Aktuelle Nachrichten
Irak am sechshundertzweiundvierzigsten Tag nach Erlangung der formellen
Souveränität
Zehntausende Iraker fliehen vor Gewalt. Wieder Angriff auf
Ölpipeline. Zunehmende Spannungen zwischen irakischen Stellen und
der US-Regierung in der Frage der Regierungsbildung.
US-Außenministerin Rice: 'Tausende taktische Fehler' im Irak
gemacht
Sa.01.04.06 - Wegen der anhaltenden Gewalt in ihrer Heimat haben in den vergangenen
Wochen zehntausende Iraker die Flucht ergriffen. Zwischen 30.000 und
36.000 Menschen hätten ihre Häuser verlassen und seien
dringend auf Hilfe angewiesen, teilte die Internationale Organisation
für Migration (IOM) am Freitag mit. Die meisten Menschen seien aus
Bagdad sowie aus den Gebieten El Anbar im Westen und Dijala im
Nordosten der Hauptstadt geflohen. "Über eine Million Menschen
sind im Land vertrieben, als Ergebnis von drei Jahrzehnten Konflikt und
der anhaltenden Gewalt", sagte eine Sprecherin der
Flüchtlingsorganisation.
Im Großraum Bagdad haben Aufständische am Freitag
Sprengsätze unter einer Ölpipeline gezündet. Berichte
über Verletzte lagen nicht vor, doch war das Feuer am Nachmittag
nach Polizeiangaben noch nicht gelöscht. Die Pipeline
transportiert Öl von Beidschi nördlich der Hauptstadt ins
Stadtviertel Dora. Bei einem Angriff mit Mörsergranaten wurden auf
einer Straße im Nordosten Bagdads drei Frauen getötet.
Das Ziel des Mörserbeschusses war nach Polizeiangaben unklar. Die
Frauen lebten in der Nähe einer christlichen Kirche und von
Büros des Innenministeriums. Im Westen Bagdads entdeckte die
Polizei die Leichen von sechs Männern. Die Opfer trugen
Handschellen, ihre Körper waren von Kugeln durchsiebt.
Unterdessen mehren sich die Zeichen für Spannungen zwischen
irakischen Stellen und der US-Regierung in der Frage der
Regierungsbildung. Ein Brief von US-Präsident George W. Bush an
den obersten geistlichen Führer der Schiiten im Irak, Ayatollah
Ali al Sistani, wurde nach Angaben eines Beraters von Al Sistani Anfang
der Woche von einem Mittelsmann persönlich überbracht.
Seither liege das Schreiben ungelesen und nicht übersetzt im
Büro des Geistlichen. Al Sistani habe nicht um eine
Übersetzung gebeten, da er «unglücklich»
über eine amerikanische Einmischung beim Bemühen um die
Regierungsbildung sei.
Der Mittelsmann, der den Brief überbracht habe, habe erklärt,
in dem Brief werde unter anderem die US-Position bekräftigt, dass
Ministerpräsident Ibrahim al Dschaafari keine zweite Amtszeit
erhalten sollte. Al Sistani hat zu dem strittigen Thema bislang nicht
öffentlich Stellung bezogen.
Der Irak forderte die US-Truppen unterdessen zum Abzug aus der antiken
Stadt Kisch auf. Die US-Streitkräfte hätten Schäden an
der 5.000 Jahre alten archäologischen Stätte angerichtet,
erklärte das irakische Ministerium für Altertümer und
Tourismus am Donnerstagabend. Es warf den Soldaten am Stützpunkt
Kisch, rund 100 Kilometer südlich von Bagdad, ferner vor,
niemanden in die Stadt einzulassen und damit eine Abschätzung des
Schadens zu verhindern. Die US-Streitkräfte äußerten
sich zunächst nicht zu den Vorwürfen.
Die Organisation Reporter ohne Grenzen äußerte sich am
Freitag erleichtert über die Freilassung der US-Journalistin Jill
Carroll. «Unser Engagement für sie war nicht umsonst»,
hieß es in einer Erklärung der Organisation zur Verteidigung
der Pressefreiheit. «Wir bedanken uns bei allen, die in der
ganzen Welt für die junge Journalistin aktiv geworden sind,
insbesondere bei den arabischen Medien.» Carroll kam am
Donnerstag frei. Seit Kriegsbeginn am 30. März 2003 seien 39
Journalisten im Irak verschleppt und 86 getötet worden.
«Diese meist gezielten Angriffe gefährden unabhängige
Informationen in und aus dem Land», erklärte Reporter ohne
Grenzen.
Nach Angaben der US-Botschaft in Bagdad befinden sich derzeit mehr als
40 Ausländer im Irak in der Gewalt von Entführern. Unter
ihnen befinden sich auch die Ingenieure René Bräunlich und
Thomas Nitzschke aus Leipzig.
US-Außenministerin Condoleezza Rice hat eingeräumt, die USA
hätten bei der Invasion im Irak "tausende" taktische Fehler
begangen. "Ich weiß, dass wir taktische Fehler gemacht haben,
tausende, da bin ich sicher", sagte Rice in der britischen Stadt
Blackburn. Das Vorgehen der USA gemeinsam mit ihrem britischen
Verbündeten beim Einmarsch vor drei Jahren sei jedoch nach dem
dabei verfolgten strategischen Ziel zu bewerten, also dem Sturz des
damaligen irakischen Machthabers Saddam Hussein zur Ermöglichung
einer demokratischen Entwicklung des Landes.
Bei einem Blick auf die Geschichte gehe es um die Frage: "Hast Du die
richtige strategische Entscheidung getroffen?", sagte die
US-Chefdiplomatin bei einer Veranstaltung des außenpolitischen
Forschungsinstituts Chatham House in Blackburn weiter.
"Ich bin sicher, dass Doktorarbeiten über die Fehler der
Bush-Regierung geschrieben werden und ich werde einige davon betreuen,
wenn ich zurück nach Stanford gehe", sagte Rice, die an der
kalifornischen Eliteuniversität Internationale Beziehungen lehrte,
bevor sie in die Politik ging.
Rice hatte zuvor bereits gesagt, die USA hätten beim Wiederaufbau
des Iraks Fehler gemacht und zu spät irakische
Sicherheitskräfte ausgebildet. Mit ihrer jüngsten
Einschätzung räumte sie erstmals die Möglichkeit
weitreichender Fehler in der Irakpolitik der USA ein.
Rice wird noch bis Sonntag in Blackburn, dem Wahlkreis ihres britischen
Kollegen Jack Straw, bleiben. In der alten Industriestadt besuchte sie
eine Schule sowie die örtliche Fußballmannschaft Blackburn
Rovers. Die Besuche waren von Protesten gegen die Irakpolitik der USA
und Großbritanniens begleitet.
(Quellen: afp, ap)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 01.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am zweihundertsiebenundsiebzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Fr.01.03.05 - Tote und Verletzte bei Selbstmordanschlägen im Irak +++ Berlusconi
plant Abzug von 300 Soldaten aus Irak +++ Ukraine zieht bis Jahresende aus
Irak ab +++ US-Offizier wegen Tötung eines Irakers schuldig gesprochen +++
US-Untersuchungskommission demontiert endgültig offizielle
Begründung für Irak-Krieg: Irakisches Waffenarsenal wurde von den US-Geheimdiensten
'völlig falsch' eingeschätzt...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/k0504010.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3\irak_k01.htm#bodycount
Sa.04.02.06 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.248
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
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Nahost-Konflikt
USA setzen Kontakt zu Palästinenserregierung unter Hamas aus
Sa.01.04.06 - Die Vereinigten Staaten haben jeglichen Kontakt zu der neuen
Palästinenserregierung unter Führung der radikalislamischen
Hamas ausgesetzt. Die US-Regierung werde aber in Kontakt mit dem
Vertreter der palästinensischen Autonomiebehörde in
Washington, Afief Safieh, bleiben, teilte das US-Außenministerium
am Freitag mit. Schließlich unterstehe Safieh nicht dem
palästinensischem Außenministerium. Die Entscheidung sei am
Vortag allen Mitarbeitern der US-Diplomatie weltweit mitgeteilt worden.
(Quelle: afp)
Krisensitzung der Hamas-Regierung wegen tödlicher Kämpfe in
Gaza
Sa.01.04.06 - Die Spannungen in Nahost haben sich erneut verschärft. Am Tag nach
dem ersten Selbstmordanschlag auf Israelis seit mehr als zwei Monaten
kam es im Gazastreifen zu tödlichen Schießereien zwischen
bewaffneten Palästinensergruppen. Der zur radikal-islamischen
Hamas gehörende neue Ministerpräsident, Ismail Hanija,
forderte in Gaza zu Ruhe auf. Er berief seine neue Regierung zu einer
Krisensitzung ein. Ein palästinensischer Attentäter hatte
gestern im besetzten Westjordanland vier Israelis getötet.
(Quelle: dpa)
Türkei: Tödliche Gewalt in Istanbul und Kurdengebieten
Sa.01.04.06 - Bei einer Bombenexplosion an einer Bushaltestelle in Istanbul sind am
Freitag ein Mensch getötet und 13 weitere verletzt worden, drei
von ihnen schwer. Bei gewalttätigen Kurdenprotesten im
Südosten der Türkei starben innerhalb von drei Tagen
mindestens sieben Menschen, mehr als 250 wurden verletzt.
Der Sprengsatz explodierte Fernsehberichten zufolge in einem
Müllcontainer an der Endstation einer Buslinie im historischen
Stadtbezirk Fatih im europäischen Teil Istanbuls. Getötet
wurde ein Straßenverkäufer. Zu dem Anschlag bekannten sich
die «Freiheitsfalken Kurdistans».
Nach Angaben der prokurdischen Nachrichtenagentur Firat (Euphrat)
drohten die Extremisten mit weiteren Vergeltungsschlägen für
das Vorgehen des türkischen Staates gegen kurdische Demonstranten
im Südosten des Landes.
In Istanbul hatte es zuletzt im Februar zwei Bombenanschläge gegen
einen Supermarkt und ein von Polizisten besuchtes Internetcafé
gegeben. Dabei waren ein Mensch getötet und 30 verletzt worden.
Diese Anschläge waren nach Einschätzung der Behörden von
kurdischen Extremisten verübt worden.
In der Küstenstadt Izmir konnte unterdessen die Explosion einer
Bombe rechtzeitig vereitelt werden. Der in zwei Blumentöpfen am
Straßenrand deponierte Sprengsatz wurde zufällig von einer
Frau entdeckt, die die Töpfe mit nach Hause genommen hatte und die
Polizei alarmierte, als sie beim Wechseln der Erde auf ein Handy und
zahlreiche Nägel stieß. Die Polizei vermute, dass die aus
vier Kilogramm Plastiksprengstoff bestehende Bombe bei der Vorbeifahrt
eines Polizeifahrzeugs ferngezündet werden sollte, berichtete der
türkische Nachrichtensender NTV.
In der kurdischen Provinzhauptstadt Diyarbakir waren zuvor bei
Straßenschlachten mit der Polizei sechs Demonstranten ums Leben
gekommen, darunter zwei Kinder. In der östlich von Diyarbakir
gelegenen Stadt Batman wurde am Freitag ein dreijähriger Junge,
der in einem Park spielte, durch eine Kugel getötet. Dort hatten
die Sicherheitskräfte Gruppen von Demonstranten unter Einsatz von
Tränengas und Gummigeschossen daran gehindert, ins Stadtzentrum zu
marschieren.
Die Unruhen in Diyarbakir hatten am Dienstag während der
Beerdigung von Mitgliedern der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei
(PKK) begonnen, die Ende vergangener Woche im Kampf mit der Armee
erschossen worden waren. Neue Ausschreitungen folgten am Donnerstag,
als die am Vortag ums Leben gekommenen Demonstranten beerdigt wurden.
Nach Angaben der Behörden wurden allein in Diyarbakir mehr als 250
Demonstranten und Sicherheitskräfte verletzt. Weit über 200
Menschen wurden festgenommen.
Bei den gewalttätigen Protesten, die anschließend auch auf
Batman übergriffen, wurden zahlreiche Gebäude und Fahrzeuge
beschädigt. In Diyarbakir, wo Geschäfte geschlossen blieben,
kehrte am Freitag wieder weitgehend Ruhe ein. Unterdessen berichteten
die Sicherheitsbehörden von neuen Gefechten mit einer Gruppe von
15 PKK-Mitgliedern nahe der Grenze zum Nordirak. Dabei seien sieben
Bewaffnete, unter ihnen zwei Frauen, getötet worden. Die
Sicherheitskräfte stellten den Berichten zufolge 20 Kilogramm
Sprengstoff und Waffen sicher.
Der Nordirak ist ein Rückzugsgebiet der von der Türkei als
Terrororganisation eingestuften PKK, die bis zur Ergreifung ihres
Anführers Abdullah Öcalan 1999 im Südosten der
Türkei einen 15-jährigen Guerillakrieg geführt hatte.
Dabei waren mehr als 35 000 Menschen ums Leben gekommen. Das gegen
Öcalan verhängte Todesurteil war später in eine
lebenslange Haftstrafe umgewandelt worden.
(Quelle: dpa)
Stichwort: Kurden
Die Kurden sind ein Volk mit eigener Sprache und Kultur, aber ohne
eigenen Staat. Ihre genaue Herkunft ist unklar. Vermutlich sind die
Vorfahren der Kurden um die Wende vom zweiten zum ersten Jahrtausend v.
Chr. im Zuge von indogermanischen Einwanderungswellen nach West-Iran
gekommen und haben sich dort mit der Bevölkerung vermischt.
Im Osmanischen Reich des 19. Jahrhundertserit stand bei einer
Verwaltungsreform eine Provinz Kurdistan, die jedoch bald wieder
aufgelöst wurde. Der Vertrag von Lausanne besiegelte 1923 die
Aufteilung des kurdisch besiedelten Gebiets auf die heutigen
Staaten,Türkei, Iran, Syrien und Irak.
Es folgten zahlreiche kurdische Aufstände. Die Nationalbewegungg
verfolgte dabei uneinheitliche Ziele: Die Forderungen reichten von
regionaler Autonomie bis zu einem unabhängigen Kurdenstaat. Bis
heute kann die Zahl der Kurden nur grob geschätzt werden, da
Ergebnisse von Volkszählungen fehlen oder nicht
veröffentlicht werden. Die Angaben bewegen sich zwischen 28 und 40
Millionen. Ein großer Teil von ihnen lebt in der Türkei.
Diese erkennt die Kurden nicht als Minderheit an. Die kurdische
Guerilla PKK kämpfte deshalb bis 1999 für einen eigenen
Staat. Politische Autonomie genießen seit mehr als einem
Jahrzehnt allein die irakischen Kurden. Auch die neue irakische
Verfassung gewährt den Kurden im Norden des Landes umfangreiche
Selbstbestimmungsrechte. Auf der Suche nach Arbeit und später als
politische Flüchtlinge kamen viele Kurden auch nach Deutschland.
Quelle: sz
|
Türkische Wirtschaft wächst um 7,4 Prozent
Sa.01.04.06 - Die türkische Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um 7,4 Prozent
gewachsen. Nach den am Freitag vom türkischen Statistikamt bekannt
gegebenen Zahlen übertraf das Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP)
damit die angepeilte Marke von fünf Prozent.
Überdurchschnittlich wuchsen demnach unter anderem die Baubranche
mit mehr als 20 Prozent sowie der Sektor Verkehr und Kommunikation mit
fast neun Prozent. Insgesamt erreichte die türkische Wirtschaft ein
Volumen von knapp 300 Milliarden Euro. Das Bruttosozialprodukt, das das
BIP sowie zusätzliche Posten umfasst, lag den Angaben zufolge bei
7,6 Prozent. Im Jahr 2004 hatte das Wachstum der Türkei bei fast
zehn Prozent gelegen.
(Quelle: afü)
Arbeitsreform: Fronten in Frankreich verhärten sich
Schüler und Studenten setzten ihre Protestaktionen fort
Sa.01.04.06 - Die Billigung der umstrittenen Arbeitsrechtsreform durch den Staatsrat
hat in Frankreich zu einer weiteren Verhärtung der Fronten
geführt. Junge Reformgegner blockierten am Freitag zahlreiche
Straßen und Bahnstrecken.
Alle Linksparteien gemeinsam riefen die Franzosen auf, an den
«Streiks und Demonstrationen am kommenden Dienstag und allen
folgenden Aktionen» teilzunehmen. Gleichzeitig drängten sie
Präsident Jacques Chirac, das Gesetz zurückzuziehen, das den
Kündigungsschutz für Berufseinsteiger abbaut. Sozialisten,
Kommunisten, Trotzkisten, Grüne und Linksliberale erinnerten daran,
dass Chirac 2002 nur dank ihrer Stimmen im zweiten Wahlgang (gegen den
Rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen) mit 82,2 Prozent gewählt worden
war.
Chirac wollte am Freitagabend in einer Fernsehansprache zu dem Gesetz
Stellung nehmen. Nach Angaben aus seiner Umgebung will er die Reform in
Kraft setzen und den Gewerkschaften gleichzeitig Nachbesserungen bei
anschließenden Verhandlungen wie nach den Mai-Unruhen 1968
anbieten. Die Gewerkschaften lehnen ein solches Angebot aber ab. Der
Trotzkistenchef Olivier Besancenot sprach von einer
«Kriegserklärung an die Jugend und die
Beschäftigten». Angesichts der Radikalisierung des Konflikts
verlangte die Vizechefin der Regierungspartei UMP, Roselyne Bachelot, am
Freitag von Chirac Konsultationen vor einer Abzeichnung des Gesetzes.
Oppositionschef François Hollande sagte, Chirac müsse die
Konfrontation abwenden, wenn er nicht «für eine große
Krise verantwortlich» sein wolle.
Schüler und Studenten setzten ihre Protestaktionen gegen das
Gesetz zum Ersteinstellungsvertrag (CPE) am Freitag unverändert
fort. Wie an den Vortagen waren die meisten Universitäten und viele
Schulen sowie erneut Bahnhöfe und Straßen blockiert. Dadurch
wurde unter anderem der Regionalverkehr bei Paris behindert. In ihren
Protesten angespornt fühlten sich Schülervertreter von der
Anordnung des Bildungsministers Gilles de Robien, Schulblockaden mit
Polizeigewalt aufzuheben. Robien hatte dabei die Schüler nicht als
Akteure angesprochen, sondern von ihrer Manipulation durch Lehrer und
Gewerkschafter gesprochen. Lehrer, die Schüler zu Demonstrationen
ermuntert haben, sollen wegen Pflichtverletzung bestraft werden.
Premierminister Dominique Villepin hatte den neuen Arbeitsvertrag ohne
Abstimmung mit den Tarifparteien und gegen den Rat seines
Sozialministers angekündigt. Er hatte das Gesetz mit der
Vertrauensfrage verbunden und damit im Eilverfahren durch die
Nationalversammlung gebracht, in der die Regierung vier Fünftel der
Abgeordneten stellt.
(Quelle: dpa)
Deutschland
Rot-grüne Regierung half Gasprom bei Kredit
Sa.01.04.06 - Wenige Woche vor ihrem Amtsende hat die rot-grüne Bundesregierung
einem Zeitungsbericht zufolge dem russischen Energieversorger Gasprom
bei einem Milliardengeschäft geholfen. Die Regierung von Kanzler
Gerhard Schröder (SPD) habe die Garantie für einen Kredit von
einer Milliarde Euro beim Bau der Ostsee-Pipeline übernommen,
berichtet die «Süddeutsche Zeitung» (Samstagausgabe).
Schröder ist seit Donnerstag Aufsichtsratsvorsitzender des
Unternehmens, das die Pipeline baut. Der Innerministerielle Ausschuss
zur Vergabe der Garantien habe dem Antrag am 24. Oktober vergangenen
Jahres zugestimmt.
Der Haushaltsausschuss des Bundestags sei erst jetzt informiert worden.
Die Deckungszusage erfolge «im Rahmen des von Alt-Bundeskanzler
Schröder und Präsident Wladimir Putin vereinbarten
Nordeuropäischen Gaspipeline-Projekts», heiße es in
einer Vorlage für den Ausschuss. Mehrere Haushaltspolitiker
hätten den Vorgang «ungewöhnlich» genannt.
Gasprom will den Angaben zufolge mit dem Kredit jenen Teil der Pipeline
finanzieren, der von Sibirien bis nach St. Petersburg verläuft.
Die Pipeline soll von dort weiter bis nach Greifswald führen. Die
Kosten der Zubringer-Pipeline würden in dem Papier mit vier bis
fünf Milliarden Dollar beziffert. Gasprom wolle dazu einen Kredit
in Höhe von einer Milliarde Euro bei deutschen Banken aufnehmen.
Ein Sprecherin der Staatsbank KfW sagte der Zeitung am Freitag, die KfW
arbeite gemeinsam mit anderen Banken an einem Kredit. Noch sei aber
nichts entschieden. Die Bundesregierung will einspringen, falls Gasprom
diesen Kredit nicht zurückzahlen kann, und bis zu 900 Millionen
Euro zuzüglich Zinsen übernehmen, wie die Zeitung weiter
schreibt. Anders als sonst üblich, hafte der Bund «sowohl
für das politische als auch das wirtschaftliche Risiko»,
schreibt das Blatt weiter.
Ungewöhnlich bei der Gasprom-Garantie sei, dass sie sich auf einen
«ungebundenen Finanzkredit» beziehe. Das bedeute, dass der
Kredit nicht an ein deutsches Unternehmen vergeben werde, das
exportiert, sondern an eine ausländische Firma. Solche Garantien
übernehme die Regierung relativ selten - in der Regel nur, wenn
dies der deutschen Rohstoffversorgung diene. Der Interministerielle
Ausschuss habe «die energiepolitische
Förderungswürdigkeit des Projekts bejaht», heiße
es in der Vorlage.
Altkanzler Schröder bestritt, während seiner Regierungszeit
Kenntnis von einem solchen Vorschlag gehabt zu haben und damit befasst
gewesen zu sein. «Nach meinem heutigen Kenntnisstand gab und gibt
es einen gemeinsamen Vorschlag von Deutscher Bank und KfW für eine
solche Finanzierung an die Gasprom», sagte Schröder. Der
Vorstandsvorsitzende der Gasprom habe ihm verbindlich mitgeteilt, dass
die Gasprom den Finanzierungsvorschlag der beiden Banken nicht
angenommen habe und auch nicht annehmen werde, fügte Schröder
hinzu.
(Quelle: ddp)
Hilferuf von Berliner Hauptschule löst Debatte aus
Sa.01.04.06 - Nach dem Hilferuf von Lehrern einer Berliner Hauptschule hat
Bildungssenator Klaus Böger (SPD) seiner eigenen Behörde
Versagen vorgeworfen. "Diese Geschichte aus der Rütli-Schule ist
mir in der Tat durch ein Versagen in meinen Behörden vor Ort zu
spät mitgeteilt worden", sagte Böger. Die Probleme an der
Schule im Problembezirk Neukölln lösten eine bundesweite
Debatte aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warf dem rot-roten
Berliner Senat Nachlässigkeit in der Integrationspoltik vor.
Unterdessen stellte sich der von Böger eingesetzte neue
Schulleiter Lehrern und Schülern vor.
Böger wies bei einem Besuch an der Rütli-Schule den Vorwurf
zurück, er habe zu spät auf die Missstände reagiert. Im
ZDF sagte der Berliner Schulsenator, er habe erst am Donnerstag von dem
Brief des Lehrerkollegiums erfahren. Das Schreiben sei an einen
Schulrat in einem Außenbezirk gegangen; daher habe er nicht
vorher davon Kenntnis gehabt. "Diese Gesellschaft hat ein massives
Problem in der Integration", sagte der Schulsenator weiter. Mehr als 80
Prozent der Schüler der Rütli-Schule haben einen
Migrationshintergrund.
Die Lehrer hatten sich in einem Brief an den Senat über
Gewalttätigkeiten in außergewöhnlichem Ausmaß
beklagt. Sie hatten gefordert, die Schule in ihrer jetzigen Form
aufzulösen. Dies lehnte Böger aber ab. Stattdessen ernannte
er einen neuen Schulleiter für die Rütli-Schule, der diese
zunächst bis zu den Sommerferien leiten soll.
Die Berliner Polizei stellte zunächst sechs Beamte zum Dienst in
und vor der Schule ab. Die Polizisten führten Gespräche mit
Schülern und Lehrern. Auf Zugangs- und Taschenkontrollen wurde
aber verzichtet.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warf wegen der Vorgänge an der
Rütli-Schule dem Berliner Senat Nachlässigkeit in der
Integrationspoltik vor. "Wenn man jahrelang weghört und Briefe
nicht beantwortet", könne man nicht den Anspruch erheben, dass
darüber gut in der Welt gesprochen werde, sagte sie.
Selbstkritisch räumte Merkel ein, auch die CDU habe "nicht immer
den Schwerpunkt auf Integration gelegt, wie es vielleicht nötig
gewesen war".
Quer durch die Parteien wurden verstärkte
Integrationsbemühungen von und für Migranten verlangt. Die
Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU),
sagte: "Es ist absolut untragbar, dass eine Schule als Inbegriff der
öffentlichen Einrichtung zu einem rechtsfreien Raum wird, in dem
Gewalt, Respektlosigkeit und Anarchie herrschen."
(Quelle: afp)
Dokumentation: Der Brief der Lehrer
Die Lehrer der Rütli-Hauptschule im Berliner Problembezirk
Neukölln haben in einem einstimmig beschlossenen Brief einen
Hilferuf an die Schulaufsicht gerichtet. Die Deutsche Presse- Agentur
dokumentiert Auszüge aus dem Schreiben vom 28. Februar 2006:
« ... Der Gesamtanteil der Jugendlichen nicht deutscher Herkunft
beträgt 83,2 %. ... In unserer Schule gibt es keine/n
Mitarbeiter/in aus anderen Kulturkreisen. Wir müssen feststellen,
dass die Stimmung in einigen Klassen zurzeit geprägt ist von
Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen
gegenüber. Notwendiges Unterrichtsmaterial wird nur von wenigen
Schüler/innen mitgebracht. ... Werden Schüler/innen zur Rede
gestellt, schützen sie sich gegenseitig. Täter können in
den wenigsten Fällen ermittelt werden. ... In vielen Klassen ist
das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung des
Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten. Lehrkräfte
werden gar nicht wahrgenommen, Gegenstände fliegen zielgerichtet
gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert.
Einige Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen,
damit sie über Funk Hilfe holen können.
Wir sind ratlos.
Wenn wir uns die Entwicklung unserer Schule ... ansehen, so müssen
wir feststellen, dass die Hauptschule am Ende der Sackgasse angekommen
ist und es keine Wendemöglichkeit mehr gibt. Welchen Sinn macht es,
dass in einer Schule alle Schüler/innen gesammelt werden, die weder
von den Eltern noch von der Wirtschaft Perspektiven aufgezeigt
bekommen, um ihr Leben sinnvoll gestalten zu können. ...
Die Schüler/innen sind vor allem damit beschäftigt, sich das
neueste Handy zu organisieren, ihr Outfit so zu gestalten, dass sie
nicht verlacht werden, damit sie dazugehören. Schule ist für
sie auch Schauplatz und Machtkampf um Anerkennung.
Der Intensivtäter wird zum Vorbild. Es gibt für sie in der
Schule keine positiven Vorbilder. Sie sind unter sich und lernen
Jugendliche, die anders leben, gar nicht kennen. Hauptschule isoliert
sie, sie fühlen sich ausgesondert und benehmen sich entsprechend.
Deshalb kann jede Hilfe für unsere Schule nur bedeuten, die
aktuelle Situation erträglicher zu machen. Perspektivisch muss die
Hauptschule in dieser Zusammensetzung aufgelöst werden zu Gunsten
einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung. ...
dpa, 31.03.2006
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Islamrat warnt vor Vorurteilen nach Schul-Attacken
Sa.01.04.06 - Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland warnt nach den
jüngsten Gewaltattacken an einer Berliner Schule mit großem
Ausländeranteil vor falschen Schuldzuweisungen. Es dürften nun
keine Vorurteile gegenüber Migranten geschürt werden, sagte
der Ratsvorsitzende Ali Kizilkaya der Nachrichtenagentur ddp am Freitag
in Köln. Vielmehr müssten zunächst die Ursachen für
die Vorgänge genau geklärt werden.
Kizilkaya äußerte die Vermutung, dass es sich im
vorliegenden Fall «eher um ein soziales Milieu-Problem
handelt». Die Politik sei nun aufgerufen, unter anderem
«vernünftige» Bildungskonzepte zu entwickeln.
«Wenn Jugendliche eine Zukunftsperspektive für sich sehen,
dann haben sie auch mehr Motivation, sich der Schule zu widmen und sich
gesellschaftlich zu engagieren», betonte Kizilkaya.
Er forderte zudem Korrekturen in der Integrationspolitik. Diese
müsse künftig «mehr von Anerkennung als von Ausgrenzung
getragen sein». Er kritisierte, in den jüngsten Debatten etwa
zur Einbürgerung sei mehr von Zwangsmaßnahmen als von
Überzeugungsarbeit die Rede gewesen. Die Migranten dürften
aber nicht das Gefühl bekommen, sie seien nur
«Befehlsempfänger». Vielmehr müssten sie als
gleichberechtigter Teil der Gesellschaft betrachtet werden.
(Quelle: ddp)
Experte: 'Hoffnungslosigkeit ist die Ursache für Jugendgewalt'
Sa.01.04.06 - Armut, schlechte Zukunftsperspektiven und mangelnde gesellschaftliche
Integration sind nach Experteneinschätzung die Hauptursachen
für Jugendgewalt. «Wir wissen aus Beobachtungen in
verschiedenen westlichen Ländern, dass die Gewalt dort
größer ist, wo eine relativ hohe Jugendarbeitslosigkeit zu
verzeichnen ist.»
Das sagte der Psychologe und Bildungsforscher Prof. Reinhold Jäger
am Freitag in einem dpa-Gespräch in Landau. Jugendgewalt sei nicht
nur bei Kindern aus Migrantenfamilien zu beobachten. Die Jugendlichen an
der in die Schlagzeilen geratenen Rütli-Schule in
Berlin-Neukölln sprächen selbst von
«Hoffnungslosigkeit» und davon, dass der Staat sie im Stich
lasse. «Wir haben in der Bundesrepublik Deutschland ähnlich
wie in Frankreich die Integration nicht geschafft», sagte
Jäger. Das beginne mit der Sprache bei jungen Migranten, aber auch
mit der Eingliederung in den Arbeitsmarkt.
Die Schulen seien ein Brennpunkt sozialer und gesellschaftlicher
Kräfte. Es gehe nicht nur um körperliche Gewalt. «Wir
wissen, dass auch an Gymnasien solche Dinge wie Mobbing, Ausgrenzung und
Erpressung durchaus vorkommen», sagte Jäger, der an der
Universität Koblenz-Landau lehrt.
Die Politiker seien aufgefordert, das nötige Geld zur Integration
von Jugendlichen bereitzustellen. Eine große Bedeutung misst
Jäger der frühkindlichen Bildung in Kindergärten zu, die
auch von einem hohen Anteil von Migrantenkindern besucht würden. Es
sei aber auch nötig, beispielsweise Eltern von Migranten
stärker in die Gesellschaft einzubeziehen. «Dazu müssen
wir aber auch die Sprache, die Kultur wesentlich mehr aufnehmen, um zu
wissen, wo wir mit Hemmnissen zu rechnen haben», sagte Jäger.
Der Experte forderte ferner eine bessere Ausbildung von Erziehern und
Lehrern. «Es kann nicht sein, dass ein ganzes Lehrerkollegium wie
in Berlin-Neukölln darüber klagt, dass es seit Jahren
ausgelastet, überlastet und ausgepowert ist.»
(Quelle: dpa)
Wahlverteidigerin von Zündel-Prozess ausgeschlossen
Sa.01.04.06 - Der Prozess gegen den Holocaust-Leugner Ernst Zündel vor dem
Landgericht Mannheim steht vor einer Wende. Das Oberlandesgericht (OLG)
Karlsruhe ordnete am Freitag wegen unzulässigen Verhaltens den
Ausschluss von Zündels Wahlverteidigerin Sylvia S. von dem
Strafverfahren an. Rechtskräftig ist die Entscheidung noch nicht.
Die Verteidigerin kann Beschwerde einlegen, worüber der
Bundesgerichtshof (BGH) entscheiden müsste.
Mit der Entscheidung entsprach das OLG einem Antrag der
Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe. Zuvor war es in der Verhandlung
gegen Zündel zu mehreren Eklats gekommen, weil die
Wahlverteidigerin den Verhandlungsablauf störte und dabei auch
nationalsozialistisches Gedankengut vortrug. Der Richter hatte daraufhin
am 9. März die Verhandlung unterbrochen, um eine Entscheidung des
OLG herbeizuführen.
Dem OLG-Beschluss zufolge ist Sylvia S. dringend verdächtig, sich
der versuchten Strafvereitelung zu Gunsten des Angeklagten schuldig
gemacht zu haben. Sie habe versucht, den Abschluss des Verfahrens
«durch prozessfremdes Verhalten zu sabotieren». So habe sie
sich in einer Art «Parallelverhandlung» mit einer Rede an
die Zuhörer gewandt, den Holocaust geleugnet und das
«Deutsche Reich» als fortbestehend bezeichnet.
Das OLG entschied weiter, dass ein Verteidiger zwar nicht zur
Unparteilichkeit verpflichtet sei. Vielmehr dürfe er einseitig zu
Gunsten des Beschuldigten handeln und sei auch zu Kritik an anderen
Verfahrensbeteiligten berechtigt. Dabei dürften aber nur
verfahrensrechtlich erlaubte Mittel angewendet werden. Das Verhalten der
Wahlverteidigerin habe dagegen allein dem Ziel gedient, den Prozess zu
sabotieren und publikumswirksam «zur Farce» zu machen.
Zündel steht wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung
des Andenkens Verstorbener vor Gericht. Er soll von Kanada und den USA
aus über seine Internet-Homepage und Rundbriefe die
Auschwitz-Lüge verbreitet haben. (AZ: 3 Auschl. 1/06)
(Quelle: ddp)
Keine individuelle Rehabilitation bei NS-Unrechtsurteilen
Sa.01.04.06 - Opfer nationalsozialistischer Unrechtsurteile können nach einem
Beschluss des Bundesverfassungsgericht nicht mehr durch ein eigenes
Gerichtsverfahren rehabilitiert werden.
Solche Unrechtsurteile seien bereits durch das so genannte
NS-Aufhebungsgesetz von 1998 pauschal aufgehoben worden, hieß es
in dem am Freitag veröffentlichten Beschluss des obersten deutschen
Gerichts. Die Opfer seien damit ausreichend rehabilitiert worden.
Individuelle Gerichtsverfahren dafür seien folglich nicht mehr
notwendig. Die Richter des Zweites Senats wiesen damit die
Verfassungsbeschwerde von Angehörigen zweier Jugendlicher aus
Aachen ab, die 1944 als vermeintliche Plünderer von einem
NS-Standgericht zum Tode verurteilt und sofort erschossen worden waren.
(Az.: 2 BvR 486/05)
2003 beantragten die Geschwister der Getöteten die Wiederaufnahme
des damaligen Strafverfahrens mit dem Ziel, die beiden Jugendlichen
nachträglich freisprechen zu lassen. Das Oberlandesgericht (OLG)
Köln verwarf dies jedoch als unzulässig und begründete
seine Entscheidung mit dem NS-Aufhebungsgesetz, das keinen Platz mehr
für Individualverfahren lasse.
Das sei nicht zu beanstanden, denn das Aufhebungsgesetz sei
verfassungsgemäß, urteilten nun auch die Karlsruher Richter.
Angesichts der hohen Zahl der noch nicht aufgehobenen
NS-Unrechtsurteile, die 1998 auf mehrere Hunderttausende geschätzt
worden sei, habe der Gesetzgeber die Rehabilitation der Opfer pauschal
regeln können. Hinzu komme, dass die Neuauflage solcher Fälle
sehr schwer sei, da schriftliche Unterlagen verloren gegangen oder
absichtlich vernichtet worden seien.
(Quelle: rtr)
Leukämie in der Elbmarsch: Wissenschaftler wollen Belege für Atomunfall in Geesthacht haben
Sa.01.04.06 - 15 Jahre nach der Aufdeckung häufiger Leukämieerkrankungen in
der Elbmarsch spekulieren Wissenschaftler weiter über die
möglichen Ursachen. Am Freitag präsentierten sie in Berlin
aufgrund neuerer Untersuchungen die nach ihrer Ansicht plausibelste
Ursache: Ein Atomunfall in der Kernforschungsanlage GKSS in Geesthacht
vor 20 Jahren. Das schleswig-holsteinische Gesundheitsministerium
nannte diese Vermutung abwegig.
Insgesamt 15 Kinder erkrankten seit 1989 in der Umgebung der
Atomanlagen an der schweren Blutkrankheit, wie aus dem Deutschen
Krebsregister hervorgeht. Ein längerer Brand habe
gefährliches Material als Feinstaub freigesetzt, sagte nun der
niedersächsische Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der
Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch, Uwe Harden
(SPD). Seit Dezember 2004 seien neue Bodenproben genommen und
ausgewertet worden.
Inge Schmitz-Feuerhake, damals Mitglied in der mit dem Fall betrauten
Leukämiekommission, sagte, in den neuen Proben hätten sich
«Kügelchen» mit angereichertem Uran und große
Mengen verschiedener Thoriumisotope in nicht natürlicher
Zusammensetzung befunden. Die erhöhte Thorium-Konzentration
könne die Leukämie-Erkrankungen verursacht haben.
Das Kieler Gesundheitsministerium wies die Behauptung eines Atomunfalls
als «geradezu abstrus und abwegig» zurück. Weder bei
der GKSS noch beim Kernkraftwerk Krümmel habe es 1986 eine
Explosion oder einen Brand gegeben, bei denen Radioaktivität
hätte freigesetzt werden können. «Es ist ungeheuerlich
und menschenverachtend, auf der Basis reiner Spekulationen mit dieser
längst widerlegten Behauptung die Angst der Menschen erneut zu
schüren», sagte eine Sprecherin.
Auch die FDP-Umweltexpertin Christel Happach-Kasan bezeichnete die
Vorwürfe der Bürgerinitiative als unseriös. In
umfangreichen und unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchungen
sei festgestellt worden, dass ein Zusammenhang zwischen den
Leukämie-Fällen und dem Atomkraftwerk nicht bestehe, sagte
Happach-Kasan, die von 1992 bis 2002 Abgeordnete des
schleswig-holsteinischen Landtags war und sich mit dem Fall intensiv
befasst hat. Die FDP-Politikerin sprach von einem seit Jahren
anhaltenden «Glaubenskrieg».
Zwar gebe es in der Region ein «Leukämie-Cluster». So
seien Anfang der 90er Jahre mehrere Kinder dort an Blutkrebs erkrankt.
Es sei auch richtig, solche Fälle zu untersuchen. Wenn die
Untersuchungen aber über Jahre hinweg nichts ergäben,
müsse dies irgendwann auch akzeptiert werden, sagte Happach-Kasan.
(Quelle: ddp)
Mehr in der Tageszeitung 'junge Welt' vom 01.04.06:
http://www.jungewelt.de/2006/04-01/021.php
Klima
Antarktis erwärmt sich stärker als angenommen - Wärmster
Südpolarer Winter gibt Forschern Rätsel auf
Sa.01.04.06 - Die Wintertemperaturen in der Antarktis sind in den vergangenen 30
Jahren um mehr als zwei Grad Celsius gestiegen, berichtet ein
US-Forscherteam in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins
Science. Der rasante Temperaturanstieg wurde über dem gesamten
Kontinent und über weiten Teilen der südlichen Ozeane
gemessen, berichten die Forscher um John Turner von der British
Antarctic Survey BAS
.
Die unerwartet hohen Temperaturen geben den Forschern Rätsel auf
und stellen bisherige Klimamodelle in Frage. In manchen Teilen der
Antarktis - etwa auf der antarktischen Halbinsel - haben die
Wintertemperaturen um mehr als 2,5 Grad Celsius in den vergangenen 50
Jahren zugenommen. Einerseits könnte die vermehrte Einbringung von
Treibhausgasen verantwortlich sein, andererseits könnten auch
natürliche Schwankungen des antarktischen Klimasystems diesen
Temperaturanstieg bewirken. Bisher war über die Lufttemperaturen in
der Antarktis relativ wenig bekannt.
In der jüngsten Forschungsarbeit wurden Daten von Wetterballons,
die von neun Forschungsstationen in den Wintern zwischen 1971 und 2003
gestartet wurden, ausgewertet. Besonders interessierten sich die
Forscher für die mittlere Troposphäre in etwa fünf
Kilometer Höhe. In dieser Region kommt es zum Wärmeaustausch
zwischen der Erdoberfläche und der Atmosphäre. In ersten
Analysen konnten die Forscher feststellen, dass dort in den vergangenen
30 Jahren die Temperaturen zwischen 0,5 und 0,75 Grad Celsius gestiegen
sind. "Das, was wir nun gemessen haben, ist die größte
regionale Erwärmung der Erde", erklärt Turner. Es sei sehr
schwer zu beurteilen, ob diese Temperaturanstiege durch Menschenhand
oder aufgrund natürlicher Veränderungen passieren. Nach den
nunmehrigen Ergebnissen lassen sich auch die vom Intergovernmental Panel
on Climate Change IPCC erstellen Modelle nicht mehr erklären.
"Entweder sind diese Temperaturanstiege ein Resultat der
natürlichen Fluktuationen in der Antarktis, oder unsere
Klimamodelle sind einfach inadäquat", so der Forscher.
"An den Polen gibt es mit den gängigen Klimamodellen immer wieder
Probleme", meint der Klimaexperte Herbert Formayer von der Wiener
Universität für Bodenkultur im pressetext-Interview. Er
sieht allerdings nicht wirkliche Widersprüche zu den gängigen
Klimamodellen. "Mit dem Wetterbeobachtungssystem ERA40 beispielsweise,
das den Ist-Zustand misst, konnten solche Trends bereits erkannt
werden." Formayer zeigt sich von den Ergebnissen dieser Erwärmung
nicht überrascht. In dem Forschungsbericht sei aber sehr ablesbar,
dass diese Erwärmung auf die Veränderung der
Treibhausgaskonzentration zurückzuführen wären, meint
Formayer. Der Wissenschaftler hat gemeinsam mit Helga Kromp-Kolb von der
Universität für Bodenkultur in Wien das "Schwarzbuch
Klimawandel" ediert.
(Quelle: pte)