Aktuelle Nachrichten
Irak am fünfhunderteinundachtzigsten Tag nach Erlangung der
formellen Souveränität
Saddam-Prozess nach Richter-Rücktritt fortgesetzt. Zwei
US-Journalisten im Irak schwer verletzt
Mo.30.01.06 - In Bagdad ist am Sonntag der Prozess gegen den ehemaligen
irakischen Machthaber Saddam Hussein fortgesetzt worden. Das berichtete
der Nachrichtensender Al-Arabija. Die Sitzungen werden mit
Zeitverzögerung im Fernsehen übertragen.
Eine für vergangenen Dienstag angesetzte Sitzung im Prozess gegen
Saddam und sieben seiner einstigen Getreuen war wegen eines Streits um
die Nachfolge des Mitte Januar zurückgetretenen Vorsitzenden
Richters Risgar Mohammed Amin geplatzt.
Offiziell war die Verschiebung damit erklärt worden, dass Zeugen
nicht erschienen seien. In dem Verfahren geht es um die Hinrichtung von
148 Männern in der schiitischen Kleinstadt Dedscheel im Jahr 1982.
Bei einer Verurteilung droht den Angeklagten die Todesstrafe.
Ein Nachrichtenmoderator des US-Fernsehsenders ABC und ein Kameramann
sind am Sonntag bei einer Explosion im Irak schwer verletzt worden. Wie
der Sender erklärte, wurden Bob Woodruff und Doug Vogt in der
Nähe von Tadschi von einem Sprengsatz getroffen. Beide begleiteten
die 4. US-Infanteriedivision als so genannte eingebettete Journalisten.
(Quellen: dpa, ap)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 30.01.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am zweihundertundsechzehnten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
So.30.01.05 - Trotz massiver Sicherheitsmaßnahmen neue Anschläge zum
Wahlauftakt: Zahlreiche Tote und Verletzte. Ausnahmezustand im
Irak um 30 Tage verlängert. Wahlhelfer fürchten um ihr Leben.
In Samarra wurde die Wahl aus Angst vor neuen Anschlägen abgesagt
- Die Stadt gilt als Hochburg der Sunniten. Am Freitag und
Samstag haben schon zwei Drittel aller registrierten Auslandsiraker
ihre Stimme abgegeben. US-Präsident Bush bezeichnet die
Wahl als den Beginn von Frieden, Stabilität, Wohlstand und
Gerechtigkeit im Irak...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/k0501300.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die am Donnerstag auf der Website der
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht werden sollte.
Die Umfrage im Auftrag der US-Universitäten Johns Hopkins und
Columbia und der Al-Mustansirija-Universität in Bagdad wurde von
Irakern, überwiegend Ärzten, durchgeführt. Von
landesweit 988 besuchten Haushalten erklärten sich 808 zur
Teilnahme bereit. Verglichen wurde die Todesrate nach der Invasion mit
der in der Zeit vor dem Krieg. Anschließend wurde die Rate auf
das gesamte Land hochgerechnet. «Die meisten Menschen, die von
Koalitionstruppen getötet wurden, waren Frauen und Kinder»,
heißt es in dem Bericht.
Sa.30.10.04 - Die britische Regierung will die von US-Wissenschaftlern
veröffentlichte Zahl von rund 100.000 Zivilisten, die infolge des
US-geführten Krieges im Irak ums Leben kamen, "sehr ernsthaft"
prüfen. London habe noch keine Zeit gehabt, sich die Studie der
Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health genauer anzusehen,
sagte der britische Außenminister Jack Straw. Da die Erhebung
jedoch in der renommierten britischen Fachzeitung "The Lancet"
erschienen sei, werde die Regierung sie sehr ernsthaft prüfen.
Zugleich betonte Straw, die Zahl von 100.000 getöteten Irakern sei
"eine sehr hohe Schätzung", die weit über allen bisherigen
Angaben von Nichtregierungsorganisationen liege. So spreche die
irakische Internetseite "Body Count" [http://www.iraqbodycount.net] von 15.000 Toten seit Beginn der
Kampfhandlungen im März 2003.
Sa.17.09.05 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 1.899
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen.Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
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Nahost-Konflikt
Hamas-Führer lehnt Anerkennung Israels ab. Israel fordert
internationalen Boykott von Hamas
Mo.30.01.06 - Der Anführer der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen, Mahmud
Sahar, hat eine Anerkennung Israels abgelehnt. Seine Organisation sei
aber bereit, über einen dauerhaften Waffenstillstand zu verhandeln,
sagte Sahar der britischen Zeitung "Sunday Telegraph". Er forderte die
internationale Gemeinschaft auf, die Hamas nach ihrem Sieg bei der
palästinensischen Parlamentswahl vom Mittwoch anzuerkennen. "Die
Welt muss uns nicht fürchten." Die Hamas habe zwar keine
offizielle Kontakte mit dem Westen, es gebe aber zahlreiche
Kommunikationswege.
Der geschäftsführende israelische Ministerpräsident Ehud
Olmert fordert einen internationalen Boykott der bei der
Palästinenser-Wahl siegreichen Hamas, sollte diese dem Terror nicht
abschwören und das Existenzrecht von Israel nicht anerkennen.
So lange die Hamas diese Bedingungen nicht erfülle, werde Israel
mit der radikal-islamischen Organisation keinen Kontakt unterhalten,
sagte Olmert am Sonntag im Rundfunk. Andere führende Politiker habe
er dazu aufgefordert, sich genauso zu verhalten. Er habe Israles
Haltung dem britischen Ministerpräsidenten Tony Blair, Frankreichs
Präsidenten Jacques Chirac, dem ägyptischen Präsidenten
Husni Mubarak, Jordaniens König Abdullah sowie
UN-Generalsekretär Kofi Annan in Telefongesprächen mitgeteilt.
"Israels Prinzipien sind für die internationale Gemeinschaft
annehmbar. Ich beabsichtige nicht, in dieser Sache Kompromisse zu
machen", sagte Olmert.
Die Hamas will Israel und die Palästinenser-Gebiete durch einen
islamischen Staat ersetzen. Sie hat die Einrichtung eines
unabhängigen Palästinenser-Staates im Westjordanland und dem
Gaza-Streifen als ersten Schritt bezeichnet.
Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel reiste am Sonntag in den Nahen
Osten. Der israelischen Regierung stattet sie ihren Antrittsbesuch ab.
Auf dem Programm steht auch ein Treffen mit
Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas, dessen Fatah-Bewegung
ihre Mehrheit an die radikal-islamische Hamas verloren und den Gang in
die Opposition angekündigt hatte.
US-Präsident George W. Bush hatte angedroht, die dieses Jahr
vorgesehenen 234 Millionen Dollar Hilfe zu streichen. Auch die
Europäische Union (EU), die mit 500 Millionen Dollar den
größten Hilfsbetrag leistet, verlangt eine Entwaffnung der
Hamas und die Anerkennung von Israels Existenzrecht.
(Quellen: rtr, afp)
Mit Hamas an einen Tisch!
Nach dem Urnengang in den Autonomiegebieten unter
Besatzungsbedingungen: Israel muß mit jeder vom Volk
gewählten palästinensischen Regierung verhandeln... fordert
Uri Avnery in 'junge Welt' vom 30.01.06:
http://www.jungewelt.de/2006/01-30/025.php
Olmert und Merkel fordern Gewaltverzicht von Hamas
Mo.30.01.06 - Israel und Deutschland machen einen Dialog mit der bei der Wahl in den
palästinensischen Autonomie-Gebieten siegreichen Hamas von einem
eindeutigen Gewaltverzicht und der Anerkennung des jüdischen
Staates abhängig. Das betonten der amtierende israelische
Ministerpräsident Ehud Olmert und die deutsche Kanzlerin Angela
Merkel (CDU) am Sonntagabend nach ihrem ersten Gespräch in
Jerusalem.
Merkel erläuterte nach dem gut einstündigen Gespräch
erneut die Position der deutschen Regierung die auch von den Partnern
in der Europäischen Union geteilt werde: Die radikal-islamische
Hamas müsse neben der Anerkennung des Existenzrechts Israels auf
Terrorakte verzichten und dürfe nicht hinter die bereits
vereinbarten Lösungen für einen Frieden in Nahost
zurückgehen. Nur dann könne es Gespräche geben,
bekräftigten die Kanzlerin und Olmert. Merkel war unmittelbar nach
ihrer Ankunft mit dem Vizepremierminister zusammengetroffen und wird am
heutigen Montag auch nach Ramallah fahren, um mit dem Präsidenten
der Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, zu sprechen. Merkel
ergänzte nach dem Treffen mit Olmert, sie wolle die Eckpunkte
für eine mögliche Gesprächsaufnahme mit Hamas auch als
Auflage in die EU einbringen. «Dieses Signal sollte auch von
anderen Ländern verstanden werden», sagte sie.
Olmert, der bis zu den Wahlen Ende März den schwer erkrankten
Ministerpräsidenten Ariel Scharon vertritt, würdigte die
Haltung Deutschlands im Streit um Äußerungen des iranischen
Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Dieser hatte den Holocaust in
Frage gestellt. «Mit großer Zufriedenheit haben wir
gesehen, wie sich Deutschland dem Kampf gegen Antisemitismus
verschrieben hat», sagte der Vize-Premier. Merkel und Olmert
machten erneut deutlich, dass der Iran mit seiner Atompolitik
«die rote Linie» überschritten habe. Iran sei nicht
nur eine Bedrohung für Israel, «sondern für die gesamte
demokratische Welt», sagte Merkel. In dieser Beurteilung seien
sich Israel und Deutschland einig. «Es ist klar, dass Iran nicht
die Möglichkeit bekommen darf, Uran anzureichern», betonte
die Kanzlerin.
Bereits vor ihrem Abflug hatte Merkel die Hamas aufgefordert, das
Existenzrecht Israels anzuerkennen. Für Deutschland und die EU sei
es unvorstellbar, eine palästinensische Autonomiebehörde
finanziell zu unterstützen, die Israel das Existenzrecht abspreche.
Nach dem Wahlsieg der Hamas riefen führende deutsche Politiker die
Bundeskanzlerin dazu auf, in dieser schwierigen Phase die
Kontinuität der deutschen Nahost-Politik zu wahren. Grundbedingung
für weitere Hilfen und Gespräche mit der neuen
Palästinenser-Führung sei die Anerkennung Israels sowie ein
Gewaltverzicht von Hamas, hieß es übereinstimmend. Merkel
wie auch Politiker aus Koalition und Opposition machten deutlich, dass
Deutschland das Existenzrecht Israels «ohne Wenn und Aber»
vertreten werde.
Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel,
rief die Bundesregierung zu einer klaren Haltung gegenüber der
künftigen palästinensischen Regierung auf. «Unter
keinen Umständen darf es Gespräche mit der Hamas geben,
solange sie sich dem Ziel verschreibt, Israel von der Landkarte zu
löschen», sagte er der «Berliner Zeitung»
(Samstag). Laut Spiegel spielt Deutschland im Friedensprozess eine sehr
wichtige Rolle.
Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) gab im
«Spiegel» zu bedenken: «Wir können den
Palästinensern keine Regierung vorschreiben. Aber die Hamas muss
auf Gewalt verzichten und das Existenzrecht Israels anerkennen. Terror
und Demokratie passen nicht zusammen.» Die Hamas hatte bei der
palästinensischen Parlamentswahl eine absolute Mehrheit von 76 der
132 Mandate errungen. Die bisher regierende Fatah-Partei erlitt eine
schwere Niederlage.
Die Staatsministerin im Kanzleramt, Hildegard Müller (CDU),
schloss Verhandlungen mit der Hamas dennoch nicht grundsätzlich
aus. Im rbb-Inforadio sagte sie am Samstag, die Hamas werde bei der
Europäischen Union zwar als Terror-Organisation gesehen. Dennoch
müsse man zunächst abwarten, wie sich die Gruppierung weiter
entwickle. Müller gehört mit zur Delegation der Kanzlerin.
(Quelle: dpa)
Deutschland unterstützt Israel bei U-Boot-Kauf
Mo.30.01.06 - Die deutsche Regierung hat erstmals bestätigt, dass sie Israel
beim Kauf von zwei U-Booten unterstützen und sich auch finanziell
daran beteiligen will. Deutschlands Rüstungsstaatssekretär
Peter Eickenboom (SPD) sagte dem MDR, die große Koalition werde an
dem Vorhaben festhalten, das die rot-grüne Vorgängerregierung
an ihrem letzten Tag im Amt beschlossen hatte. "Der alleinige Grund
dafür besteht in der besonderen Verpflichtung Deutschlands zur
Hilfe bei der Existenzsicherung des Staates Israel", sagte Eickenboom.
Daran habe sich auch angesichts der zugespitzten Lage im Nahen Osten
nichts geändert.
Der Beschluss fiel am 21. November 2005, einen Tag vor der Vereidigung
der neuen Regierung. Die Pläne der Bundesregierung sehen vor, ein
Drittel der gesamten Kosten zu übernehmen, höchstens aber 333
Millionen Euro. Konkret gehe es um den Kauf von zwei U-Booten vom Typ
"Dolphin", um den sich Israel bereits seit 2002 bemüht. Das
Bundesverteidigungsministerium bestätigte, dass Israel die Boote
mit unterschiedlich großen Torpedorohren ausgestattet haben will.
Das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit
befürchtet deswegen dem MDR-Bericht zufolge, dass Deutschland mit
seiner Zusage gegen das Verbot zur Verbreitung von Atomwaffen
verstoßen könnte. Die Rohre passten exakt zu
Marschflugkörpern aus sowjetischer und russischer Produktion, sagte
Experte Otfried Nassauer. Das weise darauf hin, dass Israel eine
umfassende nukleare Abschreckungsstrategie verfolge, vor allem
gegenüber Iran, Pakistan und Saudi-Arabien.
Eickenboom wies solche Befürchtung jedoch zurück. "Diese
U-Boote sind ebenso wenig nuklearwaffenfähig wie die bereits 1991
bestellten und 1999/2000 gelieferten drei Vorgängermodelle." Die
Bundesregierung habe keinen Anlass zu der Vermutung, dass Israel die
Boote atomwaffenfähig umbauen wolle. Israel will die U-Boote vom
deutschen Konzern Thyssen-HDW beziehen. Der Kaufvertrag sei allerdings
noch nicht geschlossen. Der finanziellen Unterstützung durch
Deutschland muss der Bundestag in seinen Haushaltsberatungen noch
zustimmen.
(Quelle: afp)
Bekämpfung der Armut im Zentrum des Weltsozialforums
Mo.30.01.06 - In den Debatten beim Weltsozialforum in Caracas sind am Samstag starke
Meinungsverschiedenheiten über den besten Weg zur Bekämpfung
der Armut deutlich geworden. Während die meisten Teilnehmer dem
Kapitalismus eine Absage erteilten und auch die US-Pläne für
eine panamerikanische Freihandelszone zurückwiesen, plädierten
andere für mehr marktwirtschaftliche Elemente. Wiederum andere
argumentierten für eine radikale Wende zum Sozialismus.
Die Mehrheit der Teilnehmer stellte sich hinter den venezolanischen
Präsidenten Hugo Chavez. Dieser hat einen Großteil der
Landeseinnahmen aus dem Erdölexport in soziale Programme für
die Armen investiert. Andererseits hat er lukrative Geschäfte mit
ausländischen Erdölunternehmen abgeschlossen, was von
sozialistischen Puristen als neoliberale Wirtschaftspolitik verurteilt
wurde. Andere lobten dies als pragmatischen Kurs.
Chavez selbst stellte seine Kritik an den USA in den Mittelpunkt seiner
Auftritte beim Weltsozialforum. Präsident George W. Bush sei
«der größte Terrorist der Welt», sagte der
venezolanische Staatschef am Freitagabend auf einer Kundgebung gegen den
Imperialismus. Früher hätten die USA auch die Ölreserven
Venezuelas praktisch kontrolliert. Sein Land werde jedoch nie wieder
eine Kolonie der Vereinigten Staaten sein, betonte Chavez.
Des weiteren drohte er, US-Beamte festzunehmen, falls sie Informationen
über die Streitkräfte Venezuelas sammelten. Dies betreffe
US-Zivilangestellte und besonders Soldaten. Am Mittwoch hatte die
Regierung bekannt gegeben, dass einige Offiziere der venezolanischen
Streitkräfte Informationen an das US-Verteidigungsministerium
weitergegeben hätten. Dabei hätten sie offenbar mit der
US-Botschaft in Caracas zusammengearbeitet.
(Quelle: ap)
Die neue Internationale
Sechstes Weltsozialforum in Caracas beendet. Hugo Chávez:
»Gemeinsam verändern wir den Kurs der Geschichte«...
Mehr in 'junge Welt' vom 30.01.06:
http://www.jungewelt.de/2006/01-30/001.php
Weltwirtschaftsforum in der Schweiz beendet
Mo.30.01.06 - Nach fünf Tagen ist das 36. Weltwirtschaftsforum in der Schweiz am
Sonntag zu Ende gegangen. Die Delegierten hatten sich seit Mittwoch in
Davos mit Themen vom Wirtschaftswachstum in den asiatischen Staaten
über das iranische Atomprogramm bis zum Sieg der radikalen Hamas
bei der palästinensischen Parlamentswahl beschäftigt. Rund
2.000 Menschen demonstrierten am Samstag in Basel und Davos weitgehend
friedlich gegen die Großveranstaltung. Die Schweizer Behörden
zogen eine positive Bilanz vom Verlauf des Forums.
Politisch wandte sich das Weltwirtschaftsforum am Samstag dem Nahen
Osten, dem Irak und dem iranischen Nuklearprogramm zu. Der britische
Außenminister Jack Straw betonte, es gehe darum sicherzustellen,
dass das iranische Atomprogramm ausschließlich friedlichen Zwecken
diene. Wenn der Iran sich hier bewege, könne es auch eine
Normalisierung in den Beziehungen und wirtschaftliches Entgegenkommen
geben.
Der frühere US-Präsident Bill Clinton schloss Sanktionen
gegen den Iran nicht aus. Zunächst müssten jedoch alle
diplomatischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden.
Außerdem riet Clinton dem Westen zu mehr Offenheit bezüglich
eines Dialogs mit der künftigen palästinensischen Regierung
unter Führung der Hamas.
Den Klimawandel bezeichnete der Expräsident als die
größte Bedrohung der Menschheit. Der Klimawandel habe wie
keine andere Bedrohung die Macht, die Zivilisation in ihrer derzeitigen
Form zu beenden, sagte Clinton. Weitere gravierende Gefahren seien die
weltweite Ungleichheit und die scheinbar unlösbaren religiösen
und kulturellen Feindseligkeiten, die dem Terrorismus zu Grunde
lägen. Unter den gegenwärtigen politischen und
wirtschaftlichen Bedingungen in der Welt werde die Ungleichheit unter
den Menschen vergrößert anstatt reduziert.
Die an einem informellen Treffen von 22 WTO-Staaten am Rande des Forums
beteiligten Minister zeigten sich am Samstag zuversichtlich, bis Ende
des Jahres zu einem Ergebnis zu kommen. So wurde vereinbart,
Vorschläge zum Abbau von Zöllen abzustimmen, statt sie als
einseitiges Angebot ohne Rücksprache mit anderen Mitgliedern
vorzulegen.
Die Verhandlungen zur Liberalisierung des Welthandels treten derzeit
auf der Stelle. Strittig ist vor allem noch der Abbau von
Handelshemmnissen in der Landwirtschaft. Allen sei klar, dass etwas
geschehen müsse, sagte WTO-Generaldirektor Pascal Lamy. «Wir
können es tun, und wir wollen es tun», erklärte der
Schweizer Wirtschaftsminister Joseph Deiss. Die Verhandlungen in der
Welthandelsorganisation (WTO) begannen 2001 in Doha, der Hauptstadt von
Katar. Nach Angaben des indischen Handelsministers Kamal Nath planen die
Minister der EU, Indiens, Australiens, Brasiliens, Japans und der USA
ein weiteres Treffen am 10. März in Genf.
EZB-Chef-Jean-Claude Trichet kritisierte am Samstag, von den
Entwicklungsländern fließe in einem «abnormalen»
und unhaltbaren Maße Geld in die Industrieländer. «Es
ist auf lange Sicht unhaltbar, dass die sich entwickelnde Welt die
industrialisierte Welt finanziert», erklärte Trichet.
In Basel protestierten rund 2.000 Demonstranten am Samstag gegen das
Weltwirtschaftsforum und die westlichen Großmächte, vor allem
die USA. Sie riefen zu mehr Solidarität, Demokratie und
Grundrechten auf. Es wurden mehrere Farbbeutel gegen die Fassade der
Schweizer Großbank UBS geworfen und Rollläden versprayt.
Einige Aktivisten bewarfen ein McDonald's-Lokal mit Eiern und schlugen
eine Fensterscheibe ein.
(Quelle: ap)
LG.Philips Displays-Werk in Tschechien droht das Aus
Mo.30.01.06 - In Tschechien droht einer der größten Auslandsinvestitionen
seit der politischen Wende von 1989 das Aus. In der mährischen
Stadt Hranice habe die Glasfabrik LG.Philips Displays mit rund 1 300
Beschäftigten die Produktion einstweilen eingestellt, berichtete
der Prager Rundfunk am Sonntag.
«Wir suchen einen Weg, den Betrieb aufrechtzuerhalten»,
sagte Werkssprecherin Zuzana Fojtikova. Erst am Freitag war bekannt
geworden, dass auch in Aachen LG.Philips Displays von der
Schließung bedroht ist. In Tschechien war das Unternehmen vor
sieben Jahren von der damaligen Regierung mit großzügigen
Investitionsanreizen angelockt worden.
(Quelle: dpa)
Deutschland
Widerstand in SPD und CDU gegen raschere Rente mit 67
Mo.30.01.06 - Der Vorstoß von Bundesarbeitsminister Franz Müntefering, das
Rentenalter schneller als geplant auf 67 Jahre anzuheben,
stößt in der SPD und in der CDU nicht nur auf Zustimmung.
Der SPD-Spitzenkandidat bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, Jens
Bullerjahn, warnte am Montag davor, den Koalitionsvertrag anzutasten.
Juso-Chef Björn Böhning kritisierte Münteferings
Vorstoß als ungerecht. Der CDU-Sozialexperte Gerald Weiß
warnte vor einer Rentendiskussion zur falschen Zeit.
Bullerjahn sagte laut «Berliner Zeitung», es sei nicht
hilfreich, nach so kurzer Zeit das Koalitionspapier in einem so
sensiblen Bereich in Frage zu stellen. Die Debatte könne Einfluss
auf die Landtagswahl haben, warnte er. Böhning sagte derselben
Zeitung, Münteferings Vorstoß bedeute faktische
Rentenkürzungen, die in die Zukunft verschoben werden, um heute
mehrheitsfähig zu sein. Das treffe die jetzt arbeitende
Generation. Eine Lösung der Finanzprobleme in der
Rentenversicherung könne es nur auf der Einnahmenseite geben,
wurde der Chef der SPD-Nachwuchsorganisation zitiert.
Skeptisch äußerte sich auch der SPD-Sozialexperte Karl
Lauterbach. Zum jetzigen Zeitpunkt übersteige die Lebenserwartung
der Einkommensschwachen die Grenze von 67 Jahren nur um wenige Jahre,
sagte Lauterbach dem Berliner «Tagesspiegel». Es sei wenig
bekannt, dass in Deutschland einkommensstarke Männer im
Durchschnitt zwölf Jahre länger lebten als
einkommensschwache. «Insofern habe ich die Sorge, dass mit der
Rente ab 67 für diese Einkommensgruppen der Rentenbezug im
Durchschnitt um ein Drittel verringert, für einige sogar halbiert
wird», warnte er.
Weiß sagte der «Rheinischen Post», es sei falsch,
jetzt eine neue Rentendiskussion zu beginnen. Man habe sich bei den
Koalitionsverhandlungen auf Eckdaten verständigt, die im
Koalitionsvertrag niedergelegt seien. «Jetzt sollte man Vertrauen
in langfristige Rahmenbedingungen nicht in Frage stellen. Die Leute
müssen sich auf etwas verlassen können», mahnte
Weiß, der Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe der Union im
Bundestag sowie des Bundestags-Sozialausschusses ist.
(Quelle: ap)
IG-Metall-Chef Peters fordert Verlagerungsabgabe
Mo.30.01.06 - Der IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters hat eine
Verlagerungsabgabe für Unternehmen gefordert. Wenn Unternehmen wie
der Hausgerätehersteller AEG ihre Produktion in ein anderes Land
verlagern wollten, müssten sie für die sozialen Folgen in
Deutschland aufkommen, sagte Peters in einem Gespräch.mit der
Nachrichtenagentur dpa.
Mit einer solchen Abgabe könnten neue
Beschäftigungsmöglichkeiten für die entlassenen
Arbeitnehmer finanziert werden. «Die Unternehmen müssen in
die Pflicht genommen werden, damit nicht die Gewerkschaften solche
Beträge in mühseligen Abwehrkämpfen reinholen
müssen», sagte Peters.
Als andere Variante schlug der Vorsitzende der größten
deutschen Gewerkschaft vor, eine Verlagerung aus reinen
Profitgründen wie einen Veräußerungsgewinn zu
versteuern. Das Unternehmen nehme Know-How und Entwicklungen aus
Deutschland mit und verkaufe sie quasi an einen anderen Standort mit
niedrigeren Kosten. «Dann muss man das, was wie eine
Veräußerung organisiert wird, auch so besteuern»,
forderte Peters. In Deutschland seien Stilllegungen und Verlagerungen
bislang «außerordentlich leicht gemacht worden». Die
Politik müsse nun darüber nachdenken, wie man dies erschweren
könne. Erst danach könne man über die Höhe einer
Abgabe oder Steuer reden.
Die Forderung von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU), keine
Verlagerungen mehr mit EU-Geldern zu fördern, unterstützte
Peters ausdrücklich. «Es ist unerträglich, dass wir
möglicherweise mit Fördergeldern Abwanderungen
finanzieren», sagte der IG-Metall-Vorsitzende. Wenn solche
Fördergelder an deutsche Unternehmen gezahlt worden sein sollten,
müssten sie «sofort und unverzüglich»
zurückgefordert werden. «Es macht wenig Sinn, wenn Osteuropa
niedrigere Steuern offeriert und der Staat dann, weil er keine
Steuereinnahmen mehr hat, bei der EU Subventionen fordert und von
Steuergeldern anderer Nationen leben muss.»
Der Arbeitskampf bei AEG bezeichnete der Gewerkschaftschef als Symbol
dafür, wie ein Unternehmen mit der Belegschaften umgehe und was die
Sozialpflichtigkeit des Eigentums bedeute. «Ich glaube, dass die
Metaller vor Ort wissen, dass sie einen ganz bedeutsamen Kampf
führen», sagte Peters. Ziel sei es, die Entscheidung des
Electrolux-Managements zu korrigieren. Sollte dies nicht möglich
sein, müssten die Folgekosten abgefedert werden. «Wir werden
eins nicht akzeptieren: den billigen Jakob», betonte der
IG-Metall-Chef.
Zur Dauer des Arbeitskampfes wollte Peters keine Prognose abgeben. Er
hoffe, dass das Electrolux-Management «sehr schnell wieder auf die
Beschäftigten zugehen und Beiträge zu vernünftigen
Lösungen leisten» werde. Es sei völlig legitim, dass
sich die AEG-Belegschaft zur Wehr setze und dabei auf die
Tariflandschaft ausweiche, weil das Instrumentarium für
Arbeitskämpfe auf betrieblicher Ebene sehr eingeschränkt sei.
Peters forderte generell mehr Rechte für Belegschaften bei einer
Werksschließung. «Sie haben das Unternehmen stark
gemacht», betonte er.
In der bevorstehenden Tarifrunde für die Metall- und
Elektroindustrie werde der Arbeitskampf bei AEG die Position der IG
Metall untermauern. «Lohnverzicht bringt nichts, sondern belastet
den Einzelnen nur noch zusätzlich», sagte Peters. Ein
Unternehmen mache das, was es strategisch für richtig halte.
Lohnkosten seien ein Argument, aber nicht das ausschlaggebende.
«Das wird überhöht, aber immer ausgenutzt und die
Belegschaften damit erpresst.» Unternehmen dürften nicht die
Kostenspirale immer weiter nach unten drehen, sondern müssten neue,
bessere Produkte auf den Markt bringen. «Das regt die Menschen
dann an, das ein oder andere wieder zu kaufen.»
(Quelle: dpa)
DGB-Linke mischt sich ein
Zusammenschluß kritischer Gewerkschafter mobilisiert zu
Demonstration gegen Sozialabbau am 25. März in Berlin und nimmt zu
Metalltarifrunde Stellung... Mehr in 'junge Welt' vom 30.01.06:
http://www.jungewelt.de/2006/01-30/018.php
Infos:
http://www.labournet.de/GewLinke
Demoaufruf:
http:/www.die-soziale-bewegung.de
Tarifgemeinschaft deutscher Länder droht bei Streiks mit
Personalabbau
Mo.30.01.06 - Im Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst hat die Tarifgemeinschaft
deutscher Länder (TdL) vor Streiks gewarnt und mit Personalabbau
gedroht. «Die Länder können und werden sich nicht
erpressen lassen», schrieb der TdL-Vorsitzende, Niedersachsens
Finanzminister Hartmut Möllring (CDU), in einem Gastbeitrag
für die «Bild am Sonntag».
«Leidtragende der Streiks wären zunächst Eltern,
Pendler und Patienten», erläuterte Möllring. Dauerhaft
träfe die Verweigerung der Gewerkschaft jedoch die Mitarbeiter
selbst. «Denn als Alternative bliebe nur, mehr Personal abzubauen.
Kündigungen im öffentlichen Dienst seien dann nicht mehr
ausgeschlossen - und das träfe besonders ungerecht die
Jüngeren», warnte er.
Der CDU-Politiker fügte hinzu: «Investitionen und
Öffnungszeiten müssten eingeschränkt werden. Einschnitte
bei Sozialleistungen oder bei Zuschüssen an Vereine und
Verbände wären kaum zu vermeiden.» Die Forderungen von
ver.di seien schlicht unbezahlbar. «Lösungen gibt es nicht
auf der Straße, sondern nur am Verhandlungstisch», sagte
Möllring.
(Quelle: ddp)
Electrolux bietet im AEG-Streit neue Verhandlungen an
Mo.30.01.06 - Es gibt wieder Hoffnung für die Beschäftigten des AEG-Werks
in Nürnberg: In den Streit um die Schließung der Fabrik ist
Bewegung gekommen. Der schwedische Mutterkonzern Electrolux will in
dieser Woche ein neues Angebot für Verhandlungen vorlegen. Dennoch
setzt die IG Metall ihren unbefristeten Streik erst einmal fort. Auch
ein für morgen angesetzter Streik im Auslieferungslager Dormagen
wird nicht, wie von Electrolux gewünscht, ausgesetzt. Die Schweden
wollen das Werk in Nürnberg Ende nächsten Jahres
schließen.
(Quelle: dpa)
Wissenschaft
Führender NASA-Klimaforscher beklagt eingeschränkte
Redefreiheit
Mo.30.01.06 - Der führende Klimaforscher der US-Raumfahrtbehörde NASA,
James Hansen, fühlt sich einem Zeitungsbericht zufolge von der
US-Regierung in seiner Redefreiheit eingeschränkt. Weil er immer
wieder öffentlich vor dem Klimawandel durch den Ausstoß von
Treibhausgasen warne, habe die NASA-Zentrale die Abteilung für
Öffentlichkeitsarbeit angewiesen, seine Vortragspapiere zu
überprüfen, sagte der Direktor des Goddard Institute for
Space Studies der NASA der "New York Times" vom Sonntag. Auch Hansens
Einträge auf der Internetseite des Goddard-Instituts sowie
Interviewanfragen von Medien sollten überprüft werden. "Sie
meinen, dass es ihre Aufgabe ist, Informationen, die an die
Öffentlichkeit gehen, zu zensieren", zitierte die Zeitung Hansen.
(Quelle: afp)
Klimaforscher fühlen sich von US-Regierung unterdrückt
Er hätte es wissen können. Als James Hansen Anfang Dezember
auf der Jahrestagung der Amerikanischen Geophysikalischen Gesellschaft
über notwendige Maßnahmen gegen den Klimawandel sprach, war
klar, dass sein Vortrag manchen Politikern nicht gefallen würde.
Tatsächlich erhielt der Nasa-Forscher kurz darauf einen Anruf von
der Pressestelle seines Instituts, nachdem er seine neuesten Ergebnisse
öffentlich gemacht hatte, wonach 2005 das wärmste der
vergangenen hundert Jahre war: Er möge doch seine politischen
Statements lassen, wurde dem langjährigen Leiter des
Goddard-Instituts für Weltraumforschung in New York City
beschieden.
Die Ermahnung kam von ganz oben, von der zentralen
Kommunikationsabteilung der US-Raumfahrtbehörde. Dort seien auch
Anfragen für Interviews abgeblockt worden, beklagte Hansen jetzt
in der New York Times. Die Presseleute der Nasa bestreiten die
Vorwürfe. Sie räumen aber ein, dass es generell zu den
Vorschriften des Hauses gehöre, dass Forscher sich zwar zu
wissenschaftlichen Ergebnissen, nicht aber zur Klimapolitik
äußern dürfen. Maulkorb und Ohrfeige zugleich für
Hansen: Der Wissenschaftler gehört immerhin zu den renommiertesten
seiner Zunft, der Spezialist für Klimasimulationen hatte als einer
der ersten überhaupt auf die Folgen des Treibhauseffekts
hingewiesen.
Der Fall macht einmal mehr deutlich, dass das Verhältnis zwischen
Klimaforschern und der Regierung von Präsident George Bush, die
2001 aus dem KlimaProtokoll von Kyoto ausgestiegen ist, gespannt
bleibt. James Hansen stand schon länger in der Schusslinie,
spätestens seit einem Vortrag kurz vor der Wahl im Jahr 2 004, in
dem er Bush bezichtigte, nicht genügend gegen den Klimawandel zu
tun. Die Regierung wolle nur jene Ergebnisse wahrhaben, die ihre
Positionen stützten, sagte Hansen damals - und gab zu, er werde
deshalb für den Demokraten John Kerry stimmen. Seitdem stehe er
unter verschärfter Beobachtung, so Hansen. Doch so etwas wie die
neuesten Einschränkungen habe er noch nicht erlebt.
Nicht nur der Nasa-Forscher Hansen erregt das Missfallen von
Politikern. Im vergangenen Juli erhielten mehrere Klima-Experten Post
vom republikanischen Abgeordneten Joe Barton. Der Vorsitzende des
Energieausschusses forderte Auskünfte über Studien an und
ließ keinen Zweifel daran, dass er bestimmte Ergebnisse der
Klimaforschung für fehlerhaft und intransparent hielt. Die
Wissenschaftler sollten deshalb ihre Daten und Geldquellen offen legen.
Arnerikas größte Wissenschaftsorganisation AAAS ermahnte
daraufhin den Kongress, den wissenschaftlichen Begutachturigsprozess
lieber den Forschern zu überlassen.
"Diese Regierung weiß nur, was sie wissen will", sagt Robert
Parks, Physikprofessor an der Universität von Maryland und
Herausgeber eines Nachrichtendienstes der SZ. "Es geht ihr nicht um
echte Daten." Als Beleg dafür zitiert Parks eine Entscheidung der
Nasa, die vor kurzem ein bereits fertig geplantes Experiment
stillschweigend gestrichen hat. Eine Klimasonde sollte an jenen Punkt
zwischen Erde und Mond gebracht werden, an dem sich die Schwerkraft der
beiden Himmelskörper aufhebt. Damit ließe sich eindeutig
feststellen, ob die Erwärmung der Erdoberfläche
menschengemacht ist oder vielleicht nicht doch von der Sonne
herrührt.
Auch andere Forscher fühlen sich von der Regierung unter Druck
gesetzt. So berichteten Mitarbeiter der Nationalen
Gesundheitsinstitute, sie seien gefragt worden ob sie als Berater
für Komitees bereitstünden - sollten aber zugleich
sagen, ob sie Bush gewählt hätten. Wer verneinte, wurde von
der Namensliste gestrichen. Anderen wurde die Teilnahme an einer
Aids-Konferenz verweigert. Die Vorfälle veranlassten 20
Nobelpreisträger Anfang 2004, an Bush zu schreiben, Forschung
werde systematisch manipuliert. Inzwischen haben demokratische
Abgeordnete ein Gesetz gegen Zensur und die politisch einseitige
Besetzung von Beraterposten eingebracht.
"Seit der ersten Amtszeit von Präsident Ronald Reagan war das
Verhältnis zwischen Wissenschaft und Regierung nie so schlecht wie
heute", ist Parks überzeugt. Hoffnungen, dass der Physiker John
Marburger, der seit 2001 den Präsidenten in Wissenschaftsfragen
berät, daran etwas ändern würde, haben sich nicht
erfüllt. Jeanne Rubner
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 02.02.06
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Kultur
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(Quelle: ap)