Aktuelle Nachrichten
Irak am sechshundertfünfundsechzigsten Tag nach Erlangung der formellen
Souveränität
Razzia alliierter Truppen in Beidschi. Fünf Tote bei
Mörserangriff nahe Grüner Zone in Bagdad
Mo.24.04.06 - Bei einer Razzia in der Ortschaft Beidschi haben amerikanische und
irakische Truppen haben am Sonntag rund 50 Verdächtige
festgenommen. Außerdem wurden Autos und Waffen beschlagnahmt, wie
die Polizei erklärte. Weitere Einzelheiten über die Razzia in
Beidschi, wo im Januar die deutschen Ingenieure Thomas Nitzschke und
Rene Bräunlich verschleppt wurden, waren nicht bekannt. Es gab
jedoch keine Hinweise, dass die Razzia in Zusammenhang mit der
Entführung stand. Bräunlich und Nitzschke waren vor fast drei
Monaten auf dem Weg zur Arbeit verschleppt worden. Die Ingenieure
sollten dort im Auftrag ihrer Firma eine Anlage zur Stickstoff-Erzeugung
in einer Raffinerie übergeben.
Bei Mörserangriffen nahe der stark gesicherten Grünen Zone in
Bagdad sind mindestens fünf Menschen getötet und zwölf
weitere verletzt worden. Nach Angaben von Augenzeugen schlugen die
Granaten unmittelbar neben einem Tor des Verteidigungsministeriums nur
wenige Meter vor der Einfahrt zur Sicherheitszone ein. Dort war das
Parlament gestern zusammengetreten und hatte die Weichen für die
Bildung einer neuen Regierung gestellt.
(Quellen: ap, dpa)
Blick ins Archiv:
Der Krieg gegen Irak begann am 20. März 2003
Knapp zwei Stunden nach Ablauf eines Ultimatums an den irakischen Staatschef
Hussein flog die US-Armee erste Luftangriffe auf Bagdad.
US-Präsident Bush hatte
Hussein eine Frist gesetzt, bis zwei Uhr Mitteleuropäischer Zeit das Land zu verlassen.
Der irakische Machthaber hatte zuvor bereits einen Gang ins Exil abgelehnt. Bush erklärte in
einer Fernsehansprache
(19.03.03 - 10:16 P.M. EST / 20.03.03 - 4:15 MEZ) , die erste Phase zur Entwaffnung des Irak sei eingeleitet
worden. Er habe angeordnet, ausgewählte militärische Ziele anzugreifen. Dies sei der Ausgangspunkt
für eine breit angelegte Aktion. Bush räumte ein, der Krieg könnte länger dauern und
schwieriger werden, als manche vorhersagten. Die USA und ihre Verbündeten wärden
alles versuchen, um unschuldige Zivilisten zu schonen....
Chronologie des Irak-Kriegs:
Teil 1: 20.03. bis 30.06.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3/irak_01.htm#news
Teil 2: 01.07. bis 31.10.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv4/irak_02.htm#news
Teil 3: 01.11. bis 31.12.2003
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv5/irak_03.htm#news
Teil 4: 01.01. bis 31.05.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_04.htm#news
Teil 5: 01.06. bis 31.10.2004
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_05.htm#news
Teil 6: 01.11. 2003 bis 24.04.2005
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/irak_06.htm#news
Vor einem Jahr:
Irak am dreihundertsten Tag nach Erlangung der formellen Souveränität
So.24.04.05 - Sunniten fordern acht Posten im irakischen Kabinett +++ Rund ein Dutzend
Tote bei Anschlägen im Irak +++ Kameramann von Associated Press bei
Kämpfen in Mossul getötet +++ Nach Auffassung des amerikanischen Heeresaufsichtsamts trifft den
früheren Befehlshaber der US-Bodentruppen im Irak keine Mitschuld
an der Misshandlung irakischer Gefangener im Gefängnis Abu Ghraib
bei Bagdad +++ Human rights watch will Ermittlungen gegen Rumsfeld...
Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv6/k0504240.htm#news
Zitate zur Begründung des Irak-Krieges:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_a
Auszüge aus Powells 'Beweisen' zum Irak vom 5. Februar 2003:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402040.htm#040204_b
... Lügen und Täuschungen, die in
London und Washington produziert wurden, verursachten den Tod von bis
zu 55.000 Irakern, unter ihnen 9.600 Zivilisten... John Pilger, ZNet 05.02.2004... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_b
Iraq Body Count:
http://www.iraqbodycount.net
Fr.29.10.04 - Einer Studie zufolge sind rund 100.000 Iraker an den Kriegsfolgen
gestorben. Die meisten Todesfälle gingen auf Gewalteinwirkung
zurück, nicht zuletzt durch Luftangriffe der Alliierten, wie es in
der Studie heißt, die auf der Website der renommierten
britischen Medizinzeitschrift «The Lancet» [http://www.thelancet.com]
veröffentlicht wurde... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv3\irak_k01.htm#bodycount
Sa.04.02.06 - Seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 sind mindestens 2.248
Angehörige der US-Streitkräfte ums Leben gekommen. Der weitaus
größte Teil kam erst nach dem offiziellen Ende der
Hauptkampfhandlungen am 1. Mai 2003 ums Leben.
Zur Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Iraker gibt es keine
verlässlichen Angaben.
(Quelle: ap)
«Kanonenfutter für das Pentagon»
... wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten?... Mehr unter:
http://www.boa-muenchen.org/boa-archiv2/k0402110.htm#040211_a
'Statt des Sohnes kam eine leere Hülle aus dem Irak zurück'
»Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, daß
unsere Familie wieder heil und glücklich ist, seit mein Sohn aus
dem Irak in ein ziviles Leben zurückgekehrt ist. Aber das ist
nicht der Fall. Mein Sohn ist 21 Jahre alt, er ist obdach- und
arbeitslos. Am 11. Januar (2006) hat er sein Auto in den frühen
Morgenstunden an einen Betonpfeiler gefahren. Niemand, der das Auto
sah, konnte sich vorstellen, daß er den Unfall überlebt hat.
Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Anruf bekam: Mein Sohn war
zurück aus dem Krieg, zurück in den Staaten. Ich sank
schluchzend zusammen und dankte dem Schöpfer dafür, daß
er am Leben war. Damals hatte ich keine Ahnung, daß alles, was da
aus dem Krieg zurückkehrte, nur eine Hülle war. Der Geist
meines Jungen und seine Seele müssen immer noch irgendwo in den
Straßen des Irak herumirren... «
Georgia Stillwell, Mitglied der Organisation »Military Families
Speak Out«... Mehr unter:
http://www.jungewelt.de/2006/02-10/056.php
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Afghanistan: Taliban liefern sich stundenlanges Feuergefecht mit
Soldaten
Mo.24.04.06 - Bei einem stundenlangen Feuergefecht mit Regierungstruppen sind am
Sonntag im Süden Afghanistans drei Kämpfer der Taliban ums
Leben gekommen. Der Gouverneur der Provinz Ghasni, Dadschi Scher Alam,
erklärte, die Sicherheitskräfte hätten ein Dorf umstellt,
in dem sich die Rebellen versteckt hätten. Auch ein Polizist sei
getötet worden. Der britische Verteidigungsminister John Reid
sagte bei einem Besuch in Kabul, die Offensive gegen die Taliban
müsse fortgesetzt werden, um ihre Rückkehr an die Macht zu
verhindern.
«Die größte Gefahr für das Volk in Afghanistan
und das Volk im Vereinigten Königreich wäre, wenn Afghanistan
je wieder unter die Herrschaft eines Taliban-Regimes geriete, das bereit
wäre, Al Kaida oder terroristische Gruppen zu
schützen», sagte Reid. Besonders in der Provinz Helmand sei
die Lage schwierig. Reid deutete an, die britischen Truppen würden
noch mindestens drei weitere Jahre in Afghanistan bleiben.
In der südafghanischen Provinz Kandahar überfielen
Taliban-Kämpfer eine Baufirma. Dabei sei ein Wachmann getötet
worden, zwei weitere seien verletzt worden, erklärte der Direktor
des Unternehmens. Die Angreifer hätten 14 Fahrzeuge in Brand
gesteckt und seien geflüchtet. Die Firma war nach eigenen Angaben
mit dem Bau einer 40 Kilometer langen Straße beauftragt. 25
Kilometer davon seien fertig gestellt.
Afghanische und US-Soldaten nahmen unterdessen in der Provinz Sabul 16
Taliban-Kämpfer fest. Afghanischen Militärangaben zufolge
wurden zwölf der Männer nach einem kurzen Gefecht am Samstag
im Bezirk Argandab gefasst. Weitere vier seien später im Bezirk
Nawbahar festgenommen worden, erklärte General Rahmattalluh Rufi
weiter.
Bei der Explosion eines am Straßenrand versteckten Sprengsatzes
kamen am Samstag vier kanadische Soldaten ums Leben. Sie befanden sich
nach Militärangaben auf einer Patrouille im Dorf Gomboth in
Kandahar. In der Provinz ist ein Großteil der 2.200 Soldaten
stationiert, die die kanadische Regierung 2002 nach Afghanistan
entsandte. Mindestens 16 Kanadier haben dort seither ihr Leben verloren.
Der afghanische Präsident Hamid Karsai warf nicht näher
genannten Ausländern vor, die Aufständischen in seinem Land zu
unterstützen. Feinde Afghanistans töteten Unschuldige, sagte
Karsai bei einem Besuch in der Provinz Badghis im Westen des Landes.
Die afghanische Regierung hat das Nachbarland Pakistan mehrfach
aufgefordert, entschlossener gegen Kämpfer der Taliban und der Al
Kaida auf pakistanischer Seite der Grenze vorzugehen.
(Quelle: ap)
Nahost-Konflikt
Neuerliche Gefechte zwischen Hamas und Fatah
Mo.24.04.06 - Ungeachtet aller Appelle zur Mäßigung ist es am Sonntag
erneut zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern der
Hamas-Bewegung und der Fatah von Präsident Mahmud Abbas gekommen.
Bewaffnete beider Seiten lieferten sich vor dem Gesundheitsministerium
in Gaza ein Feuergefecht, bei dem drei Menschen verletzt wurden, wie
palästinensische Sicherheitskräfte erklärten. Zuvor
hatten die Führungsspitzen von Hamas und Fatah versichert, sie
wollten den Machtkampf der vergangenen Tage nicht weiter eskalieren
lassen.
Mitglieder der Fatah verlangten in Gaza zunächst ein Gespräch
mit Gesundheitsminister Bassem Naim von der Hamas. Dieser fühlte
sich offenbar bedroht und forderte Hamas-Aktivisten zu seinem Schutz
an. Daraufhin fielen die ersten Schüsse. Die palästinensische
Polizei umstellte das Gebäude, während die Männer im
Inneren auf die Beamten feuerten. Einen Tag zuvor hatte Naim
erklärt, er habe das monatliche Budget der
Gesundheitsfürsorge um zwei Millionen Dollar kürzen
müssen. Betroffen seien Zahlungen an Patienten für
Behandlungen im Ausland. Die Autonomiebehörde ist praktisch
zahlungsunfähig, seitdem USA und EU im vergangenen Monat ihre
Finanzhilfen einstellten.
Dazu äußerte sich auch der Terroristenführer Osama bin
Laden, von dem erstmals seit einem Vierteljahr wieder eine
Tonbandbotschaft verbreitet wurde. Darin erklärte der Sprecher,
die Einstellung der Finanzhilfen an die palästinensische
Autonomiebehörde beweise, dass sich die USA und Europa im Krieg
mit dem Islam befänden. Der Westen unterstütze einen
«Krieg zionistischer Kreuzritter gegen die Muslime». Der
Sprecher rief alle Muslime zu einem Boykott amerikanischer Produkte
auf. Die Echtheit des Bandes konnte zunächst nicht von
unabhängiger Seite bestätigt werden.
Kämpfer von Hamas und Fatah hatten sich bereits am Samstag in Gaza
stundenlange Feuergefechte geliefert. Auslöser der Gewalt war ein
Verratsvorwurf des politischen Hamas-Führers Chaled Maschaal gegen
Abbas, der sein Veto gegen die Ernennung eines bekannten Extremisten
zum Chef eines neuen Sicherheitsdienstes eingelegt hat. Ohne Abbas
namentlich zu nennen, kritisierte Maschaal, dass sich selbst
«Söhne unseres Volkes» gegen die Interessen der
Palästinenser verschworen hätten. Der Präsident hatte am
Freitag Dschamal Abu Samhadana, den Chef des Komitees des
Volkswiderstands, als neuen Sicherheitschef abgelehnt.
Die Ernennung löste in Israel Forderungen nach gezielten Angriffen
auf Mitglieder der palästinensischen Regierung aus. Samhadana
steht dort auf Platz zwei der meist gesuchten palästinensischen
Extremisten. Er selbst sagte dem Londoner «Sunday
Telegraph», sein Sicherheitsdienst werde den «Nukleus der
künftigen palästinensischen Streitkräfte» bilden.
«Wir haben einen Feind», sagte Samhadana. «Das sind
Juden. Ich werde weiterhin eine Waffe tragen und wenn nötig
abdrücken, um mein Volk zu verteidigen.» Der neue
Sicherheitsdienst würde in Konkurrenz zu den übrigen
Ordnungskräften stehen, die alle der direkten Kontrolle von Abbas
unterstehen.
Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert erklärte
während einer Kabinettssitzung, der Anschlag in Tel Aviv am
vergangenen Montag haben die Transformation der Autonomiebehörde
in eine Terrorregierung abgeschlossen. «Die internationale
Gemeinschaft wird nun verstehen, dass wir keinen Partner haben»,
sagte Olmert laut Teilnehmern der Sitzung.
Ägypten will die Friedensverhandlungen dennoch wieder in Gang
bringen. Präsident Husni Mubarak will in Kürze ein Treffen
zwischen Olmert und Abbas in Kairo arrangieren, wie Außenminister
Ahmed Abul Gheit mitteilte.
(Quelle: ap)
Palästinenserpräsident Abbas wirbt in Ankara und Europa
für Unterstützung
Mo.24.04.06 - Angesichts der zunehmenden internationalen Isolierung der
radikalislamischen Palästinenserregierung der Hamas brach
Palästinenserpräsident Mahmud Abbas am Sonntag zu einer
Rundreise durch mehrere Staaten auf, bei der er um Unterstützung
werben will. Zunächst macht Abbas Station beim türkischen
Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Am Dienstag will er nach
Oslo, am Mittwoch nach Helsinki und am Donnerstag nach Paris
weiterreisen.
Die von europäischen Staaten gestoppten Finanzhilfen könnten
nach Ansicht von Abbas direkt an sein Präsidialamt gezahlt werden,
wenn die Hamas-Regierung umgangen werden soll. Abbas will in Europa auch
die Argumente gegen Planungen des israelischen Ministerpräsidenten
Ehud Olmert für eine einseitige Festlegung der Grenze zum
Westjordanland deutlich machen.
(Quelle: afp)
Afrikanische Union will Einigung im Darfur-Konflikt bis Ende April
Mo.24.04.06 - Die Afrikanische Union (AU) will ihre Vermittlertätigkeit im
Darfur-Konflikt am kommenden Sonntag einstellen, sollten sich die
sudanesische Regierung und die Rebellen nicht einigen. Sprecher Sam
Ibok erklärte, die AU werde die Gespräche am 30. April
beenden, «wenn es keine Anzeichen gibt, dass eine Abmachung
möglich ist». Beiden Seiten solle in dieser Woche ein
Entwurf für eine Einigung vorgelegt werden. Das Papier enthalte
«einen gerechten und akzeptablen Kompromiss», sagte Ibok am
Sonntag in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Die seit drei Jahren
anhaltende Gewalt in der westsudanesischen Region Darfur hat bislang
rund 180.000 Menschen das Leben gekostet, zwei Millionen wurden zu
Flüchtlingen.
(Quelle: ap)
Rebellen in Nepal greifen Regierungsgebäude an
Mo.24.04.06 - Die Rebellen in Nepal haben in der Nacht zum Montag mehrere
Gebäude der Regierung und der Sicherheitskräfte angegriffen,
wie ein Behördensprecher mitteilte. Verletzt wurde bei den
Übergriffen in Chautara 120 Kilometer nordöstlich der
Hauptstadt Kathmandu den Angaben zufolge niemand. Ziel der Angreifer
waren Stützpunkte von Streitkräften und der Polizei, ein
Verwaltungsgebäude und das örtliche Gefängnis sowie ein
Fernmeldeturm. In der gesamten Region seien die Telefonverbindungen
ausgefallen, sagte der Gewährsmann. Die kommunistischen Rebellen
kämpfen seit 1996 gegen die Monarchie in Nepal. Dabei kamen
bislang mehr als 13.000 Menschen ums Leben.
(Quelle: ap)
Sozialliberale Regierung gewinnt Parlamentswahl in Ungarn
Mo.24.04.06 - Aus der Parlamentswahl in Ungarn ist die sozialliberale
Koalitionsregierung von Ministerpräsident Ference Gyurcsany als
klarer Sieger hervorgegangen. Nach Auszählung von mehr als 98
Prozent der Stimmbezirke nach der zweiten Abstimmungsrunde am Sonntag
kam das Regierungsbündnis aus Sozialisten und Liberalen auf 210
der 386 Mandate, wie die Wahlkommission mitteilte.
Die oppositionelle konservative Bürgerunion Fidesz erreichte
gemeinsam mit ihrem potenziellen Koalitionspartner, dem Ungarischen
Demokratischen Forum, der amtlichen Hochrechnung zufolge 175 Sitze. Ein
weiteres Mandat geht an einen unabhängigen Kandidaten.
Die Sozialisten und ihr Koalitionspartner, die Allianz Freier
Demokraten, konnten ihren Vorsprung gegenüber der ersten Runde der
Parlamentswahl am 9. April ausbauen. Das Regierungslager hatte damals
113 Mandate gewonnen, die beiden Oppositionsparteien zusammen 99.
Insgesamt 174 der 386 Sitze waren vakant geblieben, weil keiner der
Kandidaten die erforderliche Mehrheit erhielt. Die Regierungskoalition
verfügt im neuen Parlament nun über voraussichtlich
zwölf Sitze mehr als bisher.
Ministerpräsident Gyurcsany von der Sozialistischen Partei
erklärte sich am Sonntagabend zum Wahlsieger. Zuvor hatte bereits
Oppositionsführer Viktor Orban von der Fidesz seine Niederlage
eingeräumt. Die Wahlbeteiligung lag nach offiziellen Angaben am
Sonntag bei 64,3 Prozent; bei der ersten Runde vor zwei Wochen waren
67,8 Prozent der Stimmberechtigten zur Wahl gegangen.
Der 44-jährige Gyurcsany führt die Regierung seit September
2004. Er folgte damals Peter Medgyessy, der von der eigenen Koalition
zum Rücktritt gedrängt worden war.
(Quelle: ap)
Italien: Prodis Wahlsieg ist jetzt amtlich
Mo.24.04.06 - Der Wahlsieg des bisherigen italienischen Oppositionschefs Romano Prodi
ist jetzt amtlich. Das Kassationsgericht in Rom bestätigte am
Samstag die Mehrheit des Mitte-links-Bündnisses auch in der zweiten
Parlamentskammer in Rom, dem Senat. Demnach verfügt Prodis Lager
im Oberhaus über eine Mehrheit von zwei Sitzen.
Nach der Parlamentswahl vom 9. und 10. April waren zuletzt noch die
Stimmen der im Ausland lebenden Italiener umstritten. Die
zuständige Kammer des Kassationsgerichts bestätigte jedoch,
die Auslandsstimmen hätten vier Mandate für Prodis
Bündnis ergeben. Dieses kam auf insgesamt 158 Mandate im Senat.
Das Lager von Ministerpräsident Silvio Berlusconi erhielt nur ein
Mandat und damit 156 Sitze. Ein weiteres Mandat ging an einen
parteilosen Kandidaten. Es war das erste Mal, dass sich außerhalb
Italiens lebende italienische Staatsbürger an der Parlamentswahl
beteiligen durften.
Bereits am Mittwoch hatte das Kassationsgericht die knappe Mehrheit
Prodis in der Abgeordnetenkammer bestätigt. Berlusconi hat seine
Niederlage aber immer noch nicht eingestanden. Am Freitag sprach er
jedoch erstmals von seinem «Rücktritt» und von einer
Regierung Prodi - allerdings nur um zu erklären, dass diese zum
Scheitern verurteilt sei.
Ein Anwalt und Parteifreund Berlusconis, Niccolo Ghedini, kündigte
am Samstag an, der Ministerpräsident werde alle rechtlichen Mittel
ausschöpfen, um das Wahlergebnis anzufechten. «Wir machen
weiter, weil wir glauben, dass es das Recht aller Italiener ist zu
wissen, wer die Wahlen wirklich gewonnen hat», sagte Ghedini laut
einer Meldung der Nachrichtenagentur ANSA.
Prodi erklärte am Sonntag, Berlusconis Weigerung, das Ergebnis
anzuerkennen, sei «nicht mein Problem, sondern seines». Vor
Journalisten in seiner Heimatstadt Bologna zeigte sich Prodi
entschlossen, eine volle fünfjährige Amtszeit lang zu
regieren. In Italien hatten in der Vergangenheit nur wenige Regierungen
fünf Jahre lang Bestand.
Zuvor hatte sich ein erster Zwist in Prodis Mitte-links-Koalition von
selbst gelöst. Nachdem zunächst die Demokraten und die
Kommunisten Anspruch auf den Posten des Parlamentspräsidenten
erhoben hatten, verzichtete am Freitagabend der Vorsitzende der
Demokraten, Massimo D'Alema, auf eine Kandidatur.
Ein Festhalten an der Kandidatur würde schmerzliche Wunden
reißen und die künftige Regierung schwächen,
erklärte D'Alema laut Berichten italienischer Nachrichtenagenturen.
Prodi dankte ihm für eine «Geste großer
Verantwortlichkeit». Die Kommunisten wollen nun ihren Parteichef
Fausto Bertinotti für das Amt des Parlamentspräsidenten
vorschlagen, das dritthöchste Amt in Italien.
(Quelle: ap)
Deutschland
Breite Kritik an geplanter Mehrwertsteuererhöhung
Mo.24.04.06 - Die von der Bundesregierung fürs kommende Jahr geplante
Mehrwertsteuererhöhung um drei Prozentpunkte wird von Politikern
und Wirtschaftsexperten in Frage gestellt. Als erster Politiker aus dem
Regierungslager forderte der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister
Dietrich Austermann (CDU) eine Korrektur der Pläne. Nach einer
Prognose der Dresdner Bank würde Deutschland im kommenden Jahr
auch ohne Mehrwertsteuererhöhung deutlich unter der Defizit-Grenze
des Euro-Stabilitätspakts bleiben. Auch die Opposition warnte die
Bundesregierung vor einer Anhebung der Verbrauchssteuer.
"Höhere Steuern sind immer der einfachste, aber auch der
schlechteste Weg, um die öffentlichen Kassen zu sanieren", sagte
Austermann der "Bild am Sonntag". Sie dämpften das Wachstum und
förderten die Schwarzarbeit. Es spreche "einiges dafür,
zumindest auf den dritten Punkt der Mehrwertsteuererhöhung zu
verzichten". Er rate zum Sparen: Die Explosion der Kosten bei Hartz IV
von 14 auf 28 Milliarden Euro binnen eines Jahres sei nicht hinzunehmen.
Allein hier könnten leicht acht Milliarden Euro gestrichen werden.
Rolf Schneider, Leiter Volkswirtschaft der Dresdner Bank, sagte der
Zeitung, durch die kräftigere Konjunkturentwicklung würden im
laufenden Jahr "erheblich mehr" Steuern eingenommen. Daher werde das
Haushaltsdefizit voraussichtlich 2,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts
betragen. Im kommenden Jahr werde das Defizit auch ohne eine Anhebung
der Mehrwertsteuer auf 2,4 Prozent zurückgehen. Zur Erfüllung
des Maastricht-Kriteriums sei die Mehrwertsteuererhöhung daher "gar
nicht notwendig".
Die Maastricht-Grenze könne wegen der gut laufenden Wirtschaft
schon im laufenden Jahr eingehalten werden, sagte auch
Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn dem Blatt. "Doch Frau Merkel geht
den bequemen Weg der Steuererhöhung. Damit wird sie 2007 die
Konjunktur abmurksen." Ähnlich äußerte sich der
FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle.
Bisher nimmt die Bundesregierung an, dass Deutschland in diesem Jahr
den Euro-Stabilitätspakt zum fünften Mal in Folge verletzt und
im kommenden Jahr vor allem dank der geplanten
Mehrwertsteuererhöhung unter der Drei-Prozent-Grenze bleibt. "Bei
steigenden Steuereinnahmen an der Erhöhung der Mehrwertsteuer
festhalten zu wollen, ist der schlichte Wahnsinn", warnte der
Präsident des Bundes der Steuerzahler, Karl Heinz Däke.
(Quelle: afp)
Unzufriedenheit im Arbeitgeberlager zu Metall-Abschluss
Mo.24.04.06 - Die Tarifeinigung im Metallstreit in Nordrhein-Westfalen ist im
Arbeitgeberlager auf Skepsis gestoßen. Dennoch zeichnete sich am
Sonntag eine Übernahme der Einigung für die bundesweit 3,4
Millionen Beschäftigten ab.
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt nannte die Einigung am
Wochenende eine schwer verkraftbare Belastung für viele Firmen. Sie
gehe wesentlich über das hinaus, was beschäftigungspolitisch
erforderlich sei. Nach Ansicht des Hauptgeschäftsführers des
Verbands des Maschinen und Anlagenbaus (VDMA), Hannes Hesse, handelt es
sich langfristig um einen Abschluss, der Arbeitsplätze vernichten
wird. Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) äußerte
sich skeptisch. Es sei zwar ein Schritt in Richtung Differenzierung
zwischen den Betrieben getan worden, sagte VDA-Präsident Bernd
Gottschalk. "Allerdings wurde er mit einer Lohnerhöhung erkauft,
die der Wettbewerbsfähigkeit und der Stärkung des Standortes
Deutschland keine Impulse liefern kann." Kanzlerin Angela Merkel lobte
hingegen die Einigung als zeitgemäß. IG-Metall-Chef
Jürgen Peters sprach von einem Abschluss mit Augenmaß.
Nach 18-stündigem Verhandlungsmarathon hatten sich die Parteien am
Samstag in Düsseldorf auf eine Lohnerhöhung von drei Prozent
über zehn Monate verständigt und damit einen Streik in letzter
Minute abgewendet. Die IG Metall stimmte zudem der von den Arbeitgebern
geforderten Koppelung von Einmalzahlungen für die
Beschäftigten an die Lage der Betriebe zu. Die Zahlung kann nach
oben oder unten abweichen. Sie beträgt für die Monate
März, April und Mai insgesamt 310 Euro und kann mit Zustimmung der
Betriebsparteien bei einer schlechten Lage des Unternehmens auf Null
gesenkt, bei einer guten Entwicklung aber auch verdoppelt werden.
Ergänzend wurden Qualifizierungsmaßnahmen und die Umwandlung
von vermögenswirksamen Leistungen (VWL) in einen so genannten
Rentenbaustein vereinbart. Die Arbeitgeber ließen erkennen, dass
zahlreiche Betriebe die Regelung zum Wegfall der Einmalzahlungen in
Anspruch nehmen wollten.
Gefährdet war der Abschluss am Samstagabend noch durch die
umstrittene Regelung der so genannten Steinkühler-Pause im Bezirk
Nordwürttemberg-Nordbaden. Auch hier konnte aber eine Einigung
erzielt werden. Die vor 33 Jahren per Streik errungene Pause von
fünf Minuten pro bezahlter Arbeitsstunde plus dreiminütigen
Toilettengangs bleibt nun im Prinzip erhalten, wird künftig aber
nur von extrem belasteten Arbeitern in Anspruch genommen werden
können.
Peters sprach mit Blick auf den Lohn- und Gehaltstarifvertrag von einem
"Kompromiss mit Augenmaß", bei dem es weder Sieger noch Besiegte
gebe. Er gehe davon aus, dass der nordrhein-westfälische Abschluss
von den anderen Bezirken übernommen werde. "Damit ist ein Streik
ausgeschlossen."
Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser betonte für das
Arbeitgeberlager, die Unternehmer seien mit dem Abschluss an den "oberen
Rand des wirtschaftlich Möglichen unserer Betriebe gegangen". Der
Kompromiss zeige aber auch, dass die Tarifparteien Ergebnisse finden
könnten, ohne Konflikte eskalieren zu lassen.
VDMA-Hauptgeschäftsführer Hesse kritisierte hingegen, die
Erhöhung der Löhne falle zu stark aus. "Das ist ein schlechter
Abschluss für die Industrie", sagte er Reuters. "Was wir uns
gewünscht hätten, wäre ein niedrigerer Abschluss
für die Fläche und Möglichkeiten für Zuschläge
für Unternehmen, die gut verdienen", sagte er. Es werde nicht nur
zu Verlagerungen ins Ausland kommen. Vor allem kleine Unternehmen
würden sich überlegen, ob sie angesichts der steigenden
Personalkosten noch expandieren könnten. "Langfristig ist das ein
Abschluss gegen die Arbeitsplätze." In zahlreichen Tarifbezirken
signalisierten IG Metall und Arbeitgeber, dass sie die Einigung
übernehmen wollten.
Kanzlerin Merkel begrüße es, dass ein Arbeitskampf
abgewendet werden konnte, sagte ein Regierungssprecher in Berlin. Mit
dem Einstieg in eine ertragsabhängige Komponente durch
Einmalzahlungen werde zudem "ein zeitgemäßer Ansatz
verfolgt". Ferner sei es gut, dass über vermögenswirksame
Leistungen ein Rentenbaustein gebildet werden solle.
(Quelle: rtr)
VW-Betriebsrat signalisiert Bereitschaft zu längerer Arbeitszeit
Mo.24.04.06 - Der VW-Betriebsrat ist bereit, über längere Arbeitszeiten in
den westdeutschen Werken zu verhandeln, will dabei aber
Arbeitsplatzverluste vermeiden.
"Wenn es um eine Verlängerung der Arbeitszeit gehen sollte, dann
wird sich keiner von euch im Interesse der gemeinsamen Zukunftssicherung
verschließen. Aber nicht ohne Gegenleistung und schon gar nicht,
wenn andere dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren", schrieb
Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh in einem Brief an die Mitarbeiter
von VW, der der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt. Bei VW wird
derzeit an vier Tagen pro Woche 28,8 Stunden gearbeitet. VW will die
Arbeitszeiten offenbar auf bis zu 35 Stunden verlängern, um die
Ertragsprobleme bei der Kernmarke zu lösen.
Osterloh räumt in dem Brief "erheblichen Handlungsbedarf" ein,
"damit dieser Konzern nachhaltig wettbewerbsfähig wird". Das Ziel
einer Verbesserung von Qualität, Kosten und Vertrieb sei "absolut
unstrittig", auch den Mitarbeitern sei aus dem Alltag "klar, dass bei
Volkswagen auf jeden Fall etwas passieren muss". Gleichwohl würden
bei den anstehenden Verhandlungen über die Sanierung die Interessen
der Aktionäre und der Mitarbeiter "definitiv kollidieren". Die
Maßnahmen dürften nicht einseitig zu Lasten der
Beschäftigten gehen. VW-Chef Bernd Pischetsrieder hatte davon
gesprochen, dass 20.000 der rund 100.000 Mitarbeiter in den
westdeutschen Werken von den Einschnitten betroffen sein würden,
den Umfang von Stellenstreichungen aber offen gelassen.
Osterloh verteidigte die Weigerung der Arbeitnehmervertreter im
Aufsichtsrat, vorzeitig über eine Verlängerung des Vertrages
für Pischetsrieder über 2007 hinaus zu sprechen: "Wir wollten
wissen, wohin der Zug fährt, ehe wir euch dem Zugführer
anvertrauen", schrieb er der Belegschaft. Pischetsrieder habe auf der
Sitzung erst seine Strategie präsentieren sollen. Das Verhalten der
Arbeitnehmer-Aufsichtsräte habe nichts zu tun mit Bremsen oder
Blockieren. Nun seien in Kürze die Forderungen des Vorstands zu
erwarten.
(Quelle: rtr)
Tatverdacht bei Potsdamer Überfall erhärtet
Mo.24.04.06 - Der Tatverdacht gegen die beiden im Zusammenhang mit dem Potsdamer
Überfall Festgenommenen hat sich erhärtet. Generalbundesanwalt
Kay Nehm teilte am Sonntag mit, nach dem Ergebnis der ersten
molekulargenetischen Untersuchung komme der Beschuldigte Thomas M.
für das am Tatort an diversen Bierflaschen-Glassplittern
sichergestellte DNA-Material neben dem Geschädigten als Spurenleger
in Betracht. Weitere Untersuchungen seien in Auftrag gegeben.
Nach dem Ergebnis der kriminaltechnischen Untersuchung der
Stimmaufzeichnungen sei zudem der zweite Beschuldigte Björn L.
wahrscheinlich einer der Sprecher des auf einer Telefon-Mailbox
aufgezeichneten Gesprächsteils, erklärte Nehm. Dessen Anwalt
hatte erklärt, sein Mandant komme nicht als Tatverdächtiger in
Frage, da er wegen einer Kehlkopfentzündung nur krächzen
könne.
Der Generalbundesanwalt verwies zudem ausdrücklich auf seine
Zuständigkeit bei dem Fall. Seine Entscheidung, das Verfahren zu
übernehmen, richte sich allein nach den Vorschriften des
Gerichtsverfassungsgesetzes. «Politische Aspekte und Fragen der
Qualität haben bei der Beurteilung dieser Rechtsfrage keine Rolle
gespielt», betonte Nehm. Der brandenburgische Innenminister
Jörg Schönbohm hatte die Übernahme der Ermittlungen durch
die Bundesanwaltschaft kritisiert und hatte Nehm vorgeworfen,
erheblichen politischen Schaden angerichtet zu haben.
(Quelle: ap)
Schönbohm brüskiert KZ-Überlebende
Mo.24.04.06 - Der Brandenburger Innenminister Jörg Schönbohm hat bei einer
Gedenkveranstaltung zum 61. Jahrestag der Befreiung des
NS-Konzentrationslagers Sachsenhausen ehemalige KZ-Häftlinge
brüskiert. Vor etwa 50 Überlebenden sagte der CDU-Politiker
am Sonntag in Oranienburg bei Berlin, er gedenke ausdrücklich auch
der Insassen des sowjetischen Straflagers nach 1945. Das Internationale
Sachsenhausen-Komitee nannte die Äußerung «eine
Unverschämtheit».
Bis 1950 hatte die Rote Armee auf einem Teil des vorherigen
KZ-Geländes vor allem kleine und mittlere NS-Funktionsträger,
aber auch Gegner des Stalinismus inhaftiert, etwa 12.000 von ihnen
starben.
Schönbohm erklärte: «Wir sagen, wir wollen aller
gedenken, die hier gelitten haben.» Später erklärte er
mit Blick auf die NS-Verbrechen: «So grausam wie Geschichte ist,
so kann sie doch auch heilsam sein.» Die Auseinandersetzung damit
könne zur nationalen Identitätsstiftung beitragen. Der
CDU-Politiker erwähnte auch den rassistischen Überfall auf
einen Deutsch-Äthiopier am Ostersonntag in Potsdam. «Mag
auch die Zahl fremdenfeindlicher Überfälle in Deutschland
nicht so hoch sein wie in anderen Ländern, so ist doch jeder Fall
einer zu viel», erklärte er. «Dass wir mit solchen
Taten in den neuen Ländern zum Teil stärker konfrontiert sind
als in der alten Bundesrepublik, ist ein Zeichen der
Systembrüche.»
Der Generalsekretär des Internationalen Sachsenhausen-Komitees,
Hans Rentmeister, nannte diese Teile der Rede deplatziert. «Der
Brandenburger Innenminister hat vergessen, dass er hier vor
internationalem Publikum spricht. Die ideologisch geprägte
Gleichsetzung setzt die Mörder auf eine Stufe mit unseren
Kameraden», kritisierte er. Noch während der
Gedenkveranstaltung hatte Rentmeister gegen Schönbohms Aussagen
protestiert. Nach unterschiedlicher Historikerauffassung seien 20 bis
80 Prozent der Häftlinge nach 1945 «die Mörder,
Peiniger und Quäler unserer Kameraden» gewesen. «Hier
werden wir diese nicht mit ehren, das ist zu viel verlangt»,
sagte er.
Gedenkstättenleiter Günter Morsch, der sich als Vermittler
der verschiedenen Häftlingsgruppen sieht, kritisierte die
Polarisierung während der Veranstaltung. «Im Rahmen einer
solchen Gedenkveranstaltung finde ich jede Auseinandersetzung nicht
hilfreich», sagte er. Der Austausch von Argumenten sei an solcher
Stelle unmöglich.
Zuvor hatten Überlebende aus 18 Ländern mit Blick auf die
aussterbenden Zeitzeugen nachfolgende Generationen beauftragt, die
Erinnerungen wach zu halten. Dazu unterschrieben sie ein
Vermächtnis und übergaben es symbolisch an Jüngere.
«Wir beauftragen unsere Vertreter und Nachfolger, in unserem
Namen allen Erscheinungen von Faschismus, Militarismus, Rassismus und
Antisemitismus, jedweder Unterdrückung und Ausgrenzung von
sozialen Gruppen oder Einzelpersonen auf Grund ihrer Weltanschauung,
ihres Glaubens oder ihrer Herkunft entschlossen entgegen zu
treten», heißt es darin.
Das KZ Sachsenhausen war am 22. April 1945 von russischen und
polnischen Einheiten der Roten Armee befreit worden. Mehr als 200.000
Menschen waren zwischen 1936 und 1945 dort eingesperrt, zehntausende
wurden ermordet oder starben an unmenschlichen Haftbedingungen.
Nach 1945 hatte die Rote Armee auf einem Teil des Geländes etwa
60.000 Menschen interniert, der Gedenkstätte zufolge vor allem
kleine und mittlere NS-Systemträger. Unter den Insassen waren aber
auch Häftlinge, die im Rahmen stalinistischer Säuberungen
festgenommen worden waren. Etwa 12.000 Menschen kamen bis 1950 ums
Leben. Über sie informiert eine Ausstellung an der
Außenmauer des früheren Konzentrationslagers,
regelmäßig erinnert die Gedenkstätte mit
Veranstaltungen auch an deren Schicksal.
(Quelle: ap)