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Zeitgeschichte : Holocaust : Antisemitismus

Auschwitz: 'Allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung'

Die Gesamtzahl der Todesopfer in Auschwitz schätzen Forscher auf 1,1 bis 1,5 Millionen

«Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit.» Der Text an einem Denkmal im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau versucht, das Unfassbare in Worte zu kleiden. In dem Konzentrationslager bei Krakau ermordeten die Nazis von 1940 bis 1945 zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen, die meisten davon Juden. Das Lager wurde vor 60 Jahren, am 27. Januar 1945, von der sowjetischen Armee befreit. Seitdem ist es weltweit zum Symbol für Terror, Völkermord und Holocaust geworden.

Nach der Gründung im Frühjahr 1940 waren zunächst vor allem Polen in dem Lager untergebracht, später kamen sowjetische Kriegsgefangene, Sinti und Roma sowie Häftlinge aus anderen Ländern hinzu. Unter anderem wegen seiner guten Verkehrsverbindungen wurde Auschwitz ab 1942 zum Zentrum des Massenmords an den europäischen Juden, deren völlige Ausrottung sich die Nationalsozialisten zum Ziel gesetzt hatten.

Die Gesamtzahl der Todesopfer in Auschwitz schätzen Forscher heute auf 1,1 bis 1,5 Millionen, also etwa ein Fünftel aller Holocaust-Opfer. Die Mehrheit, vor allem die zumeist in Viehwaggons aus Europa ins damals besetzte Polen deportierten Juden, kam zumeist unmittelbar nach ihrer Ankunft in eigens dafür errichteten Gaskammern um. 15 bis 20 Prozent eines jeden Transports wurden für mörderische Zwangsarbeiten am Leben gelassen. Die Leichen wurden täglich zu tausenden in Krematorien verbrannt. Zum organisierten Massenmord - der so genannten «Endlösung der Judenfrage» - zählte, dass Habseligkeiten, Goldzähne, Haare und Kleidung verwertet und zu Geld gemacht wurden.

Das Konzentrationslager bestand zwischen 1942 und 1944 aus dem Stammlager Auschwitz I, Auschwitz II (Birkenau), Auschwitz III (Monowitz) sowie aus 45 Nebenlagern. Von den Deportierten brachten die Nazis ungefähr 400.000 Personen in diesen Lagern unter und registrierten sie. Dies waren 200.000 Juden, 140.000 Polen, gut 20.000 Sinti und Roma sowie mehr als 10.000 sowjetische Kriegsgefangene und gut 10.000 Häftlinge anderer Nationalität. Über 50 Prozent dieser registrierten Häftlinge starben infolge von Hunger, mörderischer Arbeit, durch Exekutionen sowie an Folter und verbrecherischen medizinischen Experimenten.

Ruinöse Lebensbedingungen - wie die qualvolle Enge in den zumeist feuchten Baracken - sorgten dafür, dass Krankheiten und Epidemien grassierten. Die teils hölzernen, teils gemauerten Baracken besaßen weder Heizung noch sanitäre Anlagen, es wimmelte von Ungeziefer und Ratten. Hinzu kamen der anhaltende Wassermangel und die dürftigen Essensrationen von 1.300 Kalorien für leichter arbeitende und rund 1.700 Kalorien für schwer arbeitende Häftlinge. Die Arbeitszeit betrug elf bis 15 Stunden. Die restliche Zeit war ausgefüllt mit andauernden Appellen, mit Warten auf die Essensausgabe oder einen Latrinenplatz.

Am Anfang arbeiteten die Häftlinge, die statt mit Namen nur mit Nummern gerufen wurden, beim Ausbau des Lagers. Später begann die deutsche Industrie, die Arbeitskraft der Häftlinge auszunutzen. Dazu zählte der Konzern IG Farbenindustrie, der die Buna-Werke in Monowitz bei Auschwitz baute, eine Fabrik für synthetisches Gummi und Benzin. Die Mehrheit der zum Lager Auschwitz gehörenden Nebenlager befand sich in Schlesien. Die Häftlinge arbeiteten hier in der Kohleförderung, der Waffenproduktion und der Chemieindustrie.

Das mit einem Stacheldrahtzaun abgeriegelte und von der SS-Wachmannschaft bewachte Lager Auschwitz umfasste zusätzlich als Sicherheitszone ein «Interessengebiet» von 40 Quadratkilometern.

1944 näherte sich schnell die Offensive der Roten Armee. Im Juli wurde das Lager Birkenau aufgelöst; 4.000 der verbliebenen 12.500 Insassen wurden vergast, die anderen abtransportiert. Im August wurde mit dem Mord an über 2.900 Sinti und Roma das so genannte Zigeunerlager «aufgelöst». Die SS versuchte sodann, die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen, vernichtete Dokumente und zerstörte Gebäude, darunter auch Gaskammern und Krematorien.

Bei der letzten Zählung am 17. Januar waren noch 67.012 Menschen im Lager; tags darauf begann eine hastige Räumung: Rund 58.000 wurden zum Todesmarsch Richtung Westen gezwungen, den Tausende nicht überlebten. Mehrere tausend Kranke und geschwächte Gefangene ließ die SS zurück, darunter viele Kinder. Am 26. und 27. Januar befreiten sowjetische Soldaten knapp 7.000 Gefangene. Sie fanden mindestens 600 Leichen und 350.000 Herrenanzüge, 837.000 Frauenkleidungsstücke und tonnenweise Menschenhaare in Säcken.

Nach Kriegsende wurden in Polen bis 1953 knapp 700 der insgesamt gut 7.000 SS-Leute, die in Auschwitz Dienst taten, vor Gericht gestellt. Lagerkommandant Höß wurde 1946 in Norddeutschland gefasst, nach Polen überstellt und nach einem Prozess am 16. April 1947 auf dem Lagergelände hingerichtet.

Mehr unter:
http://auschwitz.info/
http://www.auschwitz.org.pl/


 

Was Auschwitz wirklich war, enthüllte sich der Welt erst in einem längeren Prozeß des Nachforschens

Am 29. Januar 1945 hörte Victor Klemperer von einem ihm vertrauten Bekannten, Thomas Mann habe in einer Rede davon gesprochen, allein in Auschwitz seien anderthalb Millionen Juden vergast und deren Knochenreste als Dünger verwandt worden. Tatsächlich hatte der Romancier in einer seiner an deutsche Hörer gerichteten Rundfunkansprachen, die am 14. Januar gesendet worden war, gesagt, daß zwischen dem 15. April 1942 und dem 15. April 1944 in Auschwitz und in Auschwitz-Birkenau 1.715.000 Juden ermordet wurden. Die Angabe beruhte auf unbezweifelbaren Informationen, die Grundlage für die Schätzungen waren. Was Auschwitz wirklich war, enthüllte sich der Welt erst, nachdem Truppen der 1. Ukrainischen Front am 27. Januar die Stadt und das Gelände des verzweigten Lagerkomplexes erreicht hatten. Und danach auch nicht binnen Tagen, sondern erst in einem längeren Prozeß des Nachforschens... Mehr in "junge Welt" vom 27.01.05:
http://www.jungewelt.de/2005/01-27/004.php
 


 

'Wie wir das alles überlebt haben, weiß ich bis heute nicht'

Janusz Mlynarski kam am 14. Juni 1940 mit dem ersten Transport von 728 polnischen Gefangenen ins Konzentrationslager Auschwitz. Er erhielt die Häftlingsnummer 355 und wurde bis Januar 1945 im Stammlager Auschwitz I festgehalten. Kurz vor der Befreiung wurde er mit anderen Gefangenen evakuiert und erreichte nach den so genannten Todesmärschen die Konzentrationslager Mauthausen, Melk und schließlich Ebensee in Österreich. Dort wurde er am 6. Mai 1945 von der US-Armee befreit. Später wurde er in Polen Arzt, seit 1978 lebt er in Monheim in Nordrhein-Westfalen.

Annedore Smith, Korrespondentin der Nachrichtenagentur AP, fragte Janusz Mlynarski: Wie war die Stimmung in Auschwitz kurz vor der Befreiung vor nunmehr 60 Jahren?

Mlynarski: Das waren sehr gemischte Gefühle. Die Stimmung war sehr nervös - bei manchen euphorisch und bei manchen sehr pessimistisch. Wir wussten, dass der Krieg bald zu Ende sein würde, aber wir wussten nicht, was mit uns geschehen würde. Einige sagten, wir würden alle vergast oder auf andere Weise umgebracht, vielleicht erschossen oder vergiftet. Andere sagten, das Lager würde den Russen auf vernünftige Weise übergeben. Noch andere sagten, wir würden evakuiert. Wir hatten jedenfalls alle das Gefühl, dass schon bald etwas Dramatisches geschehen würde, und wir wussten nicht, wie wir uns verhalten sollten.

AP: Hat sich diese nervöse Stimmung denn auch unter den Aufsehern ausgebreitet? Herrschte da so etwas wie Untergangsstimmung?

Mlynarski: Oh ja, und sie waren auf einmal nicht mehr so brutal zu den Häftlingen. Ich war damals als Pfleger eingesetzt in einer Krankenstube für etwa 30 Patienten mit Typhus und Fleckfieber und bekam für diese Männer auch die Essensportionen zugeteilt. Immer wenn ein Patient starb, wurde dessen Ration natürlich sofort abgezogen, aber ich habe die Toten immer erst nach dem Appell gemeldet. So habe ich deren Portionen noch bekommen und sie unter den Genesenden verteilen können.

Die Aufseher haben da beide Augen zugedrückt, und manchmal haben wir ihnen im Gegenzug sogar eine Portion abgegeben. Ihre Verpflegung war zu diesem Zeitpunkt nämlich auch schon stark rationiert. Jedenfalls waren sie wirklich um Freundlichkeit bemüht - wohl auch, weil sie hofften, dass wir nach dem Zusammenbruch vielleicht einmal ein gutes Wort für sie einlegen würden.

AP: Sie haben ja auch noch das Weihnachtsfest 1944 in Auschwitz erlebt - nur einen Monat vor der Befreiung des Lagers. War das irgendwie anders als in den Jahren zuvor?

Mlynarski: Es war anders, weil wir alle schon etwas Hoffnung geschöpft hatten. Einer hat den anderen getröstet: «Halte durch, das sind die letzten Tage oder Wochen. Wir haben das alles jetzt schon so lange ausgehalten, jetzt müssen wir auch noch durchhalten bis zur Befreiung. Die Freiheit steht schon vor der Tür.» Sie können sich gar nicht vorstellen, was für ein Gefühl das war. Wir haben alle geweint und uns dann wieder gegenseitig getröstet und auch viel miteinander gebetet. Natürlich gab es einige Pessimisten, die meinten, wir würden jetzt erst recht umgebracht, aber bei den meisten überwog doch die Hoffnung.

Die Aufseher wiederum haben in dieser Zeit die Kontakte zwischen den Häftlingen von verschiedenen Blöcken nicht mehr so strikt kontrolliert. Das gab uns die Chance, die Kameraden der so genannten Außenkommandos aufzusuchen, die tagsüber außerhalb des Lagers arbeiteten und Verbindungen zu Zivilisten hatten. Und die haben uns erzählt, dass die Russen kurz vor Krakau stehen, dass einige Konzentrationslager in Polen schon aufgelöst und die Häftlinge befreit wurden, während andere evakuiert wurden. Wir haben ständig nach neuen Informationen gesucht. Das war eine sehr aufregende Zeit.

AP: Sie selbst sind wenige Tage vor der Befreiung von Auschwitz aus dem Lager evakuiert und auf einem der zahlreichen Todesmärsche nach Österreich deportiert worden. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Mlynarski: Die ersten drei Tage sind wir nur marschiert. Häftlinge, die nicht mehr weitergehen konnten, wurden einfach erschossen. Wir haben uns gegenseitig gestützt und uns immer wieder zum Durchhalten ermahnt. Überall am Straßenrand haben wir Leichen gesehen. Heute wissen wir, dass von rund 60.000 Häftlingen, die an diesen Todesmärschen teilnahmen, mehr als 15.000 ums Leben kamen.

Schließlich wurden wir in offene Viehwaggons verfrachtet. Da lagen wir zusammengepfercht am Boden, und auf unseren Wolldecken bildete sich eine Eisschicht, so kalt war es. Wir bekamen nichts mehr zu essen und hatten nichts zu trinken außer geschmolzenem Schnee. Wie wir das alles überlebt haben, weiß ich bis heute nicht. Wir befanden uns wie in einer Trance.

Über Mauthausen und Melk kam ich im Februar 1945 schließlich nach Ebensee. Dort erfuhren wir, dass Auschwitz von der Roten Armee befreit worden war und die wenigen dort verbliebenen Häftlinge nicht ermordet wurden. Da waren wir sehr traurig, dass wir uns vor der Evakuierung nicht einfach versteckt hatten. Wenn wir doch nur nicht so große Angst gehabt hätten!

AP: Und wie haben Sie schließlich die Befreiung des Lagers Ebensee am 6. Mai 1945 erlebt?

Mlynarski: Schon einen Tag vorher haben die Emotionen hohe Wellen geschlagen. Jemand hatte gehört, dass die Amerikaner im Anrücken waren, und am nächsten Tag waren sie tatsächlich da. Da herrschte eine unbeschreibliche Freude - und stellen Sie sich vor, an diesem Tag ist niemand gestorben. Irgendwie wollten alle diesen Moment, auf den wir so lange gewartet hatten, unbedingt noch miterleben. Einen Tag später gab es dann mehr als 200 Tote im Lager Ebensee. So haben diese Kameraden wenigstens noch die Freiheit erlebt, aber dann haben ihre Kräfte für immer versagt.

Leider begann kurz darauf eine grausame Lynchjustiz gegenüber den tyrannischen Kapos. Für mich war das ein schreckliches Erlebnis, denn ich hätte mir eine ordentliche Justiz für die Aufseher gewünscht. Aber vielleicht hat mir das auch dabei geholfen, meinen eigenen Hass zu überwinden. Jedenfalls konnte ich diese Form von Rache nicht akzeptieren.


 

Zeuge, lebenslang
'Leben wollte ich! Ich wollte leben!' Henryk Mandelbaum steht in den Ruinen des Krematoriums II von Auschwitz-Birkenau. "Hier musste ich arbeiten. Hier habe ich die Leichen verbrannt. Sie waren nackt. Frauen, Kinder, Männer. Ich weiß nicht, wie viele es waren. Tausende? Zehntausende?"... Mehr in der "tageszeitung" vom 25.01.05:
http://www.taz.de/pt/2005/01/25/a0210.nf/text
 


 

Topf & Söhne - Sie bauten die Krematoriumsöfen für Auschwitz

Der Massenmord in Auschwitz ist nicht denkbar ohne die «Fachleute»: Architekten, die am Reißbrett Leichenkeller in Gaskammern verwandelten, waren ebenso in die Vernichtungsmaschinerie einbezogen wie Ventilationsingenieure oder Handwerker, die perfekt abdichtende Türen bauten. Auch die Experten für Krematoriumsöfen waren keine mordgierigen Monster vom Mars, sondern kamen aus der Zivilisation; sie haben in unserer Nachbarschaft gelebt.

Die 1878 gegründete Erfurter Firma Topf & Söhne war ein ehrgeiziges Unternehmen. Es stellte Dampfkesselanlagen und komplette Brauerei- und Mälzereianlagen her. In den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gehörte das Familienunternehmen zur Weltspitze. Unter dem Slogan «Topf in aller Welt» wurden beispielsweise Biermarken wie Carlsberg, Tuborg oder Dab ausgerüstet. Die Herstellung von Krematoriumsöfen war für die Firma dagegen nur ein Randgeschäft und machte nicht einmal drei Prozent vom Gesamtumsatz aus.

Historiker fanden weder Anzeichen dafür, dass die Brüder Topf fanatische Nationalsozialisten waren, noch dass sie Repressalien der SS ausgesetzt waren. Auch über die Motive des besonders aktiven Chefingenieurs Kurt Prüfer gibt es bisher keine gesicherten Aussagen. Prüfer war nachweislich oft in Auschwitz, schon zu einer Zeit, als das KZ noch nicht die berüchtigte «Todesfabrik» war.

Der Architekturhistoriker Robert Jan van Pelt vermutet, dass Prüfer zunächst vor allem die Öfen seiner Firma verkaufen und sich gegen den Konkurrenten Heinrich Kori aus Berlin durchsetzen wollte. Der renommierte Holocaustforscher von der Waterloo-Universität im kanadischen Ontario sagte Mitte Januar 2005 während eines Vortrags in Erfurt, er sei bei seinen Recherchen zum «Nullpunkt der Architektur», immer wieder auf die Firma «Topf & Söhne» und dabei vor allem auf den «deutschen Mitbürger von Erfurt, Kurt Prüfer», gestoßen.

Bereits der 1940 entstandene Entwurf des ersten Ofens der Firma Topf & Söhne für Auschwitz enthalte einen kriminellen Akt, meinte Pelt. Kriminell an der Architekturzeichnung sei, dass danach die Asche der einzelnen Menschen nicht mehr identifiziert werden könne. Damit sei von Anfang an gegen die in Deutschland geltenden Gesetze verstoßen worden, die eine Mischung der Aschen in den Krematoriumsöfen nicht erlaubten, sagte der gebürtige Niederländer, dessen Onkel 1944 in Auschwitz umgebracht wurde.

Im Jahr 1941 plante die SS in Auschwitz-Birkenau die Errichtung eines riesigen Lagers für 50.000 bis 200.000 Gefangene. Prüfer habe für den Bau eines Großkrematoriums gesorgt, in dem pro Tag 1.400 Leichen eingeäschert werden könnten, wie Pelt sagte. Später habe man dem Unternehmen sogar angeboten, ein Krematorium zu bauen, das für die Verbrennung von bis zu 3.000 Leichen pro Tag ausgelegt gewesen sei.

«Die Firma Topf & Söhne wollte die Grenzen der Technologie dieser Zeit erweitern», sagte Pelt. Auch als Auschwitz zum Vernichtungslager für Juden wurde, sei Prüfer noch mehrfach vor Ort gewesen. Ein Bericht der Zentralbauleitung des Konzentrationslagers vom Januar 1943 belegt: «Die Öfen wurden im Beisein des Herrn Oberingenieur Prüfer der ausführenden Firma Topf und Söhne, Erfurt, angefeuert und funktionierten tadellos. Die Eisenbetondecke des Leichenkellers konnte infolge Frosteinwirkung noch nicht ausgeschalt werden. Dies ist jedoch unbedeutend, da der Vergasungskeller hierfür benützt werden kann.»

Für Pelt liegt der absolute «Nullpunkt der Architektur» in der Planung und im Einbau jener Säulen, durch die das Gas in die «Badeanstalten für Sonderaktionen», wie es euphemistisch hieß, einströmen und wieder entweichen konnte. Auch Prüfer musste Detailkenntnis von dem Geschehen haben. Nach Angaben des Historikers Christian Gerlach soll er der Zentralbauleitung in Auschwitz am 19. Februar 1943 vorgeschlagen haben, warme Abluft in den «Leichenkeller 1» des Krematoriums II zu leiten. Also müsse er gewusst haben, dass es sich nicht wirklich um einen Leichenraum gehandelt habe, denn einen solchen zu beheizen sei ja widersinnig, schlussfolgerte Gerlach. Offensichtlich habe Prüfer die Gastötung zu «optimieren» versucht, denn das Zyklon B gehe erst bei 27 Grad Celsius in den gasförmigen Zustand über.

Für die von ihm akquirierten Aufträge habe Prüfer insgesamt 2.000 Reichsmark von seiner Firma erhalten, was drei bis sechs Monatsgehältern entsprochen habe. «Es ist fraglich, ob dies ein wesentlicher Antrieb für ihn gewesen ist», schrieb Gerlach.

(Quelle: afp, 20.01.05)


 

Deutsche Täter und ihre undeutliche Schuld

Telepolis-Gespräch (02.01.05) mit der Journalistin und Schriftstellerin Inge Deutschkron, die en Holocaust überlebt und als Beobachterin am Frankfurter Auschwitz-Prozess teilgenommen hat:
http://www.telepolis.de/r4/artikel/19/19079/1.html

Im Dezember 1963 begann in Frankfurt der erste Auschwitz-Prozess. Recht gesprochen wurde über 22 ehemalige Mitglieder des SS-Wachpersonal wegen des Massenmordes in Auschwitz. Das Verfahren gilt als Wendepunkt in der bundesdeutschen Geschichte: 18 Jahre nach Kriegsende wurden die Deutschen erstmals direkt mit Fragen der Verantwortung am Holocaust konfrontiert... Mehr in der "tageszeitung" vom 20.12.03:
http://www.taz.de/pt/2003/12/20/a0132.nf/text

Micha Brumlik - Die Deutschen und der Auschwitz-Prozess
http://www.judentum.net/deutschland/auschwitz.htm

'Totenbücher' des KZ Auschwitz im Internet:
http://www.auschwitz-muzeum.oswiecim.pl
 


 

Jeder fünfte Deutsche laut Forschern antisemitisch eingestellt

Ressentiments reichten bis in die Mitte der Gesellschaft

So.23.01.05 - Fast jeder fünfte Deutsche hat laut Untersuchungen des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung [http://www.tu-berlin.de/~zfa/] judenfeindliche Einstellungen. Nachdem über Jahrzehnte ein Rückgang des Anteils antisemitischer Vorurteile in der Bevölkerung zu verzeichnen gewesen sei, ließen sich seit etwa zehn Jahren ließen konstant bei 15 bis 20 Prozent antisemitische Einstellungen erkennen, schrieb der Forscher Werner Bergmann in einem Beitrag für den «Tagesspiegel am Sonntag»...

Mehr unter:
http://home.t-online.de/home/boa-archiv6/k0501230.htm#05012317


 

Der Antisemitismus ist die längstdauernde Obsession Europas...

... - er hat den religiösen Kontext, in dem er entstanden ist, besser überdauert als dieser selbst -, und kommt doch - auch außerhalb europastämmiger Kulturen - immer wieder daher, als wäre er gerade neu erfunden worden.

Der christliche Vorwurf des Gottesmordes steht nicht mehr im Vordergrund antisemitischer Propaganda und ist doch alles andere als vergessen. Gleichzeitig gelingt es dem Antisemitismus immer wieder, sich als Element in aktuelle politische Diskussionen einzumischen, ein, wie Sartre es formuliert hat, "Molekül, das sich mit beliebigen anderen Molekülen verbinden kann, ohne sich selbst zu verändern". Der Fall Hohmann war instruktiv. ...

Aus: Jan Philip Reemtsma - "Vom Nutzen eines Tabus", Le Monde diplomatique (Nr. 7232 vom 12.12.2003, Seite 2,):
http://www.taz.de/pt/2003/12/12/a0020.nf/text

Redebeiträge zur Konferenz "Antisemitismus heute - Europäische Debatten im Vergleich" (Januar 2004, PDF-Datei):
http://www.boell.de/downloads/vkal4/antisem_beitraege.pdf

Ohne den Antisemitismus wäre der Zionismus nie entstanden...
http://t-online.de/home/boa-archiv2/k0311290.htm#031129_g

Mehr zum Thema Antisemitismus unter:
http://home.t-online.de/home/boa-archiv2/k0401260.htm#040126ts
 


 

Holocaust für Israel allgegenwärtig und ambivalent

Mi.26.01.05 - Sechs Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg ist der Holocaust für Israel noch immer ein Trauma und ein integraler Bestandteil der nationalen Identität. Er ist allgegenwärtig, wird im politischen Schlagabtausch ins Feld geführt, ist ein Bezugspunkt in kulturellen Debatten und spielt auch im Nahostkonflikt eine Rolle, etwa in der Debatte über die Anerkennung des Existenzrechts des Staates Israel.

Tausende Oberschüler reisen jedes Jahr nach Auschwitz und zu anderen NS-Todeslagern, um einen persönlichen Bezug zur Ermordung von sechs Millionen Juden zu bekommen. Ausländische Staatsgäste werden zur Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem geführt, um sie mit der ganzen Dimension des Albtraums zu konfrontieren.

«Auschwitz gehört zu unserem Alltag, nicht zur Vergangenheit», sagt der frühere Parlamentspräsident Schevah Weiss, selbst ein Holocaust-Überlebender. «Alles ist mit der Erinnerung an die dunkle Periode von Auschwitz verbunden.»

«Er gehört zur Identität eines Israeli», sagt der Autor Tom Segev, der sich mit der ambivalenten Beziehung Israels mit dem Holocaust beschäftigt hat. In den ersten Jahren nach der Staatsgründung habe die Vorstellung von den Juden als hilfloses Opfer nicht in das nationale Bild von heroischen «neuen Juden» gepasst.

Viele Israelis schauten deshalb herab auf die hunderttausenden Holocaust-Überlebenden, die in das neue Land kamen. Sie konnten ihr Leid nicht bewältigen und versteckten ihre Narben. «In so einer Atmosphäre gab es keinen Platz für die Geschichte des Holocausts», sagt der Schriftsteller Aharon Appelfeld. Das begann sich erst mit dem Eichmann-Prozess 1961 zu ändern, der vom Radio übertragen wurde. Erstmals interessierte sich das ganze Land für die Berichte der Überlebenden.

Das Mitgefühl wuchs weiter im Jom-Kippur-Krieg 1973, als viele Israelis Angst verspürten, dass das Land zerstört und sie ermordet werden könnten - so wie es den europäischen Juden widerfuhr. In den 80er Jahren wurde die Geschichte des Holocausts Pflichtthema in Oberschulprüfungen, und die Bedeutung des Gedenktags wuchs.

Heute lässt die Armee ihre Offiziere Auschwitz besuchen, um sie zu motivieren, die Nation vor künftigen Gräueln zu schützen. Schulen laden Überlebende ein, ihre Geschichte weiterzugeben. Jährlich fahren 21.000 Schüler für acht Tage nach Polen, wo sie die Todeslager, Gettos, die verlassenen Synagogen und jüdische Friedhöfe besuchen.

Adi Rosenzweig hat die Reise stark beeindruckt. «Ich wollte verstehen, wie ein Mensch überleben und seine Fröhlichkeit bewahren kann», sagt die 18-Jährige. Die Familie ihrer Großmutter wurde damals nahezu vollständig ausgelöscht. Der Gedanke an den Holocaust mache sie stolz, eine israelische Bürgerin zu sein, sagt Rosenzweig: «Ich lebe, wir haben eine Heimat, und die Nazis haben nicht gewonnen.»

Israel unterhält längst enge Beziehungen zu Deutschland, von denen nicht zuletzt die zahlreichen VW-Fahrzeuge in den Straßen zeugen. Doch Empfindlichkeiten bleiben. Der Dirigent Daniel Barenboim sorgte 2001 für einen Eklat, als er den Boykott gegen Werke Richard Wagners brach und mit der Berliner Staatskapelle in Jerusalem die Ouvertüre zu «Tristan und Isolde» spielte. Wagner hat sich in seinen Schriften antisemitisch geäußert, zudem war er der Lieblingskomponist Adolf Hitlers. Später wurde versucht, die Verleihung eines prestigeträchtigen Preises an Barenboim zu verhindern. Der Musiker entschuldigte sich schließlich, falls er jemanden verletzt habe.

In der politischen Auseinandersetzung wird die Erinnerung an den Holocaust immer wieder missbraucht. In den Monaten vor der Ermordung von Jizchak Rabin zeigten Gegner des Friedensprozesses Plakate, die den Ministerpräsidenten in SS-Uniform zeigten. Im vergangenen Jahr schockierten Siedler die Öffentlichkeit, als sie aus Protest gegen den geplanten Rückzug aus dem Gaza-Streifen orangefarbene Sterne auf ihrer Kleidung trugen, eine Anspielung auf den gelben Judenstern.

Auch manche Befürworter einer Aussöhnung mit den Palästinensern beriefen sich auf den Holocaust, indem sie die Besetzung des Westjordanlands und des Gaza-Streifens sowie die Behandlung der Palästinenser durch die Israelis mit Nazi-Methoden verglichen.

Viele Palästinenser versuchen ihrerseits, das Leid der Juden herunterzuspielen, in der Sorge, dass ihre eigene Not durch einen Vergleich mit dem Holocaust relativiert werden könnte. Dies hindere sie daran, die Israelis zu verstehen, sagt der Historiker Segev. Im Gegenzug hätten viele Menschen in Israel Angst, in dem Konflikt erneut zum Opfer zu werden. «Es ist alles irrational.»

«Es liegt in der Luft, sie können es fühlen», sagt der Direktor der Jad-Vaschem-Gedenkstätte, Avner Schalew. «Die Wunde ist immer noch da. Wir trauern noch, wie versuchen immer noch, es zu bewältigen. Das Trauma ist zu tief und schmerzvoll, und es ist noch nicht vorbei.»

(Quelle: ap)


 

Auschwitz im 21. Jahrhundert
Ändert sich das Gedenken, 60 Jahre und zwei Generationen nach dem Ende der Vernichtung? Wofür wird das Holocaust-Mahnmal stehen? Und was sagen uns die Folterbilder von Abu Ghraib? Über das Wesen, die Paradoxien - und über den Sinn von Auschwitz schreibt der Direktor des Fritz-Bauer-Instituts zur Erforschung des Holocaust, Micha Brumlik, in der "tageszeitung" vom 27.01.05:
http://www.taz.de/pt/2005/01/27/a0162.nf/text
http://www.taz.de/pt/2005/01/27/a0160.nf/text
 
 
 
 


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