnis zufrieden.
Edwards, der Senator in North Carolina ist, lag in Iowa
überraschend auf Platz zwei hinter Kerry und hoffte in New
Hampshire auf ein zweistelliges Ergebnis. Er setzt in seinem Wahlkampf
auf South Carolina. Dort finden wie in sechs weiteren Staaten in der
kommenden Vorwahlen oder Parteiversammlungen statt. In Arizona,
Delaware, Missouri, New Mexico, North Dakota, Oklahoma und South
Carolina geht es dann um insgesamt 269 Delegiertenstimmen. In New
Hampshire ging es nur um 22 Stimmen.
Der 60-jährige Vietnamkriegs-Veteran Kerry gilt als Politiker, der
auch die politische Mitte für sich gewinnen kann und damit ein
breiteres Spektrum als etwa der scharfzüngige Irak-Kriegs-
Kritiker Dean ansprechen kann. In einer am Wochenende vom Magazin
"Newsweek" veröffentlichten Umfrage lag Kerry bei den
Zustimmungswerten sogar leicht vor Bush.
Der Präsidentenwahl am 2. November geht ein kompliziertes
Verfahren aus Parteiversammlungen und Vorwahlen voraus. Entsprechend
den Ergebnissen der einzelnen Bewerber verteilen sich die Delegierten,
die auf dem Wahlparteitag dann endgültig den Kandidaten
küren. Der Wahlparteitag der Demokraten findet in diesem Jahr vom
26. bis 29. Juli in Boston statt, die Republikaner kommen vom 30.
August bis 2. September im New Yorker Madison Square Garden zusammen.
Der demokratische Kandidat braucht für eine Nominierung mindestens
2.162 der insgesamt 4.322 Delegiertenstimmen.
(Quellen: ap, rtr)
Nahost-Konflikt
Scharon schlägt wiederholt Räumung mehrerer Siedlungen vor -
Einem Radiobericht zufolge handelt es sich um relativ kleine und
isoliert liegende Siedlungen im Westjordanland und im Gazastreifen +++
Israel bereitet Gefangenenaustausch vor +++ Ägyptens
Aussenminister trifft mit dem palästinensischen Präsidenten
zusammen
Mi.28.01.04 - Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hat die Aufgabe
von sieben jüdischen Siedlungen im Westjordanland und im
Gazastreifen vorgeschlagen. Es ist die bisher konkreteste Aussage nach
seiner wiederholten Ankündigung, im Nahost-Konflikt
möglicherweise einseitige Schritte zu unternehmen. Im Gegenzug
habe der Regierungschef zugesagt, bis zu einem endgültigen
Friedensvertrag mit den Palästinensern keine weiteren Siedlungen
aufzugeben, berichtete der israelische Rundfunk am Dienstag.
Der Vizevorsitzende des Siedlerrats, Schaul Goldstein, erklärte,
das Gremium habe Scharons Vorschlag zurückgewiesen. Dem
Radiobericht zufolge handelte es sich um relativ kleine und isoliert
liegende Siedlungen, vier im Westjordanland und drei im Gazastreifen.
Scharon hat bereits mehrfach einseitige Schritte angedroht, sollten die
Friedensbemühungen weiterhin erfolglos bleiben.
Israel hat unterdessen den für Donnerstag geplanten
Gefangenenaustausch mit der libanesischen Hibollah-Miliz vorbereitet.
"Etwa 30 Araber", die derzeit in israelischen Haftanstalten
einsäßen, sollten zunächst in ein Gefängnis bei
Tel Aviv gebracht werden, sagte eine Gefängnissprecherin. Nach der
Freilassung würden sie dann nach Deutschland ausgeflogen, das den
Austausch vermittelt hatte. Ein libanesischer Gefangener warf Israel
vor, er sei in der Haft misshandelt und vergewaltigt worden. Zwei
Sondergesandte aus den USA wurden zu Gesprächen in Jerusalem
erwartet.
In der Nacht zu Dienstag hatte die israelische Gefängnisverwaltung
auf ihrer Internetseite die zum Teil bereits bekannten Namen von 462
Gefangenen veröffentlicht, von denen der Großteil freikommen
soll. Unter den Freizulassenden waren neben 371 Palästinensern und
23 Libanesen unter anderem auch ein deutscher Staatsbürger. Die
Namen wurden veröffentlicht, damit etwaige Kläger noch
Einspruch gegen einzelne Freilassungen einlegen können.
Im Gegenzug für die Gefangenen will die libanesische
Hisbollah-Miliz den israelischen Geschäftsmann Elhanan Tenenbaum
freilassen, den sie im Oktober 2000 entführt hatte. Zudem sollten
die Leichen von drei Soldaten überführt werden. Israel wollte
darüberhinaus die Leichen von 59 Hisbollah-Kämpfern
zurückgeben. Nach jahrelangen Vermittlungsbemühungen hatten
sich Israel und die Hisbollah am Wochenende auf den Austausch geeinigt.
Einer der 23 libanesischen Gefangenen sagte vor einem Gericht in Tel
Aviv aus, er sei bei seinen Befragungen misshandelt, geschlagen,
angespuckt, vergewaltigt und bedroht worden. Mustafa Dirani fordert
dafür sechs Millionen Schekel (gut eine Million Euro)
Entschädigung von Israel. Der ranghohe Islamistenführer war
1994 gefangen genommen worden, nachdem seine Anhänger Jahre zuvor
einen israelischen Piloten verschleppt hatten.
Derweil traf der ägyptische Aussenminister Ahmed Maher in Ramallah
mit dem palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat zusammen,
um auf ein Ende der Angriffe gegen Israelis zu dringen. Während
Arafat im Anschluss von "verschiedenen wichtigen Schritten" sprach,
verlautete aus anderen palästinensischen Kreisen, es habe keine
Einigung auf eine Wiederaufnahme von Gesprächen über einen
Waffenstillstand mit militanten Organisationen gegeben.
Auch zwei Beamten des US-Aussenministeriums, David Satterfield und John
Wolf, sollen in dieser Woche zu Gesprächen über die Road Map
eintreffen. Wolf, der die Umsetzung des Stufenplanes überwachen
soll, hatte seine Mission nach dem Angriff auf einen US-Konvoi im
Gazastreifen am 15. Oktober abgebrochen. Damals waren drei
amerikanische Sicherheitsbeamte getötet worden.
(Quellen: ap, afp)
Serie tödlicher Anschläge in Afghanistan reisst nicht ab
Kabul: Britischer Soldat kommt bei Explosion ums Leben-
Selbstmordattentäter reißt zwei Menschen mit in den Tod +++
USA zweifeln erstmals an Juni-Wahltermin in Afghanistan +++ Deutsche
Regierung erklärt sich bereit, internationale Geberkonferenz zu
Afghanistan in Deutschland auszurichten
Mi.28.01.04 - Bei einem Anschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul ist am
(heutigen) Mittwoch ein britischer Soldat getötet worden. Mehrere
Menschen seien verletzt worden, als zwei Explosionen die
Militärcamps der britischen und auch der deutschen Einsatztruppen
erschüttert hätten, teilte ein Sprecher der Internationalen
Afghanistan-Schutztruppe (ISAF) mit. Demnach detonierten die
Sprengsätze vor den Lagern. Erst am Dienstag waren in Kabul ein
kanadischer Soldat und ein afghanischer Zivilist bei einem
Selbstmordanschlag auf eine Patrouille der ISAF getötet worden.
Ert am Dienstag sind ei einem Selbstmordanschlag auf eine Patrouille
der ISAF in der afghanischen Hauptstadt Kabul ein kanadischer Soldat
und ein Zivilist getötet worden. Drei weitere Kanadier sowie acht
Afghanen wurden verletzt, wie die Polizei mitteilte.
Der Attentäter in Kabul zündete den Sprengsatz nach
Polizeiangaben in der Nähe eines Konvois der kanadischen Truppen
im Westen der Stadt. Polizeichef Ali Jan Askarjar erklärte, die
Soldaten seien in einer Kolonne von drei Fahrzeugen unterwegs gewesen,
als sich der Selbstmordattentäter auf den letzten Wagen
gestürzt und in die Luft gesprengt habe.
Bei dem getöteten Afghanen handelte es sich nach
Krankenhausangaben um einen 20 Jahre alten Mann. Zwei der verletzten
Zivilpersonen befanden sich in ernstem Zustand. Wie ein Sprecher der
Internationalen Schutztruppe (ISAF) mitteilte, waren die verletzten
Kanadier in stabilem Zustand.
Die Explosion setzte offenbar auch mindestens ein Zivilfahrzeug in
Brand. ISAF-Soldaten und die Polizei riegelten den Tatort in rund zwei
Kilometern Entfernung vom kanadischen Hauptquartier ab. Karsai
verurteilte in einer Erklärung den Anschlag und bezeichnete ihn als
Tat «terroristischer Elemente, die den Frieden und die Sicherheit
unseres Volkes stören wollen».
In einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur AP erklärte ein
Sprecher, die Taliban seien für den Anschlag verantwortlich. Der
Angriff sei erst der Beginn einer Reihe von Selbstmordanschlägen,
die bis zum Abzug der Koalitionstruppen fortgesetzt werden sollten.
Mutmaßliche Mitglieder der Taliban und der El Kaida verüben
in Afghanistan fast täglich Anschläge, Selbstmordattentate
sind dabei jedoch selten. Die Gewalt in Afghanistan hat seit
Jahresbeginn mehr als 60 Menschen das Leben gekostet. Im vergangenen
Juni waren vier deutsche Soldaten bei einem Selbstmordanschlag auf
ihren Bus getötet worden, 29 weitere wurden verletzt.
Die USA haben erstmals Zweifel an der Realisierbarkeit der für
Juni geplanten Wahlen in Afghanistan eingeräumt. Der
US-Außenamtskoordinator für Afghanistan, William Taylor,
sagte am Dienstag vor dem Auswärtigen Ausschuss des Senats, eine
Verschiebung des Termins sei nicht auszuschließen. Es sei
außerdem möglich, dass die Parlaments- und die
Präsidentschaftswahl nicht, wie ursprünglich geplant, zum
gleichen Zeitpunkt stattfinden würden.
Die deutsche Regierung erklärte sich unterdessen
grundsätzlich bereit, eine internationale Geberkonferenz zu
Afghanistan in Deutschland auszurichten.
Das Auswärtige Amt teilte mit, Voraussetzung dafür sei, dass
die afghanische Regierung und die Vereinten Nationen eine solche
Konferenz gemeinsam wünschten. Die Bundesregierung stehe mit den
beteiligten Parteien in Kontakt. Einzelheiten wie auch ein
Konferenzdatum müssten noch geklärt werden.
Die afghanische Regierung peilte bereits den 8. und 9. März an,
wie der Sprecher von Präsident Hamid Karsai, Dschawid Luddin, auf
einer Pressekonferenz in Kabul mitteilte. Während die Vereinten
Nationen eine Diskussion über die politische Situation und die
Sicherheitslage in Afghanistan angeregt hatten, soll es bei der
Konferenz, die wieder auf dem Petersberg bei Bonn stattfinden
könnte, laut Luddin nur um Finanzhilfen für den Wiederaufbau
des Landes gehen.
Die Regierung werde um rund 30 Milliarden Dollar für die kommenden
acht bis zehn Jahre bitten, sagte der Präsidentensprecher. Einen
Monat nach der ersten Petersberg-Konferenz hatten Geldgeber
während eines Treffens in Tokio bereits 4,5 Milliarden Dollar
Wiederaufbauhilfe bis zu diesem Jahr zugesagt.
(Quellen: ap, afp)
Iran: Chatami lehnt Rücktritt von Ministerriege ab
Mi.28.01.04 - Vor dem Hintergrund des innenpolitischen Streits um den Ausschluss
tausender liberaler Kandidaten von der Parlamentswahl in Iran hat
Präsident Mohammad Chatami den Rücktritt zahlreicher
Mitglieder seines Kabinetts abgelehnt. Chatami forderte die
Kabinettsmitglieder auf, ihrer Pflicht nachzukommen und ihren Dienst am
Volk weiter zu versehen, wie die amtliche Nachrichtenagentur IRNA am
Dienstag berichtete. Unterdessen zeichnete sich erstmals seit Beginn
der Krise ein möglicher Kompromiss zwischen Reformern und
konservativen Hardlinern ab.
Parlamentspräsident Mahdi Karrubi erklärte, vier Minister
unter Leitung von Geheimdienstminister Ali Junesi seien beauftragt
worden, den Ausschluss der potenziellen Kandidaten zu
überprüfen und mit dem Wächterrat zu einem Kompromiss zu
gelangen. Ein Treffen mit dem konservativen Wächterrat werde in
den kommenden Tagen stattfinden. Er sei zuversichtlich über einen
Kompromiss innerhalb der nächsten zwei Tage, zitierte der
staatliche Rundfunk Karrubi. Bis zum späten Donnerstagabend
würden gute Nachrichten verkündet.
Karrubi sagte, er selbst, Präsident Chatami und der konservative
Justizchef Ayatollah Mahmud Haschemi Schahrudi seien am Montagabend mit
dem obersten geistlichen Führer, Ayatollah Ali Chamenei,
zusammengetroffen. «Wir verteidigen nicht den Ausschluss von
Kandidaten, wenn starke rechtliche Beweise gegen sie sprechen. Aber
jeder, der unrechtmäßig disqualifiziert wurde, muss
kandidieren dürfen.»
Aus Protest gegen den Ausschluss liberaler Kandidaten für die Wahl
im Februar hatten die meisten der sechs Vizepräsidenten und 24
Minister in der vergangenen Woche ihren Rücktritt eingereicht.
Mehr als 70 Spitzenbeamte und auch Chatami selbst hatten mit ihrer
Demission gedroht, sollten freie und gerechte Wahlen nicht
gewährleistet werden. Chatami erklärte allerdings
später, er werde im Amt bleiben.
«Natürlich werden wir darauf bestehen, eine freie und
gerechte Wahl als Symbol der Demokratie abzuhalten und sicherzustellen,
dass der Prozess zu einem gerechten Ergebnis führt»,
zitierte IRNA Karrubi. Der Wächterrat hatte mehr als ein Drittel
der 8.200 Bewerber unter Angaben formaler Gründe von der Wahl
ausgeschlossen, etliche davon sind derzeit noch Abgeordnete.
(Quelle: ap)
WHO bittet Weltgemeinschaft um Hilfe gegen Hühnergrippe
Die Krankheit grassiert in zehn Ländern Asiens
Mi.28.01.04 - Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Staatengemeinschaft um
Unterstützung bei der Bekämpfung der in zehn Ländern
Asiens grassierenden Hühnergrippe gebeten. Am Dienstag wurde eine
Ausbreitung der Krankheit auch in China und Laos bekannt.
"Das ist eine ernste Gesundheitsgefahr weltweit", sagte
WHO-Generaldirektor Lee Jong Wook und bat um Gelder und die
Unterstützung durch Experten. Eine Variante der Hühnergrippe
ist in Vietnam und Thailand auf den Menschen übergesprungen. In
Thailand starb ein zweiter Junge an der Krankheit. Die Zahl der
Todesopfer in den beiden Ländern stieg damit auf mindestens acht.
Die Hühnergrippe ist bereits in Japan, Südkorea, Kambodscha,
Taiwan, Indonesien und Pakistan aufgetreten. Die Tierkrankheit springt
selten auf den Menschen über. Eine Übertragung von Mensch zu
Mensch wurde bislang nicht festgestellt.
Neben der WHO forderten auch die Ernährungs- und
Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, FAO, und das
Internationale Tierseuchenamt OIE internationale Unterstützung,
damit mehr Geld und technische Hilfe bei der Bekämpfung der
Krankheit zur Verfügung steht. "Wir haben nur wenig Zeit, um diese
Bedrohung zu beseitigen", sagte FAO-Generaldirektor Jacques Diouf.
Angaben zur Höhe der benötigten Finanzhilfen machte die WHO
nicht. Sie bat aber um Diagnose-Ausrüstungen und Schutzkleidung
für die Arbeiter, die an der Schlachtung von Hühnern
beteiligt sind. In von der Hühnergrippe betroffenen Ländern
wurden inzwischen Millionen Hühner getötet und Sperrgebiete
ausgerufen.
In Vietnam sei ein weiterer Mensch an der Hühnergrippe erkrankt,
sagte WHO-Regionaldirektor Shigeru Omi. Damit haben sich in dem Land
nunmehr acht Menschen mit dem gefährlichen H5N1-Virus infiziert,
sechs von ihnen sind gestorben. "Wir erwarten, dass es noch viele
weitere Fälle geben wird", sagte Omi. Erstmals trat dieses Virus
1997 in Hongkong auf. Damals erkrankten 18 Menschen schwer, sechs
starben. Bei dem gegenwärtigen Ausbruch der Hühnergrippe
registriert die WHO eine beispiellos schnelle Ausbreitung unter
Geflügel.
Auf einem Hof in der südchinesischen Provinz Guangxi verendeten
Enten an der auch Vogelgrippe genannten Krankheit, wie die amtliche
Nachrichtenagentur Xinhua meldete. Sie seien mit dem H5N1-Virus
infiziert. Infektionen beim Menschen seien nicht bekannt. Um eine
Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, seien rund 14.000 Hühner
in einem Umkreis von drei Kilometern geschlachtet worden. Höfe in
einem Umkreis von fünf Kilometern seien unter Quarantäne
gestellt worden. Japan stoppte umgehend den Import von Geflügel
aus China. Auch die Europäische Union (EU) hat ein Einfuhrverbot
für Geflügel und Geflügelfleisch aus Ländern
verhängt, in denen die Krankheit grassiert.
In Laos bestätigte ein ranghoher Mitarbeiter des
Landwirtschaftsministeriums, dass die Hühnergrippe im
Großraum der Hauptstadt Vientiane nachgewiesen worden sei. Unklar
war allerdings, ob es sich dabei um das H5N1-Virus oder die für
Menschen weniger gefährlichen Viren der Hühnergrippe handelt.
Wegen des sehr unterentwickelten Gesundheitssystem in Laos sei eine
Übertragung der Krankheit auf den Menschen besonders Besorgnis
erregend. "Wenn sich das Virus in Laos festsetzt, haben wir ein ernstes
Problem", sagte ein WHO-Sprecher.
(Quelle: rtr)
Europarat besorgt über Antisemitismus in Belgien -
Zunehmende Diskriminierung von Schwarzen in der Schweiz
Mi.28.01.04 - In Belgien sei eine deutliche Zunahme juden- und araberfeindlicher
Kundgebungen und Aktionen festzustellen, heißt es in einem am
Dienstag veröffentlichten Bericht des "Komitees gegen Rassismus
und Intoleranz", einer Einrichtung des Europarats in
Straßburg. In Belgien würden immer häufiger
Einzelpersonen Opfer rassistisch motivierter Beschimpfungen und
Schikanen, rügte das Komitee, dem Experten aus den 45
Europaratsländern angehören. Wiederholt seien auch bei
öffentlichen Kundgebungen und Protestmärschen antisemitische
Parolen laut geworden. Das Komitee kritisierte außerdem die
Veröffentlichung von Flugblättern und Broschüren gegen
Moslems, Juden und Bürger arabischer Abstimmung.
In dem jüngsten Lagebericht zur Schweiz zeigte sich das Komitee
"alarmiert" über die Zunahme von diskriminierenden und
rassistischen Kundgebungen gegenüber Schwarzen. Diese "feindselige
Haltung" spiegele sich in der öffentlichen Meinung des Landes
nieder, in den Reden von Politikern, in den Medien und im Verhalten
mancher Beamter. Dies gelte "besonders für Polizisten". Bei
Polizeikontrollen würden Schwarze "offenkundig nur wegen ihrer
Hautfarbe" Opfer von "physischen und verbalen Schikanen".
(Quelle: info.partisan.net [http://www.info.partisan.net/])
Französische Schüler treffen deutsche Widerständler
Mi.28.01.04 - Rund 200 französische Schüler treffen am heutigen Mittwoch in
Paris mit Überlebenden des Widerstands gegen die NS-Herrschaft aus
Deutschland und Frankreich zusammen. Die jungen Franzosen sollten von
den Augenzeugen aus erster Hand Wissen über eine "wenig bekannte
Dimension der deutschen Gesichte in den tragischen Jahren des Zweiten
Weltkrieges" übermittelt bekommen, erklärte das Pariser
Außenministerium am Dienstag. Zum Widerstand gegen den
Nationalsozialismus hätten auf beiden Seiten des Rheins
ähnliche Werte geführt, betonte das Ministerium.
Unter den deutschen Gästen ist den Angaben zufolge der letzte
überlebende Teilnehmer des gescheiterten Attentats auf Adolf
Hitler vom 20. Juli 1944, Philipp von Boeselager. Zu den bei der
Pariser Veranstaltung eingeladenen Mitgliedern der französischen
Résistance zählen demnach Raymond und Lucie Aubrac, Jacques
Baumel und Jean Gavard.
(Quelle: afp)
Blick ins Archiv:
Den zumeist unbekannten Rettern von Juden gehört ein Platz in der
Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus
... Oskar Schindler kennt inzwischen jeder. Wer aber hat schon mal was von
Ilse Totzke gehört. Die Historikerin Beate Kosmala blätterte
in ihrem Leben. Oder besser gesagt: In den umfangreichen Akten, die die
Gestapo zwischen 1936 und 1943 über Totzke anlegte. Sie belegen
für Kosmala, "wie konsequent diese eigenwillige junge Frau ihre
anti-nationalsozialistische Haltung gelebt und vertreten hatte". Mit
ersten Denunziationen sah sich Totzke bereits drei Jahre nach der
Etablierung der nationalsozialistischen Macht konfrontiert: Vorgehalten
wird ihr von anonym bleibenden Verrätern, sie pflege Kontakte zu
Juden. Trotz diverser Verwarnungen, berichtet Kosmala, sei Totzke 1942
bereit gewesen, "Ruth Basinski aus Berlin über die Schweizer
Grenze zu bringen". Das Projekt scheitert, Totzke wird ohne Verfahren
in das Konzentrationslager Ravensbrück verbracht. Sie
überlebt, nach 1957 verliert sich ihre Spur.
Ilse Totzke gehört zu denen, wenngleich wenigen, die sich im
nationalsozialistischen Deutschland darum bemüht haben, zur
Rettung von Juden beizutragen. Ihnen und ihren geglückten wie
fehlgeschlagenen Versuchen nimmt sich seit 1997 eine Gruppe von
Forschern am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung an. Den
Anstoß für das Projekt lieferte der "Verein gegen Vergessen
- Für Demokratie". Der Leiter des Zentrums, der
Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, griff dann die Idee für ein
inzwischen von diversen Stiftungen gefördertes Forschungsvorhaben
auf.
Die Recherchen, zunächst vor allem auf den Raum Berlin bezogen,
trugen mittlerweile Früchte. In einer Datenbank des Projekts
finden sich die Namen von 2225 nicht-jüdischen Deutschen, "die
unter hohem Risiko Juden auf dem Gebiet des Deutschen Reiches geholfen
hatten". Bei 120 von ihnen wissen die Historiker, dass ihre
Hilfsaktionen vom NS-Staat geahndet worden sind. "Diese Zahl", darauf
verweist Kosmala bei der Tagung ausdrücklich, "ist nicht
repräsentativ" und dürfte sich auf jeden Fall erhöhen,
wenn andere Forscher ihre Ergebnisse aus regionalen Untersuchungen
beitragen.
Die Retter, zumeist Frauen, stammten aus unterschiedlichen Milieus,
gingen handwerklichen wie intellektuellen Berufen nach und sahen sich
"Moraldilemmata", wie das die Historikerin Revital Ludewig-Kedmi nennt,
gegenüber: Für sie galt es bei ihrer Hilfsaktion zugleich die
Gefahren für die eigene Familie abzuwägen.
Die Retter boten aus überaus unterschiedlichen Motiven Rettung an.
Die einen sahen sich aus weltanschaulichen Gründen in
entschiedener Opposition zu den Nationalsozialisten, andere
ließen sich eher spontan auf Hilfsaktionen ein. Vieler der
Helfer, bilanziert die Historikerin Claudia Schoppmann, "empfanden ihr
Handeln als ihre menschliche Pflicht", als eine
Selbstverständlichkeit sozusagen. Sie selbst hätten ihre
Hilfe nicht als Widerstand begriffen. Doch "angesichts der
Judenvernichtung wurde die Rettung von Menschen zur dringlichsten und
bedeutendsten Widerstandstätigkeit", bilanziert Schoppmann:
"Deshalb sollte man aus heutiger Sicht den mutigen Einsatz dieser
Frauen und Männer durchaus als widerständiges Verhalten
begreifen" - und Widerstand nicht auf den 20. Juli begrenzen.
Frankfurter Rundschau vom 30.05.2001
Zentrum für Antisemitismusforschung:
http://www.tu-berlin.de/~zfa/
Verein gegen Vergessen - Für Demokratie
http://www.gegen-vergessen.de/
|
Greenpeace zieht gegen Weizen-Patent des Gentechnik-Konzerns Monsanto
zu Felde
Mi.28.01.04 - Greenpeace hat am Dienstag Einspruch gegen ein weit reichendes Patent
des Gentechnik-Konzerns Monsanto auf einen indischen Weizen erhoben.
Die Umweltorganisation wirft dem Europäischen Patentamt (EPA) in
München und dem US-Konzern vor, sich wissentlich über
gesetzliche Grundlagen hinweggesetzt zu haben. Greenpeace wird
unterstützt von indischen Bauern- und Umweltaktivisten und
erhält Zuspruch vom Deutschen Bauernverband ebenso wie von den
Grünen.
Die Kritiker wenden ein, dass sich das im Mai 2003 erteilte Patent gar
nicht auf eine Erfindung bezieht, sondern auf natürliche
genetische Anlagen, die auch in einem von indischen Bauern
herkömmlich gezüchteten Weizen vorkommen und seit langem
öffentlich bekannt sind. Es geht um die Sorte Nap Hal, die wegen
des geringen Anteils eines bestimmten Eiweißes besonders für
Backwaren geeignet ist. Das Patent betrifft nicht nur das Getreide
selbst, sondern teilweise auch das Mehl, den Teig und selbst die Kekse,
die daraus hergestellt werden.
Durch das Patent könne Monsanto die Weiterzüchtung des
Getreides blockieren, erklärte Greenpeace. «Das Patentamt
und die Konzerne sitzen weiterhin in einem Boot, wenn es um das
Verschachern der belebten Natur geht», rügte der
Patentexperte der Organisation, Christoph Then. Der Fall zeige erneut,
dass nur ein Verbot der Patentierung von Saatgut, Pflanzen und ihren
Genen den Missbrauch des Patentrechts stoppen könne.
Die indischen Landwirte seien «wirklich wütend»,
erklärte Krishan Vir Chaudhary von der größten
indischen Bauernorganisation BKS. Wenn Bauern durch Patente von
Konzernen abhängig würden, könne das dramatische Folgen
für die Ernährungssicherung haben.
Der Deutsche Bauernverband bekräftigte seine grundsätzliche
Ablehnung von Patenten auf Pflanzen und meldete schwere Zweifel daran
an, ob ein dermaßen weit reichender Patentschutz bis hin zu den
Verarbeitungsergebnissen haltbar ist. Der DBV mahnte erneut eine
Initiative der Bundesregierung zur Überarbeitung der
Bio-Patentrichtlinie der EU an, auf die sich das europäische
Patentamt bei der Vergabe stützte. Der Bundestag, der derzeit
über die Umsetzung dieser Richtlinie aus dem Jahr 1998 berate,
dürfe sie in der vorliegenden Form nicht verabschieden, forderte
der Verband.
Für die Grünen kritisierte die agrarpolitische Sprecherin
Ulrike Höfken, eine normale Züchtung sei keine erfinderische
Leistung. Sie äußerte sich «bestürzt»
über die Auslegung der EU-Richtlinie durch das Patentamt und
kündigte an, sich dafür einzusetzen, dass diese
«Deutungslücke» bei der anstehenden Novelle des
Patentgesetzes geschlossen werde. Der Patentanspruch von Monsanto sei
ein Angriff auf die freie Verfügbarkeit genetischer Ressourcen und
eine «unsittliche» Ausnutzung der züchterischen
Leistung von indischen Landwirten.
(Quelle: ap)
Milliardenpoker um Aventis
Pharmakonzern Sanofi will Aventis feindlich übernehmen - Bei einem
Zusammenschluss entstünde der weltweit drittgrösste
Pharmagigant +++ Clement schaltet sich in
Sanofi-Übernahmepläne ein +++ Aventis: Übernahme
würde Tausende Arbeitsplätze kosten
Mi.28.01.04 - Die Pariser Pharma-Gruppe Sanofi-Synthélabo hat am Montag eine
feindliche Übernahme gestartet und den Aktionären des
deutsch-französischen Konkurrenten ein Angebot von insgesamt 47,8
Milliarden Euro vorgelegt. Aventis rüstete sich umgehend zum
Widerstand gegen den Angriff des nur halb so grossen Rivalen.
Bei einem Zusammenschluss entstünde der weltweit drittgrösste
Pharmagigant mit rund 25 Milliarden Euro Umsatz, gut 100.000
Beschäftigten und einem Börsenwert von mehr als 90 Milliarden
Euro.
Der Aventis-Vorstand erklärte, das Angebot bewerte das 1999 aus
Hoechst und Rhône-Poulenc hervorgangene Unternehmen mit Sitz in
Strassburg zu niedrig. Es gebe "andere Szenarien", die günstiger
seien. Das nährte Spekulationen, den Angriff mit Hilfe eines so
genannten Weissen Ritters abwehren zu können.
Sanofi-Chef Jean-François Dehecq sagte in Paris: "Jeder kann
nach einem Weissen Ritter Ausschau halten." Doch habe Sanofi das beste
Angebot gemacht, und er hoffe, die Aventis-Aktionäre in den
"nächsten Tagen, Wochen und Monaten" überzeugen zu
können.
Die Aktionäre von Aventis können nach Auffassung der
Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) durchaus noch mit
steigenden Kursen rechnen. Selbst ein Neueinstieg könnte sich
unter Umständen lohnen. "Es hängt entscheidend davon ab, wie
erfolgreich die Abwehrstrategie von Aventis ist. Das gegenwärtige
Angebot von Sanofi ist jedenfalls nicht attraktiv", wird
SdK-Vorstandsmitglied Reinhild Keitel vom "Tagesspiegel"
(Dienstagausgabe) zitiert. Aventis-Chef Igor Landau dürfte
zunächst versuchen, den Börsenkurs in die Höhe zu
treiben und die Übernahme damit für Sanofi teurer zu machen,
sagte Keitel weiter.
Aventis-Aktien legten am Dienstag ein Prozent auf 59,90 Euro zu, Sanofi
stiegen zwei Prozent auf 55,55 Euro.
Im deutschen Betriebsrat wurden Befürchtungen laut, dass der neue
Konzern seinen Schwerpunkt noch stärker nach Frankreich verlagern
werde und die Einsparungen vor allem zu Lasten der 9.000 deutschen
Beschäftigten gehen könnten. Laut Sanofi soll der Sitz des
neuen Giganten in Paris sein.
Sanofi beziffert die Kosten des Konzernumbaus auf 2 Milliarden Euro.
Dem stünden Synergien von 1,6 Milliarden Euro pro Jahr ab 2006
gegenüber. Dehecq wandte sich gegen Befürchtungen, die Fusion
werde viele Arbeitsplätze kosten. Bei dem geringen Anteil der
Produktionskosten würden Betriebsschließungen kaum
Einsparungen bringen. Der französischen Sozialminister
François Fillon sagte, die sozialen Folgen der Fusion zu einem
"europäischen Giganten" könnten auch positiv sein.
Bei einem gemeinsamen "strategischen Umsatz" von 25 Milliarden Euro im
Jahre 2002 läge der Weltmarktanteil nach Sanofis Darlegung bei 5
Prozent. Alleine Aventis hatte 2002 mit 71 000 Mitarbeitern rund 20,6
Milliarden Euro umgesetzt, Sanofi mit 30 000 Beschäftigten rund
7,4 Milliarden Euro. Auf der Basis der Umsatzplanung von Sanofi
entstünde der drittgrößte Pharmakonzern der Welt nach
Pfizer und GlaxoSmithKline. In Westeuropa, Nahost und Afrika wäre
Sanofi dann die Nummer 1, in Lateinamerika und Osteuropa die Nummer 2,
in den USA die Nummer 9 und in Japan die Nummer 14.
Sanofi hatte keinen Versuch unternommen, Aventis für eine Fusion
zu gewinnen. Dehecq begründete dies mit der Notwendigkeit, schnell
und ohne große Diskussion zum Ziel zu kommen. Aventis gelte als
geschwächt und bei Sanofi laufe der Pakt der
Großaktionäre L'Oréal und Total im Dezember aus. Weil
beide Gruppen damit Gefahr liefen, übernommen zu werden, habe
Sanofi die Initiative ergriffen.
Sanofi versprach, kein eingeführtes Medikament von Aventis und
keinen Markt aufzugeben. Die Forschung solle aber auf die am meisten
versprechenden Bereiche gelenkt werden, um die Rentabilität zu
heben. Die Rendite von Sanofi-Synthélabo liege bei 24 Prozent
gegen 15 Prozent bei Aventis, hieß es. Mit einem Forschungsbudget
von zusammen 4 Milliarden Euro würde der neue Konzern zum
drittgrößten Pharmalabor der Welt. Die Entwicklung eines
Medikaments zur Marktreife kostet laut Sanofi etwa 700 Millionen Euro.
Inzwischen hat sich die Bundesregierung aus Sorge um Arbeitsplätze
in die feindlichen Sanofi-Übernahmepläne eingeschaltet.
Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) erklärte am
Dienstag, es sei zu befürchten, dass die 9000 Aventis-Stellen in
Deutschland unter einer Übernahme zu leiden hätten. Die
Bundesregierung führe daher Gespräche mit der
französischen Regierung in dieser Frage. Aventis selbst
erklärte, bei einer Übernahme durch die wesentlich kleinere
Sanofi seien bis zu 12.000 der weltweit etwa 71.000
Aventis-Arbeitsplätze in Gefahr.
Clement sagte in Berlin, es handele sich um einen Übernahmeversuch
der ungewöhnlichen Art. "Die Bundesrepublik Deutschland hat ein
hohes Interesse daran, dass der Standort Aventis in Deutschland nicht
geschwächt sondern sogar gestärkt wird." Rund 1500 der
Arbeitsplätze lägen in der Forschung. "So viele
Arbeitsplätze der Spitzenklasse haben wir nicht." Außer mit
der französischen Regierung spreche man auch mit einzelnen
Unternehmen. Details dazu nannte Clement nicht.
"Nach Aventis-Schätzungen gehen die Synergien von 1,6 Milliarden
Euro einher mit 10.000 bis 12.000 Stellenkürzungen oder zehn
Prozent der beiden Gruppen", sagte ein Sprecher des Unternehms.
Mögliche Auswirkungen einer Übernahme auf Deutschland
ließ ein Aventis-Deutschland-Sprecher unkommentiert.
Aventis will nach Angaben aus Firmenkreisen offenbar schon bei Vorlage
der Geschäftszahlen 2003 am 5. Februar eine Übersicht
über wichtige Projekte aus der Medikamenten-Pipeline geben. "Das
Unternehmen wird die Präsentation der Zahlen dazu nutzen, seine
Strategie und Performance sowie die Erwartungen herauszustellen und zu
betonen, was es in den nächsten paar Jahren leisten kann",
hieß es in den Kreisen. Dazu zähle auch die Stärke der
Medikamenten-Pipeline.
Im Dezember hatte Aventis bestätigt, an einem Plan zur
Restrukturierung zu arbeiten, mit dem mehr Ressourcen für das
Kerngeschäft frei gemacht werden sollen. Analysten erwarten, dass
Aventis kommende Woche sowohl auf die Umbaupläne als auch auf die
Pipeline hinweisen wird, um einen erheblich höheres Angebot zu
rechtfertigen. "Die Restrukturierungsnachrichten sind ebenfalls
wichtig, da sie uns eine Idee geben, was eine eigenständige
Aventis an Wachstum liefern kann", sagte Kevin Scotcher von der SG
Securities.
Zu den größten Hoffnungsträgern bei Aventis zählen
derzeit das neue Antibiotikum Ketek und das Hautkrebsmittel Genasense.
Dazu kommen eine Reihe von Medikamenten, wozu ein
Multiple-Sklerose-Mittel zählt, das gegenwärtig in Phase III
der klinischen Erprobung ist sowie ein Nachfolgemittel zum
umsatzstarken Krebsmedikament Taxotere. Exubera, ein Insulin-Produkt,
könnte ebenfalls dazu gehören. "Es wird eine gute News-Show
werden um den Preis nach oben zu treiben", sagte Christophe Van Vaeck,
Analyst bei der KBC Securities. Aventis werde alle guten Nachrichten
präsentieren, die sie haben.
(Quellen: rtr, dpa, ap)
Opfer der eigenen Strategie
... Es gehört zur Ironie der Pharma-Geschichte, dass mit Aventis
jetzt ein Unternehmen gefressen werden könnte, das sich selbst
eine Reihe von Übernahmen und Fusionen zugemutet hat, um genau
diesem Schicksal zu entgehen. Vertreter dieser aggressiven
Fusionspolitik war der langjährige Vorstandsvorsitzende
Jürgen Dormann. Dieser hatte als Hoechst-Chef im Frühjahr
1995 für mehr als zehn Milliarden Mark den US-Pharma-Hersteller
Marion Merrell Dow gekauft und damit hohes Aufsehen erregt. Dieser
Schritt, so Dormann damals, sei wichtig auf dem Weg zur Weltspitze. Die
US-Firma entpuppte sich aber als weniger zukunftsträchtig, als der
Hoechst-Chef erwartet hatte.
1998 begann Dormann – wieder um Weltspitze zu werden – mit der
Auflösung des Traditionsunternehmens Hoechst und leitete das Ende
einer ersten Adresse der deutschen Industrie ein. Dormann stieß
die Chemie ab und führte den Rest von Hoechst mit Rhône
Poulenc zusammen. Das neue Unternehmen mit dem Kunstnamen Aventis
sollte sich nur noch mit zukunftsträchtigen Geschäften
befassen. Statt dessen aber beschäftigte sich die Aventis
Belegschaft in Kulturkämpfen mit sich selbst. Franzosen und
Deutsche stritten um die Führungspositionen und die Macht in dem
Konzern, der seine Zentrale nach Straßburg legte. Nachdem es in
den USA zu einer teuren Panne mit genmanipuliertem Mais gekommen war,
wurde der Bereich Pflanzenschutz im Jahr 2002 auch noch verkauft, um
sich ganz auf das Pharma-Geschäft zu konzentrieren.
Doch der Anschluss an die Weltspitze misslang. Während der
Wettbewerber Sanofi um 30 Prozent pro Jahr beim Umsatz wuchs und seine
Gewinne in neue Medikamente investierte, gingen bei Aventis die
Sparkommissare um, Umsatzprognosen wurden nach unten korrigiert.
Aus der Süddeutschen Zeitung vom 27.01.04
Sichwort: Feindliche Übernahme
Das Vokabular ist kriegerisch, das Gebaren ebenso: Es gebe noch einige
Schlachten zu schlagen, ließ der Chef des französischen
Pharma-Konzerns Sanofi, Jean-François Dehecq, im November
verlauten. Am Montag kündigte er an, in den Übernahmekampf zu
ziehen, und legte den Aktionären des Konkurrenten Aventis ein
aggressives Kaufangebot vor. Fusionsexperten sprechen in solchen
Fällen von einer feindlichen Übernahme, da die Aktionäre
einer Firma gegen den Willen des Vorstands angesprochen werden. Um die
Kontrolle über das Unternehmen zu erlangen, wird ihnen ein Preis
für ihre Aktien angeboten, der über dem Kurswert liegt.
Bedrohte Unternehmen reagieren oft mit trickreichen Maßnahmen, um
ihr Unternehmen für Interessenten weniger attraktiv zu machen.
Dazu zählen die Beschränkung von Stimmrechten, der
Aktientausch mit einem befreundeten Unternehmen oder die
Verwässerung des Eigenkapitals, indem Aktien an die Belegschaft
ausgegeben werden. Üblich ist auch die Hilfe eines so genannten
weißen Ritters. Dieser verhindert mit einem eigenen Angebot die
feindliche Übernahme. Was in den USA schon lange verbreitet ist,
ist in Deutschland erst seit einigen Jahren üblich. Besonders
anfällig für feindliche Übernahmen sind
Aktiengesellschaften, deren Kapital sich zu mehr als der Hälfte in
Streubesitz befindet und nicht in Händen weniger
Großaktionäre.
Quelle: sz
Blick ins Archiv:
Fresssen oder gefressen werden
Die Vodafone-Mannesmann-Fusion
Größte Wirtschaftstransaktion der Geschichte
http://www.boa-muenchen.org/boa-kuenstlerkooperative/feindl01.htm
Landgericht ließ Anklage in Mannesmann-Affäre zu
Sa.20.09.03 - Vorstandschef der deutschen Bank muss vor Gericht... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0309200.htm#03092008
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0309240.htm#03092408
Mannesmann-Prozess beginnt mit Antrag gegen das Gericht
Do.22.01.04 - Im holzgetäfelten Gerichtssaal gaben sich die Angeklagten
demonstrativ gelassen +++ Verteidiger von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann scheitern mit dem
Versuch, den spektakulären Prozess um die
millionenschweren Abfindungen bei der Mannesmann-Übernahme bereits
am ersten Tag platzen zu lassen... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401220.htm#04012219
Mannesmannprozess: Ackermann und Esser attackieren die
Staatsanwaltschaft
Fr.23.01.04 - «Wir haben uns vom Prinzip der Leistungsgerechtigkeit leiten
lassen», verteidigte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann die
umstrittenen Millionenprämien +++ Ex-Mannesmann-Chef Esser wirft
der Anklagebehörde «üble Nachrede» vor +++
Staatsanwaltschaft wirft Ackermann, Esser und dem ehemaligen IG-Metall-Chef
Zwickel Untreue oder Beihilfe dazu vor... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401230.htm#04012316
Ein weiterer Bericht mit zahlreichen Links zum Thema bei heise-online (22.01.04) unter:
http://www.heise.de/newsticker/data/anw-22.01.04-006/
Harsche Kritik an Angeklagten im Mannesmann-Prozess
Fr.23.01.04 - Die Aussagen von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und anderer
Topmanager im Mannesmann-Prozess sind bei SPD und beim
Arbeitnehmerflügel der Union auf scharfe Kritik gestoßen.
SPD-Generalsekretär Olaf Scholz sprach am Donnerstag in Berlin von
"unglaublicher Arroganz" und dem "Zynismus hoch dotierter Manager".
CDA-Chef Hermann-Josef Arentz kritisierte im Zusammenhang mit dem
Prozess die erschütternde "Raffgier" einzelner Manager...
...Scharfe Kritik kommt auch von dem katholischen Sozialethiker Friedhelm
Hengsbach. "Ich habe den Eindruck, der Mann ist entweder dumm oder
stillos oder beides", kommentierte der Leiter des Frankfurter "Oswald
von Nell-Breuning-Instituts für Wirtschafts- und
Gesellschaftsethik" die Äußerungen Josef Ackermanns vor
Gericht. Er halte es für "nicht gerechtfertigt, dass ein
Konzernchef das Zehntausendfache einer Lackiererin in einer
Montagehalle verdient", sagte Hengsbach, der sich von dem Prozess
Aufschluss über die "Verfilzung" und "Vetternwirtschaft" in den
deutschen Chefetagen erhofft." Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401230.htm#04012315
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Deutsches Geschäftsklima unerwartet stark verbessert
BDI: 2,5 Prozent Wachstum für 2005 keine Utopie +++ Innerhalb
Europas haben deutsche Firmen dank der niedrigen Inflation eine gute
Wettbewerbsposition
Mi.28.01.04 - Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im Januar unerwartet
deutlich verbessert. Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Januar
zum neunten Mal in Folge, wobei die rund 7000 befragten Firmen trotz
des starken Euro ihre Geschäftsaussichten so optimistisch wie im
Vormonat und ihre derzeitigen Geschäfte besser als zuvor
bewerteten.
Der Ifo-Index für Westdeutschland erreichte nach Angaben des
Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) vom
Dienstag mit 97,4 nach 96,9 Punkten den höchsten Stand seit genau
drei Jahren. "Die erneute Besserung des Geschäftsklimaindex in
West- wie in Ostdeutschland stützt die Prognose des Ifo-Instituts,
dass sich der konjunkturelle Erholungsprozess weiter fortsetzen wird",
erklärte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Optimistisch gab
sich auch Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD):
"Überall sind die Zeichen auf Aufschwung gestellt."
BDI-Chef Michael Rogowski geht ebenfalls davon aus, dass der Funke des
weltweiten Aufschwungs auf Deutschland überspringt und die
Wirtschaft 2004 wieder um bis zu zwei Prozent wachsen kann: "Die
dreijährige konjunkturelle Eiszeit geht dem Ende zu." Nach dem
leichten Schrumpfen der Wirtschaftsleistung in Deutschland im
vergangenen Jahr erwarten Ökonomen wie Bundesregierung für
2004 ein Wirtschaftswachstum von 1,5 bis 2,0 Prozent.
Zur Überraschung vieler Analysten - die im Schnitt nur einen
Anstieg des Gesamtindex auf 97 Zähler prognostiziert hatten -
stagnierte der Teilindex für die Erwartungen bei 111,2 Punkten.
"Ich bin erstaunt, dass sich die Geschäftserwartungen auf diesem
hohen Niveau halten konnten", sagte Ulrike Kastens von Sal. Oppenheim.
"Im Januar war der Euro ja in Richtung 1,30 Dollar angestiegen und
überhaupt hatte sich die Diskussion intensiviert, ob die starke
Aufwertung sich dämpfend auf das Wirtschaftswachstum auswirkt."
Jan-Paul Ritscher von der HSH Nordbank betonte, der starke Euro habe
auch zu merklichen Kostenentlastung für die Betriebe geführt.
"Insofern dürfte die Zuversicht bei den deutschen Firmen
anhalten." Julian Callow von Barclays Capital verwies darauf, dass der
dynamische Aufschwung insbesondere in den USA die Nachfrage nach
deutschen Waren trotz des bremsenden Effekts der starken Währung
anheize.
Noch allerdings wollte Ifo-Volkswirt Gernot Nerb keine endgültige
Entwarnung geben. Viele Firmen litten bereits unter dem starken Euro,
sagte Nerb im Reuters-Interview. Die Schmerzgrenze sah Nerb bei einem
Kurs über 1,30 Dollar. Um ein Überschießen des
Euro-Kurses zu verhindern, könne er sich eine Zinssenkung um 25
Basispunkte der Europäischen Zentralbank (EZB) vorstellen.
EZB-Ratsmitglied Gertrude Tumpel-Gugerell betonte aber, die Notenbank
ziehe derzeit keine Zinssenkung in Betracht.
Am Dienstag notierte der Euro bei rund 1,257 Dollar, was Nerb als
"verträglich" bezeichnete. Der Präsident des Bundesverbands
der Deutschen Industrie (BDI), Rogowski, bezeichnete den Euro schon
jetzt als Problem: "Kaum ein Unternehmen, dass nicht in diesen Tagen
währungsseitige Ergebnisbelastungen beklagt." So meldete auch der
bayerische Autobauer BMW trotz Absatzrekords für 2003
schwächere Umsätze wegen des starken Euro, blickte aber mit
Zuversicht auf das laufende Jahr. Auch der BDI-Chef geht von einem sich
festigenden Aufschwung aus. "Zwei Prozent Wachstum in 2004 und sogar
2,5 Prozent in 2005 sind keine Utopie."
Innerhalb Europas haben deutsche Firmen Nerb zufolge dank der niedrigen
Inflation eine gute Wettbewerbsposition. Auch im Januar stiegen die
Verbraucherpreise nach vorläufigen Daten zum Vormonat nur um 0,1
Prozent, die Jahresrate betrug 1,2 Prozent.
Ganz allmählich verbucht eine wachsende Zahl an Firmen wieder
bessere Geschäfte. Der Ifo-Teilindex für die Lage legte auf
84,3 von 83,3 Punkten zu. "Dass sich die Lücke zwischen Lage und
Erwartungen schließen wird, ist klar, wobei ich mir auch
gewünscht hätte, dass das schneller von statten geht", sagte
Ritscher. Angesichts des hohen Niveaus der Erwartungskomponente hatten
einige Experten zuletzt eine "Erwartungsblase" - großen
Optimismus ohne echte wirtschaftliche Erholung - befürchtet.
Ifo-Chef Sinn erklärte, in Westdeutschland habe sich vor allem die
Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe, aber auch beim Bau gebessert. Im
Einzel- und Großhandel habe sich dagegen das Klima etwas
eingetrübt. In Ostdeutschland verbesserte sich das
Geschäftsklima auf 105,4 von 104,7 Punkten.
(Quelle: rtr)
IG BAU verzichtet in Tarifrunde vorerst auf Lohnforderung
Mi.28.01.04 - Die Industriegewerkschaft BAU will in der anstehenden Tarifrunde
für die krisengeschüttelte Baubranche vorerst auf eine
Lohnerhöhung verzichten. Vorrangig solle anstelle dessen über
die Sicherung der verbliebenen Arbeitsplätze verhandelt werden,
sagte der Gewerkschaftsvorsitzende Klaus Wiesehügel am Dienstag in
Frankfurt am Main. Die Lohn- und Gehaltstarifverträge sollen
zunächst nicht gekündigt werden.
Wiesehügel bot den Arbeitgebern an, anstelle von Lohn- und
Gehaltserhöhungen möglichst noch im Februar über
verbindliche Vereinbarungen zur Beschäftigungssicherung zu
verhandeln. Nach Angaben der Arbeitgeberverbände ist in diesem
Jahr der Abbau von weiteren 40.000 Arbeitsplätzen geplant. Der
Vorsitzende der IG Bauen-Agrar-Umwelt schlug vor, anstelle einer
Einkommenserhöhung sollten diese Jobs gesichert werden.
Damit schlage die IG BAU «ein neues Kapitel in der
Tarifgeschichte auf» und verabschiede sich von tarifpolitischen
Ritualen. Die entsprechende Entscheidung habe die Bundestarifkommission
am Dienstag trotz kontroverser Diskussion fast einstimmig getroffen.
Die Arbeitgeberverbände hatten bereits angekündigt, dass sie
keinen Spielraum für Lohnerhöhung sähen. Forderungen der
Verbände nach Arbeitszeitverlängerungen erteilte
Wiesehügel indes eine klare Absage.
Der Gewerkschaftschef schlug vor, Tarifverträge über
Arbeitszeitkonten abzuschließen. Die Konten sollten
insolvenzsicher sein und anstelle von Entlassungen abgefeiert werden.
«Wir erwarten mehr als Absichtserklärungen, wir wollen
konstruktive Gespräche», forderte Wiesehügel und
verwies darauf, dass seit 1995 mehr als 700.000 Bauarbeiter ihren
Arbeitsplatz verloren hätten. Derzeit zählt die Branche nach
Angaben der Gewerkschaft noch rund 800.000 Beschäftigte.
Zugleich verlangte Wiesehügel Vereinbarungen über eine
ganzjährige Beschäftigung von Bauarbeitern, denen derzeit
oftmals über den Winter gekündigt werde. Damit gehe ihnen
wegen der Arbeitsmarktreformen aber der Anspruch auf Arbeitslosengeld
verloren. Wer jedes Jahr arbeitslos werde, erhalte künftig maximal
nur alle zwei Jahre Arbeitslosenunterstützung. Wiesehügel
verlangte zudem verbindliche Vereinbarungen über Maßnahmen
gegen die ausufernde Schwarzarbeit am Bau sowie Regelungen zur
Frühverrentung von Bauarbeitern, die oftmals mit 55 Jahren an den
Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit angekommen
seien.
(Quelle: ap)
Streit um Arbeitszeit beherrscht Tarifrunde 2004
Die Tarifrunde 2004 kommt in Fahrt: Die IG Metall mobilisiert ihre
Funktionäre für Warnstreiks, die noch in der Nacht zum
Donnerstag beginnen sollen. Unter dem Motto «Wir für
vier» will die nach wie vor kampfstärkste deutsche
Gewerkschaft mit allen bekannten Mitteln für ihre Forderung nach
vier Prozent mehr Geld für die insgesamt 3,5 Millionen
Beschäftigten in Deutschlands Schlüsselindustrie streiten.
Doch die IG Metall sieht sich mit einer völlig neuen Situation
konfrontiert: Die Arbeitgeber wollen über nennenswerte Lohn- und
Gehaltszuwächse gar nicht erst reden und stellen dafür
ihrerseits die Forderung nach mehr Spielraum in den
Tarifverträgen, um vor allem die Arbeitszeiten verlängern zu
können. Mit Entsetzen weist die IG Metall dies zurück.
Jahrelang hatte sie um Arbeitszeitverkürzungen mit vollem
Lohnausgleich gekämpft. Der Streit um die 35-Stunden-Woche in der
westdeutschen Metallindustrie vor genau 20 Jahren gehörte zu den
härtesten Tarifauseinandersetzungen, die die IG Metall jemals
geführt hat. 1984 hatten in Baden-Württemberg und Hessen rund
56.000 Metaller bis zu sieben Wochen lang gestreikt. Mehr als 150.000
Arbeitnehmer wurden ausgesperrt. Dagegen scheiterte im vergangenen Jahr
der Versuch der Gewerkschaft, im Osten die 35-Stunden-Woche
durchzusetzen.
Längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich seien nichts anderes als
verdeckte Kostensenkungsprogramme, argumentiert der
IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters. Doch bei den
Arbeitgeberverbänden beißt er auf Granit. Unter Verweis auf
die schwierige wirtschaftliche Lage ihrer Branche bezeichnen diese eine
Öffnung der Flächentarifverträge als
überlebensnotwendig. Will die IG Metall in diesem Jahr also mehr
Geld für die Beschäftigten erstreiten, wird sie dafür
wohl oder übel Zugeständnisse beim Thema Arbeitszeit machen
müssen.
Die Baubranche hat bereits erste Erfahrungen mit Öffnungsklauseln
gemacht - schlechte Erfahrungen, wie der Vorsitzende der IG
Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), Klaus Wiesehügel, unlängst
berichtete. So habe die Branche bereits vor Jahren eine
Öffnungsklausel in Ostdeutschland vereinbart, nach der
tarifgebundene Bauunternehmer die Löhne mit Zustimmung des
Betriebsrates um zehn Prozent absenken können. «Das ist
keine Öffnungsklausel, sondern eine Absenkung von zehn Prozent
geworden», bilanzierte Wiesehügel.
Denn die Gelegenheit zur Absenkung der Löhne habe sich
natürlich kein Unternehmer entgehen lassen. Ähnliches
befürchtet Wiesehügel im Falle einer Öffnungsklausel bei
der Arbeitszeit, die auch die Bau-Arbeitgeberverbände verlangen.
Spielraum für Lohnerhöhungen sehen die beiden
Arbeitgeberverbände der Bauindustrie und des Baugewerbes ohnehin
nicht.
Die IG BAU geht zunächst ohne Lohnforderung in die Tarifrunde, wie
die Bundestarifkommission am Dienstag in Frankfurt am Main beschloss.
Stattdessen will sie über Beschäftigungssicherung am Bau
reden, wo seit 1995 mehr als 700.000 Arbeitsplätze abgebaut
wurden. Heute zählt die Branche nach Angaben der Gewerkschaft noch
rund 800.000 Beschäftigte
Quelle: ap
Blick ins Archiv:
Stichwort: 35-Stunden-Woche
Der Kampf um die 35-Stunden-Woche in der westdeutschen
Metallindustrie vor fast 20 Jahren gehört zu den härtesten
Tarifauseinandersetzungen, die die IG Metall jemals geführt hat...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv/k0304260.htm#030426_c
Stichwort: Streikrecht
Das Streikrecht ist durch Artikel 9 Absatz 3 des
Grundgesetzes verfassungsrechtlich geschützt. Als Druckmittel in Tarifkonflikten
sichert es die Durchsetzungsfähigkeit der Gewerkschaften...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv/k0304260.htm#030426_d
Stichwort: Tarifautonomie
Die Tarifautonomie leitet sich ab aus dem Grundgesetz und dem
Tarifvertragsgesetz. Dort wird Gewerkschaften und Arbeitgebern
zugesprochen, die Arbeits- und Einkommensbedingungen ohne staatliche
oder sonstige Eingriffe in freien Tarifverhandlungen kollektiv
festzulegen. «Tarifvertragsparteien sind Gewerkschaften, einzelne
Arbeitgeber sowie Vereinigungen von Arbeitgebern», heißt es
im Tarifvertragsgesetz.
In den Forderungen von CDU und FDP nach mehr Befugnissen für
Betriebsräte sehen die Gewerkschaften einen Angriff auf die
Tarifautonomie. Nach dem Willen der beiden Oppositionsparteien, aber
auch von Arbeitgeberorganisationen, sollen die Betriebsräte in den
Unternehmen Abweichungen von Tarifverträgen beschließen
können - und zwar ohne, dass die Gewerkschaften zustimmen
müssen.
Besonders in Krisenzeiten würden diese betrieblichen
Bündnisse für Arbeit den Unternehmen helfen, argumentieren
die Befürworter. Bislang ist dies ohne Zustimmung der Gewerkschaft
nach dem Günstigkeitsprinzip nur bei Regelungen möglich, die
für den Arbeitnehmer günstiger sind. Dieser Rechtsgrundsatz
solle deshalb geändert werden.
Neben einer Durchlöcherung des Flächentarifvertrags
befürchten die Gewerkschaften aber, dass die Betriebsräte
ohne ihre Beratung leicht unter Druck gesetzt werden können.
Zugleich betonen die Arbeitnehmervertreter, es gebe bereits zahlreiche
Öffnungsklauseln, die Abweichungen von den Tarifverträgen
besonders in Krisenzeiten zuließen. (Quelle: ap, 28.09.03)
Mehr unter:
http://www.tarifvertrag.de
Wirtschaftsweiser Kromphardt: Lohnzurückhaltung wäre falsch
Mo.17.11.03 - ... "Eine Vereinbarung von knapp unter drei Prozent mehr Lohn in der
Metall- und Elektroindustrie würden von der Kostenseite her keine Probleme bereiten."...
Lohnzurückhaltung sei falsch, weil dadurch die Nachfrage negativ beeinflusst würde...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0311170.htm#03111713
Wirtschaftsweiser für mehr als zwei Prozent in Metall-Tarifrunde
und gegen längere Arbeitszeiten
Mi.07.01.04 - Der Wirtschaftsweise Jürgen Kromphardt hält einen
Tarifabschluss in der deutschen Metall- und Elektroindustrie oberhalb
von zwei Prozent für vertretbar...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0401070.htm#04010721
Die Gehälter der Vorstände von Dax-Firmen sind im Jahr 2002
trotz Konjunkturkrise weiter gestiegen
DSW-Studie: Spitzenreiter DaimlerChrysler erhöhte Vergütungen
um 130 Prozent
Laut einer Studie der Deutschen Schutzvereinigung für
Wertpapierbesitz (DSW) verdiente ein Vorstand im Schnitt 1,25
Millionen Euro pro Jahr. Dies seien 90 000 Euro pro Kopf mehr als im
Vorjahr.
In der Vorstandsetage von DaimlerChrysler wird dabei mit Abstand am
meisten verdient. Der Autokonzern zahlte 2002 durchschnittlich 3,7
Millionen Euro an seine Spitzenkräfte. Verglichen mit den
Zahlungen vom Vorjahr sei das ein Plus von mehr als 130 Prozent, sagte
DSW-Geschäftsführerin Jella Benner-Heinacher. DaimlerChrysler
befinde sich mit diesen Gehältern genauso wie die mit 2,5
Millionen Euro an zweiter Stelle rangierende Deutsche Bank auf
„internationalem Niveau". Die DSW untersuchte in der Studie die
Vorstandsbezüge der 30 Dax-Mitglieder.
Den Berechnungen zufolge wurde in den Vorstandsetagen der 30
Dax-Unternehmen im Geschäftsjahr 2002 pro Kopf durchschnittlich
1,25 Millionen Euro verdient. Das sei gegenüber dem Jahr zuvor
eine Steigerung zwischen sieben und acht Prozent.
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 16.12.03
|
Ruf nach Korrekturen der Gesundheitsreform
Mi.28.01.04 - Einen Monat nach dem Start der Gesundheitsreform wird der Ruf nach
Korrekturen lauter. Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU)
stellte am Dienstag die von der Union durchgesetzte Praxisgebühr
in Frage. Man solle in einem halben Jahr einen Kassensturz machen und
klären, was die Zehn-Euro-Gebühr gebracht habe, sagte von
Beust dem «Rheinischen Merkur. Er sei «sicher, dass es eine
Nachbesserung geben muss».
Auch der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Manfred
Richter-Reichhelm, sagte der «Berliner Morgenpost»:
«Es ist denkbar, dass es die Praxisgebühr Ende dieses Jahres
nicht mehr geben wird.» Er begründete dies allerdings damit,
dass immer mehr Krankenkassen Bonusmodelle zum Erlass der Gebühr
anbieten könnten. Solche Modelle sehen in der Regel die
Einschreibung in ein Chronikerprogramm oder ein Hausarztmodell vor.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund nimmt seinerseits eine andere
Neuregelung der Gesundheitsreform aufs Korn, nach der der volle
Krankenkassenbeitrag auf Betriebsrenten und Direktversicherungen
gezahlt werden muss. Man lasse die Klagechancen dagegen in einem
Rechtsgutachten prüfen, sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende
Ursula Engelen-Kefer. Die Gewerkschaften hofften jedoch auf ein
Einlenken der Politik, das Klagen unnötig mache. Die Neuerung habe
für erheblichen Aufruhr unter Arbeitnehmern gesorgt.
Klagen erwartet der Ärzteverband NAV-Virchow-Bund auch gegen die
jüngst getroffene Chroniker-Regelung. Danach soll letztlich der
Arzt anhand vorgegebener Kriterien entscheiden, ob ein Patient
chronisch krank ist und damit Vergünstigungen bei den neuen
Zuzahlungen genießt. «Die Regelung ist eine
Wischiwaschi-Formulierung, deren Auslegung die Ärzte
zukünftig in große Schwierigkeiten bringen
könnte», warnte Verbandschef Hans-Martin Hübner.
Streitfälle würden vor den Sozialgerichten enden.
Die Querelen um die Gesundheitsreform und die Bundesagentur für
Arbeit drücken unterdessen auf die Umfragewerte der SPD. In der
wöchentlichen Umfrage von «Stern» und RTL sanken die
Sozialdemokraten im Vergleich zur Vorwoche um zwei Punkte auf 24
Prozent.
(Quelle: ap)
Trittin drückt bei Kfz-Steuer auf die Bremse
Kfz-Steuerreform erst nach Entlastung für Rußfilter
Mi.28.01.04 - Bundesumweltminister Jürgen Trittin drückt bei der geplanten
Reform der Kfz-Steuer auf die Bremse. Ein erstes Konzept des
Umweltbundesamt wies er am Dienstag zurück, weil es zu einer
höheren Gesamtbelastung der Autofahrer geführt hätte.
Gleichzeitig erklärte der Minister, dass die steuerliche
Förderung Dieselrußfiltern Priorität habe.
SPD und Grüne hatten sich Ende 2002 in ihrem Koalitionsvertrag
darauf verständigt, die Kfz-Steuer gemeinsam mit den Ländern
«ökologisch weiterzuentwickeln», ohne das Aufkommen zu
verändern. Der Vereinbarung zufolge soll die Steuer künftig
nach dem Ausstoß von Kohlendioxid und nicht mehr wie bisher nach
dem Hubraum bemessen werden. Das Umweltbundesamt hatte dazu ein Konzept
erarbeitet, das nach den Worten Trittins die Vorgabe der
Aufkommensneutralität aber nicht erfüllt.
Der Grünen-Politiker befürwortete zwar die Umstellung der
Bemessungsgrundlage für die Kfz-Steuer auf den
Treibstoffverbrauch. Er verwies aber gleichzeitig darauf, dass die
Reform der Steuer in erster Linie Sache der Länder sei.
Die «oberste Priorität» der Bundesregierung sei die
Steuervergünstigung für Autos mit Dieselrußfilter,
sagte Trittin. «Alles andere ist nachrangig.» Der Minister
hatte dazu vor einem Jahr in der Europäischen Union eine
Initiative ergriffen, die von den Landesumweltministern
unterstützt worden war. Die jetzige Diskussion um eine
Umgestaltung der Kfz-Steuer lenke von diesem Vorhaben nur ab, sagte
Trittin. «Wenn man sich auf vielen Feldern verzettelt, dann hat
man ein Problem.»
Die Gespräche mit den Ländern über die Reform der
Kfz-Steuer würden erst aufgenommen, wenn die
Steuervergünstigung bei den Rußfiltern erreicht sei.
Verkehrsminister Manfred Stolpe warnte vor zusätzlichen
Belastungen durch eine Umstellung der Kfz-Steuer. «Es darf nicht
noch teurer werden für Autofahrer», sagte er in Berlin.
Die FDP plädierte dafür, die Kfz-Steuer
aufkommenssteuerneutral auf die Mineralölsteuer umzulegen.
«Damit würde gewährleistet, dass nicht mehr der ruhende
Verkehr besteuert wird, sondern die gefahrenen Kilometer»,
erklärte Umweltexpertin Birgit Homburger. «Diese Regelung
wäre ökologisch sinnvoll und durch die Abschaffung einer
ganzen Steuerart gleichzeitig deutlich einfacher.»
(Quelle:ap )
Polizei durfte nicht vor dem Demonstrieren warnen
Mi.28.01.04 - Wenn die Polizei einen potenziellen Gewalttäter mit einem
Schreiben vor dem Demonstrieren warnt, kann dies als rechtswidriger
Eingriff in die Grundrechte gewertet werden. Das Verwaltungsgericht
Göttingen gab am Dienstag der Klage eines 29-jährigen
Göttingers gegen ein so genanntes
«Gefährderanschreiben» statt, mit dem die Polizei den
Studenten im Dezember 2001 vor der Teilnahme an Demonstrationen gegen
einen EU-Gipfel in Brüssel gewarnt hatte. Nach Angaben einer
Gerichtssprecherin handelt es sich um das erste Urteil zu einem
derartigen polizeilichen Schreiben.
Das Schreiben stelle einen Eingriff in die Freiheit dar, sich zum
Demonstrieren entschließen zu können, die bereits von den
Grundrechten auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit geschützt
werde, sagte Gerichtssprecherin Hannelore Kaiser. Der Eingriff sei
rechtswidrig gewesen, weil die Polizei die Einstufung des Klägers
als potenziellen Gewalttäter nicht habe begründen
können. Allerdings sei sie zu Recht von Gefahren durch
Demonstrationen bei dem EU-Gipfel ausgegangen.
Der 29-Jährige sei zwar in einer polizeilichen Datei für
links motivierte Straftäter gespeichert und habe auch unter
Beobachtung gestanden, sagte die Gerichtssprecherin weiter. Er sei
jedoch abgesehen von einer Jugendstrafe wegen Fahnenflucht im Jahr 1994
nie bestraft worden und habe ein sauberes Führungszeugnis. Auch
das von der Polizei vorgelegte Material habe keine Anhaltspunkte
für eine Beteiligung des Klägers an Gewalttaten enthalten.
Eine bloße Teilnahme an Demonstrationen mache niemanden zum
Gewalttäter. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der
Entscheidung ließ die Kammer die Berufung gegen das Urteil zu
(Quelle: ap)
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