Aktuelle Nachrichten
Irak am sechshundertundsechzigsten Tag nach Erlangung der
formellen Souveränität
Bombenanschlag auf Café in Bagdad - Mindestens sieben Tote
Mi.19.04.06 - Bei einem Bombenanschlag auf ein Café in Bagdad sind am Dienstag
mindestens sieben Menschen getötet und mehr als 20 verletzt worden.
Die Bombe war nach Angaben der Polizei unter einem Sofa im
Eingangsbereich des Cafés im östlichen Stadtviertel Suleich
versteckt. Zunächst hatte es geheißen, der Sprengsatz sei
unter einem Auto detoniert.
Bei den Toten handelt es sich den Angaben zufolge um drei Polizisten
und vier Zivilpersonen. Das Café wird häufig von Polizisten
besucht. Durch die Wucht der Detonation wurden Tische und Stühle
aus dem Gebäude auf die Straße geschleudert. Die Schaufenster
umliegender Geschäfte zerbarsten.
Im Westen Bagdads entging eine Polizeipatrouille einem Anschlag. Ein
Autofahrer wurde bei der Explosion verletzt, wie die
Sicherheitskräfte mitteilten.
Im Viertel Dora entdeckte die Polizei zwei Leichen. Die Opfer wiesen
Kopfschüsse auf. In derselben Gegend im Süden Bagdads waren am
Montag zwölf weitere Leichen gefunden worden.
(Quelle: ap)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 19.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am zweihundertfünfundneunzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Di.19.03.05 - Präsident Talabani will Todesurteil gegen Saddam Hussein nicht
unterzeichnen +++ Aufständische ermorden General in Bagdad +++ Zwei
irakische Polizisten bei der Explosion einer Autobombe in Basra
getötet +++ Erfolglose Suche nach Geiseln in Madain +++
Im Irak ist die US-amerikanische Aktivistin für die zivilen Opfer
des Krieges, Marla Ruzicka, bei einem Selbstmordanschlag ums Leben
gekommen. Der Anschlag galt nicht ihr - sie starb genauso zwischen den
Fronten wie viele unbeteiligte IrakerInnen...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/k0504190.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3\irak_k01.htm#bodycount
Sa.04.02.06 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.248
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
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Irans Präsident beschwört Stärke der Armee
USA schließen im Vorgehen gegen Iran keine Möglichkeit aus.
Gespräche in Moskau über iranisches Atomprogramm ohne Ergebnis
Mi.19.04.06 - Unter wachsendem internationalen Druck hat Präsident Mahmud
Ahmadinedschad die Stärke der iranischen Streitkräfte
beschworen. Die Armee werde "jedem Angreifer die Hand abschlagen",
sagte Ahmadinedschad bei einer Militärparade in Teheran. Die Armee
diene friedlichen Zwecken und der Sicherheit, aber für Feinde des
Iran werde jeder Angriff in "Schande" enden. Die fünf
ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates sowie Deutschland
sprachen in Moskau über das weitere Vorgehen im Atomstreit mit
Teheran, ohne aber "bahnbrechende Entscheidungen" zu treffen. Die USA
schlossen im Vorgehen gegen den Iran keine Möglichkeit aus.
Die Armee müsse "jederzeit bereit und ausgerüstet sein und
die neuesten Technologien beherrschen", betonte Ahmadinedschad.
Während der Parade wurden keine neuen Waffensysteme gezeigt. Zu
sehen waren Panzer aus russischer Produktion, Panzerwagen und frisch
lackierte Hubschrauber sowie Mittelstreckenraketen vom Typ Schahab-3.
Die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates und
Deutschland kamen in Moskau zu Gesprächen über das iranische
Atomprogramm zusammen. Ranghohe Vertreter der sechs Länder
berieten sich, ohne dass es "bahnbrechende Entscheidungen" gab, wie die
russische Nachrichtenagentur Interfax meldete. Eine angekündigte
Pressekonferenz mit US-Außenstaatssekretär Nicholas Burns
wurde abgesagt; Burns habe "keine Neuigkeiten" mitzuteilen, sagte ein
Sprecher der US-Botschaft.
US-Präsident George W. Bush schloss für das weitere Vorgehen
im Atomstreit keine Vorgehensweise aus: "Alle Möglichkeiten liegen
auf dem Tisch", sagte er in Washington. "Wir wollen diese Angelegenheit
diplomatisch lösen, und wir bemühen uns sehr darum." Es
müsse "gemeinsame Anstrengungen" mit Staaten geben, denen die
Gefahr eines Iran mit Atomwaffen bewusst sei, forderte Bush. "Deshalb
arbeiten wir eng mit Ländern wie Frankreich, Deutschland und
Großbritannien zusammen."
Russland rief die iranische Führung auf, ihr Programm zur
Anreicherung von Uran zu unterbrechen. Nach Angaben des Moskauer
Außenamtes empfahl Außenminister Sergej Lawrow seinem
iranischen Kollegen Manuschehr Mottaki "mit Nachdruck", bei dem
Anreicherungsprogramm "eine Pause einzulegen".
Der UN-Sicherheitsrat hatte dem Iran Ende März eine Frist bis zum
28. April gesetzt, um alle seine Atomaktivitäten zu stoppen.
Teheran erklärte in der vergangenen Woche allerdings, es habe mit
der Urananreicherung begonnen.
(Quelle: afp)
Nahost-Konflikt
Israel warnt vor neuer 'Achse des Terrors'
Mi.19.04.06 - Nach dem Selbstmordanschlag in Tel Aviv hat Israel vor einer neuen
«Achse des Terrors» gewarnt. Die palästinensische
Hamas-Regierung sowie Syrien und der Iran säten «die Saat
für den ersten Weltkrieg des 21. Jahrhunderts», sagte der
israelische UN-Botschafter Dan Gillerman am Montag im Sicherheitsrat in
New York. UN-Generalsekretär Kofi Annan zeigte sich tief beunruhigt
über die jüngste Welle der Gewalt im Nahen Osten und
kündigte für den 9. Mai ein Treffen des Nahost-Quartetts an.
Gillerman rief die Staatengemeinschaft und den Sicherheitsrat zu
raschen Maßnahmen auf, um die Gewalt gegen Israel zu stoppen. Der
palästinensische Beobachter bei den Vereinten Nationen, Rijad
Mansur, verurteilte den Anschlag von Tel Aviv, bei dem am Montag neun
Israelis getötet wurden. Zugleich warf er Israel jedoch vor, mit
seinen jüngsten Militäraktionen gegen die Palästinenser
internationales Recht zu verletzen. Bei den Einsätzen wurden vom 7.
bis 9. April ingesamt 21 Palästinenser getötet.
Annan kündigte an, im Mittelpunkt der Gespräche des
Nahost-Quartetts in New York sollten Möglichkeiten zu
Wiederbelebung der so genannten Roadmap stehen. Das Quartett aus UN, EU,
USA und Russland hat die Konfliktparteien schon wiederholt aufgerufen,
zu dem Friedensplan zurückzukehren. Möglicherweise
würden an dem Treffen auch regionale Partner des Quartetts wie
Ägypten und Jordanien teilnehmen, sagte Annan weiter.
Die israelische Luftwaffe feuerte in der Nacht zum Dienstag offenbar
als Reaktion auf den Anschlag in Tel Aviv eine Rakete auf ein Ziel in
der Stadt Gaza ab. Dabei wurde nach palästinensischen Angaben eine
Metallwerkstatt beschädigt. Verletzt wurde niemand. Der Angriff
galt nach israelischen Militärangaben einem Gebäude der
militanten Volkswiderstandskomitees (PRC), in dem Raketen hergestellt
wurden. In den vergangenen Tagen war es wiederholt zu ähnlichen
Luftangriffen gekommen.
Der Anschlag am Montag in Tel Aviv war der blutigste in Israel seit
mehr als eineinhalb Jahren. Die Tat löste weltweit Empörung
aus. Die palästinensische Hamas-Regierung hingegen bezeichnete den
Terrorakt, zu dem sich der militante Islamische Dschihad bekannte, als
legitime Antwort auf die israelische Politik. Auch die staatliche
ägyptische Zeitung «Al Gomhuria» verteidigte die
Bluttat als «Märyreranschlag».
(Quelle: ap)
Greenpeace kritisiert UN-Zahlen zu Tschernobyl
Mi.19.04.06 - Aus Anlass des 20. Jahrestags des Reaktorunfalls von Tschernobyl am 26.
April hat die Umweltorganisation Greenpeace UN-Zahlen zum Ausmaß
der Katastrophe in Zweifel gezogen. Es sei eine "grobe Vereinfachung"
der internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), in ihrem Bericht vom
September 2005 von rund 4000 Todesopfern des Reaktorunfalls in der
Ukraine am 26. April 1986 auszugehen, sagte Greenpeace-Atomexperte
Thomas Breuer in Berlin. Greenpeace habe daher eine eigene Studie zu den
gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl in Auftrag gegeben.
Seine Organsation halte die neue Schätzung der russischen Akademie
der Wissenschaften für "sehr realistisch", nach der in Folge des
Tschernobyl-Unfalls 93.000 Menschen an Krebs gestorben seien oder in
Zukunft stürben, sagte Breuer weiter.
Der Greenpeace-Atomexperte wies darauf hin, dass zu den
strahlungsbedingten Krebsfällen die Zunahme anderer
strahlenbedingter, möglicherweise tödlicher Leiden wie
Atemwegs- und Blutgefäßerkrankungen, Immunschäche oder
Infektionen hinzukämen. Das wahre Ausmaß des Unfalls werde
"wohl nie richtig verstanden werden", sagte Breuer weiter. Der IAEA warf
er eine "bewusste Verharmlosung" vor, weil in ihrer Satzung als Ziel
die Förderung der Atomenergie festgelegt sei.
Greenpeace fordere daher einen Umbau der IAEA: Statt Atomkraftnutzung
zu fördern, solle die UN-Organisation sich dann für einen
weltweiten Atomausstieg einsetzen. Die aktuelle Greenpeace-Studie ist
nach Angaben der Organistation eine Zusammenstellung diverser Studien
insbesondere aus dem russischen Sprachraum, die zum Teil bislang
unveröffentlicht waren.
In dem IAEA-Bericht von 2005 hatte es geheißen, Wissenschaftler
rechneten mit rund 4000 Toten und mit geringeren Umweltschäden als
zunächst befürchtet. Die Organisation Internationale
Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) hatte
dies Anfang April ebenfalls bestritten: Tatsächlich seien zwischen
50.000 und 100.000 "Liquidatoren" gestorben, 540.000 bis 900.000 der an
den Aufräumungsarbeiten Beteiligten seien zu Invaliden geworden.
Allein in der Region um Tschernobyl seien zehntausende Kinder mit
genetischen Schäden geboren worden. Wegen Erbgutveränderungen
seien die Folgen für die kommenden Generationen noch nicht absehbar.
(Quelle: afp)
Tschernobyl - Erfahrung des Verschweigens
20 Jahre nach der Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl: Der
russische Journalist und Menschenrechtler Grigori Pasko macht in seinem
Heimatland eine Wiedergeburt der atomar-industriellen Macht aus. Die UNO
- so sein Vorwurf - hilft dabei... Mehr in der taz vom 18.04.06:
http://www.taz.de/pt/2006/04/18/a0088.1/text
http://www.taz.de/pt/2006/04/18/a0086.1/text
Deutschland
Hartz-IV-Empfänger sollen Arbeitswilligkeit belegen
Mi.19.04.06 - Die große Koalition will mit Sofortangeboten für
Hartz-IV-Empfänger deren Arbeitsbereitschaft überprüfen.
Mit dem so genannten Optimierungsgesetz wolle Schwarz-Rot 1,2
Milliarden Euro bei Langzeitarbeitslosen einsparen, berichtete die
"Welt". Wer Leistungen beanspruche, solle ohne zeitliche
Verzögerung Angebote von Trainingsmaßnahmen,
Arbeitsgelegenheiten oder konkreten Stellen bekommen, sagte der
arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Klaus Brandner. Das
Erwerbslosenforum Deutschland kritisierte die Pläne heftig.
Brandner zufolge sollen durch einen verbesserten Datenabgleich "zur
Aufdeckung von Schonvermögen und doppeltem Leistungsbezug nicht
erwünschte Mitnahmeeffekte minimiert werden". Erfahrungen zeigten,
dass mit diesen Maßnahmen eine Konzentration der Mittel auf die
wirklich Bedürftigen erfolgen könne. Geplant sei auch eine
Erhöhung der Vermögensfreibeträge für ältere
Arbeitslose.
Der Sprecher des Erwerbslosenforums, Martin Behrsing, erklärte in
Bonn, die Ankündigungen Brandners ließen "Schlimmes
erahnen". Die Bundesregierung brauche "Pappkameraden, um ihre verfehlte
Arbeitsmarktpolitik zu kaschieren". Er fügte hinzu: "Man braucht
Trainingsmaßnahmen oder Arbeitsgelegenheiten nur unzumutbar genug
zu gestalten, schon erfüllen sich sofort die erhofften
Wünsche und der angebliche Beweis ist erbracht." Die von der
Bundesregierung erwarteten Einsparpotenziale in Höhe von 1,2
Milliarden Euro seien illusorisch.
Unterdessen verwies das Diakonische Werk auf einen drohenden
dramatischen Anstieg der Zahl von Geringverdienern, die ergänzende
Sozialleistungen auf Grundlage von Hartz IV beziehen. Sie habe sich
schon in den vergangenen drei Monaten um 50 Prozent auf 900.000
erhöht, berichtete die "Neue Osnabrücker Zeitung". Bundesweit
könnten bald zwei Millionen Beschäftigte Anspruch auf
ergänzende Hartz-IV-Leistungen haben, warnte
Diakonie-Präsident Jürgen Gohde unter Hinweis auf
Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit.
Gohde appellierte an die BA, die Hartz-IV-Mittel stattdessen "in
erheblichem Umfang" zur Förderung sozialversicherungspflichtiger
Arbeit auf einem zweiten Arbeitsmarkt einzusetzen. Damit könnten
bundesweit allein im sozialen Bereich mindestens 100.000
zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden, davon über
10.000 bei der Diakonie.
(Quelle: afp)
Zentralrat der Juden wirft der Politik schwere Versäumnisse vor
Mi.19.04.06 - Nach dem Angriff auf einen gebürtigen Äthiopier in Potsdam
wirft der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in
Deutschland, Stephan Kramer, der Politik schwere Versäumnisse vor.
Fälle wie in Potsdam seien «das Ergebnis einer verfehlten
Jugend- und Bildungspolitik», sagte Kramer dem Berliner
«Tagesspiegel» (Mittwochausgabe). Rechtsradikale
hätten gerade unter Jugendlichen erheblichen Zulauf. Dabei
würden DVU und NPD in die Lücke stoßen, die der Staat
in der Jugendarbeit gelassen habe.
«Wer sich nicht um die Jugendlichen vor Ort kümmert, braucht
sich nicht zu wundern, wenn dies NPD oder DVU übernehmen»,
sagte Kramer. Er forderte, die Mittel für Jugendprogramme und
Programme gegen Rechtsradikalismus nicht zu kürzen. Auch
dürften sich die Politiker »nicht länger hinter den
Strafverfolgungsbehörden verstecken«, sondern müssten
sich offensiv »mit den Brandrednern von NPD und DVU auseinander
setzen".
(Quelle: ddp)
OECD-Pisa-Koordinator für Abschaffung des dreigliedrigen
Schulsystems
Soziale Probleme werden in Hauptschulen konzentriert
Mi.19.04.06 - In der Diskussion über die Zukunft der Hauptschulen in Deutschland
hat der Pisa-Koordinator der OECD, Andreas Schleicher, für eine
Überwindung des dreigliedrigen Schulsystems plädiert.
«Von diesem Relikt des 19. Jahrhunderts müssen wir uns
langfristig lösen», sagte Schleicher der Nachrichtenagentur
AP.
«Zwar gibt es viele erfolgreiche Hauptschulen in Deutschland.
Aber das dreigliedrige Schulsystem konzentriert die sozialen Probleme in
den Hauptschulen, so dass sie kaum noch zu lösen sind»,
sagte der Bildungsexperte der Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung mit Blick auf die Vorgänge an der
Berliner Rütli-Schule.
Hauptschüler hätten deshalb oft keine Perspektiven mehr,
kritisierte Schleicher. «Dieses System setzt die Anreizstrukturen
so, dass die Verantwortung für Erfolg allein auf die Lernenden
geschoben wird, etwa indem weniger erfolgreiche Schüler den
Jahrgang wiederholen müssen oder in Schulformen mit geringeren
Leistungsanforderungen abgeschoben werden.»
Insbesondere Jugendliche mit Migrantenhintergrund würden in diesem
System oft automatisch als weniger begabt eingestuft. In den bei der
Pisa-Studie erfolgreichen Staaten setze man dagegen auf einen
konstruktiven und individuellen Umgang mit Leistungsunterschieden und
Begabungen, mit dem Ziel, Schülern durch individuelle
Förderung Perspektiven für die Gestaltung der eigenen Zukunft
zu eröffnen. Im Gegenzug könne der Lehrer bei seiner Aufgabe
auf eine breite Unterstützung auch außerhalb seiner Schule
zählen.
Schleicher verwies auf die guten Erfahrungen in Ländern wie Kanada
und Schweden, wo «zunächst die Chancen gesehen werden, die in
der Verschiedenheit der Schüler liegen, und nicht in erster Linie
die Gefahren».
Der OECD-Fachmann sagte, auch die Gesamtschulen seien in ihrer
derzeitigen Form keine Lösung. Dort seien lediglich «die drei
Schulformen in einer Einheit zusammengelegt. Das dreigliedrigere
Schulsystem steckt noch in den Köpfen.» Deutschland
müsse jetzt die notwendigen Änderungen einleiten, um in zehn
bis 20 Jahren Ergebnisse zu haben.
Schleicher kündigte an, die Ergebnisse der derzeit laufenden neuen
Pisa-Studie würden im Dezember 2007 vorgestellt. Schwerpunkt der
Schüleruntersuchung sind diesmal die Naturwissenschaften. Der
OECD-Koordinator zeigte sich zufrieden mit der Resonanz auf die
bisherigen Pisa-Studien, die eine Tiefenwirkung wie kaum eine andere
Untersuchung gebracht habe. «Pisa hat die Länder mit den
Realitäten konfrontiert.» Die Bildungssysteme seien
traditionell nach innen gerichtet. «Das haben wir
aufgebrochen», sagte er.
(Quelle: ap)