B.O.A.-NACHRICHTEN
 last update: boa München, Di.14.02.2006 - 14:00 
  [ Übersicht] [ Ticker ] [ Medien-Termine] [ Medien-Nachrichten]

 

.
 
a8-k0602140      

Kurznachrichten                    [ Allg. Nachrichten ] [Nachrichtendienste ] [ Ticker ]

[ vorherige] [ nächste ]         

+++ Di.14.02.06, 07:40         zum Nachrichten-Archiv Nachrichten-Archiv         aktuelle Nachrichten Aktuelle Nachrichten

Irak am fünfhundertsechsundneunzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität

Mindestens elf  Tote bei Anschlägen. Saddam gegen seinen Willen im Gerichtssaal. Entführer drohen erneut mit Tötung deutscher Geiseln

Di.14.02.06 - Bei einem Selbstmordanschlag vor einer Bank in Bagdad sind am Montag mindestens fünf Menschen getötet und mehr als 30 weitere verletzt worden. Nach Angaben des irakischen Innenministeriums zündete ein Selbstmordattentäter seinen Sprengstoffgürtel inmitten einer Gruppe von Wartenden, die vor der Bank im südöstlichen Vorort El Dschadida um Lebensmittelgutscheine der Regierung anstanden.

Bei zwei weiteren Anschlägen im Irak wurden am frühen Montagmorgen sechs Menschen getötet. In Baakuba erschossen Unbekannte vier Männer, darunter einen Vertreter der einflussreichen Schiitenpartei Oberster Rat der Islamischen Revolution. In der sürdirakischen Stadt Iskandirijah wurden zwei Polizisten bei der Explosion einer Bombe getötet. In Bagdad wurde ein Bombenanschlag auf den Konvoi des früheren Energieministers Aiham el Samarraje verübt, drei seiner Leibwächter sowie eine Passantin wurden verletzt.

Die Entführer der beiden deutschen Ingenieure im Irak haben ein neues Video als letzte Warnung veröffentlicht und darin erneut mit der Ermordung ihrer Geiseln gedroht. Dies sei die "letzte Warnung", bevor die Entführer die Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitzschke töten würden, sagte eine Moderatorin des arabischen Senders El Arabija. Der Sender strahlte ein Video aus, auf dem die beiden Geiseln vor vier vermummten Männern am Boden sitzen. Wann die neue Frist ablaufen sollte, sagte die Sprecherin nicht. Die Videoaufnahme stammte der eingeblendeten Datumsangabe zufolge von Samstag.

Auf dem Video waren die beiden Deutschen in orangefarbener Häftlingskleidung zu sehen; sie hockten am Boden und hielten ihre gefesselten Hände vor sich. Hinter ihnen standen vier Männer in bodenlangen schwarzen Kutten, von denen einer offenbar etwas von einem Blatt ablas, während die drei anderen automatische Waffen in der Hand hielten. Das Video wurde ohne Ton ausgestrahlt. Die Moderatorin des Senders sagte aber, die beiden Geiseln hätten auf Deutsch etwas gesagt und die Regierung in Berlin gebeten, ihr Leben zu retten.

Die Entführer der Gruppe "Ansar el Tawhid wal Sunna" hatten bereits in einem Anfang voriger Woche veröffentlichten Video mit der Ermordung der Geiseln gedroht. Sie forderten darin nach amtlich nicht bestätigten Angaben die Schließung der deutschen Botschaft und den Abzug aller deutschen Firmen aus dem Irak. Zudem müsse die Bundesregierung jegliche Zusammenarbeit mit den irakischen Behörden einstellen. Die Geiselnehmer setzten eine Frist von 72 Stunden.

Die beiden Ingenieure der sächsischen Firma Cryotec waren am 24. Januar in Baidschi rund 200 Kilometer nordwestlich von Bagdad verschleppt worden. Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatte die Entführer der beiden Deutschen vergangene Woche aufgerufen, Kontakt mit den deutschen Behörden aufzunehmen. Nach dem Verstreichen des vorigen Ultimatums lag das Schicksal des 31-jährigen Bräunlich und des 28-jährigen Nitzschke im Ungewissen; das am Montag ausgestrahlte Video war seither die erste Nachricht. Im Auswärtigen Amt in Berlin arbeitet seit Beginn der Geiselnahme ein Krisenstab.

Der deutsche Außenminister reagierte schockiert auf die erneute Drohung der Entführer. Die Videoaufnahme der beiden Deutschen und ihrer Kidnapper sei "erneut ein schockierendes Zeugnis menschlicher Erniedrigung", sagte Steinmeier am Rande seiner politischen Gespräche in Jerusalem. Fachleute würden in der Nacht daran gehen, das Video auszuwerten.

Mit chaotischen Szenen ist am Montag der Prozess gegen den irakischen Ex-Präsidenten Saddam Hussein und sieben seiner ehemaligen Getreuen fortgesetzt worden. Saddam behauptete, er sei gegen seinen Willen in den Gerichtssaal geschleppt worden.

Er schrie «Nieder mit Bush!» und «Gott ist groß, lang lebe der Irak!». Dem Richter Rauf Raschid Abdul Rahman, der dagegenhielt, rief er zu: «Schande über dich, Rauf!». Saddams Halbbruder, der diesmal in einem zerknitterten, langärmeligen, weißen T-Shirt erschien, störte mit Zwischenrufen. «Setz dich, setz dich!», schrie ihn der Richter an.

Saddam und die sieben Mitangeklagten waren dem Prozess seit einer Auseinandersetzung mit den neuen Vorsitzenden Richter Abdul Rahman ferngeblieben. Am Montag saßen sie alle wieder auf der Anklagebank. Sie müssen sich in dem ersten Verfahren des Sondertribunals für die Verbrechen des alten Regimes wegen der Hinrichtung von 148 Bewohner der schiitischen Kleinstadt Dudschail im Jahr 1982 verantworten.

In dem Prozess sollen nun erstmals Untergebene des Ex-Diktators aussagen. Der TV-Sender Al-Irakija berichtete, unter den geladenen Zeugen seien ein früherer Chef des Präsidentenbüros sowie ein ehemaliger Geheimdienstchef.

(Quellen: afp, dpa)


 

 

Blick ins Archiv:

Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003

Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.

US-Präsident Bush hatte Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen. Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in einer Fernsehansprache (19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....

Chronologie des Irak-Kriegs:

Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news

Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news

Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news

Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news

Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news

Teil 6: 01.11. 2003 bis 14.02.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
 
 

Vor einem Jahr:
 
Irak am zweihunderteinunddreißgsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität

Mo.14.02.05 - Schiiten-Allianz gewinnt Wahl im Irak, verfehlt aber die absolute Mehrheit +++ Kurden zweitstärkste Fraktion +++ Sunniten mahnen Beteiligung trotz Boykott an +++ Bush gratuliert irakischem Volk zum Wahlergebnis +++ Die Gewalt im Irak konnte die Wahl nicht beenden: Bei heftigen Gefechten zwischen Aufständischen und US-Soldaten und weiteren Gewaltakten kamen am Wochenende mehr als 40 Menschen ums Leben +++ US-Soldat bei Kämpfen in Samarra getötet +++ Sicherheitsfirmen im Irak locken mit hohem Lohn britische Soldaten... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/k0502140.htm#news

 

Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a

Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b

... Lügen und Täuschungen, die in London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
 

Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net

Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in der Studie heißt, die am Donnerstag auf der Website der britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com] veröffentlicht werden sollte.

Die Umfrage im Auftrag der US-Universitäten Johns Hopkins und Columbia und der Al-Mustansirija-Universität in Bagdad wurde von Irakern, überwiegend Ärzten, durchgeführt. Von landesweit 988 besuchten Haushalten erklärten sich 808 zur Teilnahme bereit. Verglichen wurde die Todesrate nach der Invasion mit der in der Zeit vor dem Krieg. Anschließend wurde die Rate auf das gesamte Land hochgerechnet. «Die meisten Menschen, die von Koalitionstruppen getötet wurden, waren Frauen und Kinder», heißt es in dem Bericht.

Sa.30.10.04 - Die britische Regierung will die von US-Wissenschaftlern veröffentlichte Zahl von rund 100.000 Zivilisten, die infolge des US-geführten Krieges im Irak ums Leben kamen, "sehr ernsthaft" prüfen. London habe noch keine Zeit gehabt, sich die Studie der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health genauer anzusehen, sagte der britische Außenminister Jack Straw. Da die Erhebung jedoch in der renommierten britischen Fachzeitung "The Lancet" erschienen sei, werde die Regierung sie sehr ernsthaft prüfen.

Zugleich betonte Straw, die Zahl von 100.000 getöteten Irakern sei "eine sehr hohe Schätzung", die weit über allen bisherigen Angaben von Nichtregierungsorganisationen liege. So spreche die irakische Internetseite "Body Count" [http://www.iraqbodycount.net] von 15.000 Toten seit Beginn der Kampfhandlungen im März 2003.

Sa.17.09.05 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 1.899 Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen.Der weitaus größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.

Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine verlässlichen Angaben. (Quelle: ap)
 

«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
 
 

 


 


 

Vier US-Soldaten bei Anschlag in Afghanistan getötet

Di.14.02.06 - Bei einem Anschlag in der afghanischen Provinz Urusgan sind am Montag vier US-Soldaten ums Leben gekommen. Die Soldaten waren mit einem Geländewagen im Bezirk Dihrawud auf Patrouille, als ein am Straßenrand versteckter Sprengsatz explodierte, wie die US-Streitkräfte mitteilten.

(Quelle: ap)
 


 

UN-Bericht wirft USA Folter in Guantanamo vor

Di.14.02.06 - Eine Expertenkommission der Vereinten Nationen hat den USA vorgeworfen, die Behandlung ihrer Gefangenen auf dem kubanischen Stützpunkt Guantanamo laufe auf Folter hinaus. Die fünf von der UN-Menschenrechtskommission berufenen Fachleute erklären in einem am Montag in New York bekannt gewordenen Entwurf ihres Berichts, zu den Folterpraktiken gehörten Zwangsernährung und verlängerte Einzelhaft. Die USA wiesen die Vorwürfe zurück und erklärten, in dem Bericht werde nicht berücksichtigt, dass sich die USA im Krieg befänden.

Die Sonderberichterstatter, darunter der österreichische Folterexperte Manfred Nowak, schreiben in der vorläufigen Fassung ihres Berichts, die USA verweigerten den rund 500 Gefangenen in Guantanamo ein faires rechtsstaatliches Verfahren und verletzten ihre Gesundheit und Religionsfreiheit. Sie empfahlen die Schließung des Gefangenenlagers und die Aufhebung aller vom US-Verteidigungsministerium erlaubten Sondermethoden bei Verhören.

«Die offensichtlichen Versuche der US-Regierung, gewisse Verhörtechniken so umzuinterpretieren, dass sie nicht die Schwelle der Folter überschreiten, gibt zu größter Sorge Anlass», heißt es.

Aus dem US-Außenministerium verlautete dazu, der Bericht sei voller Irrtümer und setze Aussagen von Anwälten Gefangener mit Tatsachen gleich. Der entscheidende Fehler sei, dass in Bezug auf Guantanamo die rechtsstaatlichen Regeln für Menschenrechte in Friedenszeiten angewendet würden. Die USA seien aber in einem Konflikt und müssten nach dem Kriegsrecht beurteilt werden. «Wenn man das nicht als rechtliche Grundlage anerkennt, ist der größte Teil der Analyse einfach nicht zu halten», sagte ein Beamter des State Departments.

Die fünf Experten prüfen im Auftrag der Menschenrechtskommission seit Juni 2004 Folter, Religionsfreiheit, Gesundheit, unabhängige Justiz und willkürliche Inhaftierung auf Guantanamo. «Im Falle Guantanamos agiert die US-Exekutive als Richter, Ankläger und Verteidiger», schreiben sie. «Das ist ein schwerer Verstoß verschiedener Garantien für das Recht auf einen fairen Prozess vor einem unabhängigen Gericht.»

Nowak betonte, dass es sich um eine vorläufige Fassung eines nicht autorisierten Berichts handele, der noch verändert werden könne. Vorwürfe der amerikanischen UN-Botschaft, seine Kollegen und er hätten ein Angebot zur Besichtigung Guantanamos abgelehnt, wies er zurück. Da Einzelgespräche mit Gefangenen nicht zugelassen worden seien, sei eine Reise sinnlos gewesen. «Was soll der Sinn eines Besuchs einer Haftanstalt und Tatsachenermittlung sein, wenn man mit den Gefangenen nicht sprechen kann? Das ist einfach Unsinn.»

(Quelle: ap)

Mit brutalem Zwang gehen die USA gegen Hungerstreikende in Guantanamo vor:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv8/k0602100.htm#060210_s


 

 

Pakistan: Ex-Guantanamo-Gefangene werden Stigma des Terror-Häftlings nicht los

Nach vier Jahren Haft im amerikanischen Gefangenenlager Guantanamo hoffte Isa Khan, in seiner Heimat wieder ein normales Leben führen zu können. Das Stigma des Terror-Häftlings wird er in Pakistan aber offenbar nicht los: Die Behörden behandelten ihn wie einen Verdächtigen, sagt der Arzt. Er werde überwacht und dürfe sich nur eingeschränkt in der Stadt bewegen. Obwohl gegen ihn keine weiteren Verdachtsmomente vorliegen, wie das Innenministerium in Islamabad bestätigt.

Die Regierung bestreitet, die rund 60 Pakistaner, die bislang aus dem US-Lager auf Kuba freigelassen wurden, zu überwachen. Nach Angaben der pakistanischen Menschenrechtskommission ist Khan jedoch kein Einzelfall: Mehrere ehemalige Guantanamo-Häftlinge brachten demnach ähnliche Klagen vor. Die Behörden hätten ihn fast schon in den Selbstmord getrieben, berichtete Khan.

US-Truppen nahmen den Mediziner Ende 2001 in Afghanistan fest, Washington ließ ihn auf Kuba inhaftieren. Anfang vergangenen Jahres wurde er freigelassen, bis zum Sommer saß er anschließend in Pakistan im Gefängnis und wurde verhört. Ein Ermittler habe ihm nach seiner Entlassung erklärt, er müsse sich regelmäßig bei den Behörden melden und dürfe in den nächsten vier bis fünf Jahren nicht umziehen, sagte Khan der Nachrichtenagentur AP. Er dürfe weder eine Moschee noch eine Schule oder ein Krankenhaus aufsuchen. Verboten ist ihm auch, ohne behördliche Erlaubnis mit Jugendlichen zusammenzutreffen, erklärte er weiter.

Khan könne ohne Einschränkung leben und arbeiten, betonte dagegen ein Sprecher des Innenministeriums. Auf der Grundlage von Anti-Terrorgesetzen dürfe die Regierung zwar ehemalige Häftlinge im Auge behalten, für Khan gälten jedoch keine Auflagen, sagte Javed Iqbal Cheema. Mehrere ehemalige Guantanamo-Häftlinge haben sich nach ihrer Freilassung Kämpfern in Pakistan oder Afghanistan angeschlossen. In offiziellen Unterlagen des Ministeriums von vergangenem Jahr heißt es jedoch, Khan stelle kein Sicherheitsrisiko dar. Er sei lediglich mit Verwandten zu privaten Zwecken nach Afghanistan gereist.

Vor seiner Festnahme leitete Khan eine Klinik im nordafghanischen Masar-e-Scharif, mit den Taliban oder dem Terrornetzwerk Al Kaida hat er nach eigenen Angaben nichts zu tun. In der Stadt lebte er mit seiner Frau, einer Afghanin, und dem gemeinsamen sechs Monate alten Sohn. «Ich weiß nicht, warum sie mich vier Jahre lang festgehalten haben, oder warum sie mich festgenommen haben», sagte Khan. Er hat keine Aussichten, wieder eine Stelle zu finden, das Geld wird knapp. Zurzeit lebt er mit seinen kranken Eltern und zwei Schwestern zusammen. Frau und Kind hat er seit seiner Freilassung nicht mehr gesehen.

Unter den rund 500 Häftlingen auf Guantanamo sind dem Innenministerium in Islamabad zufolge noch sieben oder acht Pakistaner. Rund 60 seien bislang wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Sollten diese ehemaligen Verdächtigen überwacht worden sein, «dann ist das eine Verletzung von Menschenrechten», erklärte Kamila Hyat, die Leiterin der Menschenrechtskommission in Pakistan. «Das ist undemokratisch.» Die Kommission gehe ähnlichen Klagen weiterer Ex-Häftlinge nach.

Khan betonte, er habe keine islamistischen oder extremistischen Ansichten. Die Zeit auf Guantanamo und das Vorgehen der amerikanischen und pakistanischen Behörden habe ihn aber verbittert. «Wenn sie glauben, dass sie mit Gewalt Frieden bekommen können - das ist unmöglich», sagt Khan. «Die Menschen werden anfangen, sie zu hassen.»

Quelle: ap, 13.02.06


 
 

Europa ist der Komplize Amerikas

Ein Gespräch mit der amerikanischen Juristin Karen Greenberg über die Politik der Folter

Die Völkerrechtlerin Karen Greenberg leitet das Center on Law and Security an der New York University, das eine führende Rolle bei der Untersuchung der Folterungen in Abu Ghraib spielt. Zusammen mit dem Kodirektor der Vereinigung amerikanischer Strafverteidiger, Joshua Dratel, veröffentlichte sie letztes Jahr die über 12 00 Seiten schwere Studie "The Torture Papers - The Road to Abu Ghraib", in der die wichtigsten Dokumente enthalten sind, die beweisen, dass die Folterungen keine Einzelfälle, sondem bewusste Politik waren, für die Rechtsberater der Regierung das Umfeld schufen.

SZ: Der Historiker Alfred McCoy schreibt in seinem Buch "Foltern und foltern lassen" dass die CIA seit dem Kalten Krieg Foltermethoden entwickelt. Warum ist die Folter erst jetzt zum Skandal geworden?

Greenberg: Weil erst unter der Bushregierung eine Politik der Folter etabliert wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde auch schon gefoltert, aber damals haben die führenden Offiziere die Täter sofort aus dem Verkehr gezogen und bestraft. Dazu waren auch gar keine Presseberichte nötig. Das wurde intern geregelt. Natürlich war das ein anderer Krieg. Damals wollte man um jeden Preis vermeiden, in den Ruf zu kommen zu foltern, weil man vor Vergeltungsmaßnahmen Angst hatte. Im Krieg gegen den Terror gibt es aber keine Lager, in denen sie uns foltern könnten. Diese Asymmetrie hat mit dazu geführt, dass gefoltert wurde.

SZ: Wie schuldig haben sich nach dem Völkerrecht andere westliche Länder gemacht?

Greenberg: Keine Frage, sie sind mitschuldig. Weder der Krieg noch die Folter sind eine rein amerikanische Angelegenheit. Die Mittäterschaft von Ländem, die Überflug- und Landerechte gewährt haben, oder deren Beamte bestimmte Dinge augenzwinkernd geschehen ließen, ist unbestritten. Man muss allerdings immer untersuchen, ob ein Strafbestand wirklich von einer Regierung verübt wurde, denn Völkerrecht gilt nur für Regierungen. Da müssen noch Präzedenzfälle geschaffen werden. Deswegen ist die italienische Klage gegen die CIA so interessant. Aber selbst wenn Verstöße gegen das Völkerrecht nachgewiesen werden, bleibt die Frage, was das für Folgen hat. Das ist ja das Grundproblem des Völkerrechts - es ist lediglich eine Vereinbarung, kein System der Strafverfolgung. Vor allem nicht, wenn die mächtigste Nation der Welt ungestraft bleibt. Ein Grund dafür, dass es keinen wirklich großen internationalen Druck wegen Guantanarmo gibt, ist aber natürlich auch die Erleichterung darüber, dass sich die USA um diese Terroristen kümmert.

SZ: Was geht inzwischen in Abu Ghraib und Guantanamo vor? Wurden die Methoden geändert, oder gibt es dort immer noch Dinge, die wir momentan nur nicht beweisen können?

Greenberg: Was müssen wir denn noch beweisen? Es ist doch schon alles bewiesen. Es gibt zehntausende von Seiten an Dokumenten und Unterlagen zu Abu Ghraib, zu Guantanamo, zu Bagram in Afghanistan. Wir wissen von Misshandlungen, die bis zum Tode geführt haben, wir wissen, dass Verhörmethoden angewandt wurden, die weit über die militärischen Standards hinausgehen, wir wissen, dass dies von Generälen und über lange Zeit hinweg von Rumsfeld genehmigt wurde. Ob wir wissen, dass das alles so weitergeht? Es macht jedenfalls ganz den Eindruck. In Guantanamo dürfen die Menschenrechtsbeauftragten der Vereinten Nationen bis heute keine Gefangenen befragen. Gefangene werden zwangsernährt. Vielleicht foltern sie nicht mehr so direkt wie früher. Aber wir wissen es nichtig, Es gibt keinerlei Garantien, dass damit aufgehört wurde.


Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 26.02.2006

 


 


 

Nahost

Palästinensisches Parlament stärkt Abbas in letzter Sitzung

Di.14.02.06 - In seiner letzten Sitzung hat das noch amtierende palästinensische Parlament den Einfluss von Präsident Mahmud Abbas auf die Gesetzgebung gestärkt und damit die Hamas gegen sich aufgebracht. Die Abgeordneten sprachen Abbas am Montag das Recht zu, die Richter des noch zu bildenden Verfassungsgerichts zu ernennen. Hamas-Sprecher Said Sijam erklärte, das Parlament habe kein Mandat für diese Entscheidung.

Gemäß der Parlamentsentscheidung kann das Verfassungsgericht sein Veto gegen ein Gesetz einlegen, wenn es gegen das palästinensische Grundgesetz verstößt, einen Vorläufer der Verfassung. Abbas kann neun Richter ernennen, ohne die Zustimmung des Parlaments zu benötigen. Das neue von der Hamas dominierte Parlament ist damit in seiner Gesetzgebung eingeschränkt. Sollten die Abgeordneten versuchen, Gesetze nach islamischem Recht zu verabschieden, könnte das Verfassungsgericht dies verhindern. Die Hamas kündigte an, das neue Parlament werde die Entscheidung der Abgeordneten rückgängig machen. Die konstituierende Sitzung ist für Samstag geplant.

(Quelle: ap)
 


 

Zeitung: Israel trennt Jordantal-Region vom Westjordanland ab

Di.14.02.06 - Mit einer Reihe militärischer Maßnahmen hat Israel einem Medienbericht zufolge die grenznahe Jordantal-Region vom Rest des Westjordanlandes abgetrennt. Seit März 2005 begann die israelische Regierung mit einer Serie von "Sicherheitsmaßnahmen", um Palästinensern den Zugang zum Tal zu verwehren, wie die Zeitung "Haaretz" am Montag unter Berufung auf Militärkreise berichtete. An vier neu errichteten Armeesperren würden nur Palästinenser durchgelassen, die in der Region wohnten oder in den jüdischen Siedlungen arbeiteten. Grundbesitzer dürfen demnach nicht passieren.

(Quelle: afp)


 

 

'Israel annektiert das Jordantal'

Amira Hass ist die einzige israelische Journalistin, die in den Palästinensergebieten lebt und arbeitet. Sie wohnt in Ramalah und berichtet zwangsläufig über andere Dinge als die israelischen Medien. In Zusammenarbeit mit der Menschenrechtsorganisation Betselem hat sie herausgefunden, dass Israel das Jordantal in den vergangenen Monaten vom Rest des Westjordanlandes abgetrennt hat. Einem Großteil der etwa zwei Millionen Palästinenser dort sei es inzwischen verboten, sich im Jordantal aufzuhalten. Selbst Palästinenser, die dort leben, würden zwangsweise in das Westjordanland transportiert, wenn sie nicht im Jordantal gemeldet seien. Betselem nennt die Abtrennung des Gebiets eine Annexion.

Das Jordantal befindet sich an der Grenze zu Jordanien und oberhalb der Nordspitze des Toten Meeres. Seine Fläche macht ungefähr ein Drittel des gesamten Westjordanlandes aus. In dem Gebiet wohnen etwa 9.000 jüdische Siedler in 27 Siedlungen und in fünf illegal errichteten Außenposten. Darüber hinaus befinden sich in dem Tal fünf Stützpunkte der israelischen Armee. Das Jordantal wurde 1967 von Israel im Sechs-Tage-Krieg erobert. Erst vergangene Woche hatte der amtierende Regierungschef Ehud Olmert erklärt, sollte er zum Regierungschef gewählt werden, werde Israel zum Schutz seiner östlichen Grenze die Kontrolle über das Jordantal behalten.

Offenbar hat der seit Januar im Koma liegende Regierungschef Ariel Scharon bereits  Fakten auf dem Boden geschaffen. Nach Recherchen von Hass und Betselem dürfen sich seit März 2005 keine Palästinenser mehr im Jordanland aufhalten, die dort nicht gemeldet sind. Selbst  Palästinensern, die im Westjordanland leben, aber ihre Felder im Jordantal bestellen, werde zunehmend der Zugang zu ihren Ackerflächen verwehrt. Mitte März übertrug die israelische Armee die Sicherheitskontrollen über die Wüstenstadt Jericho der Autonomiebehörde. Im gesamten Jordantal seien vier neue Sperren errichtet worden, an denen Palästinensern der Zugang zum Jordantal verwehrt würde. Lediglich Palästinenser, die in jüdischen Siedlungen im Jordantal arbeiteten und über eine Genehmigung der israelischen Armee verfügten, dürften einreisen.

In den Nächten suchen Armeepatroillen im Jordantal nach Palästinensern und bringen sie ins Westjordanland. Ein Armeesprecher sagte laut Hass, damit solle für Sicherheit gesorgt werden.

Süddeutsche Zeitung vom 15.02.2006

 


 


 

Hunderte Menschen bei Karikatur-Protest in Pakistan festgenommen

Di.14.02.06 - Bei gewaltsamen Protesten gegen die in Europa veröffentlichten Mohammed-Karikaturen hat die Polizei in Pakistan hunderte Demonstranten festgenommen.

An die 6000 Studenten bewarfen in der nordwestlichen Stadt Peschawar Büros und Geschäfte mit Steinen. Sie skandierten Parolen wie "Tod für Amerika" und "Gott ist der Größte". "Wir hatten keine andere Wahl, als mit Tränengas und Schlagstöcken gegen sie vorzugehen", sagte ein Polizist am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Einige der Studenten hätten leichte Verletzungen erlitten.

Seitdem europäische Zeitungen Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlicht haben, kommt es in Pakistan fast täglich zu gewaltsamen Protesten. Viele Moslems betrachten das Abbilden des Propheten als Gotteslästerung. Pakistanische Geistliche riefen für den 3. März zu einem landesweiten Streik auf.

(Quelle: rtr)
 


 

Iran sagt Atomgespräch mit Russland ab

Di.14.02.06 - Teheran hat die Gespräche mit Russland über einen Moskauer Kompromissvorschlag im Atomstreit vorerst abgesagt. Die für Donnerstag in Moskau geplanten Gespräche über eine gemeinsame Urananreicherung in Russland werden nicht stattfinden.

Das sagte der iranische Regierungssprecher Gholam-Hussein Elham am Montag in Teheran. Beide Seiten müssten einen neuen Termin vereinbaren.

Russische Stellen werteten den Aufschub nicht als endgültige Absage. «Unser Vorschlag an Iran, ein Gemeinschaftsunternehmen zur Anreicherung von Uran zu bilden, liegt weiter auf dem Tisch», sagte ein Sprecher der Atombehörde Rosatom in Moskau. Die Hoffnungen der USA und der europäischen Unterhändler Deutschland, Frankreich und Großbritannien auf eine Lösung der Iran-Krise konzentrierten sich derzeit auf die russischen Bemühungen.

Bei einer Urananreicherung in Russland würde Iran nicht über den vollständigen Brennstoffkreislauf verfügen. In Teheran sagte der Regierungssprecher, Iran werde die vorgeschlagene Urananreicherung in Russland allenfalls als Ergänzung zur Anreicherung im eigenen Land akzeptieren.

Die deutsche Regierung hat sich enttäuscht über die vorläufige Absage der Atomgespräche gezeigt. Dies sei eine «bedauerliche Entwicklung», erklärte ein Sprecher der Auswärtigen Amtes am Montag. Berlin sei allerdings offiziell noch nicht über den iranischen Schritt informiert und warte noch auf eine entsprechende Unterrichtung.

(Quelle: dpa)
 


 

Iran und Nahost im Zentrum russisch-französischer Konsultationen

Di.14.02.06 - Zu Gesprächen, die sich um das iranische Atomprogramm und den Wahlsieg der Hamas im Nahen Osten drehen dürften, ist der französische Premierminister Dominique de Villepin am Montag in Moskau eingetroffen. Für heute ist auch ein Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin geplant. In einem Interview der Zeitung «Rossiskaja Gaseta» erklärte Villepin, er unterstütze weiterhin das russische Angebot, die Anreicherung des Urans für iranische Atomkraftwerke zu übernehmen.

Der Iran hat diesen Vorschlag zurückgewiesen und die Urananreicherung selbst wieder aufgenommen, nachdem die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) entschieden hat, den Streit vor den Weltsicherheitsrat zu bringen. Geplante Gespräche in Moskau am kommenden Donnerstag wurden von Teheran abgesagt. Der russische Außenminister Sergej Lawrow soll nun in Kürze mit der Europäischen Union über das weitere Vorgehen beraten.

Ein wichtiges Gesprächsthema mit Bezug auf den Nahen Osten dürfte die Entscheidung Putins sein, Vertreter der radikalislamischen Hamas-Bewegung nach Moskau einzuladen. Israel hat sich darüber empört gezeigt, Frankreich signalisierte indessen verhaltene Zustimmung. Ferner waren bilaterale Verhandlungen über die künftige Zusammenarbeit in Wirtschaftsfragen geplant sowie auf den Gebieten der Energieversorgung und der Raumfahrt.

(Quelle: ap)
 


 

Oberstes Gericht entscheidet gegen König von Nepal

Di.14.02.06 - Der Oberste Gerichtshof von Nepal hat am Montag eine umstrittene Kommission zur Korruptionsbekämpfung für verfassungswidrig erklärt. Mit der Entscheidung gegen die Kommission, die König Gyanendra nach der Absetzung der Regierung vor gut einem Jahr gegründet hatte, werden alle ihre Entscheidung ungültig. Damit könnte der frühere Ministerpräsident Sher Bahadur Deuba, den der König entlassen hatte, bald aus der Haft freikommen.

Das Urteil des Obersten Gerichtshofs ist ein schwerer Schlag für den König, der mit der Kommission nach eigenen Worten korrupte Politiker und Beamte zur Rechenschaft ziehen wollten. Kritiker erklärten dagegen, das Gremium diene lediglich dazu, Gegner des König mundtot zu machen. Die Kommission hatte von König Gyanendra weit reichende Befugnisse erhalten und konnte Politiker ohne Gerichtsurteil inhaftieren.

Der Oberste Gerichtshof erklärte, die Kommission verstoße «gegen die Normen und den Geist der Verfassung». Gyanendra hatte am 1. Februar 2005 die Macht an sich gerissen. Er begründete dies mit dem Aufstand der maoistischen Rebellen und kündigte darüber hinaus einen entschiedenen Kampf gegen die Korruption an. Deuba wurde aus dem Amt entlassen und später von der Kommission wegen Korruption verurteilt und inhaftiert. Seine Berater erklärten, nach dem Gerichtsurteil vom Montag werde er wohl bald freikommen.

(Quelle: ap)
 


 

44 Staaten beraten bei Kongo-Hilfskonferenz

Di.14.02.06 - Mit einer internationalen Hilfskonferenz für die Demokratische Republik Kongo wollen die Vereinten Nationen heute knapp eine Milliarde Euro zusammenbekommen. In der Demokratischen Republik Kongo gibt es rund 1,6 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene. Nach UN-Angaben sterben in dem in dem vom Bürgerkrieg zerrütteten zentralafrikanischen Staat täglich rund tausend Menschen durch Gewalt, Unterernährung und an mangelnder Gesundheitsvorsorge.

44 Staaten beteiligen sich an der Konferenz für einen humanitären Aktionsplan, der vom UN-Programm OCHA verwaltet werden soll. Das Hilfsprogramm wird von UN-Koordinator Jan Egeland und dem EU-Entwicklungskommissar Louis Michel gemeinsam auf den Weg gebracht.

(Quelle: afp)
 


 

Deutschland

Arbeitskampf im Öffentlichen Dienst - 22.000 Beschäftigte in acht Bundesländern im Ausstand

Di.14.02.06 - Der Arbeitskampf im öffentlichen Dienst überzieht immer mehr Gebiete Deutschlands: In acht Bundesländern legten rund 22.000 Beschäftigte von Kommunen und Ländern am Montag die Arbeit nieder, wie ver.di mitteilte. Schwerpunkte waren Krankenhäuser und Uni-Kliniken sowie Kindertagesstätten, Müllabfuhr, Straßenmeistereien und Theaterbetriebe. Der Nahverkehr sollte nach den Worten von ver.di-Verhandlungsführer Kurt Martin zunächst nicht betroffen sein. In dieser Woche sollen insgesamt rund 40.000 Beschäftigte in den Ausstand gehen.

Zum Auftakt des Ausstands der Landesbediensteten zeigten sich am Montag beide Tarifparteien kampfbereit. Streit gab es erneut um die Frage, ob mit der von den Arbeitgebern geforderten Mehrarbeit von 1,5 Wochenstunden ohne Lohnausgleich ein Abbau von Arbeitsplätzen verbunden sei. Den Kompromissvorschlag von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, für mehr Arbeit mehr Geld zu zahlen, lehnten beide Seiten ab. Der Verhandlungsführer der Länder, der niedersächsische Finanzminister Hartmut Möllring, bot gleichwohl eine Öffnungsklausel an.

Die höchste Beteiligung gab es am Montag laut ver.di in Baden-Württemberg mit rund 12.000 Streikenden. Dort und im Saarland hatten vergangene Woche schon kommunale Beschäftigte gestreikt. Vielerorts quollen schon am Wochenende die öffentlichen Mülleimer über. Die kommunalen Arbeitgeber drohten am Montag damit, notfalls private Firmen für die Müllentsorgung einzusetzen. Im Saarland waren weiterhin rund 1.500 Beschäftigte im Ausstand.

In Niedersachsen legten mehr als 4.000 Angestellte von Kommunen und Land in über 60 Städten und Gemeinden die Arbeit nieder. Betroffen waren allein 45 Straßen- und Autobahnmeistereien sowie Müllabfuhren, Stadt- und Landkreisverwaltungen und insgesamt vier große Krankenhäuser.

In Nordrhein-Westfalen streikten rund 2.000 Mitarbeiter der sechs Uni-Kliniken. In Bayern traten gut 1.000 Beschäftigte der Uni-Kliniken Würzburg und Erlangen und der Staatstheater in den Ausstand. Ebenso wie in Sachsen mit 100 Beteiligten wurden auch im südlichen Freistaat die Straßenmeistereien bestreikt, allerdings nicht in den Katastrophengebieten.

In Hamburg streikten rund 400 Mitarbeiter der Klinik Eilbek. Höhepunkt soll am Dienstag in der Hansestadt der Streikbeginn bei Stadtentwässerung und Stadtreinigung einschließlich Müllabfuhr werden. In Rheinland-Pfalz folgten 30 Beschäftigte des Landesuntersuchungsamtes Trier dem Streikaufruf von ver.di. Weitere Aktionen waren für die kommenden Tage angekündigt.

Der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske drohte den Arbeitgebern des öffentlichen Dienstes erneut mit einem langen Streik. Länder und Kommunen würden jede Arbeitszeitverlängerung für massiven Stellenabbau nutzen. Für die Länder zeigte sich Möllring ebenfalls kampfbereit: «Die Länder können den Streik einige Zeit aushalten.» Zugleich sagte er einen weiteren Personalabbau im öffentlichen Dienst voraus. Dem stimmte auch sein nordrhein-westfälischer Ressortkollege, Helmut Linssen, zu. Dazu müsse es aber keine Kündigungen geben. Der ehemalige Tarif-Schlichter Hinrich Lehmann-Grube zeigte sich beunruhigt über die Streiks.

(Quelle: ap)


 

 

Rückblick: Die großen Streiks von 1974 und 1992

Der am Montag auf zahlreiche Bundesländer ausgeweitete Streik ist der dritte große Arbeitskampf im öffentlichen Dienst der Nachkriegszeit.

Anders als 1992 und 1974 ist der Arbeitskampf diesmal aber nicht flächendeckend und erfasst nicht alle Bereiche des öffentlichen Dienstes. Auch der Bund, für den es einen gültigen Tarifvertrag gibt, ist nicht einbezogen.

1992: der härteste Tarifstreit im öffentlichen Dienst

Vor 14 Jahren standen im öffentlichen Dienst buchstäblich alle Räder still. Auf dem Höhepunkt des bislang härtesten Arbeitskampfes waren zeitweilig mehr als 330 000 Arbeiter und Angestellte im Ausstand. Die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr (ÖTV) mit Monika Wulf-Mathies an der Spitze war mit der Forderung nach 9,5 Prozent mehr Einkommen und einem Zuschlag auf das Urlaubsgeld von 550 Mark in die Tarifverhandlungen gegangen. Die anderen Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes (Bahn, Post, Polizei) und die inzwischen wie die ÖTV in der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di aufgegangene Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) schlossen sich an. Kanzler Helmut Kohl (CDU) rief die Gewerkschaften mit Blick auf den Aufbau Ost zu «Augenmaß» auf - vergeblich.

Die öffentlichen Arbeitgeber - Verhandlungsführer war der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) - boten zunächst nur 3,5 Prozent an und erhöhten dann auf ein «letztes Angebot» von 4,8 Prozent. Die Schlichtung scheiterte, am 26. April begann der Arbeitskampf, der rasch immer mehr Bereiche des öffentlichen Dienstes erfasste. Einbezogen waren Müllabfuhr, Müllverbrennung, -deponien, öffentlicher Nahverkehr, Krankenhäuser, Kindertagesstätten, Post, Postbank, Fernmeldeämter, Bahn und damit praktisch der gesamte öffentliche Dienst. Der Flughafen Frankfurt musste erstmals in seiner Geschichte für 24 Stunden gesperrt werden. Mehr als 950 Starts und Landungen fielen aus. Der Berufsverkehr staute sich. In Nordrhein- Westfalen standen die Autofahrer auf den Autobahnen 150 Kilometer im Stau. Intercitys blieben stehen, weil das Wartungspersonal streikte.

Mitte Mai endete der Streik - mit einer Schlappe für die ÖTV. Bei einer Urabstimmung stimmten nur 44,1 Prozent für den vereinbarten Tarifabschluss von 5,4 Prozent plus einer Einmalzahlung von 750 Mark und 200 Mark mehr Urlaubsgeld. Die Prozentzahl entsprach exakt dem von den Arbeitgebern verworfenen Schlichterspruch. Der ÖTV-Vorstand nahm dennoch - die Satzung erlaubt das - am 25. Mai den Kompromiss an.

1974: Mehr als 200 000 streikten

Der damalige ÖTV-Chef Heinz Kluncker hatte 1974 den bis dahin heftigsten Streik im öffentlichen Dienst durchgestanden. Mit dem Streik soll der Sozialdemokrat Kluncker nicht unwesentlich zum späteren Rücktritt von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) beigetragen haben. Die Gewerkschaften waren mit Einkommensforderung von 14 beziehungsweise 15 Prozent in die zunächst gescheiterten Tarifverhandlungen gegangen. Auf dem Höhepunkt des Streiks Mitte Februar waren 210 000 im Ausstand. Der Nahverkehr stand, die Müllabfuhr fuhr nicht mehr. In den dramatischen Streik, der nur vier Tage dauerte, schaltete sich sogar Bundespräsident Gustav Heinemann ein. Am Abend des 13. Februar einigten sich Gewerkschaften und Arbeitgeber auf Einkommensverbesserungen von elf Prozent - mindestens aber 170 Mark.

Quelle: dpa, 13.02.06

 


 


 

Electrolux verdient trotz Streik bei AEG bestens

Der schwedische Konzern erwägt vorzeitige Schließung von Nürnberger AEG-Werk. IG Metall legt Verhandlungen mit Electrolux auf Eis

Mi.15.02.06 - Der Arbeitskampf um den Erhalt des Nürnberger AEG-Werks hat sich in der Bilanz des weltgrößten Hausgeräte-Herstellers Electrolux noch nicht merklich niedergeschlagen. Im vierten Quartal hat das Unternehmen beim Gewinn die Markterwartungen übertroffen. Im Gesamtjahr musste der Konzern hingegen einstecken.

Der schwedische Electrolux-Konzern erwägt unterdessen, das bestreikte AEG-Werk in Nürnberg bereits vor Ende 2007 dicht zu machen. Eine vorzeitige Schließung sei "eine Alternative", sagte ein Electrolux-Sprecher am Montag auf Anfrage in Stockholm und bestätigte damit Medienberichte. "Wir müssen anfangen, Alternativen zu suchen, um unsere Kunden zu beliefern", sagte er zur Begründung. Die IG Metall hatte die Berichte am Wochenende als "Lüge" zurückgewiesen.

Die IG Metall hat derweil neue Verhandlungen mit dem schwedischen Mutterkonzern Electrolux abgesagt. "Wir verhandeln erst weiter, wenn Electrolux das Angebot ändert und sich materiell bewegt", sagte der zuständige Tarifsekretär Richard Polzmacher am Montag in München. Neue Gespräche waren ursprünglich für Donnerstag anberaumt.

(Quellen: afp, Handelsblatt)
 


 

DGB-Chef Sommer kündigt harte Tarifrunden an

Di.14.02.06 - DGB-Chef Michael Sommer hat für die anstehenden Gehaltstarifverhandlungen in der Metallindustrie und in anderen Branchen eine harte Gangart angekündigt. In den vergangenen Jahren hätten die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Blick auf ihre Arbeitsplatzsicherheit gegenüber den Arbeitgeber sehr viele Zugeständnisse gemacht. Damit sei jetzt Schluss, sagte der DGB-Chef der «Saarbrücker Zeitung» (Dienstagausgabe). «Jetzt wollen wir den Trend mal umkehren», fügte Sommer hinzu. Es gehe jetzt auch darum, «ein gesamtgesellschaftliches Klima für mehr Nachfrage und eine Stärkung der Binnenkonjunktur zu schaffen».

(Quelle: ddp)
 


 

Linkspartei und DGB bekräftigen Normalisierung

Di.14.02.06 - Der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Linkspartei haben ihren Kurs der Normalisierung bekräftigt. Die Linke werde genauso behandelt wie alle anderen demokratischen Parteien, betonte DGB-Vorsitzender Michael Sommer am Montag nach einem ersten Treffen mit dem Fraktionsvorstand. So seien die Fraktionsvorsitzenden auch zum nächsten DGB-Kongress eingeladen.

Sommer hatte bereits im Januar eine Stippvisite auf der Fraktionsklausur der Linken in Magdeburg gemacht. Das Gespräch mit dem Vorstand, bei dem es unter anderem um die Dienstleistungsrichtlinie, den Mindestlohn und die Rente mit 67 ging, werde nicht das letzte sein. Es gebe keine Form der organisierten Zusammenarbeit beziehungsweise Gegenarbeit, betonte der DGB-Chef. Gewerkschaften und Linke trenne manches und eine manches, ebenso wie bei anderen Parteien auch.

Linksfraktionschef Gregor Gysi sagte, es gebe unterschiedliche Meinungen, aber zu 80 bis 90 Prozent Übereinstimmung. Er zeigte sich zuversichtlich, zu einer «vernünftigen, sachlichen Zusammenarbeit» zu kommen. Ko-Vorsitzender Oskar Lafontaine wies auf die Großdemonstration gegen die EU-Dienstleistungsrichtlinie am vergangenen Wochenende hin, zu der auch die Linke aufgerufen hatte.

(Quelle: ap)
 


 

Regierung will bei Rente mit 67 Einzelfallgerechtigkeit

Di.14.02.06 - Die Regierung will bei der Einführung der Rente mit 67 Ausnahmen im Einzelfall zulassen. Der Sprecher des Sozialministeriums, Stefan Giffeler, sagte am Montag, spätestens im Gesetzgebungsverfahren werde man die Frage der Einzelfallgerechtigkeit prüfen. Es müsse individuelle und passgenaue Lösungen geben, für die, die hart arbeiten. Pauschale Lösungen für bestimmte Berufsgruppen seien hingegen nur bedingt anwendbar, sagte Giffeler.

Solche Ausnahmen bei der Rente mit 67 für bestimmte Berufsgruppen hatte Sozialminister Franz Müntefering bereits vergangene Woche abgelehnt.

(Quelle: ap)
 


 

20 Prozent weniger Geld für junge Arbeitslose

Di.14.02.06 - Arbeitslose unter 25 Jahren sollen nach dem Willen der Regierung künftig 20 Prozent weniger Arbeitslosengeld II erhalten und möglichst bei ihren Eltern wohnen bleiben. Entsprechende Pläne von Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) bestätigte am Montag der arbeitsmarktpolitische Sprecher der Partei, Klaus Brandner.

Bisher galten alle volljährigen Arbeitslosen als eigenständige Bedarfsgemeinschaft und hatten somit Anspruch auf den vollen Regelsatz sowie die Übernahme von Miet- und Heizungskosten. Dies hatte in den vergangenen Monaten dazu geführt, dass viele junge Arbeitslose aus der elterlichen Wohnung ausgezogen sind und eigene Hausstände gegründet haben.

Während Politiker von SPD und Union sich hinter den Vorschlag stellten, kritisierten die Grünen und der DGB den Plan. Die Regierung rechnet damit, dass die Neuregelung Einsparungen von 500 Millionen Euro bringt.

Die Kürzungen von 345 Euro (Ost: 331 Euro) auf 276 Euro (Ost: 265) im Monat soll nach Angaben der Bundestagspressestelle auch für Arbeitslose unter 25 Jahren gelten, die ohne Genehmigung des Leistungsträgers aus dem Haushalt der Eltern ausziehen.

Brandner erläuterte, junge Leute sollten künftig in der Regel der Bedarfsgemeinschaft der Eltern zugerechnet werden. Damit würden sie in der Summe nicht schlechter gestellt als die Partner einer Ehe- oder Lebensgemeinschaft. Alleinstehende erhielten 100 Prozent der Regelleistung, komme ein arbeitsloser Partner hinzu, bekomme dieser lediglich 80 Prozent.

Ausnahmen soll es Brander zufolge geben, wenn die Jugendlichen aus schwerwiegenden sozialen Gründen nicht in der Wohnung der Eltern leben könnten oder wenn für die Eingliederung in den Arbeitsmarkt eine eigene Wohnung erforderlich sei.

Es gehe nicht darum, pauschal die Unterstützung für junge Menschen zu kürzen, erklärte ein Sprecher des Arbeitsministeriums. Arbeitslose Jugendliche unter 25 Jahren, die aus zwingenden Gründen nicht bei ihren Eltern wohnen könnten, sollten auch künftig den vollen Regelsatz des Arbeitslosengeldes II bekommen.

SPD-Generalsekretär Hubertus Heil erklärte, es sei nicht im Sinne des Steuerzahlers, dass junge Arbeitslose reihenweise bei den Eltern auszögen und eigene Hausstände gründeten, nur weil sie Anspruch auf den vollen Regelsatz sowie Übernahme der Miet- und Heizungskosten hätten. Auch der saarländische SPD-Vorsitzende Heiko Maas zeigte Verständnis für den Plan. Er halte den Vorschlag für «nachvollziehbar», sagte Maas.

Die staatlichen Hilfen für Arbeitslose seien im ersten Jahr der Hartz-IV-Gesetze auf über sechs Milliarden Euro gestiegen, erklärte der stellvertretende Fraktionschef der Union, Michael Meister. Dies habe auch sehr stark damit zu tun, dass vermehrt junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren bei den Eltern ausgezogen seien.

Hingegen nannte Grünen-Chef Reinhard Bütikofer die geplante Kürzung inakzeptabel. Der Vorschlag von Arbeitsminister Müntefering sei «extrem bürokratisch». Junge Arbeitslose dürften weder in Pauschalhaftung für die Hartz-IV-Mehrkosten genommen, noch unter einen generellen Missbrauchsverdacht gestellt werden, sagte DGB-Vizechefin Ursula Engelen-Kefer. Arbeitslose Jugendliche dürften nicht verdächtigt werden, sich grundlos eine eigene Wohnung vom Staat bezahlen zu lassen.

(Quelle: ap)
 


 

Beiträge von Privatpatienten könnten ansteigen

Di.14.02.06 - Privatpatienten müssen offenbar mit höheren Beiträgen rechnen, falls sich die SPD mit ihren Plänen zur Gesundheitsreform durchsetzt. Für sie werde der monatliche Beitrag um 100 Euro steigen, wenn die privaten Kassen in den Finanzausgleich der gesetzlichen Krankenversicherung integriert würden, berichtet die "Süddeutschen Zeitung" unter Berufung auf Berechnungen des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie.

Der Institutsleiter und SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach stellte sich in der "SZ" erneut hinter dieses Vorhaben: "Es gibt kein Argument, warum der Ausgleich für Einkommensschwache nur von den gesetzlich Versicherten geleistet werden soll." Die Beiträge der gesetzlichen Kassen könnten durch eine Einbeziehung der Privatkassen um einen Prozentpunkt sinken.

Falls es zu einer vollständigen Einbeziehung der Privatkassen in den bislang auf die gesetzlichen Kassen beschränkten Finanzausgleich kommt, müssten die Privaten knapp zehn Milliarden Euro an die gesetzlichen Versicherungen abführen, heißt es in der "SZ" weiter.

Union und SPD hatten sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, den so genannten Risikostrukturausgleich zwischen den Krankenkassen zu vereinfachen und weiter zu entwickeln, so dass unterschiedliche Risikostrukturen "besser abgebildet werden". Die Details sind allerdings umstritten. Das Gesundheitsministerium will nach den Landtagswahlen im Frühjahr erste Eckpunkte zur Gesundheitsreform vorlegen. Dabei spielt auch die Möglichkeit eine Rolle, die privaten Kassen in den Risikostrukturausgleich der gesetzlichen Kassen zu integrieren.

Das Kölner Institut für Gesundheitsökonomie kommt laut "SZ" zu dem Schluss, dass die in der Regel günstigeren Tarife der privaten Krankenversicherung (PKV) nur zu einem geringen Teil darauf beruhen, dass deren Patienten gesünder sind. Viel entscheidender sei dagegen, dass privat Versicherte sich nicht am sozialen Ausgleich der gesetzlichen Kassen beteiligen.

Lauterbach machte dies am Beispiel eines gesetzlich Versicherten deutlich, der den Höchstbeitrag von 550 Euro zahlt. Davon würden nur 300 Euro sein eigenes Versicherungsrisiko decken, der Rest werde zugunsten von Geringverdienern sowie Kindern und nicht berufstätigen Ehefrauen umverteilt, die keine Beiträge zahlen. "Der privat Versicherte muss diesen Ausgleich nicht zahlen. Das ist ordnungspolitisch nicht zu begründen", sagte dazu Lauterbach.

(Quelle: afp)
 


 

Wissenschaft

Turbulente Teilchen haben System - Ausbreitung von Schadstoffen in der Luft berechenbar

Di.14.02.06 - Forschern des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation ist es erstmals gelungen, die Ausbreitung von Teilchen in starken Turbulenzen zu untersuchen. Zusammen mit Kollegen aus Frankreich, Dänemark und den USA fanden die Göttinger Wissenschaftler heraus, dass sich die Teilchen anders und langsamer auseinander bewegen als bisher angenommen. Mit ihrer Studie haben die Forscher ein altes wissenschaftliches Rätsel gelöst. Die Ergebnisse können dazu beitragen, die Ausbreitung von Chemikalien und biologischen Substanzen in der Luft zu berechnen und das Mischen von Stoffen in der Industrie zu verbessern. "Die Turbulenzforschung geht jetzt erst richtig los", meint Eberhard Bodenschatz, Leiter des Forschungsteams, im Gespräch mit pressetext (pte).

Seit über 80 Jahren versuchen Wissenschaftler bereits, das System hinter den Verwirbelungen von Teilchen zu entschlüsseln. "Erst die neuartige Technik macht die Untersuchung von Turbulenzen möglich", berichtet Bodenschatz. Mit einem Teilchenverfolgungssystem aus drei Hochgeschwindigkeitskameras, einem sehr hellen Laser und einem 32 Prozessor Computersystem schaffte das Team von Bodenschatz, die Bewegungen der Teilchen zu messen. Dazu gaben sie 25 Mikrometer kleine Kugeln aus Polystyrol in einen Wassertank. Während die Kugeln verwirbelt wurden, registrierten die Kameras aus drei verschiedenen Perspektiven 25.000 Mal pro Sekunde den Abstand der Teilchen zueinander. Diese Messung ist vergleichbar mit der Verfolgung zweier Schneeflocken in einem Schneesturm. Die Zuordnung der Teilchen auf den Einzelbildern übernahm eine eigens entwickelte Software.

Turbulenzen entstehen, wenn Flüssigkeiten oder Gase schnell bewegt werden. Das Umrühren der Milch im Kaffee löst bereits eine Turbulenz aus, aber auch im Verbrennungsmotor und in der Sonne finden sich Verwirbelungen von Flüssigkeiten und Teilchen. "Die räumliche Ausbreitung von Giften, die zum Beispiel bei Bränden und Giftgasunfällen auftreten, wird vom Wind und insbesondere von der Turbulenz im Wind bestimmt", erklärt Bodenschatz. "Wichtig ist es, optimale Methoden zu entwickeln, die es zum Beispiel Robotern erlauben, im dichten Nebel nach der Feuerstelle oder Giftquelle zu suchen. Unsere Ergebnisse können den Ingenieuren helfen, bessere Modelle zu entwickeln."

Bisher gab es zwei unterschiedliche Theorien zur Teilchenverwirbelung. Nach dem sogenannten "Richardson-Obukhov-Gesetz" von 1920 ist der Anfangsabstand der Teilchen nicht von Bedeutung. In den 1950er-Jahren stellte George Batchelor eine andere Ausbreitungsformel auf, die den anfänglichen Abstand der Teilchen berücksichtigt. Die Göttinger Forscher konnten die Aussagen von Batchelor bestätigen. Der Anfangsbestand der Teilchen scheint also für fast alle turbulenten Strömungen der Erde wichtig zu sein.

Nächstes Ziel der Forscher ist es, die Bewegungen der Teilchen bei wilderen Strömungen und von Teilchen mit unterschiedlicher Dichte zu untersuchen. "Das jetzige Experiment ist vergleichbar mit einem Sturm im Suppentopf", berichtet Bodenschatz. "In Zukunft werden wir mit einem Hochturbulenz-Windkanal arbeiten." Der Göttinger Windkanal wird voraussichtlich im Sommer nächsten Jahres in Betrieb gehen.

(Quelle: pte)
 
 
 
 

mehr Kurznachrichten...


[ vorherige ]   [ Ticker ]   [ nach oben ]   



 

PicoSearch

| Nachrichtenticker | Nachrichten der vergangen Tage |

 | kunst&kult | philosophie | wissenschaft | gesellschaft | diverses | öko | medien | links

| home | home(no frame) |

B.O.A.-Künstlerkooperative
Gabelsbergerstr.17, D-80333 München, Telefon/Fax : 089- 280621,
boa-kuenstlerkooperative@t-online.de