Musiktheoretiker,  Komponist,  Medienkünstler  -  Bemerkungen  zu  Hans Rudolf Zeller

(anläßlich des Konzerts zum 70. Geburtstag von HRZ am 10. April 2004 im Gasteig, München)


Michael Kopfermann: ...da gab es früher eine Performance von Zeller mit dem Titel Denkfigur, die mir als ein Glanzpunkt in Erinnerung geblieben ist. Und das ging so in einem Guß eins ins andere, daß ich annehme, das ist der Ansatzpunkt für Performance, von dem her auch die Scriptophonie mit vorzustellen ist...

...DieScriptophonie beschäftigt Zeller anscheinend schon sehr lange und immer wieder und daß das authentisch läuft, das ersehe ich aus dem Vergleich mit der Denkfigur: ...daß der Mann, der da steht, auf seinen Notizblock schaut, unter Umständen in umgekehrter Form, sich selber anschaut und eine Denkfigur macht, indem er denkt. Das geht gut ineinander. Und vom Theaterspielen der Phren-Gruppe her genommen ist das eindrucksvoll. Ich hatte die Idee, ob man Zeller fragen könnte, bei Phren mitzumachen, was aber nicht stattgefunden hat...

...ich bin selber kein Performancekünstler, sondern hänge dem Gedanken nach, daß es Theater und Musik und bildende Kunst gäbe und ich habe nie verstanden, wie Performance da lokalisiert ist zwischen diesen Größen, die mir im Kopf sind. Das macht aber nichts...

... wie ich auch brüsk zu verstehen gegeben habe, daß wir über Debussy niemals ins reine kommen. Das kann man aber so lassen. Zeller schätzt Debussy - so scheint es -, ich schätze ihn nicht. Und das betrifft nun die Frage von Zeller als Historiker. Da hat man ja bei einer ganzen Reihe von Unternehmungen, die er anngefangen hat oder durchführt, den Eindruck, daß er das erstaunlich auf eine Weise herauskitzeln kann, die einem selber gar nicht gegeben ist, z.B. Ben Johnson und Wyschnegradsky und Häba muß man nenne. Da verdankt man Zeller Aspekte der Historie, die, ohne das was er gemacht hat wohl so nicht bekannt wären. Das sage ich, obwohl ich mit ihm über Debussy nicht klarkomme...

...Monotonie sehe ich als notwendiges Stadium neuerer, experimenteller Kunst an. Ich habe sogar geschrieben Monotonie-Bedingung. Also das heißt, man fände sich in einer Lage, wo man die großen Sprünge mit großangelegten Dispositionen nicht machen kann ohne ins Falsche zu geraten. ... es mag sein, daß es für Zeller nooh schwieriger gewesen ist sich durchzufinden in einer Lage, wo auf Monotonie zu setzen ist. Das scheint er getan zu haben. Also das habe ich auf meine Weise auch getan. Daß etwas ein Umkreisen von immer ganz Ähnlichem notwendig macht.

Stephan Wunderlich: Was wäre das Ähnliche, kann man das benennen?

Kopfermann: Das fast immer Gleiche. Das immer fast Gleiche.

Wunderlich: Dieses Gleiche, um das es geht, ich hatte angenommen, daß Sie dies beim Phren-Ensemble Musik nennen.

Kopfermann: Musik nenne ich das deswegen, weil da mit Tönen und nur mit Tönen gearbeitet wird. Aber daß das jahrelang immer ganz ähnlich ausfällt, das ist eine eigene Sache. Das gibts offenbar im bildnerischen Bereich auch.


(aus einem Gespräch zwischen Michael Kopfermann und Stephan Wunderlich am 5. April 2004)








...hochoriginelles, einzigartiges Kunstmachen,
auf ganz andere Weise Audiovisuelles zu zeigen
als üblich.

..dazu gehört, daß Zeller Dinge "herauspreßt",
an die andere nicht denken...

Deshalb wird alles - auch in der Darstellungsweise -
so auffällig komplex...


Josef Anton Riedl, Murnau 8.5.2004












Der Musiktheoretiker und Autor mehrdimensionaler Kompositionen, Hans Rudolf Zeller, verwendet Overheadprojektoren, um Interaktionen zwischen Denken, Sprechen und Schreiben zu visualisieren.

Er entwickelt seit fast vierzig Jahren, ausgehend von der Schwierigkeit von Notationen und deren "Zeichen", das künstlerische Konzept einer Schrift-Laut-Musik. Kompositorische Prozesse werden spielerisch Gegenstand von Komposition. Notation aufgefasst als Zeichensetzen, von Gedanken über Sprechen zum Schreiben. Das Spielfeld sind meist Diascriptoren, die den eher intimen Vorgang des Notierens öffentlich machen. Zeller benutzt die Schreibfläche zur Auseinandersetzung mit Schrift und Gedanke. Duktus der Handschrift und Gestik korrespondieren mit Sprech- und Hörfiguren. Diese eher intimen expressiven Vorgänge werden durch die Projektion "veröffentlicht". Da die Folie frei bewegt werden kann, läßt sich das Tempo der Aktion furios steigern.

1993 führte Zeller beim Verein für experimentelle Musik Darmstadt einige Scriptophonien vor. In Janein mutiert der Schreibgestus nach und nach ein "Janein" in ein resignierendes "Naja". Lesefigur verbindet gesprochene Bruchstücke gelesener Texte über gedankliche Reflexion mit Notationen. Aus "Marx" entwickelte Zeller den "Markt", verschlüsselt durch fast unleserliche Schriftzüge, was den Witz vor der Banalität rettete.

2000 wurden erstmals auch Stücke im Ensemble vorgeführt. Die Stücke unter dem Titel Scriptophonie werden von wechselnden Spielerbesetzungen realisiert (Ensemble für experimentelle Musik München: Edith Rom, Stephan Wunderlich, Hans Rudolf Zeller und Ferdinand Dörfler). Kompositorische Prozesse werden spielerisch Gegegenstand von Komposition, allerdings mit stark improvisatorischen Aufführungen. Die spannende Frage war, ob die Konzeption Zellers auch im Ensemble realsisierbar ist, hatte er doch bis dahin seine Ideen immrr allein vorgeührt und dadurch eine sehr originelle Aufführungsweise etabliert. Das Ergebnis war ein voller Erfolg.


Hans Essel, Verein für experimentelle Musik Darmstadt






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Michael Kopfermann, geboren 1936, Studium der Musikwissenschaft, 1966/67 Studium bei Rudolf Kolisch in den USA, seit 1968 Leitung des PHREN-Ensembles München, Mitarbeit am Büchner-Theater München und seit 1977 bei der PHREN-Theatergruppe.

Veröffentlichungen: analytische Arbeiten zu Bach, Beethoven, Bruckner, Schönberg, sowie zur Musik des PHREN-Ensembles (u.a. in Musik-Konzepte, Zeitschrift für experimentelle Musik, PHREN Verlag München).



Josef Anton Riedl wurde in München geboren, studierte bei Carl Orff und Hermann Scherchen, erhielt Anregungen durch Pierre Schaeffer sowie Förderung durch Hermann Scherchen und Carl Orff.

1959 initierte Riedl die Gründung des Siemens-Studios für elektronische Musik in München, dessen künstlerischer Leiter er wurde. Von 1974 bis 1982 leitete er das Kultur Forum in Bonn, die Tage Neuer Musik Bonn, und seit 1960 leitet er die Klang-Aktionen München. Seit 1998 ist er programmierend, organisierend für die musica viva München tätig. Zusammenarbeit mit Film- und Theaterregisseuren, Malern, Architekten, Schiftstellern.

Riedl realisiert insbesondere mit der von ihm gegründeten Gruppe Musik/Film/Dia/Licht-Galerie auf allen wichtigen In- und ausländischen Festivals Multimediakompositionen, audiovisuelle Environments, Klang-Exkursionen, Filmaufführungen mit live-gespielter Musik, Konzerte, Installationen. Riedl erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise.




Hans Essel, geboren 1948, Physiker. Klassische Geige seit 1960. Seit 1982 Improvisationen unter Verwendung von Bandmaschinen und Gründung der Improvisationgruppe SAH in Heidelberg.

Seit 1985 mit Marit Hoffmann und Thomas Stett die Gruppe ARGO (statt tradierte Wege improvisatorischer Musik zu beschreiten, ging es darum, einen eigenen Kontext für Improvisation zu entwicklen). Aufführungen in Darmstadt, Frankfurt, Wiesbaden und München.

siehe auch: http://vemd.gsi.de/essel.htm






Hans Rudolf Zeller - Konzert zum 70. Geburtstag

Eigene Werke und Beiträge von  künstlerischen Weggefährten und befreundeten Kollegen: 10.April.2004, 20:00 Uhr, München, Gasteig - mit Hans Rudolf Zeller, Dieter Schnebel, Heinz-Klaus Metzger, Rainer Riehn, René Bastian, Louise Ingebos, Jörg Burkhardt,  Edith Rom und Stephan Wunderlich...

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Hans Rudolf Zeller - Schrift - Laut - Musik

Hans Rudolf Zeller entwickelt seit fast vierzig Jahren, ausgehend von der Schwierigkeit von Notation und deren "Zeichen", das künstlerische Konzept einer Schrift - Laut - Musik...

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Hans Rudolf Zeller - Methaphilosophische Voraussetzungen der Schrift-Laut-Musik

Auszug aus dem erstmals in PHREN 5.-17- Jahrestagung 1981-1994 - Dokumentation Teil II erschienen Aufsatz (PHREN-Verlag München, Freiburg i. Br. 1996):

"... Wir haben zu wählen: zwischen neuartigen Bezeichnungsweisen, Zeichensystemen, um 'Neues' auszudrücken und einer neuen Bestimmung der Zeichenfunktion selbst. Ob wir im Grunde komponieren wollen, d.h. aufschreiben oder ob wir das Komponieren selbst zum Problem machen wollen. Sobald, in welcher Form auch immer, etwas fixiert wird, bewegen wir uns im zugewiesenen Feld. Erst wenn das Fixieren selbst in Frage gestellt ist, sind wir im Freien. Was heißt Komponieren? Warum wird fixiert, was geschieht eigentlich, wenn fixiert wird? Der moderne Sprachbegriff erlaubt es, für alles Ausdrückbare Zeichen zu finden. Wer daran nicht irre wird, ist entweder naiv oder bewußt reaktionär hinter radikaler Tarnfarbe.

... Wer sich dem Problem stellt, muß praktisch aufs Komponieren, wie's bisher verstanden wurde, verzichten, d.h. auf's Stücke-schreiben, 'Formen'-erfinden, 'Klangvisionen'-äußern u.a. Denn dies ist alles zur Genüge erforscht, es gibt keine unbebauten Stellen mehr (für Epigonen ist natürlich noch genug Spielraum vorhanden)... "


Mehr unter:
http://www-w2k.gsi.de/vemd/scriptop.htm

Ungekürzte Fassung unter::
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/hrz_mvs.htm



Hans Rudolf Zeller - DIA-LOG

für zwei Akteure an zwei Diascriptoren...

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Hans Rudolf Zeller - Musik der anderen Tradition - Mikrotonale Tonwelten

Musik der anderen Tradition - Mikrotonale Tonwelten ist der Titel eines von Hans Rudolf Zeller mitherausgegebenen Sonderbandes der Reihe Musik-Konzepte - Hrg. Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn, edition text + kritik im Richard Borrberg Verlag, München 2003...

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Hans Rudolf Zeller - Tesa-Arbeiten und Klammerausdrücke

Der Beginn der künstlerischen Arbeit mit Tesafilm ist von Hans Rudolf Zeller mit einem Kalenderblatt vom Juni 1961 fixiert worden, ihr Ende bleibt bis heute offen...

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Hans Rudolf Zeller, geboren 1934 in Berlin, Studien in Freiburg und Köln. Seit 1959 Essays, Rundfunksendungen, Übersetzungen und experimentelle Texte. Mitarbeiter der Schriftenreihe MUSIK-KONZEPTE und der ZEITSCHRIFT FÜR EXPERIMENTELLE MUSIK. Editionen: Dieter Schnebel Denkbare Musik (1972) und Cage Box (1979). Xenakis-Ausstellung in Bonn (1974). Veranstaltungsreihe über Musik der anderen Tradition (Bonn 1981), über das Gesamtwerk von Alban Berg (Kalkutta 1985 / München 1986), über Edgard Varese und Ferruccio Busoni (Sofia 1994). Entwurf einer kinematologischen Literatur in verschiedenen Dimensionen: Textbänder -operative Texte - Handschriften - Versuche für Sprechorgane u.a. Blablamata (1963),  kinem kontexte (1965); kinem X. Seit 1976 Medienkompositionen (Marx-Mill; Schallplattenmusik) sowie Sprech-Schriften und Stücke für Stimme(n) und Diascriptor(en)  (u.a. DENKFIGUR, DIA-LOG, Essay über Klänge, ohne abzusetzen, Klavierartikulation). In den 90er Jahren Vortragsreisen über werkspezifische Mikrotonsysteme und Modelle der Medienkomposition. Husserl-Töne für Sprecher und Folienprojektionen. Arbeiten zum Projekt Schrift - Laut - Musik mit Videoproduktionen (Scriptophonie). Siebenteilige Sendereihe: Kriterien der experimentellen Musik (1999). Mitherausgeber von Musik der anderen Tradition - Mikrotonale Tonwelten (2003). Sendereihe Zwischen Mythos und Mathematik - Iannis Xenakis und die experimentelle Musik danach (2004).


 

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