Aktuelle Nachrichten
Irak am sechshundertdreiundsechzigsten Tag nach Erlangung der formellen
Souveränität
Durchbruch bei Regierungsbildung - Al Maliki soll neuer
Ministerpräsident des Iraks werden. Ministerien im Irak halten
laut UN tausende Menschen illegal gefangen
Sa.22.04.06 - Das Tauziehen um die Regierungsbildung im Irak steht vier Monate nach
der Parlamentswahl vor dem Abschluss: Die schiitische Koalition einigte
sich am Freitag darauf, Dschawad al Maliki für das Amt des
Ministerpräsidenten zu nominieren. Die sunnitischen Araber und die
Kurden signalisierten ihre Bereitschaft, das Führungsmitglied der
Dawa-Partei zu akzeptieren. Im Gegenzug wollen die Schiiten deren
Nominierungen für das Amt des Präsidenten und des
Parlamentspräsidenten akzeptieren, wie Koalitionssprecher Humam
Hammudi sagte.
Maliki ist ein Vertrauter des scheidenden Ministerpräsidenten
Ibrahim al Dschaafari, der am Donnerstag unter massivem Druck seinen
Anspruch auf eine weitere Amtszeit aufgegeben hatte. Er war Vizechef
eines Komitees, das nach dem Sturz Saddam Husseins für die
Entfernung seiner sunnitischen Gefolgsleute aus öffentlichen
Ämtern zuständig war. Die Zustimmung der Sunniten zu seiner
Nominierung kam daher überraschend.
Alle Parteien hätten sich hinsichtlich der Spitzenämter auf
eine Paketlösung geeinigt, sagte der schiitische Abgeordnete Ridha
Dschawad Taki. Demnach soll der Kurde Dschalal Talabani für eine
zweite Amtszeit Präsident bleiben. Der sunnitische Politiker
Mahmud al Maschhadani soll neuer Parlamentspräsident werden.
Über die Spitzenpositionen soll das Parlament am morgigen Samstag
abstimmen.
Die Schiiten sind die stärkste Partei im Parlament, das bereits im
Dezember gewählt wurde. Sie haben das Vorschlagsrecht für das
Amt des Regierungschefs, sind aber auf die Zusammenarbeit mit Kurden
und sunnitischen Arabern angewiesen.
In der nördlichen Industriestadt Beidschi wurden am Freitag sechs
irakische Soldaten entführt und auf offener Straße
exekutiert. Die Männer verließen gerade ein Restaurant, als
sie von Unbekannten verschleppt und getötet wurden, wie
Polizeihauptmann Arkan Ali mitteilte. Bei einem Autobombenanschlag im
Zentrum der Stadt Tal Afar, 420 Kilometer nordwestlich von Bagdad, riss
ein Selbstmordattentäter nach Polizeiangaben am Abend mindestens
sechs Menschen mit in den Tod, elf Personen wurden verletzt. Bei
weiteren Anschlägen außerhalb der Hauptstadt kamen
mindestens fünf irakische Polizisten und eine Zivilperson ums
Leben. In Bagdad wurden die Leichen von vier Männern gefunden,
deren Körper von Kugeln durchsiebt waren.
Laut dem UN-Menschenrechtsbeauftragten halten die irakischen
Ministerien etwa 15.000 Menschen illegal gefangen. Die Haftbedingungen
seien dramatisch, erklärte Gianni Magazzeni am Freitag in Genf.
Folter und Massenexekutionen seien an der Tagesordnung.
Gemäß der irakischen Verfassung dürfte allein das
Justizministerium Menschen länger als 72 Stunden festhalten. Die
meisten Häftlinge seien jedoch in der Gewalt des Innen- und des
Verteidigungsministeriums. Magazzeni berichtete zudem über eine
zunehmende Zahl von Angriffen so genannter Todesschwadronen oder
Milizen, «die mindestens den Anschein haben, als seien sie
Polizeieinheiten».
(Quelle: ap)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 22.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am zweihundertachtundneunzigsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
Fr.22.04.05 - Streit verzögert Regierungsbildung weiter +++ Allawi entgeht Attentat
in Bagdad nur knapp +++ Zwei US-Marineinfanteristen in Ramadi getötet.
Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 verloren mindestens 1.563
Angehörige der US-Streitkräfte ihr Leben +++ Hubschrauber im
Irak abgeschossen - Neun Tote +++ Ein Australier und zwei Ausländer
bei Feuerüberfall an der Straße zum Flughafen von Bagdad
getötet +++ US-Senat bewilligt weitere 81 Milliarden Dollar für Kriege in Irak
und Afghanistan...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/k0504220.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3\irak_k01.htm#bodycount
Sa.04.02.06 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.248
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
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US-Soldat bei Gefecht in Afghanistan getötet
Sa.22.04.06 - Bei einem Gefecht in Afghanistan sind am Freitag ein US-Soldat
getötet und ein afghanischer Soldat verletzt worden. Das teilten
die US-Streitkräfte mit. Zu dem Zusammenstoß mit Rebellen sei
es während der Durchsuchung eines Waffenlagers in der Provinz
Urusgan südwestlich von Kabul gekommen.
Infolge des US-Militäreinsatzes in Afghanistan sind seit Ende 2001
in dem Land selbst sowie in den Nachbarstaaten Pakistan und Usbekistan
insgesamt 224 US-Soldaten ums Leben gekommen. Etwa 141 von ihnen wurden
bei Gefechten oder Anschlägen getötet.
(Quelle: ap)
Nahost-Konflikt
Abbas schlägt Hilfszahlungen an Präsidentenbüro vor
Sa.22.04.06 - Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hat die EU und die USA
aufgefordert, ihre auf Eis gelegten Hilfszahlungen direkt an sein
Büro zu überweisen. Es gebe Wege, die von der
radikalislamischen Hamas geführte palästinensische Regierung
zu umgehen.
Falls der internationale Boykott gegenüber der Regierung anhalte,
drohe den Palästinensern eine "Katastrophe", warnte Abbas in einem
Interview mit der Nachrichtenagentur AFP und der französischen
Zeitung "Le Monde". Er habe seinen Vorschlag der EU und den USA bereits
übermittelt und warte auf eine Antwort.
Die Finanzkrise der palästinensischen Autonomiebehörde hatte
sich mit der Machtübernahme der radikalislamischen Hamas
verschärft. Die EU ist mit rund 500 Millionen Euro jährlich
einer der Hauptgeldgeber der Palästinenser. Abbas nannte die
Entscheidung, die Gelder einzufrieren, "nicht gerechtfertigt". Darunter
leide vor allem das palästinensische Volk.
Abbas äußerte die Hoffnung, dass Israel den
Palästinensern bald wieder die rund 60 Millionen Dollar monatlich
(knapp 49 Millionen Euro) an Zöllen überweise, die auf Waren
erhoben werden, die in den Gazastreifen und ins Westjordanland
eingeführt werden. Israel hält diese seit Ende Februar
zurück. Gleichzeitig versicherte der der Fatah-Bwegung
angehörende Abbas, er versuche, die von der EU und den USA als
terroristisch eingestufte Hamas zu einer gemäßigteren Haltung
zu bewegen.
(Quelle: afp)
Frankreich verweigert Minister der Palästinenserregierung
Einreise-Visum
Sa.22.04.06 - Ein Sprecher des französischen Außenamts begründete die
Verweigerung des Visums für den palästinensischen Minister mit
der Entscheidung der EU, politische Kontakte zur
Palästinenserregierung auszusetzen, bis die Hamas internationale
Vorgaben wie einen Gewaltverzicht und die Anerkennung Israels
erfüllt habe. Der palästinensische Planungsminister Samir Abu
Eisheh wollte kommende Woche unter anderem am ersten
"Europäisch-arabischen Dialogforum" in Paris teilnehmen.
(Quelle: afp)
Afrika bleibt Sorgenkind bei Armutsbekämpfung
Sa.22.04.06 - Die Weltbank hat sich besorgt über ausbleibende Fortschritte bei
der Armutsbekämpfung in Afrika gezeigt. Während der Anteil der
Armen an der Bevölkerung im Weltmaßstab deutlich
zurückgehe, sei die Lage in Afrika unverändert ernst,
heißt es in dem dritten "Global Monitoring Report", den die
Weltbank in Washington vorstellte. Das von der internationalen
Gemeinschaft anvisierte Ziel, die Rate der Armen bis 2015 zu halbieren,
werde im weltweiten Durchschnitt wahrscheinlich erreicht, heißt es
in der Studie.
Lebten 1990 noch 27,9 Prozent der Weltbevölkerung in Armut, waren
es im Jahr 2001 nur noch 21,7 Prozent, wobei die Rate nach derzeitiger
Erwartung bis 2015 auf 10,2 Prozent fallen könnte. In Afrika
hingegen sei die Armutsrate mit 44 Prozent seit 1990 fast
unverändert, bis 2015 sei lediglich ein Rückgang auf 38
Prozent zu erwarten. Als arm gilt bei der Weltbank jeder, der von
weniger als einem Dollar am Tag leben muss.
Die Finanzinstitution führte die globalen Erfolge bei der
Armutsbekämpfung vor allem auf die rasche wirtschaftliche
Entwicklung in den bevölkerungsreichsten Staaten China und Indien
zurück. "Die Fortschritte sind ungleich verteilt", sagte
Weltbank-Präsident Paul Wolfowitz. "Viele Länder in Afrika und
Lateinamerika reduzieren ihre Armut nicht, und einige fallen
zurück."
(Quelle: afp)
König von Nepal sagt Wiedereinsetzung demokratischer Institutionen
zu
Sa.22.04.06 - Rund ein Jahr nach Übernahme der Alleinherrschaft in Nepal hat
König Gyanendra am Freitag eine Wiedereinsetzung der
demokratischen Institutionen zugesichert. Die Macht solle «von
heute an dem Volk zurück gegeben werden», sagte er am
Freitag in einer in Rundfunk und Fernsehen übertragenen
Erklärung. Die Forderung des Oppositionsbündnisses nach einer
Verfassungsversammlung erfüllte er aber nicht.
Oppositionspolitiker erklärten, die Erklärung Gyanendras sei
nicht befriedigend.
Das Oppositionsbündnis aus sieben Parteien sowie die maoistischen
Rebellen haben in den vergangenen Wochen mit einem Generalstreik und
Massenprotesten den Druck auf Gyanendra verstärkt. Das
Königshaus sei nach wie vor der konstitutionellen Monarchie und
der Mehr-Parteien-Demokratie verpflichtet, sagte der König in
seiner Ansprache. Er rief die Opposition auf, möglichst bald einen
Ministerpräsidenten zu nominieren. Der König hatte im Mai
2002 das Parlament aufgelöst, im Februar vergangenen Jahres
entließ er auch die Regierung.
Die Ankündigung Gyanendras folgte einem Besuch des indischen
Vermittlers Karan Sing. Vor der Erklärung waren am Freitag wieder
zehntausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die
Alleinherrschaft des Königs zu protestieren. Die Demonstranten
kamen am Stadtrand Kathmandus in Kalanki zusammen, wo die Polizei am
Donnerstag drei Demonstranten erschossen und viele weitere verletzt
hatte.
Sicherheitskräfte bildeten einen Ring um Kathmandu. Sie sollten
jeden erschießen, der sich der Sperrzone nähere. Die
Demonstranten schrieben in weißen und roten Buchstaben auf den
Boden «Platz der Märtyrer». Sie schwenkten Fahnen der
Oppositionsparteien und riefen «Lang lebe die Demokratie».
Die Kommunistische Partei Nepals meldete die Festnahme zweier
führender Oppositionspolitiker. Die Parteimitglieder Jhala Nath
Khanal und Bamdev Gautam seien maßgeblich an Verhandlungen mit
den maoistischen Rebellen beteiligt gewesen.
(Quelle: ap)
Im Schatten des Iran-Konflikts beginnt Brasilien Uran anzureichern
Sa.22.04.06 - Während der Iran wegen seines Atomprogramms international massiv
unter Druck steht, eröffnet Brasilien ohne den geringsten
Anstoß zu nehmen ein Zentrum zur Urananreicherung. In der Anlage
in Resende soll noch in diesem Jahr mit der Produktion von
Nuklearbrennstoff begonnen werden. Doch obwohl Brasilien der
Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) nur begrenzte
Inspektionen gestattet, kann der größte südamerikanische
Staat seine Ambitionen völlig ungehindert verfolgen.
Zwar hat das Land den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet, und die
Verfassung verbietet die militärische Nutzung der Atomenergie. Doch
die Chance, mehr Uran als für den Eigenverbrauch erforderlich zu
produzieren, könnte in Brasilien ein Umdenken einleiten.
«Brasilien verfolgt einen Weg, der dem des Irans sehr ähnlich
ist, aber der Iran bekommt die ganze Aufmerksamkeit», sagt
Marshall Eakin, ein brasilianischer Atomexperte von der Vanberbilt
Universität. Letztlich profitiere Brasilien von den Problemen des
Irans.
Teheran hat sich unter anderem wegen der Hetzkampagne von
Präsident Mahmud Ahmadinedschad gegen Israel ins Abseits
manövriert. Wegen des Versuchs, Teile seines Programms im Dunkeln
zu halten, unterstellt der Westen dem Iran das Streben nach der
Atomwaffe. Über die Forderung des UN-Sicherheitsrates, die
Urananreicherung auszusetzen, setzt sich die Regierung bislang hinweg.
Brasilien gilt dagegen als friedlich, hat eine gefestigte Demokratie und
keine Grenzstreitigkeiten. Der letzte Krieg endete 1870.
«Brasilien schummelt nicht beim Atomwaffensperrvertrag und liegt
nicht in einer Krisenregion», konstatiert David Albright, ein
früherer UN-Waffeninspektor und Leiter des Washingtoner Institute
for Science and International Security. Auch das
US-Außenministerium weist Parallelen zwischen beiden Staaten
zurück: Brasilien verfolge ein friedliches Atomprogramm, sagt
Ministeriumssprecher Sean McCormack.
Vor kurzem hat die staatliche Industrias Nucleares do Brasil letzte
Tests an der Urananreicherungsanlage Resende vorgenommen. Sobald diese
mit der Produktion beginnt, gehört der Staat zur Atomelite. Er
verfügt über die sechstgrößten Uranreserven, doch
bisher musste das Material zur Anreicherung nach Europa gebracht und
reimportiert werden. Die Zentrifugen in Resende, etwa 150 Kilometer
westlich von Rio de Janeiro, können nach Regierungsangaben
natürliches Uranerz in Uranium-235 mit einer Konzentration von
fünf Prozent umwandeln. Für Atomwaffen ist ein
Anreicherungsgrad von 95 Prozent notwendig.
Ex-UN-Inspekteur Albright hat für die Brasilianische
Physikgesellschaft an einem Projekt gearbeitet, um zu zeigen, dass die
Zentrifugen auch hochangereichertes Material herstellen können.
«Die Zentrifugen sind sehr flexibel», sagt er. Durch
Neukonfigurierung der Kaskaden oder eine vielfache Wiederholung der
Anreicherungsschritte könne in Resende durchaus waffenfähiges
Material produziert werden.
Die Weigerung der Regierung, den IAEA-Inspektoren Zugang zu den
Zentrifugen zu gewähren, wird mit der Gefahr der Industriespionage
begründet. Die Kontrolleure dürfen lediglich das Uran vor und
nach der Anreicherung analysieren, die von Brasilien selbst entwickelten
Zentrifugen sind gegen die neugierigen Blicke abgeschirmt. Die
Regierung betont, mit der Anlage nur Brennstoff zur Energiegewinnung
herstellen zu wollen. Das Land gehört schon jetzt zu den
größten Lieferanten von Atomstrom in Lateinamerika. Um die
Abhängigkeit vom Öl weiter zu reduzieren, sollen sieben neue
Atommeiler gebaut werden. Auch wird in Brasilia längst über
einen Export von angereichertem Uran nachgedacht, was laut Experten
frühestens in acht Jahren möglich wäre.
Während der Militärherrschaft von 1964 bis 1985 hatte
Brasilien starke Atom-Ambitionen. Damals wurden die beiden
Kernkraftwerke gebaut, Pläne für ein Atom-U-Boot entwickelt.
Es gab auch einen Geheimplan für den Test einer Atombombe im
Urwald. 1990 wurde das Programm offiziell eingestellt, und der
frühere US-Außenminister Colin Powell erklärte 2004:
«Wir wissen, dass Brasilien in keiner Weise an Atomwaffen
denkt.»
Doch unter dem linken Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva sehen
Experten Ansätze für ein Umdenken. Schließlich
würde die Mitgliedschaft im Club der Atommächte das Prestige
Brasiliens erheblich steigern, sagen sie. Möglicherweise würde
das Land so einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat erhalten.
«Worauf es im Iran wie in Brasilien wirklich ankommt, das ist das
Selbstbild», sagt der brasilianische Physiker Jose Goldemberg.
«Nationalismus, Stolz: Das sind die wahren Gründe.»
(Quelle: ap)
Kurdische Freiheitsfalken rufen zu Terroranschlägen in Türkei
auf
Sa.22.04.06 - Der jahrzehntelange Kampf militanter Kurden für einen eigenen
Staat im Südosten der Türkei steht vor einer neuen
Eskalationsstufe. Die radikale Gruppe Kurdische Freiheitsfalken ruft
ihre Anhänger im Internet auf, «Angst und Chaos»
über die Türkei zu bringen. Auf ihrer Web-Site lobt sie nicht
nur Selbstmordattentäter, sondern gibt auch Anleitungen zum Bau von
Bomben. Der Aufruf wird als Signal gewertet, dass der Konflikt aus der
türkischen Grenzregion zum Irak immer mehr in die westlichen
Städte und in die Touristenzentren an der Ägäis und am
Mittelmeer getragen werden könnte.
Schon in den vergangenen Monaten haben sich die marxistisch
geprägten Freiheitsfalken zu acht Bombenanschlägen - unter
anderem in Istanbul - bekannt, bei denen zwei Menschen getötet und
47 weitere verletzt wurden. Vor wenigen Wochen riefen sie Touristen auf,
die Türkei zu meiden, weil weitere Terrorakte geplant seien.
Anfang des Monats war es in Diyarbakir und anderen
südöstlichen Städten zu blutigen Ausschreitungen zwischen
Sicherheitskräften und kurdischen Demonstranten gekommen. Anlass
war die Beisetzung von vier kurdischen Separatisten. Die Mitglieder der
verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) waren im Kampf gegen
türkische Soldaten erschossen worden. Im Zuge der Proteste kamen
17 weitere Menschen ums Leben.
Ihr Internet-Aufruf und die jüngsten Anschläge seien eine
Reaktion auf das Vorgehen der Soldaten und Sicherheitskräfte gegen
Kurden, erklärten die Freiheitsfalken. «Meldet Euch zum
Dienst. Das Motto heißt: Rache, Rache, Rache!», heißt
es auf der Web-Site. Man werde keine Herrschaft anerkennen, und man
könne gegen jeden und überall zuschlagen. «Ab jetzt
werden unsere Angriffe gewalttätiger werden.»
Die Falken sind eine Splittergruppe der PKK. Die militante
Arbeiterpartei und Miliz erlitt in den 90er Jahren zahlreiche
Niederlagen gegen die türkischen Streitkräfte, und ihr
Führer, Abdullah Öcalan, wurde 1999 festgenommen. Seitdem tobt
angeblich ein Streit zwischen dem gemäßigten Lager, das eine
politische Lösung der Kurdenfrage anstrebt, und den kampfbereiten
Guerilla-Kommandeuren.
Die Falken gründeten sich erst 2004. Sie werfen der PKK
Schwäche vor, weil diese «eine politische Balance
erwäge», und rekrutieren sich unter anderem aus deren Reihen.
Anders als die PKK, die aus dem Südosten operierte, scheint die
Splittergruppe ihre aktivsten Zellen jedoch in den westlichen
Städten wie Izmir und Istanbul zu haben. Sie findet ihre
Anhänger vor allem in Kurden, die vor den Kämpfen in den 90er
Jahren geflüchtet sind und sich in den Elendsvierteln der
westlichen Städte niedergelassen haben. Das genaue Verhältnis
zwischen den Falken und der PKK ist nicht bekannt. Experten verweisen
darauf, dass die Arbeiterpartei bislang alle rivalisierenden Gruppen
scharf unterdrückt hat. Die Falken versprechen auf ihrer Web-Site
ihre Treue zu Öcalan.
Die türkische Polizei geht davon aus, dass die Falken über
einige Hundert Kämpfer verfügen, die zumeist in kleinen Zellen
arbeiten. Für ihre Ausbildung spielt die Web-Site eine wichtige
Rolle. Das Online-Handbuch zum Bombenbau ist mit Illustrationen
versehen und erklärt Schritt für Schritt, wie sich aus
Düngemittel und anderen leicht zugänglichen Materialien
Sprengsätze basteln lassen. Uhren oder Radios könnten als
Zünder verwendet werden.
«Bei Anbruch der Nacht sollte für uns die Zeit des Handelns
beginnen, während die Türken Angst und Chaos
fürchten», prophezeit die Gruppe im Internet.
«Überall im Land werden Bomben explodieren, Attentate
verübt, Sabotageakte ausgeführt.» Zugleich rufen die
Falken den militanten Flügel der PKK auf, sich aktiver am Kampf zu
beteiligen.
Der türkische Terrorexperte Nihat Ali Özcan glaubt, das
Auftauchen der Falken habe den Kurden geholfen, Aufmerksamkeit auf ihre
Lage zu ziehen, obwohl die PKK immer schwächer werde. Aus dem
isolierten Guerilla-Krieg in den Bergen sei eine Terrorkampagne mit
Anschlägen und provozierten Straßenschlachten geworden.
(Quelle: ap)
UNICEF-Studie: Kinderarmut in Deutschland wächst schneller als in
anderen Industriestaaten
Sa.22.04.06 - Bettelnde Straßenkinder in Bombay oder Rio de Janeiro - das ist
das Bild, das die meisten beim Stichwort Kinderarmut vor Augen haben.
Dass Armut bei Kindern auch in Deutschland auf dem Vormarsch ist,
wissen viele nicht. Armutsforscher und Sozialverbände aber
schlagen Alarm: Laut einer UNICEF-Studie ist Kinderarmut in Deutschland
seit 1990 stärker gestiegen als in den meisten anderen
Industriestaaten. Mehr als 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche sind
demnach hier zu Lande arm - die Dunkelziffer liegt sogar bei mehr als
drei Millionen.
Das Thema werde verdrängt, weil es stigmatisiere, erklärt der
Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge: «Niemand
möchte mit Armut konfrontiert sein und sich mit den Armen
auseinander setzen.» In seinem Buch «Kinderarmut in Ost-
und Westdeutschland» hat er Ursachen und Folgen von Kinderarmut
untersucht. Dabei mussten seine Mitarbeiter bei Befragungen in Schulen
feststellen, dass offiziell Kinderarmut immer nur anderswo existiert:
«Schulleiter, Lehrer und Eltern sagten immer wieder: 'Gehen Sie
mal in den sozialen Brennpunkt einen Stadtteil weiter, bei uns in der
Schule gibt es keine Armut'.»
Doch die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Laut der 2005
veröffentlichten UNICEF-Studie leben 10,2 Prozent der Kinder und
Jugendlichen unter 18 Jahren in Deutschland in relativer Armut. Als
relativ arm gilt hierbei, wessen Einkommen weniger als 50 Prozent des
Durchschnittseinkommens in einem Land beträgt - in Deutschland
waren dies im Jahr 2001 genau 725 Euro netto monatlich. In
Dänemark oder Finnland liegt der Anteil armer Kinder nur bei 2,4
beziehungsweise 2,8 Prozent.
Von 1990 bis 2001 ist Kinderarmut in Deutschland um 2,7 Prozentpunkte
gestiegen und sie steigt schneller als die durchschnittliche
Armutsrate: Kinder sind inzwischen deutlich häufiger arm als
Erwachsene. Im Westen hat sich Kinderarmut seit 1989 von 4,5 Prozent
auf 9,8 Prozent im Jahr 2001 mehr als verdoppelt, im Osten waren im
selben Jahr 12,6 Prozent der Kinder arm.
In diese Zahlen sind noch nicht die Auswirkungen der
Arbeitsmarktreformen eingeflossen. Der Paritätische
Wohlfahrtsverband hat dazu im vergangenen August eine Expertise
«Kinder und Hartz IV» vorgelegt. Nach diesen
Modellrechnungen lag die Kinderarmutsquote in Westdeutschland bei 12,4
Prozent, im Osten sogar bei 23,7 Prozent. In Städten wie
Görlitz, Halle oder Schwerin leben dieser Expertise zufolge bis zu
35 Prozent der Kinder von Sozialgeld.
Was bedeutet das für diese Kinder? Sie leben auf einem
Einkommensniveau, das sie vom Alltag Gleichaltriger ausschließt:
Kein Musikunterricht, kein Sportverein, kein Kino- oder
Schwimmbadbesuch, kein Nachhilfeunterricht. Da sie nicht mit anderen
Kindern mithalten können, sind sie oft sozial isoliert, sie sind
öfter krank, leben in beengten Wohnverhältnissen in
vernachlässigten Stadtteilen mit schlechten Schulen und mangelnden
sozialen Angeboten.
Es sei heute überhaupt noch nicht abzusehen, was es für ein
Gemeinwesen bedeute, wenn ein Drittel seiner Kinder so leben
müsse, erklärte Ulrich Schneider vom Paritätischen
Wohlfahrtsverband bei der Vorstellung des Berichts: «Wir
können es uns nicht leisten, diese ungeheuer große Zahl von
Kindern Monate, wenn nicht Jahre auf einem Einkommensniveau zu
belassen, das ihnen schlicht Zukunftschancen nimmt.» Als Reaktion
wies der damalige Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement die Zahlen
des Verbandes als falsch zurück.
Wegen schlechterer Bildungschancen kommen Kinder aus armen Familien nur
schwer aus dem Armutskreislauf heraus, wie eine
Längsschnitt-Studie des Instituts für Sozialarbeit und
Sozialpädagogik und der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zeigt. Sie haben
nicht nur größere Schulprobleme, sondern werden zum Teil
schon später eingeschult. Bereits im Vorschulalter zeigen viele
Entwicklungsdefizite, die die Schule oft nicht ausgleicht, sondern noch
vergrößert. «Aufwachsen in Armut hat lebenslange
Folgen, die ohne Erhöhung der finanziellen Aufwendungen des
Staates nicht aufgefangen werden», erklärte
Studien-Mitautorin Gerda Holz in einem Beitrag für die
Bundeszentrale für politische Bildung.
Andere Staaten mit geringerem Anteil armer Kinder stecken der
UNICEF-Studie zufolge mehr Geld in die Vermeidung von Kinderarmut, und
auch wie sie dies tun, wirkt besser als die staatlichen Maßnahmen
in Deutschland. Zwar gaben viele Länder während der 90er
Jahre mehr für Sozialleistungen aus, oft flossen aber wie in
Deutschland die meisten der zusätzlichen Ausgaben in Altersrenten
und Gesundheitssysteme, während die Ausgaben für Kinder und
Familien zurückgingen.
Schweden hat demnach eine ähnliche Ausgangslage wie Deutschland,
ohne staatliche Intervention würde die «marktbedingte»
Kinderarmut in beiden Ländern 18 Prozent betragen - die
schwedische Sozialpolitik senkt sie aber auf 3,4 Prozent, was einem
Drittel der Rate in Deutschland entspricht.
Experten fordern deshalb unter anderem eine gezieltere Förderung
benachteiligter Kinder und eine bessere Unterstützung
Alleinerziehender - denn deren Kinder sind in Deutschland deutlich
häufiger arm als Kinder, die mit beiden Eltern aufwachsen - und
eine stärkere einkommensabhängige Kinder- und
Familienförderung. «Was heute Millionen kostet, spart morgen
Milliarden», heißt es in einer Erklärung der AWO.
(Quelle: ap)
Armutszeugnis
München: Mieten und Arbeitsmarkt setzen Jugend und Alten zu
Er ist der Vater der Münchner Armutsberichte: Seit 20 Jahren
untersucht der Sozialforscher Rolf Romaus die Lebens- und
Einkommensverhältnisse in München. Doch Grund zur Freude
bietet ihm das persönliche Jubiläum nicht - im Gegenteil:
"Ich hätte lieber bessere Zahlen gehabt", lautet sein Fazit zum
jüngsten Werk: "Es ist deprimierend." Für 2904 konstatiert
Romaus "ein nie da gewesenes Niveau" der Armut. 13,1 Prozent der
Münchner Bevölkerung sind arm, 177.711 Personen mehr als
doppelt so viele wie 1986 und um rund 21000 Personen mehr als 2002. Nur
bei einem seiner sieben Berichte, die er im Auftrag des Sozialreferats
erstellt hat, konnte Romaus aufatmen: Im Jahr 2000 meldete er einen
Rückgang der Armut. Als arm gilt, wer für seinen
Lebensunterhalt weniger als die Hälfte des nationalen
Pro-Kopf-Einkommens zu Verfügung hat: Das sind 465 Euro pro Monat
für Menschen, die in Mehrpersonenhaushalten leben, und 776 Euro
für Alleinstehende.
Am stärksten von Armut betroffen bleiben Kinder und Jugendliche:
Ihre Zahl stieg in nur zwei Jahren um 2000 auf 14 300. Obwohl der
Anteil dieser Altersgruppe an der Bevölkerung nur bei 14,5 Prozent
liegt, macht er unter den Sozialhilfebeziehern mit 31 Prozent mehr als
doppelt so viel aus. Die" extreme wirtschaftliche Benachteiligung von
Kindern" freilich ist kein Münchner Phänomen, sondern
bundesweit zu beobachten - ein "Armutszeugnis" für die
Gesellschaft, wie Romaus betont.
Deutlicher sichtbar wird das Ausmaß der Altersarmut. Galten
bisher alte Menschen als die am wenigsten von Armut betroffene Gruppe,
so weist Romaus nun einen Zuwachs von rund 90 Prozent aus. Das
hängt allerdings vor allem mit der Einführung der
Grundsicherung im Jahr 2003 zusammen, die 11.117 Münchner bezogen:
Viele alte Leute nahmen diese Leistung in Anspruch, weil sie - anders
als zuvor bei der Sozialhilfe - nicht mehr damit rechnen müssen,
dass ihre Kinder zum Unterhalt herangezogen werden. Die Altersarmut
wird sich in den nächsten Jahren "deutlich verschärfen",
befürchtet Romaus, "durch die Nullrunden bei der Rente" .
Besonders betroffen von der Altersarmut sind Migranten: Unter den
nicht-deutschen Senioren ist der Anteil der Grundsicherungsbezieher
sieben Mal höher als bei deutschen Senioren.
Hauptursache für die Armut bleibt neben Arbeitslosigkeit die hohe
Mietbelastung. Das Wohngeld verbessere die finanzielle Situation zwar,
führe die Haushalte aber nicht aus der Armut. So müssten die
Haushalte zwischen 47 und 54 Prozent ihres Haushaltsnettoeinkommens in
die Kaltmiete stecken - das Wohngeld eingerechnet sind es aber mit 34
bis 42 Prozent immer noch deutlich mehr als im Münchner (31
Prozent) und im westdeutschen Durchschnitt (27 Prozent). Die
Stadtvieriel mit dem höchsten Anteil an armer Bevölkerung,
aber auch in absoluten Zahlen, sind Milbertshofen-Am Hart,
Ramersdorf-Perlach, und Feldmoching-Hasenbergl. Als Armuts-Insel aus
einer relativ wohlhabenden Umgebung ragt die Messestadt Riem heraus:
Dort sind 40,5 Prozent der Einwohner arm - als Ursache führt
Romaus an, dass in dem Neubaugebiet zwar bereits die Sozialwohnungen
stehen, aber noch viele der geplanten frei finanzierten Mietwohnungen
und Eigentumswohnungen fehlen.
Für 2005, das erste Jahr mit Hartz IV, kann Romaus keinen
Rückgang bei der Armut ausmachen, im Gegenteil: "Es wird noch viel
schlimmer, vor allem für die Kinder."
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 14.03.2006
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Erwerbslose warnen vor Kürzungen des Alg II
Sa.22.04.06 - Die von Haushaltspolitikern der Union ins Gespräch gebrachte
Kürzung des Arbeitslosengeldes II (Alg II) ist bei
Erwerbsloseninitiativen auf scharfe Kritik gestoßen. Derzeit
verdichteten sich Informationen, wonach es Absichten gebe, den
Regelsatz um bis zu 40 Prozent abzusenken, teilte das
Erwerbslosen-Forum Deutschland in Bonn mit. Jegliche Kürzungen
könnten aber auf keinen Fall hingenommen werden.
Die Union habe offenbar den Bezug zu den rund acht Millionen
Betroffenen verloren, erkärte das Erwerbslosen-Forum. Diesen stehe
schon jetzt das "Wasser bis zum Hals". Sollte die Bundesregierung
tatsächlich das Alg II absenken, müsse sie sich auf
"empfindliche Störungen und breiten Widerstand" einstellen.
Der haushaltspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag,
Steffen Kampeter (CDU), hatte in der "Financial Times Deutschland"
seinen Vorstoß mit dem enormen Kostenanstieg für das
Arbeislosengeld II begründet. Die im diesjährigen Bundesetat
veranschlagten Ausgaben von 24,4 Milliarden Euro würden
voraussichtlich um vier Milliarden übertroffen. Da auch die
Einnahmen hinter den Erwartungen zurückblieben, drohe im Etat 2006
eine Hartz-IV-Lücke von insgesamt mehr als fünf Milliarden
Euro.
Ein Sprecher von Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD)
hatte erklärt, der Minister habe nicht die Absicht, das
Arbeitslosengeld II zu senken.
(Quelle: afp)
Breite Kritik an Schäubles These zum Rechtsextremismus im Osten
Sa.22.04.06 - Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) gerät wegen
seiner umstrittenen Äußerungen zur Verantwortung der DDR
für den Rechtsextremismus in Ostdeutschland auch in den eigenen
Reihen unter Druck.
Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) sagte der
«Mitteldeutschen Zeitung», Rechtsextremimus sei
«nicht nur ein Ost-Phänomen». Auch die Bundesregierung
distanzierte sich indirekt von Schäubles Einlassung.
SPD-Vorstandsmitglied Niels Annen betonte: «Pauschale Aussagen
sind abwegig.» Der Vorsitzende der Linksfraktion, Gregor Gysi,
warf Schäuble am Freitag in Berlin vor, er beleidige mit seinen
Aussagen den Osten.
Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagte, die meist jugendlichen
Täter seien vielfach «in der wiedervereinigten
Bundesrepublik geboren und großgeworden» und hätten
mit der DDR «nichts zu tun» gehabt. Zudem verwies er auf
Studien, wonach eine Häufung rechter Straftaten vor allem in
Regionen mit hoher Jugendarbeitslosigkeit und unterdurchschnittlicher
Wirtschaftskraft zu beobachten sei. Einen Widerspruch zu den
umstrittenen Schäuble-Äußerungen wollte Wilhelm
allerdings nicht bestätigen.
Angesichts des Mordversuch an einem Deutschen äthiopischer
Abstammung in Potsdam hatte Schäuble am Donnerstag die These
vertreten, die Abschottung der Menschen in der DDR sei für
Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus in den neuen
Ländern verantwortlich. Rechtsextreme Stimmung gedeihe dort am
meisten, wo wenige Ausländer leben, sagte Schäuble im
Deutschlandradio Kultur. «Deswegen ist es eher ein Problem, dass
in der früheren DDR die Menschen die Erfahrung gar nicht sammeln
konnten, was für eine Bereicherung es ist, mit Menschen aus
anderen Teilen der Welt zusammenzuleben.»
Gysi erwiderte, die beiden Tatverdächtigen von Potsdam seien am
Ende der DDR erst 14 und 15 Jahre alt gewesen.
«Rechtsextremistische Einstellungen haben sie ergo erst in der
Bundesrepublik angenommen.» Annen sagte der
«Netzeitung»: «Die Mauer ist keine ausreichende
Erklärung, denn es gab auch Ausländer hinter der
Mauer.» Sachsen- Anhalts CDU-Chef Thomas Webel ergänzte,
auch in Westdeutschland gebe es Übergriffe auf Ausländer.
Schäubles Hinweis, wonach «auch blonde, blauäugige
Menschen Opfer von Gewalttaten» werden, stieß ebenfalls auf
scharfe Kritik. Der Innenausschuss-Vorsitzende Sebastian Edathy (SPD)
sagte dem Nachrichtensender n-tv: «Ich habe bisher noch nicht
gehört, dass in diesem Land blonde, blauäugige Deutsche Opfer
von rechtsextremistischen Taten geworden sind.»
Regierungssprecher Wilhelm nahm den Innenminister hingegen in Schutz.
Bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus dürfe Gewalt in
anderen Zusammenhängen nicht vernachlässigt werden.
Neue Aufregung verursachte unterdessen ein geplanter Warnkatalog
für dunkelhäutige Besucher der
Fußball-Weltmeisterschaft. Der Afrika- Rat, Dachverband
afrikanischer Vereine und Initiativen in Berlin und Brandenburg,
kündigte an, in der Broschüre wolle man auf «No-Go-
Areas» - vor allem im Ostteil Berlins - hinweisen, in denen die
Gefahr rassistischer Übergriffe besonders groß sei.
Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sagte, er nehme die
Ängste ernst, betonte aber, es gebe keine generelle
Gefährdung für bestimmte Bevölkerungsgruppen in
bestimmten Gebieten. Der Generalsekretär der Hauptstadt-CDU, Frank
Henkel, sprach von «Panikmache», was der Vorsitzende des
Afrika-Rats, Moctar Kamara, wiederum zurückwies. «Statt sich
intensiv mit der Sache auseinander zu setzen, wird weiter
vertuscht», sagte Kamara der dpa. Jeden Tag würden in
Deutschland zahlreiche schwarzhäutige Afrikaner
«angegriffen, beschimpft und beleidigt».
(Quelle: dpa)
Türkische Gemeinde startet Bildungsoffensive für Eltern
Sa.22.04.06 - Die Türkische Gemeinde in Deutschland - TGD - will eine
Bildungsoffensive für Eltern von Schülern nichtdeutscher
Herkunft starten. Das ist Thema auf dem 6. Bundeskongress in Berlin,
der heute eröffnet wird. Eltern sollen nach den TGD-Plänen
weitergebildet und zur Mitarbeit an den Schulen animiert werden. Dies
soll in Absprache mit den in Deutschland erscheinenden türkischen
Medien passieren. In der Türkischen Gemeinde in Deutschland sind
240 Vereine organisiert. Der Verband besteht seit 1995.
(Quelle: br-Radionachrichten)
Wissenschaft
Mars trocknete vor drei Milliarden Jahren aus
Sa.22.04.06 - Der Mars ist nach neuesten wissenschaftlichen Forschungen vor rund 3,5
Milliarden Jahren ausgetrocknet. Zuvor hätten dort feuchte
Bedingungen geherrscht, berichtete eine Gruppe internationaler
Wissenschaftler am Freitag im Wissenschaftsmagazin
«Science». Insgesamt könnten in der geologischen
Geschichte des Roten Planeten drei Zeitabschnitte unterschieden werden.
Die jüngste Phase dauere seit 3,5 Milliarden Jahren an. Die
zunehmend trockene und saure Umwelt war «kein angenehmer Ort
für jede Art von Leben, nicht einmal für eine Mikrobe»,
erklärte der US-Geologe John Mustard. An der Studie waren
Wissenschaftler aus Frankreich, Italien, Russland, den USA und
Deutschland beteiligt.
(Quelle: ap)