Aktuelle Nachrichten
Irak am ersten Jahrestag nach Kriegsbeginn
Bush: Irak-Streit mit Verbündeten ist Vergangenheit.
Irak-Koalition wackelt weiter. Powell in Bagdad: USA halten Kurs.
US-Soldaten sollen zwei arabische Journalisten getötet haben. Zum
ersten Jahrestag des Kriegsbeginns demonstrieren in der irakischen
Hauptstadt tausende Menschen gegen die Besatzung.
Zahl der in Irak getöteten US-Soldaten stieg auf 569. Annan
fordert Untersuchung zum Programm Öl für Lebensmittel.
Weltweite Proteste zum ersten Jahrestag des Irak-Kriegs
Sa.20.03.04 - Zum Jahrestag der Irak-Invasion hat US-Präsident George W. Bush
die Differenzen mit den Gegnern des Krieges für beendet
erklärt und zur Geschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus
aufgerufen.
Bei seiner Ansprache vor Vertretern aus 84 Staaten im Weißen Haus
räumte Bush "Meinungsverschiedenheiten zwischen alten und
bewährten Freunden" in der Frage des Irak-Krieges ein. Diese
Differenzen gehörten jedoch "der Vergangenheit" an. Alle
könnten nunmehr darin übereinstimmen, dass der Sturz des
irakischen Staatschefs Saddam Hussein eine "Quelle der Gewalt,
Aggression und Instabilität im Nahen Osten beseitigt" habe.
Unabhängig von früheren Ansichten habe jede Nation ein
Interesse an einem freien, friedlichen und demokratischen Irak.
An die Staatengemeinschaft appellierte Bush, Anschlägen und der
Gefahr des Terrorismus entschlossen zu trotzen. Es sei die Pflicht
einer jeden Regierung, "die Bedrohung des Terrorismus zu bekämpfen
und zu zerstören". Der Hass der Terroristen könne nicht durch
Zugeständnisse besänftigt werden, sagte Bush. Ihr Ziel sei es
vielmehr, die "Kontrolle über die Völker des Nahen Ostens" zu
erlangen und den Rest der Welt mit "Massenvernichtungswaffen zu
erpressen". Jedes Zeichen von Schwäche oder Rückzug lade zu
noch mehr Gewalt ein.
"Sie und ihre Kameraden haben ein schreckliches, diktatorisches Regime
gestürzt, das eine Gefahr war für seine eigenen Bürger,
für die Region und für die Welt", sagte Powell vor Soldaten
und Zivilangestellten der Besatzungstruppen in Irak.
Am heutigen Samstag jährt sich zum ersten Mal die US-geführte
Invasion zur Entmachtung des irakischen Staatschefs Saddam Hussein. Die
US-geführten Truppen sind daher in erhöhter Alarmbereitschaft.
Die US-geführte Kriegskoalition gerät derweil weiter ins
Wanken. Nach dem angedrohten Truppenabzug Spaniens zog am Freitag
Südkorea ein Angebot zurück, Soldaten in die nordirakische
Stadt Kirkuk zu entsenden. Lediglich Japan und Australien bekannten
sich zur Irak-Mission, auch Polen sagte nach heftiger Kritik wieder
seine Unterstützung zu.
Das südkoreanische Verteidigungsministerium erklärte zur
Begründung, Washington habe Seoul zur Beteiligung an
Militäroffensiven gedrängt. Die geplante Mission solle jedoch
ausschließlich dem friedlichen Wiederaufbau Iraks dienen. Da die
zunehmend schlechte Sicherheitslage in Kirkuk tatsächlich
militärische Einsätze notwendig machen könnte, werde nun
nach einem anderen Ort für die Stationierung der zugesagten 3.600
Soldaten gesucht.
Der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski versicherte
US-Präsident George W. Bush, die polnischen Truppen würden
«so lange wie notwendig und noch einen Tag länger» in
Irak bleiben, wie sein Sicherheitsberater mitteilte. Am Donnerstagabend
hatte Kwasniewski noch erklärt, Polen sei hinsichtlich irakischer
Massenvernichtungswaffen von Washington falsch informiert worden und
erwäge einen frühzeitigen Abzug seiner 2.400 Soldaten.
Angesichts der wachsenden Kritik am Irak-Einsatz der USA appellierte
Australien an die Koalitionsmitglieder, sich weiter in Irak zu
engagieren. Es gelte, dem Terror die Stirn zu bieten, sagte
Außenminister Alexander Downer.
US-Außenminister Colin Powell hat bei einem
Überraschungsbesuch in Bagdad eine positive Bilanz der
US-Intervention gezogen. Gleichzeitig protestierten in der irakischen
Hauptstadt Tausende von Menschen gegen die Besatzung.
Vor Hunderten US-Soldaten und zivilen Kräften sagte Powell am
Freitag, der Irak und seine Nachbarn müssten nicht länger das
von den USA vermutete Chemiewaffenarsenal des gestürzten
Präsidenten Saddam Hussein fürchten: "Wir müssen uns
darüber an diesem März-Tag keine Gedanken mehr machen, an dem
sich der Beginn des Krieges jährt." Die USA hatten den Krieg unter
anderem mit der Behauptung begründet, Irak verfüge über
Massenvernichtungswaffen, blieben den Beweis bislang jedoch schuldig.
Der Krieg habe dem Land nach Jahrzehnten der «schrecklichen
Diktatur» eine Zukunft eröffnet, in der die Menschenrechte
und die Freiheit der Bürger gewahrt würden, sagte Powell auf
einer Prssekonferenz. «Ich bin auch hier in Bagdad, um das
ungebrochene Engagement der USA im Irak zu demonstrieren»,
fügte er hinzu.
Powells Pressekonferenz begann mit einem Eklat, als rund zwei Dutzend
arabische Journalisten aus Protest gegen den Tod zweier irakischer
Journalisten den Saal verließen. Nach Angaben von Augenzeugen war
ein Team des arabischen Nachrichtensenders El Arabija in der Nacht
zuvor an einer Straßensperre des US-Militärs gestoppt
worden. Dann sei ein Mann mit seinem Auto versehentlich gegen das
gepanzerte Fahrzeug der Soldaten gefahren. Diese hätten daraufhin
das Feuer eröffnet und den Kameramann Ali Abdelasis und den
Reporter Ali el Chatib in ihrem Auto getroffen.
Er bedauere den Tod der Journalisten, kenne aber die näheren
Umstände nicht, sagte Powell. Ein weiterer Iraker wurde am Freitag
laut Augenzeugen in Bagdad von US-Soldaten in seinem Wagen erschossen,
nachdem er an einer Straßensperre nicht angehalten hatte.
Nach dem Freitagsgebet versammelten sich rund 5000 Iraker zu einer
Protestkundgebung zum ersten Jahrestag des Kriegsbeginns (20.
März) im Stadtteil Adhamija, in dem vorwiegend sunnitische Muslime
leben. Eine Gruppe von Schiiten aus dem benachbarten Stadtteil
Kadhimija schloss sich dem Protestzug an. In Sprechchören riefen
sie: «Mit unserem Leben und unserem Blut opfern wir uns für
dich, oh Irak». «Nein zur Spaltung durch die
Amerikaner», hieß es auf Spruchbändern. Einige
Teilnehmer riefen Slogans gegen die neue Übergangsverfassung.
Auch das Begräbnis der zwei El-Arabija-Journalisten am Freitag
wurde zur Protestaktion gegen die US-Besatzung. «Die Situation im
Irak wird von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde düsterer»,
sagte der Geistliche beim Totengebet vor dem Bagdader Büro des
Senders.
Die Zahl der in Irak getöteten US-Soldaten stieg unterdessen auf
569. Bewaffnete töteten am Mittwoch in der Provinz El Anbar zwei
Marineinfanteristen, wie die Streitkräfte am Freitag mitteilten.
Angesichts von Korruptionsvorwürfen im Zusammenhang mit dem
Programm Öl für Lebensmittel in Irak hat
UN-Generalsekretär Kofi Annan eine unabhängige Untersuchung
vorgeschlagen. Diese sollte auf höchster Ebene stattfinden und
alle Aspekte der Verwaltung dieses Hilfsprojekts umfassen, forderte
Annan am Freitag in einem Schreiben an den Weltsicherheitsrat.
Zuvor waren Vorwürfe laut geworden, UN-Bedienstete könnten
aus dem Programm Millionenbeträge abgezweigt haben. Auch soll der
inzwischen gestürzte irakische Staatschef Saddam Hussein
Schmiergelder gezahlt und dadurch weitaus höhere Einnahmen als
zulässig erzielt haben. Das im vergangenen November ausgelaufene
Programm erlaubte Irak einen begrenzten Verkauf seines Öls, um mit
dem Erlös Lebensmittel und humanitäre Versorgungsgüter
für die Bevölkerung beziehen zu könne.
Die erhobenen Anschuldigungen müssten sehr gründlich
geprüft werden, um den Dingen auf den Grund zu gehen, sagte Annan
vor Journalisten. Es gehe hier nicht zuletzt um den Ruf der Vereinten
Nationen. Den Sicherheitsrat forderte der Generalsekretär zur
aktiven Unterstützung der Untersuchung auf. Wie er sich dies im
Einzelnen vorstelle, werde er in Kürze in einem weiteren Schreiben
darlegen.
Zum ersten Jahrestag des Irak-Kriegs haben Friedensaktivisten in aller
Welt zu Protestkundgebungen aufgerufen. Die Serie der Demonstrationen
begann am Samstag in Australien unter Beteiligung tausender
Kriegsgegner. Allein in Sydney marschierten und 3.000 Menschen durch
die Straßen und verlangten einen Abzug der Koalitionstruppen aus
Irak.
«Binnen der nächsten 24 Stunden werden weltweit Millionen
Menschen ihre Regierungen aufrufen, keinen Krieg zu führen,
sondern den Menschen Frieden zu bringen», sagte Pamela Curr vom
Organisationsteam in Sydney. Der australische Premierminister John
Howard hat den Irak-Kurs der USA und Großbritanniens von Anfang
an unterstützt und auch 2.000 Soldaten für den Irak-Krieg
bereit gestellt. Er wurde von den Protestierenden entsprechend
angegriffen.
In Hongkong war eine Demonstration zum Konsulat der Vereinigten Staaten
geplant. Der Irak-Krieg habe den Terrorismus weiter geschürt,
kritisierte der Aktivist Lau San Ching. Damit habe US-Präsident
George W. Bush nicht nur dem irakischen Volk, sondern der ganzen Welt
viel Leid zugefügt.
Auch in den USA waren für das Wochenende Protestkundgebungen im
ganzen Land geplant. In San Francisco gingen schon am Freitag knapp
1.000 Menschen auf die Straße, um ihre Ablehnung von Bushs
Irak-Politik zu bekunden. Die Demonstranten forderten auf
mitgeführten Plakaten das Ende der "Invasion" von US-Firmen in Irak
und Mittel für das Gesundheitswesen statt für den Krieg. Der
Demonstrationszug, der ein Verkehrschaos auslöste, führte zum
Sitz von Bechtel, einem am Wiederaufbau Iraks maßgeblich
beteiligten US-Konzern. Bereitschaftspolizei legte einigen
Demonstranten, die den Eingang der Firma bockierten,
Plastikhandschellen an und führte sie ab.
Die Polizei nahm 19 Demonstranten fest, unter anderem wegen
Übergriffs auf einen Beamten und Blockade einer Firma, die
führend am Wiederaufbau Iraks beteiligt ist.
Vor einem Jahr hatten die Anti-Kriegs-Demonstrationen in San Francisco
noch 20.000 Menschen angezogen. Gleichwohl rechneten die Organisatoren
der rund 250 für Samstag geplanten Protestveranstaltungen auch
diesmal wieder mit viel Zuspruch. Vor allem in New York wurden tausende
Menschen zu einer Großkundgebung erwartet. Dabei sollten nach
Angaben der Organisatoren nicht nur der Irak-Krieg und die anhaltende
Besetzung des Landes, sondern die gesamte Politik der Regierung Bush
angeprangert werden.
(Quellen: rtr, ap, afp)
Blick ins Archiv:
Krieg gegen Irak hat begonnen
Do.20.03.03 - US-Präsident: Erste Phase der Entwaffnung des Irak sei eingeleitet worden +++
Knapp zwei Stunden nach Ablauf des Ultimatums an Saddam Hussein: Luftangriffe auf Bagdad +++
USA und Großbritannien haben 280.000 Mann in der Golfregion zusammengezogen +++
Bush: Krieg könne länger dauern und schwieriger werden als manche vorhersagten... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv/k0303200.htm#news
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... Mehr unter:
http://home.t-online.de/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
Informationen zu den Friedensdemonstrationen am Jahrestag des Irak-Kriegs:
http://www.friedenskooperative.de/
http://www.friedensratschlag.de
Demonstrationszug zum amerikanischen Luftwaffenstandort Ramstein:
http://www.ippnw.de/ramstein/
Ist der Irak-Krieg der Anfang vom Ende der Bush-Regierung?
Eigentlich sollte es in diesen Tagen ein Fest geben, eine
glamouröse Triumphbogen-Veranstaltung der Sieger, die das
einjährige Jubiläum ihres Feldzugs im Irak feiern. Doch
längst beherrscht der Katzenjammer die Bush-Krieger, die sich
ihres Sieges nicht wirklich erfreuen können, weil die Probleme
größer denn je zuvor sind und kaum ein Tag ohne neue
Anschläge vergeht. Die "Neue Weltordnung nach dem 11.September",
die einige vorschnell ausriefen und in der sich Bush wohl als
Zentralgestirn eines omnipotenten amerikanischen Empire sah,
könnte zum historischen Intermezzo verkümmern. Wurden Bush
bisher keine Denkmäler gesetzt, werden die Chancen, dass der
US-Präsident diesen Krieg schließlich doch noch politisch
gewinnt bzw. ihn in seiner Wiederwahl überlebt, immer geringer.
Bush hat seinen Krieg gewollt und bekommen - nur eben zu Konditionen,
die ihm erst die Wirklichkeit eröffnet haben....
Aus: Goedart Palm "Der Irak-Krieg - der Anfang vom Ende der
Bush-Regierung?", telepolis vom 20.03.04:
http://www.telepolis.de/deutsch/special/irak/16997/1.html
Angebot ohne Nachfrage
Die Vereinigten Staaten wollen ihren Demokratiebegriff in den
islamischen Staaten vermarkten. Aber ihre Marketingstrategie ist so
fraglich wie die Qualität des Produkts...
meint Norman Birnbaum in der "tageszeitung" vom 20.03.04:
http://www.taz.de/pt/2004/03/20/a0203.nf/text
Norman Birnbaum, 77, ist Publizist und emeritierter Professor für
Geschichte an der Georgetown University in Washington, D.C. Er gilt als
einer der führenden Köpfe der US-amerikanischen Linken
Zauberformel für den Erstschlag
Der Krieg der USA und Großbritanniens gegen Irak ist vielfach
pauschal als "Niederlage der UNO" interpretiert worden. Doch diese
Beurteilung lässt die sechsmonatige Phase vor Kriegsbeginn
außer Acht. Am 12. September 2002 hatte US-Präsident George
Bush die Vereinten Nationen in einer Rede vor der Generalversammlung
zur Unterstützung eines militärischen Vorgehens gegen Irak
aufgerufen. In den folgenden sechs Monaten gelang es den USA und
Großbritannien jedoch trotz intensiver Bemühungen nicht, im
UNO-Sicherheitsrat eine Resolution zur Kriegsermächtigung
durchzusetzen. Aus der Resolution 1441 vom 8. November 2002 lässt
sich - entgegen allen anders lautenden Behauptungen Washingtons und
Londons und den Aussagen mancher CDU-PolitikerInnen - auch mit noch so
abenteuerlichen Interpretationskünsten keine völkerrechtliche
Legitimation für den Krieg ableiten...
meint Andreas Zumach in der "tageszeitung" vom 20.03.04:
http://www.taz.de/pt/2004/03/20/a0191.nf/text
«Am Anfang hatten wir noch das Gefühl, dass sich die
Situation verbessern wird, weil wir von Saddam Hussein befreit
waren», berichtet der Apotheker Ahmed Rida. «Jetzt aber ist
der Traum vorbei.»
Der Aufbau nach dem Golfkrieg, der am 20. März 2003 begann,
gestaltet sich weit langsamer und schmerzhafter als zuvor gedacht.
Chaos und Unsicherheit regieren die Straßen, Anschläge sind
an der Tagesordnung. Zudem liegen noch immer Strom- und
Wasserversorgung im Argen, Arbeitslosigkeit und Mangel bestimmen das
Leben vieler Familien. «Er wird immer schlimmer», sagt
Rida. «Das Chaos regiert. Sicherheit gibt es nicht.» Der
24-Jährige hat sich angewöhnt, sein Haus mit einer Pistole im
Gürtel zu verlassen...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/k0403170.htm#040317_a
Ein Jahr Bomben auf Bagdad: Sind die USA gescheitert?
Noam Chomsky gibt in einem taz-Interview vom 20.03.04 Auskunft:
http://www.taz.de/pt/2004/03/20/a0162.nf/text
Noam Chomsky, 75, ist Professor am Massachusetts Institute of
Technology (MIT) in Boston. Der Linguist, den die New York Times den
"wohl wichtigsten lebenden Intellektuellen" nannte, gehört zu den
profiliertesten Kritikern der US-Außenpolitik.
«Noam Chomsky Archiv»
Das Archiv dokumentiert das politische Lebenswerk von Noam Chomsky,
Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technologie
(MIT). Chomsky hat in den 60er Jahren die Vorstellungen über
Sprache und Denken revolutioniert. Zugleich ist er einer der
prominentesten und schärfsten Kritiker der gegenwärtigen
Weltordnung und des US-Imperialismus. Obwohl er von der New York Times
als der "einflußreichste westliche Intellektuelle" und als
"bekanntester Dissident der Welt" bezeichnet wird, wird er von den
Mainstreammedien und im politischen Diskurs weitgehend ignoriert. Er
hat über 57 Bücher über US Interventionismus in den
Entwicklungsländern, die politische Ökonomie der
Menschenrechte und die Propagandarolle der Medien in unserer
Gesellschaft geschrieben.
Mehr unter:
http://www.chomskyarchiv.de/
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Kissinger-Bericht sieht transatlantische Beziehungen auf Tiefpunkt
Sa.20.03.04 - Die Beziehungen zwischen den USA und Europa sind mit dem Irakkonflikt
an einem beunruhigenden "Krisenpunkt" angelangt. Zu diesem Schluss
kommt ein am Freitag veröffentlichter Bericht unter
Federführung der früheren US-Minister für
auswärtige Angelegenheiten sowie Finanzen, Henry Kissinger und
Lawrence Summers. Das transatlantische Verhältnis ist demnach
"heute stärker belastet als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt
mindestens der vergangenen Generation", heißt es in dem Bericht
von insgesamt 26 Persönlichkeiten aus den USA und Europa. Viele
Europäer unterstellten den Vereinigten Staaten "unheilvolle
Absichten", während sich zahlreiche US-Bürger über das
Verhalten der Europäern ärgerten und die
"euröpäische Sichtweise der derzeitigen Bedrohungen"
ablehnten.
(Quelle: afp)
Heftige Kämpfe um mögliches Versteck von El-Kaida-Führer
El Sawahri
Sa.20.03.04 - Mehrere tausend pakistanische Soldaten haben weiter nach dem Vize-Chef
des Terrornetzwerkes El Kaida, Aiman el Sawahiri, gesucht. Im
Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan leisteten bis zu hundert
Kämpfer, unter ihnen möglicherweise auch Sawahiri, nach
Angaben der Armee heftigen Widerstand. Bei heftigen Gefechten wurden
zwei mutmaßliche Islamisten getötet.
Bis zu 400 Kämpfer hätten sich in der Kampfzone in
Süd-Waziristan verschanzt, sagte ein Armeesprecher. Tausende
Soldaten hätten einen Sicherheitsgürtel um das zehn mal
fünf Kilometer große Gebiet gezogen. Das Weiße Haus
reagierte derweil skeptisch auf Mutmaßungen, wonach Sawahiri sich
in dem umzingelten Gebiet befinde. "Wir wissen nicht, wer dort ist",
sagte Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice dem Fernsehsender ABC.
Großbritannien entsandte etwa hundert Spezialkräfte nach
Afghanistan, die bei der Suche nach El-Kaida-Chef Osama bin Laden und
seinem Stellvertreter Sawahiri helfen sollen. Die Soldaten seien am 10.
März am Flughafen von Kabul angekommen, sagte ein
Flughafenmitarbeiter. Die Männer seien noch in der selben Nacht
mit unbekannten Ziel aufgebrochen.
Mehrere tausend Soldaten der pakistanischen Grenztruppen waren an der
Offensive beteiligt. Augenzeugen zufolge wurden etwa 30.000 Bewohner
aus mehreren Dörfern evakuiert, die in dem Kampfgebiet nahe der
Stadt Wana liegen.
Ob Sawahiri tatsächlich unter den umzingelten Kämpfern sei,
sei "Spekulation", betonte der pakistanische Armeesprecher,
Generalmajor Shaukat Sultan. Regierungsmitarbeiter in Islamabad hatten
am Donnerstagabend mitgeteilt, die Festnahme Sawahiris stehe offenbar
kurz bevor. Der Leibarzt von El-Kaida-Chef Osama Bin Laden sei "sehr
wahrscheinlich" eingekesselt. Pakistans Staatschef Pervez Musharraf
wurde vom US-Sender CNN mit den Worten zitiert, El-Kaida-Kämpfer
seien umzingelt worden, die vermutlich ein "wertvolles Ziel"
beschützten.
Sawahiri könnte bereits zu Beginn der Kämpfe in dem Gebiet am
Wochenanfang geflüchtet sein, sagte ein hochrangiger Mitarbeiter
der pakistanischen Sicherheitsbehörden. Ein Sprecher der
afghanischen Taliban wies die Spekulationen über eine
bevorstehende Festnahme Sawahiris als "Propaganda" zurück. Er
befände sich zusammen mit Bin Laden in Afghanistan.
(Quelle: afp)
Nahost-Konflikt
Geheimtreffen Scharons mit dem jordanischen König Abdullah
(update) - Gespräche über geplanten Rückzug aus
palästinensischen Gebieten - Gefechte im Gazastreifen
Sa.20.03.04 - Bei einem Geheimtreffen mit König Abdullah von Jordanien hat der
israelische Ministerpräsident Ariel Scharon die Chancen seiner
Pläne zum Abzug aus den Autonomiegebieten ausgelotet. Das
Gespräch fand am Donnerstag auf Scharons Farm in Süden
Israels statt, wie israelische und jordanische Regierungsmitarbeiter
bestätigten.
Die Zeitung «Jediot Ahronot» berichtete, bei dem Treffen
sei es vor allem um Scharons Vorhaben einer Abtrennung der
Palästinensergebiete von Israel gegangen. Der Plan sieht einen
Truppenabzug aus dem Gazastreifen und Teilen des Westjordanlands sowie
die Auflösung mehrerer Siedlungen in den Autonomiegebieten vor,
aber auch eine einseitige Grenzziehung durch Israel. Jordanien ist vor
allem über den Bau der Sperranlage zwischen Israel und dem
Westjordanland besorgt. Die Regierung in Amman hat mehrfach die
Befürchtung geäussert, dass im Falle einer Fertigstellung der
Anlage tausende Palästinenser ins benachbarte Jordanien auswandern
könnten.
Scharon habe während des Gesprächs mit König Abdullah
zugesagt, dass Israel die Grenze zu Jordanien weiter kontrollieren
werde, berichtete «Jediot Ahronot». Ausserdem wolle Israel
alles tun, um die Integrität Jordaniens zu gewährleisten.
Abdullah habe Scharon deutlich gemacht, dass Jordanien sich gegen
einseitige Schritte stellen werde, die die Aussichten auf einen
unabhängigen palästinensischen Staat schwächen
würden, zitierte die jordanische Nachrichtenagentur Petra einen
Regierungsmitarbeiter.
Im Gazastreifen kam es unterdessen erneut zu Gefechten zwischen
Palästinensern und israelischen Truppen. Die Soldaten rückten
mit rund 25 Militärfahrzeugen und Planierraupen in die Ortschaft
Mughraka in der Nähe von Netzarim ein, wie Augenzeugen
berichteten. Nach palästinensischen Angaben wurden zwölf
Palästinenser verletzt. Unter mehreren Schwerverletzten waren zwei
Jungen im Alter von zwölf und 15 Jahren. Die israelischen Truppen
nahmen nach eigenen Angaben zwei mutmassliche Hamas-Kämpfer fest.
Die Soldaten sprengten nach Berichten von Augenzeugen das Haus eines
Hamas-Kommandeurs. Panzer hätten weitere Häuser
zerstörten und die Hauptstrasse der Ortschaft aufgerissen. Dabei
wurden Wasser- und Stromleitungen beschädigt, wie die
örtlichen Behörden erklärten. Die Streitkräfte
berichteten, vier Soldaten seien leicht verletzt worden, als eine Bombe
neben ihrem Panzer detoniert sei. Später bekannte sich die Hamas
zu dem Anschlag.
Im Flüchtlingslager Chan Junis wurde ein siebenjähriges
Mädchen nach palästinensischen Angaben beim Spielen
angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Israelische Soldaten
in der benachbarten Siedlung Ganei Tal hätten die Schüsse
abgefeuert, hiess es. Die israelischen Streitkräfte wiesen die
Berichte zurück. In Rafah erlag ein 23-jähriger
Palästinenser den Verletzungen, die er während einer Razzia
der israelischen Truppen am Mittwoch erlitten hatte.
Ein Jogger in Jerusalem fiel am Freitag offenbar einem
palästinensischen Angriff zum Opfer. Der Mann sei in der Nähe
der Grenze zum Westjordanland aus einem fahrenden Auto heraus in den
Kopf geschossen worden, berichteten Polizei und Krankenhausmitarbeiter.
In einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur AP bekannten sich die
Al-Aksa-Märtyrerbrigaden zu dem Angriff.
(Quelle: ap)
Annan fordert Friedenstruppe für Burundi
Sa.20.03.04 - UN-Generalsekretär Kofi Annan hat den Weltsicherheitsrat zur
Bereitstellung einer Friedenstruppe für Burundi aufgerufen. Das
zentralafrikanische Land habe die besten Chancen seit langem, nach rund
zehn Jahren Bürgerkrieg zu friedlichen Verhältnissen
gelangen, hieß es in einem am Freitag veröffentlichten
Bericht Annans. Dazu aber müsse die am 2. April auslaufende
Friedensmission der Afrikanischen Union (AU) von den Vereinten Nationen
übernommen werden. Annan schlug ein Kontingent von 5.650
Blauhelmen vor, darunter 200 Militärbeobachter und 125
Verwaltungskräfte. Die gut 2.500 Soldaten der AU-Mission
könnten in diese Truppe integriert werden. Der Weltsicherheitsrat
wird sich am kommenden Montag mit der Lage in Burundi befassen. In dem
Land sollen in knapp acht Monaten Wahlen stattfinden.
(Quelle: ap)
UN-Beauftragter sieht menschliche Tragödie in Sudan
Sa.20.03.04 - Die Kämpfe im Westen Sudans haben sich nach Angaben der Vereinten
Nationen in den letzten Wochen stark ausgeweitet. Arabische Milizen
griffen in der Provinz Darfur immer wieder Dörfer an und
vergewaltigten Frauen, sagte der UN-Beauftragte für das
afrikanische Land, Mukesh Kapila, am Freitag in Nairobi. Die Situation
komme «der Definition von ethnischer Säuberung sehr
nahe». Damit einher gehe eine große menschliche
Tragödie, vielleicht sogar die derzeit größte
Katastrophe für Menschen überhaupt.
In der Provinz Darfur haben sich Rebellen gegen die Streitkräfte
und deren paramilitärische Anhänger erhoben. Bei den
Aufständischen handelt es sich zumeist um islamische Afrikaner,
während die Regierung in Khartum überwiegend von islamischen
Arabern gestellt wird. Die Kämpfe haben nach Schätzungen von
Hilfsorganisationen schon mehr als 800.000 Menschen in die Flucht
getrieben und hunderte das Leben gekostet.
Kapila zufolge wurden in letzter Zeit zahlreiche Dörfer
systematisch niedergebrannt und die Einwohner vertrieben. Viele
Menschen seien getötet worden oder schlicht verschwunden. Vor
allem Frauen seien Misshandlungen ausgesetzt, Massenvergewaltigungen
seien an der Tagesordnung. Der UN-Beauftragte rief die Regierung in
Khartum dazu auf, die für solche Gräueltaten verantwortlichen
arabischen Milizen zu stoppen.
(Quelle: ap)
Lage im Kosovo bleibt angespannt
Fischer und Solana 'sehr besorgt' über Entwicklung im Kosovo.
Russland verurteilt die erneute Gewalt im Kosovo.
NATO-Generalsekretär dämpft Erwartungen an Truppen -
Deutschland schickt weitere 600 Soldaten. Serben demonstrieren für
Kosovo-Landsleute. Westlicher Diplomat: Albaner wollen die Serben
vertreiben.
Sa.20.03.04 - Die Lage im Kosovo bleibt nach den jüngsten ethnischen
Ausschreitungen angespannt. Außenminister Joschka Fischer und der
EU-Außen- und Sicherheitsbeauftragte Javier Solana sind sehr
besorgt. Die Eskalation der Gewalt müsse ein Ende haben, sagten
beide in New York. Mehr als 30 Menschen sind bei den Unruhen bereits
ums Leben gekommen.
Auch Russland hat die erneute Gewalt im Kosovo scharf verurteilt.
Außenminister Sergej Lawrow zeigte sich in einem Gespräch
mit dem Präsidenten von Serbien-Montenegro, Svetozar Marovic, und
dem serbischen Ministerpräsidenten Vojislav Kostunica am Freitag
besorgt über die aktuellen Ereignisse. Die Anstifter der
Ausschreitungen müssten verfolgt und bestraft werden, hieß
es in einer Erklärung des Außenministeriums. Der russische
Katastrophenminister Sergej Schoigu werde demnächst für
Gespräche nach Serbien-Montenegro reisen.
Russland fühlt sich der serbischen Bevölkerung wegen des
gemeinsamen orthodoxen Glaubens und slawischer Wurzeln verbunden.
Serbiens Regierungschef Vojislav Kostunica hat am Freitag in Belgrad an
der Spitze eines Zuges von mehreren Zehntausend Menschen gegen die
anti-serbischen Übergriffe der Kosovo-Albaner demonstriert. An der
friedlichen Demonstration nahmen auch andere Mitglieder der serbischen
Führung sowie Würdenträger der serbisch-orthodoxen
Kirche teil. Der Metropolit Amfilohije erklärte: "Von einem
interethnischen Konflikt zu sprechen, ist ein heuchlerische Lüge".
Was im Kosovo passiere, sei ein "Pogrom" gegen die dortigen Serben und
ihre Geschichte. UNO und EU sollten "die Dinge beim Namen nennen" und
für "Sicherheit und Gerechtigkeit" im Kosovo sorgen.
NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer warnt derweil vor zu
großen Erwartungen an die Möglichkeiten der NATO im Kosovo.
Es sei «nicht möglich, jede einzelne Farm zu
schützen», sagte er auf einer Konferenz osteuropäischer
Regierungschefs in der slowakischen Hauptstadt Bratislava. Der
Generalsekretär sprach sich gleichzeitig gegen einen Abzug
internationaler Truppen aus dem Krisengebiet aus. Die Truppen der KFOR
im Kosovo täten ihr Bestes zur Erhöhung der Sicherheit.
Wegen der schweren Unruhen im Kosovo schickt Deutschland weitere 600
Bundeswehr-Soldaten in die südserbische Provinz.
Bundesverteidigungsminister Peter Struck sagte am Freitag in Berlin, er
hoffe, dass dies zur Beruhigung der Lage in der Region beitragen werde,
wo in den vergangenen Tagen fast 1000 Serben aus ihren Häusern
vertrieben wurden und 31 Menschen ums Leben kamen.
In der sowohl von Serben als auch Albanern bewohnten Stadt Mitrovica
erschütterte am Freitag eine Explosion ein Hochhaus. Die Nato
lastet den Ausbruch der Gewalt radikalen Albanern an. "Niemand redet
mehr vom multikulturellem Zusammenleben", sagte der serbische Politiker
Oliver Ivanovic.
Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte, die Ereignisse im Kosovo
machten deutlich, wie wichtig die deutsche Rolle dort sei, "und wie
wichtig sie für die Stabilität auf unserem Kontinent auch
bleibt". Die Fortschritte bei der Stabilisierung des Balkans seien
"wieder in Frage gestellt".
Die deutschen Bundeswehr-Soldaten eines Panzergrenadierbataillons aus
Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern sollten ab Samstag in die Region
verlegt werden, teilte das Verteidigungsministerium mit. Das deutsche
Kontingent der Nato-geführten Kosovo-Schutztruppe KFOR steigt
damit auf rund 3800 Soldaten.
Auch andere Nato-Staaten verstärkten ihre Präsenz. Frankreich
schickte rund 500 Soldaten in den Kosovo. Rund 150 britische Soldaten
trafen am Morgen in der Unruheregion ein, in der bereits 18.500
Soldaten der Allianz stationiert sind. Am Vortag waren 150 US-Soldaten
sowie 80 italienische Carabinieri angekommen. Das österreichische
Verteidigungsministerium kündigte an, 90 weitere Soldaten zu
entsenden.
Eine laute Explosion erschütterte am Freitag ein mehrheitlich von
Albanern bewohntes Hochhaus im serbischen Teil von Mitrovica. Aus den
Fenstern des Gebäudes stieg Rauch auf, französische
Nato-Soldaten trugen zwei ältere Bewohner aus dem Gebäude.
Zur Ursache der Explosion gab es zunächst keine Angaben. Rund
fünf Kilometer südlich der Stadt, in dem serbischen Dorf
Svinjare, waren die qualmenden Überreste niedergebrannter
Häuser zu sehen. Ein Mann aus der Gegend sagte, Albaner
hätten in der Nacht ein Dutzend Häuser angezündet.
Es gab Befürchtungen, die jüngste Gewalt habe einer
Lösung der Kosovo-Frage bereits nach nur zwei Tagen dauerhaft
geschadet. "Die Albaner wollen die Serben vertreiben und vor etwaigen
Gesprächen Tatsachen schaffen", sagte ein westlicher Diplomat.
"Jeder, der nur die geringste politische Erfahrung hat, kann das
erkennen."
Um 1999 eine gewaltsame Vertreibung der Albaner aus dem Kosovo zu
verhindern, hatte die Nato Ziele in Serbien bombardiert. Unter einem
UN-Mandat marschierte das Militärbündnis dann in die Provinz
ein. Racheakte der Albaner, Brandstiftungen, Morde und
Einschüchterungen hatten damals 200.000 Serben aus dem Kosovo
vertrieben. Zwischen 80.000 und 100.000 Serben blieben aber dort. Sie
leben im Norden Mitrovicas und anderen Enklaven.
"Die ethnische Säuberung der Serben begann 1999 und steht kurz
davor, vollendet zu werden", sagte der serbische Politiker Ivanovic,
der dem Präsidium des Kosovo-Parlaments angehört. "Kleine
Enklaven im Zentrum des Kosovo werden nicht verschont werden, und der
Norden des Kosovo wird ein klar umgrenztes Gebiet, das großen
Schutz benötigen wird." Niemand glaube mehr an ein
multikulturelles Zusammenleben.
(Quellen: afp, dpa, ap, rtr)
Hilfsorganisationen besorgt über Lage im Kosovo und in Irak
Sa.20.03.04 - Hilfsorganisationen in Deutschland betrachten die angespannte
Sicherheitslage im Kosovo und in Irak mit zunehmender Sorge. «Die
Projekte laufen aber weiter», sagte Heribert Röhrig,
Vorsitzender des Bündnisses «Aktion Deutschland Hilft»
(ADH) am Freitag in Berlin. Noch seien keine Mitarbeiter außer
Landes gebracht worden. Allerdings würden täglich neue
Evakuierungspläne erstellt und die ausländischen Helfer
würden sich selber Hausarrest auferlegen.
«Wir müssen jetzt näher zusammenrücken»,
sagte ADH-Sprecher Heinz-Hartmut Wilfert. Das Bündnis von neun
Hilfsorganisationen müsse deswegen nun auch die
Medikamentenversorgung in Krisengebieten noch effektiver gestalten.
Dazu wurde die Organisation «action medeor» in die ADH
aufgenommen. Die Hilfsorganisation mit Sitz in Tönisvorst bei
Krefeld ist nach eigenen Angaben Europas größtes
Medikamentenhilfswerk, das kurzfristig 100.000 Menschen versorgen kann.
Im ADH hatten sich im August 2003 unter anderem der
Arbeiter-Samariter-Bund, die Malteser, die Johanniter und die AWO
zusammengeschlossen.
Angesichts der blutigen Unruhen im Kosovo forderte die
Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl das Bundesamt für die
Anerkennung ausländischer Flüchtlinge auf, eingeleitete
Widerrufsverfahren gegen nach Deutschland geflohenen Kosovo-Albaner
sofort zu beenden. Allein im Jahr 2003 habe die Behörde über
10.000 solcher Widerrufsverfahren gestartet. Den Betroffenen drohe
damit der Verlust ihres Flüchtlingsstatus und die Abschiebung.
Nach Ansicht von Pro Asyl ist die Rückkehr für viele
Kosovo-Flüchtlinge nicht nur angesichts der unsicheren Lage,
sondern auch auf Grund der psychosozialen Kriegsfolgen nicht zumutbar.
Sowohl nach der Genfer Flüchtlingskonvention als auch nach
deutschem Asylrecht dürften traumatisierte Kosovo-Flüchtlinge
nicht in ihre Heimat abgeschoben werden.
(Quelle: ap)
Europa-Konferenz fordert NATO-Beitritt der Balkan-Staaten
Sa.20.03.04 - Die Regierungschefs von neun ost- und südosteuropäischen
Staaten haben die Aufnahme von Albanien, Kroatien und Mazedonien in die
NATO gefordert. Auf einer EU-Konferenz über die Folgen der
EU-Osterweiterung erklärten sie am Freitag in Bratislava, die
Balkanländer sollten schon bald in das Verteidigungsbündnis
integriert werden. An der Konferenz, die vom Ausbruch ethnisch
motivierter Gewalt im Kosovo überschattet wurde, nahmen ranghohe
Vertreter von NATO und EU teil.
Zum Auftakt der Konferenz riefen alle Teilnehmer die Konfliktparteien
im Kosovo zum sofortigen Ende der Gewalt auf. Der rumänische
Ministerpräsident Adrian Nastase forderte, alle Nachbarstaaten des
Kosovos sollten sich um engere Beziehungen zu EU und NATO bemühen.
Nur durch Beitritte könne die Lage auf Dauer stabilisiert werden.
«Europa darf sich keine Grauzonen leisten», sagte Nastase.
Die Vertreter von Kroatien, Albanien und Montenegro betonten, EU- und
NATO-Erweiterung seien ohne die Einbeziehung ihrer Länder nicht
abgeschlossen. Der slowakische Premierminister Mikulas Dzurinda
appellierte an die EU, die Verhandlungen mit der Türkei
voranzutreiben.
Zu den Teilnehmern der Konferenz zählten die Regierungschefs der
Slowakei, Estlands, Lettlands, Litauens sowie von Kroatien, Montenegro,
Mazedonien, Albanien und Rumänien, die Staatspräsidenten von
Georgien und Aserbaidschan, NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop
Scheffer und der für die Erweiterung zuständige EU-Kommissar
Günter Verheugen.
(Quelle: ap)
Blick ins Archiv:
Nato-Generalsekretär: Schließe Nato-Beitritt
Russlands nicht aus
Mo.27.10.03 - Der scheidende Nato-Generalsekretär Lord George Roberston hat die
Aufnahme Russlands in die Allianz nicht ausgeschlossen: Die Allianz und Russland
hätten den internationalen Terrorismus als gemeinsamen Feind... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0310270.htm#03102707
Russland will engere Zusammenarbeit mit EU und Nato
Do.11.12.03 - Russland will nach Angaben von Außenminister Igor Iwanow seine
Beziehungen zur Europäischen Union wie zur Nato weiter vertiefen,
strebt aber keinen Beitritt an. Ihm schwebe die Vision eines
gemeinsamen Sicherheits-, Rechts- und Wirtschaftsraumes vor,
erklärte Iwanow am Mittwochabend in München. In der
Sicherheits- und Verteidigungspolitik entwickle sich die Zusammenarbeit
jedoch viel zu langsam... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0312110.htm#03121107
Mehr zum Thema "Nato" unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv1/k0310120.htm#031012_v
EU will mehr Informationsaustausch gegen Terrorismus
Sa.20.03.04 - Mit einem besseren Informationsaustausch von Polizei und Geheimdiensten
und einem Sicherheitskoordinator will die Europäische Union (EU)
künftig Terror-Gefahren schneller erkennen und Anschläge
verhindern.
"Wir können nicht alle weichen Ziele in Europa schützen",
sagte Bundesinnenminister Otto Schily am Freitag in Brüssel. Auf
einer Sondersitzung wegen der Anschläge in Madrid verabredeten die
EU-Innenminister deshalb, einen Koordinator für einen besseren
Informationsaustausch einzusetzen. Für die Zusammenarbeit der
Geheimdienste und Polizeibehörden soll ein neues Forum geschaffen
werden. Zudem soll die Einführung biometrischer Daten in
Pässen und Visa um ein Jahr auf 2006 vorgezogen werden.
Deutschland will auch Daten über Fingerabdrücke und
DNA-Informationen austauschen, um potenzielle Terroristen zu
identifizieren, und dabei notfalls auch mit einer kleineren Zahl von
EU-Ländern voran gehen. Am Montag sollen die EU-Polizeichefs
über die Lage sprechen.
Die Innenminister zeigten sich entschlossen, auch ohne neue
Behörden wie einen von Österreich vorgeschlagenen
EU-Geheimdienst Terroristen effizienter aufzuspüren. Wie der
schleppende Informationsaustausch zwischen den Geheimdiensten
verbessert werden kann, soll innerhalb eines halben Jahres beschlossen
werden.
Schily und sein französischer Kollege Nicolas Sarkozy sprachen
sich für ein neues EU-Forum der nationalen
Sicherheitsbehörden aus. "Wir müssen abgleichen, was wir an
Erkenntnissen gewinnen, damit wir frühzeitig auf Gefahrenherde
aufmerksam werden", sagte Schily. In Deutschland seien auf diese Weise
bereits Anschläge verhindert worden.
Frankreich machte deutlich, dass ein stärkerer
Informationsaustausch nur unter Führung der fünf
größten EU-Staaten funktionieren könne. "Wir haben die
wichtigsten Nachrichtendienste. Wir haben Erfahrung in der
Zusammenarbeit", sagte Sarkozy. Ein völliger Geheimdienstaustausch
mit den bald 25 EU-Staaten sei unrealistisch. "Es gibt nichts, was
schwieriger und komplexer zu teilen ist als Geheimdiensterkenntnisse."
Es gelte die Informanten zu schützen, was schon innerhalb eines
Landes schwierig sei.
Angesichts der oft großen Widerstände gegen mehr
Informationsaustausch der Geheimdienste seien die Ergebnisse der
Sondersitzung beachtlich, sagte Schily. Wie auch Österreichs
Innenminister Ernst Strasser kündigte er an, notfalls mit einer
kleineren Gruppe von Ländern mit einem engeren Datenaustausch
voranzuschreiten. Schily sagte, dies gelte auch für den Austausch
zwischen Geheimdiensten und Polizei.
Mit den Konsequenzen aus den Anschlägen von Madrid, bei denen in
der vergangenen Woche mehr als 200 Menschen getötet wurden,
befassen sich auch die EU-Außenminister am Montag, bevor der
EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag kommender Woche darüber
berät. Erwartet wurde, dass die Staats- und Regierungschefs dann
eine Solidaritätserklärung verabschieden, in der sie sich zu
gegenseitiger Unterstützung gegen Terrorismus verpflichten. Die
EU-Kommission hat darüber hinaus vorgeschlagen, dass
Entscheidungen über das Einfrieren von Konten mutmaßlicher
Terrorgruppen künftig nicht mehr mit dem Veto einzelner EU-Staaten
verhindert werden können. Zudem schlug die Kommission ein
europäisches Strafregister vor.
(Quelle: rtr)
Schröder fordert deutschen Sitz im Sicherheitsrat der UN
Sa.20.03.04 - Bundeskanzler Gerhard Schröder hat angesichts des gewachsenen
deutschen Beitrags zur weltweiten Friedenssicherung für
Deutschland einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten
Nationen (UN) gefordert.
"Vor diesem Hintergrund sieht sich Deutschland als Kandidat für
einen ständigen Sitz", sagte Schröder am Freitag bei der
Eröffnung der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in
Berlin. Deutschlands Wunsch werde von wichtigen Partnerländern wie
Frankreich, Russland, Japan und anderen unterstützt. "Ich bin
sicher, dass angesichts unseres Beitrags zur Bekämpfung des
internationalen Terrorismus auch unsere Freunde in Amerika diesen
Wunsch Deutschlands unterstützten werden", ergänzte er.
Zudem sollten die zentralen Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas
ebenfalls in das wichtigste UN-Organ einrücken, sagte
Schröder. Der Rat müsse repräsentativ für alle
Völker und andere Regionen sein. Die Stärkung der Vereinten
Nationen spiele in der Sicherheitspolitik der Bundesregierung und der
internationalen Friedenssicherung eine zentrale Rolle. Um dies zu
erfüllen, müsse die UN aber dringend reformiert werden.
Mit Blick auf die Anschläge in Madrid und den neu entflammten
Konflikt im Kosovo sagte Schröder, dies seien auch
Herausforderungen für die deutsche Sicherheitspolitik. Seine
Regierung folge dem Grundsatz, "dass deutsche Sicherheitspolitik stets
multinational ist". Deutschland sei daher gefordert, Beiträge zur
Lösung solcher Probleme im Verbund mit den Partnern zu leisten.
Dies geschehe im Rahmen der UN, der NATO und Europas. "Die NATO braucht
ein starkes europäische Standbein", forderte er, Die Ebenen
ständen nicht in Konkurrenz zueinander.
"Beim Europäischen Rat in einer Woche werden wir neue
Maßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus beschließen",
sagte Schröder. Bei einem terroristischen Angriff auf einen
Mitgliedsstaat der EU sei die Solidarität aller EU-Staaten
gefordert. Internationaler Terrorismus, Massenvernichtungswaffen und
zunehmende Gewalt nicht-staatlicher Akteure bedrohten auch Deutschland.
Aus Umweltkatastrophen, Völkermord, Vertreibung und organisierter
Kriminalität könnten für Deutschland gleichfalls Risiken
und Gefahren erwachsen. Darauf könne nur in enger internationaler
Zusammenarbeit reagiert werden.
Zu den Grundsätzen deutscher Sicherheitspolitik sagte
Schröder, es bleibe bei der Linie Friedenspolitik, folge einem
umfassenden Begriff von Sicherheit, setze insbesondere auf Vorbeugung
von Konflikten und sei multinational ausgerichtet. Zugleich bekenne
sich Deutschland zu seiner internationalen Verantwortung. Im
Vordergrund der Instrumente zur Problemlösung ständen
diplomatische, wirtschaftliche, ökologische, soziale und
entwicklungspolitische Mittel. Die Anwendung militärischer Gewalt
dürfe immer als letzte Möglichkeit gesehen werden.
"Prävention schließt rechtzeitige militärische
Intervention aber nicht aus", sagte Schröder. Wenn man
militärisch handle, müssten Folgen für das regionale
Umfeld aber bedacht werden und die Verhältnismäßigkeit
gewährleistet sein. Zudem beständen hohe moralische und
politische Begründungszwänge. "Es gibt Fälle, in denen
die bewusste Nicht-Beteiligung (an militärischen Einsätzen)
ein Ausdruck verantwortungsvoller Politikgestaltung ist."
Der Kanzler sprach sich erneut dafür aus, dass Europa eine
größere Rolle bei der Sicherung der eigenen Sicherheit
spielen müsse. Die NATO bleibe für Deutschland aber der
wichtigste Pfeiler der transatlantischen Partnerschaft. Die Vertiefung
der europäischen Zusammenarbeit in der Sicherheits- und
Verteidigungspolitik stehe dazu nicht im Gegensatz. "Europäische
Union und NATO müssen sich gegenseitig ergänzen", forderte er.
(Quelle: rtr)
SPD arbeitet an Kopftuchverbot für Staatsdiener auf Bundesebene
Sa.20.03.04 - Die SPD-Fraktion arbeitet an einer Initiative für ein erweitertes
Kopftuchverbot für Staatsdiener auf Bundesebene. «Ein
Kopftuch hat auf dem Kopf einer Lehrerin in staatlichen Schulen ebenso
wenig zu suchen wie auf dem einer Richterin, einer Polizistin oder
Staatsanwältin», sagte der SPD-Innenexperte Dieter
Wiefelspütz dem «Kölner Stadt-Anzeiger»
(Samstagausgabe).
Die türkischstämmige SPD-Abgeordnete Lale Akgün sagte,
man könne sich «nicht länger hinter der
Zuständigkeit der Länder oder einem verwaschenen
Toleranzbegriff verstecken.» Deutschland brauche eine «ganz
klare Regelung, die das nach außen hin sichtbare Tragen
religiöser und weltanschaulicher Symbole für Träger
hoheitlicher Ausgaben» verbiete. Beide SPD-Politiker betonten,
dies gelte auch für christliche Symbole wie das Kreuz.
Akgün begründete ihre Position mit dem Hinweis auf die
Neutralitätspflicht des Staates. Die Eignung zum Beamten bemesse
sich auch daran, wie weit sich der Einzelne als Teil des Staates
begreife, der zu religiöser Neutralität verpflichtet sei.
Zuvor hatte sich bereits Bundesfrauenministerin Renate Schmidt (SPD)
für ein Kopftuchverbot an staatlichen Schulen ausgesprochen,
zugleich aber darauf hingewiesen, dass hierfür die Länder
zuständig seien.
(Quelle: ddp)
Clement stellt Ökosteuer in Frage
Sa.20.03.04 - Unmittelbar vor dem SPD-Sonderparteitag hat Bundeswirtschaftsminister
Wolfgang Clement mit der Ökosteuer ein zentrales Projekt der
rot-grünen Regierung in Frage gestellt. «Ich will eine
Prüfung aller Instrumente - Ökosteuer,
Kraftwärme-Kopplung und Stromeinspeisegesetz -, allerdings erst,
wenn der Emissionshandel erprobt ist und als Instrument des Wettbewerbs
funktioniert», sagte der SPD-Politiker der «Berliner
Zeitung» (Samstagausgabe).
Nach den Worten Clements wird dies 2006 oder 2007 der Fall sein. Dann
müsse entschieden werden, «ob wir die anderen Instrumente
noch oder noch in dem heutigen Maße brauchen». Der Minister
sagte zur Begründung, Deutschland habe jetzt schon die
höchsten Strompreise in Europa. «Jedem und jeder in der SPD
und in ganz Deutschland muss klar sein, dass wir uns zusätzliche
Belastungen der Industrie in diesem härtesten aller Wettbewerbe
nicht leisten können», zitierte das Blatt Clement. Auch bei
der Einführung des Emissionshandels müsse er sicher stellen,
dass nicht ohne Not noch zusätzlicher Druck auf die Unternehmen
erzeugt werde.
Umwelt- und Wirtschaftsministerium streiten seit Monaten um die
Einführung des Emissionshandels, der den Ausstoß von
Treibhausgasen vermindern soll. Am Donnerstag hatte es in dieser Frage
einen Eklat zwischen Clement und Bundesumweltminister Jürgen
Trittin (Grüne) gegeben. Er werde nicht still sein, solange das
Interesse des Landes etwas anderes gebiete, sagte Clement der
«Berliner Zeitung».
(Quelle: ap)
Regierung bringt Ausbildungsumlage auf den Weg
Abgabenhöhe orientiert sich an Ausbildungskosten - Ablehnung von
Kommunen und Union
Sa.20.03.04 - Unmittelbar vor dem Parteitag der SPD hat die Bundesregierung am
Freitag die in den eigenen Reihen umstrittene Lehrstellenabgabe auf den
Weg gebracht.
Das Bildungsministerium habe die Formulierungshilfe für den
Gesetzentwurf an die anderen Bundesministerien zur Stellungnahme
weitergeleitet, teilte eine Ministeriumssprecherin mit. Nach Angaben
aus der rot-grünen Koalition sieht die Vorlage eine
Ausbildungsquote von vorerst sieben Prozent vor. Wenn Privatfirmen und
öffentlicher Dienst ab einer Betriebsgröße von zehn
Mitarbeitern diese Quote unterschritten, müssten sie eine Abgabe
in einen bundesweiten Fonds zahlen. Dieser solle beim
Bundesverwaltungsamt angesiedelt werden. Tarifvertragliche Regelungen
hätten jedoch Vorrang. Die Abgabe solle auch für Betriebe
gelten, die keine Ausbildungsberechtigung hätten.
In der Regierung gibt es erheblichen Widerstand gegen das Vorhaben.
Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) lehnt die Umlage vehement
ab. Auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Peer
Steinbrück (SPD) bekräftigte seine Kritik und vertrat die
Einschätzung, dass sich die Stimmung in der SPD gegen die
Lehrstellenabgabe drehe. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der
Grünen, Thea Dückert, sagte der Nachrichtenagentur Reuters,
es sei ein "guter Mechanismus, um die Schaffung zusätzlicher
Ausbildungsplätze zu fördern".
Mit der Ausbildungsumlage will Rot-Grün sicherstellen, dass jeder
ausbildungswillige Jugendliche eine Lehrstelle oder eine
außerbetriebliche Ausbildung erhält. Die Abgabe soll
ausbildenden Betrieben zugute kommen. Das Vorhaben ist eine zentrale
Forderung der SPD-Linken und der Gewerkschaften. Zu den
Befürwortern zählt auch SPD-Fraktionschef Franz
Müntefering, der am Sonntag in Berlin zum neuen Parteichef
gewählt werden soll.
Die Abgabenhöhe für Betriebe, in denen Auszubildende weniger
als sieben Prozent der Belegschaft ausmachten, werde sich an den
tatsächlichen Ausbildungskosten der jeweiligen Branche
orientieren, hieß es aus Koalitionskreisen. Diese schwanken nach
Schätzungen zwischen 5000 und 7000 Euro jährlich pro
Ausbildungsplatz. Die konkrete Höhe der Abgabe werde sich nach der
Zahl der fehlenden Lehrstellen richten und so bemessen sein, dass per
Umlage die erforderliche Summe erhoben werde, um vorrangig
zusätzliche betriebliche Ausbildungsplätze zu fördern.
Eine Sprecherin Clements verwies darauf, dass der Minister "das
Instrument nicht gutheißt". Man werde gleichwohl fachlich zu der
Vorlage Stellung nehmen. Steinbrück bekräftigte seine Kritik:
"Ich habe keinen Grund abzuschwören." Ein Gesetzentwurf müsse
tarifvertragliche Lösungen, Branchenlösungen und regionale
Konsenslösungen zulassen. Auch sei unklar, wie die Abgabe
funktionieren könne, wer die Gelder einsammele und verteile.
"Keiner weiß das", sagte Steinbrück. "Diese Erkenntnisse
brechen sich langsam Bahn - auch in der SPD."
Auch andere SPD-geführte Länder wie Schleswig-Holstein haben
sich gegen die Ausbildungsumlage gewandt. Wenn sie der Union, die das
Vorhaben ebenfalls ablehnt, im Bundesrat zu einer Zwei-Drittel-Mehrheit
verhelfen würden, wäre das Gesetzeswerk praktisch
gescheitert. Experten der Koalitionsfraktionen wollen kommende Woche
mit Vertretern des Bildungsministeriums beraten. Die Formulierungshilfe
hat die Form eines Gesetzentwurfs, wird aber nicht so genannt, weil
nicht die Regierung, sondern die Koalitionsfraktionen den Entwurf
formell in den Bundestag einbringen sollen. Die Umlage soll nach
bisherigen Überlegungen zum Ende des Ausbildungsjahres am 30.
September in Kraft treten.
Laut Ministeriumsprecherin soll der Entwurf den Fraktionen Ende
März zugestellt werden. Dückert sagte, wichtig sei eine
flexible Lösung, die tariflichen Lösungen Vorrang
einräume. "Ich hoffe, das ist für Gewerkschaften und
Arbeitgeber ein Anstoß, gemeinsam tätig zu werden."
"Der Deutsche Städte- und Gemeindebund lehnt die geplante
Ausbildungsplatzabgabe für Städte und Gemeinden strikt ab",
erklärte dessen Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg. Die
Kommunen seien finanziell am Ende und dürften nicht erneut durch
bürokratische Vorgaben belastet werden. Die stellvertretende
Unions-Fraktionsvorsitzende Maria Böhmer (CDU) warf der Regierung
vor, sie sei unbelehrbar: "Niemandem ist mit einer Zwangsabgabe
geholfen, aber allen Betroffenen wird geschadet." CSU-Landesgruppenchef
Michael Glos sprach von einer "Beschwichtigungspille für den
linken Flügel und für die Gewerkschaften".
(Quelle: rtr)
Sozialversicherungen offenbar vor neuen Belastungen
Sa.20.03.04 - Auf die Sozialversicherungen kommen trotz der Einsparungen durch die
Agenda 2010 offenbar neue Belastungen zu. Wie das Nachrichtenmagazin
«Focus» unter Berufung auf einen Vermerk des
Bundesfinanzministeriums zum Alterseinkünftegesetz meldet, steigen
als Folge der geplanten Steuerfreistellung von Rentenbeiträgen der
Arbeitnehmer ab 2005 auch Lohnersatzleistungen wie das Krankengeld und
das Arbeitslosengeld. Vor allem Gutverdiener könnten im
Krankheitsfall oder bei Arbeitslosigkeit mit höheren Leistungen
rechnen, da die entsprechenden Bezüge an das Nettoeinkommen
gekoppelt seien. Damit drohen aber zugleich höhere Beiträge
in der Kranken- und Arbeitslosenversicherung.
Für 2006 erwartet das Finanzministerium dem Blatt zufolge allein
beim Arbeitslosengeld Mehrausgaben von 30 Millionen Euro, die sich bis
2010 verzehnfachen würden. Mittelfristig kämen auf die
Arbeitslosenversicherung jährliche Mehrbelastungen von mehr als
3,8 Prozent oder 1,1 Milliarden Euro zu.
(Quelle: ddp)
Säbelrasseln der SPD-Abweichler stößt auf gewaltiges
Medienecho - SPD-Linke halten sich Konkurrenzpartei- Gründung offen
Sa.20.03.04 - Die sieben Gründer der «Initiative für Arbeit und
soziale Gerechtigkeit» haben am Freitag ihren ersten
Medienauftritt unter ausgiebigem Blitzlichtgewitter und
gleißenden TV-Scheinwerfern sichtlich genossen. Der Termin
unmittelbar vor dem SPD-Parteitag garantierte den Planern einer neuen
linken Protestpartei ebenso viel Aufmerksamkeit wie die vom
SPD-Vorstand angekündigten Ausschlussverfahren gegen die
hauptsächlich aus der bayerischen IG Metall stammenden
Politrebellen.
Nur ihrem Wortführer, dem Fürther IG-Metall-Chef Thomas
Händel, war deutliche Nervosität anzumerken: Mit stark
zitternder rechter Hand las der seit 32 Jahren der SPD zugehörige
Gewerkschafter sein mit Angriffen gegen seine Partei und die
Bundesregierung nur so gespicktes Statement herunter.
«Im Zentrum unserer Kritik steht die SPD, die sich
spätestens mit der Agenda 2010 von ihren Grundsätzen
Solidarität und Gerechtigkeit verabschiedet hat», betonte
er. Unter Kanzler Gerhard Schröder habe sich die SPD «zur
Hauptakteurin des Sozialabbaus und der Umverteilung von unten nach oben
entwickelt», schimpfte Händel, dem seit dieser Woche ebenso
wie seinen Mitstreitern der Parteiausschluss droht.
Enttäuscht wurde, wer bei der Pressekonferenz konkrete Aussagen
erwartete, ob und wann aus der bislang wesentlich über das
Internet aktiven Initiative nun wirklich eine neue Partei werden soll.
Es herrschte der Eindruck, dass die sieben Dissidenten sich
darüber in letzter Konsequenz selbst nicht einig sind: Der durch
die Grundig-Krise bekannte Nürnberger IG-Metall-Chef Gerd Loboda
ließ sich trotz Nachfragen nicht darauf festlegen, ob er
überhaupt eine Parteigründung für sinnvoll hält,
nachdem er sich vor kurzem noch ablehnend geäußert hatte.
Laut Frontmann Händel schließen die Initiatoren «die
Option ausdrücklich nicht aus, zu gegebenem Zeitpunkt Partei zu
werden». Wann dieser Zeitpunkt gekommen sei, konnte er nicht
beantworten: «Ein Zeitfenster ist momentan kein Thema.» Der
Hamburger Professor Herbert Schui von der gewerkschaftsnahen
«Hochschule für Wirtschaft und Politik» dagegen sagte,
die Entscheidung werde sicher noch in diesem Jahr fallen.
Schui stellte sich zugleich als einer der eifrigsten Akteure der
Initiative dar, wenn es um die neuen linken Politikinhalte geht:
«Mehr Umverteilung schafft mehr Arbeitsplätze», gab er
als Parole aus und betonte, dass die Initiative als
«Sammlungsbewegung» keine Führungsfigur an ihrer
Spitze brauche. Von einer Journalistin gefragt, was er den von Kanzler
Schröder halte, antwortete er knapp: «Ich sollte es mit
einem Wort sagen: Nichts.»
Gefragt nach ihren konkreten politischen Forderungen, antworteten alle
Initiatoren: Die Rücknahme von Schröders Agenda 2010. Der
Kemptener IG-Metall-Chef Peter Vetter forderte höhere Steuern und
Mehreinnahmen für die Sozialkassen und eine Politik, die
«den Arbeitnehmern mehr Geld in der Tasche lässt».
IG-Metall-Bundesvorstandsmitglied Günther Schachner ergänzte,
dazu müssten die Beitragsbemessungsgrenzen ganz abgeschafft werden
und jeder Bürger in die Sozialversicherungen einzahlen.
Gegen die sechs SPD-Mitglieder, die zusammen mit einer parteilosen
Gewerkschaftssekretärin die Initiative gegründet hatten,
leitete der SPD-Bundesvorstand am Montag ein Parteiordnungsverfahren
mit dem Ziel des Rauswurfs ein. «Wir sehen dem gelassen
entgegen», sagte Metaller Händel: «Wir wollen es
wissen von dieser Partei, ob Sozialstaatler in ihr keinen Platz
haben.»
Der Gewerkschafter kritisierte aber das Vorgehen der
Parteiführung: «Der Stil macht uns betroffen.» Die SPD
habe vor Einleitung der Schritte die Betroffenen nicht gehört:
«Wenn das der neue Politikstil ist, dann gnade uns Gott»,
klagte Händel, dies erinnere ihn an totalitäre Staaten.
Trotz aller Widrigkeiten, etwa einer scharfen Distanzierung des
bayerischen IG-Metall-Chefs Werner Neugebauer von ihren Plänen,
geben sich die Dissidenten von ihrer Mission überzeugt: In der
zehn Tagen ihrer Internetpräsenz hätten sich ihnen über
300 Menschen angeschlossen.
In ihnen spiegele sich auch ein breites Berufsspektrum. Vertreten seien
Richter und Schriftsteller, Manager und Arbeitslose sowie Mitglieder
von PDS bis CDU: «Wir verstehen uns als Sammlungsbewegung zur
Verteidigung des Sozialstaats», versicherte Händel und
fügte hinzu: «Das ist kein Steckenpferd von altlinken
Sozialromantikern.»
(Quelle: ap)
Blick ins Archiv:
Politologe Korte sieht kurzfristig gute Chancen für Linkspartei
Mi.17.03.04 - Nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Karl-Rudolf Korte
hätte eine neugegründete Linkspartei gute Aussichten, bei den
anstehenden Kommunal- und Landtagswahlen in diesem Jahr den Sprung in
die Parlamente zu schaffen. Eine Protestpartei, die jetzt das Thema
soziale Gerechtigkeit glaubwürdig besetze, könne damit
kurzfristig punkten, sagte Korte am Mittwoch der Nachrichtenagentur ddp... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/k0403170.htm#04031717
Mehr zum Thema "Abspaltung von der SPD - Linkspartei-Inititiativen":
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/k0403170.htm#040317_i