Aktuelle Nachrichten
Irak am fünfhundertfünfunddreißigsten Tag nach Erlangung der
formellen Souveränität
US-Präsident Bush verteidigt Irak-Krieg erneut. Angriff auf ein
weiteres Land nicht ausgeschlossen. 7655 Kandidaten bewerben sich im
Irak um 275 Abgeordnetenmandate. Sarkawi kündigt vor Wahl
Offensive im Irak an. Irakischer UN-Botschafter räumt
Häftlingsmisshandlungen ein. Medien: Erstmals Kontakt zu
Osthoff-Entführern
Do.15.12.05 - Einen Tag vor der Parlamentswahl im Irak hat US-Präsident George
W. Bush den Irak-Krieg erneut verteidigt und im Kampf gegen den
Terrorismus den Angriff auf ein weiteres Land nicht ausgeschlossen.
"Meine Entscheidung, Saddam Hussein zu vertreiben, war richtig", sagte
Bush am Mittwoch in Washington. Der ehemalige irakische Machthaber habe
eine "Gefahr" dargestellt. Den Menschen in den USA und der ganzen Welt
gehe es besser, seit er nicht mehr an der Macht sei. "Wir erleben einen
Wendepunkt in der Geschichte der Freiheit", sagte Bush.
"Wir können es nicht hinnehmen, dass die gefährlichsten
Männer der Welt nach den gefährlichsten Waffen der Welt
greifen", sagte der US-Präsident weiter. Im Zeitalter des
Terrorismus und der Massenvernichtungswaffen "werden wir zu lange
gewartet haben, wenn wir warten, bis sich die Gefahren voll
verwirklichen".
Bush räumte ein, dass sich ein "großer Teil" der
Informationen über das angebliche Waffenarsenal Saddam Husseins
als "falsch" herausgestellt habe und die USA bei der Frage des
Irak-Kriegs in ein Lager der Befürworter und Gegner gespalten sei.
Vorwürfe, dass er die USA bewusst in die Irre geführt habe,
wies der US-Präsident aber als "unverantwortlich" zurück. Die
Angaben seien selbst von Ländern gestützt worden, die einem
Militäreinsatz im Irak entgegengestanden hätten, sagte er.
US-Medien hatten dagegen in der letzten Zeit unter Berufung auf
französische und deutsche Geheimdienstmitarbeiter berichtet, dass
diese Washington wiederholt vor ungenauen oder falschen Angaben gewarnt
hätten.
Bei den Parlamentswahlen im Irak bewerben sich 7655 Kandidaten um die
275 Abgeordnetenmandate. Dies gab die Wahlkommission am Mittwoch in
Bagdad bekannt. Die endgültige Auflistung der Kandidaten wurde
damit erst einen Tag vor der Wahl abgeschlossen. Verzögerungen
kamen unter anderem dadurch zu Stande, dass führende Vertreter der
Baath-Partei des ehemaligen irakischen Präsidenten Saddam Hussein
nicht als Kandidaten zugelassen sind. Der Wahlgang am heutigen
Donnerstag wird von 120.000 Beobachtern von
Nichtregierungsorganisationen überwacht, darunter mehr als 800 aus
dem Ausland.
Einen Tag vor der Parlamentswahl hat der irakische Arm der
El-Kaida-Organisation eine großangelegte Offensive im Irak gegen
"Bastionen der Ungläubigen und Abtrünnigen" angekündigt.
Auf einer islamistischen Internetseite kündigte am Mittwoch die von
dem Jordanier Abu Mussab el Sarkawi angeführte Organisation, die
"Hochzeitsnacht der demokratischen Vereinigung aus Gottlosigkeit und
Prostitution" zu stören. Die Echtheit des Textes konnte
zunächst nicht festgestellt werden.
In der Nähe eines Wahllokals in der nordirakischen Stadt Mossul
wurden zwei Polizisten getötet und zwei weitere verletzt. Sie waren
nach Polizeiangaben im Stadtviertel El Nur auf Patrouillenfahrt, als
ihr Fahrzeug von einem Sprengsatz zerrissen wurde. Vor dem Wahlgang vom
Donnerstag wurden landesweit scharfe Sicherheitsmaßnahmen
angeordnet. Dazu zählen die Schließung der Landesgrenzen und
der Flughäfen, eine nächtliche Ausgangssperre und Fahrverbote.
Der irakische UN-Botschafter hat zugegeben, dass sich die irakische
Polizei der Misshandlung von Häftlingen schuldig gemacht habe.
Diese Praxis werde jedoch gestoppt werden, betonte Samir Sumaidaie am
Mittwochabend in New York. Das Problem liege darin, dass viele
Polizisten während des vorherigen Regimes im Irak ausgebildet
worden seien - und damit in einer Kultur der Gesetzlosigkeit. Die
Regierung in Bagdad sei jedoch entschlossen, Missstände dieser Art
zu beseitigen.
Am Dienstag wurde bekannt, dass in zwei irakischen Gefängnissen
mehr als 120 Häftlinge gefoltert wurden. US-Botschafter Zalmay
Khalilzad erklärte in Bagdad, von den 173 Insassen des dem
Innenministerium unterstehenden Gefängnisses im Stadtteil
Dschadrija seien mehr als 100 misshandelt worden. In der Woche zuvor
hätten irakische und amerikanische Soldaten zwischen 21 und 26
misshandelte Gefangene in einer weiteren Haftanstalt des schiitisch
geführten Innenministeriums gefunden.
Knapp drei Wochen nach der Verschleppung der Deutschen Susanne Osthoff
im Irak hat die deutsche Regierung nach Medienberichten erstmals
indirekten Kontakt zu den Entführern. Die Bundesregierung habe
viele Personen angesprochen, die als Vermittler in Frage kämen,
berichtete ZDF-Terrorismusexperte Elmar Theveßen am Mittwoch.
Darunter seien schiitische und sunnitische Geistliche, aber auch
Personen aus dem Kreis des alten Saddam-Regimes gewesen.
«Nun gibt es offenbar tatsächlich Kontakt zu Vermittlern,
die wohl Kontakt zu den Entführern von Frau Osthoff haben»,
sagte Theveßen. Dies bedeute zumindest ein wenig Hoffnung.
Auch die ARD erfuhr aus der Umgebung des Krisenstabs, es sei gelungen,
indirekten Kontakt zu den Geiselnehmern der 43-jährigen
Archäologin aufzunehmen. Man gehe weiter fest davon aus, dass
Osthoff und ihr ebenfalls verschleppter irakischer Fahrer noch lebten,
sagte ARD-Korrespondent Werner Sonne.
Das Auswärtige Amt wollte diese Angaben zunächst nicht
bestätigen, um die Sicherheit der Geisel nicht zu gefährden.
Der Krisenstab treffe erneut zusammen, um weiter eine Lösung in dem
Entführungsfall zu suchen, hieß es.
Susanne Osthoff war am 25. November gemeinsam mit ihrem irakischen
Fahrer verschleppt worden. Die Geiselnehmer haben damit gedroht, sie zu
töten, falls die Bundesregierung ihre Zusammenarbeit mit der
irakischen Regierung nicht abbrechen sollte.
(Quellen: afp, ddp, ap)
Osthoff-Schwester appelliert an deutsche Bevölkerung
Do.15.12.05 - Mit einem eindringlichen Appell hat sich die Schwester der im Irak
entführten Susanne Osthoff jetzt direkt an die Bürger in
Deutschland gewandt. «Bitte zeigen Sie ihr Mitgefühl.
Demonstrieren Sie Ihre Unterstützung für die
Freilassung», sagte Anja Osthoff am Mittwoch in Berlin.
Gemeinsam mit dem Medikamenten- Hilfswerk action medeor, dessen
Mitarbeiterin Susanne Osthoff ist, starteten sie eine bundesweite
Unterschriftenaktion für die vor knapp drei Wochen verschleppte
43-Jährige und riefen zu Mahnwachen auf. Am Brandenburger Tor in
Berlin versammelten sich am Mittwochabend zu einer solchen Aktion etwa
300 Menschen.
Von der Archäologin gibt es immer noch kein Lebenszeichen. Die
Bundesregierung bemüht sich weiter intensiv um einen Kontakt zur
den Entführern. Bernd Pastors von action medeor, sagte, Susanne
Osthoff habe 2003 noch während des Krieges im Irak lebenswichtige
Arzneimittel wie Verbandsstoffe und Schmerzmittel nach Bagdad gebracht.
Dadurch seien viele Menschen gerettet worden. Sie habe mutig und
uneigennützig gehandelt. Dafür verdiene sie Achtung.
Anja Osthoff (35) sagte, durch öffentlich gezeigte
Unterstützung könne ihrer Schwester vielleicht geholfen
werden. «Wir wissen, dass für die französischen und
italienischen Geiseln die Unterstützung ihres Heimatlandes
ungemein wichtig war. (...) Auch meine Schwester braucht diese
öffentliche Anteilnahme.» Sie betonte, dass die
Solidarität auch für alle anderen Geiseln gelte, darunter den
Fahrer ihrer Schwester.
Der Journalist und Initiator der Aktion «Weißes
Friedensband», Günter Haverkamp, sagte, der Appell richte
sich insbesondere auch an junge Leute. Sie seien die Erben einer Welt,
die immer mehr von Gewaltproblemen und Terror belastet werde. Anja
Osthoff legte Wert darauf, dass sich ihre Schwester als
Archäologin im Irak für den Erhalt einer Weltkultur
eingesetzt habe. Ferner bemängelte sie, dass sie keine direkten
Informationen vom Auswärtigen Amt bekomme. «Ich weiß
es später als die Presse.» Während Journalisten das
Video der Entführer gesehen hätten, sei ihr das als
Angehörige verwehrt worden.
Zu der Mahnwache in Berlin, an der auch Anja Osthoff teilnahm, hatte
die Türkische Gemeinde in Deutschland aufgerufen. Der
Gemeindevertreter Kenan Kolat forderte die Bundesregierung dazu auf,
sich an die türkische Regierung zu wenden, die viele enge
Kontrakte in den Irak habe. Bundestags-Vizepräsidentin Katrin
Göring-Eckardt (Grüne) bat die Entführer ebenfalls,
Susanne Osthoff freizulassen.
(Quelle: dpa)
'Frauen haben im heutigen Irak keinen Schutz'
Zur Situation von Frauen im Irak, gezielten Anschlägen und der
Forderung nach Abzug der Besatzungstruppen ein Interview mit Houzan
Mahmoud von der 'Organisation für die Rechte der Frauen im
Irak'... Mehr bei telepolis vom 14.12.05:
http://www.telepolis.de/r4/artikel/21/21564/1.html
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. bis 15.12.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am hundertundsiebzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Mi.15.12.04 - US-Soldaten misshandelten mehr Iraker als bisher bekannt:
Bürgerrechtsbewegung erzwingt per Gerichtsbeschluss Freigabe von
offiziellen Dokumenten, die belegen, dass Misshandlungen in
US-Gewahrsam üblich waren. Richter in Großbritannien lassen
Foltervorwürfe gegen britische Armee im Irak prüfen +++
Frühere irakische Regime-Mitglieder nächste Woche vor
Gericht +++ Irakische Übergangsregierung bittet um internationale
Hilfe bei Suche nach Menschen, die unter dem früheren Machthaber
Saddam Hussein spurlos verschwanden +++ US-Armee will Bewohnern
Falludschas 'Trost-Zahlung' für die Zerstörung ihrer Stadt
leisten +++ Erneut Selbstmordanschlag in Bagdad: Mindestens sieben Tote +++
Polen zieht im Februar ein Drittel seiner Soldaten aus dem Irak ab +++
Nach Erkenntnissen der EU gehen gewaltbereite Jugendliche aus Europa
und arabischen Staaten zur paramilitärischen Ausbildung in den Irak...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/k0412150.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die am Donnerstag auf der Website der
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht werden sollte.
Die Umfrage im Auftrag der US-Universitäten Johns Hopkins und
Columbia und der Al-Mustansirija-Universität in Bagdad wurde von
Irakern, überwiegend Ärzten, durchgeführt. Von
landesweit 988 besuchten Haushalten erklärten sich 808 zur
Teilnahme bereit. Verglichen wurde die Todesrate nach der Invasion mit
der in der Zeit vor dem Krieg. Anschließend wurde die Rate auf
das gesamte Land hochgerechnet. «Die meisten Menschen, die von
Koalitionstruppen getötet wurden, waren Frauen und Kinder»,
heißt es in dem Bericht.
Sa.30.10.04 - Die britische Regierung will die von US-Wissenschaftlern
veröffentlichte Zahl von rund 100.000 Zivilisten, die infolge des
US-geführten Krieges im Irak ums Leben kamen, "sehr ernsthaft"
prüfen. London habe noch keine Zeit gehabt, sich die Studie der
Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health genauer anzusehen,
sagte der britische Außenminister Jack Straw. Da die Erhebung
jedoch in der renommierten britischen Fachzeitung "The Lancet"
erschienen sei, werde die Regierung sie sehr ernsthaft prüfen.
Zugleich betonte Straw, die Zahl von 100.000 getöteten Irakern sei
"eine sehr hohe Schätzung", die weit über allen bisherigen
Angaben von Nichtregierungsorganisationen liege. So spreche die
irakische Internetseite "Body Count" [http://www.iraqbodycount.net] von 15.000 Toten seit Beginn der
Kampfhandlungen im März 2003.
Sa.17.09.05 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 1.899
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen.Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
Di.30.11.04 - Im US-Militärkrankenhaus in Landstuhl sind seit dem Angriff der
USA auf Afghanistan Ende 2001 fast 21.000 verwundete US-Soldaten behandelt
worden, wie die Klinik am Montag mitteilte. Das Landstuhl Regional
Medical Center ist das größte US-Militärhospital
außerhalb der USA. Dort werden zumeist Verwundete aus
Kampfhandlungen, aber auch sonstige Patienten versorgt. Bis Sonntag
seien insgesamt 17.878 US-Soldaten aus Irak und 3.085 aus Afghanistan
behandelt worden, sagte eine Krankenhaussprecherin auf Anfrage.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
Ein Jahr Bomben auf Bagdad: Sind die USA gescheitert?
Sa.20.03.04 - Längst beherrscht der Katzenjammer die Bush-Krieger, die sich
ihres Sieges nicht wirklich erfreuen können, weil die Probleme
größer denn je zuvor sind...
Analysen, Berichte und Interviews zum Thema unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/k0403200.htm#040320_a
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Pentagon überwacht offenbar routinemäßig
Friedensaktivisten
Do.15.12.05 - Das US-Verteidigungsministerium überwacht offenbar
routinemäßig Friedensaktivisten. Der TV-Sender NBC News
veröffentlichte am Dienstag eine acht Seiten lange Pentagon-Liste,
auf der Kundgebungen, Mahnwachen und Sitzstreiks von Friedensaktivisten
aufgeführt sind. Die Liste bezieht sich auf Kundgebungen zwischen
November 2004 und Mai 2005, Randnotizen lassen darauf schließen,
dass im Pentagon jeweils unter Rückgriff auf Insiderinformationen
eine Einschätzung erfolgte, welche Bedeutung den Aktionen der
Friedensaktivisten zuzumessen sei.
(Quelle: afp)
Irans Präsident bezeichnet Holocaust als 'Mythos'
Do.15.12.05 - Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat den Holocaust
als "Mythos" abgetan. Die westlichen Staaten hätten den "Mythos vom
Massaker an den Juden erfunden", sagte Ahmadinedschad in einer Rede,
die im staatlichen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Deutschlands
Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) verurteilte die
Äußerungen Ahmadinedschads als "schockierend" und
"inakzeptabel".
Ahmadinedschad wiederholte seine Forderung aus der vergangenen Woche,
der Staat Israel solle in eine andere Weltgegend verlegt werden. Dies
könne "in Europa, den USA, Kanada oder Alaska" geschehen. Der
iranische Staatschef hatte Israel in der letzten Woche mit einem
"Krebsgeschwür" verglichen. Zudem hatte er Deutschland und
Österreich vorgeschlagen, einen Teil ihres Territoriums abzutreten,
um dort einen jüdischen Staat zu errichten.
In seiner jüngsten Rede erklärte der iranische Präsident
zudem, Teheran werde "keinen Deut" von seinem Atomprogramm
abrücken: "Ihr könnt sicher sein, dass wir von unserem Recht
in der Atomfrage keinen Deut abrücken werden." Die USA
verdächtigen den Iran, unter dem Deckmantel eines zivilen
Atomprogramms den Bau von Nuklearwaffen vorzubereiten.
Die israelische Regierung verwies als Reaktion auf die Rede des
iranischen Präsidenten auf das eigene militärische Potenzial.
"Gott sei Dank verfügt Israel über die Mittel, um das
extremistische Regime im Iran scheitern zu lassen", sagte der Sprecher
von Ministerpräsident Ariel Scharon, Raanan Gissin, der AFP. "Es
wird keine zweite 'Endlösung' geben", fügte Gissin unter
Hinweise auf den Holocaust hinzu, der von den Nationalsozialisten als
"Endlösung der Judenfrage" bezeichnet worden war. Der israelische
Außenamtssprecher Mark Regew sagte: "Wir hoffen, dass die
extremistischen Äußerungen des iranischen Präsidenten
der Weltgemeinschaft die Augen öffnen werden und sämtliche
Illusionen über dieses Regime beseitigen."
Der Geschäftsträger des Iran in Deutschland wurde laut
Steinmeier vom Auswärtigen Amt einbestellt. Ihm sei gesagt worden,
dass die Äußerungen nicht hinnehmbar seien.
(Quelle: afp)
US-Außenministerin Rice: 'Problem Iran' muss geregelt werden
Do.15.12.05 - Der Iran ist nach Ansicht von US-Außenministerin Condoleezza Rice
ein "Problem" für die Stabilität des Nahen Ostens, für
das die internationale Gemeinschaft eine Lösung finden muss. In
einer Rede bei der konservativen Denkfabrik Heritage Foundation in
Washington nahm Rice am Dienstag unter anderem Bezug auf den Streit um
das iranische Atomprogramm. Sie warf der Führung in Teheran zudem
erneut vor, Aufständische im Irak zu unterstützen.
Ferner hätten die jüngsten israel-feindlichen
Äußerungen des iranischen Präsidenten Mahmud
Ahmadinedschad gezeigt, dass "das Regime außerhalb der
internationalen Gemeinschaft" stehe, fügte Rice hinzu.
Der internationalen Gemeinschaft warf die US-Außenministerin vor,
den Prozess gegen den früheren irakischen Staatschef Saddam Hussein
zu "boykottieren". Die Weltgemeinschaft habe "praktisch nichts getan",
um zu helfen, Saddam Hussein vor Gericht zu bringen, sagte Rice, ohne
bestimmte Länder zu nennen. Diese Haltung wirke sich negativ auf
die irakische Bevölkerung aus, die derzeit für Gerechtigkeit
und Freiheit kämpfe, die ihr unter Saddam Husseins Herrschaft so
lange versagt geblieben seien.
(Quelle: afp)
Israel rüstet sich für Präventiv-Schlag gegen Teheran
Do.15.12.05 - Israel rüstet auf, um für die größtmögliche
Bedrohung gewappnet zu sein - einen Atomschlag des Irans. In den
vergangenen Monaten hat die Luftwaffe amerikanische Kampfjets erhalten,
die dank Extratanks den Iran erreichen könnten. Und mit Deutschland
haben die Israelis einen Vertrag über den Bau von zwei U-Booten
der Dolphin-Klasse unterschrieben. Die U-Boote sollen nach
unbestätigten Berichten auch für den Abschuss von Atomraketen
geeignet sein.
Zwar beteuert die Regierung in Jerusalem, ein Präventiv-Schlag
gegen die Atomanlagen des Irans sei nicht in Vorbereitung. Gleichwohl
beteiligen sich ranghohe Politiker an der Diskussion über einen
möglichen Militäreinsatz, ob allein oder im Verbund mit den
USA.
Mit einer einzigen Bombardierung - wie bei der Zerstörung eines im
Bau befindlichen irakischen Reaktors 1981 - wäre es nach Ansicht
von Experten im Falle des Irans nicht getan. «Diesmal gibt es kein
Ziel, das man auf der Landkarte findet und zu dem man zwei F-15
schicken könnte, um das Problem zu lösen», sagt Itamar
Jaar, stellvertretender Vorsitzender des israelischen Sicherheitsrates.
Die Debatte in Israel wird durch zwei Faktoren angeheizt: Die
jüngsten antisemitischen Ausfälle des iranischen
Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, sowie das Streben Teherans nach
einem eigenen Atomprogramm inklusive Urananreicherung.
Das Verhältnis der beiden Staaten gründet seit mehr als 25
Jahren auf einer soliden Feindschaft. Vor der islamischen Revolution
Ayatollah Khomeinis im Jahr 1979 hatte Israel gemeinsam mit den USA den
Schah unterstützt. Khomeini bezeichnete Israel danach als
«kleinen Satan» neben dem «großen Satan»
USA. Ahmadinedschad hat im Oktober öffentlich gefordert, Israel
«von der Landkarte zu tilgen». Zuletzt rief er Europa dazu
auf, den jüdischen Staat nach Deutschland oder Österreich zu
verlegen. Als Beweis für den Ernst dieser Drohungen wertet die
israelische Regierung, dass Teheran die Hisbollah und den Islamischen
Dschihad unterstützt. Beide Gruppen bekämpfen Israel.
Über das iranische Atomprogramm soll zwar noch im Dezember wieder
verhandelt werden. Doch Teheran verband seine Gesprächsbereitschaft
mit der Ankündigung, mehr Atomreaktoren bauen sowie 30 russische
Boden-Luft-Raketen vom Typ Tor-M1 kaufen zu wollen. Der Beteuerung der
iranischen Regierung, ihr Atomprogramm diene ausschließlich der
Stromerzeugung, traut man in Washington ebenso wenig wie in Tel Aviv
und Jerusalem.
Ministerpräsident Ariel Scharon sagte in dieser Woche: «Die
Möglichkeit, die iranischen Atomanlagen auszuschalten, besteht
natürlich.» Sein Rivale und Vorgänger Benjamin Netanjahu
erklärte freimütig, er würde einen Präventiv-Schlag
unterstützen. Generalstabschef Dan Haluz geht nicht davon aus,
dass Teheran mit Diplomatie vom Bau einer Atombombe abgehalten werden
könnte. «Eine militärische Lösung könnte
notwendig werden.»
Dabei warnen einige Experten, aus Mangel an präzisen
Geheimdienstinformationen und wegen der militärischen
Abwehrbereitschaft des Irans sei ein effektiver Militärschlag gar
nicht möglich. Bekannt ist vor allem, dass die Fabriken im ganzen
Land versteckt sind, zum Teil unter der Erde. Andere Experten halten
einen Angriff für machbar, wenn sich die US-Streitkräfte
beteiligen würden.
Das martialische Szenario: Die amerikanische Luftwaffe zerstört
mit Cruise Missiles und 500-Pfund-Bomben die bekannten Anlagen. Die
israelische Luftwaffe könnte die Angriffe mit F-16I-Kampfjets
unterstützen. Dann müssten Spezialkommandos am Boden die
wichtigsten Einrichtungen attackieren und sicher stellen, dass sie
zerstört wurden. Als erste Ziele gelten die Atomfabrik Buschehr und
die Anlage zur Uran-Konversion in Isfahan.
Der israelische Militärexperte Gerald Steinberg sagt, dass nicht
alle Anlagen zu 100 Prozent ausgeschaltet werden müssten, um das
iranische Atomprogramm zu schwächen. Genau davor warnt jedoch sein
Kollege David Albright aus Washington: Jeder Luftangriff werde den Iran
provozieren und den Wunsch nach einer Atombombe nur noch
verstärken. Dies wäre besonders gefährlich, wenn einige
Einrichtungen des Programms nicht zerstört würden. So oder so
würde Teheran nach einem Angriff versuchen, den Amerikanern und
Israelis das Leben so schwer wie möglich zu machen, sagt Albright.
Sei es durch die Unterstützung der Aufständischen im Irak, sei
es durch die Hisbollah-Miliz, die vom Libanon Anschläge in Israel
verüben könnte.
(Quelle: ap)
Machtkampf in der palästinensischen Fatah
Do.15.12.05 - In der größten palästinensischen Partei Fatah spitzt
sich der Machtkampf zwischen der alten Elite um Präsident Mahmud
Abbas und der jungen Garde um Marwan Barghuti zu. Am Mittwoch
stürmten vermummte Bewaffnete zum Hauptsitz der Partei in Gaza. Vor
dem Gebäude fielen Schüsse, drei Personen wurden verletzt.
Die Parteizentrale wurde vorübergehend von Fatah-Aktivisten
besetzt, die Jobs in der Autonomiebehörde verlangten. Sie wurden
von Wachleuten vertrieben. Die Handgreiflichkeiten kamen wenige Stunden
vor Ablauf der Frist, bis zu der alle Parteien ihre Kandidaten für
die Parlamentswahl am 25. Januar zu benennen haben.
Nach gewaltsamen Störungen einer Urwahl in der Fatah erklärte
Abbas, er werde die Kandidaten für seine Wahlliste zu ernennen.
Anhänger des in Israel zu fünf Mal lebenslanger Haft
verurteilten Barghuti verlangen nun, dass die alte und als korrupt
geltende Garde abtritt. Für Barghuti fordern sie den Spitzenplatz.
Sollte er nicht an die erste Stelle gesetzt werden, sei eine Abspaltung
möglich, sagte ein Verbündeter Barghutis, der Abgeordnete
Gatem Abdel Chader. Am Mittwoch verhandelten mehrere Abgesandte der
Fatah mit Barghuti im Gefängnis. Chader zufolge existiert bereits
eine alternative Liste, sollten Barghutis Forderungen nicht erfüllt
werden. Dies würde die Spaltung der Fatah bedeuten.
Barghuti ist in Israel wegen Angriffen verurteilt worden, bei denen
vier Israelis und ein griechischer Mönch getötet wurden. Er
will einen palästinensischen Staat neben Israel erreichen,
bezeichnet Gewalt aber als gerechtfertigt, um Israel aus den im
Sechstagekrieg 1967 besetzten Gebieten zu vertreiben.
(Quelle: ap)
UN ziehen Beobachter aus Eritrea ab
Do.15.12.05 - Die Vereinten Nationen ziehen alle 180 europäischen,
US-amerikanischen und kanadischen UN-Beobachter aus Eritrea ab. Das
beschloss der Sicherheitsrat am Mittwochabend in New York. Er folgte
damit einer Aufforderung Eritreas, das die Ausweisung der westlichen
UN-Beobachter vor einer Woche binnen zehn Tagen gefordert hatte. Mit
der Ausweisung heizte Eritrea die Angst vor einem neuen Krieg mit
Äthiopien an.
Beide Staaten am Horn von Afrika haben in den vergangenen Wochen ihre
Truppen an der gemeinsamen Grenze verstärkt. Eritrea erlangte 1993
die Unabhängigkeit von Äthiopien, ohne dass damals der
Grenzverlauf genau festgelegt wurde. Deswegen kam es 1998 zum Krieg,
der mehrere zehntausend Menschen das Leben gekostet hat.
Der Überwachungsmission der Vereinten Nationen in einer 24
Kilometer breiten Pufferzone zwischen Äthiopien und Eritrea
gehören nahezu 3.300 Soldaten und Militärbeobachter aus 40
Ländern an. Mehr als 1.500 von ihnen kommen aus Indien.
(Quelle: ap)
Annan verlangt Anklagen gegen Kriegsverbrecher von Darfur
Do.15.12.05 - UN-Generalsekretär Kofi Annan fordert, dass die Verantwortlichen
für die Massenmorde in der sudanesischen Krisenregion Darfur vor
den Internationalen Strafgerichtshof gestellt werden. «Diejenigen,
die diese Verbrechen im Sudan begangen haben, müssen zur
Rechenschaft gezogen werden», sagte er in New York. Der
Chefankläger des Haager Gerichts, Luis Moreno- Ocampo, hatte den
Weltsicherheitsrat über den Stand seiner Ermittlungen
unterrichtet. Mittlerweile biete sich ihm ein «umfassendes Bild
der Verbrechen»
(Quelle: dpa)
Uribe akzeptiert Schaffung von entmilitarisierter Zone in Kolumbien
Do.15.12.05 - Der kolumbianische Präsident Alvaro Uribe hat die Schaffung einer
entmilitarisierten Zone im Südwesten des Landes akzeptiert, in der
ein Gefangenenaustausch mit den linksgerichteten Revolutionären
Streitkräften Kolumbiens (FARC) stattfinden könnte. Die
Regierung sei mit dem Vorschlag Frankreichs, der Schweiz und Spaniens
einverstanden, wonach die Zone unter internationale Kontrolle gestellt
werden soll, sagte Uribe am Dienstagabend (Ortszeit) im Fernsehen. Das
Vorhaben stelle weder die Souveränität der Regierung in Frage
noch bedrohe es die Kolumbianer.
(Quelle: afp)
Ostasiengipfel künftig jedes Jahr
Do.15.12.05 - Auf jährlichen Gipfeltreffen wollen 16 Länder Ostasiens
künftig ihre Zusammenarbeit stärken und Themen wie Handel und
Sicherheit beraten. Zudem solle in dem neuen Forum auch über die
Ausbreitung gefährlicher Krankheiten, den Kampf gegen Armut und
Energiefragen diskutiert werden.
So hieß es zum Abschluss der ersten Konferenz am Mittwoch in der
malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur. Der malaysische Regierungschef
Abdullah Ahmad Badawi nannte den Gipfel einen «großen
Erfolg». Die Konferenz werde den Weg für eine noch engere
Kooperation der Teilnehmer ebnen, sagte er.
Vor dem Tagungsgebäude wurden sechs Demonstranten festgenommen,
als sie ein Plakat entrollen und gegen Menschenrechtsverstöße
in Südostasien protestieren wollten. Die Aktion habe sich gegen
das Militärregime in Birma gerichtet, die Gewalt im Süden
Thailands und Menschenrechtsverletzungen in Malaysia, sagte ein
Sprecher.
Das eintägige Treffen sollte den Grundstein für eine
panasiatische Wirtschaftsgemeinschaft legen. An der Konferenz nahmen
neben den zehn Ländern des Verbandes Südostasiatischer Staaten
ASEAN auch die aufstrebenden Wirtschaftsmächte China und Indien
teil. Zudem saßen Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland
mit am Tisch. Die Teilnehmer repräsentieren etwa die Hälfte
der Weltbevölkerung und ein Fünftel des Welthandels.
Russlands Präsident Wladimir Putin war als Gast angereist. Die
Konferenz will den Wunsch Moskaus prüfen, auch an künftigen
Ostasien-Gipfeltreffen teilzunehmen.
Viele Beobachter bezweifeln allerdings, dass es angesichts zahlreicher
schwelender Konflikte zwischen den Teilnehmern in absehbarer Zeit zu der
geplanten Wirtschaftsgemeinschaft kommt. So herrschen Spannungen
zwischen China und Japan wegen der wiederholten Besuche des japanischen
Regierungschefs Junichiro Koizumi am umstrittenen Yasukuni-Schrein
für Japans Kriegstote, wo auch verurteilte Kriegsverbrecher geehrt
werden.
(Quelle: dpa)
WTO-Gipfel will Minimalkonsens
Do.15.12.05 - Die großen Handelsmächte wollen mit einem Minimalkompromiss
zu Gunsten der armen Länder in Afrika und Asien ein Scheitern des
WTO-Gipfels in Hongkong verhindern.
Am zweiten Gipfel-Tag stiegen bei unverändert harten Fronten die
Aussichten auf ein Entwicklungspaket, das insbesondere den völlig
freien Zugang von Produkten der ärmsten Staaten in die
Industrieländer sichern soll. Der Vizepräsident des
WTO-Gipfels, der österreichische Arbeits- und Wirtschaftsminister
Martin Bartenstein, äußerte sich vorsichtig optimistisch zu
den Erfolgsaussichten des Treffens. Die Bundesregierung sprach von
Bewegung bei der Ministertagung der Welthandelsorganisation.
Im Streit um Agrarsubventionen zeichnete sich hingegen keine
Lösung ab. Frankreich wies in scharfer Form Gerüchte
zurück, wonach die Europäische Union (EU) ihr vielfach als
unzureichend kritisiertes Angebot zur Senkung der
Landwirtschaft-Zölle nachbessern könnte. «Mit uns gibt
es keine Salami-Taktik», unterstrich Handelsministerin Christine
Lagarde.
In den Straßen Hongkongs gingen die gewalttätigen Proteste
weiter. Bereitschaftspolizisten setzten Schlagstöcke und Reizgas
gegen koreanische Bauern ein. Festnahmen oder Verletzte gab es aber
zunächst nicht. Am Dienstag waren neun Menschen verletzt worden.
Das Veranstaltungszentrum am Hafen blieb weiträumig abgeriegelt.
Globalisierungskritiker um den französischen Bauernführer
Joseph Bové forderten in einer Petition mit 135 000
Unterschriften, jedes Land müsse das Recht haben, die Einfuhr
gentechnisch veränderter Lebensmittel zu verbieten.
Es gebe gute Chancen, dass die USA, Japan und andere
Industrieländer die Initiative der EU übernehmen, die Einfuhr
von Gütern aus den ärmsten Entwicklungsländern zoll- und
quotenfrei zuzulassen, sagte der Vizepräsident des WTO-Gipfels,
Bartenstein, in einem dpa-Gespräch. Er äußerte sich mit
Blick auf den Gipfel vorsichtig optimistisch und setzte sich damit von
skeptischen Prognosen ab. «Es geht nicht mehr nur um die
Landwirtschaft. Das ist für die Erfolgsaussichten der Konferenz und
die EU eine gute Nachricht.» So werde auch über
Industriezölle verhandelt. Die Öffnung der
Dienstleistungsmärkte komme jedoch bedauerlicherweise ein wenig
unter die Räder.
Die deutsche Regierung sah ebenfalls steigende Chancen für eine
Einigung in den festgefahrenen Gesprächen. «Jetzt gibt es
doch Anzeichen, dass Bewegung möglich ist, und wir müssen
alles tun, dass Bewegung kommt», sagte der Staatssekretär im
Wirtschaftsministerium, Bernd Pfaffenbach. Die EU habe ein Agrarangebot
vorgelegt. Jetzt müssten auch die Amerikaner in der Agrarfrage -
einschließlich der Baumwollfrage - einlenken.
Westafrikanische Länder drohten mit einem Scheitern des Gipfels,
falls der Streit um Baumwollsubventionen nicht gelöst werde. Die
USA und die EU sollten alle Exportsubventionen bis Ende dieses Jahres
streichen und die heimische Stützung bis 2009 abbauen, forderte der
WTO-Botschafter Benins, Samuel Amehou. Die Subventionen trieben 20
Millionen afrikanische Baumwollbauern in den Ruin. Frankreich setzte
sich für eine Lösung im Baumwoll-Streit ein. Falls das und ein
Entwicklungspaket in Hongkong gelängen, «wäre das
äußerst positiv und befriedigend», sagte Lagarde.
Bartenstein ging mit den USA ins Gericht, die von der EU weitere
Zugeständnisse bei den Agrarzöllen fordern: «Die
Amerikaner ihrerseits stehen mit dem Rücken zur Wand in Sachen
Baumwolle.» Der US-Handelsbeauftragte Rob Portman hatte zuvor
gesagt: «Es gibt nur einen Weg aus der derzeitigen Blockade:
Übereinstimmung zu weltweiten Zollsenkungen in den geschützten
Agrarmärkten.» Washington hatte Zollsenkungen für
Landwirtschaftsprodukte von 55 bis 90 Prozent angeboten, die EU von 35
bis 60 Prozent. Portman forderte einen neuen WTO-Gipfel Anfang 2006.
Die USA verteidigten ihre umstrittene Nahrungsmittelhilfe für
Hungerregionen. Die EU bezeichnet sie als wettbewerbsverzerrend und
vergleicht sie mit Exportsubventionen.
(Quelle: dpa)
WTO-Watch fürs deutsche Publikum
NGOs nutzen die Aufmerksamkeit der WTO-Ministerkonferenz für ihre
Inhalte. Mit "radiohongkong.de" gibt es sogar eine kritische
Video-Berichterstattung vom Ort des Geschehens... Mehr bei telepolis
vom 15.12.05:
http://www.telepolis.de/r4/artikel/21/21578/1.html
'Wie eine hilflose Geisel'
Die rund 20 Millionen Baumwollbauern in Westafrika haben im Dezember
alle Hände voll zu tun, denn es ist Erntezeit. Trotzdem blicken
viele derzeit gebannt ins tausende Kilometer entfernte Hongkong, wo bei
den Welthandelsgesprächen entscheidende Weichen für ihre
wirtschaftliche Zukunft gestellt werden.
Am Mittwoch schilderte Ibrahim Manoun, ein Vertreter der afrikanischen
Baumwollproduzenten, am Rande der Ministerkonferenz der
Welthandelsorganisation WTO das seit Jahren ungelöste Problem. Die
USA - und in geringerem Ausmaß auch die Europäische Union -
stimulieren nach seinen Worten durch milliardenschwere Subventionen eine
weltweite Überproduktion, so dass der Baumwollpreis seit Jahren
extrem niedrig liege.
Ohne die Beihilfen für die rund 25.000 US-Baumwollfarmer und die
EU-Produzenten läge der Weltmarktpreis rund zwölf Prozent
höher, wie Manoun vorrechnete. Nach Angaben der US-Behörden
haben die US-Produzenten ihren Anteil am weltweiten Baumwollhandel seit
1998 auf rund 40 Prozent verdoppelt; sie bauen mehr an als je zuvor.
Die fatale Folge des Dumpings: Den rund 33 afrikanischen Staaten, die
Baumwolle anbauen, gehen nach seinen Worten allein in diesem Jahr
über 400 Millionen US-Dollar an Einnahmen verloren. «Wenn
diese Subventionen verschwänden, könnten wir von unserer
Arbeit gut leben», betonte er. In Staaten wie Benin, Burkina Faso
und Mali machen die Erlöse aus dem Baumwollhandel rund 30 Prozent
der gesamten Exporteinahmen aus.
Der Botschafter Benins bei der WTO in Genf, Samuel Arnehou, beklagte,
die handelsverzerrenden Subventionen verursachten eine «soziale
Katastrophe» in Westafrika. Die Baumwollbauern - zumeist kleine
Familienbetriebe - würden seit fünf Jahren immer ärmer
und ärmer. «Die Situation ist sehr, sehr schlecht. Manche
haben schon kein Geld mehr, ihre Kinder zur Schule zu schicken»,
klagte er.
Ultimativ verlangte Arnehou, die in Hongkong tagende Gemeinschaft der
149 WTO-Mitgliedstaaten müsse dieses Problem bis zum Sonntag
umgehend lösen. Doch hätten erste Gespräche mit den USA
und der EU keine Fortschritte gebracht. Beide Blöcke schöben
sich gegenseitig die Verantwortung zu, meinte er. «Und wir
hängen wie eine hilflose Geisel dazwischen.» Seine Forderung:
Die EU und die USA sollten bis Ende 2006 alle Agrarexportsubventionen
streichen und bis Ende 2009 alle einheimischen Beihilfen. «In der
Zwischenzeit müsste aus unserer Sicht eine spezielle Finanzhilfe
für afrikanische Baumwollproduzenten aufgelegt werden»,
sagte der Botschafter.
Arnehou betonte, die westafrikanischen Länder könnten dem in
Hongkong angestrebten Gesamtpaket für weitere
Handelserleichterungen für Agrarprodukte, Industriegüter und
Dienstleistungen nur zustimmen, wenn darin eine Lösung des
Baumwoll-Problems enthalten sei.
Auch die deutsche Entwicklungshilfeministerin Heidemarie
Wieczorek-Zeul, die am Mittwoch in Hongkong eintraf, hat sich zuletzt
mehrfach für eine zügige Lösung der Baumwollfrage
ausgesprochen. Verhandlungsführer für die EU ist aber
EU-Handelskommissar Peter Mandelson, der zumindest in den ersten beiden
Tagen wenig über das drängende Problem gesagt hat.
Quelle: ap, 14.12.05
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Hunderte Millionen Kinder im Schatten der Gesellschaft
Keine Eltern, keine Papiere, kein Schutz, keine Schule - aber bitterste
Armut, Sklavenarbeit, Prostitution und Gewalt
Do.15.12.05 - Mehrere hundert Millionen Kinder auf der Welt leben nach
Einschätzung von UNICEF so weit am Rand der Gesellschaft, dass die
herkömmlichen Methoden der Armutsbekämpfung sie nicht
erreichen. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen ruft in seinem am
Mittwoch in Berlin vorgestellten Jahresbericht zur Hilfe für die
ausgegrenzten und «unsichtbaren» Jungen und Mädchen auf.
Vor allem Straßenkinder, arbeitende Kinder, Flüchtlinge,
Kinder ethnischer Minderheiten und Waisen würden von Regierungen,
Behörden und Öffentlichkeit ignoriert und ausgegrenzt, beklagt
UNICEF. Sie gingen häufig nicht zur Schule, hätten keinen
Zugang zu medizinischer Hilfe und kämen in keiner Statistik vor.
Sklavenarbeit, Prostitution oder willkürliche Gewalt durch Polizei
und Behörden würden kaum verfolgt, dagegen würden
Heranwachsende in vielen Ländern schon bei geringen Vergehen ins
Gefängnis gesteckt.
Jedes zweite Kind in den Entwicklungsländern bekommt UNICEF
zufolge keine Geburtsurkunde. Diese ist aber oft Voraussetzung für
einen Platz in der Schule, Gesundheitsversorgung und weitere soziale
Leistungen. Jedes Jahr bleiben so 48 Millionen Neugeborene ohne
offizielle Identität. Rund 143 Millionen Kinder wachsen ohne Vater,
Mutter oder beide Eltern auf. Aids lässt die Zahl der Waisen
weiter steigen, und immer mehr sind sich selbst überlassen.
Mehr als 100 Millionen Mädchen und Jungen schlagen sich schutzlos
auf den Straßen der Großstädte durch, oft mit
Gelegenheitsarbeiten und Prostitution, häufig von Polizei und
Bürgerwehren schikaniert. Schätzungsweise zwei Millionen
Kinder werden als Prostituierte ausgebeutet, oft als Opfer von
Menschenhändlern. Jährlich 80 Millionen Mädchen werden
vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet.
Etwa 171 Millionen arbeiten unter Bedingungen, die ihrer Gesundheit
schaden und sie vom Schulbesuch abhalten. 73 Millionen Kinderarbeiter
sind nicht einmal zehn Jahre alt. 8,4 Millionen schuften wie Sklaven
oder Schuldknechte in Kiesgruben, Ziegelfabriken oder Steinbrüchen.
«Die ärmsten und am stärksten bedrohten Kinder
dürfen nicht länger übersehen werden», forderte der
Vorsitzende von UNICEF Deutschland, Reinhard Schlagintweit.
«Armutsbekämpfung und Kinderschutz gehören zusammen.
Jedes Kind hat ein Recht darauf, zur Schule zu gehen und vor Ausbeutung
und Gewalt geschützt zu werden.»
Jedes Kind habe das Recht auf einen Namen und eine Identität,
mahnte das Kinderhilfswerk. Alle müssten bei der Geburt registriert
werden und gleiche Rechte erhalten. Zum Schutz vor Ausbeutung,
Missbrauch und Kinderhandel müssten Regierungen ihre Gesetze an
die Standards der UN-Kinderrechtskonvention anpassen und diese auch
anwenden. Gezielte Hilfe forderte UNICEF für Waisenkinder und
Pflegefamilien. Damit auch die Ärmsten der Armen eine Chance
hätten, zur Schule zu gehen, müssten weltweit die
Schulgebühren abgeschafft werden.
(Quelle: ap)
UNICEF Deutschland:
http://www.unicef.de
Schwarz-Schilling wird internationaler Bosnien-Beauftragter
Do.15.12.05 - Der frühere Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling (CDU)
wird neuer Vertreter der internationalen Gemeinschaft in
Bosnien-Herzegowina. Das wurde am Mittwoch bei den Feiern zum zehnten
Jahrestag der Unterzeichnung des Bosnien-Friedensabkommens von Dayton in
Paris bekannt gegeben. Der 75-Jährige soll nächstes Jahr die
Nachfolge des Briten Paddy Ashdown antreten. In seiner Funktion als
"Hoher Repräsentant" wird er neben dem dreigeteilten
Staatspräsidium, dem Ministerrat und dem Parlament in der von
Moslems, Kroaten und Serben bewohnten Republik die entscheidende
politische Instanz sein.
(Quelle: afp)
Italien kehrt zum reinen Verhältniswahlrecht zurück
Do.15.12.05 - Italien kehrt nach zwölf Jahren wieder zu einem reinen
Verhältniswahlrecht zurück: Der Senat stimmte am Donnerstag
als letzte Instanz der von Ministerpräsident Silvio Berlusconi
eingebrachten Wahlrechtsreform mit 160 gegen 119 Stimmen zu. Damit wird
die nächste Wahl, die für April kommenden Jahres erwartet
wird, nach den neuen Regeln abgehalten. Das Abgeordnetenhaus hatte im
Oktober zugestimmt.
Die Opposition kritisierte, dass Berlusconi die Wahlrechtsreform
einseitig und so kurz vor der nächsten Parlamentswahl durchgesetzt
habe. «Die konservative Koalition und der Ministerpräsident
haben bewiesen, dass sie vor nichts Respekt haben», sagte der
Fraktionschef der Partei der Demokratischen Linken im Senat, Gavino
Angius.
Bisher wurden in Italien 75 Prozent der Abgeordnetenmandate nach dem
Mehrheitswahlrecht vergeben und nur 25 Prozent an Parteilisten nach dem
Proporzsystem. Dieses Mischsystem wurde 1993 in einem Referendum
beschlossen. Davor bestand seit dem Zweiten Weltkrieg ein reines
Verhältniswahlrecht, das jedoch nur selten stabile Regierungen
brachte. Kritiker der Reform Berlusconis befürchten, Italien
könnte zu den Verhältnissen zurückkehren, in denen eine
Regierung fast nie eine Legislaturperiode durchstand.
Dagegen argumentierte Berlusconi, die Reform von 1993 habe die
Stabilität auch nicht erhöht. Seine Vorlage werde jedoch
für eine gerechtere Verteilung der Parlamentssitze sorgen und sei
«absolut demokratisch». Dem hielt die Opposition entgegen,
dass sich der Regierungschef nur günstigere Ausgangsbedingungen
für die nächste Parlamentswahl schaffen wolle.
(Quelle: ap)
London hält am Britenrabatt fest
Do.15.12.05 - Mit einem weitgehend unveränderten Vorschlag der britischen
Ratspräsidentschaft gehen die EU-Staat- und Regierungschefs am
(heutigen) Donnerstag in die entscheidenden Verhandlungen über die
mittelfristige Finanzplanung. Die am Mittwoch präsentierte neue
Vorlage der Regierung in London sieht leichte Ausgabenerhöhungen
vor. Am umstrittenen Britenrabatt soll aber festgehalten werden. Zudem
müssen die zehn neuen EU-Staaten auch weiterhin Abstriche bei ihren
Strukturhilfen hinnehmen.
«Wir sind überzeugt, dass diese Vorschläge gut für
Britannien und gut für Europa sind», sagte der britische
Außenminister Jack Straw in London. Die Vorlage biete «eine
gute Grundlage für eine Einigung.» Keine Einigung sei
allerdings besser als ein «schlechter Kompromiss». Ein
britischer Regierungssprecher fügte in Brüssel hinzu.
«Es wird keinen besseren Kompromiss in dieser Woche oder im
nächsten Jahr geben.»
EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso mahnte vor dem
Europäischen Parlament erneut eine Einigung an und kritisierte die
Regierung in London scharf: «Ist es kein Anlass zur Sorge für
die britische Präsidentschaft, dass die größte
Befürworter ihrer Vorschläge die sind, die ein engstirniges,
nationalistisches, in die Vergangenheit gerichtetes Europa
wollen?» fragte er unter großem Beifall der Abgeordneten.
Der Vorschlag sieht einen EU-Gesamthaushalt von 849,3 Milliarden Euro
von 2007 bis 2013 vor, was nach wie vor 1,03 Prozent der
Wirtschaftsleistung entspricht. Das sind 2,5 Milliarden Euro mehr als im
Vorschlag von vergangener Woche, aber immer noch 22 Milliarden Euro
weniger als die Luxemburger Vorlage vom Juni dieses Jahres.
Änderungen am Britenrabatt sind nicht vorgesehen. So ist die
britische Regierung weiterhin bereit, über den gesamten Zeitraum
acht Milliarden Euro mehr zu überweisen.
Die neuen EU-Staaten sollen etwa zwölf Milliarden Euro weniger
Strukturhilfe bekommen als im Luxemburger Vorschlag vorgesehen. Das sind
nach britischen Berechnungen aber immer noch insgesamt 151,55
Milliarden Euro. Als Ausgleich sollen die Länder die Mittel aus
Brüssel aber leichter abrufen können. So sollen sie
künftig drei statt bislang zwei Jahre Zeit bekommen, um das Geld
aus Brüssel abzurufen. In die Regelung einbezogen werden sollen
auch Portugal und Griechenland.
Spanien, das von den Strukturfonds bislang am meisten profitierte, soll
450 Millionen Euro mehr bekommen. Auch den Nettozahlern Österreich,
Schweden und den Niederlanden kommt der Vorschlag weiter entgegen. So
sollen die Mittel für die ländliche Entwicklung, von denen
Österreich am meisten profitiert, aufgestockt und die Regierung in
Wien 450 Millionen Euro mehr einstreichen.
Die Niederlande würden nach britischer Darstellung einen Nachlass
ihrer Beiträge um insgesamt 850 Millionen Euro bekommen. Gefordert
hatte Den Haag eine Milliarde Euro. Deutschland würde allein davon
profitieren, dass der Gesamthaushalt weit unter dem Luxemburger
Vorschlag liegt. Zudem soll die Bundesregierung einen Nachlass beim Satz
der Mehrwertsteuer erhalten, den die Mitgliedstaaten nach Brüssel
überweisen.
Die EU-Staats- und Regierungschefs kommen am (heutigen) Donnerstag in
Brüssel zusammen, um nach einem Kompromiss zu suchen. Vor allem
Frankreich hat den bisherigen britischen Vorschlag abgelehnt. Die
Regierung in Paris fordert vor allem weitere Zugeständnisse beim
Britenrabatt. Sie fordert Mehrzahlungen von 14 Milliarden Euro, damit
sich Großbritannien angemessen an den Kosten der Erweiterung
beteiligt.
(Quelle: ap)
EU-Parlament billigt Speicherung von Telekom-Daten
Do.15.12.05 - Die Speicherung sämtlicher Verbindungsdaten im E-Mail- und
Telefonverkehr hat am Mittwoch die Unterstützung des
Europaparlaments gefunden. Die von den EU-Justizministern zur
Terrorabwehr beschlossene Neuregelung wurde von 378 Abgeordneten
gebilligt, 197 waren dagegen und 30 enthielten sich. Damit kann ihre
Umsetzung schon im kommenden Jahr beginnen.
Trotz Kritik von Datenschützern und Internet-Aktivisten hatten die
beiden stärksten Fraktionen - die Euopäische Volkspartei und
die Sozialdemokraten - in der vergangenen Woche vereinbart, die Vorlage
zu unterstützen. Diese sieht als Teil eines umfassenderen
Anti-Terror-Pakets der EU vor, dass Rufnummern und IP-Adressen in der
Sprach- und Datenkommunikation künftig mindestens sechs Monate lang
gespeichert werden sollen. Einzelne Staaten können diesen Zeitraum
auch auf zwei Jahre ausweiten. Auch die Frage der Kostenübernahme
soll auf der Ebene der Mitgliedsstaaten geregelt werden.
Datenschützer kritisieren diese Vorratsdatenhaltung als Eingriff
in die Privatsphäre. Der deutsche Europa-Abgeordnete Alexander Nuno
Alvaro von der FDP teilte mit, dass er 58.000 Unterschriften gegen die
Vorratsdatenhaltung gesammelt habe.
(Quelle: ap)
Außenminister Steinmeier: Deutschland nicht in CIA-Affäre
verstrickt
Innenminister Schäuble: Deutsche verhörten
Guantánamo-Gefangenen
Do.15.12.05 - Deutschland ist nach Worten von Außenminister Frank-Walter
Steinmeier (SPD) nicht in den CIA-Entführungsfall Khaled el Masri
verstrickt. Der Minister nahm am Mittwoch erstmals im Bundestag zu der
Verschleppung Stellung. Die Opposition war damit aber nicht zufrieden.
Ein Untersuchungsausschuss bleibt deshalb möglich.
Wie am Mittwoch bekannt wurde, hat die US-Regierung dem angeblich von
der CIA entführten Deutsch-Libanesen El Masri nach eigener
Darstellung eine Entschädigung gezahlt. Dafür habe sich El
Masri zum Stillschweigen verpflichtet, berichtete Bundesinnenminister
Wolfgang Schäuble (CDU) nach Informationen der
«Süddeutschen Zeitung» und des ZDF im Innenausschuss
des Bundestags. Der Anwalt El Masris bestritt die Zahlung eines
Schweigegeldes.
Für neue Aufregung sorgten die Fälle des in Syrien
inhaftierten deutschen Staatsbürgers Mohammed Haidar Sammar und
des seit 2001 ohne Anklage im US-Gefangenenlager Guantánamo
festgehalten Murat Kurnaz aus Bremen. Es besteht der Verdacht, dass
beide auch von Deutschen verhört wurden.
Nach seiner Befragung im Innenausschuss bestätigte Schäuble
im Bundestag, dass Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes (BKA) Sammar
verhört hätten. Nach seiner Kenntnis sei dabei aber alles
korrekt verlaufen. Und ohne Kurnas namentlich zu nennen, sagte
Schäuble, in Guantánamo sei ein Mann von deutschen
Sicherheitsbehörden befragt worden. Sie seien aber keine
BKA-Mitarbeiter gewesen.
Gegen Sammar läuft in Deutschland ein Ermittlungsverfahren wegen
Terrorverdachts. Der Islamist wurde 2001 nach den Anschlägen in
New York festgenommen und soll in einem syrischen Gefängnis
sitzen. Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) sagte, trotz mehrerer
Anläufe sei es nicht gelungen, mit Sammar in Kontakt zu kommen. Es
steht der Verdacht im Raum, dass deutsche Ermittler den bekennenden
Anhänger von Terroristenchef Osama bin Laden in Syrien befragt und
möglicherweise Informationen erhalten haben, die durch Folter
erpresst wurden.
Im Fall El Masri betonte Steinmeier: «Die Bundesregierung, der
Bundesnachrichtendienst, das Bundeskriminalamt und das Bundesamt
für Verfassungsschutz haben keine Beihilfe zur Verschleppung des
deutschen Staatsbürgers El Masri geleistet.» Anders lautende
Spekulationen seien befremdend und teilweise auch infam. Allerdings
sagte er auch, dass bei den CIA-Flügen «in der Tat noch
viele Fragen offen sind». Die FDP erklärte: «Wir haben
Zweifel, dass Licht in die Affäre kommt». Auch Grüne
und Linkspartei verlangten mehr Auskünfte.
Der Grünen-Abgeordnete und Ex-Bundesminister Jürgen Trittin
kritisierte das Verhalten seines früheren Kabinettskollegen,
Innenminister Otto Schily (SPD). Dessen Wissen über den Fall des
deutsch-libanesischen El Masri habe erst mühsam ermittelt werden
müssen, da Schily seine Informationen vom damaligen US-Botschafter
Daniel Coats nicht an die zuständigen Stellen weitergegeben habe.
Steinmeier verteidigte den Austausch von Informationen mit anderen
Ländern wie Großbritannien, Frankreich, Spanien, Italien und
auch den USA. Angesichts der Anschläge von New York, Washington,
Madrid, Bali und London wäre es unverantwortlich, vorhandenes
Wissen nicht auszutauschen. Die Regierung habe aber immer deutlich
gemacht, dass die Zusammenarbeit auf Basis geltenden Rechts erfolgen
müsse.
El Masri war im Dezember 2003 in Mazedonien festgenommen und
anschließend nach eigenen Angaben von der CIA nach Afghanistan
verschleppt worden. Nach seiner Freilassung hatte er sich über
seinen Anwalt an das Bundeskanzleramt und das Außenministerium
gewandt. Der Anwalt plädierte aber laut Steinmeier und
Schäuble dafür, die Medien nicht einzuschalten, bevor es
keine gesicherten Erkenntnisse über die Angaben seines Mandaten
gebe.
Steinmeier wird den Auswärtigen Ausschuss an diesem Donnerstag
erneut über El Masri informieren. Auch der Innenausschuss tagt
wieder. Die Opposition beklagte sich über angeblich spärliche
Informationen in den Sitzungen am Mittwoch.
Wolfgang Gehrcke von der Linksfraktion sagte, alle gegenwärtigen
Informationen sprächen dafür, dass die USA ihre
Militärstützpunkte in Deutschland für CIA-Einsätze
und für Waffentransporte missbraucht hätten. Die bisherigen
vertraglichen Regelungen mit den USA müssten überprüft
und notfalls gekündigt werden.
(Quelle: dpa)
Linkspartei erstmals im Geheimdienst-Kontrollgremium
Do.15.12.05 - Die deutschen Geheimdienste werden in Zukunft auch von der Linkspartei
mitkontrolliert. Mit den Stimmen aus den anderen Fraktionen wählte
der Bundestag mit dem ehemaligen Bundesrichter Wolfgang Neskovic
erstmals einen Abgeordneten aus der Fraktion der heutigen Linkspartei,
der ehemaligen PDS, in das Parlamentarische Kontrollgremium. Neskovic,
der durch umstrittene Urteile zur Drogenkriminalität bekannt
geworden ist, erhielt 415 von 564 abgegebenen Stimmen. Nötig
wären nur 308 Stimmen gewesen.
Diese Abstimmung verlief damit anders als die Wahl zum
Bundestags-Vizepräsidenten vor einigen Wochen. Der Vorsitzende der
Linkspartei Lothar Bisky war hier insgesamt vier Mal durchgefallen.
Diesmal hatten aber die Führungen aller anderen Fraktionen ihren
Abgeordneten nahe gelegt, den Kandidaten der Linkspartei zu wählen.
Die geheim tagenden Kontrollkommission soll die drei deutschen
Geheimdienste überwachen. Möglicherweise wird es sich noch im
Laufe des Tages mit dem Entführungsfall des Deutsch-Libanesen
Khaled el Masri befassen. Zuvor wird Außenminister Frank-Walter
Steinmeier (SPD) im Bundestag eine Erklärung abgeben. Zu Beginn der
Sitzung hatte der Bundestag beschlossen, dass das Kontrollgremium nach
wie vor aus 9 Mitgliedern bestehen soll.
(Quelle: dpa)
Ministerpräsidenten geben grünes Licht für
Föderalismusreform
Do.15.12.05 - Die Ministerpräsidenten der Länder haben grünes Licht
für eine Reform der föderalen Ordnung gegeben. Die Runde
beschloss am Mittwochabend einstimmig, den im Koalitionsvertrag
vereinbarten Punkten zuzustimmen. «Die Ministerpräsidenten
haben heute den Weg freigemacht», sagte der
nordrhein-westfälische Regierungschef Jürgen Rüttgers.
Mit der Reform werde die Handlungsfähigkeit von Bund, Ländern
und Kommunen gestärkt, erklärte der CDU-Politiker. Berlins
Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) räumte ein,
nicht jeder Ministerpräsident oder Bundestagsabgeordnete sei mit
jedem Detail zufrieden. «Es ist aber ein Gesamtpaket»,
betonte Wowereit. Alle müssten über ihren Schatten springen.
Die Gesetzesänderungen sollten parallel im Bundestag und im
Bundesrat eingebracht werden, sagte Rüttgers zum weiteren
Verfahren. Mitte 2006 solle die erste Stufe der Reform dann unter Dach
und Fach sein. Dann werde man die zweite Stufe, die Neuregelung der
Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern, angehen. Dieser
Fragenkomplex sei in der Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und Union
weitgehend ausgeklammert worden.
«Wenn wir die Finanzen mit ins Paket genommen hätten, dann
hätte es eine sehr lange Debatte gegeben», sagte Wowereit.
Eine kurzfristige Einigung in diesem Bereich könne er sich nicht
vorstellen. Die Länderchefs hätten sich aber darauf
verständigt, dass für die erste Stufe der Reform der
Solidarpakt II nicht angetastet werde, sagte Rüttgers.
Vor dem Treffen der Ministerpräsidenten hatten
Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein Bedenken
geäußert. Schleswig-Holstein hatte Kritik an der geplanten
Neuregelung der Beamtenbesoldung geübt, wonach künftig die
Länder Gehälter und Pensionen ihres eigenen Personals
festlegen dürfen. Mecklenburg-Vorpommern stieß sich an
Finanzfragen. Beide Länder hätten dennoch zugestimmt, sagte
Rüttgers. Allerdings hätten sie ihre Einwände zu
Protokoll gegeben. «Jedes Land hat eine Stelle, die ihm nicht
gefällt».
Der bayerische Regierungschef Edmund Stoiber sagte vor dem Treffen, es
sei selbstverständlich, dass im Gesetzgebungsverfahren zwischen
Bundestag und Bundesrat noch Korrekturen erfolgen könnten. Wenn es
keine wesentlichen Änderungen gebe, bleibe es bei dem, was im
Koalitionsvertrag vereinbart worden sei. Der rheinland-pfälzische
Ministerpräsident Kurt Beck erklärte, ein erneutes
Aufschnüren des Reformpaketes wäre ein großer Fehler.
Die Verhandlungen zur Föderalismusreform seien vor zwei Jahren
aufgenommen worden. Wenn nun jede Seite etwas durchsetzen wolle, werde
es schwierig. Auch er selbst sei nicht mit allem einverstanden. Die
geplante Neuregelung der Finanzbeziehungen würde vermutlich viele
Monate oder Jahre dauern.
Am Mittwochabend war noch ein Treffen der Ministerpräsidenten mit
Bundeskanzlerin Angela Merkel im Kanzleramt vorgesehen. Es ist das
erste Treffen aller Länderchefs mit der Kanzlerin.
(Quelle: ap)
Wilder Streik bei AEG
Do.15.12.05 - Im von der Schließung bedrohten Nürnberger AEG-Werk spitzt
sich die Situation zu. Ein wilder Streik der Belegschaft legte am
Mittwoch die Produktion lahm, wie ein Unternehmenssprecher sagte. Die
IG Metall verlangt für die 1750 von Entlassung bedrohten
Arbeitnehmer Ersatzarbeitsplätze und die Einrichtung einer
Beschäftigungsgesellschaft bis 2010. Entlassene Arbeitnehmer
müssten zudem pro Beschäftigungsjahr drei
Bruttomonatsgehälter als Abfindung erhalten.
Der wilde Streik begann in der Frühschicht nach einer
Informationsveranstaltung des Betriebsrats. Rund 900 Beschäftigte
beschlossen einstimmig, nicht zu arbeiten. Betriebsratschef Harald Dix
sagte, die Wut der Mitarbeiter auf das Management sei so groß,
dass ein Ende der Arbeitsverweigerung nicht absehbar sei. Er rechne
nicht damit, dass die Produktion von Waschmaschinen und
Geschirrspülern vor Weihnachten noch einmal aufgenommen wird. Vor
möglichen Kündigungen hätten die Beschäftigten
keine Angst. AEG könne es sich nicht leisten, alle 1750
Mitarbeiter zu feuern. «Die brauchen unsere Produktion noch zwei
Jahre», sagte Dix. Zugleich betonte er, dass weder die IG Metall
noch der Betriebsrat zu dem Ausstand aufgerufen hätten.
Das Unternehmen drohte den Streikenden bereits mit Lohnabzügen.
Der schwedische AEG-Mutterkonzern Electrolux bezeichnete Streiks und
Boykottaufrufe als «illegale Aktionen». Für
Produktionsausfälle sei Electrolux gerüstet. «Wir haben
gefüllte Lager und können auf Alternativprodukte
ausweichen», sagte Electrolux-Produktionsvorstand Horst Winkler.
Den von der IG Metall bereits geforderten Sozialtarifvertrag lehnte
Winkler ab.
Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer kündigte dennoch an, das
Forderungspaket noch in diesem Jahr dem AEG-Vorstand und dem
bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverband zu übermitteln.
Er drohte den Arbeitgebern mit einem regulären Arbeitskampf, falls
die Verhandlungen nicht zu einem akzeptablen Ergebnis führten. Er
sei zwar nicht wild auf einen Streik, schrecke aber auch nicht davor
zurück, betonte Neugebauer.
Electrolux hatte am Montag nach langen Verhandlungen mit der
Arbeitnehmerseite und auch Vertretern der Staatsregierung die
Schließung des Standortes Nürnberg zu Ende 2007 bekannt
gegeben. Der Stellenabbau soll im Juni 2006 beginnen und stufenweise
vollzogen werden. Die Produktion werde aus Kostengründen nach
Polen verlagert, teilte das Management mit.
(Quelle: ddp)