Aktuelle Nachrichten
Irak am fünfhundertneunundvierzigsten Tag nach Erlangung der
formellen Souveränität
UN sehen keinen Grund für Neuwahl im Irak. Präsident Talabani
trifft sich mit konservativen Schiiten. Häftling richtet Blutbad in
Bagdader Gefängnis an. Interpol sucht mit internationalem
Haftbefehl nach Sarkawi
Do.29.12.05 - Trotz einiger Manipulationen bei der irakischen Parlamentswahl sehen
die Vereinten Nationen keinen Grund für eine Wahlwiederholung. Die
Abstimmung am 15. Dezember sei transparent und glaubwürdig
verlaufen, sagte UN-Mitarbeiter Craig Jenness am Mittwoch in Bagdad.
Zur Parlamentswahl erklärten Mitarbeiter der von den Vereinten
Nationen unterstützten Unabhängigen Irakischen Wahlkommission,
man habe einige Betrugsfälle aufgedeckt. In den nächsten
Tagen werde entschieden, ob die Wahl in den betroffenen Stimmbezirken
wiederholt werden müsse. Eine generelle Wahlwiederholung sei
jedoch nicht notwendig. Insgesamt gab es mehr als 1.500 Einsprüche
gegen die Wahl, von denen der Kommission zufolge etwa 50 ernsthaft
begründet sind.
UN-Mitarbeiter Jenness erklärte, gemessen an der Wahlbeteiligung
sei die Zahl der Einsprüche gering. Auf 7.000 Wähler komme
weniger als eine Klage. «Die Wahlbeteiligung war hoch und der
Verlauf friedlich», ergänzte er. Alle irakischen Gruppen
hätten sich beteiligt.
Der irakische Präsident Dschalal Talabani will sich heute mit dem
Anführer der konservativen Schiiten, Abdel Asis Hakim treffen, um
den Streit um das Ergebnis der Parlamentswahlen beizulegen. Bei dem
Treffen in Suleimanijah im Norden des Irak will Talabani den Vorwurf des
Wahlbetrugs entkräften. Vor allem weltlich orientierte Schiiten
und Sunniten werfen der Wahlleitung vor, die bisher bekannten
Teilergebnisse zugunsten der religiösen Schiiten gefälscht zu
haben. Das Gespräch hätte ursprünglich schon gestern
stattfinden sollen, wurde aber ohne Angabe von Gründen um einen Tag
verschoben.
Die Vertreter der Schiiten bereiten sich unterdessen auf die
Nominierung einen Kandidaten für das Ministerpräsidentenamt
vor. Nach Angaben des schiitischen Parteiblocks muss er aus den Reihen
der Vereinten Irakischen Allianz kommen. Jedes Mitglied der Allianz
müsse nominiert werden können, sagte ihr Führer, Abdul
Asis al Hakim, am Mittwoch vor dem kurdischen Parlament.
In einem Bagdader Gefängnis richtete ein Häftling am Mittwoch
ein Blutbad an und tötete acht Menschen. Der Iraker
überwältigte am Morgen einen Aufseher und schoss mit dessen
Gewehr wahllos um sich, wie Militärsprecher Dschalil al Mehamadawi
mitteilte. Die US-Streitkräfte berichteten dagegen, 16
Häftlinge hätten die Waffenkammer des Gefängnisses
gestürmt und versucht auszubrechen.
Al Mehamadawi zufolge erschoss der Häftling vier Mitgefangene und
vier Gefängnisangestellte. Drei weitere Menschen seien verletzt
worden, nach Angaben des Innenministeriums ein Aufseher und drei
Gefangene. Nach US-Angaben erlitten ein US-Soldat und fünf
Häftlinge Verletzungen.
Bewaffnete erschossen nach Polizeiangaben im Osten Bagdads einen
ehemaligen irakischen Major und dessen Begleiter. Im Westen der
Hauptstadt wurde ein Mitarbeiter des Innenministeriums getötet, wie
ein Krankenhausmitarbeiter mitteilte.
Interpol sucht den El-Kaida-Führer im Irak, Abu Mussab el Sarkawi,
mit internationalem Haftbefehl. Der Haftbefehl sei auf Antrag Algeriens
ausgestellt worden, das wegen der Entführung und Ermordung von zwei
algerischen Diplomaten im Irak im Juli Ermittlungen eingeleitet habe,
teilte die internationale Polizeiorganisation am Mittwoch in Lyon mit.
"Wir gratulieren Algerien dazu, dass es als erstes Land den wichtigen
Schritt gewagt hat", einen internationalen Haftbefehl von Interpol zu
fordern, erklärte Interpol-Generalsekretär Ronald Noble. "Das
wird die Wahrscheinlichkeit verringern, das ein derart weltbekannter
Verdächtiger seiner Festnahme entkommen kann."
Drei Wochen nach der Entführung eines französischen
Ingenieurs in Bagdad wandten sich unterdessen erstmals dessen
Geiselnehmer an die Öffentlichkeit.
Laut einem Bericht des arabischen Fernsehsenders Al Dschasira forderten
die Entführer einen Abzug französischer Truppen aus dem Irak -
Frankreich hat dort aber gar keine Soldaten stationiert. Al Dschasira
strahlte Ausschnitte eines Videos aus, in denen allerdings nur die
Geisel, Bernard Planche, selbst sprach. Am Bildschirmrand war der Name
einer bislang unbekannten Gruppe namens «Überwachen für
den Irak» eingeblendet.
Der zwischen zwei Bewaffneten sitzende Mann identifizierte sich als
«Bernard» und erklärte: «Es tut mir so leid, was
passiert ist. Ich danke allen, die versuchen, mir zu helfen.» Der
Ingenieur war am 5. Dezember verschleppt worden, als er zu seinem
Arbeitsplatz in einem Wasserwerk in Bagdad fahren wollte. Planche war
dort seit einigen Monaten für die Nichtregierungsorganisation
AACCESS tätig.
(Quellen: ap, afp)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. bis 29.12.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am hundertvierundachtzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Mi.29.12.04 - Serie von Rebellenangriffen und drei Selbstmordanschläge im so
genannten sunnitischen Dreieck zwischen Bagdad und dem kurdischen
Norden: Mindestens 35 Tote +++ 5000 zusätzliche US-Soldaten sichern
irakischen Wahlkampf in Bagdad +++ Ehemaliger US-Justizminister Clark will
Saddam verteidigen...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/k0412290.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die am Donnerstag auf der Website der
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht werden sollte.
Die Umfrage im Auftrag der US-Universitäten Johns Hopkins und
Columbia und der Al-Mustansirija-Universität in Bagdad wurde von
Irakern, überwiegend Ärzten, durchgeführt. Von
landesweit 988 besuchten Haushalten erklärten sich 808 zur
Teilnahme bereit. Verglichen wurde die Todesrate nach der Invasion mit
der in der Zeit vor dem Krieg. Anschließend wurde die Rate auf
das gesamte Land hochgerechnet. «Die meisten Menschen, die von
Koalitionstruppen getötet wurden, waren Frauen und Kinder»,
heißt es in dem Bericht.
Sa.30.10.04 - Die britische Regierung will die von US-Wissenschaftlern
veröffentlichte Zahl von rund 100.000 Zivilisten, die infolge des
US-geführten Krieges im Irak ums Leben kamen, "sehr ernsthaft"
prüfen. London habe noch keine Zeit gehabt, sich die Studie der
Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health genauer anzusehen,
sagte der britische Außenminister Jack Straw. Da die Erhebung
jedoch in der renommierten britischen Fachzeitung "The Lancet"
erschienen sei, werde die Regierung sie sehr ernsthaft prüfen.
Zugleich betonte Straw, die Zahl von 100.000 getöteten Irakern sei
"eine sehr hohe Schätzung", die weit über allen bisherigen
Angaben von Nichtregierungsorganisationen liege. So spreche die
irakische Internetseite "Body Count" [http://www.iraqbodycount.net] von 15.000 Toten seit Beginn der
Kampfhandlungen im März 2003.
Sa.17.09.05 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 1.899
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen.Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
Di.30.11.04 - Im US-Militärkrankenhaus in Landstuhl sind seit dem Angriff der
USA auf Afghanistan Ende 2001 fast 21.000 verwundete US-Soldaten behandelt
worden, wie die Klinik am Montag mitteilte. Das Landstuhl Regional
Medical Center ist das größte US-Militärhospital
außerhalb der USA. Dort werden zumeist Verwundete aus
Kampfhandlungen, aber auch sonstige Patienten versorgt. Bis Sonntag
seien insgesamt 17.878 US-Soldaten aus Irak und 3.085 aus Afghanistan
behandelt worden, sagte eine Krankenhaussprecherin auf Anfrage.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
Ein Jahr Bomben auf Bagdad: Sind die USA gescheitert?
Sa.20.03.04 - Längst beherrscht der Katzenjammer die Bush-Krieger, die sich
ihres Sieges nicht wirklich erfreuen können, weil die Probleme
größer denn je zuvor sind...
Analysen, Berichte und Interviews zum Thema unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/k0403200.htm#040320_a
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CIA-Entführungen von Terrorverdächtigen offenbar schon seit
1995
Do.29.12.05 - Die umstrittene Praxis des US-Geheimdienstes CIA,
Terrorverdächtige zu entführen, existiert offenbar bereits
seit mehr als zehn Jahren. «Präsident Clinton, sein
Sicherheitsberater Sandy Berger und sein Terrorismusberater Richard
Clarke haben die CIA im Herbst 1995 beauftragt, Al Kaida zu
zerstören», sagte der frühere CIA-Agent Michael Scheuer
in einem am Mittwoch vorab veröffentlichten Interview der feutschen
Wochenzeitung «Die Zeit».
Hierfür seien auch die so genannten Sonderüberstellungen
eingeführt worden, bei denen Verdächtige gekidnappt und in
andere Länder geflogen wurden. Scheuer entwickelte und leitete
dieses Programm über Jahre, schreibt das Blatt.
Der Ex-Agent sagte demnach, die CIA habe selbst nie jemanden
festgenommen oder gefangen gehalten: «Das machte die örtliche
Polizei oder ein örtlicher Geheimdienst.» Die
Verdächtigen seien nicht in die USA gebracht worden, «weil
Präsident Clinton das nicht wollte».
Die Zusammenarbeit mit den deutschen Sicherheitsbehörden bei dem
Programm bezeichnete der Ex-Agent als «im besten Falle
wechselhaft». Auf Anfragen habe es manchmal «einfach keine
Antwort» gegeben. «Alles war einfach sehr stockend»,
sagt er. Das habe sich nach dem Anschlag vom 11. September 2001
geändert.
Scheuer warf den Europäern wegen ihrer Kritik an dem CIA-Programm
Unehrlichkeit vor: «Denn alle Informationen aus den Verhören
und Dokumenten, alles, was mit Spanien, mit Italien, mit Deutschland,
mit Frankreich, mit England zu tun hatte, wurde doch
weitergegeben.» Die Deutschen seien Nutznießer der Methode
gewesen. Das gesamte Programm sei zu 90 Prozent ein «Riesenerfolg
und nur zu 10 Prozent» ein Desaster.
(Quelle: ap)
John Yoos - Erzkonservativer US-Jurist und Bush-Freund
John Yoo heißt ein junger Juraprofessor aus Berkeley in
Kalifornien, der dieser Tage Zielscheibe heftiger Kritik in den USA
geworden ist.
Yoo wurde nach dem 11. September 2001 in wenigen Wochen zum
Hauptautor einer Serie von Gesetzeskommentaren, die die
Bush-Administration als Blankoscheck für ihr Vorgehen im "Krieg
gegen den Terror" ansieht.
Yoo, Sohn koreanischer Migranten, war es, der in einer Expertise
schrieb, dass die Genfer Konvention im Fall des Angriffs durch
Terroristen nicht gelte. Er führte auch aus, dass unter
Terrorbedrohung folterähnliche Befragungsmethoden bei
Verdächtigen in Ordnung seien. Kürzlich wurde bekannt, dass
Yoo sogar ein noch geheimes Memo fürs Weiße Haus verfasst
haben soll: Bushs rechtliche Absolution für Spionageeinsätze
gegen US-BürgerInnen.... Mehr in der taz vom 28.12.05:
http://www.taz.de/pt/2005/12/28/a0107.nf/text
Tom Koenigs wird UN-Beauftragter für Afghanistan
Do.29.12.05 - Der Menschenrechtsbeauftragte der deutschen Regierung, der
Grünen-Politiker Tom Koenigs (61), wird neuer UN-Sondergesandter
für Afghanistan. UN-Generalsekretär Kofi Annan ernannte ihn am
Dienstag (Ortszeit) in New York zum Nachfolger des Franzosen Jean
Arnault, der das Amt seit Februar 2004 bekleidet hatte.
Koenigs, ein Weggefährte des ehemaligen Außenministers
Joschka Fischer, war zuvor UN-Sonderbeauftragter für Guatemala und
drei Jahre lang Leiter der UN-Verwaltung im Kosovo. Mitte der 90er Jahre
hatte er als erster grüner Kämmerer einer deutschen
Großstadt die Finanzen der Stadt Frankfurt am Main verwaltet.
Davor leitete er von 1987 bis 1989 das Büro Fischers zu dessen Zeit
als hessischer Umweltminister.
Die Bundesregierung begrüßte die Berufung von Koenigs am
Mittwoch in einer Stellungnahme des Auswärtigen Amtes (AA). Mit der
Wahl Koenigs würdige Annan nicht nur dessen Person, sondern auch
das deutsche Engagement in Afghanistan. Deutschland habe den politischen
und wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes seit dem Bonner
Petersberg-Abkommen vom Dezember 2001 vielfach unterstützt.
Koenigs werde seine Aufgabe im Februar 2006 zu einem Zeitpunkt
antreten, in dem Afghanistan in eine neue Phase tritt, heißt es in
der AA-Erklärung weiter: «Mit der Wahl des afghanischen
Parlaments und seinem Zusammentritt am 19. Dezember ist der Bonn-Prozess
erfolgreich abgeschlossen.» Weitere internationale Hilfe soll auf
der Afghanistan-Konferenz Ende Januar in London festgelegt werden.
Annan hat in allen Krisenländern der Welt Sonderbeauftragte im
Einsatz. Sie überprüfen dort die humanitäre und die
Sicherheitslage und achten darauf, dass die Entwicklung von
Menschenrechten, Justiz und Demokratie nach internationalen Standards
verläuft. Annan erstellt aus den Informationen seiner
Sonderbeauftragten regelmäßig Lageberichte, mit denen er den
Sicherheitsrat auf dem Laufenden hält.
(Quelle: dpa)
Nahost-Konflikt
Zutritt zu 'Sicherheitszone' ultimativ verboten. Fatah vermeidet in
letzter Minute die Spaltung
Do.29.12.05 - Die israelische Armee hat am Mittwoch jeglichen Aufenthalt in der neuen
"Sicherheitszone" im nördlichen Gazastreifen mit Wirkung ab 17.00
Uhr MEZ verboten. Wer das Gebiet dennoch betrete, begebe sich in
Lebensgefahr, hieß es nach Angaben eines Militärsprechers auf
Flugblättern, die im Gazastreifen abgeworfen wurden. «Wisset,
dass die Terrororganisationen euch zu Geiseln und menschliche
Schutzschilde gemacht haben und euren Interessen schaden.» Der
Text ist demnach auf Arabisch verfasst und enthält eine
detaillierte Karte, auf denen die Grenzen der so genannten
"Sicherheitszone" dargestellt sind.
Die israelische Armee bereite sich auf "intensive Operationen" im
Norden des Gazastreifens vor, hieß es den Angaben zufolge auf den
Flugblättern. Die Angriffe richteten sich gegen "terroristische
Elemente", die Raketen auf israelisches Territorium abschössen. Das
Aufenthaltsverbot gelte bis auf weiteres.
Mit Luftangriffen im Gazastreifen und im Süden des Libanon
reagierte die israelische Armee in der Nacht auf den Beschuss
israelischer Ortschaften. Wie ein Militärsprecher mitteilte, wurden
südlich von Beirut Stellungen der Volksfront für die Befreiung
Palästinas (PFLP) angegriffen. Im Norden des Gazastreifens wurden
nach Angaben einer Militärsprecherin mehrere Straßen
bombardiert. Die USA bedauerten, dass es notwendig sei, eine
"Sicherheitszone" im Gazastreifen einzurichten.
Die palästinensische Regierungspartei Fatah hat kurz vor Ablauf
der Registrierungsfrist für die Parlamentswahl im kommenden Monat
die Spaltung verhindert. Das Establishment um Präsident Mahmud
Abbas einigte sich mit Vertretern der so genannten jungen Garde auf eine
gemeinsame Liste mit deren in Israel inhaftierten Intifada-Führer
Marwan Barghuti auf einem Spitzenplatz. Zuvor hatten bewaffnete
Barghuti-Anhänger vier Wahlbüros im Gazastreifen besetzt, um
Listenplätze einzufordern.
Zwar seien nicht alle ihre Forderungen erfüllt worden, sagte Ahmed
Ghneim, ein Verhandlungsführer der jungen Garde. «Aber wir
schließen uns wieder zusammen, um einen Wahlsieg sicher zu
stellen.» Eine Spaltung der Fatah hätte die Chancen der
radikalislamischen Hamas erhöht, aus der Parlamentswahl am 25.
Januar als stärkste Kraft hervorzugehen.
Der Kompromiss im Fatah-internen Streit kam in einer Zeit, in der es
für Abbas immer schwieriger zu sein scheint, sich im eigenen Lager
durchzusetzen. Seine Aufforderung an militante Gruppen vom
Dienstagabend, Raketenangriffe auf Israel einzustellen, wies die
Organisation Dschihad umgehend zurück. Abbas traf sich nach Angaben
eines Sprechers am Dienstagabend mit Funktionären der militanten
Organisationen. Wie Sajeb Erakat mitteilte, forderte Abbas die
Gruppierungen auf, ihre Raketenangriffe auf Ziele in Israel einzustellen
und sich an das Waffenstillstandsabkommen vom Februar zu halten.
(Quellen: afp, ap)
Mindestens 20 Kinder sterben Hungertod in Kenia
Do.29.12.05 - Wegen anhaltender Trockenheit in Kenia sind im Nordosten des Landes im
Laufe des Monats mindestens 20 Kinder an Hunger oder Krankheiten
gestorben. Im Krankenhaus der Stadt Garissa starben im Dezember
mindestens acht Kinder an Unterernährung oder damit
zusammenhängenden Krankheiten, wie ein Arzt am Dienstag der
Nachrichtenagentur AFP sagte. Zwölf weitere Kinder seien in der
umliegenden Region den Hungertod gestorben. Ärzte
befürchteten, dass die Zahl der Toten noch steigen würde. Die
Zahl der Notleidenden wird auf etwa 2,5 Millionen Menschen
geschätzt.
(Quelle: afp)
Deutscher Ex-Staatssekretär Chrobog im Jemen entführt
Do.29.12.05 - Der ehemalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt in Berlin,
Jürgen Chrobog, ist mit seiner Frau und seinen drei Kindern im
Jemen entführt worden. Der 65-Jährige werde mit seiner Familie
im Jemen vermisst, erklärte ein Außenamtssprecher in Berlin.
Die Familie hielt sich seit Heiligabend in dem Land im Süden der
arabischen Halbinsel auf. Chrobog hatte im August 2003 die Freilassung
von 14 deutschen Sahara-Urlaubern in Mali erwirkt. Das Auswärtige
Amt richtete einen Krisenstab ein.
Die fünfköpfige Familie wurde nach Angaben örtlicher
Stammesvertreter in der Region Schabua 480 Kilometer östlich der
Hauptstadt Sanaa gekidnappt. Laut dem Reiseveranstalter Abu Taleb Group
(ATG) ist die Gruppe wohlauf. Ein ATG-Sprecher sagte in Sanaa, er stehe
in telefonischem Kontakt mit den Entführten und gehe von ihrer
"baldigen Freilassung" aus. "Wir werden alle Anstrengungen daran setzen,
die Familie zu finden", sagte der Sprecher des Auswärtigen Amts,
Martin Jäger. Das Ministerium wurde nach seinen Angaben am
Mittwoch von dem Reiseveranstalter über die Verschleppung
informiert.
Die Familie war laut ATG auf dem Weg von Aden in die Hafenstadt El
Mukalla. Dort ist für Touristen auf vielen Strecken eine
militärische Begleitung vorgeschrieben. Beim Mittagessen in der
Kleinstadt El Amran hätten sich die Soldaten jedoch von den
Urlaubern entfernt. Nach jemenitischen Stammesangaben wurden die
Deutschen bereits vor "rund drei Tagen" verschleppt. Ziel der
Entführer ist es demnach, im Gefängnis von Aden einsitzende
Stammesmitglieder freizupressen.
Es ist bereits die dritte Entführung von Ausländern im Jemen
innerhalb von wenigen Wochen: Erst am Wochenende waren zwei
Österreicher nach mehrtägiger Entführung freigekommen. Im
November waren zudem zwei Schweizer von einem Stammesführer
verschleppt worden, der die Freilassung seines wegen Autodiebstahls
inhaftierten Bruders erpressen wollte.
Chrobog war unter der rot-grünen Regierung im Auswärtigen Amt
tätig. Er wurde am 28. Februar 1940 in Berlin als Sohn eines
Ministerialbeamten geboren. Der studierte Jurist verbrachte praktisch
sein gesamtes Berufsleben als Diplomat. Schon kurz nach seinem Eintreten
in den Auswärtigen Dienst 1972 wurde er an die deutsche Vertretung
bei der UNO in New York entsandt. Von April 1995 bis Juli 2001 war er
deutscher Botschafter in den USA. Seit Juli 2005 ist Chrobog
Vorstandsvorsitzender der BMW Stiftung Herbert Quandt.
(Quelle: afp)
Norwegen fordert Wiederaufnahme der Friedensgespräche in Sri Lanka
Do.29.12.05 - Angesichts anhaltender Gewalt in Sri Lanka hat Norwegen Regierung und
Tamilen-Rebellen zur sofortigen Wiederaufnahme ihrer
Friedensgespräche aufgerufen. Oslo sei "tief beunruhigt" über
die jüngsten Entwicklungen in Sri Lanka, erklärte der
norwegische Entwicklungsminister Erik Solheim am Mittwoch. Das "hohe
Gewaltniveau" stelle eine Gefahr für das Waffenstillstandsabkommen
dar und mache Fortschritte im Friedensprozess "schwierig". Wo sich die
Regierung und die Rebellenorganisation Befreiungstiger von Tamil Eelam
(LTTE) zu Gesprächen träfen, spiele für Norwegen keine
Rolle. Die Konfliktparteien streiten seit Monaten über einen
Treffpunkt.
(Quelle: afp)
Belgrad zieht angeblich Schlinge um mutmaßlichen Kriegsverbrecher
Mladic enger
Do.29.12.05 - Die serbischen Behörden ziehen nach eigenen Angaben die Schlinge
um den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ratko Mladic enger. Derzeit
würden alle möglichen Kontakte und Kommunikationsverbindungen
des früheren Armeechefs der bosnischen Serben geprüft, um
seinen Bewegungsspielraum einzuengen, sagte der serbische
Menschenrechtsminister Rasim Ljajic am Dienstag der Nachrichtenagentur
Tanjug. Durch bestimmte "Nachforschungsaktivitäten" sei es bereits
gelungen, den Raum einzuengen, in dem sich Mladic verstecken könnte.
(Quelle: afp)
Ukraine will internationale Schlichter im Gasstreit mit Russland
Do.29.12.05 - Die Ukraine hat Russland in dem seit Tagen hoch kochenden Gas-Streit
mit dem Einschalten eines internationalen Gerichts gedroht.
Die Regierung habe dem russischen Gasmonopolisten Gazprom einen
Kompromissvorschlag unterbreitet, sagte Ministerpräsident Juri
Jechanurow am Mittwoch in Kiew. Sollte dieser Vorschlag abgelehnt
werden, sehe sich die Ukraine berechtigt, das internationale
Schiedsgericht für Wirtschaftsstreitigkeiten in Stockholm
einzuschalten.
Gazprom will die Preise ab Januar verfünffachen. Das Unternehmen
begründet die Preiserhöhung von derzeit knapp 50 Dollar auf
dann 230 Dollar für 1000 Kubikmeter Gas mit der Abschaffung von
Sonderkonditionen und dem Übergang zu international üblichen
Handelsbedingungen. Die geplante Preissteigerung sei inakzeptabel,
bekräftigte Jechanurow die ablehnende Haltung der Ukraine. Damit
werde direkter wirtschaftlicher Druck auf das Land ausgeübt. Zuvor
hatten bereits Politiker die Steigerung als Bestrafung für die
westlich orientierte Politik der Ex-Sowjet-Republik kritisiert.
(Quelle: rtr)
Deutschland
Orientalist fordert Verteidigung demokratischer Grundwerte
Do.29.12.05 - Der Orientalist Hans-Peter Raddatz hat die westlichen Gesellschaften
aufgerufen, im Dialog mit dem Islam energischer ihre Grundwerte zu
verteidigen. «Wir müssen klipp und klar sagen, welche Punkte
unverzichtbar sind», sagte Raddatz in einem Interview der
Nachrichtenagentur AP. Dazu gehörten das rechtsstaatliche
Gewaltmonopol, die Gleichberechtigung von Frauen und Religionsfreiheit.
Diese Errungenschaften seien zu Unrecht aus der Diskussion ausgeklammert
worden.
Der Islamkritiker beklagte, dass sich viele Muslime im Westen
merkwürdig zurückhielten, wenn es um die Distanzierung von
Gewalttaten gehe. «Das erklärt sich daraus, dass die
große Mehrheit der Muslime die gleichen Grundlagen hat»,
sagte Raddatz. Vom Liberalen bis zum Terroristen bezögen sich alle
auf den Koran und den Propheten Mohammed. «Die Gemeinschaft selbst
bleibt stumm. Nur wenige wagen, öffentlich zu kritisieren.»
Der Aufruf zur Gewalt sei außerdem Bestandteil der islamischen
Glaubensausübung.
Nach Raddatz' Einschätzung fallen die westlichen Staaten mit ihrer
Tolerierung des orthodoxen Islams liberalen Muslimen in Arabien in den
Rücken. Die EU und die USA unterstützten auch Regime wie in
Saudi-Arabien oder Pakistan, die Oppositionelle unterdrückten.
«Der große Preis ist, dass sich Islamisten nur dann
wohlverhalten, wenn sie eine Gegenleistung erhalten.» So
bekämen sie große Freiheiten bei der Expansion in Europa und
Amerika. Außerdem setzten arabische Machthaber wegen des Drucks
von Islamisten langfristig das islamische Recht, die Scharia, durch.
Raddatz gilt als einer der energischsten Islamkritiker in Deutschland.
Der Orientalist und Volkswirt erhielt wegen seiner Texte nach eigener
Aussage schon Morddrohungen.
(Quelle: ap)
Bayern verbietet Islamisten-Zentrum in Neu-Ulm
Do.29.12.05 - Das bayerische Innenministerium hat das Islamisten-Zentrum
«Multi-Kultur-Haus» in Neu-Ulm verboten und dessen
Vereinsheim beschlagnahmt. Der Treffpunkt hatte im Zusammenhang mit der
Entführung des Deutsch-Libanesen Khaled El Masri durch den
US-Geheimdienst CIA Schlagzeilen gemacht und war seit Jahren von den
Sicherheitsbehörden beobachtet worden. Innenminister Günther
Beckstein sagte am Mittwoch, die Islamisten-Organisation habe offen zum
«Gotteskrieg» und zur Gewalt gegen Andersgläubige
aufgerufen.
Bereits im vergangenem Februar und Juni seien Hassprediger des Vereins
nach Ägypten abgeschoben worden. Bei mehreren Razzien seit
Jahresbeginn wurde nach Angaben von Becksteins Ministerium umfangreiches
belastendes Material sichergestellt. Darunter seien neben
Tonträgern mit Aufrufen zu Selbstmordattentaten auch
Schulbücher für Kinder gewesen, in denen offen zur Tötung
Andersgläubiger geworben worden sei.
«Organisationen, die sich in aggressiv-kämpferischer Weise
gegen die verfassungsmäßige Ordnung und den Gedanken der
Völkerverständigung richten und dabei offen zur Anwendung von
Gewalt aufrufen, dulden wir hier nicht», betonte Beckstein. Bei
einer Razzia am Mittwochmorgen ließ das Ministerium Gebäude
und Grundstück des Multi-Kultur-Hauses aus dem Eigentum eines
früheren Vereinsvorsitzenden beschlagnahmen, ebenso das
Vereinskonto.
Beckstein betonte, die Einziehung des Vereinsvermögens solle
deutlich machen, «welches finanzielle Risiko bösgläubige
Unterstützer verfassungswidriger Vereine eingehen». Die
Behörden würden die islamistische Szene in Ulm und Neu-Ulm
«weiterhin im Auge behalten» und mit aller Härte gegen
sich neu bildende Strukturen vorgehen, fügte der CSU-Politiker
hinzu.
Die Nähe zum Neu-Ulmer «Multi-Kultur-Haus» gilt als
möglicher Auslöser für die Entführung El Masris.
Zwar hatten dem Deutsch-Libanesen nach dessen Angaben zur CIA
gehörende Kidnapper erklärt, er sei Opfer einer
Namensverwechslung geworden. Zugleich hatte El Masri aber stets betont,
von den ausländischen Geheimdienst-Mitarbeitern hauptsächlich
über die Neu-Ulmer Islamisten-Szene befragt worden zu sein. El
Masri hatte mehrere frühere Besuche des
«Multi-Kultur-Hauses» eingeräumt und sich mit dem
damals dort tätigen terrorverdächtigen Fundamentalisten Reda
Seyam getroffen.
Laut Innenministerium hat sich bereits bei der Auswertung von nur zehn
Prozent von im September sicher gestellten Material der Verdacht
«vollumfänglich bestätigt», dass im Umfeld des
Vereins «für den bewaffneten Dschihad geworben wird».
In Büchern zur «Glaubenslehre» und Tonkassetten werde
zur Tötung Andersgläubiger und der Vernichtung des Staates
Israel aufgerufen. Der Dschihad werde durchwegs als Pflicht jedes
Moslems dargestellt.
Das Ministerium zitierte auch aus einem in dem Kulturhaus
beschlagnahmten Schulbuch: «Sollten sich die Nicht-Muslime
weigern, dem Beispiel der Gläubigen zu folgen, bestehe die Pflicht
sie zu töten.» Auf CDs und Kassetten werde der
Märtyrer-Tod bei Selbstmordattentaten gepriesen. Zudem seien in
Wohnungen früherer Vereinsfunktionäre Anleitungen zur
Herstellung von Sprengstoff sicher gestellt worden.
Beckstein sagte auch, dass keine konkreten Hinweise auf geplante
Anschläge gefunden worden seien. Zugleich betonte er, dass sich die
Aktion nicht gegen die gemäßigte Mehrheit der muslimischen
Gemeinde richte, sondern gegen wenige einzelne.
(Quelle: ap)
Gewerkschaften ziehen vernichtende Hartz-IV-Bilanz
Do.29.12.05 - Ein Jahr nach Einführung von Hartz IV haben Gewerkschaften und
Sozialverbände eine vernichtende Bilanz der Arbeitsmarktreform
gezogen. «Hartz IV hat das gesellschaftliche Klima in diesem Land
vergiftet. Das ist nach wie vor unerträglich», sagte der
DGB-Vorsitzende Michael Sommer der Nachrichtenagentur AP. Auch der
Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) beklagte Fehlsteuerungen und
die schleppende Umsetzung. Positiv äußerte sich dagegen der
Deutsche Städtetag: Die Anfangsschwierigkeiten seien
überwunden worden.
Sommer kritisierte, dass es vielen ehemaligen
Arbeitslosenhilfeempfängern deutlich schlechter gehe. «Das
betrifft nicht nur die Höhe der Leistungen, sondern auch ihre
persönlichen Lebensverhältnisse.» Auch Beschäftigte
spürten den Druck, der von den Sozialreformen ausgehe.
«Belegschaften sind erpressbar geworden», sagte Sommer.
Ihnen sei klar: «Wenn ihr Betrieb schließt, sind sie nach
einem Jahr bei Hartz IV.»
Der Geschäftsführer des Paritätischen
Wohlfahrtsverbandes, Werner Hesse, sagte der Chemnitzer «Freien
Presse», die Reformen hätten nichts gebracht,
«außer weniger Geld für die Arbeitslosen». Die
Folge sei, dass inzwischen rund sechs Millionen Menschen auf dem
untersten Niveau und damit an der Armutsschwelle lebten.
IG-Bau-Chef Klaus Wiesehügel verlangte in einem AP-Interview, dass
«langjährig Beschäftigte nicht in so kurzer Zeit ins
Nichts» rutschen sollten. Es müsse unterschieden werden
zwischen unqualifizierten Arbeitslosen, die noch nie gearbeitet
hätten, und denjenigen mit abgeschlossener Ausbildung und
Erwerbsvergangenheit. Diese sollten mehr Geld sowie mehr Hilfen erhalten.
BDI-Präsident Jürgen Thumann nannte die Zielsetzung von Hartz
IV richtig. Doch hake es noch bei der Umsetzung: «Dies betrifft
sowohl die Organisation der Arbeitsgemeinschaften als auch die deutlich
über der Vorausschau liegenden Kosten.» Zudem müssten
einige Fehlsteuerungen die dringend beseitigt werden. Dann wäre
auch eine Senkung des Beitragssatzes zur Arbeitslosenversicherung
möglich, ohne zusätzliche Steuermittel einzusetzen.
Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer kritisierte
besonders die bevorstehende Verkürzung des Arbeitslosengelds. Es
sei unangemessen, wenn das Arbeitslosengeld I auf maximal 18 Monate
begrenzt werde, sagte sie. Ab Februar 2006 erhalten es bei Jobverlust
55-Jährige nur noch zwölf Monate lang, Ältere maximal 18
Monate.
Nach Angaben von Städtetag-Hauptgeschäftsführer Stephan
Articus wurden seit Inkrafttreten von Hartz IV bereits eine Million
Betroffene in neue Arbeitsverhältnisse vermittelt. Weitere 530.000
hätten einen Ausbildungsplatz erhalten und 1,4 Millionen eine
Eingliederungsmaßnahme begonnen. In diesen Zahlen seien die so
genannten Optionskommunen, die Langzeitarbeitslose eigenständig
vermittelten, noch nicht enthalten. Nach Anlaufschwierigkeiten bei
dieser «gewaltigen Reform», Softwareproblemen und
Reibungsverlusten lasse sich nun bilanzieren: «Die Umsetzung von
Hartz IV läuft inzwischen zunehmend besser.»
Die von Gutachtern kritisierten Reformen Hartz I bis III waren dem
SPD-Arbeitsmarktexperten Klaus Brandner zufolge von Anfang an auf
Nachbesserungen angelegt. Die Verantwortlichen hätten «von
vornherein die Erwartung gehabt, man muss auch neue Wege ausprobieren,
man muss aber auch die Kraft haben, daraus schnellstens die Konsequenzen
zu ziehen», sagte Brandner im Sender NDR Info.
Eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Untersuchung hatte
großen Teilen der Arbeitsmarktreformen Wirkungslosigkeit
bescheinigt. Neben den PSA kam auch die erleichterte Einstellung
älterer Arbeitnehmer schlecht weg.
(Quelle: ap)
Koalition streitet über Neuerungen bei Hartz
Do.29.12.05 - Die große Koalition streitet über die Wirksamkeit der
Hartz-Arbeitsmarktreformen. CDU und CSU schlossen sich am Mittwoch zum
Teil der massiven Kritik in einer Studie von Wirtschaftsforschern an.
Die SPD verteidigte die Neuregelungen, die in den Jahren 2003 bis 2005
in der rot-grünen Regierungszeit in Kraft getreten waren. Beide
Partner verwiesen aber darauf, dass verschiedene Schwachpunkte der
Reform erkannt und bereits korrigiert worden seien.
Die von der rot-grünen Bundesregierung in Auftrag gegebene, noch
unveröffentlichte Studie mehrerer Wirtschaftsforschungsinstitute
bezeichnet große Teile der Hartz-Reformen zur Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit als nicht geeignet. Das Bundeskabinett will sich im
Januar mit ihr befassen. Eine Sprecherin des Arbeitsministeriums teilte
am Mittwoch nur mit, dass die Studie 2500 Seiten umfasse.
«Die - bislang offenbar unter Verschluss gehaltene - Studie
über die Wirksamkeit des arbeitsmarktpolitischen Instrumentariums
bestätigt die von der CSU-Landesgruppe von Anfang an
geäußerten Bedenken gegen wesentliche Teile der so genannten
Hartz-Reformen», sagte der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im
Bundestag, Peter Ramsauer, am Mittwoch. Mit dem Koalitionsvertrag
hätten die Koalitionspartner die Konsequenzen aus Fehlentwicklungen
gezogen.
Der SPD-Politiker Klaus Brandner verteidigte die Hartz-Gesetze gegen
Kritik. Er sagte im RBB-Inforadio, die Reformen insgesamt zeigten
durchaus Wirkung. Ohne sie wäre die Zahl der Arbeitslosen in der
Vergangenheit noch stärker gestiegen. Eine positive Bilanz zog er
für die Ich-AG. Die Förderung der Selbstständigkeit sei
ein wichtiges, arbeitsmarktpolitisches Instrument. Deshalb müsse
sie in veränderter Form weitergeführt werden.
CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla wies im Südwestrundfunk
darauf hin, die große Koalition habe schon Änderungen an
kritisierten Teilen der Hartz-Reformen auf den Weg gebracht. Die
Reduzierung der Personal-Service-Agenturen stehe bereits im
Bundesgesetzblatt und trete zum 1. Januar in Kraft. Darüber hinaus
sei im Koalitionsvertrag festgelegt, dass alle arbeitsmarktpolitischen
Maßnahmen auf den Prüfstand kämen.
Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Ludwig Stiegler wies
darauf hin, dass die Arbeitsmarktinstrumente 2002 konzipiert worden
seien, als man in Deutschland noch auf den Aufschwung gesetzt habe.
«Hartz ist wie ein Schiff auf dem Trockendock - es kann besichtigt
werden, dort kann man trainieren, es können Leistungen ausbezahlt
werden, aber es kann noch nicht schwimmen. Dazu braucht es
Wirtschaftswachstum», sagte Stiegler der «Berliner
Zeitung» (Mittwoch). Dies gelte gerade für die
Personal-Service-Agenturen.
Der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Gregor Gysi, betonte, die
Linke habe von Anfang gesagt, dass den Hartz-Reformen eine falsche
Philosophie zu Grunde liege. Diese schaffe Armut per Gesetz, aber keine
Arbeit, und verbessere die Arbeitsvermittlung nicht. «Der jetzigen
wissenschaftlichen Bewertung von Hartz I bis III, die unsere
Einschätzung im Nachhinein bestätigt, wird in nicht allzu
ferner Zukunft eine weitere folgen, die noch Verheerenderes zu Hartz IV
feststellen wird», so Gysi.
Der Geschäftsführer des Paritätischen
Wohlfahrtverbandes, Werner Hesse, sagte der Chemitzer "Freien Presse",
ein Jahr nach Inkrafttreten der Hartz-IV-Gesetze gebe es keinerlei
Entlastung auf dem Arbeitsmarkt, wohl aber habe sich die Zahl sozial
Bedürftiger drastisch erhöht. Einziger Effekt der
Hartz-Reformen sei, dass es weniger Geld für die Arbeitslosen gebe.
(Quellen: dpa, rtr)
Bundespräsident Köhler für mehr Arbeitnehmerbeteiligung
Do.29.12.05 - Mit ungewohnt konkreten Vorschlägen hat sich Bundespräsident
Horst Köhler zum Jahreswechsel in die Debatte um eine angemessene
Lohnpolitik eingeschaltet. In einem am Mittwoch veröffentlichten
Interview des Magazins «Stern» schlug er unter anderem vor,
die Arbeitnehmer angemessen an der Produktivität ihrer Betriebe zu
beteiligen.
Arbeitgeber, BDI und CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla zeigten
sich Köhlers Vorstoß gegenüber aufgeschlossen.
Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sprach von «wichtigen
Denkanstößen», auch SPD-Generalsekretär Hubertus
Heil zeigte sich durchaus gesprächsbereit.
Im Arbeitnehmerlager fielen die Reaktionen hingegen uneinheitlich aus:
Während IG-BCE-Chef Hubertus Schmoldt dem
«Handelsblatt» sagte: «Was der Bundespräsident
hier anmahnt, kann ich alles unterstützen», meldete
IG-Metall-Chef Jürgen Peters Bedenken an. So bleibe den
Arbeitnehmern bei diesem Modell der Einfluss auf Unternehmensgeschicke
verwehrt, sagte er im ZDF. Die Folgen von Fehlentwicklungen müssten
sie aber tragen.
Köhler betonte weiter, er halte «die Zeit für gekommen,
die Ertragsbeteiligung der Arbeitnehmer oder ihre Beteiligung am
Produktivvermögen wieder auf den Tisch zu bringen». In Zeiten
der Globalisierung könnten solche Kapitalbeteiligungen in
Arbeitnehmerhand dazu beitragen, «einer wachsenden Kluft zwischen
Arm und Reich entgegenzuwirken». Arbeitgeber und Arbeitnehmer
müssten heute begreifen, «dass sie im Betrieb angesichts des
weltweiten Wettbewerbs im selben Boot sitzen».
Die Arbeitgeber forderte Köhler auf, ausreichend Lehrstellen
anzubieten. «Arbeitgeber handeln sehr kurzsichtig, wenn sie
versuchen auszunutzen, was sie als momentane Schwäche der
Arbeitnehmerseite wahrnehmen.
Das Staatsoberhaupt plädierte zudem dafür, über ein
gesellschaftliches «Grundeinkommen» nachzudenken: «Wir
erkennen, dass es wohl eine Art Basisarbeitslosigkeit von vier bis
fünf Prozent geben kann, von gering Qualifizierten oder gar nicht
Ausgebildeten, und dass ein Teil der Bevölkerung sich innerlich
verabschiedet. Diese Menschen dürfen wir nicht im Stich
lassen.»
In diesem Zusammenhang sprach sich Köhler auch für
Kombilöhne aus, um einen Niedriglohnsektor zwischen Grundeinkommen
und Tariflöhnen zu schaffen. Fast drei Millionen Arbeitslosen fehle
eine Berufsausbildung. Für sie müsse trotzdem Arbeit da sein.
Der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher
Arbeitgeberverbände, Reinhard Göhner, sagte dem
«Handelsblatt», Köhler weise den richtigen Weg.
«Die Produktivitätsentwicklung ist der richtige Maßstab
für Lohnerhöhungen». Leider gingen einige mit ihren
Forderungen jedoch darüber hinaus.
BDI-Hauptgeschäftsführer Ludolf von Wartenberg sagte dem
«Tagesspiegel», Mitarbeiterbeteiligungen könnten
«mit Blick auf die demografische Entwicklung ein Baustein für
die zukünftige Altersversorgung sein».
Auch Pofalla bezeichnete die Forderung Köhlers nach
Kapitalbeteiligungen für Arbeitnehmer als richtig. Die große
Koalition werde im kommenden Jahr versuchen, hier zu einem gemeinsamen
Konzept zu kommen. Regierungssprecher Wilhelm nannte die
Äußerungen Köhlers «wichtige
Denkanstöße» für die allgemeine gesellschaftliche
Debatte. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer
begrüßte den Vorstoß Köhlers und sprach in der
Magdeburger «Volksstimme» von einer «moralisch absolut
gerechtfertigten Forderung»
(Quelle: ap)